Der lange Weg aus dem Trauma

Nach einer Gewalttat sollen Traumaambulanzen Betroffenen schnell psychologische Hilfe bieten. Eine bundesweite Umfrage des WEISSER RING Magazins zeigt jedoch: Viele Einrichtungen kämpfen mit Personalmangel, Finanzierungsproblemen und fehlenden Therapieplätzen für die Zeit nach der Akutversorgung.

Am Nachmittag des 22. Januar 2025 attackiert Enamullah O. im Park Schöntal in Aschaffenburg eine Kindergartengruppe. Er ersticht einen zweijährigen Jungen und einen 41-jährigen Mann, der den Täter aufhalten wollte. Drei weitere Menschen, darunter ein zweijähriges Mädchen, werden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Hinzu kommen tiefe seelische Wunden, auch bei vielen Angehörigen.

Nach der Tat unterstützte Rainer Buss, stellvertretender Leiter der Außenstelle Aschaffenburg des WEISSEN RINGS, mit seinen Kolleginnen und Kollegen etwa 25 Betroffene. Die emotionale Not sei enorm gewesen, sagte er. Eine seiner wichtigsten Aufgaben: dafür zu sorgen, dass die Opfer einen Platz in einer Traumaambulanz bekommen. Der frühere Richter telefonierte viel, informierte und vermittelte.

Nach dem gewaltsamen Tod eines nahestehenden Menschen entwickeln viele Betroffene psychische Probleme, etwa eine Posttraumatische Belastungsstörung, Depression oder anhaltende Trauerstörung. Laut Franziska Lechner-Meichsner, Professorin für Klinisch-Psychologische Intervention an der Bergischen Universität Wuppertal, kann eine frühzeitige Behandlung verhindern, dass sich die Beschwerden verfestigen. Traumaambulanzen sollen schnell helfen, die Betroffenen zu stabilisieren, ihre Symptome einzuordnen und zu lindern. Sie sollen lange Wartezeiten auf einen regulären Psychotherapieplatz überbrücken und eine Chronifizierung verhindern.

Seitdem das Vierzehnte Sozialgesetzbuch (SGB XIV) in Kraft getreten ist, haben Opfer im Rahmen der „Schnellen Hilfen“ ein Recht auf zeitnahe Termine in einer Traumaambulanz. Teilweise, wie in Aschaffenburg, wird der Anspruch erfüllt. Doch in anderen Fällen gibt es Probleme.

Hilfe nach dem Horror

Ein Mann ermordet in Würzburg drei Frauen mit einem Messer. Die Tat bestürzt das ganze Land: Hätte sie verhindert werden können? In unserem Portrait stellen wir zwei Helfer vor, die viel für die Opfer und die Angehörigen getan haben.

Marion Schowalter erinnert sich noch gut an den 25. Juni 2021. Die Sirenen vor dem Fenster ihrer Praxis in der Würzburger Innenstadt hörten nicht auf zu heulen. Am Barbarossaplatz hatte ein Angreifer drei Frauen mit einem Messer getötet und weitere Menschen verletzt. Als Traumatherapeutin kennt sich Marion Schowalter aus mit den Auswirkungen von Gewalttaten. Einer ihrer ersten Gedanken war damals: „Wir haben nicht genug Traumatherapieplätze in der Stadt.“ Schnell war da der Impuls: „Hier müssen wir jetzt was tun!“

Wenige Wochen nach der Attacke öffnete Schowalter die erste Traumaambulanz in Würzburg, damals noch angesiedelt an der Universität. Möglich war das, weil sie direkt nach dem Angriff bei der Stadt anrief und Gehör fand. Ein Spendenaufruf brachte die Mittel, um binnen weniger Wochen therapeutische Fachkräfte in Traumatherapie weiterzubilden. Bald konnte sie mit deren Unterstützung Patienten betreuen.

Ziemlich genau fünf Jahre später empfängt Schowalter im Zentrum für psychische Gesundheit des Universitätsklinikums Würzburg (UKW). Seit zweieinhalb Jahren befindet sich hier die Traumaambulanz. Die Seitentrakte des 70er-Jahre-Gebäudes wurden dafür renoviert. Das Sekretariat und die vier Therapieräume sind minimalistisch und in dezentem Weiß eingerichtet. Der einzige Farbtupfer: die grünen Sessel, auf denen Therapeuten und Patienten Platz nehmen.

Klassisch werden Traumata mit Verhaltenstherapie behandelt. In der Einrichtung in Würzburg bevorzugen die Fachleute eine weitere Methode: Traumaverarbeitung mittels Augenbewegung.

