„Jüdisches Leben ist in Deutschland so stark bedroht wie noch nie seit Bestehen der Bundesrepublik“

Erstellt am: Freitag, 29. November 2024 von Torben

„Jüdisches Leben ist in Deutschland so stark bedroht wie noch nie seit Bestehen der Bundesrepublik“

Vor einem Jahr veröffentlichte der WEISSE RING an dieser Stelle unter der Überschrift „Hass von allen Seiten“ seinen ersten Antisemitismus-Report – als Reaktion auf den wachsenden offenen Judenhass in Deutschland nach dem Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023. Weil der antisemitische Flächenbrand weiter wütet, hat unser Autor Michael Kraske jetzt einen zweiten Antisemitismus-Report geschrieben. Sein erschreckender Befund: Jüdisches Leben befindet sich in Deutschland auf dem Rückzug – unbemerkt von der Mehrheit im Land.

Charlotte Knobloch, Holocaust-Überlebende und ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, vor ihrer ersten Vorlesung im Rahmen der Heinrich-Heine-Gastprofessur bei einer Pressekonferenz. Foto: dpa

Als sich der Terrorangriff der Hamas auf Israel mit seinen Massakern zum ersten Mal jährt, meldet sich Charlotte Knobloch (Foto oben), 92 Jahre alt, mit einem bemerkenswerten Statement zu Wort. Knobloch war vor einigen Jahren Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sie ist mit ihren Reden und Mahnungen bis heute eine der profiliertesten jüdischen Stimmen im Land. Der 7. Oktober 2023 habe „die jüdische Geschichte in ein Davor und Danach geteilt“, schrieb sie auf der Internet- Plattform X. „Wir leben seither in einem Dazwischen, in dem das Leben zwar weiterläuft, aber ohne Sicherheit und ohne einen festen Rahmen.“ Charlotte Knobloch verleiht in ihrer digitalen Botschaft einer Erschütterung Ausdruck, die aufhorchen lässt: „Wir haben noch unsere Synagogen und Gemeindezentren, unsere Wohnungen und Rückzugsorte. Aber das Grundvertrauen, auf dem sie einst standen, haben viele verloren.“ Zwar habe sie seither durchaus Beistand erfahren, doch dränge sich ihr der Eindruck auf, „dass allen Freunden ein noch größerer Block von Indifferenten und Hassern gegenübersteht“.

Und dann räumt diese Grande Dame, die mit ihren Einwürfen und Einlassungen immer wieder wichtige Orientierung in deutschen Debatten bietet, ein, dass sie angesichts der herrschenden Zustände nicht weiterwisse: „Wie dieses Zusammenleben aber aussehen soll mit denen, die unser Leben fundamental ablehnen, darauf weiß ich keine Antwort.“

Viel ist passiert, seit Hamas-Terroristen vor einem Jahr geplant und systematisch jüdische und israelische Opfer vergewaltigten, Kinder und Alte massakrierten, insgesamt etwa 1.200 Menschen ermordeten und über 200 Zivilisten als Geiseln nach Gaza verschleppten. Videoclips haben die Botschaft antisemitisch motivierter Vernichtung über den Erdball verteilt und damit den Hass auf Juden befeuert. Ein Jahr später befanden sich Medienangaben zufolge noch immer 97 Geiseln in der Gewalt der Terrororganisation. Israel ist weiterhin Ziel von massiven Raketenangriffen, zuletzt auch aus dem Iran.

Menschen nehmen im Oktober an einer Pro-Palästina-Demonstration am Alexanderplatz in Berlin teil. Foto: Fabian Sommer/dpa

Seit dem Terrorangriff führt die israelische Regierung unter Benjamin Netanjahu einen erbarmungslosen Krieg gegen den Terror der Hamas in Gaza und der Hisbollah im Libanon, der bereits Tausende Todesopfer unter der Zivilbevölkerung gefordert hat. Die israelische Armee hat mit ihren Bombardements im Gaza-Streifen schwere Verwüstungen angerichtet. Beobachter berichten von einer humanitären Katastrophe für die Zivilbevölkerung durch massenhafte Flucht und Hunger. Südafrika warf Israel vor dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) vor, einen Völkermord an den Palästinensern zu begehen, was Israel mit dem Hinweis auf die Terrororganisation Hamas, die ihre Bürger als menschliche Schutzschilde benutze, zurückweist. Bis zu einem Urteil könnten Jahre vergehen. Der Chefankläger am IStGH, Karim Khan, erkennt derweil auf beiden Seiten Anhaltspunkte für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der Brite beantragte nicht nur gegen drei Hamas-Köpfe, sondern auch gegen Israels Premier Netanjahu und dessen mittlerweile entlassenen Verteidigungsminister Yoav Gallant Haftbefehle, die sich auf die Art der israelischen Kriegsführung beziehen.

Die Eskalation im Nahen Osten hält die Welt in Atem – und sie ist auch auf deutschen Straßen spürbar. Mit propalästinensischen und israelsolidarischen Demos. Mit maximaler Polarisierung und wenig Raum für eine Differenzierung, die sowohl den islamistischen Terror gegen Juden geißelt als auch das palästinensische Leid durch den Krieg anerkennt. Nicht zuletzt sind die Folgen des Terrors und der darauffolgenden Kriege in Deutschland mit öffentlichen Solidaritätsbekundungen für die terroristische Hamas und einem enthemmten Antisemitismus spürbar, der sowohl auf Straßen als auch in digitalen Räumen befeuert wird.

Hass von allen Seiten

Jüdisches Leben wird in Deutschland bedroht. Ein Antisemitismus-Report von Michael Kraske.

Vor einem Jahr hat der Terrorangriff der Hamas auf Israel hierzulande einen antisemitischen Flächenbrand ausgelöst, der weiter wütet. Innerhalb eines Jahres registrierten die Polizeibehörden seit dem 7. Oktober 2023 rund 8.500 politische Straftaten im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt. Mehr als 3.400 wurden als antisemitisch eingestuft. In diesem Jahr hat die Polizei bis September schon mehr als 3.200 antisemitisch motivierte Straftaten (also auch solche ohne Bezug zum Nahostkonflikt) gezählt – doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum. Dieses Jahr könnte somit das Jahr mit den zweithöchsten Delikt-Raten seit Beginn der Erfassung werden. Das Spektrum reicht dabei von Anfeindungen über Bedrohungen und Gewalt bis zum Terror. Auch zivilgesellschaftliche Monitoring-Stellen wie der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) oder die Amadeu-Antonio-Stiftung beobachten ein besorgniserregend hohes Niveau antisemitischer Vorfälle in allen Lebensbereichen.

Einige Beispiele:

Im Januar sehen Schülerinnen und Schüler einer Berufsschule in Wiesbaden den Film „Die Wannseekonferenz“. Als im Film die Zahl von sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden genannt wird, klatscht ein Teil der Klasse Applaus.

Im April wird eine Frau in einer S-Bahn im Berlin-Moabit, die am Telefon über die Gewaltakte gegen jüdische und israelische Frauen beim Terrorangriff am 7. Oktober spricht, antisemitisch und sexistisch mit den Worten beleidigt: „Fick dich und deine Rasse, fette jüdische israelische Schlampe!“

Im Mai wird ein jüdischer Mann, der an seinem Gebetsmantel als Jude zu erkennen ist, in Berlin-Gesundbrunnen von einem Unbekannten beleidigt. Auf die Parole „Free Palestine“ folgt ein Stoß. Das Opfer geht zu Boden, wird an der Hand verletzt und erleidet einen Knochenbruch.

Im Mai wird in Jülich das dortige Mahnmal für die ermordeten Juden mit dem Schriftzug „Gaza?“ geschändet.

Im Juni 2024 werden rote Dreiecke an eine Hauswand im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg geschmiert. Dazu Hinweise auf Bundeskanzler Olaf Scholz und Berlins Regierenden Bürgermeister Kai Wegner. Die Terrororganisation Hamas markiert mit roten Dreiecken ihre Ziele.

Im September wird in Heidelberg eine israelische Touristin, die ein T-Shirt mit einem Davidstern und der Forderung „Bring them home now“ nach Rückkehr der Hamas-Geiseln trägt, von einem Mann angegriffen. Der Täter versucht, seinem Opfer das T-Shirt vom Leib zu reißen, und schlägt dem eingreifenden Ehemann der Angegriffenen ins Gesicht.

Im Oktober lässt die Bundesanwaltschaft im brandenburgischen Bernau einen Mann festnehmen, der verdächtigt wird, einen Anschlag auf die israelische Botschaft in Berlin geplant zu haben. Der Libyer soll nach Erkenntnissen der Anklagebehörde Anhänger der Terrororganisation „Islamischer Staat“ sein.

„Für Jüdinnen und Juden gibt es seit der Zäsur des Oktober 2023 keine Atempause“: Benjamin Steinitz vom Bundesverband RIAS. Foto: Juliane Sonntag/dpa

Benjamin Steinitz, RIAS-Geschäftsführer, stellt fest: „Für Jüdinnen und Juden gibt es seit der Zäsur des 7. Oktober keine Atempause. Der sprunghafte Anstieg antisemitischer Vorfälle prägt bis heute den Alltag jüdischer Communities und schränkt ein offenes Leben weiter ein.“ Antisemitischer Hass sei am Arbeitsplatz, im Wohnumfeld, in Schulen und Universitäten, aber auch auf Social-Media-Plattformen seither „sichtbarer denn je“. Auch in Deutschland werde die genozidale Gewalt der Massaker vom 7. Oktober 2023 „geleugnet, bagatellisiert oder als legitimer Widerstand verherrlicht“, so Steinitz.

Wie die unvollständige Chronik zeigt, bleibt es nicht bei Propagandadelikten. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) warnt: „Die Bedrohungslage durch islamistische, antisemitische und israelfeindliche Gewalt ist hoch.“ Noch immer müssen rund um die Uhr Polizeibeamte vor jüdischen Einrichtungen Wache halten, um diese zu schützen. Ein Ende dieser notwendigen Schutzmaßnahmen ist nicht in Sicht.

Die offiziellen und zivilgesellschaftlichen Lagebilder sind alarmierend. Die Amadeu-Antonio-Stiftung, die systematisch den hiesigen Antisemitismus analysiert, warnt: „Für Jüdinnen*Juden ist die Lage seit dem 7. Oktober katastrophal, auch in der Diaspora.“ Die Stiftung beobachtet beunruhigende Entwicklungen. So erneuere die antiimperialistische Linke im Kampf gegen den Staat Israel „ihre altbewährte Allianz mit Islamist*innen“. Insbesondere Gruppen aus dem antiimperialistischen Spektrum fungierten als Steigbügelhalter für Islamismus und Terrorverherrlichung. Israelhass wirke lagerübergreifend identitätsstiftend. Rechtsextremisten wiederum instrumentalisierten den Kampf gegen Antisemitismus und Israelhass, um ihrerseits Rassismus zu schüren. „Die sicheren Räume werden weniger, und die Bedrohungslage ist dramatisch“, so die Stiftung.

Verfolgt die aktuellen Vorgänge so genau wie kaum ein anderer: Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland. Foto: dpa/photothek/Florian Gaertner

Kaum jemand verfolgt die Vorgänge so genau wie Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben. Er zeigt sich angesichts der aktuellen Entwicklung tief besorgt: „Jüdisches Leben ist in Deutschland so stark bedroht wie noch nie seit Bestehen der Bundesrepublik.“ In viel zu großen Teilen der Gesellschaft sei Antisemitismus hoffähig. Die multiplen Krisen von der Corona-Pandemie bis zum russischen Angriff auf die Ukraine und aktuell der Gaza-Krieg wirkten für antisemitischen Hass geradezu wie ein Brandbeschleuniger. Klein betont, dass Antisemitismus nicht nur von den gesellschaftlichen Rändern ausgehe, sondern bis weit in die Mitte der Gesellschaft reiche. „Unverändert kommt die weitaus größte Bedrohung aus dem rechtsextremistischen Milieu“, sagt Klein. „Allerdings zeigen sich nach dem barbarischen Terrorüberfall der Hamas auf Israel Formen und Ausmaß eines sogenannten israelbezogenen Antisemitismus, wie wir ihn in dieser Form noch nicht erlebt haben.“

Immer wieder ist in Debatten der Vorwurf zu hören, jegliche Kritik an Israel werde als Antisemitismus diffamiert. Der Antisemitismusbeauftragte des Bundes verweist auf die sogenannte 3D-Regel des ehemaligen israelischen Politikers Nathan Sharansky zur kategorischen Unterscheidung. Demnach sei die Grenze zum Antisemitismus dann überschritten, wenn bezogen auf Israel Delegitimierung, Dämonisierung und/oder Doppelstandards im Spiel sind. Israel das Existenzrecht abzusprechen ist demnach Antisemitismus. Auch Kritik am staatlichen Handeln Israels auf „die Juden“ zu übertragen, sei antisemitisch, betont Klein. Immer wieder berichten Jüdinnen und Juden in Deutschland, dass sie für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden. In aufgeheizten Zeiten mit immer neuen Eskalationen im Nahost-Konflikt verfangen solche Stigmatisierungen auch bei Menschen, die sich frei von Ressentiments verorten. „Wir sehen, dass die Berührungsängste zwischen islamistischen, antiimperialistischen und selbst den progressiven Milieus seit dem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 immer weiter abnehmen und im gleichen Atemzug Islamismus zunehmend verharmlost wird“, sagt Klein.

„Menschen trauen sich immer weniger, sich in der Öffentlichkeit als jüdisch zu erkennen zu geben.“

Felix Klein

Die Folgen für die Betroffenen durch die verschärfte Bedrohungslage liegen für Felix Klein auf der Hand: „Die Sichtbarkeit von jüdischem Leben in unserer Gesellschaft wird zurückgedrängt. Menschen trauen sich immer weniger, sich in der Öffentlichkeit als jüdisch zu erkennen zu geben.“ Schon vor dem 7. Oktober 2023 haben Jüdinnen und Juden berichtet, dass sie sich gut überlegen, ob und wann sie auf der Straße oder beim Einkaufen eine Kette mit Davidstern oder die Kippa offen zeigen. Die ständige Abwägung zwischen Sicherheit und Sichtbarkeit bestimmt in der jüdischen Community seit vielen Jahren den Alltag. Aktuell stellt sich die Sicherheitsfrage noch drängender. „Jüdische Studierende berichten mir, dass sie nur noch in Gruppen wagen, über den Campus zu gehen“, so Klein. Bei geplanten Veranstaltungen in Synagogen und jüdischen Einrichtungen komme es vermehrt zu Absagen. Der Antisemitismusbeauftragte berichtet, von der grassierenden Angst seien sowohl jüdische als auch nichtjüdische Menschen betroffen. Im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ erklärte der Rabbiner Maximilian Feldhake, die Kippa seit dem 7. Oktober auf der Straße nicht mehr offen zu tragen: „Man weiß nicht mehr, aus welcher Ecke ein Angriff kommen könnte – von der AfD, von Neonazis, von irgendwelchen komischen Antizionisten.“

Eine jüdische Mutter, in deren Klingelschild ein Hakenkreuz geritzt wurde, kündigt in dem Magazin-Bericht an, Deutschland mit ihrer Familie verlassen zu wollen: „Wir sitzen auf gepackten Koffern.“ Sie begründet das damit, für ihre drei Kinder in Deutschland keine Zukunft mehr zu sehen, und nennt als einen Grund „das Erstarken der AfD“. Die Partei verharmlost nicht nur die NS-Terrorherrschaft, sondern deren Spitzenpolitiker verwenden mitunter auch antisemitische Codes wie „Globalisten“. Der dämonisierende Begriff wird von der extremen Rechten als Synonym für Juden verwendet. Vor den Landtagswahlen haben die Vorsitzenden der jüdischen Landesverbände in Sachsen und Thüringen eindringlich vor der AfD gewarnt, die in beiden Ländern vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem beobachtet wird. Die Partei sei „eine ernstzunehmende Gefahr für die Demokratie“ und: „Wir Juden kennen die Folgen einer Ideologie, wie sie die AfD verkörpert.“ In Thüringen ist die AfD unter dem Rechtsextremisten Björn Höcke, der zuletzt für die Verwendung einer SAParole verurteilt wurde, gleichwohl stärkste politische Kraft geworden. Manche Jüdinnen und Juden fühlen sich in Deutschland, dem Land des Holocaust, wieder so unsicher, dass sie auswandern werden. Das ist der dramatische Befund im Herbst 2024.

