Datum: 24.03.2026

„Liebesbetrüger“ erbeuten mindestens 50 Millionen Euro

Durch Love-Scam haben Betroffene in Deutschland im Jahr 2024 mindestens 50 Millionen Euro verloren. Das geht aus einer Umfrage des WEISSER RING Magazins bei allen 16 Landeskriminalämtern hervor.

Love-Scam ist der Heiratsschwindel des digitalen Zeitalters: Betrüger bauen auf Dating-Plattformen, in sozialen Netzwerken oder per E-Mail Vertrauen auf, sprechen von Gefühlen, spielen dann eine Notlage vor und drängen ihre Opfer zu Überweisungen. Der Länderumfrage zufolge betrug der Schaden durch Love-Scams im Jahr 2024 allein in Baden-Württemberg rund 18 Millionen Euro. Sachsen-Anhalt meldete für das Jahr Verluste in Höhe von insgesamt 1,6 Millionen Euro, im Jahr 2020 waren es noch knapp 786.000 Euro. In Mecklenburg-Vorpommern wuchs der registrierte Schaden von rund 330.000 Euro im Jahr 2022 auf mehr als 2,1 Millionen Euro in 2024. Online-Liebesbetrug war in dem Bundesland die ertragreichste Masche aller polizeilich registrierten Trickbetrügereien.

Fallzahlen und Schadenssummen steigen

Auch die Fallzahlen steigen: In Sachsen-Anhalt hat sich die Zahl der erfassten Love-Scams seit 2020 mehr als verdoppelt, von 71 auf 153. In Berlin gab es 2024 insgesamt 433 angezeigte Taten mit einem gemeldeten Schaden von rund 5,62 Millionen Euro, ein Jahr später waren es 560 Fälle mit einem Schaden von 5,68 Millionen Euro. In Hessen stieg die Zahl von 34 im Jahr 2019 auf 52 im Jahr 2024. Zahlen für 2025 liegen noch nicht vor.

Die fortschreitende Digitalisierung führt dazu, dass sich immer größere Teile des sozialen Lebens in den digitalen Raum verlagern, wo die Täter ihre Opfer suchen. Künstliche Intelligenz ermöglicht es ihnen, unzählige Konversationen gleichzeitig zu führen, die sprachlich glaubwürdiger wirken als früher. Das LKA Berlin schreibt zudem, dass verstärkte Prävention und Aufklärung über die Betrugsmasche die Anzeigenbereitschaft von Betroffenen gesteigert haben könnte.

Bis auf Bayern, Bremen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und das Saarland haben alle Landeskriminalämter Daten bereitgestellt. Die Zahlen geben Hinweise auf die Dimension von Love-Scam. Allerdings sind sie nicht als abschließend zu werten. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) nimmt keine detaillierte Aufschlüsselung nach dem Modus Operandi vor. Manche Polizeibehörden markieren intern Fallmerkmale, andere nicht. Darüber hinaus ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, da Scham viele Opfer davon abhält, Anzeige zu erstatten.

Schwerpunkt zu Cyberkriminalität

Die Umfrage ist Teil der Titelgeschichte der neuen Ausgabe des WEISSER RING Magazins, die Ende März erscheint. Der Schwerpunkt befasst sich mit Cyberkriminalität. Christian Rossow, Professor für IT-Sicherheit und leitender Wissenschaftler am CISPA Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit, sagte dem Magazin: „Wir beobachten seit Jahren eine zunehmende Professionalisierung und Spezialisierung der Cyberkriminalität. Angriffe sind weniger zufällig, sondern zunehmend zielgerichtet, wirtschaftlich motiviert und arbeitsteilig organisiert.“ Wie das BKA auf Anfrage mitteilte, bleibt Ransomware „die prägende Bedrohung im Cyberraum und verursacht weiterhin erhebliche Schäden bei Unternehmen und Privatpersonen.“ Ransomware verschlüsselt Dateien oder sperrt den ganzen Rechner. Die Täter fordern anschließend Geld, damit Betroffene wieder an ihre Daten kommen. Jeden Tag werden in Deutschland zwei bis drei schwere Ransomware-Angriffe angezeigt. Sie können Unternehmen in ihrer Existenz bedrohen, die öffentliche Verwaltung lahmlegen oder die Patientenversorgung in Kliniken gefährden.

Auch digitaler Anlagebetrug nimmt zu

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht warnt darüber hinaus eindringlich vor Anlagebetrug über WhatsApp und Telegram: „Wir sehen vor allem im Onlinebetrug eine Zunahme über Messengerdienste“, sagte ein Sprecher der Behörde. Kriminelle locken mit Anzeigen auf Plattformen in WhatsApp- und Telegram-Gruppen – mit Versprechen von kostenlosen Aktienempfehlungen und Börsenwissen. Über Fake-Apps, auf denen Kurs-Charts blinken, gaukeln sie dann hohe Gewinne vor und animieren Opfer zu weiteren Investitionen.

