Prägende Opferfälle
Das Oktoberfestattentat in München, der Terror der RAF, der Missbrauchskomplex von Lügde, die Mordserie eines Krankenpflegers in Norddeutschland, der islamistische Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz oder die Amoktat von Winnenden – Verbrechen wie diese verändern das Leben der Betroffenen für immer und stellen den Opferschutz vor neue Herausforderungen. Ein Rückblick.
Der Mammutprozess
Morde im Krankenhaus
Es war einer der größten Prozesse der Nachkriegsgeschichte: In 24 Verhandlungstagen hörte das Landgericht Oldenburg von September 2018 bis Juni 2019 einhundert Schicksale. Hundert Menschen, die ein ehemaliger Krankenpfleger in den Jahren 2000 bis 2005 in Oldenburg und Delmenhorst ermordet haben soll. „Jeder einzelne Fall wurde vorgestellt. Du konntest genau sagen, welcher jetzt gerade angesprochen wurde, weil die Angehörigen an dieser Stelle in Tränen ausbrachen. Das ging unter die Haut“, erinnert sich Petra Klein, stellvertretende Bundesvorsitzende des WEISSEN RINGS und Leiterin der Außenstelle Oldenburg, die den Prozess mit ihrem Team begleitet hat. Verhandelt wurde in den Oldenburger Weser-Ems-Hallen, in denen sonst Konzerte oder Messen stattfinden. Ein regulärer Gerichtssaal der Region hätte für die Menge an Betroffenen, Medienschaffenden und Zuschauern nicht ausgereicht. „Wir sind in diesem Fall präventiv vom Gericht angesprochen worden. Der zuständige Richter hat gesagt, sollte es jemandem nicht gut gehen, dann wäre es schön, wenn wir vor Ort wären. Das war außergewöhnlich“, sagt Klein.
Zehn ehrenamtliche Mitarbeitende des WEISSEN RINGS waren an den Verhandlungstagen vor Ort. „Um schnell reagieren zu können, wenn es jemandem schlecht ging, saßen wir verteilt im Publikum. Und einer von uns stand immer draußen und war ansprechbar“, so Klein. Dieser Fall war auf vielen Ebenen einzigartig: Zum einen ist da diese immense Zahl an Todesopfern. Zum anderen sind die vielen Taten erst Jahre später aufgeklärt worden. „Die meisten Angehörigen sind von einem medizinischen Tod ausgegangen“, so Klein.
Acht Minuten, 85 Schicksale
Acht Minuten. Acht Minuten braucht Sebastian Bührmann, um die 85 Namen zu verlesen. Und zu jedem dieser Namen ein Todesdatum. Es sind unfassbar lange acht Minuten. Eine Todesliste, die kein Ende nehmen will.
Die Erkenntnis, dass dieser Pfleger für den Tod des Angehörigen verantwortlich sei, sei für jeden Einzelnen sehr wichtig gewesen. „Ich erinnere mich noch gut an einen jungen Mann. Er fing im Gerichtssaal an zu weinen. Wir sind zusammen rausgegangen und kamen ins Gespräch. Als seine Mutter starb, war er noch ein Kind. Nachdem sie umgekippt war, hatte er den Krankenwagen gerufen. Im Krankenhaus ist sie gestorben. Er hatte sich für den Tod der Mutter verantwortlich gefühlt. Jetzt gab es endlich eine Erklärung dafür, was passiert war.“ Der Tod der Mutter habe den Mann aus der Bahn geworfen. Der WEISSE RING hat die Fahrtkosten übernommen, damit er den Prozess verfolgen konnte. „Und wir haben die Verbindung zu seiner Außenstelle vor Ort geknüpft“, sagt Klein. „Er hat mir später nochmal geschrieben: Er hat jetzt eine Ausbildung gemacht, weil wir ihm auf den Weg geholfen haben. Das war schon sehr besonders.“
Das Landgericht Oldenburg hat den Täter in 85 Fällen wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Es stellte außerdem die besondere Schwere der Schuld fest. In 15 Fällen hat es ihn freigesprochen, sozusagen im Zweifel für den Angeklagten. Seine Schuld sei „unfassbar“, sagte der Richter bei der Urteilsverkündung. Auch für Petra Klein war dieser Fall außergewöhnlich. „Es gab einfach viele Tränen. Ich habe bergeweise Taschentücher verteilt. Und Traubenzucker, damit die Betroffenen das durchhalten. Es gab viel Gesprächsbedarf. Manchmal hat es gereicht, still zuzuhören. Manchmal hat es geholfen, einfach nur die Hand zu halten. Manchmal haben uns Menschen in den Armen gelegen. Da ist die immaterielle Hilfe, der eigentliche Kern unserer Arbeit, so richtig zum Zuge gekommen.“
