„Zu sehen, wie unsere Tochter läuft, spielt und lacht, hilft uns“

Erstellt am: Samstag, 21. Juni 2025 von Gregor

„Zu sehen, wie unsere Tochter läuft, spielt und lacht, hilft uns“

Der Vater des Kleinkindes, das bei der Messerattacke von Aschaffenburg schwer verletzt wurde, spricht im Exklusiv-Interview mit dem WEISSER RING Magazin über die schwere Zeit nach der Tat, die Debatte darüber und Lichtblicke, die ihm Zuversicht geben.

Messerattacke von Aschaffenburg: Menschen haben am Tatort Kuscheltiere und Blumen hingelegt.

Messerattacke von Aschaffenburg: Dutzende Kuscheltiere wurden zum Gedenken an die Opfer am Tatort niedergelegt.

Das zweijährige Mädchen saß in einem Bollerwagen im Aschaffenburger Park Schöntal, als der Angreifer, ein Geflüchteter aus Afghanistan, kam. Es überlebte schwerverletzt. Ein zweijähriger Junge und ein 41-jähriger Mann, der helfend eingeschritten war, wurden getötet. Vier Monate nach der Tat hat sich der Vater des Mädchens, der 2013 aus Syrien nach Deutschland flüchtete, zu einem Interview bereiterklärt. Er antwortet ruhig und reflektiert, ohne Wut.

Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie heute, fast vier Monate nach dem Attentat von Aschaffenburg?

Was passiert ist, kommt immer wieder hoch. Als wir an dem Tag erfahren hatten, dass unsere Tochter attackiert wurde, war das ein Schock. Wir haben nur noch an sie gedacht und eine unfassbare Angst gehabt. Zu erfahren, dass sie überlebt, war eine riesige Erleichterung. Ich bin psychisch relativ stabil, während es meiner Frau nicht so gut geht. Sie ist schwanger und macht sich Sorgen. Es geht emotional hoch und runter, aber wir werden medizinisch und psychologisch sehr gut betreut.

Wie geht es der Kleinen?

Kinder können solche Ereignisse manchmal schneller verarbeiten als Erwachsene. Unsere Tochter hatte am Anfang Angst und konnte nicht schlafen. Jetzt ist sie manchmal etwas zornig, was mit dem Angriff zusammenhängen könnte. Aber insgesamt geht es ihr gut, auch körperlich ist sie fit. Sie hat Energie, spielt wieder, auch mit anderen Kindern, und geht in die Krippe, allerdings in eine andere, damit sie weniger an die Tat erinnert wird. Bei dem Wechsel hat uns Oberbürgermeister Jürgen Herzing geholfen. Wir gehen alle regelmäßig zur Therapie in die Trauma-Ambulanz, was uns hilft.

Was gibt Ihnen Kraft?

Es hilft uns, unsere Tochter anzuschauen. Zu sehen, wie sie läuft, wie sie spielt, wie sie lacht. Sie ist ein sehr aufgewecktes, lebhaftes Mädchen. Ich bin häufiger zu Hause und für meine Frau da. Um zu entspannen, gehen wir zum Beispiel spazieren, in der Stadt oder im Wald. Uns hilft auch die große Solidarität, die wir nach wie vor erleben. Nachbarn, Freunde, Bekannte und viele andere Menschen helfen uns. Sehr viele Leute sind nach der Tat zum stillen Gedenken gekommen, haben gespendet und viel Mitgefühl gezeigt. Wir fühlen uns sehr gut aufgehoben.

Wie versuchen Sie, mit dem Ereignis umzugehen?

Im Leben passiert viel Schönes, aber auch Schreckliches. Wir versuchen, nach vorne zu schauen, und sagen uns: Wenn wir nichts machen, uns zu Hause einsperren würden und Angst hätten, hätte der Täter gewonnen.

Den Kontakt zum Vater hat Rainer Buss, Vize-Leiter der Außenstelle des WEISSEN RINGS in Aschaffenburg, hergestellt. Er unterstützt die Familie seit der Tat und hat für das Gespräch sein Arbeitszimmer zur Verfügung gestellt.

Ein 41-Jähriger hat sich dem Täter entgegengestellt und wurde ermordet. Was denken Sie über ihn?

