Die Pionierin

Ursula Schott gehörte zu den ersten 23 Telefon-Beraterinnen des WEISSEN RINGS. Nach 15 Jahren hört sie jetzt als letzte aus der Anfangszeit auf. Im Interview blickt Schott auf bewegende Telefonate und überraschende Wendungen zurück.

Ursula Schott gehörte zu den ersten Telefon-Beraterinnen des WEISSEN RINGS. In 15 Jahren half sie in mehr als 780 Diensten Tausenden Menschen durch eine schwere Zeit.

Mit ihrem letzten Dienst am Neujahrstag ist für den weissen ring eine kleine Ära zu Ende gegangen. 15 Jahre arbeitete Ursula Schott ehrenamtlich für das Opfer-Telefon des Vereins; 2009 gehörte sie zu den ersten 23 Opferhelferinnen und -helfern, die sich für das neue Beratungsangebot engagierten.

Ein Chip für die Räumlichkeiten, eine Namenskarte und das aus der Zeit gefallene Nokia-Smartphone, das von manchen scherzhaft als „Hundeknochen“ bezeichnet wird, aber immerhin schon eine Kamera mit drei Megapixeln Auflösung hat: Mehr benötigte Schott nicht, um eineinhalb Jahrzehnte lang Menschen in schwierigen Situationen zu helfen. Kürzlich ist sie in die Bundesgeschäftsstelle des weissen rings in Mainz gekommen, um „ihre“ Werkzeuge zurückzubringen. Nicht fehlen darf natürlich die „Bestätigung der datenschutzkonformen Entsorgung von Dokumenten“, so viel Ordnung muss sein.

Außerdem möchte Ursula Schott sich von den hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Zentralen Ehrenamtlichen Dienste (ZED) des weissen rings verabschieden. Schott hat ihnen kleine Tüten mitgebracht. Darin: Ein Teelicht, Schokolade, ein Sechs-Kräuter-Tee und ein Rezept, wie diese Zutaten für die „Zeit für Dich“ kombiniert werden sollen. Mit welchen Gefühlen Schott hergekommen sei, fragt eine Mitarbeiterin. „Das eine Auge weint ein bisschen mehr“, antwortet die 70-Jährige. Im Gespräch mit unserer Redaktion blickt Schott auf eine bewegte Zeit zurück. Sie hat sich vorbereitet und zieht einen DIN-A4-Zettel voller Notizen aus der Handtasche, es soll ja alles stimmen, was sie erzählt. Brauchen wird sie das Papier aber nicht.

Telefonieren Sie eigentlich privat gern, Frau Schott?

Ja! (Sie lacht.)

Das war ein sehr deutliches „Ja!“.

Auch in meiner beruflichen Karriere als Bankkauffrau habe ich absolut gern telefoniert. Das gehört für mich dazu.

Haben Sie mal nachgerechnet, wie viele Dienste Sie in den vergangenen 15 Jahren am Opfer-Telefon besetzt haben?

Nein, aber das kann man einfach ausrechnen, weil ich in all der Zeit kaum Urlaub gemacht habe. 15 mal 52, dann haben Sie es fast.

In der Summe sind es um die 780 Dienste, eher etwas mehr, vermutet Schott.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Telefonat? Wie ging es Ihnen dabei?

Ich bin da ganz cool an die Sache gegangen. Ich bin eigentlich zum Opfer-Telefon gekommen, weil ich gedacht habe: Die Armen, die finden ja keine Leute! (Sie lacht.)

Schott erzählt, wie ihr Ende 2008 eine Stellenanzeige in der lokalen Zeitung auffiel. Damals suchte der weisse ring aus organisatorischen Gründen gezielt rund um Mainz nach Ehrenamtlichen. Zwei Wochen später erschien das Inserat erneut. Bevor sich niemand findet, sagte sich Schott, mache ich es selbst.

Während meines ersten Telefonats war eine Frau am Telefon, die nach einer Betriebsfeier von ihrem Chef heimgefahren und dabei von ihm belästigt wurde. Sie konnte sich zwar irgendwie aus der Situation befreien, aber es ging ihr sehr schlecht, sie wusste nicht, wie sie sich am nächsten Arbeitstag verhalten sollte. Wir haben sehr lange geredet, das hat ihr offenbar geholfen, sie war später beruhigt. Da dachte ich: Das fängt ja gut an.