Schnelle Behandlung nötig

„Traumata lassen sich sehr gut therapieren – vor allem, wenn sie schnell behandelt werden“, sagt Schowalter. Die Würzburger Traumaambulanz bietet akut traumatisierten Menschen, die Gewalt erlebt haben, zeitnah und möglichst innerhalb von höchstens zehn Werktagen einen Termin für ein Erstgespräch. Schowalter und ihr Team aus Psychotherapeutinnen und Ärzten betreuen rund 300 Traumapatienten im Jahr; sie kommen vor allem aus Würzburg und der Umgebung, aber auch von weiter her. Je nach Kapazität werden sie hier behandelt, andere an Kolleginnen und Kollegen vermittelt.

„Traumatisierte Opfer haben Ängste und schränken ihr Leben komplett ein“, erklärt Schowalter, die leise, aber bestimmt spricht. „Da kommen immer wieder belastende Bilder hoch.“ Und diese Bilder bringen die Gefühle aus der Situation zurück: Ohnmacht, Schmerz, Schreck, Todesangst, Kontrollverlust und bei sexualisierter Gewalt die Demütigung. Wenn ein Trauma nicht behandelt wird, können Opfer zum Beispiel eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), Flashbacks, Albträume oder Schlafstörungen entwickeln. „Ein Trauma macht einen grundsätzlich verletzlicher für alle psychischen Erkrankungen, darunter Depressionen, Zwangs- und Angststörungen,
Panikattacken sowie Suchterkrankungen“, erklärt Mitarbeiterin Verena Jobst.

Wie Traumaambulanzen besonderen Bedarfsgruppen helfen

Wer Opfer einer Straftat geworden ist, braucht oft schnell psychotherapeutische Hilfe, um das Erlebte zu verarbeiten. Traumaambulanzen spielen dabei eine wichtige Rolle.

Klassisch werden Traumata mit Verhaltenstherapie behandelt. Schowalter und ihr Team bevorzugen eine andere Methode: Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) – Traumaverarbeitung mittels Augenbewegung. Dabei leiten die Fachleute die Patienten an, sich in die Traumasituation hineinzufühlen. Dann richten sie ihren Blick auf das EMDR-Gerät, eine LED-Leiste, in der sich ein Lichtpunkt von links nach rechts bewegt. „Durch die Augenbewegung wird der Verarbeitungsprozess in Gang gesetzt, der Angstreiz gehemmt, das Trauma tritt in den Hintergrund“, sagt Schowalter.

Bei den Betroffenen kommen dann weitere Bilder hoch, Gefühle wie Traurigkeit und Wut. Doch das Gehirn bewertet die Erinnerungen neu, die Bilder verlieren ihren Schrecken, die Belastung nimmt ab. „Ich erlebe oft, dass tröstende oder entlastende Gedanken über das Trauma entstehen: Ich bin nicht schuld.“ Oder: „Ich habe getan, was möglich war.“ Anderthalb Stunden dauert eine EMDR-Sitzung. Statt der Lichtreize kann die Augenbewegung auch durch Handbewegungen des Therapeuten gesteuert werden.

Trotz guter Heilungschancen ist es für Betroffene von Gewalttaten bis heute nicht selbstverständlich, schnell eine Traumatherapie zu erhalten. Schowalter erzählt vom Fall einer Würzburger Studentin, die 2022 in ihrem Wohnheim überfallen worden ist und einen Mordversuch überlebte. Oft warten Opfer bis zum Gerichtsprozess auf Traumatherapie, weil ihnen von der Polizei oder Anwälten fälschlicherweise geraten wird, dass ihre Aussagen vor Gericht sonst als nicht mehr glaubhaft gelten. Das kann Monate, manchmal Jahre dauern.

„Traumata lassen sich gut therapieren – wenn sie schnell behandelt werden.“

Marion Schowalter

„Wenn ein männlicher Pfleger oder Arzt das Zimmer betrat, bekam die Frau Angst“, sagt Schowalter. Nachdem die Polizei die Studentin vernommen hatte, begann eine Kollegin von Schowalter mit der EMDR-Therapie. Die Patientin habe schnell davon profitiert, sagt Schowalter, und sich im Verlauf der Behandlung an ein Lied erinnert, das bei Demonstrationen für Frauenrechte gesungen wird. Eine Zeile daraus lautet „Wir Frauen lassen uns nicht unterkriegen“. „Da hat sie gemerkt: Sie hat überlebt, und so kam sie aus der Opferrolle heraus“, erklärt Schowalter.

