Forschung im Fadenkreuz
Hassmails, Diffamierung, Morddrohungen: Angriffe auf Forschende sind kein neues Phänomen, bekommen aber durch soziale Medien und digitale Filterblasen eine neue Dynamik. Fachleute fordern deshalb verbindliche Schutzkonzepte, niedrigschwellige Beratung und klare Zuständigkeiten an Hochschulen.
Als die Attacken begannen, hatte Marion Näser-Lather Angst, dass ihre Karriere als Wissenschaftlerin enden könnte, bevor sie begonnen hatte. Vor rund zehn Jahren war sie noch keine Professorin, sondern Postdoktorandin. Als empirische Kulturwissenschaftlerin arbeitete sie an der Philipps-Universität Marburg in einem großen Forschungsprojekt mit, das der Frage nachging, ob Antifeminismus als Krisenphänomen das Potenzial hat, Gesellschaften zu spalten. Von Anfang an hätten vor allem Blogs aus dem rechten Spektrum versucht, das Projekt und die Beteiligten in Misskredit zu bringen, erinnert sich Näser-Lather. Für sie sei es eine schwere Zeit gewesen: „Ich habe mich alleingelassen gefühlt.“
Angriffe auf die Wissenschaft sind kein auf Deutschland begrenztes Phänomen, wie sich aktuell insbesondere in den USA zeigt. Und sie sind nicht neu: Der Astronom Giordano Bruno starb 1600 nach jahrelanger Kerkerhaft und einem kirchlichen Inquisitionsprozess auf dem Scheiterhaufen, weil seine Erkenntnisse der Obrigkeit widersprachen. Edward Jenner, dessen Schutzimpfung half, die Pocken einzudämmen, sah sich ab 1796 massiver Kritik von Impfgegnern, kirchlichen Kreisen und Kollegen ausgesetzt. Magnus Hirschfeld wurde wegen seines Eintretens für queere und trans Menschen Ziel völkischer und nationalsozialistischer Angriffe.
Neu sind vielmehr die Reichweite und Dynamik der Angriffe: Digitale Filterblasen und Plattformen haben ihnen zusätzliche Wucht verliehen. Wie verbreitet das Phänomen ist, zeigt die erste bundesweite repräsentative Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) aus dem Jahr 2024.
Neu sind die Reichweite und Dynamik der Angriffe
An der Onlinebefragung nahmen rund 2.600 Forschende aus allen Fachrichtungen und Karrierestufen teil. Sieben von zehn Befragten gaben an, Wissenschaftsfeindlichkeit habe in den vergangenen Jahren zugenommen. Besonders häufig geraten demnach Forschende aus den Geistes- und Naturwissenschaften unter Druck. In den Lebenswissenschaften – etwa Medizin oder Biologie – kommt es überdurchschnittlich oft zu schweren Angriffen wie Drohungen. Fast jede zweite befragte Person gab an, Ziel von Angriffen gewesen zu sein. Am häufigsten erleben Forschende, dass ihre Kompetenz infrage gestellt, ihre Arbeit abgewertet oder sie in öffentlichen Debatten – vor allem in sozialen Medien – gezielt angegriffen werden.
Dezember 2025
Marburg/Hessen: An der Philipps-Universität in Marburg werden auf zwei Herrentoiletten Morddrohungen gegen eine Wissenschaftlerin hinterlassen. Die Hochschulleitung reagiert schnell, beseitigt die Drohungen und schaltet die Ermittlungsbehörden ein.
Was diese Zahlen konkret bedeuten, zeigt der Fall von Näser-Lather, die mittlerweile als Professorin an der Universität Innsbruck tätig ist. Zwischen 2017 und 2020 arbeitete sie an der Universität Marburg im interdisziplinären Forschungsprojekt „Reverse“, das sich mit den Akteuren von Antifeminismus, ihrem Diskurs und den Adressaten ihrer Botschaften beschäftigte. Bereits als die Uni in einer Pressemitteilung bekanntgab, dass das Projekt rund eine Million Euro Fördermittel vom Bund erhalten sollte, hätten die Angriffe begonnen, berichtet Näser-Lather. Vor allem Blogbeiträge aus dem rechten und „alternativen“ Spektrum hätten die Fördersumme skandalisiert und dem Forschungsvorhaben von Beginn an unterstellt, unwissenschaftlich zu sein.
