„Wer will mir sagen, wieviel Prozent ich leide?“
Astrid Passin verlor beim Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz ihren Vater. In einer bewegenden Rede schilderte sie, wie der Staat im Umgang mit den Opfern und ihren Angehörigen versagte.

Foto: Christoph Soeder/ WEISSER RING
Astrid Passin hat 2016 beim Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz ihren Vater verloren. Bei der vom WEISSEN RING ausgerichteten Victim Support Europe (VSE) Conference im Juni 2023 in Berlin schilderte sie in einer beeindruckenden Rede, welche Fragen aufkamen, wie die Reaktionen von Politik, Presse und Behörden ausfielen und vor allem: Was dies alles für sie und die vielen anderen Betroffenen bedeutete.

Astrid Passin sprach im Juni 2023 auf dem VSE-Congress in Berlin über ihre Erfahrungen als Angehörige eines Terror-Opfers. (Foto: C. J. Ahlers)
Spurensuche.
„Nur ein einziger Tag im Leben, der alles komplett auf den Kopf stellt und verdreht. Nie zuvor hat uns ein Ereignis dermaßen verändert und haben sich Prioritäten so schonungslos verschoben. Lassen Sie mich diesem Vortrag einen Namen geben, um zu verdeutlichen, wie komplex es ist, in einem Fall von Terrorismus persönlich involviert zu sein: Spurensuche.
Eine Spurensuche, auf die ich mich begeben habe, nachdem ich am 19. Dezember 2016 meinen Papa auf dem Weihnachtsmarkt verlor, als ein Lkw über den zentral gelegenen Breitscheidplatz Berlins raste und viele Menschen Opfer dieses schwersten islamistischen Terroranschlags auf deutschem Boden wurden. Ein schwarzer Koloss, der binnen Sekunden die Herzen vieler getötet oder für immer zerrissen hat. Erst zwölf, dann wurden es fünf Jahre später 13 Opfer, die die Tat nach sich zog – mit dem Kreis der Hinterbliebenen und zahlreichen Verletzten, die in dem Fall eingebunden sind. Ein grober Umriss, der sich im Detail als so brisant und umfangreich darstellt, dass es Stunden bedürfte, um hier wiederzugeben, welches Ausmaß dieser Anschlag nicht nur uns angenommen hat, sondern wie er für Deutschland, Europa und international an Bedeutung gewonnen hat. Eine Kette des Krieges, von der wir global überfallen worden sind. Und hier stecke ich nun fest. Ich bin mittendrin. Mich hat es getroffen, meine Familie, mein Leben – und das Leben hunderter Angehöriger, Überlebender, Helfer und die zivile Gesellschaft.
Spurensuche.
Weihnachten 2016. Im Refugium der Gedächtniskirche aufgenommen, begann der Blick zu schweifen. Tränen, Verbitterung, Trauer und Fassungslosigkeit. Hier begann es. Seither ist das Fest der Liebe geprägt von diesem Tag der Schwerelosigkeit, in der man sich befindet. Man spürt nur diesen Verlust, Angst und völlige Ratlosigkeit. Mein Körper gehört nicht mehr zu mir – er macht was er will, und ich kann es nicht beeinflussen. Was ist das? Was passiert mit mir und warum bin ich hier?
Es war ein Terrorakt! Es war Massenmord! Tausende Lichter auf dem Breitscheidplatz, brennende Kerzen und Weihnachtszauber – welch ein Gegensatz! Die Opfer sind nicht „gestorben“– sie sind brutal getötet worden! Seit einem Tag wissen wir nun, wir sind betroffen. Es war ein ewiges Zittern, um diese Erkenntnis zu erlangen, 72 Stunden nach der Tat kam die endgültige Bestätigung: Mein Papa ist unter den Opfern! Ich fühle mich gefangen, bedroht und hilflos. Plötzlich erscheint es völlig surreal: Deutschland als Staat, die Politik, Nachrichtendienste, die Presse und die Öffentlichkeit schauen auf uns. Wir müssen begreifen lernen, dabei stehen wir völlig unter Schock. In stiller und fast heimlicher Manier fliehend vor möglichen Fragen, auf die es keine Antworten gibt.
