Der Traum vom großen Geld
Eine vermeintlich lukrative Investition stellt sich als perfide Betrugsmasche heraus. Auch der WEISSE RING hat immer öfter mit Opfern von Cyberbetrug zu tun.
Zu Beginn zahlen Kryptobetrüger schon mal kleine Gewinne aus, um sich Vertrauen zu erschleichen.
Der Finanzberater nennt sich „Oliver Gibson“. Sein Profilfoto auf WhatsApp zeigt einen jungen Mann in einem blauen Jackett, er blättert in einem Buch. Im Oktober 2024 macht er Tahir Aboumri (Name geändert) ein verlockendes Angebot: Wenn er 250 Euro in eine Kryptowährung investiere, werde sich das Geld innerhalb kürzester Zeit vervielfachen. Ein kleiner Betrag reiche; die Gewinnspanne sei unendlich.
Ein Arbeitskollege hatte dem 53-Jährigen von dem Angebot erzählt. Aboumri arbeitet in einer Asylbewerberunterkunft in Osnabrück im Sicherheitsdienst. Er ist im Irak aufgewachsen und lebt seit 2002 in Deutschland. Mit seiner Frau hat er einen siebenjährigen Sohn. „Das Geld hätte unsere Familie gut gebrauchen können“, sagt er. „Wahrscheinlich war ich deshalb so gutgläubig.“
An einem Montag im November will Aboumri dem WEISSER RING Magazin in einem Videotelefonat erzählen, was ihm widerfahren ist. Nervös schiebt er seine Brille auf dem Nasenrücken hoch. Er räuspert sich und blättert immer wieder in seinen Unterlagen, bevor er antwortet. Tahir Aboumri will, das sei ihm ein Anliegen, die Zusammenhänge und Zahlen korrekt wiedergeben.
Die Gewinne werden Aboumri in der fingierten Krypto-Börse angezeigt
Im Herbst 2024 eröffnen Aboumri und seine Frau unter der Anleitung des vermeintlichen Finanzberaters ein Wallet, ein Konto auf einer Börse, auf der man mit Kryptowährungen handeln kann. Diese digitalen Währungen funktionieren unabhängig von Banken und werden über spezielle Plattformen verwaltet. Aboumri und seine Frau legen insgesamt 250 Euro in Ethereum (ETH) an.
Am Anfang läuft scheinbar alles nach Plan. „Herr Gibson“ informiert Aboumri fleißig und sogar unaufgefordert per Mail über erste Gewinne, rund 300 Euro sind es im ersten Monat – der Einsatz hat sich mehr als verdoppelt. Seine Frau und er sind so begeistert, dass sie sofort mehr investieren wollen. Zunächst kratzen sie ihre Ersparnisse zusammen und überweisen 5.000 Euro. „In drei Tagen hat sich der Wert mehr als verdreifacht“, erinnert sich Aboumri. 17.000 Euro, so hat es Gibson geschrieben.
„Das Geld hätte unsere Familie gut gebrauchen können. Wahrscheinlich war ich deshalb so gutgläubig.“
Also macht Aboumri weiter, leiht sich später auch Geld von Verwandten. Wo kann man schließlich so schnell und so leicht etwas verdienen? Aboumri beteuert, er habe zu keinem Zeitpunkt an der Aufrichtigkeit von Gibson gezweifelt. Regelmäßig informiert ihn der angebliche Finanzberater über seine Gewinne, in Mails, die vorgeblich im Namen und mit dem Logo der bekannten, real existierenden Krypto-Börse verschickt worden sind. Nach ein paar Monaten informiert Gibson Aboumri, dass er rund 140.000 US-Dollar Gewinn gemacht habe, später folgt eine weitere Nachricht: Der Gewinn sei nun sogar auf 230.000 Dollar gestiegen. Monate später entpuppt sich die Investition als perfider Betrug.
