„Wir sind die Stimme der Opfer“

Aktuell steht Barbara Richstein als Bundesvorsitzende an der Spitze des WEISSEN RINGS, vor ihr prägten Dr. Patrick Liesching, Jörg Ziercke und Roswitha Müller-Piepenkötter den Verein. Das WEISSER RING Magazin hat die vier erstmals an einen Tisch gebracht. Ein Gespräch über bleibende Erfahrungen, große Veränderungen, Erfolge, Krisen und den Weg in die Zukunft.

Erstmals gemeinsam im Interview: Vier (Ex-)Vorsitzende des WEISSEN RINGS sprechen über Erfahrungen, Wandel und den Weg in die Zukunft. (v.l.n.r.: Jörg Ziercke, Barbara Richstein, Roswitha Müller-Piepenkötter und Dr. Patrick Liesching)

Haben Sie schon mal zusammen an einem Tisch gesessen und sich ausgetauscht?

Richstein: Wir haben uns bei Bundesvorstandssitzungen getroffen. Aber da gibt es wie im Parlament eine festgelegte Sitzordnung, bei der wir nicht an einem Tisch saßen. Ich glaube, beim Abendessen war das ebenfalls nicht der Fall.

Ziercke: Als „Ältestenrat“ haben wir auch noch nie zusammengesessen. (alle lachen)

Dann ist das hier eine Premiere, schön. Wie sind Sie eigentlich zum WEISSEN RING gekommen?

Liesching: Erstmals bin ich 2005 mit dem Verein als Richter in Berührung gekommen. Bei zwei Prozessen, die mich auch persönlich angefasst haben, weil die Taten die Betroffenen völlig aus der Bahn geworfen hatten. In einem Fall ging es um sexuellen Missbrauch, im anderen um einen versuchten Femizid. Die Opfer berichteten, wie der WEISSE RING sie unterstützte, für die Tatortreinigung in der Wohnung sorgte, für den Umzug, die psychologische Betreuung der Kinder. Das fand ich gut, da wollte ich dabei sein. Angefangen habe ich als ehrenamtlicher Mitarbeiter, aber natürlich nur bei Opferfällen, mit denen ich als Richter nicht in Berührung hätte kommen können.

Ziercke: Auf den WEISSEN RING aufmerksam geworden bin ich Mitte der 90er-Jahre als Leiter der Polizeiabteilung im schleswig-holsteinischen Innenministerium, bei einem Antrittsbesuch des Landesvorsitzenden. Schon damals schätzte ich die Arbeit des Vereins. Ich habe die Polizeiführung gebeten, dass die Polizei Opfer auf den WEISSEN RING aktiv aufmerksam macht und Kontaktdaten weitergibt.

Richstein: Ich bin 2001 als rechtspolitische Sprecherin im brandenburgischen Landtag zum Opferforum nach Mainz gefahren und fand die Veranstaltung fachlich interessant. Spontan kam mir die Idee, in den Verein einzutreten, aber ich wollte mich versichern, ob das wirklich ein guter Verein ist und habe meine Schwester angerufen, die schon länger Mitglied war. Sie bestärkte mich.

Müller-Piepenkötter: Zu meinen Schwerpunkten als Justizministerin in Nordrhein-Westfalen gehörten Prävention und Opferschutz. Der WEISSE RING war erster Ansprechpartner und Mitglied der von mir ins Leben gerufenen Expertengruppe Opferschutz und des Landespräventionsrates. Später, kurz vor dem Ende meiner Amtszeit, habe ich nicht lange gezögert, als mich der damalige Landesvorsitzende für den Bundesvorsitz gewinnen wollte. Es passte einfach.

Dr. Patrick Liesching ist stellvertretender Bundesvorsitzender des WEISSEN RINGS, von 2022 bis 2024 war er Bundesvorsitzender. Er ist Präsident des Landgerichts Fulda.

