Der leise Ermutiger
Er hat die Sozialpolitik in Deutschland als Staatssekretär aus dem Hintergrund mitgestaltet – und übernimmt nun Verantwortung für die Opferhilfe: Rolf Schmachtenberg ist der neue Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Berlin. Der 67-Jährige bringt politische Erfahrung sowie fachliche Tiefe mit und hat ein Ziel: Opfer von Verbrechen stärken und sie sichtbar machen.
Rolf Schmachtenberg ist der neue Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Berlin. Bei der Wahl hat er mit 52 von 52 Stimmen ein eindeutiges Ergebnis erzielt.
Ende April, ein Samstag, 8.57 Uhr. Noch drei Minuten, dann beginnt die Berliner Landestagung des WEISSEN RINGS. Der Saal in dem Tagungshotel ist modern-funktional eingerichtet: Betonoptik, dunkelblau-grüne Wände, großflächige Kunstwerke. Vorne in der ersten Reihe sitzt Rolf Schmachtenberg. Dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte. Vor ihm ein rotes Notizbüchlein, das er immer wieder aufschlagen wird, um mitzuschreiben: konzentriert, präzise, akribisch.
Schmachtenberg ragt heraus. Schon allein körperlich: 1,97 Meter misst er. Doch an diesem Tag sticht er nicht nur wegen seiner Größe hervor: 52 von 52 Stimmen – so ein eindeutiges Ergebnis erzielt er bei seiner Wahl zum Berliner Landesvorsitzenden. Ein Ergebnis, das den 67 Jahre alten Schmachtenberg „freudig überrascht“ hat, wie er sagt. Das Votum sieht er aber auch als Verpflichtung: „Ich muss, wir, der Vorstand, müssen nun auch liefern.“
An dem sonnigen Frühlingstag liegt Abschied in der Luft: Bianca Biwer, die scheidende Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS, sagt den Berliner Ehren- und Hauptamtlichen mit warmen Worten Adieu. Auch Schmachtenbergs Vorgängerin, Manuela Krahl-Röhnisch, lässt die vergangenen vier Jahre als Landesvorsitzende Revue passieren. Es fließen Tränen. Dass aus Wehmut kein tiefes, schwarzes Loch wird, liegt auch an Schmachtenberg. Zum einen verteilt er schnell und fast beiläufig Taschentuchpackungen mit dem Logo des Opferhilfevereins. Zum anderen hat der Berliner Verband mit seinem neuen Vorsitzenden einen Mann mit reichlich Erfahrung für eine Führungsposition gewinnen können.
Schmachtenberg wird 1959 in Aachen geboren. Daher seine Vorliebe für Karl den Großen, sagt er mit einem Augenzwinkern. Doch die nordrhein-westfälische Stadt ist ihm irgendwann zu klein. Er geht zum Mathematikstudium nach Heidelberg und Paris; 1989 promoviert er in Mannheim als Volkswirt. Sein Engagement in der Friedensbewegung prägt ihn politisch und führt ihn nach Berlin. Die Mauer ist gefallen, vieles im Umbruch. Schmachtenberg wird Anfang 1990 Referent der DDR-SPD. Kurze Zeit später tritt er in Pankow den Sozialdemokraten bei – der Beginn einer Laufbahn, die ihn tief in die Sozialpolitik führt, die er dann über Jahrzehnte mitgestalten wird.
Er wird Referent für Arbeit und Soziales in dem dafür zuständigen Ministerium der DDR unter der beliebten und über Parteigrenzen hinweg geachteten SPD-Politikerin Regine Hildebrandt. Ihr folgt er noch im selben Jahr bis Ende 2001 ins brandenburgische Arbeitsministerium. Im Januar 2002 wechselt Schmachtenberg ins Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung. Dort ist er zuerst als Unterabteilungsleiter und später als Abteilungsleiter im Bereich Arbeitsmarktpolitik aktiv, bis er zur Kriegsopferversorgung versetzt wird. Zuletzt ist er von 2018 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2025 als Staatssekretär zusätzlich vor allem für die Politik für Menschen mit Behinderungen sowie die gesetzliche und betriebliche Rente zuständig.