Das, wovor ich damals die größte Angst hatte: Wie erkläre ich es meinem Kind? Als Mutter bin ich doch stark, wissend und voller Verantwortung – aber in dem Moment war ich alles andere als das. Eine Empfehlung des Sozialpsychiatrischen Dienstes: „Sagen Sie doch, Ihr Vater sei jetzt lange im Krankenhaus!“ Und dann? Ich kann das nicht…
„Ich kam einfach nicht mehr hoch,
Es ist wie Sterben auf Raten,
Jeden Morgen hoffte ich, dass ich nur geträumt habe,
Ich habe kein Leben mehr und fühle mich überfordert.“
Aber: Etwas hat mich angetrieben. Das Wissen um zahlreiche Familien, denen es ähnlich geht – einen Verlust hinzunehmen und irgendwie weitermachen. Die Gruppe der Angehörigen war verbunden. Ich war mir sicher, das ist die beste Möglichkeit, um sich von schweren Emotionen befreien und mitteilen zu können. Es dauerte Monate, bis sich alle fanden und nunmehr geschlossen agierten. Ich fühlte mich sogleich in der Lage, uns vorsichtig durch diese Zeit zu tragen, und das Ausmaß der individuellen Schicksale wurde immer deutlicher.
Spurensuche.
Nun wissen wir: Wartesituationen werden zum Horror.
Unser Trauma spaltet sich in mehrere Reaktionen: Es ist wie eine Flucht, wir erstarren wie bei einer Lähmung oder wir werden aggressiv und wütend. Alles spezielle Phänomene, die wir vorher nie so von uns kannten, geschweige denn über die wir aufgeklärt worden waren. Zum Beispiel, was eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) bedeutet, was sie beinhaltet und was da mit uns passiert. Nur ein Drittel der Betroffenen hat zuvor etwas davon gehört. So ist es ein fataler und misslicher Umstand, wenn im Schnitt die Therapien erst nach zwölf Monaten begonnen werden können, somit kann die PTBS schon chronisch sein, weil sie sich bereits im Körper manifestiert hat.
Man kann verstummen und plötzlich versagt der ganze Sprachautomat. Oder: Man „friert“ ein, der gesamte Bewegungsapparat scheint außer Gefecht, und es kommt zu unkontrolliertem Zucken oder Zittern, bis hin zur Lähmung in Armen oder Beinen. Es gibt Betroffene, in Rollstühlen sitzend, an Krücken laufend, monatelang im Koma liegend oder es fehlen sogar Gliedmaßen.
Sie wachen auf und wollen nicht mehr. Sie sind isoliert, monate– oder sogar jahrelang, und teilweise einer Sucht verfallen. Mit Tabletten, Drogen oder Alkohol verbannen sie sich in eine heile Welt, um sich zu ertragen. Wie lange ergeben wir uns diesem Umstand? Wie lange braucht es, um sich aus diesem Dilemma zu befreien, wenn es überhaupt möglich ist? Natürlich spalten sich diese Besonderheiten in unterschiedliche Richtungen und Ausprägungen, aber es gibt sie, und es bedarf professioneller Hilfe.

Der Anschlag, der alles veränderte
Am 19. Dezember 2016 steuerte ein islamistischer Terrorist einen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz. 13 Menschen starben. Der Anschlag veränderte die Arbeit des WEISSEN RINGS.
Welche Maßnahmen erhalte ich und wohin kann ich mich wenden? Beginnend schien alles in völligem Chaos verschwunden zu sein. Was bin ich? Hinterbliebener, Angehöriger, Ersthelfer, Zeuge, Überlebender – wo ordnet man mich ein? Wer ist für mich zuständig und was bedeuten diese Zuordnungen letztendlich für zukünftige Bescheide? Ich bin noch völlig desorientiert und fahrig. Ich bin dienstunfähig, muss zu einem Arzt – oder doch lieber gleich in ein Krankenhaus?
