„Das war eine zusätzliche Belastung“
Max Privorozki ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Halle an der Saale und hat den Terroranschlag auf die Synagoge im Oktober 2019 überlebt. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen mit Journalistinnen und Journalisten nach der Tat.

Foto: Soeren Stache/dpa
Sie haben beklagt, dass in Interviews und Berichten nach dem Terroranschlag wichtige Aussagen von Ihnen unberücksichtigt geblieben sind. Welche Botschaften waren das?
Das waren Interviews, die ich beispielsweise an Gedenktagen wie dem 9. November gegeben habe. Immer wieder habe ich darauf hingewiesen, dass es auch Antisemitismus gibt, der nicht aus der rechten Ecke kommt, sondern von der linken und aus der muslimischen Gemeinschaft. Ich habe beklagt, dass solche Aussagen von Medien herausgenommen wurden.
Welche Erfahrungen haben Sie unmittelbar nach dem Anschlag mit Reporterinnen und Reportern gemacht?
Bis zum 9. Oktober 2019 hatte ich keine Erfahrungen mit Reporterinnen und Reportern in solch einem Ausmaß. Bis dahin wurde ich ab und zu von lokalen Medien wie der Mitteldeutschen Zeitung oder dem MDR kontaktiert, also ganz selten. Ab dem 10. Oktober habe ich erlebt, was ich nur aus Filmen kannte. Da kamen alle möglichen Sender wie CNN, amerikanische, deutsche, israelische Sender. Ich habe in dieser besonderen Situation etwas gelernt, was hoffentlich nie mehr notwendig sein wird.
Mir bereitet der Umgang mit Medien keinen Spaß, aber natürlich habe ich ein Verständnis, dass es für den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde die Verpflichtung gibt, mit Medien zu reden. Ich habe in dieser Situation ganz verschiedene Erfahrungen gemacht. Als positiv möchte ich den Kollegen vom „Stern“ nennen, der sehr sauber berichtete und ein gutes Fingerspitzengefühl hatte.
Gab es auch negative Beispiele?
Einige israelische Medienvertreter waren unmöglich, aber auch einige deutsche. Da gab es einen Reporter, der unbedingt am nächsten Tag, am Sabbat, in die Gemeinde kommen wollte, um zu filmen. Ich habe ihm gesagt, dass das absolut nicht geht. Er hat aber alles Mögliche unternommen und ist vorbeigekommen, um doch zu filmen.
Solche journalistischen Grenzverletzungen in dieser sensiblen Phase nach der Tat waren für Sie schwer zu ertragen?
Das war eine zusätzliche Belastung, ja. Es kamen ja nicht nur Journalisten, sondern auch Politiker. Bei allem Respekt für den Bundespräsidenten – aber als ich nach einer Bestattung am 10. Oktober zur Synagoge fuhr, wurde ich dort nicht reingelassen. Ich habe versucht, den Sicherheitskräften zu erklären, dass der Bundespräsident ja zur Jüdischen Gemeinde kommt, aber das wurde nicht verstanden. Es hieß: Alle bleiben draußen. Fast wäre ich wieder abgefahren. Das alles kam für mich als Überlebender des Terroranschlags noch dazu. Schon am späten Abend des 9. Oktober kam Ministerpräsident Haseloff, als ich eigentlich schon sehr erschöpft war und schlafen gehen wollte. Dieser Besuch war mir jedoch enorm wichtig, denn es war der Besuch eines wahren Freundes und nicht nur eines Ministerpräsidenten. All das war notwendig, aber eben auch eine zusätzliche Belastung. Wenn dann noch die Presse kommt und kein Gespür für die Situation aufbringt, dann ärgert einen das.

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