2009

Im Jahr 2009 hat der WEISSE RING das Opfer-Telefon eingeführt. Von Beginn an war die heute 70-jährige Ursula Schott aus Mainz dabei.

Wie oft kommt es vor, dass Menschen beim Opfer-Telefon anrufen, die einfach nur ein offenes Ohr suchen?

Das passiert nicht so oft, vielleicht in einem von 20 Fällen. Ich denke da immer an eine Frau, die sagte, sie habe genug Geld und brauche keine materielle Hilfe. Aber ihr sei etwas passiert, wofür sie sich sehr schäme, worüber sie mit jemanden reden müsse. Mit ihren Freundinnen gehe das nicht. Die Frau hatte an einem Geldautomaten 3.000 Euro abgehoben. Als sie mit dem Fahrrad zurückfuhr, saß am Straßenrand eine junge Frau, die bitterlich weinte. Sie stieg ab und fragte: „Was ist denn los?“ In einem Café ließ sie sich eine traurige Geschichte erzählen, vom kranken Vater, der dringend Geld für eine Behandlung benötige. Die Anruferin war so gerührt, dass sie der Frau ihre gerade erst abgehobenen 3.000 Euro schenkte. Sie freute sich sehr, dass sie etwas Gutes tun konnte. Stutzig wurde sie erst, als die junge Frau fragte, ob sie morgen wiederkommen könnte, sie bräuchte noch mehr Geld. Da wusste sie, dass es Betrug war.

Das klingt nach: zur falschen Zeit am falschen Ort.

Ich nehme an, dass sie beim Geldabheben beobachtet wurde. Und dann standen die parat. Die Anruferin hat mich darum gebeten, dass wir andere Menschen vor dieser Masche warnen mögen, damit nicht noch mehr darauf hineinfallen.

In den vergangenen Jahren hat unsere Redaktion in den sozialen Medien vermehrt Kommentare oder Nachrichten von Menschen erhalten, die zum Beispiel davon überzeugt sind, sie oder ihre Haustiere würden von feindlichen Mächten mit Mikrowellen bestrahlt. Haben Sie am Opfer-Telefon Ähnliches gehört?

Ja, solche Fälle gibt es, oft waren die Betroffenen vorher schon bei der Polizei oder anderen Anlaufstellen, bevor sie sich bei uns melden. Mein Ratschlag war dann oft: Wissen Sie was? Gehen Sie doch mal zu Ihrem Hausarzt und lassen Sie sich bestätigen, dass Sie gesund sind und alles stimmt, was Sie da erleben. Und dann muss die Polizei der Sache auch nachgehen.

Eine gute Lösung.

Ja, es gibt aber auch Fälle mit überraschenden Wendungen: Eine ältere Dame war sicher, dass jemand die Sachen in ihrer Wohnung durchwühlt. Die Schwiegertochter dachte an eine beginnende Demenz, ihr Mann aber sagte: „Meine Mutter nicht“. Das ging immer so weiter, bis sie das Türschloss tauschten. Doch am nächsten Tag war die Frau wieder überzeugt, dass jemand in der Wohnung gewesen ist. Also installierte der Sohn eine kleine Kamera mit Bewegungsmelder. Und siehe da, kaum war die Mutter aus der Tür, kam die Nachbarin herein, die immer einen Schlüssel hatte. Sie durchwühlte Schränke und Schubladen, offenbar war sie sehr neugierig. Solche Fälle gibt es eben auch, deshalb nehmen wir alle ernst.

„Ich bin da ganz cool an die Sache gegangen. Ich bin zum Opfertelefon gekommen, weil ich gedacht habe: Die Armen, die finden ja keine Leute!“<br />

Ursula Schott

Gibt es Delikte, die in den vergangenen 15 Jahren am Opfer- Telefon deutlich zugenommen haben?