Spurensuche.
Wen muss ich informieren? Wen möchte ich informieren? Die Familie, Freunde, Arbeitskollegen, Kunden, Vorgesetzten, meine Universität oder Schule? Meine Handelspartner, Firmen, Versicherungsvertreter, meinen Sport– oder Freizeitverband? Wie gehe ich vor? Was mache ich zuerst? Telefonieren? Ohne Stimme, mit zitternder Stimme – oder lieber schreiben? Ich kann nicht mal einen Stift halten, geschweige denn, mit den Augen sehen, weil ich ständig von Tränen überfallen werde. Was hat Vorrang? Was ist wichtig? Die Berufsgenossenschaft, das Jobcenter, die Krankenkasse, das Versorgungsamt, die Rentenkasse oder die Unfallkasse? Dann war da noch eine Verkehrsunfallversicherung und ein Opferbeauftragter des Landes Berlin und der Opferverband. Es gibt einen Opferverband? Was macht der? Gehöre ich dazu? Wozu zähle ich? Bin ich Opfer von Gewalt, obwohl es ein Terrorist war?
Die Auskunft war doch: Es wird wie ein Verkehrsunfall gewertet, weil ein Lkw laut Gesetz nicht als Tatwaffe galt. Oder doch lieber gleich einen Rechtsanwalt? Habe ich überhaupt eine Versicherung? Was brauche ich? Einen Anwalt für Strafrecht, Sozialrecht, Medizinrecht, Arbeitsrecht, Familienrecht, Erbrecht – oder am besten: einer für alles?! Wie kann ich das bezahlen? Muss ich das bezahlen? Ich bin doch nicht schuld!
Woher bekomme ich die nötigen Auskünfte? Ich muss mich doch erst um die Formalitäten meines Angehörigen kümmern. Die Wohnung oder ein Haus auflösen. Abmelden, kündigen und dann noch die Bestattung! Aber wohin? Welche junge Frau oder junges Ehepaar hatte denn dafür vorgesorgt? Noch eine Versicherung? Eine? Welche Umstände erwarten mich hier? Ich kann die Wohnung gar nicht betreten. Leere. Stille. Ich kann nicht, aber ich muss!
Ich brauche einen Arzt. Aber welchen? Allgemein? Ich brauche doch einen Facharzt! Einen Psychologen, Neurologen oder lieber einen Orthopäden, weil ich solche Schmerzen habe?! Schmerzen, wie ein dauerhafter Dolch im Rücken. Ein Kraftwerk hämmert in meinem Schädel, das nicht zur Ruhe kommt. Tag und Nacht – immer gleich. Jahrelang. Wer hört mir jetzt zu – und kann ich überhaupt allein dorthin? Versteht mich überhaupt jemand? Nein! „Sie sind ja besonders empfindlich.“ Ich will gar nicht mehr raus und möchte mich am liebsten gar nicht mehr bewegen.
Und dann: Es klingelt das Telefon. Mehrmals. Ich möchte nichts sagen. Ist es die Polizei? Die Presse? Steht schon jemand vor meiner Tür? Und immer wieder der Gedanke: Es war ein Terroranschlag! Am liebsten verstecken, im Dunkeln sein und einfach nichts machen müssen. Womit habe ich es hier zu tun? Den Fernseher kann ich auch nicht anmachen, zu viele Bilder, Dokumentationen, Berichte mit Vermutungen, mit dem Tatort und dem mutmaßlichen Terroristen. Bilder, die ich nicht ertrage und auch nicht sehen will.
Viele Hinweise erhält man doch über das Internet. Über soziale Netzwerke oder Webseiten, aber vorerst interessiert mich: nichts. Einfach nur Ruhe; aber der Druck wächst. Wir möchten wissen was passiert ist…
Spurensuche.