Der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben, Felix Klein, möchte die Gesellschaft dazu ermutigen, sich stärker gegen Antisemitismus zu engagieren und dafür auch die „eher Schweigenden im Land“ gewinnen, wie er es ausdrückt: „Antisemitische Täter, die eine Minderheit darstellen, müssen wissen, dass sie nicht auf die schweigende Mehrheit in der Bevölkerung setzen können. Sie müssen wissen, dass ihr Handeln geächtet wird und Hass und Hetze gegen Juden eben keine freie Meinungsäußerung ist.“ So verweist Klein auf das Digitale-Dienste-Gesetz, das in diesem Jahr in Kraft getreten ist. Damit sei die Grundlage geschaffen worden, besser gegen Hassrede im Internet vorgehen zu können. Das Bundeskriminalamt (BKA) prüft bei Verdacht auf Straftaten Hinweise und geht mutmaßlich strafbaren Inhalten nach. Doch Experten etwa von der Organisation HateAid kritisieren seit Langem, dass nur ein Bruchteil der digitalen Hassbotschaften überhaupt geahndet wird, und fordern, die Plattform-Giganten wie X und Meta viel stärker als bisher in die Verantwortung zu nehmen. Digitale Medien fluten ihre Kanäle täglich mit Antisemitismus und Terrorverherrlichung. Ungezählte Clips erreichen auch ungefiltert die Smartphones von Schülerinnen und Schülern. Felix Klein setzt sich derweil für eine bundesweite Meldepflicht für antisemitische Vorfälle an Schulen ein und fordert, Antisemitismus bundesweit zum verpflichtenden Bestandteil der Lehramtsausbildung zu machen. Wobei Schulen nur ein Brandherd von vielen sind.

Erschütternde Studienergebnisse: Marina Chernivsky, Gründerin von OFEK, Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung. Foto: Jürgen Heinrich/dpa (SZ Photo)

Der Kampf gegen Antisemitismus mit allen notwendigen Maßnahmen der Repression und Prävention steht und fällt allerdings mit der Wahrnehmung. Ob die deutsche Mehrheitsgesellschaft überhaupt zur Kenntnis nimmt, wie es jüdischen Mitmenschen seit einem Jahr in Wohnhäusern, Betrieben, Vereinen, Straßenbahnen und Schulen ergeht. In welcher Lage sich jüdische Nachbarn, Kolleginnen und Mitschüler befinden. Lange vor jenem traumatischen 7. Oktober hat Marina Chernivsky, die in Berlin die Beratungsstelle OFEK gegründet hat und deren Expertise regelmäßig gefragt ist – wie beispielsweise in einem wissenschaftlichen Gremium zur Aufarbeitung des Antisemitismus-Skandals auf der Kunstausstellung „documenta fifteen“ im Jahr 2022 – auf eine folgenschwere Diskrepanz hingewiesen: Auf der einen Seite stehe die deutsche Mehrheitsgesellschaft, für die Antisemitismus keine große Sache ist – auf der anderen Seite die jüdische Community, die täglich damit zu tun hat, deren Alltag der Antisemitismus auf brutale Weise mitbestimmt und durchdringt. Marina Chernivsky, die in Berlin das Kompetenzzentrum Antisemitismuskritische Bildung und Forschung leitet, arbeitet derzeit an einer umfangreichen Studie zu den Wirkungen des Terroranschlags vom 7. Oktober auf die jüdische Community in Deutschland. Dazu wurden bereits 80 Interviews geführt.

„Das ist der absolute Horror (…), wie ein Albtraum, der nicht zu Ende geht.“

Bei der Bundeszentrale für politische Bildung hat Chernivsky mit ihrer Kollegin Friederike Lorenz-Sinai erste Ergebnisse der Studie veröffentlicht und den 7. Oktober als „Zäsur“ benannt. Die Autorinnen lassen in dem Artikel eine Frau, Mitte 30, zu Wort kommen: „Das ist der absolute Horror (…), wie ein Albtraum, der nicht zu Ende geht. (…) Es ist etwas, was mich jeden Tag beschäftigt.“ Eine weitere Interviewpartnerin, Anfang 40, bezeichnet den Tag des Terrors als „Einschnitt“ in ihrem Leben: „Es war (…) schrecklich, und ich habe das Gefühl, dass wir immer noch im Oktober sind. Die Zeit ist stehengeblieben.“ Sie habe das Gefühl, als jüdische Person „eine andere innere Welt“ als ihre nichtjüdischen Mitmenschen zu erleben. Die Aussagen und Reflexionen aus der jüdischen Community lassen erahnen, wie tief der Terror viele Jüdinnen und Juden hierzulande erschüttert hat. Und wie groß seither das Gefühl der Isolation ist.

Für die allermeisten Menschen ohne jüdische Bezüge ist der 7. Oktober des vergangenen Jahres schon wieder weit weg, lange her. Für jüdische Menschen ist das Trauma allgegenwärtig. Die deutsche Filmemacherin Esther Schapira bezeichnet jenen Tag des Grauens als Beginn eines „globalen antisemitischen Krieges“. Alle Jüdinnen und Juden fühlten sich angegriffen, „weil sie alle angegriffen werden“. Von dieser existenziellen Bedrohung haben jene, die es nicht betrifft, keine Vorstellung. Es scheint, als habe der Terror die Distanz zwischen der nichtjüdischen Mehrheit und der jüdischen Minderheit im Land eher noch vergrößert. Vor allem anderen wäre es an der Zeit, jenen zuzuhören, für die der Albtraum kein Ende nimmt.

Polizeischutz für die Minderheiten

Erstellt am: Samstag, 12. Oktober 2024 von Torben

Polizeischutz für die Minderheiten

Was genau sind eigentlich Hassverbrechen? Wie lassen sie sich bekämpfen? Und was empfinden die Betroffenen? Eine Antwortsuche in München und Nürnberg.

Der Schriftzug «NAKBA» und ein Plakat mit der Aufschrift «Munich Students stand for justice in Palestine» sind an einem propalästinensischen Protestcamp vor der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) zu sehen. Foto: Sven Hoppe/dpa

Das Camp

Auf einem Platz vor der Ludwig-Maximilian-Universität in München stehen Zelte und Pavillons in der Sonne, Menschen sitzen auf Teppichen und diskutieren, um sie herum sind Transparente und Plakate aufgestellt mit Forderungen: „Befreit Palästina“, „Beendet die israelische Apartheid“, „Stoppt den Völkermord“. Im Wind zappeln schwarzweißgrünrot die Palästinaflaggen.

Der Platz vor der Universität heißt Geschwister-Scholl-Platz. Benannt wurde er nach Sophie und Hans Scholl, den beiden Münchner Studenten, die hier mit der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ gegen den Nationalsozialismus protestierten und dafür 1943 hingerichtet wurden.

Bis Kriegsende 1945 töteten die Mörder der Geschwister Scholl, die Nazis, etliche Millionen Menschen, darunter allein sechs Millionen Jüdinnen und Juden. Jetzt steht auf einem Platz, der an die NS-Gräueltaten erinnern soll, ein Camp, mit dem gegen Israel protestiert wird, den 1948 gegründeten Nationalstaat des jüdischen Volkes.

Im Landeskriminalamt

Im Bayerischen Landeskriminalamt (LKA), eine halbe U-Bahn-Stunde von dem geschichtsträchtigen Platz entfernt, sagt Michael Weinzierl mit Blick auf das Protestcamp: „Mir macht das große Sorgen. Das wirkt brutal in die jüdische Gemeinschaft hinein.“ Weinzierl, 47 Jahre alt, Kriminaloberrat, ist der erste „Beauftragte der Bayerischen Polizei gegen Hasskriminalität, insbesondere Antisemitismus“, sein Amt gibt es nun seit eineinhalb Jahren. Er muss noch immer viel erklären, deshalb hat er eine Präsentation vorbereitet. Er eilt mit seinen Besuchern durchs verbaute LKA, erste Treppe rauf, Flur rechts, zweite Treppe rauf, Flur links, bis sie schließlich in einem ruhigen Raum vor einer Leinwand sitzen. Auf der Tür neben der Leinwand steht „Waffenmuseum“, darunter die Warnung „Achtung – alarmgesichert“.

Weinzierl ist für Hasskriminalität zuständig, also steht auf seiner Präsentation ganz vorn die Frage: Was ist Hasskriminalität, aus polizeilicher Sicht? „Hasskriminalität ist alles und nichts“, beantwortet Weinzierl die Frage.

Alles und nichts ist Hasskriminalität, weil sie aus polizeilicher Sicht zunächst eine Straftat ist wie Beleidigung, Bedrohung, Verwendung verfassungsfeindlicher Kennzeichen, Körperverletzung. Zur Hasskriminalität wird diese Straftat, wenn der Täter sie aufgrund von Vorurteilen gegenüber seinem Opfer begeht – zum Beispiel aufgrund von Nationalität, Hautfarbe, Religionszugehörigkeit oder sexueller Orientierung. Die Polizei nennt solche Taten im Behördenkürzeldeutsch auch „PMK“, politisch motivierte Kriminalität.

Neben dem Motiv des Täters spielt aber noch etwas eine gewichtige Rolle bei der Hasskriminalität: die Sicht der Betroffenen.

Ein Beispiel: Wenn jemand Farbe an eine Haustür schmiert, könnte es sich um eine Sachbeschädigung handeln, laut Paragraf 303 Strafgesetzbuch eine Straftat. Wenn jemand mit Farbe einen Davidstern an eine Haustür schmiert, in dem Juden leben, dann könnte das aber auch Hasskriminalität sein und ein Verstoß gegen Paragraf 130, Volksverhetzung. Jüdische Menschen können sich in ihrer Würde verletzt fühlen, sie können sich verleumdet und verächtlich gemacht fühlen, sie können sich bedroht fühlen.

„Wir müssen diesen Perspektivwechsel vornehmen“, sagt Michael Weinzierl: „Wie geht es diesen marginalisierten Gruppen, die nicht mitten in der Gesellschaft stehen?“

Sie bekämpfen im Auftrag von Polizei und Justiz Hass und Hetze: Kriminaloberrat Michael Weinzierl (rechts) und Staatsanwalt David Beck. Foto: Karsten Krogmann

Damit ist er wieder bei dem Camp am Geschwister-Scholl-Platz und bei den Gefühlen der jüdischen Gemeinschaft. Vordergründig handelt es sich um Protest, um eine politische Demonstration, um freie Meinungsäußerung, jedenfalls solange keine verbotenen Kennzeichen zu sehen und Parolen zu hören sind. Aber Jüdinnen und Juden sehen keinen Protest, sondern eine Bedrohung, sie sagen dem Beauftragten gegen Hasskriminalität: „Wir fühlen uns nicht mehr sicher!“

Die Betroffenen

Wie sehr unterscheiden sich die Erfahrungen, die marginalisierte Gruppen machen, von denen, die Menschen aus der Mitte der Gesellschaft machen? Was erlebt ein junger Jude in Deutschland anders als jemand wie ich, der Autor dieses Textes: Mitte 50, Mann, weiß, Mittelschichtkind, christlich sozialisiert?

Ein Videoanruf bei Michael Movchin, er ist seit sieben Jahren Vorsitzender des Verbands jüdischer Studenten in Bayern. Movchin, 26 Jahre alt, kein Student, sondern IT-Unternehmer, lächelt nachsichtig bei der Frage nach seinen Erfahrungen und sagt: „Ich habe alles erlebt.“ Hass und Hetze in den sozialen Netzwerken im Internet. Morddrohungen per E-Mail und per Briefpost. Abgesagte Veranstaltungen, weil das Sicherheitskonzept nicht standhielt. Journalisten, die ihn nach Podiumsdiskussionen zum Auto begleiten mussten, weil wütende Zuhörer ihn nicht gehen lassen wollten. „Mit mir macht das nichts mehr“, sagt er.

Movchin sagt, wenn sein Verband eine Veranstaltung ankündige, sei die häufigste Nachfrage von Vereinsmitgliedern nicht die nach Ort, Uhrzeit oder Verkehrsanbindung. Sondern: Wie steht es um die Sicherheit?

Wenn er sich in München mit jüdischen Freunden verabrede, gehe es immer zuerst um die Frage: Wo gehen wir hin, wo ist es sicher?

Halsketten mit Davidstern oder gar eine Kippa, die traditionelle Kopfbedeckung männlicher Juden, trage kaum noch ein Vereinsmitglied sichtbar in der Öffentlichkeit.

Synagogen seien, anders als christliche Kirchen, keine offenen Gotteshäuser in Deutschland. Sie hätten verschlossene Türen und Metalldetektoren, seien von Zäunen umgeben und oftmals bewacht.

„Wir leben in einer Zeit“, sagt Movchin, „in der die jüdische Gemeinde jeden Tag Warnungen ausspricht, in welche Straßen oder zu welchen Veranstaltungen man nicht gehen sollte. Stellen Sie sich vor, eine christliche Gemeinde würde ihren Mitgliedern sagen: Geht nicht hierhin, geht nicht dorthin!“

Was löst ein pro-palästinensisches Camp am Geschwister-Scholl-Platz in Menschen aus, die so etwas täglich hören?

Vertritt die jüdischen Studierenden in München: Michael Movchin. Foto: Sachelle Babbar / ZUMAPRESS.com

Erst heute wieder, berichtet Movchin, hätten ihn 15 Menschen angerufen, weil in dem Camp für eine Veranstaltung mit einem Motiv der „Weißen Rose“ geworben worden sei. „Das triggert“, sagt Movchin, „auf diesem geschichtsträchtigen Platz.“ Er berichtet von Angst, von Panik sogar. Wenn sein Verein zu Gegenveranstaltungen einlade, klingle wieder das Telefon, Studierende fragten ihn: Was passiert mir, wenn meine Kommilitonen mein Gesicht sehen? Wenn ich sie in der Stadt treffe? Wenn jemand von ihnen zu mir in die U-Bahn steigt?

Movchin sagt: „Für die Mitglieder unseres Vereins ist das schwer auszuhalten.“

Die Zahlen

Wenn Hasskriminalität alles und nichts ist, ist sie natürlich schwer zu fassen und zu erfassen. Weinzierl listet in seiner Präsentation marginalisierte Gruppen auf, die häufig von Hasskriminalität betroffen sind: Jüdinnen und Juden. Sinti und Roma. Schwarze Menschen. Flüchtlinge. Menschen mit Behinderung. Muslimas und Muslime. Menschen aus der LGBTQ+-Community: homosexuelle Menschen, trans Menschen. Menschen ohne Obdach. Aber auch Frauen. Sie alle erfahren Vorurteilsgewalt, digitale Gewalt, Hassrede, zusammengefasst: PMK, Hasskriminalität.

2022 hat die Polizei in Bayern 1186 Fälle von Hasskriminalität registriert. 2023 waren es 1867. Davon waren 589 Fälle antisemitisch motiviert, 210 allein nach dem 7. Oktober 2023, dem Überfall der Terrororganisation Hamas auf Israel. „Die Zahlen und der Anstieg sind besorgniserregend“, sagt Weinzierl.

Und doch weiß er, dass die Zahlen nur einen Bruchteil der tatsächlichen Hasskriminalität abbilden. Betroffene zeigten Straftaten nicht an, weil sie sich schämen, weil sie Angst vor Zurückweisung haben und vor Unverständnis, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. „80 bis 90 Prozent der LGBTQ+-feindlichen Straftaten werden nicht angezeigt“, sagt Weinzierl. Bis 1994 war Homosexualität ein Straftatbestand nach Paragraf 175 Strafgesetzbuch. Betroffene, die heute 50, 60, 70 Jahre alt sind, erinnern sich daran. Ebenso wie ältere Polizisten.

Michael Weinzierl hat David Beck ins LKA eingeladen. Beck, 36 Jahre alt, Staatsanwalt bei der Generalstaatsanwaltschaft München, ist seit Februar 2024 der „Hate-Speech-Beauftragte der Bayerischen Justiz“. Er ist ein Mann mit munterem Witz, der einem zunächst seinen gereckten Mittelfinger zeigt mit den Worten, „das ist nicht persönlich gemeint“: Der Finger ist verbunden und geschient, Beck hatte einen Unfall, Sehnenriss.

Beck sagt: „Wir brauchen die Anzeige, wir brauchen aber auch den Paragrafen.“

„Das war eine zusätzliche Belastung“

Max Privorozki ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Halle an der Saale und hat den Terroranschlag auf die Synagoge im Oktober 2019 überlebt. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen mit Journalistinnen und Journalisten nach der Tat.

Auch dazu ein Beispiel: Wenn Anhänger der Terrororganisation Hamas nach dem 7. Oktober 2023 Plakate aufhängten mit der Parole „from the river to the sea“ („vom Fluss bis zum Meer“, Anspielung auf die Grenzen Israels mit dem Fluss Jordan und dem Mittelmeer, was von Antisemiten als Aufruf zur Vernichtung des Staates Israel verwendet wird), dann konnten Polizei und Justiz zunächst oft nur wegen wilden Plakatierens aktiv werden. Im November 2023 verbot das Bundesinnenministerium die Hamas und auch die Parole „from the river to the sea“ als deren Kennzeichen. „Das stützt unsere Argumentation, dass das Verbreiten und öffentliches Verwenden dieser Parole nach Paragraf 86a StGB strafbar ist“, sagt Beck.