Mir ist aufgefallen, dass häusliche Gewalt ein viel größeres Thema geworden ist mit der Zeit. Aber das liegt wahrscheinlich auch daran, dass viel mehr darüber gesprochen wird, auch in der Öffentlichkeit. Ähnlich ist es mit Stalking – wie oft ich in den letzten Jahren die NoStalk-App des WEISSEN RINGS empfohlen habe, Wahnsinn. Mord und Totschlag kommt auch immer mal vor. Oder dass Opfer sogar drauf hinweisen, wo man ihre Geschichte in der Zeitung nachlesen kann. Wenn es passte, habe ich nebenbei im Internet recherchiert und konnte dann sehen: Ja, es gibt wirklich so einen Fall.

Es ist für viele Menschen nicht leicht, sich Unbekannten anzuvertrauen. Wie sprechen die Leute Sie an?

Dass sich jemand meldet und sagt, einem „Freund“ sei etwas passiert, habe ich weniger erlebt. Aber viele tun sich schwer und sagen: „Ich weiß gar nicht, ob ich richtig bei Ihnen bin“. Oder: „Mir geht es nicht gut“. Wenn man ihnen ruhig sagt: „Lassen Sie sich Zeit und überlegen Sie, was Sie sagen möchten“, dann läuft es auf einmal.

Die Gespräche sind ja sicher nicht immer leicht. Wie gehen Sie nach einem Dienst damit um?

Nach dem Dienst muss man schauen: Wie geht es einem, ist alles in Ordnung? Da habe ich aber eigentlich nie Probleme gehabt. Viele Kolleginnen und Kollegen machen zum Ausgleich Sport oder gehen spazieren, duschen oder ziehen sich einfach nur um. Und natürlich reden wir untereinander.

265.000

Insgesamt haben die ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen am Opfer-Telefon bis heute mehr als 265.000 Gespräche geführt, allein 2024 waren es rund 22.000.

Wie ist denn generell der Austausch untereinander? Am Telefon sind Sie im Grunde auf sich allein gestellt.

Wir treffen uns monatlich als Team, die Themen wechseln: Einen Monat gibt es ein Mitarbeitertreffen, bei dem viel über Organisatorisches gesprochen wird, im darauffolgenden Monat eine Supervision mit einem Psychologen. Seit der Corona-Pandemie ist das alles digital geworden, vor Ort treffen wir uns seltener. Was mir besonders gut gefällt, sind die regelmäßigen Vorträge. Da ging es um viele Themen, von Männergewaltschutz bis zur Arbeit im Frauenhaus.

Wenn Sie die Arbeit am Telefon in zwei, drei Sätzen zusammenfassen: Was war das Schönste für Sie?

Das Schönste ist, wenn ein Opfer anschließend sagt: „Mir geht es besser“. Oder: „Vielen Dank, das tat gut“.

Warum haben Sie aufgehört nach 15 Jahren?

Ich habe plötzlich das Gefühl, es ist genug. Ich war ja die Einzige, die noch aus der 23-köpfigen Start-Gruppe übriggeblieben ist. Jetzt dürfen Jüngere nachkommen.

116006

Durchschnittlich kommen die Beraterinnen und Berater je Schicht auf drei bis zehn Telefonate. Die durchschnittliche Gesprächsdauer beträgt neun Minuten. Das Angebot mit der Telefonnummer 116006 ist kostenfrei.

Was werden Sie vermissen am Telefon?

Vermissen werde ich vor allem die Menschen drumherum, die Hauptamtlichen genauso wie die Ehrenamtlichen, mit denen man sich immer wieder mal trifft.

Wir haben vorhin über Ihr erstes Telefonat gesprochen. Wie war Ihr letztes Telefonat für den WEISSEN RING?

Das ist eine witzige Geschichte: Ich hatte am ersten Weihnachtsfeiertag meinen vorletzten Dienst und dann am Neujahrstag um 7 Uhr am Morgen den letzten. Und es kam kein Anruf. Das habe ich in 15 Jahren nicht erlebt. Aber ist ja logisch, die Leute haben noch geschlafen, und ich saß da ganz wehmütig mit einem Tränchen in den Augen.