Er ist immer in meinem Kopf. Der Mann kannte die Kinder nicht und hat trotzdem mutig eingegriffen und sie geschützt. Auch an den zweijährigen Jungen, der ermordet wurde, denke ich. Wenn ich meine Tochter in die Krippe gebracht oder dort abgeholt habe, habe ich ihn oft gesehen. Es tut mir sehr leid für alle Angehörigen. Für das, was sie durchmachen, gibt es keine Worte.

Schon kurz nach der Tat haben vor allem rechte Akteure und Parteien versucht, die Tat für ihre Zwecke zu benutzen und Ressentiments gegen Geflüchtete geschürt. Die AfD und ihr faschistischer Landeschef aus Thüringen, Björn Höcke, riefen zu einem Gedenken in Aschaffenburg auf. Was halten Sie davon?

Das war schrecklich. Ich bin in der Zeit im Krankenhaus geblieben und habe am Bett meiner Tochter um sie gebangt. Alles andere hat mich nicht interessiert, aber ich habe die Debatte mitbekommen. Dass Leute wie Höcke versuchen würden, die Tat auszunutzen, ihr „Geschäft“ damit zu machen, war zu erwarten. Es ist ganz einfach: Selbstverständlich gibt es Menschen unter Geflüchteten, die Gutes tun, und solche, die Schlechtes tun, genauso wie zum Beispiel unter Deutschen oder Afrikanern. Tragisch ist: Wir sind vor dem Krieg nach Deutschland geflüchtet, und dann werden wir hier Opfer einer grausamen Attacke. Doch so ein Verbrechen hätte uns auch woanders treffen können.

Kritiker sagen, die Tat hätte verhindert werden können. Der Attentäter war vorher schon oft auffällig und gewalttätig geworden.

Man ärgert sich natürlich darüber, auch weil der Täter als gefährlich bekannt war und Deutschland eigentlich hätte verlassen sollen. Aber es ist nicht mehr zu ändern. Ich hoffe, dass der Angreifer nicht mehr freikommt.

„Die Stadt ist meine Heimat. Klein, aber fein, man kennt sich. Wir haben hier schnell Leute kennengelernt, unser Freundes und Bekanntenkreis ist groß.“

Vater des angegriffenen Mädchens
Messerattacke von Aschaffenburg: Der Park Schöntal liegt mitten in Aschaffenburg. Nach dem Messerangriff entstand am Tatort eine provisorische Gedenkstätte.

Der Park Schöntal liegt mitten in Aschaffenburg. Nach dem Messerangriff entstand am Tatort eine provisorische Gedenkstätte.

Wurde Ihre Familie nach der Messerattacke immer gut unterstützt? Oder gab es auch Fehler oder Versäumnisse?

Nein, wir haben keine schlechten Erfahrungen gemacht. Von der Polizei über die Ärzte, den Oberbürgermeister bis zum WEISSEN RING – alle haben sich sehr gut um uns gekümmert. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Ministerpräsident Markus Söder haben uns Briefe geschrieben. Wir können nur Danke sagen.

Sie haben Ihre eigene Fluchtgeschichte bereits angesprochen. Weshalb und wie sind Sie nach Deutschland gekommen?

Nachdem ich angefangen hatte, Literatur zu studieren, wurde die Lage in Syrien immer schlimmer. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Krieg und Armee oder Flucht. Ich war ein Jahr unterwegs, bin über die Türkei, Griechenland und Italien geflüchtet. Es war eine schwierige Zeit. In Deutschland, wo ich Ende 2013 ankam, habe ich erst in Baden-Württemberg gelebt und bin vor acht Jahren nach Aschaffenburg gezogen. Ich habe die Sprache gelernt, eine Ausbildung gemacht und schon in verschiedenen Berufen gearbeitet, unter anderem als Dolmetscher für das Landratsamt. Mittlerweile habe ich die deutsche Staatsangehörigkeit.

Warum haben Sie sich entschieden, in Aschaffenburg zu bleiben?

Die Stadt ist meine Heimat. Klein, aber fein, man kennt sich. Wir haben hier schnell Leute kennengelernt, unser Freundes und Bekanntenkreis ist groß.

Was wünschen Sie sich für Ihre Familie für die Zukunft?

Wir wollen hier friedlich, sicher und gesund leben. Das ist das Wichtigste.