„Gewaltandrohungen gegen ein Hochschulmitglied sind verwerflich. Sie sind nicht nur ein Angriff auf einen Menschen, sondern auf unsere gesamte Universitätsgemeinschaft und auf die Freiheit der Wissenschaft.“
Thomas Nauss
Der Leiterin des Projekts, Annette Henninger, sei vorgeworfen worden, sie habe ihre Professur durch Korruption erlangt. Näser-Lather selbst sei als „Schachfigur der Amadeu Antonio Stiftung“ diffamiert worden. Zudem sei das Gerücht verbreitet worden, sie sei gezielt eingesetzt worden, um die Betreiberin eines der Blogs zu diskreditieren. Diese reichte – erfolglos – Klage ein, nachdem Näser-Lather das Portal als Teil rechtspopulistischer und rechter Netzwerke eingeordnet hatte.
Wie real diese Eskalationsstufe ist, zeigt ein aktueller Fall aus Marburg
Der Fall Näser-Lather bestätigt die Ergebnisse der DZHW-Studie: Häufig bleibt es nicht bei Spott oder Trolling. Forschende berichten von Hate Speech, Einschüchterungen und Drohungen. In einzelnen Fällen kommt es auch zu Gewaltandrohungen. Solche schweren Angriffe sind seltener als verbale Herabsetzungen, machen aber dennoch rund ein Sechstel aller gemeldeten Vorfälle aus.
Wie real diese Eskalationsstufe ist, zeigt ein aktueller Fall aus Marburg. In zwei Gebäuden der Philipps-Universität wurden Mitte Dezember 2025 auf Herrentoiletten Morddrohungen gegen eine Wissenschaftlerin hinterlassen. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln gegen unbekannt. In einer Stellungnahme teilte Uni-Präsident Thomas Nauss mit, es habe in den vergangenen Jahren wiederholt „wissenschaftsfeindliche und antifeministische Angriffe“ gegeben. Mit den „dehumanisierenden Morddrohungen gegen eine Wissenschaftlerin“ sei nun eine neue Eskalationsstufe erreicht. Solche Drohungen seien „nicht nur ein Angriff auf einen Menschen, sondern auf die gesamte Universitätsgemeinschaft und auf die Freiheit der Wissenschaft“.
Gegenüber dem WEISSER RING Magazin sagt eine Sprecherin der Universität, die Hochschulleitung habe schnell reagiert: Die Drohungen seien entfernt, Ermittlungsbehörden eingeschaltet worden. Zum genauen Inhalt der Drohungen, zur betroffenen Person und zu konkreten Sicherheitsmaßnahmen äußert sie sich nicht. Es habe jedoch interne und externe Unterstützungsangebote gegeben.
Grundsätzlich sieht die Universität Marburg digitale Gewalt und Hate Speech als wachsendes Problem. Sie positioniere sich öffentlich gegen Wissenschaftsfeindlichkeit, erfasse Vorfälle systematisch und biete anonyme Meldemöglichkeiten sowie Informationen zum Umgang mit Bedrohungen an, sagt die Sprecherin. Präventiv setze die Hochschule auf Schulungen, Antidiskriminierungsarbeit und Kooperationen mit externen Partnern wie Scicomm-Support, dem WEISSEN RING oder Beratungsstellen gegen Hass und Hetze.
Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung:
45 %
der Befragten geben an, mindestens eine Form von Wissenschaftsfeindlichkeit erlebt zu haben.
10 %
der Angriffe sind schwer. Darunter fallen zum Beispiel Vandalismus oder Todesdrohungen.