Hat Sie, Herr Liesching, die in der Opferhilfe notwendige Dokumentation nicht abgeschreckt?

Liesching: Nein, weil es lange nicht so schlimm war wie bei der Justiz (lacht). Ich habe die Außenstelle sehr gerne unterstützt. Und bin dann tiefer in den Verein gerutscht: In Hessen gab es damals ein wenig „Ramba Zamba“, mit einem streitbaren Landesvorsitzenden. Ich wurde sein Stellvertreter und habe versucht auszugleichen. Eines Tages rief Roswitha Müller-Piepenkötter an und fragte mich, ob ich mir vorstellen könne Landeschef zu werden. „Bin ich nicht meinem Vorsitzenden gegenüber zur Loyalität verpflichtet?“, meinte ich. Ihre Erwiderung überzeugte mich: „Ihre Loyalität hat dem Verein zu gelten.“

Welche ersten Eindrücke haben sich bei den anderen eingeprägt? Gab es etwas, das Sie überrascht hat?

Müller-Piepenkötter: Mich hat erstaunt, wie intensiv die Aus- und Fortbildung der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist. Sie sind keine Therapeuten, aber zum Beispiel in der Gesprächsführung mit Opfern sehr gut geschult.

Richstein: Überraschend fand ich, dass der WEISSE RING kein typisches Vereinsleben hat und seinen Blick stärker auf die aktiven Ehrenamtlichen richtet, nicht so sehr auf die „passiven“ Mitglieder. Es ist wichtig, sie einzubeziehen. Deshalb haben wir in Brandenburg beispielsweise alle Mitglieder zum Tag der Kriminalitätsopfer eingeladen.

Der Verein ist durch Krisen gegangen. Im Hochsauerlandkreis wurde ein Außenstellenleiter wegen Vergewaltigung zu einer Haftstrafe verurteilt. Wie haben Sie den Fall erlebt?

Ziercke: Nachdem wir im Hochsauerlandkreis die wichtigsten Informationen zusammengetragen hatten, wussten wir, wie schwerwiegend der Fall war, und dass es wohl auch strafrechtliche Folgen geben würde. Uns war klar, dass wir hart durchgreifen müssen.

Roswitha Müller-Piepenkötter war von 2010 bis 2018 Bundesvorsitzende des WEISSEN RINGS. Zuvor war sie fünf Jahre lang nordrheinwestfälische Justizministerin.

Der WEISSE RING entband den Leiter der Außenstelle Hochsauerlandkreis von seinen Aufgaben und erstattete Anzeige. Die Vorgänge sind vom Verein aufgearbeitet und auf der Homepage veröffentlicht worden.

Müller-Piepenkötter: Seit einem anderen Krisenfall in Lübeck werden weibliche Betroffene von Sexualdelikten im Erstgespräch von einer Opferhelferin betreut. Ist dies in Ausnahmefällen nicht möglich, greift ein Sechs-Augen-Prinzip, sodass mindestens zwei Opferhelfer beim Erstgespräch mit der Betroffenen anwesend sind. Manche betrachteten diesen Schritt zunächst als Misstrauensvotum gegen das Ehrenamt, heute sind die Prinzipien allgemein anerkannt. Sie sollen allen Beteiligten Sicherheit geben. Es ist perfide und unerträglich: Ein Missbrauchsopfer sucht Hilfe, wird manipuliert, fremdbestimmt und missbraucht. In einem anderen Fall „überbetreute“ ein Ehrenamtlicher eine Betroffene, baute eine Machtposition auf. Um so etwas zu verhindern, haben wir Frühwarnsysteme wie die Beschwerdestelle.

Richstein: Neben den bereits genannten haben wir weitere Maßnahmen ergriffen, beispielsweise unabhängige Vertrauenspersonen eingeführt, für Menschen, die sich mit Beschwerden nicht direkt an die Institution WEISSER RING wenden möchten. Zudem sensibilisieren wir unsere Ehrenamtlichen während der Aus- und Fortbildung fortlaufend für das Einhalten von Grenzen.

