Die empathische Kämpferin

Wir sind tieftraurig, dass Manuela Söller-Winkler am 24. Juni während eines Klinikaufenthalts verstorben ist. Für dieses Porträt gab sie uns im Mai ein Interview. Nach Rücksprache mit ihrem Ehemann Achim Winkler, der bis zuletzt an ihrer Seite war, haben wir entschieden, den Text, den sie gelesen hatte, zu veröffentlichen. Um Manuela Söller-Winkler und ihre Verdienste zu würdigen und ihre wichtigen Botschaften weiterzugeben.

An einem Frühlingsabend in Mainz hatte Manuela Söller-Winkler schon einen ganzen Tag mit Vorstellungsgesprächen hinter sich: In der Bundesgeschäftsstelle des WEISSEN RINGS ging es um die Nachfolge von Geschäftsführerin Bianca Biwer, die zum Festspielhaus Baden-Baden wechselt. Söller-Winkler, eine Strategin mit Menschenkenntnis, traf in der Findungskommission eine Vorauswahl für den Bundesvorstand. Die 64-Jährige war Landesvorsitzende in Schleswig-Holstein und Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstandes, wo wichtige Vereinsbeschlüsse gefasst werden. Sie saß an einem Tisch im Konferenzraum Rhein. Auf der Stellwand hinter ihr  waren viele Menschen abgebildet, die einen Ring formen, um den Slogan „Jeder kann Opfer werden. Wir sind an Ihrer Seite“. Söller-Winkler trug eine pinkfarbene Bluse und eine Kurzhaarfrisur. Und strahlte, trotz der langen Termine. Zu den Gesprächen „darf ich mich nicht äußern“, sagte sie freundlich, aber bestimmt. Es war das einzige Mal, dass sie wortkarg blieb.

Ein riesiger Verlust

Der WEISSE RING trauert um Manuela Söller-Winkler. Wir waren sehr froh, als sie nach ihrer schweren Erkrankung zurückkehrte. Mit viel Energie, Klugheit, Humor und großen rhetorischen Fähigkeiten hat sie wieder viele Themen vorangetrieben, immer verbindlich und menschlich. Umso trauriger sind wir über ihren Tod.

Sie wird uns unfassbar fehlen, als wichtiges Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstands, verdiente Landesvorsitzende und wertvolle Ansprechpartnerin für die Akademie, als Vorsitzende des Fachbeirats Aus- und Weiterbildung. Manuela Söller-Winkler hat in allen Bereichen maßgebliche, bleibende Akzente gesetzt. Aber auch als Mensch, bei dem man sich schnell wohlgefühlt hat, hinterlässt sie eine riesige Lücke. Unsere herzliche Anteilnahme gilt ihrer Familie.

Kürzlich war Manuela Söller-Winkler als Landeschefin wiedergewählt worden. Als der damalige Vize-Bundesvorsitzende Jörg Ziercke die Juristin 2018 bat, das Amt zu übernehmen, war der Landesverband in einer schwierigen Situation: Ein Ehrenamtlicher soll hilfesuchende Frauen sexuell belästigt haben. Der Verein zog Konsequenzen, führte unter anderem eine Beschwerdestelle und das „Sechs-Augen-Prinzip“ bei Erstgesprächen ein. Doch die Krise war noch zu spüren, das Ansehen erschüttert, der Vorstand weg.

„Das schreckte mich nicht ab. Herausforderungen liebe ich“, erinnerte sich Manuela Söller-Winkler. Im Hinblick auf den Neuanfang „leuchtete mir ein, dass sie nach einer Frau suchten, die vertrauenswürdig und hier verankert ist“. Das traf auf Söller-Winkler zu, die bis 2017 Staatssekretärin im Ministerium für Inneres und Bundesangelegenheiten des Landes Schleswig-Holstein war.

Sie habe der Gesellschaft „im klassischen Sinne etwas zurückgeben“ wollen und sich gedacht: „Das ist es doch.“ Beruflich hatte sie viel mit Sicherheitsthemen zu tun, sich fortan auf den Opferschutz konzentrieren zu können „passte sehr gut“, zumal sie die Arbeit bereits geschätzt habe: „Wir fangen Menschen auf, begleiten sie, lotsen sie zu spezialisierten Hilfsangeboten.“ Die neue Landesvorsitzende änderte einiges: „Von Beginn an habe ich gesagt, dass ich eine enge Kommunikation mit meinen Außenstellenleitungen möchte. Um zu wissen, wie sie ihre Arbeit wahrnehmen. Es ist wichtig, dass wir den gleichen Wertekanon haben.“ Sie ging „in die Fläche“, bot sich aktiv als Gesprächspartnerin an. Manche waren skeptisch, fragten: Muss das sein? Will sie uns kontrollieren? Söller-Winkler erklärte, es sei ihr um einen intensiven Austausch gegangen, auch bei Problemen, um diese früh erkennen zu können. Sie trug zu einem Kulturwandel bei: „Mittlerweile kommen die Leute offen auf mich zu, üben auch Kritik.“

So wie bei einem aktuellen Thema: In einem Pilotprojekt in ausgewählten Bundesländern testet der WEISSE RING, ob es sinnvoll ist, den Scheck für eine anwaltliche Erstberatung durch ein anderes Verfahren zu ersetzen: Opfer werden dabei von einem hauptamtlichen Juristen oder einer Juristin des Vereins, die auf Opferrechte spezialisiert sind, beraten – statt wie bisher von externen Anwälten in der Umgebung. Nach der Testphase wird entschieden, ob das Modell ausgebaut wird.