Um die notwendigen Strafanzeigen zu bekommen, seien „niedrigschwellige Anzeigemöglichkeiten“ wichtig, so Beck. Die gebe es inzwischen, über Internetseiten wie www.bayern-gegen-hass.de oder direkt bei www.meldestelle-respect.de.

Um die Betroffenen wiederum zu den Meldeseiten zu bekommen, braucht es erstens Aufklärung und Netzwerkarbeit. Deshalb besuchen Michael Weinzierl und David Beck Veranstaltungen und halten ihre Präsentationen, deshalb wirkt Weinzierl in die 238 bayerischen Polizeiinspektionen hinein, wo es jeweils mindestens einen Ansprechpartner für Hasskriminalität gibt, deshalb wirkt Beck in die 22 bayerischen Staatsanwaltschaften hinein, wo es jeweils mindestens einen Sonderdezernenten gibt.

Zweitens braucht es einen „proaktiven Beratungsansatz“, wie es bei der Polizei etwas sperrig heißt.

Der Modellversuch

Im Foyer des Polizeipräsidiums Mittelfranken in der Nürnberger Altstadt wartet bereits die Kriminaldirektorin Cora Miguletz, 53 Jahre alt, zuständig für den Staatsschutz und damit für die Hasskriminalität. Sie erprobt für Bayern den „proaktiven Beratungsansatz“.

Proaktiver Beratungsansatz, das geht so: Beim ersten Kontakt vermittelt die Polizei den Betroffenen direkt ein passendes Beratungsangebot. Dafür arbeitet das Polizeipräsidium Mittelfranken zurzeit mit drei Partnern zusammen: mit B.U.D., einer Anlaufstelle bei rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Bayern, mit Strong!, einer Beratungsstelle für Taten gegen die sexuelle Orientierung oder geschlechtsbezogene Diversität, und, falls die beiden erstgenannten Angebote nicht passen, mit dem WEISSEN RING, Deutschlands größter Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer.

Das klingt einfacher, als es zunächst war. Cora Miguletz erinnert sich an Misstrauen bei den ersten Netzwerktreffen und Fortbildungen, an einen „schlechten Ruf der Polizei, den sie so nicht verdient hatte“.

Transparenzhinweis:
Beim Modellprojekt zum „proaktiven Beratungsansatz“ in Mittelfranken ist der WEISSE RING, Landesverband Bayern-Nord unter Vorsitz von Wolfgang Schwarz, einer der Partner, die auf Wunsch Betroffenen zur Seite stehen.

Mittlerweile laufen die Beratungen. In den ersten zehn Monaten des Modellprojekts hat die Polizei 122 Fälle registriert, die für eine Beratung ungeeignet waren. Warum ungeeignet? „Weil es zum Beispiel kein Opfer gab, etwa bei einem Hassgraffito auf einer Schulhofmauer. Oder weil das Opfer nicht in Mittelfranken wohnte“, sagt Miguletz. 66 Fälle waren geeignet für ein Beratungsangebot. „16 Betroffene haben es angenommen, die meisten Fälle gingen an B.U.D.“, so Miguletz. „Schwierig ist es im Bereich der LSBTIQ*- Szene. Da gab es 22 potenziell passende Fälle, nur einmal wurde das Beratungsangebot angenommen.“ Die Vorbehalte von Betroffenen gegenüber der Polizei seien nach wie vor hoch.

Proaktiver Beratungsansatz, das heißt auch: In Mittelfranken gibt es 28 Polizeiinspektionen, in jeder Dienststelle muss es einen Beamten geben, der die Kolleginnen und Kollegen für das Thema Hasskriminalität sensibilisiert. Es gibt fünf Kriminalinspektionen, die sich zurzeit die Fälle noch einmal anschauen: Wurde die Hasstat richtig eingeschätzt? Wurde eine Hasstat nicht erkannt?

„Nicht jeder Hasskommentar hat ein Attentat zur Folge, aber Radikalisierungen hierdurch sind ein Problem.“

David Beck

Besonders wichtig ist für Cora Miguletz aber der Streifenpolizist auf der Straße: „Der muss aktiv werden, der muss den Betroffenen die Scheu nehmen. Nicht jeder sieht die Polizei als Freund Helfer – für die Opfer sind wir das aber zu 100 Prozent.“

Die Zukunft

In München sagt Michael Weinzierl, der Beauftragte der Polizei gegen Hass: „Hass und Hetze ist ganz, ganz viel. Ob es im digitalen Raum auftritt oder im analogen, das ist für mich kein Unterschied.“ Er verweist auf die guten Aufklärungsquoten: knapp 70 Prozent bei politisch motivierter Kriminalität allgemein, bei politisch motivierter Gewaltkriminalität sogar fast 80 Prozent.

David Beck, der Hate-Speech-Beauftragte der Bayerischen Justiz, sagt: „Nicht jeder Hasskommentar hat ein Attentat zur Folge, aber Radikalisierungen hierdurch sind ein Problem.“

Während ich diesen Text schreibe, blinkt eine Eilmeldung auf meinem Monitor auf: „Schüsse am israelischen Konsulat in München“. Mutmaßlicher Täter: ein österreichischer Islamist, sein mutmaßliches Motiv: Antisemitismus. Medienberichten zufolge soll er sich im sozialen Netzwerk TikTok radikalisiert haben.

Internet macht Schule

Erstellt am: Freitag, 11. Oktober 2024 von Torben

Internet macht Schule

Wie kann man Kinder und junge Menschen auf die Herausforderungen im Netz vorbereiten, wie schützt man sie vor digitaler Gewalt? Auf der Suche nach Antworten in Hessen, Berlin und Brandenburg.

In einem Bäckereicafé im nordöstlichen Hessen sitzt der Lehrer Erik Meyfarth, 51 Jahre alt, vor seinem Cappuccino und erinnert sich an 2014. Damals, so Meyfarth, hatte an der Freiherr-vom-Stein-Schule in Hessisch Lichtenau das Mobbing unter Schülerinnen und Schülern in WhatsApp-Gruppen so stark zugenommen, dass aus dem Problem im digitalen Raum zunehmend auch ein Problem im analogen Schulalltag wurde. Meyfarth erinnert sich an Frust im Kollegium, an das Gefühl von Hilflosigkeit und an die Frage: Wer soll sich in der Schule um solche Themen kümmern?

Bis dato, so erzählt es der Chemie- und Physiklehrer, sei es „reine Glückssache“ gewesen, ob den Kindern und Jugendlichen Kompetenzen für die Mediennutzung vermittelt wurden. „In den Lehrplänen steht bis heute, Lehrkräfte sollten das jeweilige Fach durch Einsatz digitaler Medien unterrichten, es gibt eine Fußnote hier, eine Fußnote da. Das führt letztendlich dazu, dass es vom Lehrer abhängt: Wenn jemand das Thema wichtig findet und selbst kompetent ist, dann kommt es im Unterricht vor. Wenn jemand mit dem Digitalen nicht viel zu tun hat, dann lernen die Schüler auch nichts darüber.“

Aber was heißt das überhaupt: „Kompetenzen für die Mediennutzung“?

Ein Blick ins Internet – eine Google-Suche – gibt Aufschluss. Medienkompetenz ist in der Wissenschaft kein final ausdefinierter Begriff. Oft zitiert wird der Pädagoge Dieter Baacke (1934 bis 1999), dessen Modell Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung vereint. Ziel ist demnach die Entwicklung der Fähigkeit, mit Medien vertraut zu sein, sie sinnvoll für sich und für den zwischenmenschlichen Austausch einsetzen zu können. Heutzutage werden Begriffe wie Mediennutzungskompetenz oder digitale Bildung weitgehend synonym verwendet. Inhaltlich umfassen sie ein breites Spektrum: technische Kenntnisse in Präsentationserstellung oder Tabellenkalkulation, das Bewusstmachen der Vor- und Nachteile sozialer Medien, das Erkennen der Gefahr von Desinformation, Datendiebstahl und Rachepornos.

Brachte das Fach Medienkompetenz auf den Stundenplan: Erik Meyfarth. Foto: Nina Lenhardt

Auf der Webseite der Freiherr-vom-Stein-Schule heißt es, es sei durch Studien belegt, „dass es nicht funktioniert, diese Kompetenzen (wie in den Lehrplänen vorgegeben) quasi ‚nebenbei‘ zu vermitteln“. Aus Frust und dem Gefühl der Hilflosigkeit entstand in der hessischen Kleinstadt das „Computer- und Medien-Training“, kurz „CoMeT“, konzipiert von Meyfarth und seinem Kollegen Guido Ipsen für die Klassen 7 und 8. Das Besondere daran: Die Lehrer wollten die Vermittlung von Medienkompetenz in den Stundenplan integrieren – als eigenes, verpflichtendes Fach. Dafür mussten sie rechtliche Hürden nehmen; dies gelang ihnen, indem „CoMeT“ Zeit bekam, die für Wahlpflichtfächer vorgesehen war. Meyfarth erinnert sich an einen „ziemlichen Alleingang“: Unterstützung von politischer Seite habe es erst gegeben, als Presseberichte erschienen über das neue Schulfach, für das es zu diesem Zeitpunkt keine Vorbilder gab.

Seitdem sei in zehn „CoMeT“-Jahren eine Internet-Cloud mit Materialien und fertigen Unterrichtseinheiten entstanden, und es gebe immer genügend Lehrkräfte – aktuell sind es acht –, die das Fach unterrichteten, sagt der 51-Jährige. So bauten nicht nur die Schüler und Schülerinnen, sondern auch Lehrerinnen und Lehrer digitale Kompetenz auf: zu Themen wie Cybermobbing, zu Fake News, zu Chancen und Gefahren bei der Nutzung von sozialen Netzwerken und Messenger-Programmen.

Meyfahrt sagt, „ein bisschen stolz“ sei man schon, eine obligatorische Vermittlung von Medienkompetenz an der Schule etabliert zu haben, die heute als Aushängeschild der Schule gilt, „aber vor allem machen wir das Leben unserer Schüler ja besser“.

Bildung ist Ländersache. Die Redaktion des WEISSEN RINGS hat die 16 für Bildung zuständigen Ministerien nach dem Stellenwert von Medienkompetenz an den Schulen ihres Bundeslandes gefragt. Nur acht Länder meldeten sich zurück. Das Saarland, das 2024 der Kultusministerkonferenz vorsteht, beantwortete als einziges Land alle fünf Fragen. Es ist auch das einzige Land, das auf unseren Wunsch eine Einschätzung zu Qualität und Umfang der Vermittlung von Medienkompetenz wagte: Schulnote 1. Der Rest machte entweder keine Angabe oder teilte mit, keine Bewertung vornehmen zu wollen.

„Wir können es uns nicht leisten, zu warten und auf Bildung im Bereich Medienkompetenz zu verzichten.“

Erik Meyfarth

In den Antworten finden sich schwer überprüfbare Aussagen wie diese: „Die Medienkompetenzförderung findet in allen Jahrgangsstufen auf altersgerechte Weise statt.“ Unklar bleibt, in welchen Klassenstufen zum Beispiel Wissen über digitale Gewalt vermittelt wird. Nur vier Länder beantworteten die Frage, ob Lehrkräfte für die Vermittlung von Medienkompetenz ausreichend ausgebildet seien: drei antworteten mit „ja“, eines mit „unbekannt“. Mehrmals weisen Ministerien darauf hin, dass die Schulen eigene Medienkonzepte hätten. Häufig argumentieren sie, bei der Vermittlung von Medienkompetenz handele es sich um eine fächerübergreifende Aufgabe.

Lehrer Meyfarth ist selbst Vater von vier Kindern, drei davon haben bereits ein eigenes Smartphone. Er sagt: „Wir können es uns nicht leisten, zu warten und auf Bildung im Bereich Medienkompetenz zu verzichten.“ Schulen bräuchten aus seiner Sicht mehr Sozialarbeiter und Schulpsychologinnen, er spricht von „multiprofessionellen Teams“. Und dann sagt der 51-Jährige, der seit 24 Jahren an seiner Schule unterrichtet: „Wir Lehrer und Lehrerinnen schaffen das nicht mehr. Das Thema ist zu groß.“

Aber wer kann es dann machen?

Ein Videogespräch mit Lara Niederberger in Berlin. Die 31-Jährige sagt: „Das Feld der sozialen Medien ist superdynamisch, diese Entwicklung zu monitoren und sich zu überlegen, wie man das pädagogisch vermitteln kann, ist ein Vollzeitjob. Wenn man sich den Alltag von Lehrkräften anschaut, dann ist das einfach nicht machbar.“ Niederberger ist Koordinatorin des medienpädagogischen Präventionsprojekts „AntiAnti“ des Vereins Mediale Pfade, das sich mit Online-Radikalisierung in den Bereichen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Islamismus befasst. Das Konzept richtet sich an pädagogische Fachkräfte sowie an Jugendliche, der Verein bietet zum Beispiel in Schulen oder Jugendeinrichtungen Workshops für 14- bis 21-Jährige an. In Berlin seit 2018 und seit 2024 in Brandenburg werden die Seminare vom zuständigen Senat beziehungsweise Ministerium gefördert.

Sensibilisiert Jugendliche und Pädagogen: Lara Niederberger. Foto: Mina Schmidt

Niederberger sitzt in ihrem Büro vor der Kamera und erklärt: Skandalisierende, polarisierende und emotionalisierende Videos im Internet bewirkten, dass sich junge Menschen durch die permanente Konfrontation mit Krisen und gefühltem Chaos überfordert und ohnmächtig fühlten. Die zahlreichen Radikalisierungsangebote im Netz mit ihren ungeprüften Inhalten seien niedrigschwellig zugänglich und böten vermeintlich einfache Lösungen und Schuldige für komplexe Zusammenhänge und Probleme, was eine Radikalisierung begünstige.

So weit die Analyse – aber was ist die Lösung?

Die 31-Jährige sagt: „Ambiguitätstoleranz“. Das Wort beschreibt die Fähigkeit zu erkennen, dass es in der Welt Ungewissheiten und Mehrdeutigkeiten gibt, dass es nicht immer eine klare Einteilung in richtig und falsch gibt oder eine einfache Lösung für ein komplexes Problem. In den „AntiAnti“-Workshops werde dem begegnet, indem die Teilnehmenden nach ihren Empfindungen gefragt werden: „Es ist zum einen wichtig anzuerkennen, dass Gefühle wie Angst oder Frustration berechtigt sind, und zum anderen, dass niemand von uns immer alles verstehen kann, weil wir in einer komplexen globalisierten Welt leben, und dass wir lernen müssen, das auszuhalten.“

Am Workshop-Anfang steht der Austausch, erläutert Niederberger: „Wir lassen die Jugendlichen von ihrer Lebensrealität erzählen, zum Beispiel vom aktuellen Lieblings-TikTok-Video oder ihren Erfahrungen auf Social Media. Oft geht es darum, wie ihnen schon Hass im Netz begegnet ist, wie sie damit umgegangen sind und wie sie sich gefühlt haben.“ Insbesondere wird der Einfluss auf den personalisierten Algorithmus thematisiert und die Möglichkeiten, bestimmte Inhalte wie etwa Kriegsszenen oder Gewalt, die man nicht angezeigt bekommen möchte, bei der Plattform zu melden. Das brauche natürlich eine gewisse Konsequenz, sagt die Projektkoordinatorin. Es gebe aber Jugendliche, die sich solche Beiträge weitgehend „weggezüchtet“ hätten:

„Das zeigt, auch in der Nutzung entwickelt sich eine Medienkompetenz bei jungen Menschen, die man auch nicht unterschätzen sollte.“ Trotzdem spiele der Algorithmus immer mal wieder etwas Neues in den Feed rein, was man eigentlich nicht sehen möchte: „Wir nennen das eine Nebenbei-Normalisierung, also eine Normalisierung von Gewalt oder anderen problematischen Inhalten, ohne dass dieser Prozess bewusst von den Nutzern wahrgenommen wird.“

„Facebook ist besonders toxisch“

Dr. Daniel Nölleke erforscht das Thema Online-Hass im Leistungssport an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Er spricht im Interview über Hass bei den Olympischen Spielen in Paris, über Gruppendynamik in Fankurven und erklärt, warum er den Einsatz von künstlicher Intelligenz gegen Hassrede im Internet problematisch findet.

