Die Ruhe in Person

Petra Klein, 69 Jahre alt, ist niemals nervös. Die frühere Polizistin ist beim WEISSEN RING nicht nur Leiterin der Außenstelle Oldenburg, sie repräsentiert den Verein auch in Europa. Jetzt wurde sie für ihr Engagement geehrt.

Sie gratulierten Petra Klein (Mitte), v. l. n. r.: Barbara Richstein, Rosa Jansen, Jürgen Krogmann und Andreas Sagehorn.

Natürlich hätte man sich die Frage sparen können. Historisches Rathaus zu Oldenburg, großer Sitzungssaal, Gäste aus dem In- und Ausland, in der ersten Reihe sitzt der Oberbürgermeister, in einer samtausgeschlagenen Holzkiste liegt das Bundesverdienstkreuz am Bande bereit. „Bist du nervös, Petra?“ Und Petra lächelt nur milde, so wie sie es immer tut, um mit sanfter Stimme zu antworten: „Nein.“

Petra Klein, 69 Jahre alt, ist niemals nervös. Sie war es nicht bei der Polizei damals, als sie bei Geiselnahmen oder Bedrohungslagen vermittelte. Sie ist es heute nicht, wenn ihr aufgewühlte, verzweifelte Verbrechensopfer gegenübersitzen. Nicht im Bundesvorstand des WEISSEN RINGS, wenn sie bei internen Konflikten moderieren muss, und nicht einmal in Brüssel, wenn sie auf Englisch die Interessen Deutschlands bei Victim Support Europe vertreten soll, dem Dachverband der europäischen Opferhilfsorganisationen. Warum sollte sie also jetzt nervös sein, bei ihrer Feierstunde? Sie freut sich einfach, „ich fühle mich sehr, sehr geehrt“, sagt sie.

„Gesicht des WEISSEN RINGS“ in Oldenburg – und Europa
Oldenburgs Oberbürgermeister Jürgen Krogmann (SPD) hebt das Verdienstkreuz aus der Schachtel und bekennt, er sei hier ja nur der Postbote, „denn verliehen hat es Ihnen der Bundespräsident“. Aber auch er freut sich, denn er kennt die Ausgezeichnete seit vielen Jahren: Als Oberbürgermeister kennt er sie als „Gesicht des WEISSEN RINGS“ in seiner Stadt, als ehemaliger Landtagsabgeordneter kennt er sie als Vertreterin des Opferschutzes in der Politik, als Aufsichtsratsmitglied des Klinikums Oldenburg kennt er sie als intensive Begleiterin der Angehörigen im Fall des Krankenhausmörders Niels Högel, der im örtlichen Klinikum Dutzende Patienten ermordete. Den Orden bekomme sie nun „für die um die Bundesrepublik Deutschland erworbenen besonderen Dienste“.

„Nichts macht man allein, das geht nur mit einer ganz tollen Außenstelle.“

Petra Klein zu den Verdiensten.

Aus Brandenburg ist Barbara Richstein angereist, die Bundesvorsitzende des WEISSEN RINGS. Sie zeichnet den Weg von Petra Klein ins Ehrenamt nach: 2009, nach ihrem Ausscheiden aus dem Polizeidienst, wurde sie ehrenamtliche Mitarbeiterin beim WEISSEN RING, wenige Monate später übernahm sie bereits die Leitung der Außenstelle Oldenburg. Längst ist Oldenburg eine der größten Außenstellen des Vereins in Niedersachsen: 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aktuell, die in weit mehr als 2000 Fällen seit 2009 Kriminalitätsopfer mit fast einer Millionen Euro unterstützen konnten.

„Ein großes Herz“

Außenstellenleitung sei eine Arbeit, die „ein großes Herz“ erfordere, sagt Richstein. Aber damit nicht genug, Petra Klein engagiere sich „weit über die regionale Ebene hinaus“: Seit 2010 ist sie Mitglied des Bundesvorstands des WEISSEN RINGS, inzwischen sogar als stellvertretende Bundesvorsitzende, seit 2021 ist sie Vizepräsidentin von Victim Support Europe.

Das wissen die Gäste aus den Reihen des WEISSEN RINGS im Ratssaal natürlich alles, nicht aber das, was Andreas Sagehorn, der Präsident der Polizeidirektion Oldenburg, aus 32 Polizeidienstjahren zu berichten hat. Er erinnert an Petra, die Polizistentochter und „Pionierin“, wie er sie nennt. Die in den 70er-Jahren zur Polizei kam, als Frauen dort „eine Seltenheit“ waren. Die dank ihrer Fähigkeit, in allen Lagen ruhig zu bleiben, als erste Frau die Verhandlungsgruppe leitete. Die in den 90er-Jahren, als mehrere Mädchenmorde den Nordwesten Deutschlands erschütterten, die Angehörigen jeweils betreute. „Für sie endete der Job nie damit, die Taten aufzuklären“, so Sagehorn. „Sie hatte immer schon die Opfer im Blick.“

Es gibt noch viel zu tun

Und Petra Klein? Ruhig sitzt sie in der ersten Reihe, lächelt und dankt ihren Gästen. Der Familie. Ganz besonders Ihrem Partner Ferdi (Ferdinand Zuppke). Ihrem „lieben Freund Günni“ (Günter Koschig). Und wo sie mit den beiden schon wieder beim WEISSEN RING angekommen ist: Bianca Biwer, der aus Mainz angereisten Bundesgeschäftsführerin des Vereins, und nochmals „ihrer“ Außenstelle.

„Was für ein unglaublicher Erfolg“, lob Rosa Jansen, Präsidentin VSE, die aus den Niederlanden zur Feierstunde nach Oldenburg kam. Aber sie sagt auch: „Wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns.“ Deshalb sei sie froh, dass Petra keinerlei Interesse zeige, aufzuhören. „Wir brauchen dich wirklich!“