Geduld und ein Plan B
Als Staatssekretär lernt Schmachtenberg 2010 das Opferentschädigungsgesetz kennen. „Mir wurde schnell klar, dass es zwar sehr umfangreiche Versorgungsleistungen vorsieht, aber nichts an schnellen Hilfen, wie sie Opfer von Gewalttaten benötigen.“ Er habe deshalb einen Fachdialog mit seinen Kolleginnen und Kollegen im Bundesarbeitsministerium und externen Fachleuten initiiert, wie das Recht neu aufgestellt werden könnte. Daraus resultiert 14 Jahre später das SGB XIV. Zwischen 2014 und 2018 wird der Gesetzentwurf erarbeitet. Im Anschluss sorgt Schmachtenberg dafür, dass er alle drei gesetzgeberischen Hürden nimmt: Bundeskabinett, Bundestag und vor allem Bundesrat. „Dabei muss man auf der Wegstrecke Kompromisse in alle Richtungen eingehen“, betont er. „Wichtig für den Erfolg war, dass nach intensiven Abstimmungen der WEISSE RING das Vorhaben klar unterstützte. Das war von hohem Wert, um die Bundesländer zur Zustimmung zu bewegen.“
In Prozessen wie diesen empfindet Schmachtenberg Kritik nicht als Angriff, sondern als „hilfreich, solange sie nicht verletzend und zynisch ist“. Gerade in der Politik für Menschen mit Behinderungen habe er gelernt, wie wichtig unterschiedliche Perspektiven seien. „Das ist oft arbeitsintensiv und anstrengend“, sagt er. „Aber die Mühe lohnt sich, wenn man zu besseren Ergebnissen kommen will.“ Politische Prozesse beschreibt Schmachtenberg als ein System aus Hindernissen und Ausweichrouten: Wer beispielsweise ein zustimmungspflichtiges Gesetz durch den Bundesrat bringen wolle, müsse mögliche Widerstände früh erkennen und mitdenken. Es sei gut, immer einen Plan B zu haben, sagt er. Manchmal aber helfe selbst das nicht. Dann brauche es Geduld. Im Extremfall könne es besser sein, ein Vorhaben nicht weiterzuverfolgen und erst einmal abzuwarten
Warum im Jahr 2010 der Schritt in den WEISSEN RING? Schmachtenberg antwortet pragmatisch: „Bei meinem Wechsel von der Arbeits- in die Sozialpolitik fand ich es gut zu wissen, wie die Beratungsarbeit des WEISSEN RINGS funktioniert.“ 2020 macht er die Qualifizierung zum ehrenamtlichen Opferberater. Vier Opferberatungen habe er übernommen, erzählt Schmachtenberg, eigentlich keine dramatischen Fälle, wie er betont. Und doch bleiben sie ihm im Gedächtnis.
„Mein Ziel ist es, dass der WEISSE RING als zentraler Akteur für die Opfer von Kriminalität stärker wahrgenommen wird.“
Rolf Schmachtenberg
„Ich empfand die Arbeit als beeindruckend und sehr fordernd. Man sitzt mit den Opfern zusammen, ist mit ihren Lebensgeschichten konfrontiert, mit dem, was sie erleben mussten, und soll dann einen hilfreichen Beitrag beisteuern.“ Eine anspruchsvolle Aufgabe, die sich zeitlich kaum mit seiner Tätigkeit als Staatssekretär vereinbaren lässt. „Deshalb habe ich einen riesigen Respekt vor denen, die diese ehrenamtliche Arbeit leisten.“
Respekt vor ehrenamtlicher Arbeit
Vielleicht erklärt dies auch das Zögern Schmachtenbergs, den Landesvorsitz von Manuela Krahl-Röhnisch zu übernehmen. Ende 2020 wird er das erste Mal gefragt. Mit Verweis auf seine berufliche Tätigkeit als Staatssekretär lehnt er zunächst ab. „Doch seitdem war die Idee in mir eingepflanzt.“ Nach seinem Ruhestand sei es die Hartnäckigkeit von Krahl-Röhnisch gewesen, die ihn überzeugt hätte, die neue Rolle anzunehmen. Vorbereitet hat er sich darauf lange. Er sei bereits seit einiger Zeit „mitgelaufen“, wie Krahl-Röhnisch erzählt.
