„Ich bin eine Gerechtigkeitsfanatikerin“

Helgard van Hüllen engagiert sich seit 33 Jahren beim WEISSEN RING – konkret für Opfer in der Außenstelle Bad Tölz-Wolfratshausen und allgemein für einen besseren Opferschutz auf Bundes- und Europa-Ebene.

Helgard van Hüllen übernimmt noch die Außenstellenleitung in Bad Tölz-Wolfratshausen. Im Landes- und Bundesvorstand ist sie heute nicht mehr aktiv.

Als Helgard van Hüllen in den 60er-Jahren Jura studierte, war ganz klar der Täter im Mittelpunkt. „Nur ein Strafrechtsprofessor gab zu bedenken, dass Richter sich fragen sollten, wer wohl schutzwürdiger ist: der Täter oder das Opfer, vielleicht auch mögliche weitere?“, erinnert sich van Hüllen. Diese Frage ließ sie ihr Leben lang nicht los. Rund 60 Jahre später sitzt Helgard van Hüllen in ihrem Haus in Gaißach im oberbayerischen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Seit 1993 ist sie ehrenamtliche Mitarbeiterin beim WEISSEN RING, seit 2001 leitet sie die Außenstelle. Inzwischen ist sie 83 Jahre alt. Ein Beckenbruch im Januar macht ihr noch zu schaffen. Wenn sie vom Sofa aufsteht, bleibt sie kurz stehen, bis die Schmerzen nachlassen, bevor sie losgeht. „Wird schon wieder“, sagt sie und zuckt mit den Schultern.

Sich engagieren statt schimpfen

Van Hüllen ist schon immer eine Macherin. Sie wurde in Berlin geboren und wuchs zunächst auf dem Bauernhof in Schleswig-Holstein auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Familie nach Leverkusen und schließlich nach Krefeld. Als eine von wenigen Frauen studierte sie damals Jura, erst in Freiburg, dann in Berlin; in Münster promovierte sie schließlich im Arbeitsrecht. „Ich wollte keine Rechtsanwältin werden, weil ich nicht einseitige Interessen vertreten wollte“, sagt sie. „Ich bin eine Gerechtigkeitsfanatikerin. Wahrscheinlich habe ich das von meinem Vater mitgekriegt.“

Schon während ihres Studiums wollte sich van Hüllen, damals noch in Krefeld, politisch engagieren – „statt immer nur auf die Politik zu schimpfen“, sagt sie und grinst. Sie schrieb die Kreisverbände von CDU, SPD und FDP an und stellte allen dieselben Fragen: Was geht vor, die Gemeinschaft oder das Individuum? Und wenn die Gemeinschaft vorgeht, wie definieren Sie das Allgemeinwohl? „Eine Partei schickte einen Aufnahmeantrag, die andere ihr Programm, nur die Konrad-Adenauer-Stiftung hat anständig geantwortet.“ Die Antwort der parteinahen Stiftung hat sich für die örtliche CDU mehr als gelohnt: Für sie saß van Hüllen später im Stadtrat sowie im Schul- und Kulturausschuss in Krefeld. Ende der 70er zog sie mit ihrem Mann ins bayerische Gaißach, weil er in der Nähe eine Stelle angenommen hatte. Hier setzte sie ihr politisches Engagement fort: Zehn Jahre lang war sie für die CSU Kreisvorsitzende der Frauen-Union im Kreisverband Bad Tölz-Wolfratshausen.

„Manchmal entsteht der Eindruck, dass Opfer in erster Linie Geld sehen wollen, doch das Wichtigste ist, dass man ihnen zuhört.“

Helgard van Hüllen

In Gaißach suchte sie 1993 ein Ehrenamt und stieß dabei auf einen Artikel über die Opferarbeit des WEISSEN RINGS. Sie erinnerte sich an die Worte ihres Strafrechtsprofessors und meldete sich bei der Außenstelle Bad Tölz-Wolfratshausen. Schnell wurde sie als Mitarbeiterin ausgebildet.

