GUCKEN
“Der Anschlag“
3sat Mediathek
Menschen, die Anschläge überlebt oder dabei Angehörige verloren haben, haben vor allem drei Anliegen: Gedenken, Aufarbeitung, Konsequenzen. Das wird auch in der Dokumentation „Der Anschlag“ deutlich, die sich mit der Terrorfahrt am Berliner Breitscheidplatz auseinandersetzt – und einen Beitrag leistet, diese Forderungen von Hinterbliebenen zu erfüllen.
Am 19. Dezember 2016 raste ein Anhänger des „Islamischen Staates“ mit einem Lkw in den Weihnachtsmarkt. Er ermordete 13 Menschen und verletzte viele weitere schwer. Die Serie von Astrid Schult umfasst fünf Teile, die sich „Vorzeichen“, „Tat“, „Trauma“, „Staat“ und „Konsequenzen“ widmen. Das Filmteam zeigt Fotos der Opfer, lässt Überlebende und Hinterbliebene oft zu Wort kommen, erzählt in erster Linie ihre Geschichten. So wie jene von Astrid Passin, deren Vater ins Theater wollte, aber keine Karten bekam. Seine Lebensgefährtin rief Passin schließlich an und sagte, dass „Papa tot ist“. „Warum?“, fragt Passin und fühlt sich fortan „komplett hilflos“. Etwa, nachdem seine Wohnung bei Ermittlungen „auf den Kopf gestellt“ worden sei.
Die Serie zeichnet einfühlsame Porträts. Und zeigt, dass tatsächlich jeder Opfer werden kann, vieles von Kleinigkeiten, Zufällen abhängt. Wie bei Shufan Huo, die neu in der Stadt war und die „Freiheiten“ während ihrer Doktorarbeit genoss. „Warum bin ich ,ungeschoren‘ davongekommen?“, fragt sie. Weil sie noch Bratwurst und Crêpes gegessen habe. Huo beschreibt, wie „der Luftzug vom Lkw mir den Atem nahm“. Wie Menschen nach einer kurzen, „gespenstischen Stille“ schrien. Die Ärztin selbst kämpfte mit Erster Hilfe um das Leben von Fabrizia di Lorenzo, die später in der Klinik starb. In der Serie äußert sich die Mutter der 31-Jährigen erstmals. „Wenn sie nach Hause kam, ging die Sonne auf“, sagt di Lorenzo über ihre Tochter. Der deutsche Staat habe ihr Auskünfte „verweigert“ und sie kaum unterstützt.
Mit den Fehlern vor und nach dem Terror befasst Schult sich intensiv. Dazu gehört der zermürbende, teils erfolglose Kampf der Betroffenen um Entschädigung. Zu den Schwächen der Dokumentation zählen die teils reißerische Rekonstruktion des Tatgeschehens und die mindestens fragwürdigen Szenen aus einem Live-Video vom Anschlagsort, auch wenn keine Todesopfer oder Schwerverletzten zu sehen sind. Mit dem Attentäter beschäftigt sich der Film auch lange, allerdings in einer aufklärenden Weise. Es geht zum Beispiel um die folgenlosen Alarmsignale im Vorfeld. So warnte ein V-Mann vor der Gefährlichkeit des Täters. „Spiegel“-Reporter Jörg Diehl bemängelt, Sicherheitsbehörden hätten die Gefahr durch als Geflüchtete getarnte Terroristen unterschätzt. Zudem habe die Polizei viele Hinweise auf den Drogenhandel des Terroristen und dadurch die Möglichkeit gehabt, ihn vorher zu verhaften. Nach dem Anschlag sollte dies offenbar vertuscht werden. Später folgten einige Konsequenzen. Beispielsweise wurde das Opferentschädigungsgesetz reformiert und beim BKA – das Kritik zurückweist – Personal im Kampf gegen Extremismus aufgestockt. Lücken und Missstände gibt es nach wie vor, etwa beim Erkennen von Gefährdern oder bei Hilfen für Betroffene.
Der Anschlag brachte unfassbares Leid. Die Serie zeigt aber auch Lichtblicke wie die Gemeinschaft der Angehörigen. Bei einem Treffen sagte Giovanna di Lorenzo der Ersthelferin Huo, wie froh sie sei, dass ihre Tochter nicht alleine war. Mehrere Hinterbliebene, darunter Astrid Passin, setzen sich mittlerweile für Opferrechte ein. Am Ende bleiben vor allem zwei Sätze von Giovanna di Lorenzo in Erinnerung: „Diese Leere ist nie mehr zu füllen.“ Und: Man „kann diesen Schmerz verwandeln in Liebe für andere.“
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