WEISSER RING hilft Opfern nach Terroranschlag bei Christopher Street Day in Berlin

Erstellt am: Montag, 27. Juli 2026 von Sabine

Hilfesuchende können sich über das Landesbüro unter der Telefonnummer 030/8337060 an den WEISSEN RING wenden. Foto: dpa picture alliance / Wolfgang Maria Weber

Datum: 27.07.2026

WEISSER RING hilft Opfern nach Terroranschlag bei Christopher Street Day in Berlin

Rufnummer für Betroffene

Nach dem Terroranschlag während des Christopher Street Days (CSD) in Berlin steht der WEISSE RING an der Seite der Opfer und deren Angehörigen. Deutschlands größte Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer hat sofort alle notwendigen Schritte eingeleitet, um Betroffene schnell und unbürokratisch unterstützen zu können.

„Hass ist tödlich. Solange Ideologen Gewalt predigen, werden wir mit solchen Attentaten rechnen müssen“, sagt Rolf Schmachtenberg, Landesvorsitzender des WEISSEN RINGS in Berlin. „Jetzt gilt unsere Aufmerksamkeit den Opfern und ihren Angehörigen. Ihnen wollen wir in ihrer unsäglich schwierigen Lage helfen.“ Das Angebot richtet sich sowohl an Verletzte als auch an Angehörige und Hinterbliebene sowie Augenzeuginnen und -zeugen.

Wer Hilfe sucht, kann sich im Landesbüro des WEISSEN RINGS unter der Telefonnummer 030/8337060 melden oder per E-Mail an berlin@weisser-ring.de.

Die professionell ausgebildeten ehrenamtlichen Opferhelferinnen und Opferhelfer des WEISSEN RINGS sind für alle Betroffenen da und begleiten sie. Der WEISSE RING kann finanzielle Soforthilfe leisten, aber zum Beispiel auch bei der Suche nach psychologischer Unterstützung oder bei der Kommunikation mit Behörden unterstützen.

Der Landesverband Berlin des WEISSEN RINGS nahm mit einem Infostand am diesjährigen Christopher Street Day teil. „Das wollen wir auch 2027 tun“, erklärt Schmachtenberg.

Nach Angaben der Polizei hatte ein 21-Jähriger, der offenbar ein Anhänger des sogenannten Islamischen Staates war, am Rande des CSD einen Transporter in eine Menschenmenge gesteuert. Anschließend soll er Passantinnen und Passanten mit einer Machete angegriffen haben. Danach flüchtete er. Eine Frau wurde getötet, 29 weitere Menschen erlitten teils lebensbedrohliche Verletzungen. Bei einem Polizeieinsatz am Sonntagabend, der zu seiner Festnahme führen sollte, wurde der Mann getötet. (Stand: 27. Juli 2026, 10:25 Uhr)

Prägende Opferfälle

Erstellt am: Montag, 27. Juli 2026 von Sabine

Prägende Opferfälle

Das Oktoberfestattentat in München, der Terror der RAF, der Missbrauchskomplex von Lügde, die Mordserie eines Krankenpflegers in Norddeutschland, der islamistische Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz oder die Amoktat von Winnenden – Verbrechen wie diese verändern das Leben der Betroffenen für immer und stellen den Opferschutz vor neue Herausforderungen. Ein Rückblick.

Der Mammutprozess

Morde im Krankenhaus

Es war einer der größten Prozesse der Nachkriegsgeschichte: In 24 Verhandlungstagen hörte das Landgericht Oldenburg von September 2018 bis Juni 2019 einhundert Schicksale. Hundert Menschen, die ein ehemaliger Krankenpfleger in den Jahren 2000 bis 2005 in Oldenburg und Delmenhorst ermordet haben soll. „Jeder einzelne Fall wurde vorgestellt. Du konntest genau sagen, welcher jetzt gerade angesprochen wurde, weil die Angehörigen an dieser Stelle in Tränen ausbrachen. Das ging unter die Haut“, erinnert sich Petra Klein, stellvertretende Bundesvorsitzende des WEISSEN RINGS und Leiterin der Außenstelle Oldenburg, die den Prozess mit ihrem Team begleitet hat. Verhandelt wurde in den Oldenburger Weser-Ems-Hallen, in denen sonst Konzerte oder Messen stattfinden. Ein regulärer Gerichtssaal der Region hätte für die Menge an Betroffenen, Medienschaffenden und Zuschauern nicht ausgereicht. „Wir sind in diesem Fall präventiv vom Gericht angesprochen worden. Der zuständige Richter hat gesagt, sollte es jemandem nicht gut gehen, dann wäre es schön, wenn wir vor Ort wären. Das war außergewöhnlich“, sagt Klein.

Zehn ehrenamtliche Mitarbeitende des WEISSEN RINGS waren an den Verhandlungstagen vor Ort. „Um schnell reagieren zu können, wenn es jemandem schlecht ging, saßen wir verteilt im Publikum. Und einer von uns stand immer draußen und war ansprechbar“, so Klein. Dieser Fall war auf vielen Ebenen einzigartig: Zum einen ist da diese immense Zahl an Todesopfern. Zum anderen sind die vielen Taten erst Jahre später aufgeklärt worden. „Die meisten Angehörigen sind von einem medizinischen Tod ausgegangen“, so Klein.

Acht Minuten, 85 Schicksale

Acht Minuten. Acht Minuten braucht Sebastian Bührmann, um die 85 Namen zu verlesen. Und zu jedem dieser Namen ein Todesdatum. Es sind unfassbar lange acht Minuten. Eine Todesliste, die kein Ende nehmen will.

Die Erkenntnis, dass dieser Pfleger für den Tod des Angehörigen verantwortlich sei, sei für jeden Einzelnen sehr wichtig gewesen. „Ich erinnere mich noch gut an einen jungen Mann. Er fing im Gerichtssaal an zu weinen. Wir sind zusammen rausgegangen und kamen ins Gespräch. Als seine Mutter starb, war er noch ein Kind. Nachdem sie umgekippt war, hatte er den Krankenwagen gerufen. Im Krankenhaus ist sie gestorben. Er hatte sich für den Tod der Mutter verantwortlich gefühlt. Jetzt gab es endlich eine Erklärung dafür, was passiert war.“ Der Tod der Mutter habe den Mann aus der Bahn geworfen. Der WEISSE RING hat die Fahrtkosten übernommen, damit er den Prozess verfolgen konnte. „Und wir haben die Verbindung zu seiner Außenstelle vor Ort geknüpft“, sagt Klein. „Er hat mir später nochmal geschrieben: Er hat jetzt eine Ausbildung gemacht, weil wir ihm auf den Weg geholfen haben. Das war schon sehr besonders.“

Das Landgericht Oldenburg hat den Täter in 85 Fällen wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Es stellte außerdem die besondere Schwere der Schuld fest. In 15 Fällen hat es ihn freigesprochen, sozusagen im Zweifel für den Angeklagten. Seine Schuld sei „unfassbar“, sagte der Richter bei der Urteilsverkündung. Auch für Petra Klein war dieser Fall außergewöhnlich. „Es gab einfach viele Tränen. Ich habe bergeweise Taschentücher verteilt. Und Traubenzucker, damit die Betroffenen das durchhalten. Es gab viel Gesprächsbedarf. Manchmal hat es gereicht, still zuzuhören. Manchmal hat es geholfen, einfach nur die Hand zu halten. Manchmal haben uns Menschen in den Armen gelegen. Da ist die immaterielle Hilfe, der eigentliche Kern unserer Arbeit, so richtig zum Zuge gekommen.“

„Ich habe überlebt. Genieße jeden Tag.“

RAF-Terror im „Deutschen Herbst“

In Jutta Knauffs Wohnzimmer steht eine Cola-Flasche mit einem arabischen Schriftzug und einer besonderen Bedeutung: „Das war das Erste, was ich nach so langer Zeit zu trinken bekam“, sagt die 85-Jährige. „Den Geschmack und das Gefühl werde ich nie vergessen.“ Ebenso wie das, was passiert war: „Frauen mussten ihre Strumpfhosen ausziehen, wurden damit gefesselt, mit Spiritus übergossen. Ich habe fünf Tage um mein Leben gebangt.“ Es fiel ihr danach schwer, Worte zu finden. Ab dem 13. Oktober 1977 gehörte sie zu den Geiseln an Bord der Lufthansa-Maschine „Landshut“, die von Mallorca nach Frankfurt fliegen sollte, aber von palästinensischen Terroristen entführt wurde und nach mehreren Etappen und einer Notlandung in Mogadischu landete. Die Täter waren mit der Rote Armee Fraktion verbündet, wollten inhaftierte RAF-Anhänger freipressen. Die Spezialeinheit GSG 9 stürmte die Landshut; bis auf eine Flugbegleiterin blieben alle Geiseln unverletzt und kamen frei. Zuvor war ein Pilot ermordet worden.

Der Oktober 1977 ging als „Deutscher Herbst“ in die Geschichte ein. Die RAF ermordete, verletzte und traumatisierte viele Menschen. Der WEISSE RING unterstützte einen Teil der Opfer. Der Kontakt zu Knauff kam später über den Journalisten Martin Rupps zustande. Der VdK Siegen-Olpe-Wittgenstein und der WEISSE RING unterstützten Knauff beim OEG-Antrag, den sie vor 15 Jahren stellte. Entschädigt werde sie seit 2019. Bei einem ersten Versuch nach der Tat „ist es furchtbar gelaufen. Das zuständige Amt schickte mich hin und her. Ein Arzt musterte mich sexistisch und sagte: ‚So wie Sie aussehen, kann es Ihnen nicht schlecht gehen.‘“ Der Umgang mit Opfern „war mitunter entwürdigend“.

Als Knauff nach Hause kam, wollte sie „nur eine Dusche nehmen, meine Familie drücken und schlafen“. Doch vor ihrem Haus standen viele Menschen, darunter Journalisten, die teils falsch berichtet hätten. Ein Jahr später trennt sie sich von ihrem Mann und beginnt ein neues Leben, was damals besonders viel Mut erfordert.

Am Tag nach der Befreiung der Landshut wird Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer nach 44 Tagen Geiselhaft tot aufgefunden. Die Familie bittet um Spenden, die der WEISSE RING an Terroropfer verteilen soll. Der Verein stockt die Summe auf und unterstützt 62 Opfer mit 284.000 Mark.

„Die fünf Tage – die ich mehrfach durchlebt habe – werden immer zu mir gehören. Ich habe relativ spät gelernt, nicht dagegen anzukämpfen, dank einer Therapeutin“, sagt Jutta Knauff. Sie beklagt sich nicht, obwohl sie trotz jahrzehntelanger Arbeit nur eine kleine Rente bekommt. Knauff sagt: „Ich habe überlebt und mache das Beste daraus. Genieße jeden Tag.“ Mit einem Teil der Überlebenden trifft sie sich immer noch: „Es ist schön, wenn wir uns wiedersehen – und eine Art Selbsttherapie.“

Jahrzehntelanges Warten der Opfer

Oktoberfest-Attentat

Im Archiv des WEISSEN RINGS in Mainz steht der schwarze Leitz-Ordner neben vielen weiteren. Es riecht nach altem Papier. Wer den Ordner aufschlägt, stößt auf vergilbte Schreibmaschinenseiten. Dort finden sich auch Presseberichte über Schicksale von Familien, Paaren und Freundschaften – auseinandergerissen am 26. September 1980 beim rechtsterroristischen Attentat auf das Münchner Oktoberfest. Zwölf Menschen und der Attentäter starben, mindestens 221 weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Eine von ihnen ist Sigita Fröschl, die heute in Oberbayern lebt. Sie war als 23-Jährige mit einer Gruppe auf dem Oktoberfest unterwegs, als die Bombe in ihrer unmittelbaren Nähe explodierte.

Es ist der bisher schwerste Terrorakt in der Geschichte der Bundesrepublik. Am Haupteingang des 146. Oktoberfests explodierte gegen 22.20 Uhr in einem Papierkorb eine selbst gebaute Bombe. Lange gingen die Ermittlungsbehörden von einem Einzeltäter mit persönlichen Motiven aus. Erst nach der Wiederaufnahme der Ermittlungen im Jahr 2014 wurde das Attentat 2020 als rechtsextrem motivierter Terrorakt eingestuft. Ob weitere Personen beteiligt waren, blieb ungeklärt.

Viele Anschlagsopfer fühlten sich von den Behörden alleingelassen – damals ebenso wie Jahrzehnte später. „Die Ersten und Einzigen, die von sich aus auf uns zugekommen sind, persönlich, und uns geholfen haben, das waren die Leute vom WEISSEN RING“, sagt Sigita Fröschl über 45 Jahre später im Gespräch mit dem WEISSER RING Magazin. „Das war sehr einprägsam, und dafür bin ich noch immer dankbar.“

Ein Ehrenamtlicher habe sie nach dem Attentat während ihres mehrwöchigen Krankenhausaufenthalts besucht, Hilfe und Beistand angeboten. Sie habe zudem etwa 100 D-Mark Soforthilfe erhalten. Die Stadt München habe ihr nur einen mehrseitigen Erhebungsbogen „hingepfeffert“. Es habe keine Ansprechpartner oder Kriseninterventionsteams gegeben, sie habe keine psychologische Hilfe erhalten. „Ich muss heute damit leben.“

Der WEISSE RING unterstützte die Betroffenen finanziell und stellte mehr als eine Million D-Mark bereit. Eine interne Notiz vom 5. Oktober 1981 dokumentiert die Unterstützung von 180 Menschen in rund 120 Fällen. Dort heißt es, „dass eine weitere Anzahl von Personen durch Rat und Tat betreut wurden, ohne finanzielle Hilfe erhalten zu haben“. In dem Archivordner finden sich Berichte über Krankenhausbesuche, mit Blumenstrauß, Gesprächen und einem offenen Ohr.

