Wie Gewalt im Trash-TV normalisiert wird

Beleidigungen, Manipulation und sexualisierte Gewalt: Im deutschen Reality-TV, auch Trash-TV genannt, werden Grenzen überschritten. Warum ein anderer Umgang mit den verschiedenen Gewaltformen wichtig ist.

Fast täglich laufen auf allen Plattformen, ob im Netz oder im Fernsehen, Reality-TV-Formate. Meist im Mittelpunkt: sogenannte Reality-TV-Darsteller, die seit Jahren an verschiedenen Formaten beteiligt sind. Einige Beispiele aus dem vergangenen Jahr zeigen, wie psychische und sexualisierte Gewalt durch die Darsteller teils ohne Einordnung offen gezeigt werden – ohne Konsequenzen.

Zum Beispiel im Format „Prominent getrennt – Die Villa der Verflossenen“ bei RTL. Dort sprach der Kandidat Felix Davidson darüber, dass Weiblichkeit exklusiv für den Partner sei. Es sei krank, sich als vergebene Frau knapp zu kleiden. Seine Exfreundin berichtete in der Show, dass er sie gezwungen habe, im Bikini nach draußen zu gehen. Sein Kalkül sei gewesen: Aus Scham solle sie sich nicht mehr so freizügig kleiden. Dies alles ließ der Sender zumindest vorerst unkommentiert. Gerechtfertigt hat der Protagonist sich damit, sich aufgrund seiner großen Liebe für seine Expartnerin so verhalten zu haben.

Zwischen Frauenfeindlichkeit und Unterhaltung

Florian Wedell ist Psychologe beim WEISSEN RING in Mainz und kennt solche Verhaltensmuster. Es sei wichtig, Aussagen wie die von Davidson einzuordnen und nicht unkommentiert zu lassen. „Da wird sonst suggeriert, dass das eine Form von Liebe ist, die in Ordnung ist“, sagt er. Eine gesunde Beziehung würde sich aber durch solche Äußerungen nicht ausdrücken. Szenen wie diese würden patriarchale Strukturen transportieren. Der Sender müsse dies benennen. „Die Fraulichkeit sollte exklusiv für die Frau selbst sein.“ In der Show „Temptation Island VIP“ testen die Teilnehmenden, wie treu ihre Partner sind. Der Kandidat Aleks Petrovic spuckte in der Show Frauen Sekt ins Gesicht. Außerdem erzählte er, wie er seine Partnerin zum Sex überredet habe, obwohl sie keine Lust gehabt habe. Nach einer Kritikwelle im Internet reagierte RTL. Danach erschien zu Beginn der genannten Folge eine Warnung: „Diese Folge enthält Darstellungen von emotionalem Druck und toxischen Verhaltensmustern gegenüber Frauen. Diese Szenen können belastend wirken.“

„Es stellt sich die Frage, ob eine Triggerwarnung tatsächlich die Zuschauenden vor einem Schaden bewahrt oder diese nicht auch als Werkzeug genutzt werden könnten, um das Zusehen weiter zu fördern.“

Psychologe Florian Wedell

Triggerwarnung als einfache Lösung

Auf Anfrage des WEISSER RING Magazins zu den genannten Vorfällen antwortete RTL, dass der Schutz der Teilnehmenden höchste Priorität habe. Deshalb gebe es vorab psychologische Checks, Betreuung während der Dreharbeiten und verbindliche
Richtlinien. Hinweise auf jegliche Formen von Gewalt würden ernst genommen, Vorwürfe geprüft und bei bestätigten Grenzverletzungen Maßnahmen bis hin zum Ausschluss ergriffen. „Gleichzeitig bilden Reality-Formate wie ‚Prominent getrennt‘ oder ‚Temptation Island VIP‘ Beziehungskonflikte unter hohem emotionalem Druck ab“, heißt es weiter. RTL blende bewusst polarisierende Verhaltensweisen nicht aus, um nichts zu verharmlosen. Allerdings schreibt der Sender auch, dass er diese einordne. Bei „Temptation Island VIP“ fehlte diese Einordnung zunächst und erfolgte erst nachträglich, bei „Prominent getrennt“ gab es keine. Das Management von Felix Davidson teilte mit, dass er sich nicht äußern wolle; Aleks Petrovic reagierte bis zum Redaktionsschluss nicht auf die Anfrage. In einem Statement auf Instagram hatte er sich entschuldigt: Er habe respektlose und verletzende Dinge gesagt und getan. Es habe jedoch keine sexuellen Übergriffe gegeben, auch habe er niemanden manipuliert, um Intimität zu erzeugen.