Eine Herzensangelegenheit

Mehr als 25 Jahre saß Barbara Richstein als Abgeordnete im Brandenburger Landtag, fast genauso lange ist sie Mitglied im WEISSEN RING. Im September 2024 wählten die Delegierten des Vereins sie zur neuen Bundesvorsitzenden. Was möchte sie in den kommenden zwei Jahren als oberste Opferschützerin bewegen? Ein Treffen in Berlin.

Wie will der Verein die aktuellen finanziellen Herausforderungen bewältigen?

Richstein: Wir haben strukturelle Entscheidungen getroffen, um uns langfristig auf eine solide Basis zu stellen, etwa bei den Soforthilfen, aber auch im Hauptamt.

Liesching: Wie andere Organisationen, die sich selbst finanzieren, müssen auch wir Geld mit Bedacht ausgeben. Manche Einnahmen schwanken, etwa die Nachlässe. Wir haben zwar Rücklagen, aber die reichen auf längere Sicht Sicht, um die Defizite aufzufangen. Wir haben etwa 2,2 Millionen Euro für Rechtsberatungsschecks ausgegeben. Die Qualität der Beratung war aber nicht immer gut. Gerade auf dem Land gibt es nicht überall Anwälte, die sich gut mit Opferrechten auskennen. Deshalb testen wir jetzt in einem Pilotprojekt eine anwaltliche Erstberatung mit eigenen, spezialisierten Juristen. Das kostet deutlich weniger Geld und wir versprechen uns davon auch eine Qualitätssteigerung. In unserem hessischen Landesverband gibt es für dieses Projekt große Zustimmung. Außerdem gibt es durch das Sozialgesetzbuch XIV mittlerweile klare Rechtsansprüche, wie beispielsweise die Behandlung in einer Traumaambulanz. Deshalb finanzieren wir lediglich noch in Härtefällen psychotraumatologische Erstberatung – dort, wo keine Traumaambulanzen verfügbar sind. Die Maßnahmen wurden im Verein teils heiß diskutiert.

Richstein: Es ist immer schwierig, wenn man etwas kürzen muss. Die Diskussion ist aber durchaus hilfreich, weil man sich als ehrenamtlicher Mitarbeiter seiner Hauptaufgabe bewusst wird, nämlich Lotse im Hilfesystem zu sein. Die Hilfen des WEISSEN RINGS sind vom Grundsatz schon immer subsidiär zu staatlichen Leistungen. Wir können nicht immer für den Staat einspringen, wenn er eigentlich in der Pflicht ist. Druck auf die Politik auszuüben, dass diese ihrer Pflicht nachkommt, ist unsere Aufgabe. Wir werden zunächst schauen, ob und wie die Maßnahmen funktionieren, und gegebenenfalls nachsteuern. Klar ist: Hilfe für Betroffene steht für den Verein an erster Stelle.

Jörg Ziercke ist Ehrenvorsitzender des WEISSEN RINGS. Er war von 2018 bis 2022 Bundesvorsitzender des Vereins. Von 2004 bis 2014 führte er das Bundeskriminalamt als Präsident.

Der WEISSE RING ist ein großer Verein, der nicht immer leicht zu händeln ist. Es gibt manchmal auch Konflikte. Haben Sie mal darüber nachgedacht, „hinzuschmeißen“?

(Alle schütteln den Kopf.)

Müller-Piepenkötter: Wenn es dem Verein schlecht geht, schmeißt man nicht hin. Wenn es ihm gut geht, hat man keinen Grund dafür (alle lachen). Und aus dem Amt gejagt wurde niemand von uns. Wer bei seinem Amtsantritt denkt, hier – bei knapp 400 Außenstellen – etwas kontrollieren zu können, hat schon einen Fehler gemacht und ist beim WEISSEN RING falsch. In meinem ersten Jahr habe ich viele Außenstellen besucht. Nach drei Monaten sagte mein Mann zu mir, ich wäre als Ministerin auch mal zu Hause gewesen (lacht). Der Kontakt ist ganz wichtig. Um Vertrauen zu gewinnen und Beschlüsse zu erklären. Manchmal, bei Kritik, muss man auch den Kopf hinhalten.