Eine angemessene staatliche Entschädigung der Opfer ließ Jahrzehnte auf sich warten. Erst nach der Neubewertung des Attentats 2020 gab es einen Entschädigungsfonds in Höhe von 1,2 Millionen Euro; Sigita Fröschl erhielt daraus 5.000 Euro. „Uns ist sehr bewusst, dass diese Hilfe sehr, sehr spät kommt“, sagte die damalige Bundesjustizministerin Christine Lambrecht gegenüber der Redaktion des WEISSEN RINGS 2024. „Umso wichtiger ist es, dass es sie jetzt geben wird.“

Der Anschlag und die Folgen

Terrortat auf Weihnachtsmarkt an Berliner Gedächtniskirche

Als Sabine Hartwig kurz nach dem Anschlag am Breitscheidplatz ins Landesbüro des WEISSEN RINGS kam, ahnte sie, „dass wir es mit einem Ereignis von einer außerordentlichen Größenordnung zu tun haben“, sagt die damalige Landesvorsitzende. Bald gingen permanent Anrufe ein, kamen Menschen vorbei. Sie suchten verzweifelt Angehörige, brauchten Rat und Hilfe. Ein Anhänger des „Islamischen Staates“ war am 19. Dezember 2016 mit einem Lkw in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gerast. Er ermordete 13 Menschen, verletzte viele weitere schwer.

Unter den Betroffenen waren ausländische Touristen und Bürger aus sechs Bundesländern. „Mir war klar: Es braucht Koordination“, erinnert sich Hartwig, die als leitende Kriminalbeamtin während ihres Berufslebens auch besondere Aufbauorganisationen einrichtete. Beim WEISSEN RING sorgt sie mit ihrem Team für eine geordnete Kommunikation, Koordination der Hilfen, Bündelung der Kräfte und exakte Dokumentation: „Bei so vielen Anrufen weiß man sonst nachmittags nicht mehr, wer morgens mit welchem Anliegen angerufen hat.“ Die Ehrenamtlichen bekommen Supervision, „weil Nachsorge in so belastenden Fällen sehr wichtig ist“. Die Opfer werden auf vielfältige Weise unterstützt, etwa mit finanziellen Soforthilfen und Gruppen für Hinterbliebene und Betroffene. Als ein Mann, der schließlich überlebt, länger im Koma liegt, sorgt der Verein dafür, dass die Kinder anreisen können. Auf Grundlage der Erfahrungen entsteht ein Leitfaden für Hilfe bei Großereignissen. „Das Wissen darüber, was wann und wie zu tun ist, muss abrufbar sein“, erklärt Hartwig. Ihre Leitlinien helfen etwa 2024 nach dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt.

Der Anschlag, der alles veränderte

Am 19. Dezember 2016 steuerte ein islamistischer Terrorist einen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz. 13 Menschen starben. Der Anschlag veränderte die Arbeit des WEISSEN RINGS.

Auch zehn Jahre nach der schrecklichen Tat in Berlin ist bei den Betroffenen nichts vergessen. Das Leben ist anders geworden. Astrid Passin verlor ihren Vater und erlebte, „dass der Staat unsere Familien nicht schützen konnte und seinen Pflichten zur Aufklärung sowie zur Unterstützung nur mangelhaft nachkam.“ Um den Bedürfnissen von Terroropfern mehr Gehör zu verschaffen, hat sie die Organisation Victims of Terrorism (VoT Germany e.V) gegründet. Diese setzt sich für Opferrechte ein und beschäftigt sich mit allen Formen des Terrorismus, um auch die Prävention zu verbessern: „Der Anschlag, mit dem ich nie abschließen werde, hätte verhindert werden können.“ Obwohl die Tat sie stark belaste, sei sie aus der Opferentschädigung gefallen. „Mein Engagement diente als Argument dafür, dass es mir gut gehe. Oft bleibt unsichtbar, welche Ängste auch ich durchlebe.“ Sie wird sich weiter einsetzen. Der Staat habe Lehren gezogen, etwa Opferbeauftragte installiert und einige Sicherheitsbehörden besser ausgestattet, allerdings sei noch viel zu tun. Passin kämpft für eine nationale Gedenkstelle, einen Opferbeauftragten für im Ausland geschädigte Deutsche, eine dauerhafte Opferrente und ein konsequenteres Vorgehen gegen Terroristen im Netz.

Die schutzlosen Kinder von Lügde

Tausendfacher Missbrauch auf Campingplatz

Seit 1981 hat Christian Jahn-Pabel 42 Jahre lang die Außenstelle Hameln-Pyrmont des WEISSEN RINGS betreut und sich um rund 3.400 Opferfälle gekümmert. Kaum einer habe ihn so erschüttert wie der Missbrauch von Lügde, der nicht in Worte zu fassen sei: „Es ist unbegreiflich, wie viele Erwachsene so lange nichts gemerkt und unternommen haben“, sagt Jahn-Pabel. Die betroffenen Kinder beschreibt er als verängstigt, traumatisiert und teils vernachlässigt. Eine Mutter habe die Verbrechen nicht wahrhaben wollen und einen abwesenden Eindruck gemacht: „Psychologische Hilfe und eine gute Begleitung vor Gericht waren in dem Fall besonders wichtig“, erinnert sich der Hamelner.

Auf einem Campingplatz im Ortsteil Elbrinxen wurden in der Zeit zwischen 2008 und 2018 mindestens 41 Kinder sexuell missbraucht, die Staatsanwaltschaft geht von etwa 1.000 Taten aus. Die beiden Haupttäter, die den Missbrauch zum Teil filmten, wurden zu 13 beziehungsweise zwölf Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt, ein weiterer zu zwei Jahren auf Bewährung.

Die Aufklärung begann erst, nachdem sich 2018 ein neunjähriges Mädchen seiner Mutter anvertraute und sagte, dass sie in dem Jahr auf dem Campingplatz vergewaltigt worden war. Aus Angst vor dem Beschuldigten erstattete die Mutter nicht sofort Anzeige. Danach vergingen noch eineinhalb Monate, bis der Verdächtige festgenommen wurde. Nur eines von vielen Versäumnissen: Der Mann soll bereits 2008 ein achtjähriges Mädchen missbraucht haben. Als ein Vater im August 2016 Polizei, Jugendamt und Kinderschutzbund informierte, schaltete die Polizei zwar das Jugendamt ein, ermittelte jedoch nicht.

Nach der Aufdeckung richteten die damalige NRW-Opferschutzbeauftragte Elisabeth Auchter-Mainz, der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, die Polizei und der WEISSE RING eine offene Sprechstunde ein, um Betroffene zu finden und ihnen Hilfsangebote zu machen. Daraufhin meldeten sich weitere Opfer. Christian Jahn-Pabel rechnet dennoch mit einer nach wie vor „hohen Dunkelziffer“.

Ein Untersuchungsausschuss des Landtags Nordrhein-Westfalen stellte unter anderem schwere Fehler des Jugendamtes fest, das dem Haupttäter die Verantwortung für ein Pflegekind gab. Dieser kam dadurch in Kontakt zu weiteren Kindern und soll in dieser Zeit die meisten Übergriffe begangen haben.

Die Außenstelle Hameln-Pyrmont betreute acht betroffene Kinder und deren Familien. Sie erhielten zum Beispiel anwaltliche und psychotraumatologische Unterstützung und Opferhilfen für einen Kurzurlaub, um sich zu erholen. Außerdem wurden sie dabei unterstützt, Anträge auf Opferentschädigung oder auf Leistungen aus dem Ergänzenden Hilfesystem (EHS) zu stellen. Auch die Außenstellen Schaumburg und Höxter kümmerten sich um die Opfer.

Sie mussten, kritisiert Christian Jahn-Pabel, einen langen und teilweise vergeblichen Kampf um Entschädigung führen.

Erst ein Opfer, dann im Abseits

Die Amoktat von Winnenden

Am 11. März 2009 erschießt ein 17-Jähriger an der Albertville-Realschule in Winnenden neun Schülerinnen und Schüler sowie drei Lehrerinnen. Dann steigt er in das Auto von Philipp Z., der auf einem Parkplatz auf seine Frau wartete. Der Attentäter hält ihm eine Pistole an den Kopf und zwingt ihn loszufahren. Zwei Stunden lang ist er dem Täter ausgeliefert, durchlebt Todesängste, versucht aber, beruhigend auf ihn einzuwirken und von weiteren Taten abzubringen. An einer Autobahnauffahrt lenkt er den Wagen nahe einer Polizeikontrolle auf den Grünstreifen und lässt sich aus dem fahrenden Auto fallen. „Winnenden, Winnenden“, ruft er den Beamten zu. Der Täter flüchtet in ein Autohaus, tötet zwei weitere Menschen, verletzt mehrere Polizisten schwer und erschießt sich schließlich selbst.

„Damals hat niemand normal funktioniert“, erinnert sich Werner Stanislowski. Er war Kriminalhauptkommissar in Aalen und ist bis heute Leiter der Außenstelle des WEISSEN RINGS im Ostalbkreis. „Auch für die Polizei war das etwas nie Dagewesenes, ein Riesenschock.“ Am Tag nach der Tat wurde der WEISSE RING hinzugezogen. Vier Außenstellen betreuten 21 Opfer, Angehörige und Überlebende. Stanislowski kümmerte sich um zwei Betroffene: einen Polizeibeamten, der auf dem Weg zum Einsatz in Winnenden erfuhr, dass seine Frau, eine Lehrerin der Schule, unter den Toten war, und Philipp Z., die Geisel des Attentäters.

Die Solidarität nach der Tat sei groß gewesen – anders jedoch bei Philipp Z.: Obwohl sein Handeln im Auto vermutlich Schlimmeres verhindert habe, sei er selbst Gegenstand der Ermittlungen geworden. Doch auch nachdem die Behörden jede Beteiligung ausgeschlossen hatten, sei er, geschürt von Medienberichten, für viele der rätselhafte Fahrer des Attentäters geblieben. Wie andere Betroffene sei auch er über Wochen von Medienschaffenden belagert worden.

Philipp Z. habe nur schlecht Deutsch gesprochen und sei mit der Situation überfordert gewesen. „Er wollte nur in sein bisheriges Leben zurück.“ Mit der Zeit hätten sich viele Menschen aus Philipp Z.s Umfeld zurückgezogen. Dabei habe er „nichts falsch gemacht“, sagt Stanislowski. „Nicht einmal zur offiziellen Trauerfeier wurde er eingeladen.“ Das empört Stanislowski noch heute.

Philipp Z. verlor seinen Job als Gabelstaplerfahrer, war lange in psychotherapeutischer Behandlung, seine Familie zerbrach. Er zog wenige Jahre nach der Tat weg und brach den Kontakt nach Deutschland ab. Der WEISSE RING sei in dieser Zeit „sein einziger Anker“ gewesen, habe sich Philipp Z. später erinnert.

WEISSER RING hilft Opfern nach mutmaßlicher Amokfahrt in Leipzig

Erstellt am: Dienstag, 5. Mai 2026 von Sabine

Hilfesuchende können sich über das Landesbüro unter der Telefonnummer 0351/85074496 an den WEISSEN RING wenden. Foto: picture alliance/dpa | Jan Woitas

Datum: 05.05.2026

WEISSER RING hilft Opfern nach mutmaßlicher Amokfahrt in Leipzig

Rufnummer für Betroffene – Spendenkonto eingerichtet

Nach den furchtbaren Ereignissen in der Leipziger Innenstadt steht der WEISSE RING an der Seite der Opfer und deren Angehörigen. Nach Bekanntwerden der mutmaßlichen Amokfahrt hat Deutschlands größte Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer umgehend alle notwendigen Schritte eingeleitet, um Betroffenen jetzt schnell und unbürokratisch Hilfe anbieten zu können.

„Die Grimmaische Straße liegt in der Fußgängerzone in der Leipziger Innenstadt, viele Menschen sind hier tagtäglich unterwegs. Wir sind erschüttert über diese schreckliche Tat“, sagt Mandy Hennig, Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Sachsen. „Ich möchte alle, die jetzt Hilfe brauchen, ermutigen, sich bei uns zu melden. Niemand muss ein solch einschneidendes Erlebnis alleine durchstehen.“ Das Angebot des Vereins richtet sich an Verletzte ebenso wie an Angehörige und Hinterbliebene sowie Augenzeuginnen und -zeugen.

Hilfesuchende können sich über das Landesbüro unter der Telefonnummer 0351/85074496 an den WEISSEN RING wenden oder per E-Mail an sachsen@weisser-ring.de.

Die professionell ausgebildeten ehrenamtlichen Opferhelferinnen und Opferhelfer des WEISSEN RINGS sind für die Betroffenen da, begleiten sie und versuchen, Halt zu geben. Neben finanzieller Soforthilfe hilft der WEISSE RING auch dabei, psychologische Unterstützung zu erhalten und die richtigen Ansprechpartner bei Behörden zu finden.

Der Verein hat zudem unter dem Stichwort „Opferhilfe für Leipzig“ ein Spendenkonto bei der Deutschen Bank (IBAN DE26 5507 0040 0034 3434 00) eingerichtet.

