Der Netzwerker
Nicht erst helfen, wenn etwas passiert, sondern verhindern, dass es zu Verbrechen kommt. Das treibt Günther Bubenitschek an. Seit über 40 Jahren bringt der ehemalige Polizist Menschen zusammen, knüpft Netzwerke und entwickelt Lösungen, um Kriminalität vorzubeugen und Betroffene zu unterstützen.

Günther Bubenitschek (65) ist seit sechs Jahren ehrenamtlich Landespräventionsbeauftragter des WEISSEN RINGS in Baden-Württemberg.
Günther Bubenitschek kommt aus dem Hotel Silber in Stuttgart. Die ehemalige Gestapo-Zentrale Württembergs ist heute ein Gedenkort, der sich mit der Rolle der Polizei in der NS-Zeit und dem Thema Verfolgung beschäftigt. Zum ersten Mal besuchte der ehemalige Polizist die Ausstellung. Wer ihm begegnet, merkt sofort: Er ist jemand, der Dinge anstößt.
Auf die Frage, ob man zum Gespräch in ein Café in der Nähe gehen wolle, winkt er ab: „Nein, nein, das haben wir schon abgecheckt.“ Hier gebe es Seminarräume. „Ich habe einfach gefragt, ob einer frei ist und wir ihn nutzen könnten“, sagt der 65-Jährige lächelnd und hält die Tür auf.
Schnell fällt auf: Bubenitschek ist ein Netzwerker. Dadurch hat er zahlreiche Hilfsangebote ins Leben gerufen. Wie viele, das kann man kaum zählen. Seit sechs Jahren ist Bubenitschek ehrenamtlich Landespräventionsbeauftragter des WEISSEN RINGS in Baden-Württemberg.
Seine Lebensleistung wurde 2018 mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt – als „Gestalter, Motor und Organisator der Kriminalprävention“. Bubenitschek ist zwar stolz auf diese Auszeichnung, betont sie aber nicht selbst. Es ist allgemein nicht so leicht, mit ihm auf seine Vergangenheit zu blicken. Viel lieber spricht er über die Projekte, die ihn derzeit beschäftigen. Beispielsweise ein Online-Weiterbildungsprogramm der Pädagogischen Hochschule Heidelberg zum Thema Extremismus und Radikalisierung für Fachkräfte aus der Bildungs- und Sozialarbeit. „Wir arbeiten da auch mit echten Fällen und zeigen, was der WEISSE RING leisten kann“, erklärt er und händigt eine Informationsbroschüre aus.
„Ich will hier auch immer vermitteln: Ihr macht eine wichtige Arbeit, und Prävention ist ein zentraler Bestandteil davon.“
Neben dem Weiterbildungsprogramm engagiert er sich unter anderem auch in Grundlagentrainings für neue Mitarbeitende und Ehrenamtliche des Vereins. „Ich will hier auch immer vermitteln: Ihr macht eine wichtige Arbeit, und Prävention ist ein zentraler Bestandteil davon“, sagt er. „Die Seminare sind auch eine gute Gelegenheit, mich vorzustellen. Wenn jemand Unterstützung braucht, bin ich da.“
In Berührung mit dem WEISSEN RING kam Bubenitschek schon früh in seiner Polizeikarriere. „Ich trat 1976 in den Polizeidienst ein, im selben Jahr, als der WEISSE RING gegründet wurde“, erinnert er sich. Das war in Heidelberg, wo er noch immer gerne lebt. „Ich bin Kurpfälzer aus Überzeugung“, meint er schmunzelnd.
Er betont, wie wichtig ihm in seiner Rolle als Landespräventionsbeauftragter die 38 Außenstellen des Vereins im Bundesland sind. „Die sind für mich das Herzstück des WEISSEN RINGS.“ Es sei für ihn entscheidend, dass diese vom Landesbüro die nötige Unterstützung für den direkten Austausch mit Betroffenen vor Ort bekommen. Bei der Beschreibung seiner Tätigkeiten sagt er vor allem „wir“, selten „ich“: ein Teamplayer.
Nach seiner Ausbildung in Heidelberg durchlief Bubenitschek verschiedene Stationen innerhalb der Polizei. Mit der Zeit verlagerte sich sein Schwerpunkt auf Präventionsarbeit. 1996 übernahm er die Leitung der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle in Heidelberg und kam dabei intensiver mit dem WEISSEN RING in Kontakt. „Ich habe gesehen, dass es oft nur um die Täter geht – was in einem Rechtsstaat völlig in Ordnung ist“, sagt er. „Doch es braucht auch Menschen, die Betroffene an die Hand nehmen und begleiten.“ Der WEISSE RING unterstützte ihn und seine Stelle damals bei Fortbildungen. „In dieser Zeit wurde mir klar: Diese Organisation will ich auch unterstützen“, sagt er.
Als Leiter der Beratungsstelle stieß er zahlreiche Präventionsprojekte an, darunter die Gründung ehrenamtlicher Präventionsvereine in Heidelberg und im Rhein-Neckar-Kreis sowie die Zusammenarbeit mit Jugendarbeitsträgern, mit denen er mobile Krisenteams etablierte. Diese boten eine Alternative zur polizeilichen Intervention bei Konflikten. Zudem initiierte er Ehrungen für Menschen, die deeskalierend eingriffen.