Heute weiß Aboumri: Die Masche läuft immer ähnlich. Jemand, der sich als Finanzberater oder Broker ausgibt, kontaktiert potenzielle Opfer per E-Mail und in den sozialen Netzwerken, leitet sie danach telefonisch und per Messenger an. Gemeinsam richten sie mit den Opfern ein Wallet ein, das sie dann manipulieren. So auch bei Aboumri: Wenn er sich einloggte, wurden ihm Gewinne angezeigt, die nie existierten. Die Betrüger hatten außerdem Zugriff auf seine Bankdaten.
Die Einstiegsinvestition ist in der Regel niedrig, manchmal zahlen die Betrüger sogar einen ersten kleineren Gewinnbetrag an die Opfer aus. So bauen sie ein Vertrauensverhältnis auf und kommen dabei häufig an personenbezogene Daten wie Personalausweise oder Kontodaten. Sie kundschaften aus, wie viel Geld von möglichen Opfern zu holen ist, ob jemand ein Haus als Sicherheit besitzt oder wie kreditwürdig er ist. Mit fiktiven Kontoständen und angeblichen Kurssteigerungen bringen sie ihre Opfer dazu, immer mehr Geld zu investieren. Ihr Vorgehen ist professionell und geschickt, die Kommunikation erfolgt direkt, mit persönlichen „Betreuern“, über Messengerdienste und oft mit Telefonnummern aus Deutschland, was zusätzlich Sicherheit vorgaukeln soll. Oft schalten die Betrüger Werbeanzeigen mit Fotos von Prominenten, in Aboumris Fall mit einem Bild vom angeblichen Markenbotschafter Günther Jauch.
Bald sind alle Ersparnisse aufgebraucht
Als sich Aboumri zum ersten Mal seinen Gewinn auszahlen lassen will, halten ihn die Betrüger hin. Sie fordern ihn auf, zunächst noch mehr Geld zu überweisen: für Provisionen und diverse Gebühren. Knapp 5.000 Euro soll er zahlen, um ein Konto zu eröffnen, auf dem die Auszahlung ausschließlich möglich sein soll. 10.000 Euro würden als „Handelsabgabe an die Unabhängige Brokervereinigung“ benötigt. Die angeblichen Gewinne sind immer wieder an weitere Zahlungen geknüpft.
Sobald Aboumri zögert, drohen die Betrüger ihm mit einem Geldwäscheverfahren und hohen Strafen, die sie allerdings abwenden könnten, wenn er weitere 26.000 Euro zahle – von seinem Gewinn, auf den er aber noch keinen Zugriff hat. Darum soll er auch diesen Betrag vorstrecken. Aboumri zahlt weiter, solange er kann, um an den ersehnten Gewinn zu kommen. Irgendwann hat er nicht nur seine Ersparnisse aufgebraucht, sondern zudem hohe Schulden. Er hat Kredite bei zwei Banken aufgenommen, dazu kommen private Darlehen von seiner Schwiegermutter, seinem Schwager und seinem Bruder. „Ich dachte, so komme ich endlich an mein Geld“, sagt er. Als er Anfang 2025 kein Geld mehr auftreiben kann, verschärfen die Betrüger ihren Ton, beginnen, ihm zu drohen. „Da habe ich zum ersten Mal Angst bekommen“, sagt Aboumri. Er blockiert die Anrufe und Nachrichten des angeblichen Finanzberaters und geht zur Polizei.
Der Betrug mit Kryptowährungen ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Experten zufolge sollen allein 2024 weltweit Schäden in Höhe von mehr als acht Milliarden Euro entstanden sein. Oft sind es Menschen, die unter finanziellem Druck stehen, die sich schnell und unkompliziert etwas dazuverdienen wollen. Viele verlieren dabei ihr gesamtes Erspartes oder verschulden sich. Es kann jeden erwischen. Aboumri hatte in seiner Heimat sogar als Informatiker gearbeitet. „Bis zum Ende habe ich Herrn Gibson geglaubt“, sagt er. „Dabei war alles gelogen.“ Rückblickend bezeichnet er sein Verhalten als „naiv“ und „gierig“.