Nach Angaben der Polizei ist am Montagnachmittag gegen 16.45 Uhr ein 33-jähriger Mann mit einem Auto in die Fußgängerzone der Leipziger Innenstadt gefahren und hat dabei mehrere Menschen erfasst. Eine 63-jährige Frau und ein 77-jährigen Mann starben, zahlreiche weitere Personen wurden verletzt. Eine abschließende Aussage zur Anzahl der Verletzten könne noch nicht getroffen werden, so die Polizei. Der Fahrer sei vorläufig festgenommen worden und befindet sich aktuell im Polizeigewahrsam. Die Staatsanwaltschaft Leipzig sowie die Polizeidirektion Leipzig ermitteln gegen den 33-Jährigen unter anderem wegen zweifachen Mordes und mehrfachen Mordversuchs. (Stand: 5. Mai 2026, 12 Uhr)

Wie Traumaambulanzen besonderen Bedarfsgruppen helfen

Erstellt am: Freitag, 27. März 2026 von Al-Khanak

Die Geschäftsführerin des WEISSEN RINGS, Bianca Biwer, begrüßt die Teilnehmenden der vierten Fachtagung Traumaambulanz der Opferhilfeorganisation. / Fotos: Kays Al-Khanak

Datum: 27.03.2026

Wie Traumaambulanzen besonderen Bedarfsgruppen helfen

Traumaambulanzen sollen Opfern von Straftaten schnell psychotherapeutische Hilfe bieten. Doch lange Verfahren, fehlende Angebote für Kinder und Jugendliche sowie mangelnde Vernetzung bremsen die Versorgung. Auf einer Fachtagung des WEISSEN RINGS in Mainz diskutierten Expertinnen und Experten über Herausforderungen, neue Ansätze und besondere Bedarfsgruppen.

Wer Opfer einer Straftat geworden ist, braucht oft schnell psychotherapeutische Hilfe, um das Erlebte zu verarbeiten. Traumaambulanzen spielen dabei eine wichtige Rolle. Der WEISSE RING veranstaltet regelmäßig Tagungen für das Fachpersonal dieser Einrichtungen. Ziel ist es, die Versorgung der Betroffenen zu verbessern und die Expertinnen und Experten weiter zu vernetzen, betont der Psychologe beim WEISSEN RING und Hauptorganisator der Tagung, Florian Wedell. An zwei Tagen fand nun die vierte Tagung für Traumaambulanzen in Mainz unter dem Motto „Besondere Bedarfsgruppen“ statt. Die Geschäftsführerin der Opferhilfeorganisation, Bianca Biwer, betonte, der Fokus liege auf den Personengruppen, die in der öffentlichen Debatte oft kaum beachtet werden: zum Beispiel Opfer von queerfeindlicher Gewalt oder Menschenhandel. Es sei wichtig, diese Entwicklungen aufzugreifen und öffentlich zu machen.

Traumaambulanzen sind Teil des 2024 in Kraft getretenen Sozialen Entschädigungsgesetzes (SGB XIV). Sie sollen Betroffenen von Kriminalität einen schnellen Zugang zu psychotherapeutischen Angeboten bieten. Ziel ist es, die Betroffenen zu stabilisieren, ihre Symptome einzuordnen und ihnen dabei zu helfen, das Geschehene zu verarbeiten. Das Angebot soll lange Wartezeiten auf einen regulären Psychotherapieplatz überbrücken.

Traumaambulanzen als wichtiger Bestandteil der Versorgungsstrukturen

Moderator der Tagung mit rund 80 Teilnehmenden war Prof. Ingo Schäfer von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und aktiv beim WEISSEN RING. Er sagte, die Tagung sende das „wichtige Signal“ aus, „dass Traumaambulanzen ein wichtiger Teil der Versorgungsstrukturen geworden sind“. Der WEISSE RING habe die Entwicklung nicht nur jahrelang begleitet, sondern maßgeblich mit angestoßen. Dass die diesjährige Fachtagung besondere Betroffenengruppen in den Fokus nehme, trage dem Alltag in den Traumaambulanzen Rechnung: Die Folgen von traumatischen Erfahrungen seien oft unterschiedlich, deshalb müssten auch die Ambulanzen zielgruppenspezifisch arbeiten.

Detlef Placzek ist der Opferbeauftragte des Landes Rheinland-Pfalz. Er sagte, akut traumatisierte Menschen bräuchten einen frühzeitigen Zugang zur psychotherapeutischen Betreuung. Die Frühintervention in den Traumaambulanzen helfe, posttraumatische Folgen zu reduzieren. Problematisch sei jedoch, dass die Verfahrensdauer nach dem SGB XIV oft zu lang sei. „Antragsteller warten über ein Jahr auf Entschädigung“, sagte Placzek. Dabei könnten manche Verfahrensschritte „erheblich beschleunigt werden“. Ein weiteres Problem sieht er in dem Mangel an speziellen Traumaambulanzen für Kinder und Jugendliche. Die Folge: Weite Wege schreckten die Familien ab und verhinderten eine nötige Traumatherapie.

Nordrhein-Westfalen als Vorreiter

Über die Entwicklung vom Opferentschädigungsgesetz (OEG) hin zum SGB XIV und die Traumaambulanzen sprach der Rechtsanwalt Reinhard Heckmann, Fachbeiratsmitglied des WEISSEN RINGS. Er hatte in Nordrhein-Westfalen die rechtlichen Grundlagen der vertraglichen Traumaambulanzen für Gewaltopfer entwickelt. Das Bundesland gilt als Vorreiter für diese Einrichtungen, seitdem hier bereits 1999 die Idee aufkam, mit den Einrichtungen eine direkt verfügbare Leistungsform zu schaffen.

Tagungs-Organisator Florian Wedell (l.) im Gespräch mit Reinhard Heckmann, der in Nordrhein-Westfalen die rechtlichen Grundlagen der vertraglichen Traumaambulanzen für Gewaltopfer entwickelt hat.

Heckmann betonte: „Der WEISSE RING hatte erheblich Druck bei anderen Bundesländern gemacht, sich dem Weg von Nordrhein-Westfalen anzuschließen. Ich wüsste nicht, ob es bundesweit Traumaambulanzen geben würde, wenn der WEISSE RING sich nicht dermaßen engagiert hätte.“ Er plädierte dazu, dass die zuständigen Sachbearbeiter die Entscheidungen über die Anträge „mutig mit Augenmaß“ treffen sollten. Dass es Kritik am SGB XIV gibt, betonte die Geschäftsführerin des WEISSEN RINGS, Bianca Biwer, in der anschließenden Diskussionsrunde. „Die rechtliche Grundlage ist nicht das Problem, eher die Umsetzung. Wir wissen, dass manche Dinge nicht ausgeführt werden, wie es das Gesetz wollte und wie es Betroffenen helfen würde.“

Dr. Julia Schellong sagte in ihrem Vortrag, dass die 2024 in Kraft getretene Traumaambulanz-Verordnung neben qualitativen Standards auch eine stärkere Vernetzung der Einrichtungen vorschreibt. Allerdings mangele es bislang an wissenschaftlicher Begleitung und Evaluation dieser Strukturen. Dabei sei es wichtig zu wissen, mit welchen Partnern Traumaambulanzen kooperieren, wie die Zusammenarbeit mit Akteuren aus Gesundheitswesen, Sozialsektor und Justiz gestaltet ist und welche Faktoren die Vernetzung fördern oder hemmen.

Dies sei ein entscheidender Punkt, betonte Schellong: „Traumaambulanzen können ohne Vernetzung nicht arbeiten.“ Deshalb spielt das Forschungsprojekt „CONNECTION“ eine wichtige Rolle. Hier wird untersucht, wie sich Traumaambulanzen in Deutschland strukturell und inhaltlich weiterentwickelt haben. Erforscht werden soll, welche Faktoren den Aufbau von Traumaambulanzen unterstützt haben, wie gut dort die Abläufe und Strukturen organisiert sind und wie die Versorgung von Menschen verbessert werden kann, die künftig Anspruch auf Leistungen haben und besondere Unterstützung benötigen – wie Betroffene von Menschenhandel oder schwerem Stalking.

Fokus auf queerfeindliche Hasskriminalität

Queerfeindliche Hasskriminalität stellt für LSBTIQ*-Personen eine doppelte Belastung dar: Neben der konkreten Gefahr für die körperliche Unversehrtheit wirkt sie oft auch langfristig psychisch nach. Das Vertrauen in Institutionen, soziale Strukturen und das eigene Sicherheitsgefühl werde erschüttert, sagte Diana Gläßer von der Ansprechstelle LSBTI* der Polizei Rheinland-Pfalz. Sie gab Einblicke in aktuelle Entwicklungen, Fallzahlen und Erscheinungsformen dieser Gewalt. Ergebnisse aus Umfragen verdeutlichten, wie Diskriminierung und Gewalterfahrungen spezifische Dynamiken von Traumatisierung auslösen können und wie anschlussfähig queerfeindliche Narrative in der Gesellschaft seien.

Gläßer appellierte, die Lebensrealitäten und Bedürfnisse von LSBTIQ*-Personen besser zu verstehen und zeigte Handlungsmöglichkeiten für den professionellen Umgang auf. Beispielsweise brauche es Unterstützungsstrukturen und Kooperationswege, um Betroffene nachhaltig und empowernd beraten zu können. Zudem plädierte sie für eine queersensible Sprache, um Vertrauen aufzubauen. Zum Beispiel sollte man statt „Bevor sie zur Frau wurde“ lieber „Vor der Transition“ sagen. Dies gelte auch für Medien. Dort sei zum Beispiel immer wieder zu lesen, dass jemand angegriffen worden sei, weil er queer ist. Stattdessen sei das Opfer attackiert worden, weil der Täter queerfeindlich ist.

Wie der WEISSE RING bei Großeinsatzlagen agiert

Wie der WEISSE RING bei Amokläufen oder terroristischen Anschlägen agiert, schilderte Jana Friedrich in ihrem Vortrag. Sie ist bei der Opferhilfeorganisation Koordinatorin für Großschadensereignisse. Vor allem der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz 2016 sei ein Einschnitt für den Verein gewesen. Danach seien beim WEISSEN RING klare Strukturen wie Leitfäden, Zuständigkeiten oder Ausbildungsmöglichkeiten für Ehrenamtliche geschaffen sowie Hilfsmöglichkeiten erweitert worden.

Was das konkret bedeutet, schilderte Friedrich am Beispiel der Amokfahrt auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg 2024. Bis Ende vergangenen Jahres hatte der WEISSE RING 475 Opfer aus ganz Deutschland betreut; bis heute bestehe zu einigen Betroffenen noch immer Kontakt. Ausgezahlt werden konnten Hilfen in Höhe von mehr als 480.000 Euro. Dabei handelte es sich unter anderem um Beratungsschecks, Soforthilfen und Maßnahmen zur Stabilisierung der Betroffenen.

Behandlung von anhaltender Trauerstörung im Fokus

Wie sich traumatische Verluste auf Menschen auswirken und welche Behandlungsansätze es für Hinterbliebene nach Gewalttaten gibt, erläuterte die Psychologin Prof. Franziska Lechner-Meichsner. Sie sagte, nach dem gewaltsamen Tod eines nahestehenden Menschen entwickelten viele Betroffene psychische Probleme. Häufig handele es sich um eine anhaltende Trauerstörung (ATS), oft auch zusammen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder einer Depression.

Prof. Franziska Lechner-Meichsner spricht über Auswirkungen traumatischer Verluste und Behandlungsansätze für Hinterbliebene nach Gewalttaten.

Wichtig sei es, Betroffene früh zu erkennen und ihnen eine passende, trauerspezifische Behandlung anzubieten. So könne verhindert werden, dass sich die Beschwerden verfestigen. Besonders hilfreich seien verhaltenstherapeutische Behandlungen, zum Beispiel, indem sich Betroffene ihren Ängsten langsam stellen, negative Gedanken hinterfragen und wieder mehr aktiv am Leben teilnehmen. Diese Methoden zeigten gute Erfolge.

Kinder und Jugendliche als besondere Bedarfsgruppe

Zu den besonderen Bedarfsgruppen, mit denen sich die Tagung beschäftigte, gehören Kinder und Jugendliche. In einem Workshop klärte Hannah Reinicke, Therapeutin in der Traumaambulanz am Universitätsklinikum Ulm, zunächst über emotionale Kindesmisshandlung und Vernachlässigung auf. Reinicke nannte eine Reihe von Risikofaktoren für Gewalt, auf Elternseite zum Beispiel eine geringe Impulskontrolle, Überforderung, Stress oder konflikthafte Trennungen. Die möglichen Folgen der Misshandlung könnten bis ins Erwachsenenalter andauern und seien ähnlich gravierend wie bei einem sexuellen Missbrauch, so Reinicke. Sie sprach zum Beispiel von Rückzug und Passivität, einem geringeren Selbstwertgefühl, schlechteren Schulleistungen sowie von einem deutlich erhöhten Risiko etwa für Depressionen, Angst- und Essstörungen und Suizidalität. Umso wichtiger seien zeitnahe, gezielte Hilfen.

Mit der Kindertraumaambulanz und dem Childhood-Haus stellte Andrea Dixius, Leitende Psychologin an den Saarbrücker SHG Kliniken, neue Wege vor, die sich in der Praxis als wirksam erwiesen haben. Die Ambulanz – eine von wenigen spezialisierten – biete eine „frühzeitige Akutbehandlung“. Und zwar durch ein Team mit Fachexpertise für Kinder und Jugendliche und auf diese zugeschnittene Methoden wie „START-Kids“ und KIDNET. Erstere fördert die Stressresilienz und die Regulation von Emotionen bei Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren, bei letzterer handelt es sich um eine auf Kinder angepasste narrative Expositionstherapie gegen Posttraumatische Belastungsstörung.