Doch was nehme ich wahr? Wo ist die Politik? Warum reagiert hier keiner? Die Senatsverwaltung? Der Bürgermeister? Das Bundesamt für Justiz, das Innenministerium? Das Bundeskanzleramt oder das Präsidialamt? Es schien, als wären die Behörden im Winterschlaf und die Referate nur bedingt besetzt – in „Urlaubsvertretung“. Und wir? Wer kümmert sich um uns? Wer steht uns bei? Ich muss meine Kräfte mobilisieren und frage mich durch. Nach drei Wochen der erste Brief: vom Außenminister. Toll! Sollen wir jetzt Danke sagen? Nach drei Monaten meldet sich der Bürgermeister von Berlin, wir sind verwirrt, warum erst jetzt? Derweil fragt man sich, warum es keine Bilder unserer Opfer gab.
Wir haben es so entschieden, da sich die Umstände so misslich aneinanderreihten. Aus dieser Deckung heraus, versuchte ich eine Gesamt–Traueranzeige zu entwickeln. Aber in welchem Medium? So wäre es doch ein deutliches Zeichen, ohne Spekulationen und Vermutungen. „Das geht so aber nicht!“, waren die Antworten. Hingegen wurde groß und breitflächig gezeigt: der Terrorist! Jedes Kind kennt seinen Namen. Wir verstehen: Das ist also der pietätlose Umgang der Presse, und wie geschmacklos auch Fotos im Internet geteilt wurden. Einfach schauderhaft!
Spurensuche.
Ich kann einen Antrag stellen. Es türmen sich Fachbegriffe: Schockpauschale. Hinterbliebene 1. Grades erhielten hierzulande 10.000 Euro. Was ersetzen 10.000 Euro, wenn ich nicht mehr arbeiten kann, wenn ich alle Kosten aufrechne, um diese Zeit zu überleben? Fast alle, die in diese Situation geraten, stehen einer ungewissen finanziellen Krise gegenüber.
Die gleiche Frage ergab sich nach 9/11. Wie bemesse ich den Wert eines Menschenlebens? Woran orientiert man sich? Spielen Status, Einkommen oder Bildungsgrad eine Rolle? Es kam vor, dass Betroffene ihre Spenden und Schockpauschalen für ihre juristischen Vertreter verwenden mussten. Für einige Betroffene waren der WEISSE RING und einfühlsame Seelsorger eine erste große Stütze. Gemeinsam organisierten wir Treffen, um unsere Perspektive zu verdeutlichen und uns auszutauschen. Dafür bin ich bis heute sehr dankbar.
Das Landesamt für Versorgung bot eine Erstattung für die Beisetzung, welcher bei 1.400 Euro lag. Bitte was? Wen soll ich damit beerdigen? Bezeichnungen wie GdS (Grad der Schädigung), GdB (Grad der Behinderung), MdE (Minderung der Erwerbsfähigkeit), OEG (Opferentschädigungsgesetz), BVG (Bundesversorgungsgesetz), SGB (Sozialgesetzbuch) flogen uns um die Ohren. Alles schön erklärt mit Paragrafen, die kaum mehr Juristen auseinanderhalten können. Mittlerweile könnte ich einen Rap Song daraus machen. Jetzt lachen Sie wahrscheinlich, das können Sie auch, aber das ist ein typisch deutsches Syndrom: Beamtenmentalität in Reinkultur!