Ein wichtiger Punkt sei das Wissen über Funktions- und Interaktionslogiken von sozialen Medien: „Gerade TikTok, das für Jugendliche nicht nur Unterhaltungsplattform, sondern Hauptinformationsquelle ist, wird von verschiedenen ideologischen Akteuren aus der rechten oder islamistischen Szene sehr, sehr strategisch genutzt durch das Aufgreifen von aktuellen Trends, Memes, Hashtags oder bestimmter Emoji-Kombinationen, die wie ein Code funktionieren, um einer Löschung zu entgehen, etwa zwei Blitze statt ‚SS‘.“

Letztlich geht es doch darum, sagt Niederberger, „zu schauen, wie Medien genutzt werden können, damit sie für uns als Gesellschaft gut sind“.

Thomas-Gabriel Rüdiger ist ein Zocker und Nerd. Er wuchs auf mit Games, Comics und Science-Fiction-Serien und hat heute jede Menge „Geek-Stuff“ zu Hause. Im Online-Interview sitzt er vor einem bunten virtuellen Hintergrund, aber dahinter verbergen sich „Star Wars“-Helme, Laserschwerter, Marvel-Zeug und Tabeltop-Figuren, sagt er. Er spiele auf dem Rechner und dem Handy, „alles rauf und runter“. Zum einen macht es ihm einfach Spaß, das merkt man, wenn er darüber spricht. Zum anderen ist er überzeugt: „Authentizität spielt beim Thema digitale Bildung eine ganz wichtige Rolle dabei, wie man wahrgenommen wird. Sprich, wenn ich nicht selbst ein Gamer bin, habe ich ganz schlechte Karten, wenn ich mit Kindern oder Jugendlichen über Onlinespiele rede, denn sie merken immer schnell, ob jemand selbst zockt oder nur was darüber gelesen oder einen Vortrag darüber gehört hat.“ Dasselbe gelte auch für die Social-Media-Welt: „Es geht darum, diesen Raum wirklich zu verstehen.“

Will Jugendliche dort erreichen, wo sie unterwegs sind: Thomas-Gabriel Rüdiger. Foto: Stine-Photography

Rüdiger ist auch ein Ex-Polizist und Forscher, er leitet das Institut für Cyberkriminologie an der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg und bespielt einen Instagram-Kanal mit rund 28.000 Followern. Die Idee, Aufklärung im Digitalen zu betreiben, wurde geboren, als er immer mehr Anfragen zu Vorträgen erhielt und er sich fragte, wie er eine größere Zielgruppe erreichen könnte, ohne ständig unterwegs sein zu müssen: „Ich dachte mir, wir müssen doch dort Präventionsarbeit für junge Leute betreiben, wo die jungen Leute sind. Und das ist in den sozialen Medien und im Games-Bereich“, sagt Rüdiger. Das legt auch eine Studie des Digitalverbands Bitkom aus dem Jahr 2022 nahe: Fast 60 Prozent der 10- bis 18-Jährigen können sich „ein Leben ohne Internet nicht vorstellen“. Ein weiteres Ergebnis: Der Anteil der Kinder und Jugendlichen ab dem Alter von sechs Jahren, die ein Smartphone oder Tablet nutzen, liegt bei 98 Prozent.

Aber wie kann, wie sollte digitale Prävention aussehen?

Als „Sinnfluencer“ sieht sich Rüdiger, in Anspielung auf die sogenannten Influencer in den sozialen Netzwerken. „Fast jeder wird im digitalen Raum mit Kriminalität konfrontiert. Ob sie aber jeder als solche erkennt und ob jeder weiß, wie damit umzugehen ist, das macht den Unterschied“, sagt der Wissenschaftler. Auf seinem Instagram-Kanal zeigt er zum Beispiel, wie ein öffentlich gepostetes Foto mittels Alterungsfilter die gezeigte Person quasi für immer identifizierbar macht oder wie mithilfe von künstlicher Intelligenz daraus täuschend echt aussehende Videos werden. Viele seiner Beiträge richten sich direkt an Eltern, etwa mit der Bitte zu schauen, mit wem ihre Kinder Online-Games spielen und was sie dabei erleben. „Das Kind ist der Experte im Internet, nicht die Eltern. Da hat sich etwas verschoben“, sagt Rüdiger, selbst Vater von zwei Kindern mitten in der Pubertät. „Die Studienlage deutet darauf hin, dass sich viele Eltern überfordert fühlen“, sagt Rüdiger, „und jetzt erst reflektieren, dass vieles falsch gelaufen ist. Andere haben aber bis heute keine Sensibilität entwickelt, dass zum Beispiel Fotos der Kinder nicht ins WhatsApp-Profilbild gehören.“ Oder dafür, dass Alter und Geburtsdatum nicht im Netz veröffentlicht werden sollten, um Rückschlüsse auf persönliche Daten zu vermeiden. Deshalb möchte der Cyberkriminologe diese Informationen über sich selbst auch nicht für diesen Text preisgeben.

Wie Erik Meyfarth und Lara Niederberger ist Rüdiger überzeugt, dass nur eine interdisziplinäre, gesamtgesellschaftliche Zusammenarbeit zu ausreichender digitaler Bildung führen kann: „Wir müssen die Eltern fit machen, wir müssen die Schule fit machen, und wir müssen auch die Polizei fit machen.“ Angesichts der Bedeutung von Onlinekriminalität hält er es für essenziell, die Kompetenzen fürs Digitale bei den Angehörigen der Polizei aufzubauen. Seine Studierenden müssen sich daher an der Polizeihochschule mit der Nutzung von und dem Umgang mit sozialen Medien beschäftigen. Der ehemalige Polizist findet, es brauche eine Verlagerung der bestehenden Personalressourcen ins Netz. Und ein Nachdenken über strukturelle Änderungen, vielleicht sogar über „eine neue, bundesweit agierende, digitale Polizeieinheit“. Aber das ist natürlich wegen des Föderalismus mit dem örtlichen Zuständigkeitsprinzip – wie Bildung ist auch Polizei Ländersache – eine „leider noch eher utopische“ Vorstellung, ordnet Rüdiger ein.

Im Herbst soll seine Schule nun die erste im Schulamtsbereich sein, die mit einer auf ChatGPT basierenden, aber datenschutzkonformen KI arbeiten wird.

Rüdiger sprüht vor Ideen, etwa zu virtuellen Streifen oder Kinder-Online-Wachen. Oder auch: „Der Staat könnte Clips schalten auf Streaming-Plattformen wie Amazon Prime, Netflix, Disney+, bei YouTube und in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken.“ Vor angesagten Serien sollten damit in erster Linie Erwachsene angesprochen werden mit Fragen wie: Hast du dich mal gefragt, mit wem dein Kind eigentlich gerade online spielt? Findest du es richtig, wenn in Chats extremistische oder antisemitische Witze geteilt werden? Ein bisschen also wie das, was früher die Sendung „Der 7. Sinn“ im linearen Fernsehen war: eine Reaktion auf ein gesellschaftlich wahrgenommenes Phänomen – steigende Zahl Verkehrstoter infolge der Massenmotorisierung – in Form zeitgemäßer, digitaler Bildung.

Die will auch weiterhin die Freiherr-vom-Stein-Schule in Hessisch Lichtenau anbieten. Lehrer Meyfarth hat eine Information der Schulleitung auf der Website hochgeladen: „Künstliche Intelligenz (KI) verändert die Art und Weise, wie wir leben, arbeiten und lernen“. Es sei unerlässlich, dass die Schülerschaft ein Verständnis für diese Technologie entwickelt und ihre Potenziale sowie Herausforderungen erkennt. Der sprachbasierte KI-Bot ChatGPT der US-Firma OpenAI ist für jeden zugänglich und wird längst im Alltag genutzt. Das Problem: Aus Datenschutzgründen darf das Programm nicht einfach im Unterricht eingesetzt werden. Die Lösung: Meyfarth schrieb einen Antrag. Im Herbst soll seine Schule nun die erste im Schulamtsbereich sein, die mit einer auf ChatGPT basierenden, aber datenschutzkonformen KI arbeiten wird. Und bald soll dann schon in Klasse 6 das Medienkompetenzfach „CoMeT“ unterrichtet werden, damit in den höheren Jahrgängen Zeit für neue Themen wie KI geschaffen werden kann.

Pornografisches im Posteingang

Erstellt am: Freitag, 11. Oktober 2024 von Juliane

Pornografisches im Posteingang

Studierende erleben an deutschen Hochschulen digitale Gewalt – per E-Mail, in sozialen Netzwerken und auf Lernplattformen im Internet. Drei junge Frauen wollen das ändern.

Mitten in der Vorlesung erscheint eine Nachricht auf dem Display ihres Handys. Sie ist von ihrem Dozenten. Inhalt: ein Penis-Foto, ein sogenanntes Dick-Pic. Sie erstarrt, darf sich aber vor ihren Kommilitonen nichts anmerken lassen. Ekel steigt in ihr auf.

Das ist der Bericht einer Studentin, die digitale Gewalt erlebt hat. Sie hat um Anonymität gebeten. Denn wie so viele Gewaltopfer empfindet sie große Scham. Trotzdem möchte sie erzählen, damit Verantwortliche an Hochschulen erfahren, was digitale Gewalt für die Betroffenen bedeuten kann.

Herausforderungen für „Digital Natives“

Das Handy immer griffbereit, per Smartwatch erreichbar und in den sozialen Medien gut vernetzt – für die 18- bis 30-Jährigen von heute ist das selbstverständlich. Mühelos jonglieren sie mit privaten Messengern, privaten und universitären E-Mail-Accounts und Lernplattformen wie Moodle oder Blackboard. Was dieser Generation mehr zu schaffen macht, ist der Missbrauch, der über diese Plattformen möglich ist. Übergriffige Nachrichten, ungewollte Nacktbilder. Videoaufnahmen, die auf Partys oder während Vorlesungen stattfinden und dann ohne das Wissen, geschweige denn das Einverständnis der abgebildeten Person geteilt werden. Kontaktaufnahme über die Handynummer, weil diese für alle sichtbar in einer Uni-WhatsApp-Gruppe abgelegt ist.

Jegliche beleidigende, diskriminierende oder sexuelle Grenzüberschreitung gilt als digitale Gewalt. Aber ist das den sogenannten Digital Natives bewusst, denjenigen, die mit der Digitalisierung aufgewachsen sind? Der WEISSE RING hat über die sozialen Medien eine Umfrage unter Studierenden durchgeführt. Von 140 Studenten gaben 55 an, diesen Begriff noch nie gehört zu haben. 72 Prozent der Studierenden, die angaben, bereits digitale Gewalt erfahren zu haben, hatten keine Unterstützung gesucht.

P*rnografisches im Posteingang

Digitale Gewalt an der Uni

Paula Paschke, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Religionspädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt, hat dieses Phänomen sowohl als Studentin als auch als Lehrende beobachtet und ist besorgt über das Ausmaß und die Intensität der digitalen Grenzüberschreitungen. Sie sagt: Die Betroffenen stehen den Angriffen im Netz oft sehr hilflos gegenüber. „Ich bin Mitte 20 und als Teenager mit Medien aufgewachsen. Ältere Generationen gehen einfach davon aus, dass junge Heranwachsende gut damit umgehen können. Und das ist sicher auch der Fall, dass wir uns schnell zurechtfinden. Aber wie sieht es mit den Sicherheitsaspekten aus?“ Seit fast drei Jahren setzt sich Paula Paschke deshalb dafür ein, dass bundesweit Hochschulen diskriminierende und Gewalt ermöglichende Strukturen in ihren digitalen Räumen ernst nehmen.

Besorgt über das Ausmaß digitaler Gewalt: Paula Paschke. Foto: Julia Zipfel

Universitäten galten lange Zeit als eine Art Elfenbeinturm, in dem man sich mit Forschung und Entwicklung beschäftigt und von den Problemen der restlichen Welt ein wenig abgekoppelt ist. Im Jahr 2019 stürzte dieser Elfenbeinturm im Zuge der Me-too-Bewegung krachend ein. Hierarchische Beziehungen, in denen Betroffene kaum Möglichkeiten haben, sich gegen Vorgesetzte zu wehren, ohne Job und Karriere zu gefährden, gelangten an die Öffentlichkeit. Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen, Doktorandinnen und Professorinnen sprachen öffentlich über Machtmissbrauch, Mobbing und sexuelle Übergriffe durch Vorgesetzte und Kollegen. Als Konsequenz überarbeiteten Verantwortliche die Richtlinien und setzten Ergänzungen der Hochschulgesetze durch. Auf vielen Hochschulwebseiten wurden neue Maßnahmen im Rahmen des Arbeitsschutzgesetzes veröffentlicht, um Schutz vor Diskriminierung jeglicher Art zu bieten. Für Paula Paschke aber blieben zwei große Probleme ungelöst: „In der Diskussion wird kaum berücksichtigt, welche Rolle die digitale Komponente spielt. Auch die Hochschulen sind stark von der Digitalisierung betroffen. Und damit nimmt auch die Gewalt neue Formen an.“

Am meisten betroffen, am wenigsten geschützt

Ein Semester zuvor. Aus heiterem Himmel schreibt der Studentin ein Dozent abseits der Uni-Kommunikationswege. Eine kurze Anfrage zu einem Thema, an dem sie gerade arbeitet. Das ist ihr unangenehm, aber nach einigem Zögern antwortet sie. Er schreibt zurück. Sie antwortet wieder. Will nicht unhöflich sein. Ein Gespräch entwickelt sich, er fragt nach ihren beruflichen Plänen, ihrem Beziehungsstatus. Dann will er ihre Telefonnummer.

Mittlerweile lässt sich digitale Gewalt an Hochschulen in Zahlen darstellen. Laut einer Studie des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften aus dem Jahr 2022 hat fast ein Drittel der Studierenden und Beschäftigten sexuelle Belästigung im Studium oder am Arbeitsplatz erlebt – auch online. Im gleichen Jahr führt das Projekt UniSAFE europaweit Umfragen an 46 Hochschulen und Forschungseinrichtungen durch, um Maßnahmen gegen geschlechtsbezogene Gewalt zu entwickeln. In den Ergebnissen tauchen vermehrt digitale Komponenten der Belästigung an Hochschulen auf, darunter Cybermobbing und die Verbreitung pornografischer Bilder oder Texte ohne Einverständnis des Empfängers. In der Umfrage des WEISSEN RINGS unter Studierenden gaben elf der 140 Befragten an, digitale Gewalt erlebt zu haben, 28 Befragte hatten Vorfälle von digitaler Gewalt beobachtet. Bei sieben Betroffenen ging die digitale Gewalt von Dozierenden aus. Vier Studierende gaben an, digitale Gewalt von Mitarbeitern der Universitäten erfahren zu haben. 31 Studierende waren durch Kommilitonen digital angegriffen worden.

Wem das zu abstrakt ist, der braucht nur einen Blick in die Presse zu werfen, um anschauliche Beispiele zu finden. Im April 2024 berichten Medien von einem Professor der Fachhochschule Gelsenkirchen, der nach Aussagen männlicher Studierender diese sexuell belästigt und bedroht sowie intensiv über WhatsApp kontaktiert und unter Druck gesetzt haben soll. Im Juni 2024 wird ein 22-jähriger Informatikstudent der RWTH Aachen exmatrikuliert, weil er in digitalen Hochschulgruppen frauenfeindliche Nachrichten gepostet, Studentinnen und Dozentinnen aufgelauert und sie mit Drohbotschaften und Bildern belästigt hat.

Die Vernetzung über soziale Netzwerke gehört dazu. Digitale Gewalt damit leider auch.

Nach Meinung von Paula Paschke vernachlässigen die Hochschulen beim Kampf gegen digitale Gewalt eine weitere Komponente: den Schutz der Studierenden. Laut einer aktuellen Studie der gemeinnützigen Organisation HateAid ist die Altersgruppe der 18- bis 27-Jährigen am stärksten von digitaler Gewalt betroffen. Fast ein Drittel der befragten Betroffenen gab an, schon einmal Opfer von digitaler Gewalt geworden zu sein. Ein Rückzug aus der digitalen Welt ist aber keine Option. Vorlesungs- und Seminarmaterial wird heute vermehrt online zur Verfügung gestellt, Referatsgruppen koordinieren sich über WhatsApp, die Vernetzung über soziale Netzwerke wie Instagram, Snapchat oder TikTok gehört zum studentischen Leben einfach dazu. Digitale Gewalt damit leider auch.