Ein Besuch in Magdeburg

Seit dem Anschlag in Magdeburg melden sich Dutzende Betroffene beim WEISSEN RING. Was bedeutet das für die Mitarbeitenden?

Digitale Gewalt immer melden

Erstellt am: Freitag, 22. März 2024 von Sabine

Foto: Mohssen Assanimoghaddam

Datum: 22.03.2024

Digitale Gewalt immer melden

Am 22. März ist Tag der Kriminalitätsopfer – dieses Jahr im Fokus "Digitale Gewalt". Ziel des Tages ist es, die Öffentlichkeit für die Belange der Opfer zu sensibilisieren und über Prävention, Schutz und praktische Hilfen zu informieren.

Mainz – Die Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK), der WEISSE RING e.V. und das Bundesministerium des Inneren und für Heimat (BMI) unterstreichen anlässlich dieses Tages gemeinsam, wie wichtig es ist, Opfern von Gewalt zuzuhören, Glauben zu schenken und ihnen keine Mitschuld zuzuschreiben. Ebenso wichtig ist es, Täterinnen und Täter bei der Polizei anzuzeigen und für ihr Fehlverhalten zur Verantwortung zu ziehen.

Seit 1991 macht der WEISSE RING mit dem „Tag der Kriminalitätsopfer“ alljährlich am 22. März auf Menschen aufmerksam, die durch Kriminalität und Gewalt geschädigt wurden.

Faeser: „Opfer brauchen bestmögliche Unterstützung“

Bundesinnenministerin Nancy Faeser: „Wir erleben im Netz immer neue Wellen frauenfeindlicher, rassistischer oder antisemitischer Beleidigungen und Bedrohungen, islamistischer Propaganda und anderer menschenverachtender Straftaten. Wer Menschen beschimpft und bedroht, muss dafür die Konsequenzen spüren. Gleichzeitig brauchen diejenigen, die Opfer von digitaler Gewalt geworden sind, unsere bestmögliche Unterstützung. Wir brauchen hier ganz deutliche Stopp-Zeichen. Hasskriminalität muss zu Anklagen und Verurteilungen führen. Ich rufe alle Betroffenen auf, digitale Gewalt anzuzeigen oder bei Meldestellen zu melden. Das erleichtert die Strafverfolgung der Täter sehr.“

Im besten Fall werden Menschen gar nicht erst Opfer physischer oder psychischer Gewalt. Genau dies ist das Ziel von Prävention und Zivilcourage. Dafür setzen sich ProPK, WEISSER RING e.V. und BMI gemeinsam ein.

Digitale Gewalt ist inzwischen Lebensrealität vieler Menschen – und das völlig unabhängig von Lebensalter oder sozialer Lage. Doch was kann getan werden, wenn man von digitaler Gewalt betroffen ist? Oft können nur die Betroffenen selbst die Beleidigungen, Drohungen und den Hass sehen, zum Beispiel in privaten Mails oder Textnachrichten. In anderen Fällen werden sie aber auch von anderen wahrgenommen – so in öffentlichen Chatgruppen, Foren oder auf Social Media.

Digitale Gewalt, reale Folgen

„Und dabei bleibt Hass im Netz nicht im Netz. Er sickert aus dem Netz in die analoge Welt und trägt dazu bei, dass unsere Gesellschaft sich spaltet und verroht. Deswegen ist es so wichtig, Hass überall zu bekämpfen, wo wir ihn finden, auf der Straße wie im Internet“, erläutert Bianca Biwer, die Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS.

In jedem Falle ist digitale Gewalt strafbar – die Polizei fasst darunter unter anderem Delikte wie Beleidigung, üble Nachrede, Verleumdung, Bedrohung, Nötigung oder Volksverhetzung.

Anders als analoge Gewalt spielt sich digitale Gewalt oft ohne Pause, 24 Stunden an 7 Tagen der Woche ab. Sie überschreitet die Grenze der vermeintlich sicheren eigenen vier Wände und schafft es schlimmstenfalls sogar bis ins Kinderzimmer. Täterinnen und Täter bleiben dabei meist anonym und nutzen die Macht über ihre Opfer aus. Für Polizei und Zivilgesellschaft gilt es, gemeinsam dagegen vorzugehen.