„Ich habe überlebt. Genieße jeden Tag.“
RAF-Terror im „Deutschen Herbst“
In Jutta Knauffs Wohnzimmer steht eine Cola-Flasche mit einem arabischen Schriftzug und einer besonderen Bedeutung: „Das war das Erste, was ich nach so langer Zeit zu trinken bekam“, sagt die 85-Jährige. „Den Geschmack und das Gefühl werde ich nie vergessen.“ Ebenso wie das, was passiert war: „Frauen mussten ihre Strumpfhosen ausziehen, wurden damit gefesselt, mit Spiritus übergossen. Ich habe fünf Tage um mein Leben gebangt.“ Es fiel ihr danach schwer, Worte zu finden. Ab dem 13. Oktober 1977 gehörte sie zu den Geiseln an Bord der Lufthansa-Maschine „Landshut“, die von Mallorca nach Frankfurt fliegen sollte, aber von palästinensischen Terroristen entführt wurde und nach mehreren Etappen und einer Notlandung in Mogadischu landete. Die Täter waren mit der Rote Armee Fraktion verbündet, wollten inhaftierte RAF-Anhänger freipressen. Die Spezialeinheit GSG 9 stürmte die Landshut; bis auf eine Flugbegleiterin blieben alle Geiseln unverletzt und kamen frei. Zuvor war ein Pilot ermordet worden.
Der Oktober 1977 ging als „Deutscher Herbst“ in die Geschichte ein. Die RAF ermordete, verletzte und traumatisierte viele Menschen. Der WEISSE RING unterstützte einen Teil der Opfer. Der Kontakt zu Knauff kam später über den Journalisten Martin Rupps zustande. Der VdK Siegen-Olpe-Wittgenstein und der WEISSE RING unterstützten Knauff beim OEG-Antrag, den sie vor 15 Jahren stellte. Entschädigt werde sie seit 2019. Bei einem ersten Versuch nach der Tat „ist es furchtbar gelaufen. Das zuständige Amt schickte mich hin und her. Ein Arzt musterte mich sexistisch und sagte: ‚So wie Sie aussehen, kann es Ihnen nicht schlecht gehen.‘“ Der Umgang mit Opfern „war mitunter entwürdigend“.
Als Knauff nach Hause kam, wollte sie „nur eine Dusche nehmen, meine Familie drücken und schlafen“. Doch vor ihrem Haus standen viele Menschen, darunter Journalisten, die teils falsch berichtet hätten. Ein Jahr später trennt sie sich von ihrem Mann und beginnt ein neues Leben, was damals besonders viel Mut erfordert.
Am Tag nach der Befreiung der Landshut wird Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer nach 44 Tagen Geiselhaft tot aufgefunden. Die Familie bittet um Spenden, die der WEISSE RING an Terroropfer verteilen soll. Der Verein stockt die Summe auf und unterstützt 62 Opfer mit 284.000 Mark.
„Die fünf Tage – die ich mehrfach durchlebt habe – werden immer zu mir gehören. Ich habe relativ spät gelernt, nicht dagegen anzukämpfen, dank einer Therapeutin“, sagt Jutta Knauff. Sie beklagt sich nicht, obwohl sie trotz jahrzehntelanger Arbeit nur eine kleine Rente bekommt. Knauff sagt: „Ich habe überlebt und mache das Beste daraus. Genieße jeden Tag.“ Mit einem Teil der Überlebenden trifft sie sich immer noch: „Es ist schön, wenn wir uns wiedersehen – und eine Art Selbsttherapie.“
Jahrzehntelanges Warten der Opfer
Oktoberfest-Attentat
Im Archiv des WEISSEN RINGS in Mainz steht der schwarze Leitz-Ordner neben vielen weiteren. Es riecht nach altem Papier. Wer den Ordner aufschlägt, stößt auf vergilbte Schreibmaschinenseiten. Dort finden sich auch Presseberichte über Schicksale von Familien, Paaren und Freundschaften – auseinandergerissen am 26. September 1980 beim rechtsterroristischen Attentat auf das Münchner Oktoberfest. Zwölf Menschen und der Attentäter starben, mindestens 221 weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Eine von ihnen ist Sigita Fröschl, die heute in Oberbayern lebt. Sie war als 23-Jährige mit einer Gruppe auf dem Oktoberfest unterwegs, als die Bombe in ihrer unmittelbaren Nähe explodierte.