Weshalb sind Sie dem Verein treu geblieben?

Müller-Piepenkötter: Ich war schon immer ein Mensch, der sich eingemischt hat. Egal ob im Allgemeinen Studierendenausschuss oder später im Ministerium. Im Verein geblieben bin ich besonders wegen der interessanten Menschen, die mit Lebensfreude und Empathie diese schwierige Arbeit für Opfer machen.

Liesching: Ich kenne keinen tolleren Verein, außer den VfB Stuttgart vielleicht (lacht). Der allgemeine gesellschaftliche, rechtliche und politische Diskurs bildet sich auch beim WEISSEN RING ab – und man kann ihn mitgestalten, etwas bewegen. Das ist spannend und erfüllend.

Ziercke: Nachdem ich lange auf der Seite war, die den Täter finden musste, war es an der Zeit für mich, die Seite zu wechseln. Und auf der Opferseite zu arbeiten, ist genauso sinnstiftend und erfüllend.

Welche Erfolge haben Ihnen Auftrieb gegeben?

Liesching: Dazu zählt sicherlich die elektronische Fußfessel nach spanischem Modell, die Bundestag und Bundesrat kürzlich zum Schutz vor häuslicher und Partnerschaftsgewalt beschlossen haben. Wir haben diese Idee entwickelt und sie auf die politische Ebene gehoben.

Ziercke: Pro Jahr werden etwa 150 Frauen Opfer von „Partnerschaftsmorden“. Wir haben in unserem Magazin mehrere große Recherchen zum Thema veröffentlicht, darunter den Text „Chronik eines angekündigten Todes“. Es handelte sich um den Fall von Anne, die 2017 gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn Noah getötet wurde. Er zeigte exemplarisch, dass der Staat nicht genug tut, um gefährdete Frauen und Kinder zu schützen. Wir haben diesen und weitere Texte vielen Politikerinnen und Politikern geschickt – und die Einführung der Fußfessel gefordert. Es gab politischen Widerstand. Die Entscheidung für die Fußfessel ist ein wichtiger Schritt nach vorne.

Ein Anruf bei … Jörg Ziercke

Wie sicher ist Deutschland? Ex-BKA-Chef Jörg Ziercke über Cybercrime, Gewalt gegen Frauen und Lücken beim Opferschutz.

Liesching: In Spanien ging die Zahl der Femizide nach Einführung der Fußfessel um etwa 25 Prozent zurück. Ein Grund dürfte dort deren häufige Anordnung gewesen sein, nämlich durchgängig bei etwa 4.000 Männern. Aktuell plant der Bund noch lediglich mit einer niedrigen dreistelligen Zahl. Meine Sorge ist, dass sich so die Femizid-Zahlen kaum senken lassen und die Kritiker behaupten werden: „Seht ihr, die Fessel ist keine wirksame Maßnahme.“ Deshalb müssen wir nicht nur Familiengerichten, sondern auch Strafgerichten ermöglichen, die Aufenthaltsüberwachung anzuordnen. Wir haben hierzu eine konkrete Gesetzesformulierung vorgeschlagen. Technisch wären in Deutschland jedenfalls schon jetzt bis zu 5.000 elektronische Fußfesseln möglich.

Zudem hat der Verein zur Reform der Opferentschädigung beigetragen.