Einblick ins Childhood-Haus

Eine Besonderheit des Childhood-Hauses ist laut Dixius, dass dort unter einem Dach „alle Hilfen für betroffene Kinder“ zu finden sind. Das Haus ermögliche ein gemeinsames Arbeiten verschiedener Disziplinen, eine „Beziehungskontinuität in der Versorgung“. Durch die Kooperation mit Polizei und Justiz seien auch Vernehmungen in einer kindgerechten Umgebung möglich.

Rund 80 Fachleute aus ganz Deutschland informieren sich bei der Fachtagung über aktuelle Entwicklungen und spezifische Bedarfe bei Traumaambulanzen. / Fotos: Kays Al-Khanak

In der anschließenden Diskussion äußerten mehrere Teilnehmerinnen, dass die Art, wie Versorgungsämter mit psychischer Gewalt umgehen, teils problematisch sei, möglicherweise aus Unsicherheit. „Je mehr Fälle wir einreichen, desto strenger sind sie und lehnen ab.“ Oft finde man einen Weg, den Anspruch mit einem Widerspruch durchzusetzen, doch das koste Zeit und Kraft. Sophia Härtel, Rechtsreferentin beim Bundesweiten Koordinierungskreis gegen Menschenhandel (KOK), appellierte, Anträge zu stellen und notfalls zu klagen: „Wir brauchen hier eine gute Rechtsprechung.“

Spannungsfeld zwischen Ermittlungen und notwendiger Therapie

Wie das Universitätsklinikum Würzburg mit dem „traumatherapeutischen Dilemma“ im Strafverfahren umgeht, erläuterte Dr. Marion Schowalter, Leiterin der dortigen Traumaambulanz. Schowalter beschrieb das nach einer Straftat bestehende Spannungsfeld zwischen Ermittlungen und der notwendigen Therapie. Diese könne, so die Befürchtung, zu Zweifeln an der Glaubhaftigkeit der Betroffenen als Zeuginnen und Zeugen führen – sei jedoch notwendig, um Symptome zu lindern und eine Chronifizierung zu verhindern.

Laut SGB XIV haben Opfer einen gesetzlichen Anspruch auf Therapie, betonte Schowalter. Und es gebe keine Hinweise darauf, dass eine traumafokussierte Psychotherapie das Risiko für verfälschte Erinnerungen steigere. Studien deuteten darauf hin, dass Betroffene sich dann sogar an mehr korrekte Details erinnern können. Das Würzburger Modell setzt auf eine „frühe Vernetzung von Traumaambulanz, Polizei und Justiz“, mit klaren Abläufen, Absprachen und Transparenz beim Vorgehen, erklärte die Psychotherapeutin. Das Modell beinhaltet sowohl eine frühe intensive Vernehmung als auch eine frühe traumaspezifische Intervention, die nachweislich sehr wirksam sei. Wenn nötig, sagen Therapeutinnen und Therapeuten vor Gericht aus. Hierfür wird auch ein „Gerichtscoaching“ angeboten. „Eine Nicht-Behandlung von Traumaopfern ist nicht mehr zu rechtfertigen“; sagte Schowalter.

Während der Abschlussrunde lobte eine Teilnehmerin die Fachvorträge und den Austausch und bemängelte, dass es keinen Bundesverband für Traumaambulanzen gibt. Umso wichtiger sei die Tagung als Forum. „Das schreit nach einer Wiederholung“, sagte Moderator Prof. Dr. Ingo Schäfer.

“Der Anschlag“

Erstellt am: Freitag, 13. Februar 2026 von Sabine

GUCKEN

“Der Anschlag“

3sat Mediathek

Menschen, die Anschläge überlebt oder dabei Angehörige verloren haben, haben vor allem drei Anliegen: Gedenken, Aufarbeitung, Konsequenzen. Das wird auch in der Dokumentation „Der Anschlag“ deutlich, die sich mit der Terrorfahrt am Berliner Breitscheidplatz auseinandersetzt – und einen Beitrag leistet, diese Forderungen von Hinterbliebenen zu erfüllen.

Am 19. Dezember 2016 raste ein Anhänger des „Islamischen Staates“ mit einem Lkw in den Weihnachtsmarkt. Er ermordete 13 Menschen und verletzte viele weitere schwer. Die Serie von Astrid Schult umfasst fünf Teile, die sich „Vorzeichen“, „Tat“, „Trauma“, „Staat“ und  Konsequenzen“ widmen. Das Filmteam zeigt Fotos der Opfer, lässt Überlebende und Hinterbliebene oft zu Wort kommen, erzählt in erster Linie ihre Geschichten. So wie jene von Astrid Passin, deren Vater ins Theater wollte, aber keine Karten bekam. Seine Lebensgefährtin rief Passin schließlich an und sagte, dass „Papa tot ist“. „Warum?“, fragt Passin und fühlt sich fortan „komplett hilflos“. Etwa, nachdem seine Wohnung bei Ermittlungen „auf den Kopf gestellt“ worden sei.

Die Serie zeichnet einfühlsame Porträts. Und zeigt, dass tatsächlich jeder Opfer werden kann, vieles von Kleinigkeiten, Zufällen abhängt. Wie bei Shufan Huo, die neu in der Stadt war und die „Freiheiten“ während ihrer Doktorarbeit genoss. „Warum bin ich ,ungeschoren‘  davongekommen?“, fragt sie. Weil sie noch Bratwurst und Crêpes gegessen habe. Huo beschreibt, wie „der Luftzug vom Lkw mir den Atem nahm“. Wie Menschen nach einer kurzen, „gespenstischen Stille“ schrien. Die Ärztin selbst kämpfte mit Erster Hilfe um das Leben von Fabrizia di Lorenzo, die später in der Klinik starb. In der Serie äußert sich die Mutter der 31-Jährigen erstmals. „Wenn sie nach Hause kam, ging die Sonne auf“, sagt di Lorenzo über ihre Tochter. Der deutsche Staat habe ihr Auskünfte „verweigert“ und sie kaum unterstützt.

Mit den Fehlern vor und nach dem Terror befasst Schult sich intensiv. Dazu gehört der zermürbende, teils erfolglose Kampf der Betroffenen um Entschädigung. Zu den Schwächen der Dokumentation zählen die teils reißerische Rekonstruktion des Tatgeschehens und die mindestens fragwürdigen Szenen aus einem Live-Video vom Anschlagsort, auch wenn keine Todesopfer oder Schwerverletzten zu sehen sind. Mit dem Attentäter beschäftigt sich der Film auch lange, allerdings in einer aufklärenden Weise. Es geht zum Beispiel um die folgenlosen Alarmsignale im Vorfeld. So warnte ein V-Mann vor der Gefährlichkeit des Täters. Der damalige „Spiegel“-Reporter Jörg Diehl bemängelt, Sicherheitsbehörden hätten die Gefahr durch als Geflüchtete getarnte Terroristen unterschätzt. Zudem habe die Polizei viele Hinweise auf den Drogenhandel des Terroristen und dadurch die Möglichkeit gehabt, ihn vorher zu verhaften. Nach dem Anschlag sollte dies offenbar vertuscht werden. Später folgten einige Konsequenzen. Beispielsweise wurde das Opferentschädigungsgesetz reformiert und beim BKA – das Kritik zurückweist – Personal im Kampf gegen Extremismus aufgestockt. Lücken und Missstände gibt es nach wie vor, etwa beim Erkennen von Gefährdern oder bei Hilfen für Betroffene.

Der Anschlag brachte unfassbares Leid. Die Serie zeigt aber auch Lichtblicke wie die Gemeinschaft der Angehörigen. Bei einem Treffen sagte Giovanna di Lorenzo der Ersthelferin Huo, wie froh sie sei, dass ihre Tochter nicht alleine war. Mehrere Hinterbliebene, darunter Astrid Passin, setzen sich mittlerweile für Opferrechte ein. Am Ende bleiben vor allem zwei Sätze von Giovanna di Lorenzo in Erinnerung: „Diese Leere ist nie mehr zu füllen.“ Und: Man „kann diesen Schmerz verwandeln in Liebe für andere.“

3sat.de/film/der-anschlag

“Ungebremst“

Erstellt am: Mittwoch, 4. Februar 2026 von Sabine
Anschlag Magdeburg: Auf dem Bild sind Blumen, Kerzen und bemalte Steine für die Opfer des Anschlags von Magdeburg zu sehen. Im Vordergrund befindet sich ein rot-weißes Absperrband.

Hören

“Ungebremst“

ARD Audiothek

Am 20. Dezember 2024, vier Tage vor Heiligabend, rast Taleb A. mit einem Auto über den Weihnachtsmarkt in Magdeburg. Er tötet sechs Menschen und verletzt fast 350. Ein Jahr danach haben die MDR-Investigativreporterin Jana Merkel und ihr Co-Host Daniel Salpius den Podcast „Ungebremst – Der Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt“ veröffentlicht.

Merkel und Salpius nehmen sich Zeit, führen ihre Protagonistinnen und Protagonisten behutsam ein und bleiben nah an ihnen. Nie voyeuristisch, sondern mit spürbarer Zurückhaltung. Gleichzeitig ordnen sie ihre Arbeit kritisch ein. Etwa die Problematik, wenn Journalistinnen und Journalisten mit traumatisierten Menschen sprechen und diese mit dem Erlebten erneut konfrontieren.

Zu Wort kommt ein Paar, das unter den Opfern war. Beide schildern, wie schwer es ist, „wieder zurück in das Leben zu kommen“. Eine Ärztin erzählt, wie sie entscheiden musste, wer von den hunderten Verletzten wann versorgt werden konnte. Ein Ersthelfer schildert, wie er Wochen nach der Tat zuerst Albträume hatte und dann gar nicht mehr schlafen konnte. Und erstmals kommt der Polizist zu Wort, der den Täter allein stoppte. Als Held sieht er sich nicht, sagt er. Er sei vielmehr jemand, „der pflichtbewusst seinen Job getan hat“. Eine weitere Gesprächspartnerin ist Cornelia Stietzel, die Außenstellenleiterin des WEISSEN RINGS in Magdeburg. Sie erzählt, wie der Verein Opferhilfe für mehr als 500 Menschen geleistet hat: mit Gesprächen, Hilfen bei Anträgen und finanzieller Unterstützung.

Um den Täter geht es nur am Rande. Stattdessen ordnet der Podcast die Gewalttat sachlich, hintergründig ein. Er stellt kritische Fragen nach Verantwortlichkeiten, Opfern und den Helfenden gemacht hat. Zudem thematisieren Merkel und Salpius, wie die Gewalttat politisch instrumentalisiert wurde und Menschen mit Einwanderungsgeschichte mit Vorverurteilungen und Angriffen konfrontiert waren.

„Ungebremst“ zeigt, dass verantwortungsvolle Berichterstattung über extreme Gewalt weder laut noch voyeuristisch ist, sondern sorgfältige Recherche, Empathie und Zurückhaltung braucht. Indem Merkel und ihr Team den Fokus konsequent auf die Betroffenen legen und Zusammenhänge erklären, zeigen sie, wie die journalistische Aufarbeitung gelingt.

www.ardaudiothek.de/sendung/ungebremst-der-anschlag-auf-den-magdeburger-weihnachtsmarkt

Deutsches Rotes Kreuz übergibt Spendengeld an WEISSEN RING

Erstellt am: Mittwoch, 1. Oktober 2025 von Sabine

„Ich kann Betroffene nur ermutigen: Melden Sie sich bei der Außenstelle Magdeburg, wenn Sie Hilfe brauchen. Der WEISSE RING ist an ihrer Seite.“

Datum: 01.10.2025

Deutsches Rotes Kreuz übergibt Spendengeld an WEISSEN RING

Mit einer symbolischen Übergabe von rund 156.000 Euro an den WEISSEN RING Sachsen-Anhalt schließt das Deutsche Rote Kreuz (DRK) Sachsen-Anhalt offiziell die landesweite Spendenaktion für die Opfer des Anschlags auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt ab.

Die Spendenübergabe fand am 1. Oktober 2025 in der Landesgeschäftsstelle des DRK Sachsen-Anhalt in Magdeburg statt. Dr. Carlhans Uhle, Landesgeschäftsführer des DRK Sachsen-Anhalt, übergab dabei symbolisch die Spendengelder an Kerstin Godenrath, Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Sachsen-Anhalt.

„Für uns beim DRK war es Ausdruck unserer Haltung, in einer solchen Ausnahmesituation wie dem Anschlag sofort zu handeln – schnell, pragmatisch und dort, wo die Not am größten war. Das gilt nicht nur für den Einsatz unserer Rettungskräfte am Abend des Anschlags, sondern auch für die Verantwortung, die wir bei der Verwaltung und zügigen Auszahlung der Spendengelder an die direkt Betroffenen übernommen haben“, so Dr. Carlhans Uhle.

Nach der Bearbeitung aller eingegangenen Anträge und der Auszahlung der Spendengelder an die Betroffenen übergab das DRK Sachsen-Anhalt nun den verbleibenden Betrag in Höhe von etwa 156.000 Euro an den WEISSEN RING.

„Mit der heutigen Übergabe der verbleibenden Mittel an den WEISSEN RING setzen wir ein bewusstes Zeichen: Hilfe hört nicht mit dem letzten Spendeneingang auf. Nachhaltige Hilfe braucht einen langen Atem – und verlässliche Partner, die diesen Weg konsequent weitergehen“, ergänzt Dr. Uhle.

Die Spendengelder dienen der Kostendeckung bereits angefallener und vorfinanzierter Hilfsleistungen im Rahmen der Arbeit des WEISSEN RINGS.