„Melden Sie digitale Gewalt und bringen Sie diese bei der Polizei zur Anzeige. So kann gezielt gegen Täterinnen und Täter vorgegangen und weitere Straftaten und damit Opfer verhindert werden“, so Joachim Schneider, Geschäftsführer des ProPK.

Handlungsleitfaden der Polizei bei digitaler Gewalt:

  • Wer von digitaler Gewalt betroffen ist, sollte zuallererst Beweise sichern. Solange es sich nicht um Nacktbilder Minderjähriger handelt, kann ein rechtssicherer Screenshot angefertigt werden.
  • Erst danach den Beitrag bei der jeweiligen Plattform oder dem Betreiber melden. (Nach einer Meldung kann eventuell nicht mehr auf den gemeldeten Beitrag zugegriffen werden.)
  • Als nächsten Schritt die digitale Gewalt bei der Polizei online oder über die 110 melden.
  • Als Betroffene oder Betroffener von digitaler Gewalt melden Sie sich bei Bedarf beim Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS unter der 116 006 oder online unter https://weisser-ring.de/hilfe-fuer-opfer/onlineberatung

Im Rahmen des Tags der Kriminalitätsopfer veröffentlichen BMI, ProPK und der WEISSE RING am 22. März gemeinsam auf ihren Social-Media-Kanälen das Video-Reel „Digitale Gewalt melden“ mit der Bitte, dieses zu teilen und zu kommentieren.

Er ist unser „Mr. Zivilcourage“

Erstellt am: Mittwoch, 25. Oktober 2023 von Sabine

Er ist unser „Mr. Zivilcourage“

Dieser Mann ist die Personifikation von Zivilcourage beim WEISSEN RING: Günter Koschig aus Goslar gelingt es, sogar Hollywood-Schauspieler von seinen Projekten und Ideen zu überzeugen. Wie schafft er das?

Einen Schal der „Goslarer Zivilcourage Kampagne“ hat Günther Koschig fast immer parat. Foto: Christian J. Ahlers

Er kann einfach nicht anders. Günter ­Koschig hat den Mann, der aus dem Goslarer Lokal tritt, torkelnd den Außen­bereich durchquert und mit dem Auto­schlüssel in der Hand die Parkplätze ansteuert, gleich mit scharfem Blick ins Visier genommen. Koschig sitzt an einem Tisch am Ausgang, legt Messer und Gabel weg, springt auf und fängt den Betrunkenen ab. Er setzt ihn auf eine Bank, Koschigs Tochter kommt dazu, sie sprechen mit dem Restaurantpersonal, ­rufen einen Freund des Mannes an und warten, bis dieser den Betrunkenen schließlich abholt.

Dass das halb verspeiste Essen auf seinem Teller längst kalt geworden ist, ist Koschig nicht mal die kleinste Bemerkung wert, beschwerdelos nimmt er das Besteck wieder in die Hände. Als wäre nichts ­geschehen, als wäre sein Verhalten das normalste auf der Welt. Auch Gäste an anderen Tischen ­hatten ­aufgeblickt und den offensichtlich stark alkoholi­sierten Mann beobachtet. Aber niemand machte ­Anstalten, ihm in den Weg zu treten und ihn davon abzuhalten, in sein Auto zu steigen und loszu­fahren. Regt sich Koschig wenigstens darüber auf, über mangelnde Zivilcourage? Fehlanzeige.

Der Leiter der Außenstelle im niedersächsischen Goslar nutzt seine Energie lieber, um sein Lieblingsthema an anderer Stelle voranzubringen. Wenn man so mag, könnte man sagen: Günter Koschig ist die Verkörperung von Zivilcourage. 2010 initiierte er die „Goslarer Zivilcourage Kampagne (GZK)“, den ­Anlass dazu gab der Tod Dominik Brunners nach ­einer gewalttätigen Auseinandersetzung an einem Münche­ner S-Bahnhof im Jahr zuvor. Im Polizeidienst war Koschig Berater für Kriminalprävention, beim WEISSEN RING gehört er seit 1996 dem ­Fachbeirat Kriminalprävention an, das besondere ­Engagement in Richtung Zivilcourage war nahe­liegend. Das Ziel aus Koschigs Sicht: Handlungskompetenzen anbieten, die nicht überfordern.