Richstein: Und zu einigen Verbesserungen. So haben Betroffene zum Beispiel Anspruch auf einen Platz in einer Traumaambulanz, Entschädigungszahlungen wurden erhöht. Außerdem wird psychische Gewalt jetzt auch berücksichtigt. Aber da ist noch Luft nach oben. Ein Problem dürfte nach wie vor sein, dass viele Betroffene gar keinen Antrag stellen, auch weil sie das Gesetz nicht kennen.

Barbara Richstein ist seit 2024 Bundesvorsitzende des WEISSEN RINGS. Von 1999 bis 2024 war sie in Brandenburg Landtagsabgeordnete, von 2002 bis 2004 Ministerin der Justiz und für Europaangelegenheiten.

Die aktuelle Recherche unseres Magazins zeigt, dass es in der Praxis weiter Schwierigkeiten gibt. Beispielsweise dauern die Verfahren lange, viele Anträge werden abgelehnt.

Richstein: Erschwerend kommt die hohe Beweislast aufseiten der Opfer hinzu, die ihre Schädigung und Glaubwürdigkeit immer wieder belegen müssen.

Ziercke: Es ist gut, dass wir zu Fortschritten beigetragen haben. Wir finden Gehör bei der Politik, hatten zum SGB XIV auch einen Termin im Kanzleramt. Aber: Wir sind die Stimme der Opfer und bleiben dran. Das Geld in der Staatskasse wird knapper, und die Betroffenen dürfen nicht die Leidtragenden sein. Schon aus unserer OEG-Statistik ging hervor, dass insgesamt unfassbar viele Anträge abgelehnt wurden, wobei das Gefälle zwischen manchen Bundesländern groß war. Wir schauen genau hin, wie sich die Zahlen jetzt entwickeln.

Welche markanten Veränderungen sehen Sie, wenn Sie auf die vergangenen Jahrzehnte zurückblicken?

Richstein: Eine wichtige Rolle spielt die Digitalisierung, etwa beim Erfassen unserer Fälle und in der Kommunikation, aber auch bei den Kriminalitätsphänomenen.

Ziercke: Diese wandeln sich, es kommen neue Formen und Herausforderungen hinzu, etwa durch Künstliche Intelligenz. Als WEISSER RING begleiten wir diese Veränderungen, mit Prävention und Opferhilfe.

Richstein: Wir sind insgesamt etwas moderner, jünger und weiblicher geworden, nicht mehr so männlich dominiert. Dazu hat auch die Gruppe der Jungen Mitarbeitenden beigetragen.

Liesching: Wir haben Landesverbände, in denen ein Viertel der Mitglieder jünger als 35 ist. Und wir sind auch diverser geworden. In der Bundesgeschäftsstelle gab es einen Generationswechsel, und wir sind in der Medienarbeit professioneller geworden.

Ziercke: Die Opferhilfe haben wir konzeptionell immer wieder überarbeitet, nach dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz zum Beispiel einen Leitfaden für Großereignisse entwickelt.

Richstein: Eine weitere wichtige Entscheidung war die Unvereinbarkeitsklausel mit der entsprechenden Präambel in unserer Satzung, um uns vor „gesellschaftlichen Risiken“ zu schützen.

Geschäftsführender Bundesvorstand

Die oder der Bundesvorsitzende ist Teil des Geschäftsführenden Bundesvorstands (GBV), der aus fünf oder sechs Personen besteht. Der GBV gehört zum Bundesvorstand, der ebenfalls von der Bundesdelegiertenversammlung gewählt wird und die Richtlinien für die Arbeit des Vereins vorgibt. Mehr dazu: weisser-ring.de/weisserring/der-verein

Bei der Bundesdelegiertenversammlung 2024 in Frankfurt beschlossen gut 200 Vertreterinnen und Vertreter des Vereins mit einer Mehrheit von 99,5 Prozent der Stimmen eine Satzungsänderung. Es ist seitdem möglich, Mitglieder auszuschließen, wenn sie gegen das Leitbild in der Präambel verstoßen. Dort heißt es, mit der Vereinsarbeit und dem Bekenntnis zum Grundgesetz unvereinbar „sind Intoleranz, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Der Verein tritt radikalen oder extremistischen Bestrebungen sowie jeder Form von Gewalt entgegen“.