Schowalter nahm damals Kontakt zur Anwältin der Frau auf: „Die Behandlung hat ihr, das hat die Patientin so formuliert, das Leben gerettet – und das soll unterlassen werden? Und Opfer sollen mit traumafokussierter Behandlung bis nach dem Strafverfahren warten, was Jahre dauern kann? So werden Opfer noch einmal zum Opfer.“ Mit dem Generalstaatsanwalt in Bamberg entwickelte sie ein Konzept für eine frühzeitige Traumaversorgung von Gewaltopfern. Das sogenannte Würzburger Modell wird seit etwa zwei Jahren angewendet und inzwischen bayernweit umgesetzt.

Traumatisierte Opfer kämpfen immer wieder mit belastenden Bildern. Fachleute erleben es regelmäßig, dass die Betroffenen nach einer Behandlung in der Traumaambulanz auch tröstende Gedanken zulassen können.

Um mehr Patienten versorgen zu können, hat Schowalter ein Traumanetzwerk aufgebaut. Über eine App vermitteln sie und ihr Team Patienten an Kollegen, von denen sie viele weitergebildet hat. Diese Arbeit setzt sie an ihrem Institut für Trauma- und Psychotherapie (ITP) in Würzburg fort. Nun will sie helfen, weitere Traumaambulanzen aufzubauen.

Schowalters Tatendrang ist ansteckend. Als 2022 die Traumaambulanz geschlossen werden sollte, rief sie den Würzburger Oberbürgermeister an und überzeugte ihn von ihrer Arbeit. 2023 wurde die Einrichtung ins UKW integriert.

Wie gut Betroffene Zugang zu dieser Hilfe bekommen, hängt nicht nur vom Engagement einzelner Traumaambulanzen ab. Entscheidend ist, ob die Einrichtungen freie Kapazitäten haben – und wie lange Betroffene auf einen ersten Termin warten müssen. So sagt Jan Hildebrandt vom Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt: „Wir erhalten immer wieder die Rückmeldung von Beratern, dass seit der Einführung des SGB XIV im Jahr 2024 die Wartezeiten in den Traumaambulanzen exorbitant gestiegen sind.“ Habe es früher kaum bis keine Berichte von Wartezeiten mit über drei Wochen gegeben, dauere es teilweise – je nach Bundesland – Monate bis zur ersten Beratung.

Wie unterschiedlich die Situation ist, zeigt eine Umfrage des WEISSER RING Magazins unter seinen Außenstellen und Landesbüros sowie den Traumaambulanzen selbst.

Die Rückmeldungen aus den Außenstellen und Landesbüros zeichnen ein differenziertes Bild: In Bochum und Dortmund betrage die Wartezeit auf eine Behandlung zwischen drei und vier Wochen. Insgesamt sei die Personaldecke in den Ambulanzen zu dünn, außerdem gebe es kaum Möglichkeiten für eine Anschlussbehandlung. Letzteres stellt auch die Außenstelle Unna fest.

Teils weite Wege für Opfer

In Dortmund sei Ratsuchenden mal vermittelt worden, die Traumaambulanz sei lediglich für Fälle zuständig, bei denen die Straftat nicht länger als sechs Monate – statt zwölf – zurückliege. Hier habe geholfen, den Landschaftsverband Westfalen-Lippe als zuständige Behörde einzuschalten.

Die Außenstelle Brandenburg berichtet von einem guten Zugang zur Traumaambulanz. Es gebe Plätze, allerdings sei der Weg für einige Opfer zu weit. Die Außenstelle Oberspreewald-Lausitz spricht von Kapazitätsproblemen der zuständigen Ambulanz, die sich weitgehend auf Betroffene aus dem eigenen Gebiet beschränke. Ähnlich äußern sich weitere Außenstellen. Eine Schwierigkeit sei außerdem der Mangel an spezialisierten Einrichtungen für Kinder und Jugendliche.

Traumaambulanzen

In Traumaambulanzen sollen Opfer von Gewalt, die aufgrund der Straftat akute psychische Probleme haben, niedrigschwellig und zeitnah psychotherapeutische Unterstützung bekommen. Dies gilt auch für Angehörige, nahestehende Personen und Hinterbliebene. Sie können sich direkt an die Traumaambulanz wenden, müssen aber unverzüglich nach der zweiten Sitzung beim zuständigen Amt einen Antrag nach dem Sozialen Entschädigungsrecht stellen. Ziel ist es, eine Erkrankung, insbesondere eine chronische, zu verhindern. Voraussetzung ist, dass Betroffene innerhalb von zwölf Monaten nach der Tat (oder nachdem sie davon erfahren haben) die Ambulanz aufsuchen. Dort können sie in der Regel bis zu 15 Sitzungen wahrnehmen, Kinder und Jugendliche bis zu 18. Zum Angebot gehören Diagnostik, Krisenintervention, Beratung und psychosoziale Begleitung. Liegt das Ereignis länger zurück, hat aber zu einer akuten Belastung geführt, kann die Traumaambulanz in den darauffolgenden zwölf Monaten unterstützen. Die Ambulanzen sind Teil der sogenannten Schnellen Hilfen des Sozialgesetzbuches XIV, das seit 2024 die Entschädigung von Opfern regelt.