Manchmal half sie Opfern auf unkonventionelle Weise

Lieber als über sich spricht van Hüllen über die Opfer, denen sie manchmal auf unkonventionelle Art geholfen hat. Eine Verkäuferin, die im Geschäft überfallen worden war, konnte danach nicht mehr in den Beruf zurück und brauchte für die Umschulung einen Computer. Van Hüllen fragte im Bekanntenkreisherum, wer zu Hause ein Gerät stehen hat, das nicht mehr benötigt wird. Zwei ältere Damen wussten nicht, wie sie ihr Grundstück in Ordnung halten sollten, nachdem der Ehemann der einen Opfer einer Gewalttat geworden war, also beantragte sie Geld für einen elektrischen Rasenmäher. „Manchmal entsteht der Eindruck, dass Opfer in erster Linie Geld sehen wollen, doch das Wichtigste ist, dass man ihnen zuhört und dass sie als Opfer ernstgenommen und anerkannt werden“, sagt van Hüllen. „Danach kommt der Zugang zu Informationen, dann erst das Geld.“

Von der Außenstelle in Oberbayern bis auf die Europa-Ebene

Van Hüllens Talent und Einsatz wurden schnell bemerkt. 1998 wurde sie in den Bundesvorstand des WEISSEN RINGS gewählt, mehr als 20 Jahre war sie stellvertretende Bundesvorsitzende. Viele Jahre engagierte sie sich auch auf europäischer Ebene, baute Netzwerke für Opferarbeit und Kriminalprävention auf und aus und setzte sich für Projekte wie das Opfer-Telefon und einen Arbeitskreis gegen sexualisierte Gewalt ein. Bis 2020 war sie Vizepräsidentin des Dachverbands der europäischen Opferhilfeorganisationen, Victim Support Europe (VSE). In dieser Funktion setzte sie unter anderem die Richtlinie 2012/29/EU des Europäischen Parlaments und des Rates mit durch, die festlegte, dass Opferhilfe und auch deren Leitung ehrenamtlich organisiert sein darf. „Da bin ich bis heute stolz darauf“, sagt sie. „Für die Opfer macht es einen großen Unterschied, dass jemand für sie da ist, der nicht beruflich dazu verpflichtet ist, sondern helfen will, der nicht in der Amtssprache von Polizisten, Juristen, Ärzten oder Verwaltungsleuten spricht, sondern ‚wie du und ich‘.“

Anerkennung für ihre Arbeit – und die ihrer Teams

Seit ihrem Ruhestand 2007 baute sie ihr Engagement weiter aus und setzt sich auch für andere Vorhaben ein, zum Beispiel einen Verein für soziale Projekte in Südmarokko. Im vergangenen Jahr nahm sie an einem Firmenlauf teil. Freude macht ihr außerdem der Gemüsegarten neben dem Haus, in dem sie alleine lebt, seit ihr Mann verstorben ist. Im Laufe der Jahre wurde van Hüllen mehrfach für ihren Einsatz ausgezeichnet. 2010 erhielt sie den Deutschen Bürgerpreis, 2013 das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2019 die Bayerische Verfassungsmedaille in Silber und im vergangenen Dezember die Isar-Loisach-Medaille.

In ihrem Haus in Gaißach führt sie nun zu einem Bild, das noch an der Wand im Flur lehnt: eine Collage aus Fotos von VSE-Mitgliedern, die den Schriftzug ergeben: „You will always be part of our family“, dazu Grüße und Wünsche. „Das muss ich natürlich aufhängen!“ Was bedeuten ihr die Auszeichnungen? „Früher hätte ich gesagt nichts“, sagt sie, „aber sie gelten ja immer dem Team, und wenn jemand merkt, was wir alle leisten, freue ich mich über die Anerkennung.“ Die Auszeichnungen zeigten, wie viel sich in der Opferhilfe getan hat, sagt van Hüllen. „Aber es ist immer noch viel zu tun.“