Es ist der bisher schwerste Terrorakt in der Geschichte der Bundesrepublik. Am Haupteingang des 146. Oktoberfests explodierte gegen 22.20 Uhr in einem Papierkorb eine selbst gebaute Bombe. Lange gingen die Ermittlungsbehörden von einem Einzeltäter mit persönlichen Motiven aus. Erst nach der Wiederaufnahme der Ermittlungen im Jahr 2014 wurde das Attentat 2020 als rechtsextrem motivierter Terrorakt eingestuft. Ob weitere Personen beteiligt waren, blieb ungeklärt.
Viele Anschlagsopfer fühlten sich von den Behörden alleingelassen – damals ebenso wie Jahrzehnte später. „Die Ersten und Einzigen, die von sich aus auf uns zugekommen sind, persönlich, und uns geholfen haben, das waren die Leute vom WEISSEN RING“, sagt Sigita Fröschl über 45 Jahre später im Gespräch mit dem WEISSER RING Magazin. „Das war sehr einprägsam, und dafür bin ich noch immer dankbar.“
Ein Ehrenamtlicher habe sie nach dem Attentat während ihres mehrwöchigen Krankenhausaufenthalts besucht, Hilfe und Beistand angeboten. Sie habe zudem etwa 100 D-Mark Soforthilfe erhalten. Die Stadt München habe ihr nur einen mehrseitigen Erhebungsbogen „hingepfeffert“. Es habe keine Ansprechpartner oder Kriseninterventionsteams gegeben, sie habe keine psychologische Hilfe erhalten. „Ich muss heute damit leben.“
Der WEISSE RING unterstützte die Betroffenen finanziell und stellte mehr als eine Million D-Mark bereit. Eine interne Notiz vom 5. Oktober 1981 dokumentiert die Unterstützung von 180 Menschen in rund 120 Fällen. Dort heißt es, „dass eine weitere Anzahl von Personen durch Rat und Tat betreut wurden, ohne finanzielle Hilfe erhalten zu haben“. In dem Archivordner finden sich Berichte über Krankenhausbesuche, mit Blumenstrauß, Gesprächen und einem offenen Ohr.
Eine angemessene staatliche Entschädigung der Opfer ließ Jahrzehnte auf sich warten. Erst nach der Neubewertung des Attentats 2020 gab es einen Entschädigungsfonds in Höhe von 1,2 Millionen Euro; Sigita Fröschl erhielt daraus 5.000 Euro. „Uns ist sehr bewusst, dass diese Hilfe sehr, sehr spät kommt“, sagte die damalige Bundesjustizministerin Christine Lambrecht gegenüber der Redaktion des WEISSEN RINGS 2024. „Umso wichtiger ist es, dass es sie jetzt geben wird.“
Der Anschlag und die Folgen
Terrortat auf Weihnachtsmarkt an Berliner Gedächtniskirche
Als Sabine Hartwig kurz nach dem Anschlag am Breitscheidplatz ins Landesbüro des WEISSEN RINGS kam, ahnte sie, „dass wir es mit einem Ereignis von einer außerordentlichen Größenordnung zu tun haben“, sagt die damalige Landesvorsitzende. Bald gingen permanent Anrufe ein, kamen Menschen vorbei. Sie suchten verzweifelt Angehörige, brauchten Rat und Hilfe. Ein Anhänger des „Islamischen Staates“ war am 19. Dezember 2016 mit einem Lkw in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gerast. Er ermordete 13 Menschen, verletzte viele weitere schwer.
Unter den Betroffenen waren ausländische Touristen und Bürger aus sechs Bundesländern. „Mir war klar: Es braucht Koordination“, erinnert sich Hartwig, die als leitende Kriminalbeamtin während ihres Berufslebens auch besondere Aufbauorganisationen einrichtete. Beim WEISSEN RING sorgt sie mit ihrem Team für eine geordnete Kommunikation, Koordination der Hilfen, Bündelung der Kräfte und exakte Dokumentation: „Bei so vielen Anrufen weiß man sonst nachmittags nicht mehr, wer morgens mit welchem Anliegen angerufen hat.“ Die Ehrenamtlichen bekommen Supervision, „weil Nachsorge in so belastenden Fällen sehr wichtig ist“. Die Opfer werden auf vielfältige Weise unterstützt, etwa mit finanziellen Soforthilfen und Gruppen für Hinterbliebene und Betroffene. Als ein Mann, der schließlich überlebt, länger im Koma liegt, sorgt der Verein dafür, dass die Kinder anreisen können. Auf Grundlage der Erfahrungen entsteht ein Leitfaden für Hilfe bei Großereignissen. „Das Wissen darüber, was wann und wie zu tun ist, muss abrufbar sein“, erklärt Hartwig. Ihre Leitlinien helfen etwa 2024 nach dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt.