51 %
sind Geisteswissenschaften stärker von Anfeindungen betroffen als andere Fächer.
Digitale Gewalt und Hate Speech als wachsendes Problem
Auch Friedemann Weber hat Morddrohungen erhalten. Er ist Leiter des Instituts für Virologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen und forscht seit dem ersten SARS-Studie Ausbruch zu Coronaviren. Angriffe von Impfgegnern seien für ihn nichts Neues, sagt Weber. Doch zu Beginn der Corona-Pandemie hätten die Drohungen deutlich zugenommen. Eine Morddrohung per E-Mail meldete er der Universität und der Polizei, ohne dass der Urheber ermittelt werden konnte. In einem anderen Fall habe ein Anrufer nacheinander allen Mitarbeitenden des Instituts telefonisch mit einem Messerangriff gedroht, woraufhin die Telefonnummer abgeschaltet worden sei. Dass seine Mitarbeitenden mit solchen Drohungen konfrontiert waren, habe er als „schlimm“ empfunden. Ihn selbst hätten sie weder abgeschreckt noch nachhaltig beeindruckt. Unterstützung habe er unter anderem bei HateAid und einer befreundeten Anwältin erhalten. Gleichzeitig, betont Weber, seien die meisten Rückmeldungen ernsthafte Nachfragen und positive Reaktionen gewesen. Das bestärke ihn in der Ansicht, dass die Mehrheit der Menschen vernünftig sei.
Insgesamt sei er „glimpflich davongekommen“, sagt Weber – vor allem im Vergleich zu Christian Drosten. Der bundesweit bekannte Virologe wird bis heute massiv angegriffen. Vor allem die AfD versucht ihn politisch vorzuführen. Er hatte die Pandemie wie kaum ein anderer verständlich erklärt, insbesondere im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“. Damals, sagt Weber, habe er den Eindruck gehabt, Drosten stehe weitgehend allein. Gerade aus den eigenen Reihen hätte es mehr Unterstützung geben müssen.
Juni 2022
Wesenberg/Mecklenburg-Vorpommern: Der Virologe Christian Drosten wird auf einem Campingplatz verbal angegriffen und als „Massenmörder“ und „Verbrecher“ beschimpft. Zwei Jahre später werden die Täter – ein Mann und seine Ehefrau – zu Geldstrafen verurteilt.
Näser-Lather berichtet, sie habe sich während der Angriffe von ihrem Team und den Fachgesellschaften unterstützt gefühlt. Vonseiten der Universität hätte sie sich jedoch mehr juristische und psychologische Hilfe gewünscht. Heute gebe es Anlaufstellen wie Scicomm, die Forschenden gezielt zur Seite stehen. „Wenn es Scicomm damals schon gegeben hätte, wäre ich wirklich froh gewesen“, sagt sie. Der Scicomm-Support ist die Anlaufstelle bei Angriffen auf Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation. Sie entstand im Herbst 2021, nachdem Anfeindungen gegen Forschende und Hochschulen deutlich zugenommen hatten, ohne dass es dafür spezialisierte Hilfsangebote gab. Als Kontaktstelle für Deutschland, Österreich und die Schweiz berät Scicomm in ganz verschiedenen Fällen, von Hasskommentaren in sozialen Medien bis hin zu akuten Bedrohungslagen, und schult Forschende sowie Forschungseinrichtungen. Initiiert vom Bundesverband Hochschulkommunikation und mit „Wissenschaft im Dialog“ aufgebaut, nahm Scicomm 2023 seine Arbeit auf. Seit dem vergangenen Jahr ist die Organisation als gemeinnütziger Verein eigenständig und wird aus Fördermitteln von vier Stiftungen sowie aus dem Bundeshaushalt finanziert. Für Betroffene ist das Angebot kostenfrei.