Warnhinweise scheinen ein oft genutztes Instrument bei den verantwortlichen Sendern zu sein: Das Format „Forsthaus Rampensau Germany“ der Produktionsfirma Seven.One Entertainment Group wird auf dem eigenen Streaming-Anbieter Joyn ausgestrahlt. Prominente kämpfen dort in Teams um Geld. Hier sprach der Teilnehmer Marc-Robin Wenz über eine Partynacht und nannte die beteiligten Frauen unter anderem Schlampen. Auch berichtete er, wie er ein Getränk über eine Frau geschüttet oder auf den Kopf einer anderen mit seiner Zigarette geascht habe. Der Sender warnt zu Beginn der Folge: „In der nachfolgenden Sendung fallen Aussagen, die ein diskriminierendes Frauenbild widerspiegeln. Joyn distanziert sich ausdrücklich von dieser frauenfeindlichen Haltung. Die Szenen könnten emotional fordernd sein. Bitte schaue die Inhalte nur an, wenn du dich emotional stabil genug fühlst.“

„Wir haben diese Szene und die intensive Debatte unter den Teilnehmenden zu diesen Aussagen gezeigt, um zu zeigen, dass misogyne Haltungen unter jungen Männern noch immer verbreitet sind. Damit wollten wir nicht normalisieren, sondern auf diese Schieflage aufmerksam machen. Das intensive Feedback zeigt, dass dieser Ansatz gelungen ist“, sagt der Seven.One Entertainment-Sprecher Christoph Körfer auf Anfrage. Marc-Robin Wenz war bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen.

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Kaum Konsequenzen für Kandidaten

Der Psychologe Wedell sieht in solchen Warnhinweisen nicht die Lösung für das Problem. „Es stellt sich die Frage, ob eine Triggerwarnung tatsächlich die Zuschauenden vor einem Schaden bewahrt oder diese nicht auch als Werkzeug genutzt werden könnten, um das Zusehen weiter zu fördern“, sagt er. Der Sender stelle nicht klar, von welchen Aussagen er sich konkret distanziert. Ein verantwortungsvoller Umgang sei daher, Vorfälle wie diese von Fachleuten einordnen zu lassen.

Auffällig ist, dass es bei allen geschilderten Vorfällen wenig Konsequenzen gab. Bei körperlicher Gewalt haben Sender schon häufig eingegriffen, die Übergriffe teilweise nicht ausgestrahlt und die Kandidaten aus den Shows entfernt, so etwa bei einem Angriff auf eine Kandidatin durch eine andere bei „Germany´s Next Topmodel“ 2019. Bei Fällen von psychischer und sexualisierter Gewalt blieb dies oft aus. „Dem Gehirn ist es egal, ob ich körperlichen oder psychischen Schmerz erleide“, sagt Wedell. Grund dafür sei, dass das Gehirn körperlichen und sozialen Schaden im gleichen Hirnareal verarbeite. Betroffene erlebten in beiden Fällen Schmerzen und Ängste.