Regeln für digitale Räume

Der Dozent tritt immer fordernder auf. Die Studentin traut sich nicht, Nein zu sagen. „Er war eine Autoritätsperson, bei der ich noch mehrere Prüfungen ablegen musste. Und durch diese Nähe und unsere unterschiedlichen Positionen hatte ich gar nicht die Möglichkeit, so zu reagieren wie zum Beispiel in der Freizeit. Wenn mich da jemand anspricht und ich will das nicht, dann sage ich: ‚Lass mich in Ruhe.‘“

Paula Paschke ist noch Studentin, als sie von der Initiative Digital Change Maker erfährt. Das Programm bietet Studierenden aus ganz Deutschland die Möglichkeit, die digitale Transformation an Hochschulen aktiv mitzugestalten. 2021 wird Paschke Teil der bundesweiten studentischen Denkfabrik. Sie lernt die Philosophiestudentin Lea Bachus aus Berlin kennen. Gemeinsam beschließen sie, Verantwortliche für das Thema zu sensibilisieren und für ein sicheres digitales Hochschulumfeld zu kämpfen. Frei von Hassrede, Diskriminierung und sexuellen Übergriffen.

Im Oktober 2022 berichten Paschke und Bachus auf dem „Let’s Talk:Campus“-Festival über den Status quo von Studierenden und digitaler Gewalt. Die anschließende Fragerunde dauert länger als geplant. „Viele Lehrende waren sehr überrascht und haben uns gesagt, dass sie das Thema gar nicht auf dem Schirm hatten. Sie waren dankbar, dass wir sie darauf aufmerksam gemacht haben“, berichtet Paula Paschke. „In weiteren Gesprächen kam immer wieder die Frage auf, ob man präventiv etwas in die Lehre einbauen könnte. Das hat uns motiviert, eine Netiquette zu verfassen und zur Verfügung zu stellen.“

Eine Netiquette legt die Regeln im Netz fest, an die sich alle Beteiligten halten müssen. In der Vorlage für die pädagogische Praxis haben Paschke und Bachus Eckpunkte festgehalten, die aus ihrer Sicht für ein gewaltfreies Miteinander wesentlich sind:

• Digitale Räume sollen Safe Spaces sein, verletzendes Verhalten wie Hate Speech oder Beleidigungen werden nicht akzeptiert.

• Die Kommunikation im Rahmen der Lehrveranstaltung hat über die digitalen Kanäle der Hochschule zu erfolgen. Ausnahme: In privaten Messenger-Diensten wie WhatsApp werden private Kontaktdaten sensibel behandelt und wird niemand ohne Zustimmung der Gruppe hinzugefügt.

• Audio- und Bildschirmaufnahmen von Personen sind verboten.

Die Netiquette verweist bei Verstößen gegen diese Regeln an die universitäre Anlaufstelle gegen Diskriminierung oder für Gleichstellung. Bei Zuwiderhandlung drohen Sanktionen seitens der Hochschule.

Nehmen die Studierenden diese Regeln wahr und vor allem ernst? Paula Paschke sagt: Es funktioniert. „Ich habe zum Beispiel mitbekommen, dass Studierende meiner Veranstaltung eine WhatsApp-Gruppe gegründet haben. Ich habe noch einmal auf die Netiquette hingewiesen und deutlich gemacht, dass das freiwillig ist und wir für die Veranstaltung eine andere Form der Kommunikation haben. Tatsächlich wurde viel expliziter gefragt, ob die Studierenden in diese Gruppe aufgenommen werden wollen, anstatt sie einfach hinzuzufügen, wie es sonst üblich ist.“

Allerdings ist die Netiquette nur ein kleiner Baustein im großen Ganzen dessen, was eine Hochschule zum Schutz vor digitaler Gewalt tun sollte. Aufklärung und Beratung für Studierende haben bislang kaum einen Stellenwert, wie eine Analyse der Redaktion zeigt. Dafür wurden die Webseiten der 100 größten Hochschulen in Deutschland dahingehend durchsucht, welche Beratungsstellen explizit Hilfsangebote zu digitaler Gewalt machen oder zumindest Informationen wie Veranstaltungen oder Broschüren dazu anbieten. Das Ergebnis: An lediglich 15 Universitäten ist dies der Fall. Paschke und Bachus sehen das größte Problem in der rechtlichen Stellung der Studierenden.

Rechtsschutz nur für Angestellte

Die Studentin ist überfordert damit, dem Mann einerseits als Dozenten und Vorgesetzten zu begegnen, andererseits als Verführer, der sich als potenzieller Partner sieht. „Vielleicht redet man sich selbst auch ein: Ich kann das irgendwie noch handhaben, ich kann damit umgehen. Und trotzdem quält einen die Frage: Ist das noch okay? Ab wann meldet man das? Und wem?“ Schließlich ist es heutzutage normal, ständig Nachrichten zu bekommen. Und blockieren? „Das wäre ja unhöflich, schließlich kommuniziert man mit einem Lehrenden einer Universität.“

Für Beschäftigte an Hochschulen gilt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Sie haben das Recht, sich bei sexueller Belästigung beim Arbeitgeber zu beschweren und, wenn keine geeigneten Maßnahmen zu ihrem Schutz ergriffen werden, „ihre Tätigkeit ohne Benachteiligung zu beenden“. Studierende sind in solchen Fällen auf sich allein gestellt, erklärt Lea Bachus 2022 im Rahmen eines Talks: „Wären Studierende an der Hochschule angestellt, hätten sie andere Möglichkeiten. Für sie gilt das AGG nicht.“ Erlebt beispielsweise eine Studentin Belästigung, Diskriminierung oder digitale Gewalt durch den Dozenten und bleibt deshalb der Veranstaltung fern, wird diese nicht für das Studium anerkannt. Da ist es besser, sich mit dem Dozenten gut zu stellen, einen unpassenden Kommentar zu überhören oder zu überlesen, als die Zulassung zur Abschlussprüfung zu riskieren.

Es verändert sich etwas

Die Situation überschattet alles. „Der Sicherheitsraum, der die Universität eigentlich auch sein sollte, ist nicht mehr da. Und das erschwert natürlich das Ziel, irgendwie sein Studium zu beenden.“ Das liegt auch an ihren Selbstvorwürfen. „Wenn man Opfer einer Gewalttat wird, stellt man auch ganz viel die eigenen Fähigkeiten infrage.“ Dem Täter die Schuld für ihre Situation zu geben, kommt ihr lange gar nicht in den Sinn. Denn „sexuelle Gewalt geht mit Erniedrigung einher, und die besteht lange weiter“.

Paschke und Bachus veröffentlichen einen Forderungskatalog. Darin führen sie unabhängige Anlaufstellen für Betroffene auf, kostenlose Rechtsberatung für betroffene Studierende, leicht zugängliche Informationsmöglichkeiten und eine Verantwortung von Lehrenden und Hochschulleitungen für digitale Gewalt im Hochschulkontext.

Will Studierende aufklären und sensibilisieren: Laura Mößle. Foto: Julia Zipfel

Große Forderungen, die viel Umstrukturierung erfordern. Allerdings scheint man sie zu hören, wie ein Blick in die Landesgesetze annehmen lässt: In neun Bundesländern wurde das AGG inzwischen auf Studierende ausgeweitet. Damit gelten für sie an den Hochschulen dieser Länder die gleichen rechtlichen Möglichkeiten wie für Beschäftigte. Die Friedrich-Schiller-Universität Jena, die Johannes Gutenberg-Universität Mainz oder die Hochschule Merseburg haben eigene Antidiskriminierungsrichtlinien verabschiedet, die ausdrücklich auch für Studierende gelten, und zwar sowohl im analogen als auch im digitalen Raum. Ob weitere Hochschulen nachziehen werden, bleibt abzuwarten. Allerdings: 77 Prozent der Studierenden gaben bei der Stichprobenumfrage des WEISSEN RINGS an, dass ihnen keine einschlägigen Maßnahmen an ihrer Universität bekannt seien.

Der WEISSE RING hakte mit einer weiteren Befragung bei den Pressestellen der 100 größten Hochschulen Deutschlands nach. Lediglich 17 Universitäten nahmen an der Umfrage teil. An acht Hochschulen waren Fälle digitaler Gewalt den Verantwortlichen bekannt. Allerdings fielen die Fallzahlen niedrig aus: An vier Universitäten waren insgesamt neun Dozierende betroffen.

Zwei Hochschulen meldeten zwei und sieben Studierende als Betroffene. Dazu schrieb ein Pressesprecher bei der Befragung: „Wir vermuten eine sehr hohe Dunkelziffer, da sich nur in seltenen Fällen Personen an uns wenden.“ Und die Universität Mannheim schreibt auf ihrer Website „Informationen und Hilfe bei Gewalt“: „Viele Betroffene nutzen die Möglichkeit zur Hilfe bei Anlaufstellen oder Beratung an der Universität Mannheim (noch) nicht.“

Es bleibt also viel zu tun. Obwohl Paula Paschke als Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin sehr beschäftigt ist, will sie das Projekt gemeinsam mit Lea Bachus weiter vorantreiben. So viel Zeit fürs Ehrenamt muss sein, denn: Studierende müssen darüber aufgeklärt werden, was sie im digitalen Raum erwarten können, und lernen, wie sie sich schützen können. „Ich weiß nicht, wie viele Studierende sich darüber Gedanken machen, was mit ihren Kontaktdaten passiert, was mit eventuellen Fotos passiert und wie sie im digitalen Hochschulraum auftreten. Das erfordert Medienkompetenz oder Mediensozialisation. Und die ist in der Schulbildung nicht vorgesehen.“

Und wenn es gar nicht so weit käme?

Über diesen Bildungsweg denkt Laura Mößle nach, als sie eine Lehrveranstaltung für das Sommersemester 2024 plant. Mößle, Anfang 30, hat in Religionspädagogik promoviert und beendet gerade einen zweijährigen Aufenthalt als Research Fellow am Safeguarding Institut an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, als sie einen Lehrauftrag aus Frankfurt am Main erhält. Sie soll am Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität ein Seminar zu digitalen Grenzverletzungen für Lehramtsstudierende halten. Dabei fallen ihr die immer häufigeren Berichte aus Schulen ein, in denen pornografisches Material unter Jugendlichen kursiert. Auch wenn die angehenden Lehrerinnen und Lehrer das vielleicht nicht wahrhaben wollen, ist es Laura Mößle wichtig, „ihnen die Angst vor dem ganzen Themenbereich Missbrauch zu nehmen und sie stattdessen in ihrer Kompetenz zu stärken. Das Ziel ist es, dass die Studierenden sagen: ‚Jetzt kann ich mit den Kindern und Jugendlichen darüber sprechen, wie sie ihre Grenzen setzen können, wie sie diese auch einhalten können.‘ Viele Lehrerinnen und Lehrer gehen der Thematik lieber aus dem Weg.“ Ein besonderer Schwerpunkt der Religionspädagogik in Frankfurt liegt auf dem Einsatz digitaler Medien im Unterricht – für eine praktische Medienkompetenz. „Es braucht aber auch eine reflexive Medienkompetenz, damit unsere angehenden LehrerInnen wissen, wie gute Verhaltensformen im Netz aussehen.“

Was für die heutigen Studierenden noch ungewöhnliche Erfahrungen sein mögen, findet laut Laura Mößle bei den Jüngsten bereits statt. Einige ihrer Studierenden arbeiten nebenbei in Kindertagesstätten oder Horten und berichten in der Uni von ihren Erfahrungen dort.

„Eine Studentin hat heute erzählt, dass sich ihr eines der Kinder, die sie nachmittags betreut, anvertraut hat. Das Mädchen erklärte, dass ihr jemand komische Nachrichten auf Snapchat schreibe. Das Mädchen wollte die Nachrichten erst gar nicht zeigen. Die Studentin blieb jedoch am Ball und fragte immer wieder nach. Schließlich durfte sie den Chat sehen. Die Nachrichten waren sexualisiert und grenzüberschreitend. Mit Hilfe der Studentin gelang es dem Mädchen, den Kontakt abzubrechen.“

 

Was früher als Mutprobe auf dem Schulhof ausgetragen wurde, findet heute als sogenannte Challenge im digitalen Raum statt.

Mößle sagt, dass Kinder und Jugendliche oft das Bedürfnis haben, mit jemandem über ihre digitalen Erfahrungen zu sprechen, aber nicht wissen, wem sie sich anvertrauen können. „Da braucht es ein Gesprächsangebot von Pädagoginnen und Pädagogen und Lehrkräften, die das im Blick haben.“ Der Druck, den die Jugendlichen durch die sozialen Medien verspüren, ist enorm. Was früher als Mutprobe auf dem Schulhof ausgetragen wurde, findet heute als sogenannte Challenge im digitalen Raum statt. Wie zuletzt bei der „Hot Chip Challenge“, bei der man vor laufender Kamera extrem scharfe Chips essen musste. In Bayern kamen eine 13- und eine 14-Jährige nach dem Verzehr mit Magenkrämpfen und Atemnot ins Krankenhaus. Die Challenge ging weiter. Dann starb in den USA ein 14-Jähriger, woraufhin der Hersteller die Chips vom Markt nahm.

Auch Mobbing erreicht neue Dimensionen. Mitschüler werden nach dem Sport in der Umkleidekabine in peinlichen Situationen fotografiert und dann mit den Fotos erpresst. Sie brauchen jemanden, der den Ernst der Lage versteht. Eine Vertrauensperson, die weiß, welche Katastrophe ein peinliches Bild für einen Jugendlichen im Internet sein kann. Und die den Tätern auch deutlich macht, ab wann sie sich strafbar machen und welche Folgen das unbedachte Posten für alle haben kann.

 

Medienkompetenz als Prävention

Ein Nebeneffekt der Präventionsarbeit ist die Sensibilisierung der Studierenden. Vielleicht erkennt der eine oder andere Teilnehmer nach dem Seminar von Mößle, dass das komische Gefühl, dass er nach einer digitalen Begegnung hatte, gerechtfertigt war. Denn die Befragung des WEISSEN RINGS unter den Studierenden hat gezeigt: Viele sind zwar dem gesamten Onlineerlebnis ständig ausgesetzt, können aber mit dem Begriff „Digitale Gewalt“ nichts anfangen. Für die Kinder wird im Unterricht ein Grundgedanke gelegt, der ihnen noch im Erwachsenenalter helfen kann. „Es kann sein, dass man die ganze Kindheit und Jugend nicht von digitaler Gewalt betroffen ist. Dann merkt man irgendwann als Erwachsener: Man ist in eine komische Situation geraten, in der man sich nicht wohlfühlt“, sagt Laura Mößle. „Und dann gibt es andere, die auch dieses Wissen haben und einem sagen: Das ist Erpressung oder Grenzüberschreitung, was diese Person mit dir macht.“

Die angehenden Lehrerinnen und Lehrer können mit diesem Wissen Kindern die nötigen Kompetenzen vermitteln, um im Netz sicher zu sein und sich im Notfall selbstbewusst abzugrenzen oder Hilfe zu suchen. Vielleicht wächst so eine Generation heran, die digitale Gewalt im Keim erstickt. Die sich traut, sich auch an Universitäten ganz selbstverständlich gegen solche Übergriffe zu wehren, und damit eine neue Normalität schafft: die eines sicheren digitalen Raumes, in dem klare Regeln für alle Studierenden, Forschenden und Lehrenden gelten.

Digitale Gewalt wirkt genauso nach wie analoge. Die Situation der anonymen Studentin hat sich aufgelöst, sie hat keinen Kontakt und keine Berührungspunkte mehr mit dem Dozenten. Das Geschehene verfolgt sie aber noch. „Man hat schon so eine Art Verfolgungswahn, vielleicht auch, weil man keine Kontrolle darüber hat, welche Verbreitung dieser Kommunikation vielleicht stattgefunden hat. Und welche Folgen das für mein weiteres Leben haben könnte.“ Denn vielleicht existieren die digitalen Grenzverletzungen, die sie erlebt hat, auf irgendeinem Server oder Handy noch weiter.

Brutale Fouls im Netz

Erstellt am: Montag, 7. Oktober 2024 von Juliane

Brutale Fouls im Netz

Sie werden bewundert und gefeiert, aber auch mit Hassbotschaften überhäuft und mit dem Tode bedroht: Spitzensportlerinnen und Spitzensportler sind in den sogenannten sozialen Netzwerken in hohem Maße digitaler Gewalt ausgesetzt. Eine Spurensuche in der Welt des Leistungssports.

Ein Foto zeigt Bundestrainer Julian Nagelsmann

Bundestrainer Julian Nagelsmann. Foto: Tom Weller/dpa

I. Der Hass

Bundestrainer Julian Nagelsmann hat in seiner Zeit als Coach des Fußballvereins Bayern München 450 Morddrohungen erhalten, nachdem die Bayern im April 2022 gegen Villareal aus der Champions League ausgeschieden waren. Sogar seine Mutter wurde bedroht, sagte Nagelsmann bei einem Pressegespräch am 15. April 2022.