Den WEISSEN RING hält Schmachtenberg für den zentralen Akteur, um die Rechte von Opfern zu stärken. „Opfer von Gewalt zu werden, ist furchtbar: Ohnmacht und Scham lähmen, Hilfe fehlt oft oder ist nicht erreichbar.“ Deshalb brauche es den WEISSEN RING, der diese Hilfe anbiete – „ehrenamtlich-fachlich, uneigennützig und unabhängig“. Der Verein sei die Institution, die sich ausschließlich für die Belange der Opfer einsetze. „Und dies will ich mit meinen Kräften unterstützen.“
Ziel müsse es sein, „dass wir es schaffen, mehr Opfer zu ermutigen, Unterstützung anzunehmen und zu sprechen“. Schmachtenberg ist überzeugt: Dies könnte Täter von ihrem Tun abhalten. „Denn das Schweigen der Opfer ist der beste Schutz der Täter“, betont er. Fänden die Opfer hingegen ihre Stimme, werde das Dunkelfeld ein wenig heller. „Wir sind gut in Prävention und Opferberatung, können also einen Beitrag leisten für eine friedvollere Gesellschaft.“
Mit kleinen, kaum sichtbaren Gesten
Schmachtenberg weiß, dass auch innerhalb der Opferhilfeorganisation Veränderungen nötig sind. Zwar feiert der Verein in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen. Doch der „Schwung der Aufbaujahre ist verflogen“, sagt er. Der Verein brauche „mehr Mitglieder, mehr Geld, mehr ehrenamtliche Opferberaterinnen und -berater“. Schmachtenberg betont: „Mein Ziel ist es, dass der WEISSE RING als zentraler Akteur für die Opfer von Kriminalität noch stärker wahrgenommen wird.“
Zurück im Tagungssaal. Schmachtenberg zeigt mit kleinen, kaum sichtbaren Gesten, wie er den Landesverband führen will. Als eine Referentin den versammelten Mitgliedern des WEISSEN RINGS eine Einstiegsfrage stellt, antwortet Schmachtenberg zuerst und bricht so das Eis. Seine Vorstellungsrede beginnt mit einem Scherz: „Sitzen alle gut? Jetzt kommt eine lange Rede.“ Doch sie bleibt kurz und klar, mit einer ehrlichen Standortbestimmung und offen kommunizierten Zielen. Sie ist auch persönlich, nahbar: Wohnhaft in Moabit, verheiratet, „drei oder fünf erwachsene Kinder. Je nach Zählweise.“. Sein Ehemann hat zwei Kinder mit in die Ehe gebracht, Schmachtenberg einen Sohn. Und dieser hat wiederum zwei Halbgeschwister. Eine nicht alltägliche Familie, Schmachtenberg erzählt davon fast beiläufig. Mit dem jüngeren seiner Söhne war Schmachtenberg kürzlich einen Monat in Indien unterwegs, der Heimat seines Ehemanns. Deshalb, sagt Schmachtenberg, „essen wir in der Regel zu Hause auch indisch“.
Im Ruhestand weiter politisch
Im Ruhestand bleibt Schmachtenberg politisch. Mit einem Augenzwinkern nennt er sich einen „freien Radikalen“, weil er sich vor allem beim Thema Alterssicherung weiter einbringt. Nicht als Strippenzieher hinter den Kulissen, sondern als Mahner und Mutmacher. Er schreibt Essays, in denen er zum Beispiel vor den Stimmen warnt, die das aktuelle Rentensystem am Ende sehen, und macht Gegenvorschläge. Er hat eine Beratungsfirma beim Finanzamt angemeldet, über die er Vorträge im Bereich der Sozialpolitik hält. Ein Nachklapp zu seinem Berufsleben sei das. Doch mit seiner Wahl zum Berliner Landesvorsitzenden des WEISSEN RINGS schlägt er nun ein neues Kapitel auf: „Jetzt habe ich ein neues Mandat und eine neue Aufgabe.“ Klar ist: Die ersten Seiten seines roten Notizbuches sind gefüllt. Viele weitere werden folgen. Für die Opfer von Kriminalität und Gewalt.
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