Im Dienst der Opfer

Das Leben von Wolfgang Sielaff steht ganz im Zeichen der Kriminalitätsbekämpfung und des Einsatzes für Opfer. Immer wieder betont er: „Wenn ein Verbrechen in die Familie hineinschlägt, dann gerät das ganze Leben aus den Fugen, und dann wird auch nichts mehr so sein, wie es einmal war.“

Wolfgang Sielaff war zehn Jahre lang der Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Hamburg. Im vergangenen Jahr erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande für sein Engagement für Opferschutz und Opferrechte.

Der Mann, der den Hamburger Charter der Hells Angels, der mächtigsten Rockergang der Welt, das Fürchten lehrte und über Jahre die Arbeit des WEISSEN RINGS mitprägte, ärgert sich über den Hamburger Verkehr. Eigentlich wäre er gerne früher ins Landesbüro gekommen, um vor dem Interview noch etwas mit seiner ehemaligen Mitarbeiterin Ulla Schmeling zu schnacken. Jetzt wurde alles ein bisschen später. Ein paar schnelle Fotos, und dann kann das Gespräch mit einem der legendärsten Polizisten der bundesdeutschen Geschichte beginnen.

Doch wo anfangen? Sielaffs Leben könnte mehrere Bände füllen: Er war Leiter des Hamburger Rauschgiftdezernats und Leiter der ersten Polizeieinheit zur Bekämpfung Organisierter Kriminalität in Deutschland. Er führte Deutschlands erstes Zeugenschutzprogramm in Hamburg ein, leitete das Hamburger LKA und stieg zum stellvertretenden Polizeipräsidenten auf. Nach seiner Pensionierung wurde Sielaff zum Hamburger Landesvorsitzenden des WEISSEN RINGS gewählt und blieb zehn Jahre im Amt. Danach löste er den wichtigsten Fall seines Lebens, das Verschwinden seiner Schwester Birgit Meier. Mittlerweile ist Sielaff 84 Jahre alt, im vergangenen Jahr erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande für sein Engagement für den Schutz und die Rechte von Opfern.

Wer verstehen will, wann diese Begeisterung für Polizeidienst und Verbrechensklärung begonnen hat, muss in Sielaffs Kindheit beginnen: „Ich habe die Sherlock-Holmes-Romane von Sir Arthur Conan Doyle verschlungen. Mich faszinierte, dass Holmes die Fälle mit Intellekt, logischem und hypothetischem Denken löste.“ Als Schüler schrieb er eine Jahresarbeit mit dem Titel „Von der Arbeit der Kriminalpolizei“, die mit Auszeichnung bewertet wurde. Es ist also wenig verwunderlich, wohin ihn sein weiterer Lebensweg führen würde.

„Ich glaube, dass wir die Tragödie letztendlich ganz gut verarbeitet haben. Aber ein Schatten wird für immer bleiben.“

Wolfgang Sielaff

In den 1960er-Jahren begann seine Karriere bei der Schutzpolizei auf St. Pauli. „Da guckt man in alle möglichen Lebensbereiche hinein und lernt Menschen kennen“, erinnert sich Sielaff. Doch das eigentliche Ziel blieb die Kriminalpolizei, in die er Ende der 60er-Jahre wechselte. 1978 kam er als Chef des Rauschgiftdezernats erstmals mit der Organisierten Kriminalität in Berührung, 1982 baute er Deutschlands erste OK-Dienststelle auf und wurde deren Leiter. Irgendwann in dieser Zeit lernte er auch den WEISSEN RING kennen. Der Grund? „Die Hells Angels“, sagt Sielaff.

Hells Angels und Opferschutz

Im Schanzenviertel hätten die Rocker angefangen, Gastwirte zu erpressen. „Die fuhren mit ihren Harleys in die Lokale rein, das müssen Sie sich mal vorstellen! Die sind richtige Schneisen durch die Tanzenden gefahren. Alle hatten panische Angst vor den Kerlen“, sagt er. Die gezielte Einschüchterung durch die Rocker machte es der Polizei schwer, sie zu bekämpfen. „Das Problem war, wir wussten alles und konnten nichts beweisen. Und zwar deshalb, weil uns der Personalbeweis fehlte. Die Opfer haben immer zu mir gesagt: Ich sage nicht aus, Sie können mich nicht schützen! Meine Antwort: Natürlich können wir Sie schützen.“ Sielaff machte ernst. „Wir haben die Hells Angels ständig unter Beobachtung gehabt, sodass wir immer wussten, wo sie sind und was sie tun.“ Er ließ Polizisten in fünf Streifenwagen in der Nähe auf Abruf bereitstehen, positionierte verdeckte Aufklärer in Kneipen. Betraten die Rocker ein Lokal, alarmierten diese die Bereitstellungskräfte. Es dauerte nur zwei bis drei Minuten, und die Polizei war mit Blaulicht und Martinshorn vor Ort. „Das hat die Schweigemauer aufgebrochen.“

Wie wichtig der Schutz der Betroffenen ist, lernte Sielaff vor allem im Austausch mit den amerikanischen Kollegen. „Das FBI sagte immer zu mir: Wenn du erfolgreich das Organisierte Verbrechen bekämpfen willst, dann musst du ihnen das Geld wegnehmen und die Zeugen heil vor Gericht bringen.“ Sielaff und sein Team hatten Erfolg: In einer international koordinierten Aktion wurden 14 Hells Angels zeitgleich in Deutschland, der Schweiz und den USA festgenommen. Gleichzeitig rief Sielaff Deutschlands erste Zeugenschutzdienststelle ins Leben, auch mithilfe des WEISSEN RINGS, der bei der Betreuung der Zeugen und deren Angehörigen unterstützte. „Diese erfolgreiche Zusammenarbeit hat dazu geführt, dass ich 1983 Mitglied im Verein geworden bin.“

Seine ganz persönliche Geschichte

Was es konkret bedeutet, Opfer zu werden, mussten Sielaff und seine Familie am eigenen Leib erfahren. 1989 verschwand seine Schwester Birgit Meier, die im Landkreis Lüneburg lebte. Die Polizei ging von einem Vermisstenfall aus. Doch Sielaff ahnte, dass mehr dahintersteckte. „Es gab keine Indizien dafür, dass sie einfach weggeht“, sagt er. „Darauf habe ich die Ermittlungsbehörden wiederholt hingewiesen.“ Es dauerte vier Jahre, bis die Staatsanwaltschaft 1993 endlich ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannt wegen Verdachts einer Straftat einleitete.