Der Anschlag, der alles veränderte
Am 19. Dezember 2016 steuerte ein islamistischer Terrorist einen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz. 13 Menschen starben. Der Anschlag veränderte die Arbeit des WEISSEN RINGS.
Auch zehn Jahre nach der schrecklichen Tat in Berlin ist bei den Betroffenen nichts vergessen. Das Leben ist anders geworden. Astrid Passin verlor ihren Vater und erlebte, „dass der Staat unsere Familien nicht schützen konnte und seinen Pflichten zur Aufklärung sowie zur Unterstützung nur mangelhaft nachkam.“ Um den Bedürfnissen von Terroropfern mehr Gehör zu verschaffen, hat sie die Organisation Victims of Terrorism (VoT Germany e.V) gegründet. Diese setzt sich für Opferrechte ein und beschäftigt sich mit allen Formen des Terrorismus, um auch die Prävention zu verbessern: „Der Anschlag, mit dem ich nie abschließen werde, hätte verhindert werden können.“ Obwohl die Tat sie stark belaste, sei sie aus der Opferentschädigung gefallen. „Mein Engagement diente als Argument dafür, dass es mir gut gehe. Oft bleibt unsichtbar, welche Ängste auch ich durchlebe.“ Sie wird sich weiter einsetzen. Der Staat habe Lehren gezogen, etwa Opferbeauftragte installiert und einige Sicherheitsbehörden besser ausgestattet, allerdings sei noch viel zu tun. Passin kämpft für eine nationale Gedenkstelle, einen Opferbeauftragten für im Ausland geschädigte Deutsche, eine dauerhafte Opferrente und ein konsequenteres Vorgehen gegen Terroristen im Netz.
Die schutzlosen Kinder von Lügde
Tausendfacher Missbrauch auf Campingplatz
Seit 1981 hat Christian Jahn-Pabel 42 Jahre lang die Außenstelle Hameln-Pyrmont des WEISSEN RINGS betreut und sich um rund 3.400 Opferfälle gekümmert. Kaum einer habe ihn so erschüttert wie der Missbrauch von Lügde, der nicht in Worte zu fassen sei: „Es ist unbegreiflich, wie viele Erwachsene so lange nichts gemerkt und unternommen haben“, sagt Jahn-Pabel. Die betroffenen Kinder beschreibt er als verängstigt, traumatisiert und teils vernachlässigt. Eine Mutter habe die Verbrechen nicht wahrhaben wollen und einen abwesenden Eindruck gemacht: „Psychologische Hilfe und eine gute Begleitung vor Gericht waren in dem Fall besonders wichtig“, erinnert sich der Hamelner.
Auf einem Campingplatz im Ortsteil Elbrinxen wurden in der Zeit zwischen 2008 und 2018 mindestens 41 Kinder sexuell missbraucht, die Staatsanwaltschaft geht von etwa 1.000 Taten aus. Die beiden Haupttäter, die den Missbrauch zum Teil filmten, wurden zu 13 beziehungsweise zwölf Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt, ein weiterer zu zwei Jahren auf Bewährung.
Die Aufklärung begann erst, nachdem sich 2018 ein neunjähriges Mädchen seiner Mutter anvertraute und sagte, dass sie in dem Jahr auf dem Campingplatz vergewaltigt worden war. Aus Angst vor dem Beschuldigten erstattete die Mutter nicht sofort Anzeige. Danach vergingen noch eineinhalb Monate, bis der Verdächtige festgenommen wurde. Nur eines von vielen Versäumnissen: Der Mann soll bereits 2008 ein achtjähriges Mädchen missbraucht haben. Als ein Vater im August 2016 Polizei, Jugendamt und Kinderschutzbund informierte, schaltete die Polizei zwar das Jugendamt ein, ermittelte jedoch nicht.