Mehr als 100.000 Euro hat Tahir Aboumri verloren. Kontoauszüge und E-Mails hat er akribisch gespeichert (sie liegen der Redaktion vor), doch als er im März 2025 Anzeige bei der Polizei Osnabrück erstattet, macht man ihm wenig Hoffnung. Die Aussichten, das Geld zurückzubekommen, seien gering, sagen ihm die Beamten direkt. „Für mich war das ein Schock“, sagt er.
Die Schulden wird Aboumri noch viele Jahre abzahlen müssen
Heute habe er seine Lage akzeptiert, sagt Aboumri. „Ich muss mit meinem Fehler leben, aber für mich und meine Familie ist das ein schwerer Schlag. Wir kämpfen seither mit großen finanziellen und psychischen Belastungen.“ Die erste Zeit habe er nicht schlafen können, sein Sohn habe stark abgenommen. Das Geld ist knapp, vor allem am Ende des Monats. Die Anwälte, die er anschrieb, gaben ihm wie die Polizei zu verstehen, dass er sein Geld nicht zurückbekommen werde. Wollte er es versuchen, kämen weitere Anwaltskosten auf ihn zu, die er nicht tragen könne.
Aboumri ist der Hauptverdiener in der Familie, er arbeitet zwölf Stunden am Tag für rund 2.700 Euro netto im Monat. Davon tilgt er monatlich knapp 500 Euro Kreditschulden bei den Banken, seinen Verwandten zahlt er alle zwei Monate niedrige vierstellige Beträge zurück. Er überlegt, Privatinsolvenz anzumelden.
Im Juni teilte ihm die Staatsanwaltschaft Osnabrück mit, dass sie das Verfahren eingestellt habe. Es sei „nicht möglich“, heißt es in dem Schreiben, die Täter zu ermitteln, weil diese erfundene oder missbräuchlich verwendete Echtdaten benutzt hätten. „Damit muss ich jetzt leben“, sagt Aboumri. Viele Opfer von Kryptowährungsbetrug schweigen, aus Scham darüber, dass sie auf eine Betrugsmasche hereingefallen sind, dass sie unbedacht gehandelt haben, wie auch Abroumi einräumt.
Doch er möchte seine Geschichte öffentlich machen, „um andere Bürgerinnen und Bürger zu warnen und darauf hinzuweisen“, sagt er. „Und um die Behörden zu sensibilisieren, dass sie mehr für die Unterstützung der Opfer und die Verfolgung von Tätern tun sollten.“
Die wichtigsten Tipps zur Prävention
Verwenden Sie starke, einzigartige Passwörter sowie einen Passwortmanager oder Passkeys; für besonders sensible Konten empfiehlt sich eine Zwei-Faktor-Authentifizierung.
Bewegen Sie sich nur auf sicheren Seiten, achten Sie auf das „s“ in https://. Teilen Sie keine sensiblen Inhalte und gehen Sie sparsam mit persönlichen Informationen um.
Seien Sie misstrauisch bei unbekannten Absendern und Kontaktanfragen.
Überprüfen Sie den Absender beim Öffnen von E-Mail-Anhängen und Links. Vermeiden Sie öffentliche WLAN-Netze.
Schließen Sie Sicherheitslücken durch regelmäßige Software-Updates und nutzen Sie eine Firewall.
Wenn schon etwas passiert ist: Ändern Sie alle Passwörter Ihrer Online-Konten, insbesondere des betroffenen Accounts.
Sperren Sie alle betroffenen Bankkonten und -karten. Versuchen Sie, getätigte Überweisungen zu stoppen.
Sichern Sie Beweise wie Chatverläufe, E-Mails und Transaktionsnachweise. Für möglichst rechtssichere Screenshots gibt es hilfreiche Tipps von unserem Netzwerkpartner HateAid: https://hateaid.org/rechtssichere-screenshots/
Erstatten Sie Anzeige bei der Polizei. Nehmen Sie, wenn nötig, professionelle Hilfe in Anspruch wie z. B. IT-Sicherheitsexpertise, juristische oder psychologische Unterstützung.
Zusammengestellt von Anne Werner und Céline Sturm, Referentinnen der Kriminalprävention des WEISSEN RINGS
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