Professionell wirkende Fake Shops locken derweil mit Sonderangeboten und drängen zur Vorkasse. „Geliefert wird dann entweder gar nicht oder nicht in der versprochenen Qualität“, sagte Dennis Romberg, der das Team Marktbeobachtung Digitales beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) leitet. Zwischen Januar und November 2025 wurden in den Verbraucherzentralen mehr als 20.000 Beschwerden zum Thema Betrug erfasst – ein Plus von 42 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Während die Bedrohungen im digitalen Raum rasant zunehmen, stellt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) eine „wachsende digitale Sorglosigkeit“ fest. Vielen Menschen fehle aufgrund einer Art Gewöhnung das Bewusstsein, dass sie attraktive Ziele für Cyberangriffe sind. „Damit werden sie für Angreifer zur leichten Beute“, warnt Nora Kluger vom BSI.

Künstliche Intelligenz verschärft Gefahr

Gleichzeitig nutzen Cyberkriminelle inzwischen ein mächtiges Werkzeug: Künstliche Intelligenz (KI). Mit generativer KI werden nach Angaben des BSI zum Beispiel Anleitungen erstellt, wie ein Ziel besonders gut angegriffen werden kann oder wie man Schadsoftware optimiert, damit sie von Virenscannern weniger leicht erkannt wird. Und seit der Einführung von ChatGPT und anderen generativen KI-Werkzeugen sind die Zeiten vorbei, in denen man Phishing-Mails an ihrer fehlerhaften Sprache erkennen konnte.

Jana Ringwald, Oberstaatsanwältin bei der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main, sagte: „Attacken kosten Unternehmen unglaublich viel Geld. Am teuersten sind nicht mal die Erpressungssummen, sondern die Folgekosten: Der Betrieb steht länger still, eventuell muss eine neue Server-Struktur her, und wenn Kundendaten betroffen sind, drohen Schadenersatz und ein großer Vertrauensverlust.“ Im Gegensatz zu den finanziellen Folgen würden die psychologischen kaum diskutiert: „Geschäftsführer berichten nach einem Cyberangriff oft, es sei das Schlimmste, was sie je erlebt hätten, auch weil sie das Ereignis nicht ,greifen‘ können. Jemand hat einen Anhang angeklickt und jetzt steht alles still. Dazu die Ungewissheit bei allen: Wie schlimm ist es?“

Internationale Tätergruppen gehen anonym und arbeitsteilig vor

Oberstaatsanwältin Ringwald berichtete, dass sich die Täter „einander gar nicht genau kennen wollen und auch nicht müssen“. Sie nutzen mehrere verschlüsselte Kommunikationsformen. Es handelt sich um lose, internationale Verbünde: „Cyberkriminalität kennt keine Grenzen.“ Diese anonymen, professionellen und dezentralen Zusammenschlüsse auf Zeit stellen Ermittelnde vor große Herausforderungen: Es ist schwierig zu sagen, wer zu welchem Zeitpunkt welche Tat begangen hat. Und: Datendelikte wie Computersabotage oder Datenhehlerei können großen Schaden anrichten. Sie gelten aber als weniger schwer. Das bleibt nicht ohne Folgen: Denn ob man einen Server überwachen darf, hängt von der Schwere des Delikts ab. „Daher“, erklärte Ringwald, „können wir oft nur dann den gesamten ,Instrumentenkasten‘ der Strafprozessordnung nutzen, wenn der Fall Elemente des Betrugs oder der Erpressung aufweist oder eine kriminelle Vereinigung vorliegt.“

Trotz der Hürden schaffen es Ermittlungsbehörden, Cyberkriminellen empfindliche Schläge zu versetzen – wie im November 2025, als Deutschland und internationale Partner erfolgreich gegen zwei besonders gefährliche Schadsoftware-Varianten vorgegangen sind. Neben dem BKA war auch das ZIT beteiligt. „Auch wir warten auf den menschlichen Fehler“, erzählte Ringwald. Etwa, dass eine Verschlüsselung nicht funktioniert, ein Täter zu viele Informationen über sich preisgibt. „Wir versuchen, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Wichtig ist auch, im Darknet ,Streife‘ zu fahren und sich anzuschauen, was für Täter gerade relevant ist, welche Dienstleistungen, Foren oder Tools es gibt.“ Ein bedeutender Ansatzpunkt sei, Zahlungsströme zu verfolgen. „Kryptowährungen bieten nur eine Pseudo-Anonymität. Wir können bei Providern Anfragen stellen.“ Teilweise profitieren deutsche Ermittler von Hinweisen aus dem Ausland. Informationsaustausch und zentrale Ermittlungen
seien entscheidend.

Expertin fordert „Denken in Daten“ bei Ermittlungsbehörden

Um Angriffe besser bekämpfen zu können, braucht es laut Ringwald ein Umdenken: „Unser Leben ist fast komplett digital. Deshalb müssen wir im Netz Sorgfalt an den Tag legen, sparsam mit unseren Daten umgehen und in Sicherheit investieren, zum Beispiel in Backup-Systeme, auf denen wir unsere Daten ein zweites Mal ablegen können, damit sie nicht verloren sind, wenn wir gehackt wurden.“ Firmen sollten vom Ernstfall ausgehen und sich dafür aufstellen. Ringwald fordert ein verstärktes „Denken in Daten“ in den Behörden: „Das bedeutet, dass die Ermittelnden, auch bei konventionellen Delikten, gleich klären lassen: Wie verlief die digitale Kommunikation? Gibt es Kryptowährungsspuren? Welche Provider sind beteiligt? Das muss schnell gehen.“