Kerstin Godenrath, Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS Sachsen-Anhalt, dankte dem DRK und unterstrich, wie wichtig die Unterstützung durch Spenden ist. „Für die Betroffenen des grausamen Anschlags konnte der WEISSE RING bislang eine Gesamtsumme an Opferhilfen in Höhe von mehr als 480.000 EUR leisten“, sagt Godenrath. Dazu zählen Soforthilfen und Beratungsschecks für anwaltliche oder psychotraumatologische Erstberatung. Außerdem hat der Verein tatbedingte Bedarfe wie erhöhte Fahrtkosten, Mehrausgaben für die Ausstattung bei Reha- und Krankenhausaufenthalten sowie Mehrausgaben zur Überbrückung bei Einkommensausfall unterstützt. „Wichtig ist hier zu sagen, dass wir über keinen starren Leistungskatalog verfügen, sondern bedarfsgerechte Hilfen im Einzelfall prüfen und so auf die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen eingehen können“, erklärte die Landesvorsitzende und betonte: „Das alles ist nur möglich, weil so viele Menschen bereit sind, unsere Arbeit für die Opfer finanziell zu unterstützen.“

Der WEISSE RING hat bislang 475 Opfer betreut. Dazu zählen auch anonyme Fälle, die den Verein über das Opfer-Telefon erreichten. „Viele Betroffene werden auch heute noch von uns betreut. Es gibt beispielsweise Menschen, die noch krankgeschrieben sind oder denen noch Operationen bevorstehen. Auch rund um den Prozessbeginn gegen den mutmaßlichen Täter und zum Jahrestag erwarten wir großen Zulauf. Und ich kann Betroffene nur ermutigen: Melden Sie sich bei der Außenstelle Magdeburg, wenn Sie Hilfe brauchen. Der WEISSE RING ist an ihrer Seite“, sagt Kerstin Godenrath.

Die Kontaktdaten der Außenstelle Magdeburg: Telefon 0175/6528447, E-Mail: magdeburg@mail.weisser-ring.de

Wer die Arbeit des WEISSEN RINGS unterstützen möchte, kann hier spenden: https://spenden.weisser-ring.de/

 

Hintergrund
Nach dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt am 20. Dezember 2024 wurde ein Spendenkonto zur Unterstützung für Betroffene und Angehörige unter Federführung des DRK Sachsen-Anhalt eingerichtet. Die Spendenaktion wurde direkt nach dem Anschlag ins Leben gerufen. Die Initiative dazu kam von der Landesregierung Sachsen-Anhalt.

Auf dem Spendenkonto gingen bis zum Ende der Spendenaktion am 31. Mai 2025 in insgesamt gut 14.400 Einzelspenden mehr als 1,5 Millionen Euro ein. Neben zahlreichen Einzelpersonen beteiligten sich Unternehmen, Vereine und zivilgesellschaftliche Initiativen aus ganz Deutschland. Die eingegangenen Mittel wurden unmittelbar den direkt Betroffenen sowie deren Angehörigen ausgezahlt.

Das gespendete Geld wurde nach einem transparenten Verfahren in enger Abstimmung mit der Landeshauptstadt Magdeburg verteilt. Insgesamt 1068 Auszahlungen an Betroffene wurden vorgenommen.

Der exakte Betrag der Spendensumme an den WEISSEN RING beträgt 156.406,25 Euro.

Angriffe auf Minderheiten und den Staat

Erstellt am: Mittwoch, 1. Oktober 2025 von Gregor
Das Cover der aktuellen Ausgabe.

Datum: 01.10.2025

Angriffe auf Minderheiten und den Staat

In der aktuellen Ausgabe setzt sich das WEISSER RING Magazin mit Rechtsextremismus, aber auch mit anderen Formen der Politisch motivierten Kriminalität auseinander. Die Entwicklung ist alarmierend.

Rechtsmotivierte Straftaten werden zunehmend von Jugendlichen und Heranwachsenden begangen, bundesweit. In Bayern zum Beispiel ist die Zahl der Tatverdächtigen in diesen Altersgruppen von 291 im Jahr 2023 auf 517 im vergangenen Jahr gestiegen, in Brandenburg von 432 auf 737, in Niedersachsen von 308 auf 519. Hauptsächlich handelt es sich um Propagandadelikte, teilweise aber auch um Gewalttaten: In Nordrhein-Westfalen etwa wurden hierbei im vergangenen Jahr 30 Verdächtige zwischen 14 und 20 Jahren ermittelt, in Brandenburg 47, in Sachsen 63. Diese Zahlen gehen aus einer exklusiven Umfrage des WEISSER RING Magazins bei den Landeskriminalämtern und Innenministerien hervor.

Kritische Medienbildung gegen rechte Tendenzen bei jungen Leuten

Reiner Becker, der das Demokratiezentrum im Beratungsnetzwerk Hessen leitet, sagte dem Magazin: „Wir bekommen seit etwa einem Jahr deutlich mehr Beratungsanfragen von Schulen.“ Es gehe „um Propagandadelikte, darum, dass sehr selbstbewusst rechtsextreme Positionen vertreten werden, um rassistische Beleidigung, Bedrohung, manchmal auch um körperliche Gewalt“. Zu den Ursachen erklärte der Politikwissenschaftler: „Wir haben eine Gewöhnung an rechtsextreme Positionen, zum Teil hohe Wahlergebnisse für die AfD. Warum sollten Kinder und Jugendliche davon frei sein?“ Gleichzeitig mangele es an sozialen Angeboten. Zudem spiele die niedrigschwellige, alltagsbezogene Ansprache rechter Akteure im Netz eine Rolle. Becker plädiert deshalb für eine frühe „kritische Medienbildung“ in der Schule sowie eine intensive Jugend- und Beziehungsarbeit.

Die Recherche ist Teil eines Schwerpunkts in der aktuellen Ausgabe des WEISSER RING Magazins zu Politisch motivierter Kriminalität (PMK). Für die Titelgeschichte sprach der auf Rechtsextremismus spezialisierte Autor Michael Kraske mit Betroffenen, Experten sowie Sicherheitsbehörden. Politisch motivierte Kriminalität ist 2024 so stark gestiegen wie nie seit Einführung des neuen Meldesystems im Jahr 2001. Als Ursache verweist das Bundeskriminalamt (BKA) auf die „wachsende Polarisierung und Radikalisierung in der Gesellschaft“. Mit 47,8 Prozent nahmen die rechtsmotivierten Straftaten am stärksten zu. Sie machen rund die Hälfte aller polizeilich registrierten politisch motivierten Taten aus. Darunter sind mehrheitlich Propagandadelikte, doch auch die rechtsmotivierten Gewaltstraftaten stiegen deutlich um 17,2 Prozent auf 1.488.

Ausweitung der Gefahrenzonen

Zu den Folgen rechtsextremer Gewalt sagte Heike Kleffner, Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Beratungsstellen für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt: „Die Ausweitung der Gefahrenzonen verändert langfristig den Alltag der betroffenen Menschen. Eine häufige Folge ist sozialer Rückzug.“ Das Gewaltpotenzial sei stark gestiegen, sowohl von organsierten Rechtsextremisten als auch von rassistischen Gelegenheits- und Überzeugungstätern. „Es gibt sehr wohl Bundesländer, die Lehren aus dem NSU-Komplex gezogen und ihre Praxis verändert haben“, so Kleffner. Überall, wo es etwa Schwerpunktstaatsanwaltschaften gibt, komme es zu effektiver Strafverfolgung. Kleffner nennt Bayern als positives Beispiel. Andererseits habe sich etwa in Sachsen kaum etwas zum Positiven verändert.

In anderen Bereichen der PMK, etwa der „ausländischen Ideologie“, ist die PMK ebenfalls gestiegen, wenn auch nicht so stark. Im Interview warnt Heike Pooth, Referatsleiterin im Polizeilichen Staatschutz des Bundeskriminalamtes: „Entspannung ist nicht in Sicht.“ Konflikte und Ereignisse im Ausland wirkten sich unmittelbar auf das Straftatenaufkommen in Deutschland aus, insbesondere in einer Vielzahl von Veranstaltungen und Demonstrationen. Die wesentlichen Gründe für die gestiegenen Fallzahlen in den vergangenen Jahren seien der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und der Nahostkonflikt.

Religiöse Repräsentanten am häufigsten von Attacken betroffen

In Zusammenhang mit Russland und der Ukraine waren die Delikte in jüngster Zeit eher rückläufig, im Kontext des Nahost-Konflikts hätten sie stark zugenommen. Das BKA ergreife deshalb verschiedene Maßnahmen, tausche beispielsweise intensiv Informationen mit nationalen und internationalen Sicherheitsbehörden aus und bewerte permanent die Gefährdungslage, vor allem für die besonders bedrohten jüdischen und israelischen Einrichtungen.

Aus der Antwort des BKA auf eine Anfrage des WEISSER RING Magazins zu den häufigsten Angriffszielen der Politisch motivierten Kriminalität geht hervor, dass die Opfer 2024 in 7.504 Fällen religiöse Repräsentanten waren, in 4.332 Fällen Polizeiangehörige, in 4.027 Fällen Amtsträger, in 3.541 Fällen Mandatsträger (ein Delikt kann mehrere Ziele haben). Asylsuchende wurden ebenfalls besonders häufig attackiert, insgesamt 2.369-mal.

Jung, rechtsradikal, gefährlich

Erstellt am: Freitag, 26. September 2025 von Selina

Jung, rechtsradikal, gefährlich

Zahl der jugendlichen und heranwachsenden Verdächtigen stark gestiegen.

Rechtsradikale Jugendliche in Deutschland

Jugendliche und heranwachsende Verdächtige bei politisch motivierten Straftaten pro Bundesland. *Hier ist die Summe der Straftaten mit jugendlichen und heranwachsenden Verdächtigen angegeben. **Hier ist die Summe der Fälle mit mindestens einem jugendlichen beziehungsweise heranwachsenden Verdächtigen angegeben. Quelle: Länderumfrage des WEISSEN RINGS. Vier Länder haben die Anfrage bis Redaktionsschluss nicht beantwortet.

Ein hessischer Jugendlicher soll sich rechtsradikal geäußert, Sprengstoff hergestellt und im Wald gezündet haben. In den Räumen eines Vereins in Sachsen, der sich für Demokratie einsetzt, sollen 13- bis 16-Jährige aus der Nazi-Szene eine Frau bedroht haben. Und in Brandenburg verletzten junge Leute zwischen 17 und 19 Jahren offenbar einen 41-Jährigen, nachdem dieser sie aufgefordert hatte, mit dem Grölen rechter Parolen aufzuhören.

Im Jahr 2024 häuften sich die Verfahren mit jungen Tatverdächtigen im Bereich der politisch motivierten Kriminalität rechts. Eine exklusive Länderumfrage des WEISSER RING Magazins zeigt nun das Ausmaß. Demnach hat die Zahl der Fälle, an denen Jugendliche sowie Heranwachsende beteiligt gewesen sein sollen, stark zugenommen: in Sachsen etwa von 310 Tatverdächtigen zwischen 14 und 20 Jahren im Jahr 2023 auf 1297 Verdächtige im vergangenen Jahr, in Bayern von 291 auf 517, in Brandenburg von 432 auf 737, in Niedersachsen von 308 auf 519. Die Berliner Statistik differenziert auch nach Geschlecht: Demnach waren 136 der 143 Tatverdächtigen im Jahr 2023 männlich, sieben weiblich. Im Jahr darauf gab es insgesamt 175 Verdächtige, 149 männliche und 26 weibliche.

Männlich dominiert

In Berlin waren im Jahr 2023 von 143 verdächtigen Jugendlichen und Heranwachsenden 136 männlich und 7 weiblich. Im Jahr 2024 wurden 175 Verdächtige gezählt, davon waren 149 männlich und 26 weiblich.

Auch Nordrhein-Westfalen verzeichnet eine deutliche Steigerung, von 247 auf 610 Tatverdächtige in dem Alter. Die Landesregierung sieht dies als „eine zentrale Herausforderung für die innere Sicherheit“ und beobachtet eine „zunehmende Dynamisierung“ von rechtsextrem beeinflussten Jugendmilieus, wobei das „Tatmittel Internet“ weiter an Bedeutung gewinne. Bei der Bekämpfung setze das Land auf einen „Dreiklang von Repression, Prävention und Ausstiegshilfe“. Überwiegend geht es um Propagandadelikte, mitunter aber auch um Gewalt: In Nordrhein-Westfalen wurden im vergangenen Jahr 30 jugendliche und heranwachsende Tatverdächtige ermittelt, in Berlin 28, in Brandenburg 47, in Sachsen 63. Bei den Gewalttaten sind die Zahlen tendenziell auch gestiegen.

Die Steigerungen passen zur Gesamtentwicklung. Nach Angaben des BKA sind die rechtsmotivierten Taten 2024 um fast 48 Prozent auf 42.788 angewachsen.

„Rechtsextreme Positionen werden selbstbewusst vertreten“

Reiner Becker, der das Demokratiezentrum im Beratungsnetzwerk Hessen leitet, überraschen die Tendenzen nicht: „Wir bekommen seit etwa einem Jahr deutlich mehr Beratungsanfragen von Schulen“, sagt der Politikwissenschaftler. Es geht „um Propagandadelikte, darum, dass sehr selbstbewusst rechtsextreme Positionen vertreten werden, um rassistische Beleidigung, Bedrohung, manchmal auch um körperliche Gewalt“.

