„Der gemeinsame Nenner bleibt“

Benedikt Wemmer ist seit 2013 beim WEISSEN RING, in den vergangenen vier Jahren auch als Sprecher der Jungen Mitarbeitenden im Bundesvorstand. Jetzt ist er 36 und blickt im Jubiläumsjahr zuversichtlich auf die Herausforderungen der Zukunft.

Benedikt Wemmer kümmert sich vor allem um Prävention und Öffentlichkeitsarbeit.

Während des Interview-Spaziergangs in Münster geht es am Haus des Mannes vorbei, der 2018 einen Kleinbus auf die voll besetzte Terrasse einer Gaststätte in der Innenstadt lenkte, vier Menschen tötete und Dutzende schwer verletzte. Benedikt Wemmer hat damals in der Außenstelle Münster viele Opfer betreut.

Wie haben Sie 2018 von der Amokfahrt erfahren?

Ich war an diesem Samstag zu Hause, als die Tickermeldung kam. Mir war schnell bewusst, dass das ein Fall war, bei dem man alles stehen und liegen lässt. Wir hatten uns beim WEISSEN RING nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz 2016 Gedanken gemacht, wie wir mit solchen Großereignissen umgehen. Ich habe damals direkt den Landesvorsitzenden kontaktiert und gesagt: Ich glaube, wir haben so einen Fall. In der Außenstelle Münster lief es dann sehr gut dafür, dass wir noch nicht solche professionalisierten Strukturen für Großlagen hatten wie heute. Wir haben damals Schwerverletzte, Angehörige und traumatisierte Augenzeugen betreut. Der WEISSE RING hat 25.000 Euro an Soforthilfen ausgezahlt – unter anderem für Reisekosten, um Angehörige in Münsteraner Krankenhäusern zu besuchen, oder um Notlagen durch Verdienstausfall abzumildern.

Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Die Menschen sind mir alle in Erinnerung geblieben, weil es eine Besonderheit war. Was mich nachhaltig beeindruckt hat, war ein betroffenes Paar, das in Münster Urlaub gemacht hat. Die Frau war schwer verletzt, der Mann leicht. Die beiden waren schon lange ein Paar und haben in Münster im Krankenhaus spontan geheiratet – nur mit Ersthelfern und allen, die ihnen diese schlimme Zeit erleichtert haben. Sie wollten nicht jedes Mal zusammenzucken, wenn sie den Münster-Tatort sehen. Stattdessen haben sie die Stadt mit etwas sehr Positivem verknüpft. Das war ein sehr schöner und gleichzeitig beeindruckender Moment. Davon ein Teil zu sein, war etwas ganz Besonderes.

„Ich bin offen und werde mich weiter im Verein einbringen. Mir geht es aber nicht um Posten, sondern darum, etwas zu bewirken.“

Benedikt Wemmer

Über die Freiwilligenagentur war Wemmer 2013 auf den WEISSEN RING gestoßen. Nachdem er in den ersten Jahren Opferfälle begleitete, ist er heute vor allem in der Prävention und Öffentlichkeitsarbeit tätig. Das Ehrenamt ist für den verheirateten Vater zweier Töchter ein guter Ausgleich zum Berater-Job. Der Jurist arbeitet für eine Kanzlei, die auf Zoll- und Außenhandelsrecht spezialisiert ist.

Sie haben sich bei den Jungen Mitarbeitenden engagiert, sind als Sprecher in den Bundesvorstand gewählt worden. Jetzt sind Sie 36 und demnach kein junger Mitarbeiter mehr. Wie geht es weiter?

Es ist seit zwei Jahrzehnten gelebte Praxis, dass die Jungen Mitarbeitenden einen Sprecher im Bundesvorstand haben. Das habe ich in den vergangenen vier Jahren gemacht und es hat mir großen Spaß bereitet. Jetzt mache ich gerne Platz, damit jemand Neues die Interessen der Jungen Mitarbeitenden vertreten und neue Impulse setzen kann. Ich bin mit 36 in einer anderen Lebenswirklichkeit angekommen, habe Familie und stehe im Berufsleben. Ich bin offen und werde mich weiter im Verein einbringen. Mir geht es aber nicht um Posten, sondern darum, etwas zu bewirken.

Was macht für Sie den WEISSEN RING aus?

Es ist schon verrückt, was für ein bunter Haufen wir sind. Bei Veranstaltungen des WEISSEN RINGS fragt man sich schon, mit welchem anderen Thema man diesen Personenkreis zusammenbringen könnte. Es sind sehr unterschiedliche Menschen, aber da ist dieser gemeinsame Nenner: das Gefühl, dass es da eine Ungerechtigkeit gibt und Betroffene nicht ausreichend unterstützt werden. Und gleichzeitig hat man für sich erkannt, etwas für die Opfer tun zu wollen. Das verbindet.

Das Vereinsleben ist im Umbruch, viele Vereine haben Nachwuchssorgen. Wie ist der WEISSE RING da aus Ihrer Sicht aufgestellt?

Im Vergleich zu anderen stehen wir relativ gut da. Rund ein Viertel aller Ehrenamtlichen sind junge Mitarbeitende, also unter 35. Das ist, glaube ich, für eine NGO, die nicht Freiwillige Feuerwehr oder THW heißt, ziemlich einzigartig. Das kommt aber nicht von ungefähr: Wir fördern seit zwei Jahrzehnten das Thema junge Mitarbeitende strukturell. Es gibt jährliche Netzwerktreffen; die Landesverbände ernennen Jugendbeauftragte. Und der Verein
unterstützt immer wieder Aktionen und Kampagnen der Jungen Mitarbeitenden zu Themen wie „Sicherer Heimweg“ oder „K.-o.-Tropfen“. Das ist der Grund für viele Werdegänge im Verein, auch meinen eigenen, dass junge Leute hier nicht an eine gläserne Decke stoßen. Ich glaube, diese Arbeit trägt Früchte und ist für mich immer auch ein Lichtblick in Sachen Zukunftsfähigkeit.

In diesem Jahr feiert der Verein sein 50-jähriges Bestehen. Man spürt, dass die Zeichen auf Umbruch stehen. Wie blicken Sie auf die Zukunft?

Ich sehe das positiv. Es ist jetzt genau die richtige Zeit, Dinge anzupacken. Wir werden uns in den kommenden Jahren in gewisser Weise neu erfinden, neue Ansätze finden und vielleicht auch ein paar finanzielle und organisatorische Dinge hinterfragen müssen. Aber wir sollten uns im ehrenamtlichen Kontext von der allgemeinen schlechten gesellschaftlichen Stimmung nicht runterziehen lassen. Wir haben immer unseren gemeinsamen Nenner, der bleibt. Den hat es am Anfang gebraucht und den braucht es jetzt. Ich bin mir sicher, dass der WEISSE RING auch in 50 Jahren noch an der Seite der Opfer stehen wird.