Zusammen mit Projektpartnern wirbt der ­WEISSE RING hier im Harz und überall, wo es Koschig hin verschlägt, seitdem für ein Mut machendes Mit­einander. Erklärvideos, Lesungen des Autors Fadi Saad in Schulen und Vorträge gehören zum ­Programm und auch die Ehrung von „Alltags­helden“. Zum Beispiel den jungen Mann, den ­Koschig ein paar Stunden vor dem Vorfall im Lokal ausgezeichnet hat. Der hatte zwei Einbrecher ­beobachtet und dafür gesorgt, dass die Polizei das Duo festnehmen konnte. Koschig meint: „Diese Ehrungen sind das Wichtigste, weil sie den Menschen Mut machen, nicht wegzusehen, sondern die 110 zu wählen und den Opfern zu helfen.“

,,Ich habe das Gefühl, hier in meinem Wirkungsbereich etwas erreichen zu können."

Günther Koschig

Es reicht Koschig, wenn Veranstaltungen, die er ­organisiert, gut besucht werden. Nicht nur, aber vor allem, wenn er Kinder und Jugendliche mit ­seinen Aktionen erreichen kann, „da geht mir das Herz auf“. Ihnen will er die Zivilcourage-Regeln nahebringen: Beobachte die Situation genau! Fordere andere zum Mithelfen auf! Präge dir Tätermerkmale ein! Wähle den Notruf 110! Kümmere dich um das Opfer! Bleib als Zeuge am Tatort! ­Gefährde dich nicht selbst! „Die jungen Leute sind unsere Zukunft. Wir müssen uns darum kümmern, dass sie Vertrauen in die Polizei haben und Empathie für die Opfer“, meint Koschig.

Für „seine“ Sache, das Werben für Zivilcourage, hat der 68-Jährige genau 116 Unterstützer und Unter­stützerinnen gewinnen können, die für GZK-Postkarten und -Plakate posiert haben. Darunter sind zahlreiche Promis, die Liste reicht von Scorpions-­Sänger Klaus Meine bis zur Boxweltmeisterin Regina Halmich. Solche „Magneten“ sind wichtig: „Wenn wir mit Regina Halmich in eine Schule gehen und über Zivilcourage sprechen, wirkt das anders, als wenn man dort nur das ­Strafgesetzbuch vorträgt“, erläutert er, und dabei ­rutschen die freundlichen Augenbrauen ein Stück nach oben über den Brillenrand hinaus, so wie ­immer, wenn er ins Erzählen kommt und seinen Ausführungen Nachdruck verleihen möchte. Natürlich, der ehemalige Polizist ist durchaus stolz auf die Kontakte in die Promi-Welt. Aber Koschig ist niemand, der sich überschätzt, der Name des WEISSEN RINGS sei der Türöffner gewesen für die Ansprache von bekannten Personen.

Der Erfolg bei den Promis kommt allerdings nicht von ungefähr. Koschig sieht sich als „Netzwerker“, der sich Leute sucht, die ähnlich ticken. Er sagt: „Ich habe ein gewisses Sendungsbewusstsein, andere zu ­motivieren.“ Günter Koschig ist auch das, was seine Frau Angelika „dickfellig“ nennt, manch einer könne das als aufdringlich empfinden, andere wiederum als sympathisch. Der 68-Jährige sagt: „Man kann sich auch einen Korb einfangen, aber dann macht man weiter.“ Man müsse resilient sein, wenn es mal nicht klappt.

Einer der langjährigsten GZK-Unterstützer ist der Schauspieler und ehemalige Mr. Universum Ralf Moeller. 1996 hat Koschig ihn das erste Mal getroffen, bei der ­Eröffnung des „Planet Hollywood“ in Berlin. Koschig hielt den Kontakt über die Jahre aufrecht, vor mehr als zehn Jahren überzeugte er den Star und dessen Management und traf Moeller im Hamburger Hotel „Atlantik“ zum GZK-Fotoshooting. „Er war total cool drauf“, ­erinnert sich der Außenstellenleiter beim Gespräch im August. Gerade am Vortag erst hat er mit dem in Los ­Angeles lebenden Moeller telefoniert. Die beiden Männer verbindet neben dem gesellschaftlichen Engagement indes auch ein weiteres Thema: Bodybuilding.