In Bremen und Bremerhaven sei es zwischenzeitlich nicht leicht gewesen, einen Termin in der Traumaambulanz zu bekommen, wegen organisatorischer Probleme und Personalmangels. Mittlerweile klappe das gut. In Rheinland-Pfalz stünden die Chancen auf einen Termin gut, wenn man sich zeitnah nach der Tat melde. Länger zurückliegende Delikte führten zu Problemen, bis hin zu Ablehnungen. Der Landesverband Schleswig-Holstein des WEISSEN RINGS bemängelt, es gebe kein flächendeckendes Angebot in dem Bundesland. Betroffene könnten in einigen Bereichen, darunter Nordfriesland, Neumünster und Dithmarschen, ihren Rechtsanspruch „nicht oder nur unter erheblichen und damit nicht zumutbaren Schwierigkeiten (Entfernung mehr als 30 km und/oder Fahrtzeiten von mehr als 90 Minuten) wahrnehmen“. Deshalb hat der Verband ans Ministerium für Justiz und Gesundheit geschrieben und gefragt, wie das Land konkret Abhilfe schaffen wolle.

Wie blicken die Traumaambulanzen selbst auf ihre aktuelle Lage? Das WEISSER RING Magazin hat rund 200 der Einrichtungen in Deutschland angeschrieben; 62 von ihnen beantworteten den Fragenkatalog zu Personal, Wartezeiten, Behandlungszahlen, therapeutischen Angeboten und strukturellen Herausforderungen. Die Antworten stammen aus Schleswig-Holstein, dem Saarland, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Thüringen, Bayern und Sachsen. Vertreten sind sowohl an universitäre Zentren und Großstadtkliniken angeschlossene Einrichtungen als auch kleinere Häuser in ländlichen Regionen.

Marion Schowalter und ihr Team aus Psychotherapeutinnen und Ärzten behandeln in ihrer Würzburger Traumaambulanz rund 300 Traumapatienten im Jahr.

Eigenen Angaben zufolge schaffen es die Einrichtungen vielerorts, Menschen nach Gewalterfahrungen schnell Hilfe anzubieten. Die Traumaambulanz der Heinrich Sengelmann Kliniken in Schleswig-Holstein berichtet von Erstterminen innerhalb von zwei bis fünf Werktagen. Ähnlich schildert es die LVR-Universitätsklinik Essen in Nordrhein-Westfalen. Auch die Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Gießen sowie Einrichtungen in Mainz, Kiel und Würzburg berichten von kurzen Wartezeiten.

Mehrere Ambulanzen geben an, keine Wartelisten zu führen. Nur eine Traumaambulanz in Sachsen berichtet: „Wir sind bestrebt, den Erstgesprächstermin zeitnah zu vergeben, innerhalb weniger Wochen. Die Nachfrage ist schwankend. Wir nehmen die PatientInnen nach dem Erstgespräch auf unsere Warteliste auf – mit aktuell leider mehrmonatiger Wartezeit.“

Die Wege in die Traumaambulanzen sind vielfältig. Besonders häufig nennen die Einrichtungen Polizei, Staatsanwaltschaften, Gerichte, Frauenhäuser, Beratungsstellen und den WEISSEN RING. Hinzu kommen Empfehlungen durch Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Jugendämter und soziale Einrichtungen. Zunehmend informieren sich Betroffene übers Internet. Gleichzeitig verweisen einige Traumaambulanzen darauf, dass mehr über die Einrichtungen und deren Arbeit aufgeklärt werden müsse. Aus Brandenburg heißt es dazu: „Angebote der Traumaambulanzen sollten in Institutionen und der Bevölkerung präsenter und bekannter sein. Betroffene kommen sehr häufig über zu viele Umwege und nicht zeitnah genug zu uns.“

Begrenzte personelle Ressourcen

Die Gründe für eine Behandlung in den Traumaambulanzen ähneln sich bundesweit. Genannt werden sexuelle Gewalt, Häusliche Gewalt, Körperverletzungen, Raubüberfälle, Stalking und Bedrohungen. Hinzu kommen Angehörige von Tötungsopfern und Zeugen schwerer Straftaten.