Auf unseren Nachdruck hin stockte man die sogenannte Schockpauschale auf 30.000 Euro, die Kosten für die Beerdigung auf 1.700 Euro. Danke! Und wenn wir schon bei diesen Zahlen sind: Dem GdS unterliegt eine prozentuale Bewertung von null bis 100 Prozent. Heißt, wir sprechen hier von null bis etwa 600 Euro monatliche Opferentschädigungsrente – wenn man überhaupt anerkannt wird. Einer hinterbliebenen Mutter wurden diese Leistungen sogar verwehrt. Die Begründung: „Kein messbarer Grad der Schädigungsfolgen, die Gesundheitsstörungen seien verheilt, mit der Empfehlung einen Antrag auf Feststellung einer Behinderung zu stellen.“
Auch, wenn ich lese: „Zwischen dem Schädigungstatbestand und dem Schaden bei Dritten muss eine gewisse Nähe bestehen“, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Das Absurde: Es wird ein vom Versorgungsamt abhängiges Gutachten erstellt, wobei ein „Psychologe“ eine Untersuchung vornimmt, mit einer durchschnittlichen Dauer von 150 Minuten, das heißt mindestens 20 Minuten bis maximal fünf Stunden. Eine Untersuchung, die sich mit solchen Originaltönen der Untersuchten wiedergeben lässt:
„Schlecht, erschöpft, geweint, verwirrt, große Übelkeit, Kopfschmerzen.“
„Ich fühlte mich zurückversetzt in die Nacht vom Anschlag.“
„Sehr stressig, schwierig zur Ruhe zu kommen, eine Atmosphäre von Druck.“
„Für mich viel zu anstrengend und ich fühlte mich nicht verstanden, mein Körper rebellierte jedes Mal durch Zittern, übergeben…“
„Fühlte mich in die Zange genommen, bemerkte körperliche Symptome.“
„Ich hatte Flashbacks, Hustenanfall, Panik, Angst“
Die Gutachten werden zu 90 Prozent eher als Verhöre beschrieben, die Anzahl dieser Untersuchungen liegen im Durchschnitt bei 3,3 Terminen, mindestens ein bis maximal acht „Vernehmungen“. Die Betroffenen haben große Angst vor diesen Terminen und fühlen sich so, als müssten sie sich für ihr Erlebtes noch rechtfertigen und werden teilweise als Simulanten dargestellt. Das teilweise Bohren in der Kindheit und bewusstes Suchen von schwerwiegenden Ereignissen in der Zeit vor dem Anschlag, wird gern als Begründung hergenommen, um den kausalen Zusammenhang mit dem Terroranschlag ausschließen zu können. Inzwischen sollte jedem Experten klar sein, dass diese Dimension so außergewöhnliche und massive Veränderungen im Leben eines Betroffenen auslösen, die sich wirklich nur mit Kriegserlebnissen vergleichen lassen. Schlachtfelder, die sich in die Seelen der Opfer manifestiert haben und nicht mehr wegzudenken sind. Wer will mir sagen, wieviel Prozent ich leide? Mittlerweile landeten zahlreiche Fälle vor dem Sozialgericht, weil die Betroffenen ihre Rechte nicht mehr anders durchgesetzt sehen. Unabhängige Gutachten werden nicht zugelassen und abgelehnt. Wo befinden wir hier uns? Unser Staat scheint für uns zu bröckeln und die Sicherheit, die er uns immer versprach, zerfallen wie kleine Scherben.
Offen gingen wir mit diesem merkwürdigen Umgang der Behörden und Politiker um. Sie schienen teilweise selbst unwissend, unsicher und desorientiert. Mit dieser Kritik konnte erstmalig ein Opferbeauftragter der Bundesrepublik Deutschland ernannt werden, welcher sich um die Belange Betroffener im Inland einsetzte. Ein Politiker?! Sollte es nicht eine neutrale Instanz sein, die unabhängig ihre Dienste ausübt? Reicht das Argument, dass dieser Beauftragte unsere Anliegen im Bundestag besser vertreten könne? Und für welchen Zeitraum ist er im Amt? Der erste Opferbeauftragte des Bundes war es ein Jahr, dann vier Jahre, wann der nächste Wechsel kommt, wissen wir jetzt noch nicht. Jeder Wechsel macht es für beide Seiten schwieriger, in ein Vertrauensverhältnis zu kommen.
Im Jahr 2019 kam es zu einer Gesetzesänderung, zur Modernisierung des Strafverfahrens.
in Bezug auf die „Bündelung der Nebenklage“. Der Bundesrat stimmte einer Reform zu, welche von dem Opferbeauftragten des Bundes, des Landes, dem Anwaltsverein und uns nicht gebilligt wurde. Vehement versuchten wir, diesen Prozess aufzuhalten und die Politik davon zu überzeugen, dass wir damit eine massive Verschlechterung erfahren. Keine Chance! Somit hat auch das Mandat nichts genützt, denn die Politik fuhr konsequent ihr Vorhaben ins Ziel – und wir sehen uns massiv in unseren Rechten als Opfer von Terrorismus eingeschränkt.