Es war nämlich ein Straftäter in den Fokus geraten, Kurt-Werner Wichmann, der unter anderem wegen Entführung und versuchter Tötung einer Schülerin vorbestraft war. 1993 erließ die Staatsanwaltschaft für dessen Haus und Grundstück einen Durchsuchungsbefehl. Es sollte nach einer Leiche und Waffen gesucht werden. Als Wichmann davon hörte, floh er. Sieben Wochen später verursachte er in Baden-Württemberg einen Verkehrsunfall. Die alarmierte Polizei fand in seinem Auto eine Maschinenpistole und Munition. Wichmann wurde wegen illegalen Waffenbesitzes verhaftet und kam in Untersuchungshaft. Zehn Tage später nahm er sich dort das Leben. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren und damit die Ermittlungen gegen Wichmann ein, weil „gegen Tote nicht ermittelt werden dürfe“.

Nach seiner Pensionierung löste Wolfgang Sielaff den Fall seiner Schwester Birgit Meier, zusammen mit seinem privaten Team aus hochkarätigen Expertinnen und Experten.

2002 ging Sielaff in den Ruhestand. Da das Verschwinden seiner Schwester ihm und seiner Familie keine Ruhe ließ und weil er nach wie vor von einem Verbrechen ausging, bildete er ein befreundetes Team aus hochqualifizierten Expertinnen und Experten. Dabei waren Kriminalpsychologin Claudia Brockmann, Strafverteidiger Gerhard Strate, der Leitende Oberstaatsanwalt Hamburgs Martin Köhnke und Hamburgs LKA-Leiter Reinhard Chedor.

Ihre Ermittlungen führten 2015 dazu, dass bei der Polizei in Lüneburg die Sonderkommission „EG Iterum“ eingerichtet wurde, um den Fall erneut zu untersuchen. Ein Durchbruch gelang jedoch nicht. Am Ende war es Sielaffs Team, das Erfolg hatte: Sie fanden im September 2017 die sterblichen Überreste von Birgit Meier, vergraben in der Kfz-Grube einer Garage auf Wichmanns ehemaligem Wohngrundstück.

Nach den Ermittlungen der Lüneburger Polizei dürfte Wichmann auch für die sogenannten „Göhrde-Morde“ verantwortlich gewesen sein: Kurz vor Birgit Meiers Verschwinden waren im Staatsforst Göhrde kurz nacheinander zwei Paare getötet worden.

„Wenn ich über Opfer spreche, weiß ich, wovon ich rede“

Die Erfahrung, die eigene Schwester durch ein Gewaltverbrechen zu verlieren, prägt Sielaff bis heute. „Wenn ich über Opferarbeit spreche und überhaupt über Opfer, dann weiß ich, wovon ich rede. Weil ich das selbst in der Familie erlebt habe und erlebe. Meine Mutter ist vor Kummer darüber nach zweimaligem Suizidversuch gestorben. Sie hat immer gehofft, die Tür geht auf und Birgit kommt rein.“ Sie starb, ohne zu erfahren, was mit ihrer Tochter passiert war. „Leider Gottes hat sie das nicht mehr erlebt. Das hätte ich ihr so sehr gewünscht.“ Für die Familie sei die Aufklärung das Entscheidende gewesen. „Wir wissen jetzt, wie es passiert ist und wer der Täter ist.“ Es gebe immer noch Momente, wie den Geburtstag der Schwester, da werde es ein bisschen stiller. „Ich glaube, dass wir die Tragödie letztendlich ganz gut verarbeitet haben. Aber ein Schatten wird für immer bleiben.“

Nach Ende seines aktiven Dienstes entschied sich Sielaff für ein Ehrenamt beim WEISSEN RING und leitete von 2004 bis 2014 erfolgreich den Hamburger Landesverband. Auch die Gründung der bis heute bestehenden WEISSER RING Stiftung geht auf ihn zurück.

In seinen Vorträgen betont er immer wieder, wie viele Menschen eine einzige Tat betreffen kann. In einer Rede bringt er es 2010 auf den Punkt: „Unser Blick auf die Kriminalitätsopfer ist eindimensional. Allgemein, aber auch polizeilich, justiziell und medial richtet er sich auf das individuelle Tatopfer. Diese einseitige Betrachtung wird der Opferproblematik nicht gerecht. Sie blendet eine wichtige Gruppe ebenfalls Betroffener aus, nämlich die der mittelbaren Tatopfer, also Eltern, Großeltern, Kinder.“

Leitet sich aus dieser Lebenserfahrung etwas ab, das Wolfgang Sielaff dem WEISSEN RING mitgeben möchte? „Nein. Der Verein hat mir mehr gegeben als ich ihm“, sagt er bescheiden. Doch, eines fällt ihm dann doch noch als Schlusswort ein: „Macht weiter so. Ihr macht eine tolle, hochengagierte und verdienstvolle Arbeit. Das muss malgelobt werden!