Die Umfrage zeigt, dass viele Traumaambulanzen vor strukturellen Herausforderungen stehen. Sie arbeiten oft mit begrenzten personellen Ressourcen. Meist handelt es sich nicht um eigenständige Häuser mit festem Personalstamm; viele sind an psychiatrische Institutsambulanzen, psychosomatische Kliniken oder universitäre Zentren angebunden. Die Mitarbeitenden übernehmen die Versorgung traumatisierter Menschen zusätzlich zu anderen Aufgaben. Eine Einrichtung aus Bayern schreibt: „Die Nachfrage ist so groß, dass wir noch mehr traumatherapeutische KollegInnen einstellen könnten.“ Aus Hamburg heißt es, die Einrichtung brauche „mehr Personal bzw. Stellenanteile, mehr Zeit auch für einzelne Fälle und Berichtswesen“.

„Vermittlung in das ambulante Hilfesystem ist kaum möglich aufgrund fehlender Therapieplätze.“

Traumaambulanz Sachsen

Kleinere Einrichtungen schildern, dass sie oft von einzelnen Fachkräften abhängig seien. Eine Kinder- und Jugendlichen-Traumaambulanz in Hessen schreibt: „Noch können wir alle bedienen.“ Jedoch sei in den nächsten Jahren mit steigenden Anfragen zu rechnen, da die Einrichtung „in einem großen Radius“ die einzige Traumaambulanz für Kinder und Jugendliche sei.

Viele Institutionen blicken mit Sorge auf die Zeit nach der Behandlung in der Traumaambulanz. Aus Hamburg heißt es: „Die Weitervermittlung gelingt selten.“ Eine Einrichtung aus Sachsen berichtet: „Vermittlung in das ambulante Hilfesystem ist kaum möglich aufgrund fehlender Therapieplätze.“ Auch die Traumaambulanz in Mainz verweist auf dieses Problem: „Wir hätten gerne ambulante Psychotherapieplätze, in welche wir möglichst übergangslos weitervermitteln könnten.“ Denn: Eine anschließende Weiterbehandlung sei „zu um die 80 Prozent notwendig“, teilt eine andere Einrichtung mit.

Auch die Finanzierung ist immer wieder Thema. Eine Traumaambulanz in Sachsen-Anhalt teilt mit, dass die Übernahme der Weiterqualifizierung im Bereich Traumatologie der Mitarbeitenden, insbesondere der Supervisionskosten, durch das Landesverwaltungsamt „wünschenswert“ sei. Viel Arbeit entstehe durch Verwaltung, Anträge und Rückfragen. „Eine höhere Pauschale würde diese Arbeit besser abdecken.“

Aus Schleswig-Holstein werden kurzfristig abgesagte oder nicht wahrgenommene Termine als „finanzielle Herausforderung“ genannt, weil sie nicht vergütet werden. Eine Einrichtung aus Norddeutschland verweist auch auf dieses Problem. Dabei könne gerade das Fernbleiben Teil der Traumafolgen sein und dürfe nicht als mangelnder Hilfebedarf missverstanden werden.

Eine Traumaambulanz in München wünscht sich eine Finanzierung über die bislang vorgesehene Zahl der Sitzungen hinaus. Aus Erlangen heißt es: „Sowohl eine Vernetzungspauschale wäre wichtig, als auch eine Angleichung der Honorare der ärztlichen KollegInnen.“ Eine Traumaambulanz aus Thüringen schreibt: „Generell sollte die Behandlung von Betroffenen von Gewalttaten im Rahmen der Traumaambulanz besser vergütet werden.“ Für Vernetzung, Kooperationen und Begleitung komplexer Fälle bleibe oft zu wenig Zeit. Dazu erforderliche Stellen seien unter diesen Bedingungen kaum finanzierbar.

Innerhalb von zehn Werktagen müssen Traumaambulanzen Opfern – zum Beispiel von Gewalttaten – einen ersten Termin anbieten. Einige erreichen dieses Ziel.

