Großeinsatz von Rettungskräften und Polizei im Berliner Hauptbahnhof im Mai 2024: Ein Kind muss per Rettungshubschrauber in die Klinik gebracht werden. Foto: picture alliance/Geisler-Fotopress | Bernd Elmenthaler/Geisler-Fotopr

Datum: 05.03.2026

Drei Ersthelfende schenken Kind ein zweites Leben

Zwei Jahre nach einem schweren Unglück am Berliner Hauptbahnhof hat der WEISSE RING drei Ersthelfende für ihren Einsatz geehrt. Durch ihr schnelles und beherztes Handeln retteten sie einem heute sechsjährigen Kind das Leben – ein herausragendes Beispiel für Zivilcourage.

Es ist der 22. Mai 2024, ein Mittwoch. Am Berliner Hauptbahnhof herrscht der übliche Trubel. Doch dann wird gegen 18 Uhr von hier aus mehrfach der Notruf gewählt: Auf Gleis 13 sind eine Frau und ihr Kind von einem einfahrenden Zug erfasst worden. Wegen der Umstände des Unglücks gehen Ermittlungsbehörden von einem Suizid der Mutter aus. Doch weil drei Ersthelfende sofort reagieren, kann das Kind aus dem Gleisbett geborgen werden. Die Erstversorgung und die anschließende, sehr komplexe Operation retten dem Kind das Leben. Heute ist das Mädchen sechs Jahre alt.

Für ihren selbstlosen Einsatz hat das Landesbüro Berlin des WEISSEN RINGS die drei Rettenden, Lars Harms, Valerie Ostermann und Katharina Kentzler, Ende Februar mit dem Ersthelfer-Preis ausgezeichnet. Ihre Geschichte „ist ein inspirierendes Beispiel für den Wert von Zivilcourage und Solidarität. Wir sind stolz und dankbar, solche mutigen Menschen in unserer Gesellschaft zu haben, die bereit sind, ihr eigenes Wohlergehen für das Leben anderer einzusetzen. Ihnen gebührt unsere tiefste Anerkennung und Wertschätzung“, sagt Christine Burck, die stellvertretende Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Berlin.

Zivilcourage der Ersthelfenden hervorgehoben

Lars Harms sprang ins Gleisbett, um das schwerstverletzte Kind zu retten. Katharina Kentzler, die als Ärztin bei der Bundeswehr arbeitet, stieg ebenfalls ins Gleisbett und leistete die lebensrettende Erste Hilfe, bis der Notarzt vor Ort war. Unterstützt wurden sie von Valerie Ostermann, einer Soldatin im Sanitätsdienst. Sie beteiligte sich an der Ersten Hilfe und der Bergung des Kindes. Ihr „schnelles und professionelles“ Handeln, betont Burck, habe dazu beigetragen, das Kind zu retten.

Kentzler wollte gerade nach einem langen Arbeitstag mit der Bahn nach Hause fahren, als sie einen Mann im Gleisbett schreien hörte, erzählt sie dem WEISSER RING Magazin. Bei dem Helfer handelte es sich um Harms. In diesem Moment habe sie dort auch das Kind gesehen. „Ich habe gar nicht nachgedacht, bin ebenfalls auf die Gleise gesprungen und habe ebenfalls gerufen, dass wir Hilfe brauchen.“

Auch Ostermann war dienstlich in Berlin und gerade auf dem Heimweg, erzählt sie dem WEISSER RING Magazin. Als sie das Unglück wahrgenommen habe, sei ihr erster Gedanke gewesen, dass jede Hilfe zu spät komme. Die Erkenntnis, dass das Kind noch am Leben war, „hat bei mir sofort einen Schalter umgelegt“: Sie habe sich gemeinsam mit Kentzler um das Mädchen gekümmert, bis die Rettungskräfte eintrafen.

Große Hilfsbereitschaft am Bahngleis

Für Kentzler war es selbstverständlich, in der Situation zu helfen. „Das sollte jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten tun“, betont sie, „aber man darf dabei nicht den Eigenschutz vergessen.“ Positiv sei gewesen, dass alle Menschen auf dem Bahnsteig sich hätten einbringen und helfen wollen, niemand habe zum Beispiel voyeuristisch Videos gedreht oder gegafft.

Ostermann sieht das ähnlich. Natürlich bringe es ihr Beruf als Soldatin im Sanitätsdienst mit sich, in einer solchen Situation aus eigenem Antrieb heraus zu handeln. Sie habe Verständnis für Menschen, die in einer Lage wie dieser in eine Art Schockstarre verfallen. Ostermann betont aber auch, dass Unfälle oder medizinische Notfälle jeden Tag und an jedem Ort geschehen könnten. Deshalb sei es wichtig, in jedem Fall zumindest Hilfe zu holen.

Die stellvertretende Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS, Christine Burck, erzählt, das Kind lebe heute „ein beinahe sorgenfreies Leben“ in einer Pflegefamilie und blicke dank zahlreicher ärztlicher Behandlungen optimistisch in die Zukunft. „Dieses Happy End wäre ohne den beherzten Einsatz der drei Ersthelfer nicht möglich gewesen“, sagt sie. „Sie haben nicht nur Zivilcourage gezeigt, sondern ihr unermüdlicher Einsatz und ihre schnelle Reaktion haben buchstäblich Leben gerettet.“ Harms, Ostermann und Kentzler hätten dem Kind ein zweites Leben geschenkt.

Ehrung Ersthelfer Erste Hilfe Berlin Hauptbahnhof WEISSER RING

Geehrt wurden Harms, Ostermann und Kentzler von Burck, dem ehrenamtlichen Mitarbeiter des WEISSEN RINGS und ehemaligen Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, Rolf Schmachtenberg, sowie von Georg Heidelbacher, Koordinator für Großschadensereignisse im Landesbüro Berlin. Sie erhielten jeweils eine Urkunde und einen Präsentkorb. An der Veranstaltung nahmen zudem die beiden ermittelnden Kriminalbeamten der 8. Mordkommission, Uwe Isenberg und Holger Pienitz, teil.

Emotionales Wiedersehen beim WEISSEN RING

Ostermann erzählt, es sei ein besonderes, emotionales Treffen in den Räumen des WEISSEN RINGS in Berlin gewesen. Zwischen ihrer Familie und der des Mädchens ist inzwischen ein enger Kontakt entstanden; so ist sie zum Beispiel zur Einschulung des Kindes eingeladen. Für Kentzler war es wichtig, das Mädchen und die anderen Helfenden zwei Jahre nach dem Unglück wiederzusehen. „Das war überwältigend“, betont sie. Sie sei dankbar, dass der WEISSE RING und die Polizei die Helfenden, das Mädchen sowie seine Pflegefamilie erneut zusammengeführt haben. „So kann ich mit der Sache abschließen und sehen: Am Ende ist alles gut gegangen.“

 

Wenn Sie unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leiden, sollten Sie sich unverzüglich ärztliche und psychotherapeutische Hilfe holen. Bitte wenden Sie sich an die nächste psychiatrische Klinik oder rufen Sie in akuten Fällen den Notruf an unter 112. Eine weitere Kontaktmöglichkeit ist die Telefonseelsorge unter der Nummer 0800-1110111. Hilfsmöglichkeiten finden Sie außerdem unter www.deutsche-depressionshilfe.de.