Spurensuche.
Noch im ersten Jahr nach dem Terroranschlag war uns klar: Wir brauchen einen Gedenkort! An dieser Stelle wurde auf der Überholspur ein Ort des Erinnerns geschaffen. Dank der Koordinierung zwischen uns und den Behörden ist dies sogar möglich geworden. Die Stufen mit dem goldenen Riss werden zum Mahnmal. 13 Namen zieren nunmehr diesen Ort, der so viel Leid brachte – und dennoch heute ein Zeichen setzen kann, sich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen und Fragen zu stellen.
Und was ist mit denen, die keinen Gedenkort haben? Die außerhalb des Landes Opfer von Terror wurden und keine Unterstützung erfuhren, ja, sogar abgelehnt wurde, da es in Deutschland keine Zuständigkeit gebe. Wie sollen sie mit der Sprache, den Behörden und Gepflogenheiten des anderen Landes umgehen? Wer vermittelt und trägt diese Betroffenen durch ihr Leid, welches sich nicht von unserem unterscheidet?
Ein Besuch in Brüssel eröffnete mir dagegen Welten. Ich nahm erstmalig an dem europäischen Gedenktag teil und nahm eine sehr emotionale, würdige Veranstaltung wahr. Ich fühlte mich aufgefangen, verstanden und motiviert, mich für Opferrechte einzusetzen und fand meine Profession. Ich wirke seither in den Expertengruppen für die Opfer von Terrorismus mit und empfinde Stolz dabei, dass ich einen aktiven Beitrag zur Veränderung leisten kann, um die Situation der Betroffenen zu verbessern. So, wie ich es auch ganz individuell mache – in dem ich direkt Hilfe leiste – leise Gespräche führe, Angehörige und Ersthelfer ganz persönlich unterstütze und sie überzeugen kann, auch durchzuhalten, wenn es noch so ausweglos erscheint.
Dank Victim Support Europe und anderen europäischen Organisationen, die sich für die Rechte der Opfer einsetzen, können wir diesen Prozess optimieren und voneinander lernen.
Ich habe in Deutschland alle Fraktionen und Behörden besucht und konnte Richtlinien vorlegen, die auf EU–Ebene mithilfe aller Beteiligten entwickelt wurden. Ich durchlief das Kanzleramt, das Bundespräsidialamt, die Versorgungsämter, Landes– und Bundesbehörden. Somit verfolgte ich bald das Ziel, auch in Deutschland einen nationalen Gedenktag zu entwickeln. Zunächst stieß ich auf Blockadehaltung – man würde den Terror damit noch mehr forcieren. Aber ich ließ nicht locker und meine Intentionen wurden immer stärker, je mehr Opfer von Terrorismus ich kennenlernte. Angehörige von den Anschlägen der RAF, dem Oktoberfestattentat 1980, NSU, Istanbul, Nizza, Brüssel, der Landshut–Entführung in Mogadischu 1977, Ägypten, Tunesien und zahlreiche Betroffene weltweit, deren Vielzahl in der Gesamtheit erschreckend ist. Unser Leid gleicht sich, wie die Schmerzen und Trauer, die wir jeden Tag spüren – egal, wann der Anschlag stattfand.
Auch in New York ist mit dem internationalen Gedenktag den Opfern von Terrorismus weltweit ein Zeichen gesetzt worden. Dort konnte ich erstmalig im Hauptquartier der Vereinten Nationen die deutsche Perspektive vertreten und habe somit die beste Grundlage, die dortigen Erkenntnisse nach Deutschland zu tragen und hier einzubringen.