Fußballerin Svenja Huth freute sich nach der Weltmeisterschaft in Australien im November 2023 über Nachwuchs. Der offizielle Kanal der DFB-Frauen veröffentlichte auf X (ehemals Twitter) ein Bild der Spielerin mit ihrer Ehefrau und einem Kinderwagen. Unter dem Beitrag vom 27. November 2023 sammelten sich Hasskommentare.

Wir haben auf Hass und Hetze lange jeweils im Einzelfall reagiert. Jetzt halten wir auch juristisch und politisch dagegen.

Michael Schirp, Sprecher des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Eishockey-Nationalspieler Moritz Müller wurde bei einem Spiel seines Klubs Kölner Haie gegen Ingolstadt wegen eines Fouls vom Platz gestellt. Auf Instagram schrieb ein Unbekannter am 7. Januar 2024 unter ein Bild Müllers mit seinen drei Kindern, dass er für diese Leistung die Kinder des Sportlers töten würde.

Leichtathlet Owen Ansah ist der erste Deutsche, der die 100 Meter in unter zehn Sekunden lief. Nach seinem Rekordlauf bei den deutschen Meisterschaften in Braunschweig am 29. Juni 2024 hagelte es rassistische Kommentare in den sozialen Medien.

Brutale Fouls im Netz

Digitale Gewalt im Spitzensport

Fußballerin Sharon Beck vom SV Werder Bremen erhielt im August 2024 bei X (ehemals Twitter) eine antisemitische Hass-Nachricht, in der der israelischen Nationalstürmerin und ihrer Familie der Tod gewünscht wird.

Es sind fünf Beispiele aus drei Sportarten, die zeigen: Es sind keine Einzelfälle. Ob Sieg oder Niederlage, freudiges Ereignis oder Rekord. Hassbotschaften sind für Spitzensportlerinnen und Spitzensportler trauriger Alltag. Die Kommentare sind antisemitisch, rassistisch, homophob, bösartig und bedrohlich.

„Cybermobbing ist bereits seit vielen Jahren ein sehr ernst zu nehmendes Problem“, sagt Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Fußballer-Spielergewerkschaft VDV. Michael Schirp, Sprecher des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), resümiert: „Wir haben auf Hass und Hetze lange jeweils im Einzelfall reagiert. Wir sind aber inzwischen an einen Punkt gekommen, wo das, ebenso wie bloße Bekenntnisse oder Solidaritätsbekundungen mit Betroffenen, nicht mehr ausreicht. Wir halten jetzt auch juristisch und politisch dagegen.“

II. Ein Wendepunkt

Die Weltmeisterschaft der deutschen U17-Fußballer im Winter 2023 in Indonesien markiert einen Wendepunkt im Umgang der großen Sportverbände und Vereine mit dem Thema Hass und Hetze. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte zum Einzug der Nachwuchs-Kicker ins Viertelfinale ein Bild der vier deutschen Nationalspieler Paris Brunner, Charles Herrmann, Almugera Kabar und Fayssal Harchaoui auf seinem Facebook-Account gepostet. Unter dem Bild liefen dermaßen viele rassistische Kommentare ein, dass der DFB sich gezwungen sah, die Kommentarfunktion abzuschalten. Kurz zuvor waren bei der U21-EM in Georgien und Rumänien bereits die deutschen Nationalspieler Youssoufa Moukoko und Jessic Ngankam rassistisch beleidigt worden. Sie hatten jeweils einen Elfmeter im Spiel gegen Israel verschossen. „Wenn wir gewinnen, sind wir alle Deutsche. Wenn wir verlieren, kommen diese Affen-Kommentare“, sagte der damals 18-jährige Moukoko. Die Vorfälle wirkten wie ein Weckruf für die Verbände.

Mit Blick auf sportliche Großereignisse wie die Fußball-Europameisterschaft in Deutschland und die Olympischen Spiele in Paris intensivierten Sportverbände wie der DFB, der DOSB oder die Deutsche Fußball Liga (DFL) gemeinsam ihren Kampf gegen Hassrede. Denn solche Großereignisse bieten nicht nur den Aktiven eine große Bühne, sondern auch den Verfassern von Hassbotschaften im Netz. „Wer meint, im Stadion oder beim Sport überhaupt sei es okay, da dürfe man auch mal rassistische, homophobe, antisemitische oder muslimfeindliche Sprüche raushauen, der irrt gewaltig“, teilte DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann mit, als die großen Sportverbände im Mai 2024 eine neue Allianz aus Verbänden und Strafermittlern vorstellten. „Fair Play endet nicht an der Seitenlinie.“

 

Eine Illustration, die ein wütendes Smiley zeigt

Böse Fouls in den sozialen Medien gegen Spitzensportlerinnen und Spitzensportler sollen seitdem verstärkt auf den Schreibtischen der Staatsanwaltschaften landen: Seit Mai 2024 kooperieren die Sportverbände offiziell mit der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) bei der Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt am Main. Die Verbände arbeiten eng mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen und erstatten Strafanzeigen, wenn gewalttätige, rassistische oder diskriminierende Sprache verwendet wird.

Dass die Sorge der großen Verbände begründet war, zeigte sich dann während der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland und den Olympischen Spielen in Paris. Nach Angaben des hessischen Justizministeriums hat die ZIT allein bis Juli 2024 mehr als 1.000 Hasskommentare gemeldet bekommen und davon mehr als 800 strafrechtlich relevante Hasskommentare identifiziert, die sich allein auf das DFB-Team bezogen. Eine abschließende Auswertung sei derzeit in Arbeit, teilte die ZIT auf Anfrage des WEISSEN RINGS mit. Bei den Olympischen Spielen in Paris registrierte die Athletenkommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) mehr als 8.500 gezielte Beschimpfungen gegen Athletinnen und Athleten sowie ihr Umfeld.

III. Online-Hass in der Bundesliga

In der Fußball-Bundesliga entstanden zeitgleich mehrere Allianzen aus Justiz, Polizei und Fußballvereinen. In Bayern gibt es eine Kooperation des bayerischen Fußball-Verbandes mit der Münchner Generalstaatsanwaltschaft. Einem Aufruf des Fußball-Bundesligisten VfL Bochum unter dem Motto „Wer hetzt, verliert“ haben sich sämtliche NRW-Klubs der Bundesliga und 2. Bundesliga angeschlossen, sie kooperieren seit April 2024 mit der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime Nordrhein-Westfalen (ZAC NRW) bei der Staatsanwaltschaft Köln. Der VfL Bochum hatte die Kooperation bereits im Dezember 2023 ins Leben gerufen.

Ex-Bundesliga-Profi Andreas Luthe, der seine aktive Profilaufbahn in diesem Jahr beim VfL Bochum beendete, saß bei der Auftaktveranstaltung auf dem Podium. Der Fußballer erlebte im Januar 2023 selbst, wie es sich anfühlt, das Ziel von Hass und Hetze zu sein. Der Torwart hatte mit dem 1. FC Kaiserslautern, bei dem er damals noch unter Vertrag stand, ein Spiel in Hannover gewonnen. Er selbst hatte mit guten Paraden in der Schlussphase maßgeblichen Anteil an dem Sieg. Eigentlich ein schöner Tag für Luthe, doch es folgte kübelweise Hass. „Bekomme ganz widerliche Nachrichten von @Hannover96-#Fans. Wusste gar nicht, dass Familien den Tod zu wünschen so in Mode geraten ist. Der Trend ist an mir vorbeigegangen…“, schrieb Luthe damals auf seinem Twitter-Account.

Der Verein mit der größten Social-Media-Reichweite unter den an „Wer hetzt, verliert“ beteiligten Klubs ist Borussia Dortmund. Der BVB hat bei Instagram 21 Millionen Follower, bei Facebook 15 Millionen und bei „X“ (ehemals Twitter) fast 4,5 Millionen.

Ein Foto zeigt Julian Bente. Er arbeitet beim Fußballverein Borussia Dortmund.

Schwer beschäftigt: Julian Bente aus dem Social-Media-Team von Borussia Dortmund. Foto: Hendrick Decker/BVB

Dortmund, im August 2024. Im Raum „Berlin“ im fünften Stock der Geschäftsstelle des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund hängen großformatige Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Jahre 1989. Eines zeigt den jubelnden Kapitän Michael Zorc. Auf einem anderen reckt Andreas Möller im BVB-Trikot den DFB-Pokal in die Höhe, daneben steht lachend Norbert Dickel, der heutige Stadionsprecher des BVB. Mit Anfeindungen auf Social Media mussten sich diese drei ehemaligen Fußballprofis damals nicht beschäftigen. Heute steht das Thema sehr weit oben auf der Agenda des Vereins.

„Ein entschlossenes Vorgehen gegen Hate Speech im Netz ist uns bei Borussia Dortmund enorm wichtig“, sagt Sascha Fligge, Direktor Kommunikation beim BVB, der Redaktion des WEISSEN RINGS. „Dank verschiedener Maßnahmen haben wir die Möglichkeit, die Verfasser von Hasskommentaren strafrechtlich zu verfolgen und unsere Spieler somit noch besser zu schützen. Auch mit Blick auf die Größe unserer Kanäle arbeiten wir weiter daran, unsere Kommentarspalten in den sozialen Medien so sauber wie möglich zu halten.“

Julian Bente aus dem Social-Media-Team und Syndikus-Anwältin Kristina Rothenberger betreuen bei Borussia Dortmund das Projekt „Wer hetzt, verliert“. „Wenn Kommentare oder Nachrichten im Netz nicht mehr bloß freie Meinungsäußerungen sind, können wir jetzt über dieses digitale System Anzeige erstatten“, erklärt Rothenberger. „Wir wollen deutlich machen, dass es bei aller Emotion und Leidenschaft im Sport auch Grenzen gibt – das Internet ist kein rechtsfreier Raum“, ergänzt die Syndikus-Anwältin, beim BVB zuständig für alle rechtlichen Belange auf und neben dem Platz.

„Wer hetzt, verliert“ funktioniert so:

Die Vereine dokumentieren die Fälle, machen Screenshots und sammeln alle verfügbaren Informationen zum Absender der Hassbotschaften. Diese Dokumente werden dann auf dem Computer einfach in einen Ordner geschoben und landen über eine Schnittstelle bei der ZAC. Dort überprüfen die Expertinnen und Experten die angezeigten Posts auf strafrechtliche Relevanz und leiten im Verdachtsfall Ermittlungsverfahren ein. „Insgesamt besteht ein sehr enger Austausch mit den beteiligten Vereinen. Konkrete Sachverhalte werden daher teils im Vorfeld einer Anzeigenerstattung auch telefonisch erörtert“, schildert Staatsanwalt Dr. Christoph Hebbecker, Pressesprecher der ZAC NRW. Doch häufig gestaltet sich die Identifizierung der hinter den Kommentaren stehenden Personen schwierig – nicht zuletzt, weil die Polizei hierbei auf die Kooperation großer Plattform-Betreiber wie Meta oder Google angewiesen ist.

"Ich werde attackiert, weil ich schwarz bin, meine Frau Ellen, weil sie mit einem Schwarzen zusammen ist."

Dennis Schröder, Basketball-Nationalspieler (Quelle: Der Spiegel)

Nach Spielen des BVB werden die Vereinskanäle mit Hunderten Kommentaren geflutet, besonders bei Niederlagen. „Kritik an den Spielern ist völlig in Ordnung, aber sobald es ausfallend wird, reagieren wir“, sagt Julian Bente. „So traurig das ist, es wird gefühlt immer mehr.“ Mehr Kanäle, mehr Follower, mehr Hass. Besonders bedrückend: An Aktionsspieltagen der Deutschen Fußball Liga gegen Rassismus oder Antisemitismus ist der Anteil von Hass und Hetze in den sozialen Netzwerken besonders hoch. Als Borussia Dortmund in der Saison 2022/2023 in Gladbach im Regenbogen-Trikot als Zeichen für mehr Vielfalt und gegen jede Form von Diskriminierung auflief und das Spiel verlor, folgten mehrere Tausend negative bis beleidigende Kommentare auf der Facebook-Seite des BVB. Auf dem Bild, an dem sich die Leute damals abgearbeitet haben, war lediglich das Trikot zu sehen, auf dem die Logos der Sponsoren in Regenbogenfarben leuchteten. „Das war wirklich krass“, erinnert sich Bente, der an diesem Tag stundenlang am Laptop saß und die übelsten Kommentare händisch ausblenden musste.

Heute setzt der BVB zusätzlich zum menschlichen Community-Management des Social-Media-Teams auf die Hilfe einer KI, um die Masse der Kommentare auf den klubeigenen Kanälen zu sichten. Das Filterprogramm „GoBubble“ durchsucht Instagram, Facebook und Twitter nach vorgegebenen Wörtern und Emojis und blendet anstößige Beiträge automatisch aus. Der Clou: Während der Kommentar für alle anderen ausgeblendet ist, wird dieser dem Verfasser weiter angezeigt. „So fühlt er sich nicht dazu animiert, weitere Hasskommentare nachzulegen, wie es sonst nach dem Löschen erfahrungsgemäß passiert“, erklärt Bente.

„Oft findet man Hass und Hetze auf unseren offiziellen und öffentlichen BVB-Kanälen, die wir im Social-Media-Team betreuen – aber uns war es besonders wichtig, die Spieler beim Projekt ‚Wer hetzt, verliert‘ mit ins Boot zu nehmen. Denn wir wissen, dass sie in ihren Privatnachrichten noch sehr viel heftiger angefeindet werden als unter unseren öffentlichen Beiträgen“, sagt Bente. Kristina Rothenberger informierte die Spieler von den Profis bis zur U17 über die neue Kooperation. Das seien sehr gute Gespräche gewesen, in denen die Spieler offen erzählt hätten, welche Erfahrungen sie mit Hass und Hetze machen und wie sie damit umgehen. Und das sei sehr unterschiedlich.

"Wir wollen schon bei unseren Jugendspielern die Weichen stellen. und sie dafür sensibilisieren, dass es keine Schwäche ist, darüber zu sprechen, und dass Beleidigungen und Bedrohungen durch keine Rote Karte, keinen verschossenen Elfmeter oder sonst wie zu rechtfertigen sind."

Kristina Rothenberger

„Eine Fußballmannschaft ist sehr divers“, sagt Rothenberger. Das Team vereint Spieler vom 17- bis zum 35-Jährigen, vom Introvertierten bis zum Extrovertierten. Manche glauben, Hass auszuhalten gehöre dazu im Profisport, andere nehmen sich das sehr zu Herzen, wieder andere bleiben den sozialen Netzwerken gleich ganz fern. „Wir wollen schon bei unseren Jugendspielern die Weichen stellen und sie dafür sensibilisieren, dass es keine Schwäche ist, darüber zu sprechen, und dass Beleidigungen und Bedrohungen durch keine Rote Karte, keinen verschossenen Elfmeter oder sonst wie zu rechtfertigen sind“, sagt Rothenberger.

Manchmal staunen Rothenberger und Bente über die Urheber der Hassnachrichten. „Nicht wenige setzen sich sogar hin und schreiben eine E-Mail – teilweise mit Klarnamen“, sagt Rothenberger. „Wir beobachten, dass gerade nach Niederlagen unserer Mannschaft viel Hass und Hetze kommen“, so Bente. „Und es kommt auch nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus dem Ausland.“

Seit dem Projektstart von „Wer hetzt, verliert“ im Frühjahr 2024 haben die beteiligten Vereine aus der 1. und 2. Liga nach Angaben der ZAC NRW insgesamt 16 Anzeigen erstattet. In zehn Fällen wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Von diesen zehn Ermittlungsverfahren wurden fünf eingestellt, da ein Beschuldigter nicht ermittelt werden konnte. In einem Verfahren konnte ein Beschuldigter ausfindig gemacht werden. Das Verfahren wurde an die örtlich zuständige Staatsanwaltschaft Bielefeld abgegeben. In den übrigen Verfahren dauern die Ermittlungen noch an. „Tatvorwurf war zumeist Beleidigung, teils aber auch Bedrohung oder Volksverhetzung“, sagt ZAC-Sprecher Hebbecker.

„Facebook ist besonders toxisch“

Dr. Daniel Nölleke erforscht das Thema Online-Hass im Leistungssport an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Er spricht im Interview über Hass bei den Olympischen Spielen in Paris, über Gruppendynamik in Fankurven und erklärt, warum er den Einsatz von künstlicher Intelligenz gegen Hassrede im Internet problematisch findet.