Müller-Piepenkötter: Wir haben uns bereits vorher mit Extremismus auseinandergesetzt und uns distanziert. Der Bundesvorstand verurteilte damals, 2018, Rassismus, Antisemitis-mus und Fremdenfeindlichkeit und beschloss einstimmig, dass sich der Verein nicht von extremistischen Parteien instrumentalisieren lässt und keine Spenden von der AfD annimmt. Auslöser war die missbräuchliche Verwendung des Logos des WEISSEN RINGS bei einer Spendensammlung durch einen Ortsverband der Partei.

Ziercke: Das hat uns empört.

Richstein: Wir haben klargemacht, dass wir das Geld nicht annehmen werden.

Weshalb haben Sie sich für die Klausel und die Distanzierung entschieden?

Müller-Piepenkötter: Bei der AfD genügt ein Blick auf Zitate führender Politiker der Partei. Unabhängig von der AfD gilt: Wer sich menschenverachtend äußert oder verhält, passt nicht zu uns, hat bei uns nichts zu suchen.

Auch der WEISSE RING hat Mitglieder verloren. Was lässt sich dagegen tun?

Richstein: Die Landesverbände in Brandenburg und Sachsen-Anhalt wachsen. Ansonsten gehen die Zahlen leider zurück, das ist richtig. Unser Bekanntheitsgrad ist nicht hoch genug. Wir müssen wieder bekannter werden.

Ziercke: Wir waren mal bei 65.000 Mitgliedern. Der Mitgliederschwund hat auch mit dem demografischen Wandel zu tun.

Richstein: Es kommt Nachwuchs nach, aber noch nicht genug.

Müller-Piepenkötter: Bei den jungen Leuten – Betroffenen wie potenziellen Ehrenamtlichen – sind Instagram und andere Plattformen entscheidend.

Richstein: Bei Instagram erreichen wir mittlerweile viele Menschen.

Ziercke: Es ist wichtig, dass wir gesellschaftlich noch präsenter werden, auch bei Veranstaltungen. Und dass wir immer wieder unsere Stimme erheben, auch in Berlin, zum Beispiel in der Bundespressekonferenz die Kriminalstatistik aus Opfersicht einordnen. Kooperationen mit Prominenten, die zu uns passen und sich für uns engagieren, sind eine weitere Möglichkeit. Es gibt eine ganze Reihe anderer, teils spezialisierter Organisationen und
Einrichtungen für Opfer.

Weshalb braucht es den WEISSEN RING noch?

Müller-Piepenkötter: Der Staat kann Menschen, die Opfer einer Straftat geworden sind und in dem Moment die Herrschaft über ihr Leben verloren haben, nicht in dieser Form und diesem Umfang unterstützen. Die Ehrenamtlichen tun dies auf Augenhöhe, aber mit besonderen Kenntnissen aus ihrer jahrelangen Arbeit und Fortbildung und unbürokratisch. Wir sind der qualifizierte Nachbar, der auch sonntagsmorgens helfen kann.

Ziercke: Hinzu kommt die Unabhängigkeit von staatlicher Förderung.

Liesching: Wir sind mit rund 400 Außenstellen auch in der Fläche präsent – wo es nicht so viele Beratungsstellen gibt wie in der Stadt. Dass wir politisch unabhängig sind, hat sich beispielsweise bei der elektronischen Fußfessel gezeigt. Als der damalige Bundesjustizminister Marco Buschmann blockierte, haben wir nicht den Konflikt gescheut, sondern Kritik geübt.

Richstein: Und nicht zuletzt sind wir breit aufgestellt und für alle Betroffenen da – egal ob sie Opfer von häuslicher Gewalt, Cyberkriminalität oder anderen Straftaten geworden sind.