Ein Teil der Ehrenamtlichen ist dagegen. Söller-Winkler warb für eine differenzierte Sichtweise: „Es handelt sich nicht nur um eine Sparmaßnahme. Der Aufbau einer eigenen Beratung kann ein Qualitätssprung sein. Gerade auf dem Land ist es schwierig, genügend gute Opferanwälte zu finden.“

Keine Angst vor unbequemen Themen

Eines von Söller-Winklers Prinzipien: „Debatte kann anstrengend sein, lohnt sich aber.“ Um überzeugen zu können, braucht es neben Einfühlungsvermögen inhaltliche Tiefe – das wusste Söller-Winkler aus ihrer beruflichen Laufbahn. Während ihrer Zeit im Innenministerium waren viele schwierige Themen an der Tagesordnung. Etwa, als um 2015 viele Geflüchtete kamen: „Wir sind in die Kommunen gefahren, wo eine Unterkunft gebaut wurde, und warben um Akzeptanz.“ Teilweise war dabei Polizeischutz notwendig. In kurzer Zeit entstanden mehr als zehn zusätzliche Unterkünfte, um den Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben. Auch für Söller-Winkler war es eine sehr schwierige, anstrengende, „aber gute Zeit“, weil sie helfen konnte.

Beim WEISSEN RING nahm Manuela Söller-Winkler bald auch am Forum der Landesvorsitzenden teil: „Hier habe ich damals realisiert, welch ausgeprägte Männerwelt das war.“ Irritiert habe sie auch, dass es oft Zustimmung oder Schweigen gegeben habe. „Mittlerweile haben wir eine viel bessere Diskussionskultur“, betonte Söller-Winkler. „Das liegt nicht nur, aber auch daran, dass wir gemischter und weiblicher geworden sind.“

Die gebürtige Bonnerin hatte keine Angst, „unbequeme“ Themen anzusprechen: „Mir fällt es schwer, den Mund zu halten, wenn mir etwas nicht gefällt oder ich es gar für falsch halte. Ich finde es wichtig, Dinge beim Namen zu nennen.“ So kritisierte sie vor Jahren, dass der Wirtschaftsprüfer länger nicht gewechselt worden war. Söller-Winkler hinterfragte auch sich selbst: „Manchmal überlege ich im Nachhinein, ob ich diplomatisch genug oder doch zu tough war und jemanden ,überrollt‘ habe.“ In Schleswig-Holstein arbeiteten Söller-Winklers Stellvertreter Harald Rothe und Pressesprecher Joachim Brandt eng mit ihr zusammen. Sie beschreiben die Landesvorsitzende als kommunikativ und zupackend. Eine Frau, die „wusste, was sie wollte, und gleichzeitig empathisch war“. Für die frühere Bundesgeschäftsführerin Bianca Biwer war Manuela Söller-Winkler eine „echte Führungsperson“ mit Fachkompetenz, die zuhörte und Verantwortung übernahm, auch in Krisen. Sie „hatte ein großes Herz, den Blick für das große Ganze und Haltung“. So habe sie geholfen, den Unvereinbarkeitsbeschluss, der den Verein vor Extremisten und Rassisten schützen soll, zu formulieren.

Söller-Winkler war auch Vorsitzende des Fachbeirats für Aus- und Fortbildung: „Wir bieten sehr gute Seminare an“, lobte sie und appellierte: „Leute und Mitstreiter, bleibt dran und ruht euch nicht auf Seminaren aus, die ihr vor Jahren gemacht habt. Wir schulden es den Opfern, ihnen nach den aktuellen Erkenntnissen und Möglichkeiten zu helfen.“ Das Thema Cyberkriminalität zum Beispiel werde immer wichtiger: „Wir müssen uns darin fortbilden. Die Rahmenbedingungen für Polizei und Justiz sind schwierig, die Dunkelziffer hoch.“

Söller-Winkler forderte eine „noch stärkere Innovationsbereitschaft“ im Verein. Die digitale Außenstelle sei „aus dem Mangel geboren, weil wir weniger Ehrenamtliche als früher haben. Sie bietet aber auch Chancen, etwa beim Erreichen jüngerer Betroffener“.

Ausdrücke wie „dranbleiben“ und „hinterfragen“ verwendete Söller-Winkler oft: „Vieles von dem, was wir in den vergangenen 50 Jahren gemacht haben, ist großartig, aber wir müssen uns hinterfragen und einiges verändern, um auch noch in 50 Jahren stark zu sein.“ Söller-Winkler war eine Kämpferin. Während ihrer Krebserkrankung habe ihr eines geholfen: „Die vielen mutmachenden Nachrichten von Menschen aus dem Verein haben mich in der besonders schweren Zeit getragen. Und später habe ich mich unheimlich gefreut, mich wieder engagieren zu können.“