Acht der 16 bei der ZAC NRW eingegangenen Anzeigen hat Borussia Dortmund gestellt. „Wir konzentrieren uns dabei auf Fälle, bei denen es uns realistisch erscheint, dass diese auch strafrechtlich verfolgt werden können“, erläutert die BVB-Anwältin. Manche Dinge seien zwar schwer erträglich zu lesen, hätten aber noch nicht die Hürde zur Strafbarkeit genommen. Während Bedrohungen oft klar einzuordnen seien, sei das bei Beleidigungen schon schwieriger. Zumal die beleidigte Person laut Paragraf 194 im Strafgesetzbuch selbst einen Strafantrag stellen muss. „Es würde sehr viel vereinfachen, wenn wir das allein als Verein machen könnten, um die Spieler zu schützen“, sagt Rothenberger. Eine rechtliche Hürde, die DFB und DOSB bereits an die Politik adressiert haben.

Im Juni 2024 beschäftigten sich die Justizministerinnen und Justizminister der Länder mit dem Phänomen Hate Speech im Zusammenhang mit sportlichen Wettkämpfen. Die Justizministerkonferenz erkannte dabei eine Zunahme von Hass und Hetze nicht nur im Bereich des Sports, sondern nahm „mit Sorge eine gesamtgesellschaftliche Zunahme von rassistischen, antisemitischen oder sonstigen menschenverachtenden Beleidigungen zur Kenntnis“, wie es in einem ihrer Beschlüsse heißt. Die Justizministerkonferenz bat deshalb Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP), bis zu ihrer Herbstkonferenz im November 2024 zu prüfen, „ob Beleidigungen, die einen rassistischen, antisemitischen oder sonstigen menschenverachtenden Inhalt haben oder von derartigen Beweggründen getragen sind (sog. Hate Speech) und damit die Grundwerte eines freiheitlich-demokratischen Gemeinwesens berühren, unabhängig vom Vorliegen eines Strafantrags verfolgbar sein sollten“. Der Ball liegt jetzt also bei Bundesjustizminister Buschmann.

IV. Die Spitze des Eisbergs

Die Sportpsychologin Marion Sulprizio von der Deutschen Sporthochschule Köln geht davon aus, dass die Dunkelziffer bei von Hass und Hetze betroffenen Sportlerinnen und Sportlern sehr hoch ist. Als Geschäftsführerin von „MentalGestärkt“, einer Initiative zur psychischen Gesundheit im Leistungssport, hat sie am Psychologischen Institut der Sporthochschule direkt mit Betroffenen zu tun. „Wir sehen in der Praxis nur die Spitze des Eisbergs. Der Leistungsdruck im Spitzensport ist ohnehin sehr hoch. Gerade in der Sportwelt wird es leider immer noch viel zu häufig mit Schwäche assoziiert, sich zu outen und zu sagen: Das hat mich sehr verletzt, das setzt mir zu, mir geht’s nicht gut“, sagt Sulprizio. Trainer oder Betreuerinnen sollen von der Verletztheit möglichst nichts erfahren, weil Betroffene fürchten, dann nicht mehr aufgestellt zu werden. Sponsoren sollen es nicht wissen, weil sie abspringen könnten. Kurzum: Es soll nicht öffentlich werden.

Das Foto zeigt Marion Sulprizio. Sie blickt in die Kamera. Hinter ihr an der Wand sieht man das Logo der Deutschen Sporthilfe.

Geht von einer sehr hohen Dunkelziffer aus: Sportpsychologin Marion Sulprizio. Foto: DSHS

Dabei sei die Wucht von Hass und Hetze im Leistungssport nicht zu unterschätzen, sagt Sulprizio: „Früher haben einen die Fans von der Tribüne beschimpft oder mal einen bösen Brief geschrieben. Das waren punktuelle Ereignisse. In Zeiten von Social Media sind Hass und Hetze aber allgegenwärtig.“ Millionen Menschen können bösartige Kommentare zu Leistung, Aussehen oder Gewicht der Sportlerinnen und Sportler lesen. Das könne bei Betroffenen ein massives Gefühl der Ungerechtigkeit und Selbstzweifel auslösen. Bedrohungen seien eine weitere Form digitaler Gewalt. Die Sportpsychologin zählt auf: „Depressionen, Essstörungen oder Angst – die potenziellen Auswirkungen bilden eine breite Palette psychischer Erkrankungen ab.“ „Die Krux ist, dass sie die Social-Media-Kanäle heute für ihre Karriere brauchen. Die können sie nicht einfach ausschalten – da geht es schlicht auch um Reichweiten und Verdienstmöglichkeiten.“ Viele Sportlerinnen und Sportler halten über Social-Media-Accounts Kontakt zu ihren Fans und bauen sich selbst als Marke auf.

V. Auf der Suche nach Auswegen

Wenn der Sport ein Spiegel der Gesellschaft ist, dann wird hier deutlich, dass sich gesellschaftlich etwas massiv verschoben hat. „Es ist sehr offensichtlich, dass da Grenzen verschoben worden sind in Bezug auf Hass und Hetze – auch weil es so vorgelebt wird von populistischen Politikerinnen und Politikern“, sagt Dr. Daniel Nölleke, Juniorprofessor an der Deutschen Sporthochschule Köln. „Weil immer seltener zwischen Fakten und Meinungen getrennt wird. Weil es schnell heißt, das ist ‚Cancel Culture‘ oder ‚Hier wird meine Redefreiheit eingeschränkt‘, sobald etwas gegen Hassrede gesagt wird.“ Dabei spiele die vermeintliche Anonymität im Internet gar nicht die entscheidende Rolle. „Die Leute machen das sehr oft unter ihren Klarnamen“, sagt Nölleke.

„Ich glaube schon, dass man eine Grundhaltung haben muss, dass das in unserer Gesellschaft niemals normal sein darf“, sagte Fußballer Andreas Luthe in einem Interview mit dem SWR. „Ich bin schon der Meinung, dass man Kritik an mir üben darf und ich als Person des öffentlichen Lebens das zu akzeptieren habe“, sagte Luthe zum Auftakt der Allianz „Wer hetzt, verliert“ in Bochum. „Aber sobald es konkrete Drohungen gegen das Leben von mir oder meiner Familie betrifft, dann ist eine Grenze überschritten.“ Er selbst habe die Kommentarfunktion unter seinen Social-Media-Beiträgen abgeschaltet, wenn es wieder mal zu heftig wurde. Peter Schmitt vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) sagt: „Die einen gehen aktiv gegen Diffamierung vor wie Malaika Mihambo. Andere holen sich eine Beratung über den DLV, und wieder andere ignorieren die Posts.“ Die Spielergewerkschaft VDV hat, so erzählt es Geschäftsführer Ulf Baranowsky, aufgrund zahlreicher Hinweise von Spielern unterschiedliche Hilfsangebote entwickelt, von der Rechtsberatung über psychologische Unterstützung bis zu Präventionsschulungen.

Die Moderatorin Lola Weippert steht vor einem roten Hintergrund. Das Foto wurde sichtlich zerkratzt und soll so auf digitale Gewalt aufmerksam machen.

Jetzt reicht es uns!

Der Hass im Netz trifft immer öfter Prominente – und viele von ihnen wollen die digitale Gewalt nicht mehr hinnehmen.

Ein ernüchterndes Fazit zog Ex-Bayern-Trainer Julian Nagelsmann damals im April 2022 bei der Pressekonferenz angesichts der 450 Morddrohungen gegen ihn und seine Mutter: Natürlich könne man das alles anzeigen, aber da werde er nicht mehr fertig. Er lösche diese Kommentare einfach blockweise.

Fußballerin Svenja Huth hat sich mittlerweile für viele völlig überraschend aus der Frauen-Nationalmannschaft zurückgezogen. Die Zeit, so wird sie in einer Mitteilung des DFB zitiert, war „sowohl körperlich als auch mental herausfordernd sowie kräftezehrend, so dass ich für mich zu dem Entschluss gekommen bin, meine Karriere in der Nationalmannschaft zu beenden“. Sie spielt weiter in der Bundesliga für den VfL Wolfsburg.

Eishockey-Profi Moritz Müller hat den Verfasser der bedrohlichen Nachricht angezeigt. „Man ist ja doch einiges gewohnt und hat schon einiges gelesen über sich selber, aber das war für mich auf jeden Fall noch mal eine Grenze, die dort überschritten wurde“, sagte er der Redaktion des WEISSEN RINGS. „Das hat mich schon erschüttert.“

Werder Bremen hat den antisemitischen Hassbeitrag gegen die Spielerin Sharon Beck selbst öffentlich gemacht. „Wir haben das Vorgehen intern und gemeinsam mit der Spielerin diskutiert und den Entschluss gefasst, den Post unzensiert abzubilden, um zu zeigen, was Jüdinnen und Juden in Deutschland aktuell an antisemitischem Hass erleben müssen“, teilte der Verein auf Anfrage der Redaktion des WEISSEN RINGS mit. „Die Veröffentlichung des Absenders sollte eine abschreckende Wirkung erzielen.“ Sharon Beck selbst sagte: „Leider ist es nicht das erste Mal, dass ich für meine Herkunft angefeindet worden bin. Ich bin dem Verein, allen Verantwortlichen und Fans unglaublich dankbar für diese herzergreifende Unterstützung. Das bedeutet mir und meiner Familie sehr viel.“

Ein Foto des Leichtathleten Owen Ansah. Er schaut nach einem Lauf nach oben.

Wünscht sich eine Bestrafung der Täter: Owen Ansah. Foto: Sven Hoppe/dpa

Nach den rassistischen Angriffen auf den Leichtathleten Owen Ansah hat sich auch der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) der Kooperation von DFB und DOSB mit der Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt am Main angeschlossen. Der Schutz der Athletinnen und Athleten vor Diffamierung, Rassismus und persönlichen Beleidigungen sei dem Verband besonders wichtig, sagt DLV-Mediendirektor Peter Schmitt. Und Owen Ansah? Dem ARD-Mittagsmagazin sagte der deutsche Rekordsprinter, ihn beschäftigten die rassistischen Beleidigungen wenig: „Ich lese mir das gar nicht erst durch. Ich konzentriere mich in meinem Leben sowieso nicht auf die negativen Sachen.“ Und doch fügte er hinzu: „Ich würde mir wünschen, dass die Leute, die das schreiben, einfach damit aufhören. Und dass sie ihre gerechte Strafe dafür bekommen.“

Dass es sich lohnt, Hassbotschaften anzuzeigen und Verfasser ausfindig zu machen, vielleicht auch nur zur Abschreckung anderer, zeigen Beispiele der beiden Fußball-Nationalspieler Antonio Rüdiger und Benjamin Henrichs.

Antonio Rüdiger wurde rassistisch beleidigt und wehrte sich mithilfe seines Vereins Real Madrid juristisch gegen den Verfasser der Hassbotschaften. Der Mann hatte unter verschiedenen Pseudonymen in der Online-Ausgabe der spanischen Fußball-Zeitung „Marca“ rassistisch gegen den Spieler gehetzt. Spanische Behörden ermittelten den Verfasser. Ein Gericht verurteilte ihn zu einer achtmonatigen Bewährungsstrafe. Real Madrid bedankte sich in einer Mitteilung über den Fall bei Fans, die die Kommentare entdeckt und den Behörden sowie dem Verein gemeldet hatten.

Der Autor dieses Beitrags ist freier Journalist in Münster und schreibt regelmäßig für die Redaktion des WEISSEN RINGS. Für seine journalistische Arbeit wurde er unter anderem ausgezeichnet mit dem Ernst-Schneider-Preis und dem Journalistenpreis Münsterland. Von 2020 bis 2022 hat Klemp für Borussia Dortmund auf freier Basis Newsletter verfasst.

Benjamin Henrichs von RB Leipzig hat rassistische Angriffe und Nachrichten der Kategorie „Ich werde dich und deine Familie finden …“ erhalten, wie er selbst bei TikTok öffentlich machte. Besonders die Sprachnachrichten hätten ihn hart getroffen, erzählte Henrichs dem YouTuber Bilal Kamarieh, weil er da realisiert habe,

In einem weiteren Fall wählte Henrichs einen anderen, eher ungewöhnlichen Weg: Er recherchierte, so erzählt er es auf YouTube, mit Team-Kollegen die Telefonnummer der Familie des erst 16-jährigen Hass-Kommentators und rief kurzerhand den Vater an. „Weißt du, was dein Junge im Internet macht? Weißt du, was der mir schreibt?“ Henrichs las ihm die Nachricht vor. Der Vater sei geschockt gewesen und habe sich für seinen Jungen geschämt. Der Mann habe seinen Sohn von der Schule abgeholt. Am Telefon entschuldigte sich der Junge kleinlaut bei Henrichs. „Ich habe ihm gesagt: Schämst du dich nicht? Dein Vater schämt sich für dein Verhalten.“ Der Junge, der im Internet so deutliche Worte voller Hass gegen Henrichs gefunden hatte, habe im persönlichen Gespräch am Telefon kein Wort mehr rausgebracht.

Wie KI den Hass im Netz bekämpft

Erstellt am: Montag, 7. Oktober 2024 von Torben

Wie KI den Hass im Netz bekämpft

Ist künstliche Intelligenz (KI) das Mittel gegen Hass und Hetze im Internet? Offizielle Meldestellen wie die Landesmedienanstalten oder „Hessen gegen Hetze“ nutzen seit Jahren smarte Technologien.

Melanie Siegel ist Leiterin des Forschungsprojekts BoTox. Foto: privat

Der brasilianische Fußballstar Vinicíus Júnior, Deutschlands schnellster Sprinter Owen Ansah, die deutsche Biathletin Vanessa Voigt – sie alle erlebten in sozialen Medien schon eine Welle von Hasskommentaren. „Man liest immer wieder von Athletinnen und Athleten, die sich auf Social Media mit schlimmsten Anfeindungen und Beschimpfungen konfrontiert sehen“, sagt auch Thomas Weikert, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). „Das wollen wir nicht länger dulden.“ Zu den Olympischen Spielen und den Paralympics hat der DOSB seinen Athletinnen und Athleten einen Hate-Speech-Filter angeboten, der Hasskommentare in Echtzeit erkennt und blockiert. Die Kommentare werden gespeichert, um sie in justiziablen Fällen an Strafverfolgungsbehörden weiterzugeben.

Laut einer Studie der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen (LFM NRW) haben mehr als 70 Prozent der Internetnutzerinnen und -nutzer in Deutschland bereits Hasskommentare online gesehen oder selbst erlebt. Die Landesmedienanstalten sind im Rahmen der Medienaufsicht auch für Internet-Dienste und Plattformen zuständig. Seit Jahren setzen sie KI-Tools ein, um Hass und Hetze im Internet aufzuspüren und zu bekämpfen. Früher durchsuchten studentische Hilfskräfte manuell Hunderte Kommentarspalten und Social-Media-Posts nach potenziellen Rechtsverstößen. Die Inhalte reichten von Holocaustleugnung über Volksverhetzung bis zu frei zugänglicher Pornografie. „Das war weder besonders effizient noch mitarbeiterschützend“, sagt die zuständige Referentin Barbara Banczyk. „Es war eine Sisyphus-Arbeit, bei der wir oft unvermittelt mit drastischen Inhalten konfrontiert wurden.“

Ein Foto zeigt Bundestrainer Julian Nagelsmann

Brutale Fouls im Netz

Sie werden bewundert und gefeiert, aber auch mit Hassbotschaften überhäuft und mit dem Tode bedroht: Spitzensportlerinnen und Spitzensportler sind in den sogenannten sozialen Netzwerken in hohem Maße digitaler Gewalt ausgesetzt. Eine Spurensuche in der Welt des Leistungssports.

Um effizienter zu arbeiten und die Mitarbeitenden besser zu schützen, kooperiert die Landesmedienanstalt NRW seit August 2020 mit dem Berliner IT-Unternehmen Condat. Das Ergebnis ist ein Software-Programm namens KIVI, eine Wortschöpfung aus KI und „vigilare“ (lat. „wachsam sein“). Das KI-Werkzeug durchsucht täglich bis zu 10.000 Seiten im Internet – darunter klassische Webseiten und Plattformen wie Telegram, TikTok oder X. Es ist auf potenziell strafbare Texte, Bilder und Videos trainiert, sucht nach Tausenden Stichworten und zeigt die Funde in einem Ticketsystem an. Zum Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lässt sich jeder Arbeitsplatz so einstellen, dass explizite Inhalte im Vorschaubild nur unscharf dargestellt werden.