Betont wird immer wieder, wie wichtig eine bessere Vernetzung mit anderen Hilfsangeboten und Einrichtungen wäre; dies ist auch in der Traumaambulanz-Verordnung festgeschrieben. „Dafür fehlt im Arbeitsalltag häufig die Zeit“, meldet eine Traumaambulanz aus Nordrhein-Westfalen. Von einer Einrichtung in Hessen heißt es: „Wünschenswert wäre ein regelmäßiger Austausch mit anderen Traumaambulanzen, um Versorgungslücken zu vermeiden
und die Zusammenarbeit zu verbessern.“

Die Heinrich Sengelmann Kliniken in Schleswig-Holstein formulieren einen politischen Appell: „Im gesellschaftlichen Raum bräuchte es dringend Aussagen der Politik, dass dieser Bereich weiter finanziert und gesichert werden soll.“

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine bundesweite Befragung von 110 Traumaambulanzen durch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, der Uniklinik Ulm und der TU Dresden. In der Fachzeitschrift „Der Nervenarzt“ heißt es im Jahr 2024, die Einrichtungen erreichten viele Menschen nach Gewalttaten und könnten schnelle Hilfe anbieten. Zugleich berichten viele Ambulanzen von Wartezeiten, fehlenden traumatherapeutischen Zusatzqualifikationen und einer nicht überall vorhandenen Supervision.

Besonders bei neuen Gruppen von Leistungsberechtigten wie Betroffene von Menschenhandel, die mit dem SGB XIV in den Fokus gerückt sind, sehen die Autorinnen und Autoren Lücken bei Konzepten, Schulungen und Versorgungsstrategien. Nötig seien Investitionen in Qualifikation, Vernetzung und Qualitätssicherung sowie in ein bundesweites Monitoringsystem, um die Versorgung weiterzuentwickeln.

„Betroffene kommen sehr häufig über zu viele Umwege und nicht zeitnah genug zu uns.“

Traumaambulanz in Brandenburg

Dass die Ambulanzen für Betroffene eine Schlüsselrolle spielen, zeigt sich nicht nur in der Umfrage des WEISSER RING Magazins, sondern auch bei der bundesweiten Fachtagung für Traumaambulanzen im März. Zu der Veranstaltung hatte die Opferhilfeorganisation Fachleute aus der Praxis aus ganz Deutschland eingeladen. Organisiert hat das Treffen der Psychologe Florian Wedell vom WEISSEN RING.

Für Wedell sind die Traumaambulanzen weit mehr als eine erste Anlaufstelle nach einer Straftat, sie hätten vielmehr einen präventiven Charakter; je früher Betroffene psychotherapeutische Unterstützung erhalten, desto größer seien die Chancen, langfristige gesundheitliche Folgen zu verhindern.

Diesen Anspruch greift die Traumaambulanz-Verordnung auf. Sie verpflichtet die Einrichtungen, anspruchsberechtigten Betroffenen innerhalb von zehn Werktagen einen Termin anzubieten. Dass einige Traumaambulanzen dieses Ziel nicht erreichen, liegt laut Wedell auch an der Personalsituation. „Traumaambulanzen sind in der Regel keine in sich geschlossenen Institute, sondern an andere Versorgungshäuser angeschlossen.“ Zum einen haben die Fachleute auch andere Aufgaben innerhalb des Hauses. Zum anderen ist die Personalplanung für Traumaambulanzen schwer kalkulierbar.

Wedell erkennt aber auch die Ablehnung Betroffener durch Mitarbeitende als Problem. „Es fällt auf, dass manche Traumaambulanzen selbst nicht über ihren Auftrag Bescheid wissen“, betont er. Dies liege auch daran, dass manche Mitarbeitende keine SGB-XIV-Experten seien. Der Psychologe plädiert deshalb für eine spezifische einheitliche Aus- und Fortbildung.

Nach Einschätzung Wedells liegt eine Herausforderung in der Zeit nach der Akutversorgung. Das gesetzlich vorgesehene Stundenkontingent von 15 Sitzungen für Erwachsene und 18 Sitzungen für Kinder und Jugendliche könne bei leichteren Belastungsreaktionen ausreichend sein. Bei schwereren Traumafolgestörungen stoße das System an Grenzen. Eine Posttraumatische Belastungsstörung lasse sich oftmals erst mehrere Wochen nach dem Ereignis
sicher diagnostizieren. Viele Betroffene benötigten deshalb eine schnelle Anschlussbehandlung und längerfristige Unterstützung. Genau an dieser Stelle zeigt sich nach Ansicht Wedells ein zentrales Problem: Das SGB XIV habe die Traumaambulanzen als spezialisiertes Hilfsangebot geschaffen, die strukturellen Probleme der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung aber nicht gelöst.

Eine Frage des Bundeslandes

Kritisch bewertet Wedell auch die nicht ausreichende finanzielle Ausstattung der Traumaambulanzen. Er sieht darin nicht nur ein wirtschaftliches Problem. Wenn hoch spezialisierte psychotherapeutische Arbeit vergleichsweise gering vergütet werde, sende dies ein gesellschaftliches Signal, sagt Wedell. Zum einen entstehe für Therapeutinnen und Therapeuten wirtschaftlicher Druck. Zum anderen vermittle die Finanzierung indirekt, welchen Stellenwert die Behandlung psychischer Erkrankungen habe. Dabei erfordere jede einzelne Sitzung mit schwer traumatisierten Menschen ein hohes Maß an fachlicher Kompetenz und emotionaler Belastbarkeit.