Die Täter seien jünger geworden; vereinzelt suchten schon Grundschulen Rat. In den vergangenen Jahren hätten sich eher lose, rechte Jugendcliquen gebildet. Sie seien „stark diversifiziert“, auch in ihrem Erscheinungsbild, hätten teils Kontakt zur organisierten Szene und beteiligten sich etwa an Protesten gegen Veranstaltungen zum Christopher Street Day. „Man muss die Bedingungen des Großwerdens, etwa die politische Kultur, das Gemeinwesen, die Eltern, in den Blick nehmen“, so Becker. „Wir haben eine Gewöhnung an rechtsextreme Positionen, zum Teil hohe Wahlergebnisse für die AfD. Warum sollten Kinder und Jugendliche davon frei sein?“

Gleichzeitig mangele es an sozialen Angeboten. Zudem spiele die niedrigschwellige, alltagsbezogene Ansprache rechter Akteure im Netz eine Rolle. Becker plädiert für eine frühe „kritische Medienbildung“ in der Schule sowie eine intensive Jugend- und Beziehungsarbeit: „Sie ist ein Schlüssel. Es kommt darauf an, mit den jungen Leuten im Gespräch zu bleiben, ihnen Angebote zu machen und sie nicht aufzugeben, wenn sie durch rechte Parolen aufgefallen sind. Dazu braucht es Haltung und pädagogisches Wissen.“

Der Flächenbrand

Erstellt am: Freitag, 26. September 2025 von Sabine

Der Flächenbrand

Rechte Straf- und Gewalttaten haben einen neuen Höchststand erreicht. Das Spektrum reicht von Propaganda über spontane körperliche Attacken bis zu rechtsterroristischen Brandanschlägen – und die Täter werden jünger. Sie verfolgen und greifen Angehörige von Minderheiten an. Opferberatungsstellen schlagen Alarm und fordern den Staat auf, endlich entschlossener zu handeln.

Rechte Gewalt: "Rechts Land" Julius Schien

18. Januar 1993, Arnstadt. Karl Sidon, Parkwächter im Schlosspark Arnstadt, wird am 18. Januar 1993 von fünf jungen Neonazis brutal verprügelt und getötet. Die Gruppe im Alter von 11 bis 16 Jahren beschädigte zuvor im Schlosspark ein Gebäude. Als Karl Sidon das bemerkt, geht er ihnen nach und ermahnt sie. Daraufhin gehen die Jugendlichen auf Sidon los und schlagen auf ihn ein, bis er bewusstlos am Boden liegen bleibt. Im Anschluss schleifen sie ihn auf eine angrenzende, viel befahrene Straße, wo er schließlich von mehreren Autos überfahren wird. Noch am selben Abend erliegt Karl Sidon seinen Verletzungen.

Monatelang haben sie sich vorbereitet, die Vorfreude war groß. Zum fünften Mal baute ein breites Bündnis auf dem Marktplatz in Brandenburg Stände, Bänke und eine Bühne auf, um im Juni ein Fest der Vielfalt zu feiern. Darunter eine Trommelschule, der DanceClub vom Jugendzentrum Offi, „Schülis“ und Omas gegen
Rechts. Das Motto: „Bad Freienwalde ist bunt.“ Was dann geschah, hat Tom Kurz beobachtet, der bei der ehrenamtlichen Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt Märkisch Oderland arbeitet: Maskiert mit Sturmhauben, bewaffnet mit Schlagstöcken stürmte eine Gruppe junger Gewalttäter auf den Platz. „Die Neonazis waren erst im Moment des Angriffs sichtbar“, erinnert sich Kurz. „Ich habe sie auf mich zu rennen sehen. Alles ging sehr schnell.“

Vier Personen seien durch Schläge verletzt worden. In einem Video des RBB ist zu sehen, wie ein Angreifer einem Mann gezielt mit der Faust ins Gesicht schlägt. „Mehrere Leute sind dazwischengegangen und haben Schlimmeres verhindert“, sagt Kurz. „Die Neonazis haben wohl nicht mit Gegenwehr gerechnet und mussten
ihren Angriff abbrechen.“ Der orchestrierte Gewaltakt habe viele derjenigen, die unbeschwert feiern wollten, schockiert. „Es waren ja auch Familien da. Viele haben zum ersten Mal so massive rechte Gewalt erfahren.“ Das Fest fand trotzdem statt, aber der brutale Überfall habe den ganzen Tag überschattet.

Der Flächenbrand

Rechtsextreme Straftaten nehmen zu – von Propaganda bis zu Gewaltdelikten. Opferberatungsstellen fordern stärkeres staatliches Gegensteuern.

Als der Angriff erfolgte, war die Polizei nicht vor Ort

Nach der Tat kam Brandenburgs Innenminister René Wilke (parteilos) nach Bad Freienwalde. Er sprach von einem „Angriff auf die Art unseres Zusammenlebens“ – ein seltenes Signal der Solidarität mit der queeren Community. Die Veranstalter haben jedoch in einer Stellungnahme klargemacht, dass Betroffenheit nicht ausreicht: „Als der Angriff erfolgte, war die Polizei nicht vor Ort. Die Gefahr, der unsere Veranstaltung ausgesetzt war, wurde falsch eingeschätzt. Das muss sich ändern!“ Tom Kurz kritisiert, dass die Polizei auch gegen diejenigen ermittle, die sich gegen die militanten Neonazis wehrten, um sich und andere zu verteidigen.

Das WEISSER RING Magazin hat die Brandenburger Polizei nach den Gründen dafür gefragt und weshalb trotz Warnungen im Vorfeld keine Beamten vor Ort waren. Die Anfrage blieb unbeantwortet. Gegenüber der Märkischen Allgemeinen Zeitung wies ein Polizeisprecher Kritik zurück. Er sagte, die bei der Veranstaltung eingesetzten Beamten seien während des Angriffs nicht am Tatort gewesen, weil sie im Umfeld des Festgeländes unter anderem „Fahrzeugbewegungen“ überprüft hätten Einige Tage nach dem Überfall hat die Polizei die Wohnräume eines mutmaßlichen Angreifers durchsucht.

Für Tom Kurz hat der Angriff eine lange Vorgeschichte. Er beschreibt gefestigte rechtsextreme Strukturen in der Region, mit alten Neonazis aus den 1990er-Jahren, einer stark verankerten AfD und aktionistischen Jugendorganisationen wie der vom III. Weg, einer neonazistischen Kleinstpartei. Nicht rechte Jugendliche würden in Bad Freienwalde zur Zielscheibe der jungen Rechtsextremen. Mitglieder des Bündnisses würden im Ort regelmäßig bepöbelt und bedroht.

Kurz betont, wie wichtig prominente Persönlichkeiten wären, die sich klar positionieren: „Denn die Neonazis sehen sich als ausführende Gewalt eines Volkswillens.“ Stattdessen gab Bürgermeister Ralf Lehmann (CDU) dem RBB nach dem brutalen Überfall ein verstörendes Interview. Der Täter habe zwar „nicht hauen dürfen“, so das Stadtoberhaupt, das Opfer „hätte ihn aber auch nicht festhalten dürfen“. Wie unter einem Brennglas zeigt der Fall die Enthemmung rechter Gewalt – und die Missstände im Umgang damit, wenn Verantwortliche eine Täter-Opfer-Umkehr betreiben.

2024

haben politisch motivierte Straftaten laut der jährlichen Statistik des Bundeskriminalamtes (BKA) den höchsten Stand seit der Erfassung erreicht.

84.172

Delikte waren es insgesamt.

42%

als im Jahr zuvor.

42.788

der Delikte waren rechtsextremistisch motiviert.

Rechte Gewalt: "Rechtes Land" von Julius Schien.
Rechte Gewalt: "Rechtes Land" von Julius Schien.
14. Oktober 1994, Paderborn. Alexandra Rousi wird von ihrem Nachbarn in Paderborn getötet. Sie stirbt bei einem Brand, der aus rassistischen Motiven gelegt wurde. Dem Brandanschlag gehen monatelange rassistische Drohungen und Beleidigungen voraus. Der Täter wohnt im Erdgeschoss des Zweifamilienhauses und übergießt das gemeinsame Treppenhaus mit Benzin. Als Alexandra ihn aufzuhalten versucht, zündet er, während er weiterhin ausländerfeindliche Beleidigungen von sich gibt, ein Streichholz an. Sowohl Alexandra Rousi als auch der Täter gehen in Flammen auf – Rousi stirbt noch im Treppenhaus.
9. Juni 2005, Nürnberg. İsmail Yaşar betreibt einen beliebten Imbiss in der Südstadt Nürnbergs. Die Täter der rechtsextremen Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU) fahren am Morgen des 9. Juni 2005 mit Fahrrädern in die Nähe des Imbisses, betreten diesen und ermorden İsmail Yaşar mit fünf Schüssen in den Kopf und Oberkörper. Er stirbt noch am Tatort. Während der Mordserie des NSU ermittelt die Polizei fast ausschließlich im Umfeld der Opfer, nicht aber in rechtsextremen Kreisen, bis sich der »NSU« 2011 schließlich selbst enttarnt.

„Rechtes Land“

Vier Jahre arbeitet der Fotograf Julius Schien schon an seinem Projekt „Rechtes Land“. Dafür fährt er durch ganz Deutschland mit dem Ziel, alle Tatorte zu fotografieren, an denen Menschen seit der Wiedervereinigung aufgrund rechter Gewalt getötet wurden. „Ein Denkmal“ möchte er allen Opfern setzen, sagt er, und an die Gefahr erinnern, die von rechts ausgehe. In den vier Jahren hat sich in Deutschland vieles politisch verändert, doch ein Aufhören kommt für ihn nicht infrage, wie er im Interview mit dem WEISSER RING Magazin erzählt.

Rekordniveau rechter Straftaten

Politisch motivierte Kriminalität ist im vergangenen Jahr so stark gestiegen wie nie seit Einführung des neuen Meldesystems im Jahr 2001. Als Ursache verweist das Bundeskriminalamt (BKA) auf die „wachsende Polarisierung und Radikalisierung in der Gesellschaft“. Mit 47,8 Prozent nahmen die rechtsmotivierten Straftaten, die bereits in den vergangenen Jahren beunruhigende Rekorde erreicht haben, am stärksten zu. Sie machen rund die Hälfte aller polizeilich registrierten politisch motivierten Taten aus. Darunter sind mehrheitlich Propagandadelikte, doch auch die rechtsmotivierten Gewaltstraftaten stiegen deutlich um 17,2 Prozent auf 1.488. „Ein Beleg für die hohe und weiterhin zunehmende Gewaltbereitschaft“, erklärt ein BKA-Sprecher.

Noch dramatischer sind die Zahlen, die der Verband der auf rechte Gewalt spezialisierten Opferberatungsstellen (VBRG) erhoben hat. In zwölf von 16 Bundesländern kam es demnach zu 3.453 rechten, rassistischen und antisemitisch motivierten Angriffen mit 4.681 direkt Betroffenen – ein Plus von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Ländervergleich liegt Berlin mit 9,99 Taten pro 100.000 Einwohner vorn, gefolgt von Sachsen-Anhalt (8,3) und Mecklenburg-Vorpommern (6,59). Bei den absoluten Zahlen steht ebenfalls Berlin mit 366 Angriffen vor Nordrhein-Westfalen mit 294 (1,63 pro 100.000 Einwohner) auf dem ersten Platz. Mehr als die Hälfte aller Taten seien rassistisch motiviert. Gleichwohl hätten die Angriffe auf „politische Gegner“ um zwei Drittel und queerfeindliche um 40 Prozent zugenommen.

2024

Magdeburg. Am Abend des Terroranschlags auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt am 20. Dezember 2024 wird ein Student auf dem Nachhauseweg von einer Männergruppe rassistisch beleidigt. „Ihr gehört hier nicht her“, rufen die Männer. Der Student wird mit dem Tod bedroht und geschlagen. Der Terroranschlag des Angreifers saudi-arabischer Herkunft löst in der Stadt eine Welle rassistischer Gewalt aus. So wird ein 13-Jähriger im Fahrstuhl seines Wohnhauses von einem Erwachsenen rassistisch beleidigt und gewürgt.

Im Gegensatz zum BKA erfassen die Opferberatungen auch Fälle von Nötigung und Bedrohung, was die höheren Fallzahlen teilweise erklärt. Der VBRG notierte 1.212 Bedrohungen/Nötigungen sowie 1.143 einfache und 681 gefährliche Körperverletzungen. Sowohl die Zahlen des VBRG als auch die des Bundeskriminalamtes spiegeln jedoch „nur einen Ausschnitt aus einer sehr bedrohlichen und gewaltvollen Realität für sehr viele Menschen in diesem Land“ wider, betont die Geschäftsführerin des Verbandes, Heike Kleffner. „Die Ausweitung der Gefahrenzonen verändert langfristig den Alltag der betroffenen Menschen. Eine häufige Folge ist sozialer Rückzug.“ Man gehe nicht mehr auf Stadtfeste, verlasse Veranstaltungen früher und bewege sich in Angsträumen und nach Einbruch der Dunkelheit nur noch in Gruppen.

„Das Gewaltpotenzial ist stark gestiegen, sowohl von organsierten Rechtsextremisten als auch von rassistischen Gelegenheits- und Überzeugungstätern“,
sagt Heike Kleffner. Zwar liegt der Osten, was rechte Angriffe betrifft, bezogen auf die Einwohnerzahl weiterhin vorn, aber der Westen holt auf. Täter, so Kleffner, griffen dabei auch zu Messern und Schlagwerkzeugen und schlügen auf ihre Opfer ein, selbst wenn diese schon am Boden lägen. Gelegenheitstäter schreckten auch nicht davor zurück, Kinder und Jugendliche zu verletzen.