Bubenitscheks Ansatz als Polizeibeamter war stets, durch enge Netzwerke frühzeitig gesellschaftliche Probleme zu erkennen und anzugehen. Er arbeitete damals mit der Uni in Heidelberg zusammen und machte etwa Bürgerbefragungen zum Sicherheitsempfinden. Die Ergebnisse dienten als Grundlage für seine präventiven Maßnahmen. Professor Dieter Hermann, mit dem er in Heidelberg zusammenarbeite, habe auch Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen angestellt und nachgewiesen: „Prävention zahlt sich mit einer sehr hohen Rendite aus.“
Bubenitscheks Ansatz als Polizeibeamter war stets, durch enge Netzwerke frühzeitig gesellschaftliche Probleme zu erkennen und anzugehen.
„Deswegen ist es wichtig, viel in Prävention zu investieren“, sagt der Polizist, der sich mittlerweile im (Un-)Ruhestand befindet. Ein Grundgedanke, der auch seine Arbeit mit dem WEISSEN RING prägt. Als der ihn fragte, ob er die Rolle des Präventionsbeauftragten übernehmen wolle, sagte er sofort zu und bringt seither sein Wissen engagiert in den Verein ein. „Wir stehen als WEISSER RING immer auf der Seite der Betroffenen, ohne Wenn und Aber. Unser Alleinstellungsmerkmal ist, dass wir aus dem direkten Kontakt mit ihnen ihre Bedürfnisse und Umstände kennen“, sagt er. „Dieses Wissen müssen wir meines Erachtens auch in die Prävention zurückgeben. Das verhindert zwar nicht die Taten, aber wir können daraus für die Zukunft lernen.“
Diese Aussage trifft er auch unter dem Eindruck der Ausstellung im Hotel Silber, die ihn sehr bewegt hat. Sie macht besonders die gesellschaftliche Stimmung vor und nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten greifbar – und wie sie schließlich zu den Verbrechen der damaligen Polizei führte. „Ich mache mir aktuell schon Sorgen um die politische Kultur“, sagt er. „Eine Zusammenarbeit mit extremen Kräften ist für mich ein absolutes No-Go.“
Wenn sich jemand mit Extremismus auskennt, dann Günther Bubenitschek. 2016 kehrte er von der Präventionsarbeit zurück in den Ermittlungsdienst und wechselte später zum Staatsschutz. „Kaum war ich dort, gab es das Attentat vom Breitscheidplatz in Berlin“, erzählt er. Er setzte sich danach intensiv mit der Personengruppe der Gefährder und deren Opfer auseinander. Auch durch diese Erfahrung betont er, wie froh er ist, dass es seit 2015 eine Kooperationsvereinbarung zwischen der Polizei in Baden-Württemberg und dem WEISSEN RING gibt. Sie ermöglicht es der Polizei, Opfer direkt an die Organisation zu vermitteln.
Wenn sich jemand mit Extremismus auskennt, dann Günther Bubenitschek.
Nach seiner Zeit in der Prävention in Heidelberg wechselte Bubenitschek zum Landeskriminalamt nach Stuttgart. Hier arbeitete er an mehreren landesweiten Vorhaben, darunter ein Forschungsprojekt zur Zivilcourage. Daraus entstand die Initiative „Zivile Helden“, die junge Menschen interaktiv ermutigt, in kritischen Situationen mutig zu handeln. „Wichtig ist, dass wir mit Jugendlichen sprechen, nicht über sie“, betont er. Zudem initiierte er die Aktion „Beistehen statt rumstehen“, die für eine Kultur des Hinschauens und Helfens eintritt, und setzte sich für Präventionsmaßnahmen gegen Mobbing an Schulen ein.
Auch beim WEISSEN RING engagiert er sich gegen digitale Gewalt wie Cybermobbing und Cyberstalking. „Wir müssen sichtbarer werden, gerade in der digitalen Welt“, betont er. „Viele junge Menschen kennen uns gar nicht mehr.“
Unter anderem in der WEISSER RING Akademie bietet Bubenitschek regelmäßig ein Argumentationstraining an. Gemeinsam mit der Heidelberger Initiative „Mosaik“ und den Expertinnen Yasemin Soylu und Dzeneta Isakovic vermittelt er, wie man souverän gegen Hass und Hetze vorgeht – sowohl im realen als auch im digitalen Raum. Die Teilnehmenden lernen, populistische Parolen zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren.
Bubenitschek ist zudem seit 2011 als Zivilcourage-Trainer tätig und bietet in der Akademie des WEISSEN RINGS ein Training an, das sich auf Gewalt im öffentlichen Raum konzentriert. Gemeinsam mit der Theaterpädagogin Stefanie Ferdinand entwickelte er hier ein praxisnahes Konzept mit situativem Training zur Deeskalation.
„Wir stehen als WEISSER RING immer auf der Seite der Betroffenen, ohne Wenn und Aber.“
Er möchte durch seine Arbeit die Prinzipien der gewaltfreien Kommunikation vermitteln: „Das bedeutet, sachlich zu bleiben, sich nicht provozieren zu lassen und erst einmal nachzudenken, bevor man reagiert.“ Ein Verhalten, das auch bei der aktuellen gesellschaftlichen Stimmung helfen würde. „Es geht nicht darum, immer recht zu haben, sondern darum, dass wir überhaupt wieder vernünftig miteinander reden.“
Kaum ist das Gespräch zu Ende, tritt er in die Lobby des Hotel Silber. Er spricht das Personal noch mal auf die Seminarräume sowie das Workshop-Programm des Gedenkorts an. „Das wäre doch vielleicht ein Ort, an dem der WEISSE RING eine Veranstaltung anbieten könnte“, überlegt er laut und erntet Zustimmung. Günther Bubenitschek hat wohl noch einiges vor.
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