Hinzu kommt für den Psychologen des WEISSEN RINGS ein weiteres strukturelles Problem: der Föderalismus. Wie stark das Angebot ausgebaut wird, welche Ressourcen zur Verfügung stehen und wie sichtbar die Einrichtungen für Betroffene sind, hänge häufig vom Bundesland ab, sagt er. Aus Sicht Wedells bräuchte es bundesweit einheitliche Standards und eine stärkere öffentliche Wahrnehmung der Traumaambulanzen.

Viele Betroffene befänden sich nach einer Straftat in einer verletzlichen Lebenssituation, betont der Psychologe. Die Menschen seien dringend darauf angewiesen, schnell Orientierung und Hilfe zu erhalten. Dass selbst Fachkräfte aus anderen Hilfesystemen die Zugangswege zu den Traumaambulanzen nicht immer kennen, sei in diesem Zusammenhang problematisch, betont Florian Wedell.

„Was mir passiert ist, kann jeder Frau passieren“

„Ruhelosigkeit, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit“ – diese und weitere Symptome machen Manuela Schröder (Name geändert) seit der Tat zu schaffen. Sie hat Anzeige erstattet, wegen Vergewaltigung. „Was mir passiert ist, kann jeder Frau passieren. Auch mir, einer Polizistin.“ In den ersten Wochen sei es besonders schlimm gewesen, „alles in dem Zusammenhang führte dazu, dass ich in Tränen ausbrach“.

Sie müsse „funktionieren“, sagt die Alleinerziehende, vor allem, damit ihre Kinder „es nicht merken, weil ich sie nicht belasten will“. Sich darauf und auf ihre Arbeit zu konzentrieren, gebe ihr Halt. Zudem habe sie bei der Polizei gelernt, „mit Panikattacken umzugehen“. „Wie muss es erst Betroffenen gehen, die diesen Hintergrund nicht haben?“, fragt sie.

Auf einen Platz in der Traumaambulanz hat Schröder lange warten müssen: „Im übertragenen Sinn war es, als würde ich mit einem gebrochenen Bein in der Notaufnahme sein, aber nicht drankommen.“ Fast zwei Monate dauerte es vom ersten Anruf in einer Traumaambulanz bis zum Termin.

Vor dem ersten Kontaktversuch mit einer Ambulanz seien bereits Wochen vergangen. „Ich stand am Anfang unter Schock, konnte nicht richtig recherchieren, an wen ich mich am besten wenden sollte. Es ist nicht einfach.“ Sie habe es zunächst telefonisch bei einer Beratungsstelle versucht, doch es sei niemand rangegangen. „Auf den Anrufbeantworter sprechen wollte ich nicht, auch weil ich nicht wusste, wann ich einen Rückruf bekomme.“ Dann wandte sie sich an eine ehrenamtliche Mitarbeiterin des WEISSEN RINGS und bekam die Nummer einer Traumaambulanz. Diese habe sich für nicht zuständig erklärt. Mithilfe der Ehrenamtlichen erhielt Schröder, die im Schichtdienst arbeitet, in einer anderen Ambulanz einen Termin.

Sie hätte noch die Möglichkeit gehabt, woanders eine Woche früher dranzukommen, aber der Weg dorthin wäre deutlich länger gewesen. „Die Wartezeit, die in erster Linie an fehlenden Kapazitäten in den Ambulanzen lag, war schlimm. Zwischenzeitlich wollte ich aufgeben und fragte mich, ob es richtig war, mich an jemanden zu wenden.“ Schröder kritisiert, es gebe zu wenig Therapeutinnen und Therapeuten.

Ihren ersten Termin in der Traumaambulanz bewertet die Polizistin positiv: „Auf dem Weg sind mir die Tränen gekommen. Aber es ist gut, dass der Stillstand an dieser Stelle vorbei ist. Dass ich seit meiner Anzeige auf Informationen warte, ist schon schwer zu ertragen.“ Das Gespräch mit dem Mitarbeiter der Ambulanz sei „angenehm, sensibel“ gewesen, eine Art Anamnese mit Hinweisen zum Antrag auf Schnelle Hilfen.