Claudia Paganini ist Medienethikerin und forscht seit Jahren zum Wertesystem im Trash-TV. „Durch die Forschung wissen wir, dass psychische Gewalt für Betroffene oft schlimmer ist als körperliche“, sagt sie. Dass in den Shows von den Sendern oder Produktionsfirmen nicht genug Konsequenzen gezogen werden, sieht sie kritisch. Schließlich sei Trash-TV eine Bühne, auf der moralische Fragen verhandelt würden. Umso wichtiger sei es, dass unmoralisches Verhalten auch benannt und sanktioniert werde.

„Durch die Forschung wissen wir, dass psychische Gewalt für Betroffene oft schlimmer ist als körperliche.“

Medienethikerin Claudia Paganini

Trash-TV ist eine Bühne, auf der moralische Fragen verhandelt werden

Die Wissenschaftlerin bemerkt dennoch eine positive Veränderung bei den Formaten. Früher hätten Werte wie Loyalität und Ehrlichkeit im Fokus gestanden. Heute werde auch über Frauenfeindlichkeit und Mobbing gesprochen. Als Beispiel nennt Paganini die aktuelle „Temptation Island VIP“-Staffel mit Aleks Petrovic. „Frauen, die eigentlich die Männer verführen sollten, um deren Treue zu testen, haben sich mit den Partnerinnen verbündet und kritisierten das Verhalten der vergebenen Männer“, sagt sie.

Auch Florian Wedell ist der Meinung, dass Trash-TV etwas Lehrreiches für das Publikum haben kann. Die Menschen dort seien ein Spiegel der Gesellschaft. Das offene Ansprechen von psychischer und sexualisierter Gewalt könne Zuschauende sensibilisieren. Da es den Sendern aber am Ende darum gehe, Geld zu verdienen, komme dieser Aspekt zu kurz.

Eine Studie aus dem Jahr 2021 von „Psychology of Women Quarterly“ zeigt die negativen Auswirkungen des Konsums von Trash-TV. „Frauen, die im Verlauf eines Studienjahres Trash-TV geschaut haben, haben eine höhere Akzeptanz für sexualisierte Gewalt im Partykontext entwickelt“, sagt Wedell dazu. Das lege den Schluss nahe, dass Trash-TV zu einer indirekten Normalisierung von sexualisierter Gewalt beitragen könne. Die Folgen: Kandidatinnen und Kandidaten erlitten psychische und sexualisierte Gewalt, die ihnen Ängste und Schmerzen bereite, und junge, unreflektierte Zuschauende könnten übergriffige Verhaltensweisen als normal oder gesellschaftlich akzeptiert verstehen und weiter in die Gesellschaft tragen.

Macht und Verantwortung des Publikums

Hier sieht Claudia Paganini das Publikum in der Verantwortung: „Das Publikum ist in der Lage, positive Veränderungsprozesse anzustoßen.“ Die Zuschauenden dürften deshalb keine stummen Voyeure sein, sondern müssten öffentlich Kritik ausdrücken – Stichwort: digitale Zivilcourage.

Ein Blick in die Kommentarspalten entsprechender Formate offenbart bereits eine gewisse Gegenwehr: Fans fordern, dass bestimmte Kandidaten, die seit Jahren negativ auffallen, nicht mehr Teil einer Show sein sollten. Auch bitten sie immer wieder um deutlichere Konsequenzen bei sexualisierter und psychischer Gewalt. 2023 kam es zu einer Petition gegen die Trash-TV-Darstellerin Walentina Doronina, die bekannt ist für ihr provokatives Verhalten. Mehrere Tausend unterzeichneten damals die Petition. Konsequenzen hatte dies für die Darstellerin nicht: Sie ist bis heute immer wieder in Formaten zu sehen.

„Psychische Gewalt ist eine Vorstufe zu physischer Gewalt und sexualisierte Gewalt ist oft das Streben nach Dominanz oder der Ausdruck von Macht über die betroffene Person“, betont Wedell. „Der Mensch ahmt Verhaltensmuster nach, und das Fernsehen hat eine große Macht“, sagt Claudia Paganini. Jegliche Gewalt im Trash-TV dürfe daher nicht unkommentiert bleiben.