Nach der Aufdeckung richteten die damalige NRW-Opferschutzbeauftragte Elisabeth Auchter-Mainz, der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, die Polizei und der WEISSE RING eine offene Sprechstunde ein, um Betroffene zu finden und ihnen Hilfsangebote zu machen. Daraufhin meldeten sich weitere Opfer. Christian Jahn-Pabel rechnet dennoch mit einer nach wie vor „hohen Dunkelziffer“.
Ein Untersuchungsausschuss des Landtags Nordrhein-Westfalen stellte unter anderem schwere Fehler des Jugendamtes fest, das dem Haupttäter die Verantwortung für ein Pflegekind gab. Dieser kam dadurch in Kontakt zu weiteren Kindern und soll in dieser Zeit die meisten Übergriffe begangen haben.
Die Außenstelle Hameln-Pyrmont betreute acht betroffene Kinder und deren Familien. Sie erhielten zum Beispiel anwaltliche und psychotraumatologische Unterstützung und Opferhilfen für einen Kurzurlaub, um sich zu erholen. Außerdem wurden sie dabei unterstützt, Anträge auf Opferentschädigung oder auf Leistungen aus dem Ergänzenden Hilfesystem (EHS) zu stellen. Auch die Außenstellen Schaumburg und Höxter kümmerten sich um die Opfer.
Sie mussten, kritisiert Christian Jahn-Pabel, einen langen und teilweise vergeblichen Kampf um Entschädigung führen.
Erst ein Opfer, dann im Abseits
Die Amoktat von Winnenden
Am 11. März 2009 erschießt ein 17-Jähriger an der Albertville-Realschule in Winnenden neun Schülerinnen und Schüler sowie drei Lehrerinnen. Dann steigt er in das Auto von Philipp Z., der auf einem Parkplatz auf seine Frau wartete. Der Attentäter hält ihm eine Pistole an den Kopf und zwingt ihn loszufahren. Zwei Stunden lang ist er dem Täter ausgeliefert, durchlebt Todesängste, versucht aber, beruhigend auf ihn einzuwirken und von weiteren Taten abzubringen. An einer Autobahnauffahrt lenkt er den Wagen nahe einer Polizeikontrolle auf den Grünstreifen und lässt sich aus dem fahrenden Auto fallen. „Winnenden, Winnenden“, ruft er den Beamten zu. Der Täter flüchtet in ein Autohaus, tötet zwei weitere Menschen, verletzt mehrere Polizisten schwer und erschießt sich schließlich selbst.
„Damals hat niemand normal funktioniert“, erinnert sich Werner Stanislowski. Er war Kriminalhauptkommissar in Aalen und ist bis heute Leiter der Außenstelle des WEISSEN RINGS im Ostalbkreis. „Auch für die Polizei war das etwas nie Dagewesenes, ein Riesenschock.“ Am Tag nach der Tat wurde der WEISSE RING hinzugezogen. Vier Außenstellen betreuten 21 Opfer, Angehörige und Überlebende. Stanislowski kümmerte sich um zwei Betroffene: einen Polizeibeamten, der auf dem Weg zum Einsatz in Winnenden erfuhr, dass seine Frau, eine Lehrerin der Schule, unter den Toten war, und Philipp Z., die Geisel des Attentäters.
Die Solidarität nach der Tat sei groß gewesen – anders jedoch bei Philipp Z.: Obwohl sein Handeln im Auto vermutlich Schlimmeres verhindert habe, sei er selbst Gegenstand der Ermittlungen geworden. Doch auch nachdem die Behörden jede Beteiligung ausgeschlossen hatten, sei er, geschürt von Medienberichten, für viele der rätselhafte Fahrer des Attentäters geblieben. Wie andere Betroffene sei auch er über Wochen von Medienschaffenden belagert worden.
Philipp Z. habe nur schlecht Deutsch gesprochen und sei mit der Situation überfordert gewesen. „Er wollte nur in sein bisheriges Leben zurück.“ Mit der Zeit hätten sich viele Menschen aus Philipp Z.s Umfeld zurückgezogen. Dabei habe er „nichts falsch gemacht“, sagt Stanislowski. „Nicht einmal zur offiziellen Trauerfeier wurde er eingeladen.“ Das empört Stanislowski noch heute.
Philipp Z. verlor seinen Job als Gabelstaplerfahrer, war lange in psychotherapeutischer Behandlung, seine Familie zerbrach. Er zog wenige Jahre nach der Tat weg und brach den Kontakt nach Deutschland ab. Der WEISSE RING sei in dieser Zeit „sein einziger Anker“ gewesen, habe sich Philipp Z. später erinnert.
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