Zwar liegt der Osten, was rechte Angriffe betrifft, weiterhin vorn, aber der Westen holt auf

In Brandenburg wurde im Dezember ein Schüler auf dem Nachhauseweg von einer Gruppe junger Rechter so schwer verletzt, dass er unter Lähmungserscheinungen in Armen und Beinen litt. Diese Täter seien oft in einem Umfeld sozialisiert, in dem Rassismus, Antisemitismus und Queerfeindlichkeit mehrheitsfähig seien, sagt Kleffner. Sie nennt Gründe für die gesellschaftliche Klimaverschärfung: „Mit den Wahlerfolgen der AfD geht nicht nur eine Normalisierung von Rassismus und Antisemitismus einher, sondern auch eine beunruhigende NS-Verherrlichung.“

Kleffner erinnert daran, dass der AfD-Politiker Björn Höcke für den Gebrauch einer SA-Parole verurteilt wurde. Aus diversen Strafverfahren sei bekannt, dass
rechte Täterinnen und Täter „ganz oft nationalsozialistische Propaganda, Hitler-Bilder und SS-Runen konsumieren, liken und teilen“. Man dürfe auch nicht unterschätzen, welche Wirkung ein migrationsfeindlicher gesellschaftlicher Diskurs habe. Eine Studie der Uni Bielefeld belegt zudem, dass Wählerschaft und Sympathisanten der AfD im Vergleich zu anderen Parteianhängern überdurchschnittlich oft Gewalt zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele befürworten. „Die Wähler*innen radikalisieren die AfD, aber die Partei radikalisiert auch ihre Wählerinnen und Wähler“, so Kleffner.

12

Bundesländer hatten in diesem Jahr ein Rekord an registrierten Fällen bei der Beratungsstelle für Betroffene von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG).

3.400

Fälle wurden circa aufgenommen.

20%

als im Vorjahr.

Darüber hinaus greifen AfD-Politiker immer wieder selbst zu Gewalt. So wurde der Vorsitzende der AfD-Jugendorganisation in NRW, Felix Alexander Cassel, dafür verurteilt, am Rande eines „AfD-Bürgerdialogs“ in Köln einen Gegendemonstranten mit dem Pkw angefahren zu haben. In Berlin wurde der AfD-Bezirksverordnete Kai Borrmann für eine Beiß-Attacke gegen die schwarze Musikjournalistin Steph Karl verurteilt, die er zuvor rassistisch beleidigt hatte. Im November 2024 ließ die Bundesanwaltschaft drei AfD-Mitglieder festnehmen, die verdächtigt werden, der mutmaßlich rechtsterroristischen Vereinigung „Sächsische Separatisten“ angehört zu haben.

Ein BKA-Sprecher verweist darauf, dass rechte Straftaten nicht in jedem Fall tief verinnerlichte rechtsextreme Denkmuster voraussetzen. Nicht selten würden nur „Versatzstücke aus Ideologien“ übernommen: „Rechtsextreme Ideologien und gezielte Mobilisierung durch rechte Akteure schaffen und fördern jedoch Rahmenbedingungen, die an der Motivation zu solchen Straftaten andocken.“ Etwa, indem bestimmten Personengruppen eine Sündenbockfunktion zugeschrieben wird oder sie durch Täter-Opfer-Umkehr als bedrohlich markiert werden.

Immer stärker ins Visier rechter Straftäter geraten queere Menschen, etwa in Sachsen, beobachtet Michel Röhricht vom Bürgerrechtsverband Queere Vielfalt (LSVD): „Die gestiegene Bedrohung ist auf alle Fälle spürbar. Die Lage ist erheblich unsicherer geworden.“ Zwar gibt es auch in kleineren sächsischen Orten wie Döbeln oder Riesa CSD-Veranstaltungen, aber Ankunft und Rückfahrt seien gefährlich, weil Rechtsextremisten die Veranstaltungen systematisch anfeindeten. „Teilnehmende müssen in Gruppen anreisen“, sagt Röhricht. Immer wieder meldeten sich Personen, die berichten, sie seien in ihrem Alltag angegriffen worden. Oftmals scheuten sie sich aber, Straftaten anzuzeigen. Betroffene würden ausgelacht, beleidigt und ausgegrenzt. Auch Schulen seien häufig Tatorte. „Die meisten, die sich an uns wenden, sind voller Angst und fressen das in sich rein“, so Röhricht.

Das Leben der queeren Community werde durch eine feindliche Grundstimmung in der Gesellschaft stark eingeschränkt. Viele täten alles, um in der Öffentlichkeit nicht aufzufallen. „Die Sichtbarkeit nimmt ab“, so Röhricht. Zwar sei die Lage in ländlichen Regionen noch schwieriger, vor allem für queere migrantische Personen. Dort liege  ein „Mantel des Schweigens“ über Diskriminierung und Gewalt; Hilfsangebote gebe es oftmals nicht. Selbst Großstädte wie Chemnitz bieten Röhricht zufolge keinen Schutz, weil viele Treffpunkte aufgrund mangelnder Förderung weggebrochen seien. „Es gibt queere Menschen, die eine Serie von Angriffen und Beeinträchtigungen erlitten haben“, berichtet er. „Da gibt es ganz viel Hoffnungslosigkeit und Resignation.“

Rechte Gewalt: "Rechtes Land" von Julius Schien.
Rechte Gewalt: "Rechtes Land" von Julius Schien.
17. April 2018, Wiebelskirchen. Am 17. April 2018 wird das Treppenhaus eines Wohnhauses in Wiebelskirchen im Saarland aus rassistischen Motiven in Brand gesteckt. Das Gebäude, in dem mehrere syrische Geflüchtete mit ihren Kindern leben, steht schnell in Flammen. Die Feuerwehr rettet elf Menschen, einige mit schweren Rauchvergiftungen. Philipp W. wohnt im Dachgeschoss und verbrennt in seiner Wohnung. Die beiden Täter gestehen vor Gericht, die Tat aus Hass auf Ausländer begangen zu haben.
31. Oktober 2012, Hannover. Die 44-jährige Sexworkerin Andrea B. begleitet den damals 25-jährigen Täter in seine Wohnung im Süden Hannovers. Dort angekommen, macht sie sich über Nazisymbole in der Wohnung und die rechtsextreme Gesinnung des 25-Jährigen lustig. Daraufhin tötet der Täter Andrea B. auf brutale Weise mit einer Machete. Die Leiche verpackt er in Plastiksäcke und wirft diese in den Maschsee. Die sterblichen Überreste werden am Morgen von Passant:innen entdeckt.

Während sich Opfer zurückziehen, fühlen sich Täter ermutigt. Eine entscheidende Rolle im Radikalisierungsprozess spielen nach Erkenntnissen des BKA die sozialen Medien: mit einer ungefilterten Flut von Hetze, Desinformation und Propaganda. In den digitalen Hasskammern verbreiten Rechtsextremisten toxische Erzählungen über eine angebliche „Umvolkung“, „Gender-Wahn“, „Frühsexualisierung“, „Globalisten“ und „linksgrüne Ökofaschisten“. Menschen werden aufgrund ihrer Nationalität, Hautfarbe, Religion oder sexuellen Orientierung als Hassobjekte angefeindet.

Ins Visier geraten alle, die nicht der homogenen Norm einer völkisch-deutschen Ideologie entsprechen. Die sozialen Medien bieten Rechtsextremisten und Rassisten dabei nicht nur eine Plattform für niedrigschwellige Kontaktaufnahme, Rekrutierung und Vernetzung, sondern werden auch als Tatort und Labor für politisch motivierte Straftaten genutzt. Hasskriminalität ist im vergangenen Jahr um 28 Prozent auf 21.773 Fälle angestiegen. Mehr als zwei Drittel aller Hassdelikte sind rechts motiviert.

2025

Cottbus. Eine Gruppe greift am 28. März das Hausprojekt „Zelle79“ in Cottbus (Brandenburg) an. Die Täter brüllen rechte Parolen und werfen mit Pflastersteinen. Wenige Stunden später attackieren vermummte Täter das Haus erneut mit Steinen. Im Mai informiert die Polizei über einen weiteren Angriff von fünf Personen mit Böllern und Leuchtfackeln. Dabei werden verfassungsfeindliche Parolen gerufen, Eingangstür und Fassade beschädigt.

Seit Mitte 2024 beobachten die Sicherheitsbehörden einen beunruhigenden Trend. In der Neonazi-Szene treten viele neue Jugendgruppen in Erscheinung, die „Jung und Stark“ oder „Deutsche Jugend Voran“ heißen. Rechtsextreme Straftäter werden immer jünger. Nach dem Angriff auf den SPD-Politiker Matthias Ecke im vergangenen Jahr in Dresden wurden vier Minderjährige aus dem Umfeld der rechtsextremen „Elblandrevolte“ als Verdächtige ermittelt.

In einem anderen Fall verurteilte das Amtsgericht Tiergarten in Berlin kürzlich vier mutmaßliche Neonazis aus Sachsen-Anhalt, die im Ortsteil Lichterfelde zwei SPD-Wahlkämpfer brutal attackiert hatten. Die Täter, die auf dem Weg zu einer rechten Demo waren, hatten einen 50-Jährigen mit Springerstiefeln gegen den Kopf getreten. Der Vorsitzende Richter hatte keinen Zweifel an dem politischen Tatmotiv und verurteilte die jungen Angeklagten wegen gefährlicher Körperverletzung zu Haftstrafen bis zu zwei Jahren und acht Monaten. Ein Sprecher des BKA warnt angesichts solcher Taten vor der Gewaltbereitschaft der neuen Gruppierungen: Aufgrund permanenter neonazistischer Propaganda bestehe „die Gefahr, dass diese Gruppen weitere Anhänger rekrutieren und sich das Phänomen ausweitet“.

In der Nacht auf den 23. Oktober 2024 brennt in Altdöbern (Brandenburg) das ehemalige Schützenhaus nieder. Durch einen glücklichen Zufall bleibt die Betreiber- Familie des zugehörigen Kulturhauses, die im Gebäude nebenan schläft, unverletzt. Die Polizei teilt wenige Tage später mit, sie gehe nicht von Brandstiftung aus, sondern von einem technischen Defekt. Dies hält sich fortan hartnäckig in der Region und wird Anfang des Jahres korrigiert. Allerdings nicht auf Initiative der Behörden, sondern im Landtag. In der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der SPD taucht der Brand in Altdöbern überraschend als politisch motivierte Kriminalität von rechts auf, die sich gegen ein angeblich linkes Kulturobjekt richtete. „Links“ war der „Kultberg“ in Altdöbern nicht: Auf der offenen Bühne der Bar konnten alle, die wollten, spontan zur Gitarre greifen. Im Festsaal wurde auch Karneval gefeiert. Im Mai 2025 nimmt der Generalbundesanwalt (GBA) schließlich vier mutmaßliche Mitglieder der selbsternannten „Letzten Verteidigungswelle“ fest.

Der Vorwurf: Bildung einer rechtsterroristischen Vereinigung. Der jüngste der minderjährigen Beschuldigten soll erst 14 Jahre alt sein. Deren Ziel laut Ermittlern: durch Brand- und Sprengstoffanschläge gegen Migranten und politische Gegner den Zusammenbruch des politischen Systems der Bundesrepublik herbeizuführen.

10.732

Straftaten wurden vom BKA im Bereich Hasspostings registriert. Laut BKA spielt der digitale Raum eine immer größere Rolle in der Politisch Motivierten Kriminalität.

34%

mehr als im Vorjahr. Die meisten Taten sind rechtsmotiviert.

4.760

Fälle wurden insgesamt registriert.

Die Bundesanwaltschaft wirft den Tatverdächtigen vor, einen Brandanschlag auf eine Geflüchtetenunterkunft in Schmölln (Thüringen) verübt zu haben. Obwohl aus einer Feuerwerksbatterie Pyrotechnik entzündet wurde, kam es dort glücklicherweise nicht zur Katastrophe. Die Beschuldigten sollen während der Tat einschlägige Parolen an die Unterkunft gesprüht haben: „Ausländer raus“, „Deutschland den Deutschen“ und „NS-Gebiet“, dazu Hakenkreuze und Sieg-Runen. Der Generalbundesanwalt ist zudem davon überzeugt, dass zwei der Verdächtigen den Brand in Altdöbern gelegt haben. Einer von ihnen soll laut GBA ein führendes Mitglied der mutmaßlichen rechtsterroristischen Vereinigung gewesen sein.

Der Jugendliche habe die Tat in einem Video angekündigt, um andere Mitglieder zu ähnlichen Aktionen zu animieren. Bemerkenswert: Ein Terrorverdächtiger lebt mit seiner Familie selbst in Altdöbern. Der Fall schreckte das Land kurz auf, doch viele Medien stürzen sich allein auf das Alter der mutmaßlichen „Teenie-Terroristen“. Hintergrund, Folgen und Konsequenzen? Fehlanzeige.

Anstatt zu versuchen, den Geschädigten einen Neustart zu ermöglichen, schickte die Gemeinde der Familie eine Kündigung

In Altdöbern haben die Täter die Existenz der Betreiber-Familie zerstört. Zwar blieb die Kneipe bei dem Brandanschlag verschont, während das frühere Schützenhaus, das seit 100 Jahren als Mittelpunkt des Dorflebens genutzt wurde, bis auf die Grundmauern niederbrannte. Dennoch stehen die Brandopfer nach der Tat vor dem Ruin. Im Ort ist die Familie isoliert. Anstatt zu versuchen, den Geschädigten einen Neustart zu ermöglichen und die Kultureinrichtung zu erhalten, schickte die Amtsverwaltung der Gemeinde der Familie eine Kündigung. Obwohl das Feuer nur Teile des Areals zerstört hat, gibt es offenbar Pläne, alles abzureißen. Im Ort kursieren böse Gerüchte über die Gastronomen. Sie hätten ja schon in Berlin eine Kneipe in den Sand gesetzt und seien längst auf dem Absprung in eine andere Stadt. Es hat den Anschein, als wolle man die Opfer des mutmaßlichen Rechtsterrors loswerden.