Viele Betroffene erleben Angst, Stress oder ziehen sich aus der Öffentlichkeit zurück
Nach Beobachtung von Scicomm haben Angriffe oft ihren Ausgangspunkt in öffentlichen Auftritten von Forschenden, insbesondere zu kontroversen Themen. Aussagen, erklärt ein Scicomm-Sprecher, würden aus dem Zusammenhang gerissen, verzerrt weiterverbreitet und von populistischen oder interessengeleiteten Akteuren instrumentalisiert. Die Anfeindungen reichten vom Infragestellen wissenschaftlicher Kompetenz bis hin zu Drohungen und Gewalt. Die Folgen für die Betroffenen seien gravierend: Viele erlebten Angst, Stress oder zögen sich aus der Öffentlichkeit zurück. Damit gerieten nicht nur einzelne Karrieren, sondern auch Wissenschaftsfreiheit und demokratische Meinungsbildung unter Druck. Scicomm fordert deshalb, Angriffe auf die Wissenschaft ernst zu nehmen, Schutzstrukturen auszubauen und für die Freiheit von Forschung und Lehre einzustehen.
„Vor allem aus dem rechten und rechtspopulistischen Spektrum sind es gezielte Strategien, um Diskurshegemonie zu erlangen und das Spektrum des Sagbaren ständig zu erweitern.“
Marion Näser-Lather
Die Folgen der Anfeindungen sind nach Angaben des Scicomm-Sprechers vielfältig, etwa orchestrierte Kampagnen oder individuelle Bedrohungssituationen bei öffentlichen Veranstaltungen. Aus der praktischen, aber nicht repräsentativen Erfahrung im Scicomm-Support ließen sich drei Schwerpunkte bei den Verursachern der Angriffe identifizieren: Einzelpersonen, die die Tragweite ihres Handels nicht einschätzen könnten. Menschen, die sich in der Regel untereinander nicht kennen, aber durch gemeinsame Überzeugungen wie das Leugnen des Klimawandels verbunden seien. Und Gruppen, die gezielt versuchten, wissenschaftliche Stimmen zum Schweigen zu bringen, um eigene Interessen durchzusetzen.
Als Beispiel nennt Scicomm Angriffe, die von „tendenziösen oder rechtspopulistischen Medien oder Blogs für die eigene Berichterstattung“ genutzt werden. Häufig würden dafür Aussagen verzerrt oder aus dem Zusammenhang gerissen, „um Stimmung zu machen und Reichweite zu generieren“.
Für Marion Näser-Lather sind die Angriffe, die sie erlebt hat, Ausdruck einer allgemeinen Zunahme von Wissenschaftsfeindlichkeit. Besonders betroffen seien Disziplinen, deren Forschung „geeignet ist, Menschen zu verunsichern oder ihre Art zu leben infrage zu stellen“. Hinzu kämen gesellschaftliche Polarisierung, Fake News und abgeschottete Öffentlichkeiten. Vor allem aus dem rechten und rechtspopulistischen Spektrum erkennt sie gezielte Strategien, „Diskurshegemonie zu erlangen“ und das „Spektrum des Sagbaren ständig zu erweitern“. Als Beispiel nennt die Forscherin „menschenfeindliche Positionen“, die sukzessive normalisiert werden sollen. Dies betreffe nicht nur die Wissenschaft, sondern zunehmend auch Medien und Kultur.
Forscherin empfiehlt, auf gezielte Provokationen nicht einzugehen
Jungen Forschenden empfiehlt Marion Näser-Lather, sich mit Blick auf die eigene Resilienz der Risiken bewusst zu sein, zugleich aber ihre öffentliche Stimme nicht zu verlieren. Sie sollten zudem auf öffentliche Reaktionen auf ihre Aussagen vorbereitet sein. Entscheidend seien frühzeitig entwickelte Schutzkonzepte, rechtliche und psychologische Unterstützung sowie kollegiale Solidarität für die Betroffenen. Besonders wichtig sei es, auf gezielte Provokationen nicht einzugehen: „Denen geht es nicht um Dialog“, sagt sie. Jede Reaktion werde erneut „dekontextualisiert und verzerrt“.
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