Manuela Schröder hofft, dass sie in der Ambulanz bleiben kann und weiterhin gut behandelt wird: „Ich will gut für meine Kinder sorgen können und dienstfähig bleiben.“

Sabine Laskowski (Name geändert) ist Psychotherapeutin in einer Traumaambulanz. „Unsere Arbeit ist schwierig, bereitet uns aber Freude. Wir machen sie mit Herzblut“, sagt die erfahrene Kraft, die anonym bleiben möchte. Sie befürwortet den Rechtsanspruch auf die Schnellen Hilfen. Das Problem sei, sagt auch sie, dass das Personal die Aufgabe in der Regel zusätzlich erfülle, aber nicht aufgestockt worden sei und zudem die Traumafortbildung zum Teil selbst zahlen müsse. Die Betroffenen müssten mitunter Wartezeiten in Kauf nehmen.

Dass dies nicht häufiger der Fall sei, liege neben dem enormen Einsatz der Beschäftigten an einer „restriktiven Aufnahmepolitik“. Opfer, die ein Recht auf Behandlung hätten, müssten abgewiesen werden. Dabei würde Laskowski persönlich mehr Gruppen einen Anspruch einräumen, als es das SGB XIV vorsehe, zum Beispiel Betroffenen von Einbrüchen, die teils traumatisiert seien.

Weitere Plätze für traumatisierte Gewaltopfer zu schaffen, sei kaum möglich, auch weil nicht kalkulierbar sei, wie viele von ihnen jedes Jahr kämen. In den Kliniken herrsche ein „hoher Finanzierungsdruck“, die Traumaambulanz sei finanziell nicht lukrativ, sodass „sich manchmal ein Interessenskonflikt ergibt“.

Im Hinblick auf die Versorgungsämter merkt Sabine Laskowski an, die Bearbeitungszeit dort sei immer noch sehr lang. „Bis wir eine Rückmeldung auf den Antrag bekommen, haben oft schon fünf oder sechs Sitzungen stattgefunden.“

Die Ulmer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Prof. Miriam Rassenhofer befindet sich gerade mitten im Aufbau einer Traumaambulanz für junge Menschen. Sie sagt, die Einrichtungen könnten „in vielen Fällen“ dazu beitragen, eine Chronifizierung von psychischen Erkrankungen zu verhindern.

Sie schränkt aber im Gespräch mit dem WEISSER RING Magazin ein, „dass wir leider noch nicht bei der flächendeckenden Versorgung sind“. Gerade im Kinder- und Jugendbereich gelte das umso mehr: „Da haben wir einfach noch viel zu wenige.“ Rassenhofer betont, dass viele Betroffene das Angebot gar nicht erst erreiche – sei es, weil es in ihrer Region überhaupt keine Traumaambulanz gibt, oder weil Gewalterfahrungen erst spät erkannt oder gemeldet werden – wie bei Kindern und Jugendlichen, die über längere Zeit Gewalt in der Familie erleben.

„Wir sind leider noch nicht bei der flächendeckenden Versorgung.“

Prof. Miriam Rassenhofer

Auch für Menschen mit komplexen oder länger zurückliegenden Gewalterfahrungen könnten Traumaambulanzen „ein sehr, sehr guter Einstieg in eine weitergehende Behandlung“ sein. Ihr Vorteil sei, dass sie traumaspezifische Expertise bündeln und einen vergleichsweise niedrigschwelligen Zugang zu psychotherapeutischer oder psychiatrischer Hilfe eröffnen können, sagt sie. Dies gilt besonders in einem Versorgungssystem, in dem Betroffene sonst lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen.

Ein Problem sieht auch Rassenhofer in der Anschlussversorgung. Häufig sei früh „Wir sind leider noch nicht bei der flächendeckenden Versorgung. Prof. Miriam Rassenhofer absehbar, dass 15 oder 18 Sitzungen nicht ausreichen werden. Traumaambulanzen könnten akute Belastungen auffangen und Orientierung geben. Aber nicht in allen Fällen sei es möglich, dass Betroffene danach nicht mehr betreut werden müssten. Die strukturellen Defizite der psychotherapeutischen Versorgung könnten auch sie nicht lösen.

Verbesserungsbedarf sieht die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin bei der Bekanntheit des Angebots. Wer von Gewalt betroffen ist, beschäftige sich in der Regel nicht vorsorglich mit Traumaambulanzen oder Leistungen der Sozialen Entschädigung. Umso wichtiger sei es, dass Polizei, Beratungsstellen, Rettungsdienst und Notfallseelsorge oder Opferhilfeorganisationen früh auf diese Hilfen hinweisen. Im besten Fall, sagt Miriam Rassenhofer, bekommen Betroffene die Information nicht erst nach langer Suche, sondern direkt von den Stellen, mit denen sie nach der Tat ohnehin in Kontakt kommen.