Beim Bodybuilding hat Günter Koschig seine Frau ken­nengelernt, in einem Anbau am Haus in einem ­Goslarer Stadtteil finden allerlei Fitnessgeräte, Sportutensilien und ein großflächiger Spiegel Platz. Wie ­Koschig bei all den Terminen und Verpflichtungen für den Verein und seine Kampagne noch Zeit fürs Training hier findet, ist ein kleines Rätsel. Fakt ist aber: Der Mann hält sich fit.

Koschig ist ein Macher, immer in Bewegung, ein Tausend­sassa, er meint es ernst. Schnallt sich einen Gleitschirm um, um auf eine Baumpflanzaktion aufmerksam zu ­machen, zieht sich ein Super-Mario-Kostüm an und ­erklärt aus der Ukraine geflüchteten Kindern, wie man sich in einem Notfall am besten verhält. Sammelt Sachspenden für die Menschen in der Ukraine, bemüht sich um die Integration von Geflüchteten im Badminton­verein, dessen Vorsitzender er ist. Und nebenbei ist ­Koschig auch noch Stand-Up-Paddeling-Instructor, er bringt anderen den Trendsport bei.

Das alles nimmt Zeit in Anspruch. Zeit, die auch von der Familienzeit abgeht. Seine Frau und die beiden Töchter waren oft dabei, wenn Koschig im Namen des WEISSEN RINGS unterwegs war, kilometerweit durch ganz Deutschland fuhr für ein weiteres Fotoshooting, eine weitere Veranstaltung. Sie gehören dazu, sie tragen ­Koschigs Engagement mit, sie halten zusammen, sie sind auch aufrichtig miteinander. Beim Abendessen in dem Restaurant mit Frau, die ebenfalls ehrenamtliche Mitarbeiterin ist, und einer der zwei Töchter hört man in den Zwischentönen, dass es auch Entbehrungen sind, die dieses Ehrenamt und die Außenstellenleitung mit sich bringen, die nicht leichtfertig abzutun sind.

Günther Koschig (links) und Schauspieler Ralf Moeller (rechts). Foto: WEISSER RING

Das Heim der Familie Koschig erscheint im Lichte der Umtriebigkeit Günter Koschigs als eine kleine Oase. Es gibt zwar ein Büro mit Schreibtischen für die Vereins­arbeit, an den Wänden Erinnerungsfotocollagen von Treffen mit Promis, Andenken, Auszeichnungen stehen neben allerlei Trophäen, in denen sich das Engagement für den WEISSEN RING und die Zivilcourage-Kampagne manifestiert. Auch im Rest des Hauses gibt es noch an der einen oder anderen Stelle eindeutige Spuren, wie den WEISSER-RING-Kugelschreiber neben der Spüle. Von der großen Sonnenterrasse aus fällt der Blick dann jedoch in einen hübsch angelegten, gepflegten Garten, eine Holzbrücke biegt sich über einen kleinen Teich. Man ­hätte es nicht unbedingt erwartet, dieses idyllische ­Refugium ist das von Günter Koschig, ein Ort der Ruhe. Der wird „leider zu selten genutzt“, aber wenn, dann kann Koschig hier runterkommen. Das „Problem“ aus seiner Sicht: „Dabei kommen mir immer wieder neue Ideen.“

Zurück im Trubel, wenn Koschig durch die Goslarer Innen­stadt läuft, grüßt er nach links und rechts, mit der Oberbürgermeisterin ist er per Du, dann ist er selbst ein bisschen wie ein Promi. Er habe einen tollen Beruf gehabt und immer gute Impulse bekommen, das sei nicht selbstverständlich, er sieht sich in einer privilegierten Lage. „Ich will der Gesellschaft etwas zurückgeben und nicht in einer Einbahnstraße fahren“, sagt der 68-Jährige. Er fühlt sich sichtlich wohl, bei dem was und wie er es tut: „Ich habe das Gefühl, hier in meinem Wirkungsbereich ­etwas erreichen zu können.“ Er wisse, dass er hier, im Harz, nicht das Leid der Welt lindern könne. Aber kleine Schritte können etwas bewirken, davon ist Koschig überzeugt. Und er lebt vor, wie Zivilcourage im Kleinen funktioniert, wie das ganz praktisch aussehen kann, ­eigentlich für jeden umsetzbar, sollte man meinen: indem man sein Essen einfach mal kalt werden lässt, um für andere da zu sein.