Folgende Punkte sollten im Hinblick auf Victims of Terrorism berücksichtigt werden:
- Das Motiv bei einem Terroranschlag ist ein ideologisches, politische Ziele sollen erreicht und möglichst viele Opfer getroffen werden. Bei einem allgemeinen Verbrechen ist das Motiv wirtschaftlich oder persönlich motiviert. Wir wurden Opfer einer Aktivität, die gegen den Staat gerichtet war, womit ihm die volle Verantwortung und Pflicht obliegt, auf besondere Weise für die Familien der Opfer und Hinterbliebenen und Verletzten zu sorgen.
- Mit den weltweiten Aktivitäten von Terroristen kommt es zu Rekrutierungen von IS–Anhängern in einem Staat, in dem sie ausgebildet werden und in Drittstaaten eingesetzt werden. Diese Merkmale bedürfen einer anderen Handlungsweise. Durch die undurchsichtigen und modifizierten Strukturen wird es für die Exekutive schwieriger, alle Mitglieder zu enttarnen und Terroranschläge zu vereiteln.
- Es braucht einen Opferbeauftragten der Bundesrepublik Deutschland für Opfer von Terrorismus im Ausland, der auch für den nichteuropäischen Raum zuständig ist.
- Es braucht einen nationalen Gedenkort, um allen Opfern die entsprechende Wertschätzung erfahren zu lassen.
- Es müssen globale Abkommen zwischen EU– und Nicht EU– Staaten entwickelt werden, mit denen Entschädigungen zwischen den Ländern erfolgen können.
- Das bezieht sich auch auf die Möglichkeit, dass deutsche Staatsbürger an Strafprozessen im Ausland (EU, Nicht EU) teilnehmen können und eine Transparenz der dortigen Behörden zu gewährleisten ist.
- Wenn überhaupt noch ein Feststellungsverfahren sinnvoll erscheint, dann muss der Grad der Schädigung infolge eines Terroranschlages wissenschaftlich fundiert sein. Es kann nicht sein, dass bei den Betroffenen versucht wird, den GdS zu drücken, indem das Leiden auf einen konstruierten Vorschaden zurückgeführt wird.
- Die Begutachtungen unterliegen Leitlinien, nachdem diese auch durchgeführt werden müssen, mit dem Erfordernis einer ausreichenden fachlichen Qualifikation eines PTBS–erfahrenen Psychotherapeuten oder Arztes zu struktureller Dissoziation.
- Eine Leistungspflicht der Versorgungsämter sollte automatisch klar sein, zudem es sich hierbei nur um geringfügige Zahlungen handelt. Alle durch Terror invalide Gewordenen haben ein Anrecht auf eine volle Rente.
- Schulungen für Behördenmitarbeiter werden zum Beispiel intern bei den Berufsgenossenschaften gemacht, dabei sollten sie an neutraler Stelle erfolgen. Solange Versorgungsämter wie Unternehmen funktionieren, agieren sie mit einem wirtschaftlich orientierten Prinzip, welches für diese Zwecke völlig ungeeignet ist.
- Es ist unabdingbar, dass die Mitarbeiter der zuständigen Behörden, Institutionen und Gerichte sich entsprechenden Schulungen unterziehen, um in der Lage zu sein, verständnisvoll und vor allem leidensgerecht und unbürokratisch mit traumatisierten Menschen umzugehen.
- Es müssen kostenlos juristische Berater zur Seite gestellt werden, da die Betroffenen aufgrund ihrer Traumatisierung und der damit verbundenen Einschränkungen nicht in der Lage sind und keine Kraft haben, ihre Interessen ohne Hilfe adäquat zu vertreten.
- Die Zeit der Behandlungsdauer darf nicht begrenzt werden.
Lassen Sie mich die Spurensuche mit einem Gedicht von Hermann Hesse beenden:
Geduld ist das Schwerste und das Einzige, was zu lernen sich lohnt.
Alle Natur, alles Wachstum, aller Friede, alles Gedeihen und Schöne in der Welt beruht auf Geduld,
braucht Zeit, braucht Stille, braucht Vertrauen.
Die Frage der Unterstützung von Terroropfern darf keine Frage des Budgets sein, sondern ist eine Frage der Politik und Einstellung.
Folgen Sie Ihrem Herz, denn das möchten wir spüren!“
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