Das WEISSER RING Magazin hat die Amtsverwaltung von Altdöbern nach den Gründen für die Kündigung und etwaige Abrisspläne gefragt. Die Anfrage blieb unbeantwortet.

Rechte Gewalt: "Rechtes Land" von Julius Schien

8. Mai 1996, Ammelshain. Unter homophoben Parolen wird Bernd Grigol nachts in Leipzig-Wahren auf offener Straße von drei Neonazis attackiert und niedergestochen. Sie treten auf Bernd ein, werfen einen Ziegelstein auf seinen Kopf, stopfen ihm Sand in den Mund und stechen 36-mal mit einem Messer auf ihn ein. Den leblosen Körper werfen sie in einen gefluteten Steinbruch außerhalb von Leipzig. Bernd Grigol erleidet einen Genickbruch und stirbt.

Muster der Eskalation

Rechte Gewalt ist kein Zufall. Sie braucht einen Rahmen und einen Nährboden, der sie legitimiert. In den vergangenen Jahren haben sich Vorurteile wie ein Gift auch in gesellschaftlichen Milieus verbreitet, die zuvor aufgrund ihrer Bildung und ihres Einkommens als kaum anfällig galten. Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit oder die Entmenschlichung geflüchteter Menschen sind mittlerweile auch bei jenen anschlussfähig, die sich selbst in der gesellschaftlichen Mitte verorten. Dafür sprechen etwa die Ergebnisse der Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung sowie der Autoritarismus-Studien der Universität Leipzig, die seit Jahren Anstiege der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit messen.

2025

Chemnitz. Am 28. Mai wird eine 56-Jährige in Chemnitz von einem Unbekannten bedrängt, rassistisch beleidigt und attackiert. Die Frau erleidet leichte Verletzungen. Nach Eingreifen einer Zeugin kann der Täter unerkannt flüchten.

In der Vergangenheit folgten die Wellen rechter Gewalt einem auffälligen Muster: In den 1990er-Jahren wurden Geflüchtete von Politik und Medien als „Schein-Asylanten“ dämonisiert, die das Land angeblich wie eine Naturkatastrophe fluteten. In der Folge brannten Asylbewerberheime. Die rassistische Eskalation führte von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen bis Mölln und Solingen, von Pogromen bis zu mörderischen Terroranschlägen. In der sogenannten Flüchtlingskrise der Jahre 2015 wiederholten sich unheilvolle Muster einer politisch motivierten Gewaltspirale. Infolge der massiven Mobilisierung der extremen Rechten gegen Geflüchtete, die erneut von rassistischen Diskursen begleitet wurde, stieg die Zahl der Angriffe auf Asylsuchende und deren Unterkünfte drastisch an.

Laut Bundeskriminalamt verfünffachte sie sich im Jahr 2015 gegenüber dem Vorjahr. Öffentliche Entmenschlichung sowie rechtsextreme und rassistische Mobilisierung führen zu rechter Gewalt. Militante Überzeugungstäter lassen radikalen Worten lebensgefährliche Taten folgen. Nach dem Motto: Alle reden nur. Wir handeln.

„Die Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern haben entsprechende Gruppierungen im Blick und begegnen der Szene mit hohem Kontrolldruck“, sagt ein BKA-Sprecher. Ein gemeinsamer Maßnahmenplan mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz soll potenzielle Täter schneller erkennen, Netzwerke besser aufklären und Hasskriminalität im Internet effektiver bekämpfen. Dazu sei beim Polizeilichen Staatsschutz die Fachgruppe Internet eingerichtet worden, so der Sprecher.

3.061

rechts motivierte Fälle erfasste die Polizei, bei antisemitischen Straftaten.

1.940

Fälle waren ausländisch motiviert.

Gleichwohl kritisieren die Beratungsgruppen des VBRG seit Jahren: Politische Tatmotive würden bei Ermittlungen weiterhin häufig ignoriert, Betroffene allzu oft nicht ernst genommen oder gar wie Täter behandelt. Strafverfahren wie die gegen jene Neonazis, die bei den rechtsradikalen Ausschreitungen in Chemnitz im Jahr 2018 gezielt migrantische Menschen und politische Gegner angriffen und verletzt
haben, würden von der Justiz jahrelang verschleppt, bis Angeklagte untertauchen oder aufgrund der überlangen Verfahrensdauer mit milden Strafen davonkommen. So begann in Chemnitz erst sechs Jahre nach der Tat der erste große Prozess wegen Landfriedensbruchs und gefährlicher Körperverletzung. Nur drei von ursprünglich neun Angeklagten erhielten überhaupt eine Geldbuße, woraufhin das Verfahren gegen sie eingestellt wurde. Ein weiterer Prozess begann erst im Mai 2025, sieben Jahre nach den Angriffen. Drei Männer wurden vom Vorwurf des Landfriedensbruchs und der gefährlichen Körperverletzung freigesprochen. Das Verfahren gegen einen vierten Angeklagten wurde eingestellt.

Schluss mit Sonntagsreden

Seit Jahren wiederholen Innenminister wie Nancy Faeser (SPD) und nun auch Alexander Dobrindt (CSU), Rechtsextremismus sei die größte Gefahr für unsere Demokratie. Doch in der Praxis werden Opfer alleingelassen und Täter verschont. Die Gefahr von rechts wird immer noch unterschätzt. Hinzu kommt, dass die Prävention durch zivilgesellschaftliche Initiativen und Vereine von Politik und Medien infrage gestellt und sogar delegitimiert wird. Anstatt diese Vereine und Bündnisse dauerhaft durch ein Demokratiefördergesetz abzusichern, wird die AfD Erzählung von einem angeblich schädlichen, linken Komplex von Nichtregierungsorganisationen (NGO) befeuert. „Die gefährliche Macht der angeblichen NGOs“, kommentierte etwa die Tageszeitung „Die Welt“. CDU/CSU haben im Bundestag mit 551 teils absurden Fragen zu NGOs Misstrauen gesät. 1.700 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben die Kleine Anfrage der Union in einem offenen Brief scharf kritisiert und die Bedeutung der Zivilgesellschaft für die Demokratie betont.

 

Die rechte Gefahr wächst, die Mittel dagegen nicht

Regelmäßig stehen Beratungsstellen für Opfer rechter oder antisemitischer Gewalt sowie mobile Beratungsteams wegen ungeklärter Finanzierung vor dem Aus. Die rechte Gefahr wächst, die Mittel dagegen nicht. Im Gegenteil sollen Fördermittel für zivilgesellschaftliche Projekte in Hotspots wie Sachsen sogar massiv gekürzt werden, so die Pläne der CDU/SPD-Minderheitsregierung.

 

Nach dem mörderischen NSU-Terror haben Untersuchungsausschüsse wichtige Reformen angemahnt, von denen einige dann auch umgesetzt wurden. So wurde zum Beispiel die Strafzumessung in der Strafprozessordnung so geändert, dass etwa rassistische Tatmotive strafverschärfend berücksichtigt werden können. Doch mehr als ein Jahrzehnt nach der Selbstenttarnung des NSU-Kerntrios gibt es keinen Grund zur Entwarnung. „Wir sehen einen föderalen Flickenteppich. Es gibt sehr wohl Bundesländer, die Lehren aus dem NSU-Komplex gezogen und ihre Praxis verändert haben“, sagt Heike Kleffner vom VBRG. Überall, wo es etwa Schwerpunktstaatsanwaltschaften gibt, komme es zu effektiver Strafverfolgung. Kleffner nennt Bayern als positives Beispiel. „Da werden Ermittlungsverfahren zügig zu Ende geführt, angeklagt und dann
auch vor Gericht terminiert.“ Auch die Berliner Justiz handelt bei den aktuellen Angriffen junger Neonazi-Gruppen entschlossen und stellt, wie in dem Fall des Angriffs auf die SPD-Wahlhelfer in Lichtenberg, vor Gericht ausdrücklich rechtsextreme Tatmotive fest.

„Andererseits ist in Sachsen seit dem NSU-Komplex gar nichts passiert“, kritisiert Kleffner. So würden Strafverfahren wie jene in Chemnitz weiterhin verschleppt. Auch in NRW seien „jahrelang keine Konsequenzen aus den Versäumnissen und Fehlern im NSU-Komplex gezogen worden“. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat vor Jahren bei einer Gedenkveranstaltung mit den Angehörigen des rechtsterroristischen Anschlags von Hanau von einer „Bringschuld des Staates“ gegenüber den Angehörigen der Opfer rechter Gewalt gesprochen. Dieses Versprechen ist nicht eingelöst. Der VBRG fordert angesichts der dramatischen Lage einen nationalen Aktionsplan
zur effektiveren Bekämpfung von Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus. Wie notwendig das ist, zeigt ein Blick nach Nordrhein-Westfalen.

Im März 2024 stirbt bei einem verheerenden Brandanschlag in einem Solinger Mehrfamilienhaus eine vierköpfige Familie: die 28-jährige Mutter, der 29-jährige Vater, die fast dreijährige Tochter und ein fünf Monate alter Säugling. Die Opfer, die einer türkischen Minderheit in Bulgarien angehören, waren erst seit einigen Monaten in Deutschland. Insgesamt werden bei dem Anschlag 21 Menschen teils schwer verletzt, darunter ein junges Paar, das mit seinem Baby in Panik aus dem dritten Stock springt, um sich zu retten. Die Familie überlebt mit schweren Brand- und Bruchverletzungen. Vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Wuppertal hat der zur Tatzeit 39-jährige Angeklagte Daniel S. von seinen Anwälten ein Geständnis verlesen lassen. Die Täterschaft scheint also geklärt. Aber was war das Motiv? Schnell teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit, es gebe keine Hinweise auf ein rechtsextremes Tatmotiv. Die Behörden gehen von persönlichen Beweggründen aus.

2025

Chemnitz. Ebenfalls in Chemnitz skandieren Jugendliche und junge Erwachsene am 29. Mai rechte Parolen und zeigen den „Hitlergruß“. Ein junger Mann feuert einen Schuss aus einer Schreckschusspistole ab.

Rechtsanwältin Seda Başay-Yıldız, die in dem Mordprozess als Nebenklagevertreterin auftritt, erhebt schwere Vorwürfe. Ihr zufolge wurden eindeutige Hinweise auf ein rechtes Tatmotiv von den Ermittlern weder gesichtet noch gesichert. So sei erst ein Jahr nach dem Brand bekannt geworden, dass bei der Durchsuchung des Wohnhauses des Angeklagten eindeutiges politisches Material gefunden wurde, darunter Adolf Hitlers Schrift „Mein Kampf“ und Tonaufnahmen von Hitler-Reden. Die umfangreiche Nazi-Propaganda landete nicht in der Ermittlungsakte. Bei der Hausdurchsuchung hatte die Lebensgefährtin des Beschuldigten behauptet, das Material gehöre dessen Vater. Damit gaben sich die Ermittler offenbar zufrieden. Im Prozess erklärte der Richter, dass plötzlich ein Aktenvermerk der Polizei aufgetaucht sei, wonach der Brandanschlag kurz nach der Tat sehr wohl als rechts motivierte Straftat eingestuft worden war. Die Einstufung sei jedoch nachträglich von einem Beamten gestrichen worden.

Die Nebenklage erwirkte vor Gericht umfangreiche Nachermittlungen, auf ihr Drängen wurden zahlreiche Datenträger ausgewertet. Auf einer Festplatte waren 166 Dateien, „die eindeutig antisemitisch, rassistisch und menschenverachtend sind“, so die Anwältin. Den Ermittlern zufolge gehört die Festplatte der Lebensgefährtin. Başay-Yıldız kritisiert: „Es gab keine Ermittlungen zum Umfeld des Täters.“ Auch belastendes Material aus der Garage des Angeklagten wurde nicht ausgewertet. „An der Wand befand sich ein Gedicht über einen Asylsuchenden, welches den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt“, sagt Başay-Yıldız. Das sei jedoch erst im Prozess durch Vergrößerung eines Fotos entdeckt worden.

Rechte Gewalt ist auf dem Vormarsch und wird als Gefahr von Medien, Sicherheitsbehörden und Politik nach wie vor unterschätzt

Vor über 30 Jahren, im Mai 1993, wurden bei einem rechten Brandanschlag in Solingen fünf türkischstämmige Mädchen und Frauen ermordet. Der Anschlag erschütterte das Land. Die Ermittlungen in dem aktuellen Fall erwecken den Anschein, als solle Solingen nicht erneut zum Synonym für einen mörderischen rechtsradikalen Anschlag werden. Im August wurde der Angeklagte wegen vierfachen Mordes und vielfachen Mordversuchs zu einer lebenslangen Haftstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Darüber hinaus stellte das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest, jedoch kein rassistisches Motiv, ebenso wenig wie die Staatsanwaltschaft. Diese begründete ihre Sicht unter anderem damit, dass der Täter keinen Kontakt zu rechten Gruppen gehabt habe.

Der Fall ist alarmierend. Rechte Gewalt ist auf dem Vormarsch – und wird als Gefahr von Medien, Sicherheitsbehörden und Politik nach wie vor unterschätzt – trotz NSU-Komplex, immer neuen Fällen von Rechtsterrorismus und Rekordzahlen rechter Straf- und Gewalttaten. Alles steht und fällt mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme.

Transparenzhinweis:
Auch der WEISSE RING ist eine Nichtregierungsorganisation (NGO). Der Verein erhält keine staatlichen Mittel. Der WEISSE RING finanziert seine Tätigkeit ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und testamentarischen Zuwendungen sowie von Gerichten und Staatsanwaltschaften verhängten Geldbußen.