Barbara Banczyk ist Referentin der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen. Foto: LFM NRW

„Die Verstöße lassen sich jetzt priorisieren und entsprechend der Schwere abarbeiten“, sagt Banczyk und beschreibt damit einen weiteren großen Vorteil von KIVI gegenüber der manuellen Recherche. Die Bilanz: Allein die LFM in Nordrhein-Westfalen hat seit dem Start von KIVI im März 2021 bis Anfang Juli 2024 von insgesamt mehr als 43.000 Funden rund 38.300 überprüft und so 8.279 Verstöße bestätigt. „KIVI recherchiert für uns viel breiter nach rechts und links, und unsere Trefferquote hat sich deutlich erhöht“, sagt Banczyk. Die Anzahl der Strafanzeigen an die Staatsanwaltschaft konnte mehr als verdoppelt werden. „Wir sehen KIVI als Unterstützung für Menschen und nicht als Ersatz“, betont Banczyk. Die Verantwortung müsse am Ende beim Menschen liegen. Juristinnen und Juristen der Landesmedienanstalten bewerten die Inhalte final.

Das Modell kam gut an: Seit April 2022 nutzen alle 14 Landesmedienanstalten KIVI und tauschen sich bundesweit über ihre Arbeit aus. KIVI verhindert durch das Ticketsystem, dass alle Landesmedienanstalten dieselben Posts bearbeiten. Das Programm wird fortlaufend optimiert, durch die größeren Datenmengen lernt es stetig dazu. Landesmedienanstalten können die entdeckten Inhalte nicht selbst löschen, sondern melden sie den Plattformen oder bringen sie zur Anzeige. Über eine Schnittstelle können sie ihre Strafanzeigen direkt aus KIVI an die Zentrale Meldestelle für Internetkriminalität beim Bundeskriminalamt (ZMI) senden. Die ZMI leitet die Fälle zur weiteren Strafverfolgung an die zuständigen Landeskriminalämter weiter. Nach Feststellung der Strafbarkeit der Inhalte kümmern sich die Landesmedienanstalten um die medienrechtliche Verfolgung – also um die Aufforderung zur Löschung bei den Plattformen.

„Man muss immer up to date sein“

Dr. Melanie Siegel

Einen anderen Ansatz verfolgen Forschende der Hochschule Darmstadt, die zwei KI-basierte Softwareprogramme entwickelt und der Meldestelle „Hessen gegen Hetze“ zur Verfügung gestellt haben. DeTox steht für „Detektion für Toxizität“ und BoTox für „Bot- und Kontexterkennung im Umfeld von Hasskommentaren“. „DeTox durchsucht das Netz nicht aktiv selbst, sondern unterstützt die Meldestelle dabei, die von Nutzerinnen und Nutzern eingehenden Meldungen nach strafrechtlicher Relevanz zu sortieren und zu priorisieren“, erklärt Professor Dr. Melanie Siegel (Foto ganz oben), Leiterin des Forschungsprojekts von der Hochschule Darmstadt. BoTox geht noch einen Schritt weiter und erkennt mittlerweile gut, ob ein Mensch die Hasskommentare geschrieben hat oder ein Bot, also ein Roboter.

„Eines unserer größten Probleme ist es, dass sich die Themen mitunter schnell ändern. Im Jahr 2019, aus dem unser großer Datensatz stammt, gab es zum Beispiel noch kein Corona“, sagt Siegel. Das erfordert ein permanentes Nachtrainieren und ständiges Aktualisieren der Daten. Beleidigungen und Schimpfwörter ändern sich ebenfalls. „Man muss immer up to date sein“, so Siegel. Lebenslanges Lernen gilt auch für KI. Die Maschine lernt anhand der Daten, was potenziell strafbarer Inhalt ist und was freie Meinungsäußerung. Diese KI-unterstützten Sprachtechnologien extrahieren aus vorhandenen Daten Merkmale und versuchen so, neue Inhalte danach zu klassifizieren. „Danach muss immer noch ein Mensch draufgucken“, sagt Siegel. „Ich würde die Entscheidung am Ende nie einer Maschine überlassen.“

Blick auf den BoTox- Bildschirm: Ampelfarben signalisieren, wie toxisch ein Online-Kommentar ist.

Die Forschung zu Hasskommentaren kommt nicht überall gut an. Die hessische Landtagsfraktion der AfD wittert in einer Kleinen Anfrage an die Landesregierung eine „ideologische Nutzung von künstlicher Intelligenz an der Hochschule Darmstadt“. Melanie Siegel sagt: „In unserem Forschungsprojekt geht es darum, Strafverfolgungsbehörden dabei zu unterstützen, strafrechtlich relevante Hasspostings schneller erkennen und priorisieren zu können. Das hat nichts mit Ideologie zu tun.“

Der Vorwurf der rechtspopulistischen Partei greift aus Siegels Sicht noch aus einem anderen Grund ins Leere. Die Professorin und ihr Team haben bereits bei der Entwicklung ihrer KI-Programme im Rahmen des Forschungsprojekts viele Hasskommentare zu den unterschiedlichsten Themen im Netz gesammelt, um die KI damit zu trainieren. Es zeigte sich: „Das meiste davon kam aus der rechtsradikalen Ecke.“ Für die Entwicklung der KI-Tools war das ein Problem. „Wenn man so einen unausgewogenen Datensatz hat, erkennt unser Tool Hass von links überhaupt nicht. Also habe ich meine Mitarbeitenden damit beauftragt, gezielt Hate Speech aus der linksextremistischen Ecke zu suchen und mit in unseren Datensatz aufzunehmen. Es war gar nicht so einfach, dies in ausreichender Menge zu finden, aber wir haben es geschafft.“

„Facebook ist besonders toxisch“

Dr. Daniel Nölleke erforscht das Thema Online-Hass im Leistungssport an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Er spricht im Interview über Hass bei den Olympischen Spielen in Paris, über Gruppendynamik in Fankurven und erklärt, warum er den Einsatz von künstlicher Intelligenz gegen Hassrede im Internet problematisch findet.

Melanie Siegel denkt im Rahmen des Forschungsprojekts wissenschaftlich, nicht in politischen Kategorien. „Menschen zu bedrohen, zu diskriminieren oder zu beleidigen hat mit politischer Ausrichtung nichts zu tun, sondern ist in jedem Fall verwerflich, teilweise sogar strafbar“, sagt Siegel. „Mich stört es sehr, dass dieser Hass mittlerweile so normalisiert wird. Das ist eine Tendenz, die mir gesellschaftlich überhaupt nicht behagt.“

Professor Dr. Melanie Siegel und ihr Team suchen weiter nach dem besten digitalen Helfer gegen den Hass im Netz. Jetzt geht es im Forschungsprojekt BoTox bis mindestens Januar 2025 darum, wie sich Hasskommentare über Netzwerke von Personen und Gruppen hinweg fortpflanzen. Und um die zentrale Frage: Wie lässt sich der Hass im Netz stoppen?

Ob der KI-Einsatz während der Olympischen Spiele in Paris Sportlerinnen und Sportler vor Hasskommentaren geschützt hat, ist indes noch unklar. Nach Angaben eines DOSB-Sprechers seien die Daten noch nicht ausgewertet.

“Eine kleine Narbe bleibt immer“

Erstellt am: Montag, 7. Oktober 2024 von Torben

“Eine kleine Narbe bleibt immer“

Moritz Müller spielt in der DEL. Der Profi der Kölner Haie sah sich Anfang 2024 mit einer Hassnachricht konfrontiert. Ein Gespräch über die Folgen.

Ein Eishockeyspieler bewegt sich in Schräglage auf dem Eis.

Moritz Müller ist Eishockey-Profi. Foto: Kölner Haie

Eishockey-Profi Moritz Müller erhielt im Januar 2024 auf seinem Instagram-Profil eine verstörende Hassnachricht. Ein Unbekannter drohte darin unter einem Foto Müllers mit seinen drei Kindern: „Ich würde diese Würmer für so ein schreckliches Spiel von dir töten.“ Im Interview mit der Redaktion des WEISSEN RINGS erklärt der Kapitän der Eishockey-Nationalmannschaft, was die Hassbotschaft bei ihm ausgelöst hat, was aus seiner Strafanzeige geworden ist und welche Botschaft er für Verfasser von Hassnachrichten hat.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie den Hassbeitrag entdeckt haben?

Als ich den Post das erste Mal gesehen habe, war ich geschockt. Man ist ja doch einiges gewohnt und hat schon einiges gelesen über sich selber, aber das war für mich auf jeden Fall noch mal eine Grenze, die dort überschritten wurde. Das hat mich schon erschüttert.

Wie haben Sie das Erlebnis verarbeitet, und was hat Ihnen dabei geholfen?

Ich denke, ich konnte den Post von Anfang an ganz gut einschätzen. Nichtsdestotrotz hatte ich Sorge, dass meine Kinder zum Beispiel in der Schule oder auf dem Schulhof darauf angesprochen werden. Man ist leider einiges gewohnt, aber dies war nochmal eine neue Eskalationsstufe. Ein bisschen verarbeitet man dies, aber eine kleine Narbe bleibt immer bestehen.

Ein Foto zeigt Bundestrainer Julian Nagelsmann

Brutale Fouls im Netz

Sie werden bewundert und gefeiert, aber auch mit Hassbotschaften überhäuft und mit dem Tode bedroht: Spitzensportlerinnen und Spitzensportler sind in den sogenannten sozialen Netzwerken in hohem Maße digitaler Gewalt ausgesetzt. Eine Spurensuche in der Welt des Leistungssports.

Waren Sie davor schon einmal mit Hass und Hetze im Netz konfrontiert?

Ja, auf jeden Fall. Ich treibe seit 20 Jahren professionellen Sport. Leider gibt es viele Menschen, die das Netz nutzen, um ihren Frust zu äußern. Kritik ist okay, aber alles, was persönlich wird, geht nicht. Ich tue mich nicht so schwer damit, das so einordnen zu können, dass es den Leuten selber nicht gutgehen kann. Ich glaube, jemand, der wirklich glücklich ist, dem kann unmöglich etwas daran liegen, andere Leute zu beschimpfen oder schlechtzumachen.

Warum haben Sie den Beitrag selbst kommentiert?

Ich wollte darauf aufmerksam machen. Die meisten Nachrichten, die ich bekomme, mache ich nicht öffentlich, doch in diesem Fall musste ich es teilen. Ich wollte das nicht einfach so stehen lassen und die Öffentlichkeit wissen lassen, was da vorgeht.

Welche Unterstützung haben Sie von Ihrem Verein bekommen?

Der Club hat mir totale Unterstützung zugesagt. Ich wurde unmittelbar nach dem Post vom Verein gefragt, was ich tun möchte – und was auch immer ich tun möchte, der Verein würde mich dabei unterstützen.

Ist der Täter angezeigt und dafür strafrechtlich belangt worden?

Ich habe Strafanzeige gegen den Täter gestellt, doch das Verfahren wurde leider eingestellt. Die Leute im Internet sind zwar mutig, aber nicht so mutig, ihren Klarnamen zu verwenden und zu sagen, wer sie wirklich sind. Deswegen konnte man den Täter leider nicht ermitteln.

Was würden Sie solchen Menschen persönlich sagen?

Allen Leuten, die solche Sachen schreiben, möchte ich eigentlich nur eine Sache sagen: Ich hoffe, sie sind mit ihrem eigenen Leben genauso kritisch und streng wie mit dem Leben anderer. Ich glaube, dann würde es allen besser gehen.

WEISSER RING sieht wachsende Aggressionen gegen deutsche Behörden

Erstellt am: Montag, 22. Juli 2024 von Sabine

Die Bebilderung dieses Textes wurde mithilfe von künstlicher Intelligenz (Midjourney) erstellt.

Datum: 22.07.2024

WEISSER RING sieht wachsende Aggressionen gegen deutsche Behörden

Ein Jugendamt-Mitarbeiter findet ein beleidigendes Tiktok-Video über seine Arbeit im Netz – und fühlt sich damit alleingelassen. Anlass für eine bundesweite Umfrage der Opferschutzorganisation.

Mainz – Beleidigungen und Angriffe: Der Ton gegenüber Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in Behörden hat sich verschärft. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Opferhilfsorganisation WEISSER RING in zahlreichen deutschen Stadtverwaltungen.

Danach haben die allermeisten Kommunen schon einmal digitale Gewalt erlebt. Viele berichteten auch von körperlichen Angriffen auf Beschäftigte innerhalb der vergangenen zwölf Monate, teilte der Weiße Ring mit. Repräsentativ ist die Umfrage allerdings nicht. Von 82 angefragten Verwaltungen hätten sich 44 zurückgemeldet. Für die Auswertung wurden 38 Antworten berücksichtigt, weil die anderen lückenhaft waren.

Beleidigende oder bedrohliche Nachrichten

In den vergangenen zwölf Monaten gab es in 29 Verwaltungen körperliche Angriffe auf Beschäftigte. 35 Städte registrierten Fälle digitaler Gewalt. Dazu gehörten vor allem beleidigende oder bedrohliche Nachrichten über Mail, Messenger-Dienste und in den sozialen Medien. Dazu kamen negative oder beleidigende Rezensionen sowie die Verbreitung privater Informationen ohne Zustimmung.

„Auf die zunehmende Verrohung eingestellt sind die Kommunen oftmals nicht“, stellt der WEISSE RING fest. Lediglich die Hälfte der Behörden habe angegeben, intern über spezielle Richtlinien oder Verfahren im Umgang mit digitaler Gewalt gegen Mitarbeitende zu verfügen (19 Städte).

Hass aus dem Handy

Erstellt am: Dienstag, 2. Juli 2024 von Selina

Hass aus dem Handy

Ein TikTok-Clip wird für den Jugendamtsmitarbeiter Said zum Albtraum. Das Video voller Beleidigungen gegen ihn steht seit mehr als einem Jahr online – alle Versuche, es verschwinden zu lassen, blieben erfolglos. Warum löscht TikTok es nicht? Kommen deutsche Behörden ihrer Fürsorgepflicht gegenüber ihren Beschäftigten bei digitaler Gewalt nach? Was macht der Hass aus dem Handy mit Menschen wie Said?

Eine Illustration zeigt einen Mann, der erschrocken auf sein Handy schaut.

Illustration: Midjourney

I. Das Video

Für Said begann der Albtraum mit dem Anruf eines Freundes. „Schau dir das Video auf TikTok an, das könnte dich interessieren. Da geht es um dich“, sagte der Freund und schickte ihm einen Link zu TikTok. Der Mann im Video spricht arabisch und beleidigt darin den Mitarbeiter des Jugendamtes sowie dessen Eltern mit derben Worten:

„Ein Schwein,

Sohn eines Schweins,

Sohn einer Hure, arbeitet beim Jugendamt…“

Hass aus dem Handy

Digitale Gewalt gegen Angestellte in Behörden

Said kennt den Mann nicht persönlich, der das Video aufgenommen hat und ihn so massiv beleidigt. Und obwohl Said nicht namentlich genannt wird, ist sofort klar, dass er gemeint ist. Es werden Details erwähnt, die nur auf ihn zutreffen. Es arbeiten nur sehr wenige Männer mit arabischen Wurzeln im Jugendamt seiner Stadt. Said ist Sozialarbeiter und holt in Extremfällen schutzbedürftige Kinder aus gewalttätigen Familien.

So auch in dem Fall, der in diesem Video geschildert wird. Der Mann auf TikTok kennt Einzelheiten aus dem Fall und positioniert sich klar für den Vater, dem die Kinder entzogen wurden, und gegen den Mitarbeiter des Jugendamtes. Gegen Said.

Die Bebilderung dieses Textes wurde mithilfe von künstlicher Intelligenz (Midjourney) erstellt.

Ein belebtes Café nahe dem Hauptbahnhof einer deutschen Großstadt, aus den Boxen schallt aktuelle Popmusik. Said kommt eine halbe Stunde zu spät zum vereinbarten Termin. Er entschuldigt sich, ein Anruf kurz vor Feierabend habe ihn aufgehalten. Im Extremfall hätte er wieder ein schutzbedürftiges Kind aus einer gewalttätigen Familie holen müssen. Doch heute nicht. Kaffee? Tee? Etwas zu essen? Said winkt ab und beginnt sofort zu erzählen, wie es sich anfühlt, auf TikTok massiv beleidigt zu werden. Er ist sichtlich aufgewühlt. „Dieses Video beschäftigt mich sehr. Und wieso gibt es bei meinem Arbeitgeber niemanden, der für solche Fälle zuständig ist?“

Fast 24.000 Aufrufe verzeichnet das Video inzwischen.

Saids Fall zeigt, wie allein sich Opfer massiver Beleidigungen auf Social-Media-Plattformen fühlen. Wie ein hasserfüllter Clip einen gesellschaftlichen Rückzug auf Raten und Ängste auslösen kann. Und wie Arbeitgeber die Gefahren dieses digitalen Giftes für ihre Mitarbeitenden immer noch unterschätzen.

II. Der Betroffene, privat

Said guckte sich das Video mehrmals an und lud es auf sein Smartphone herunter. Für den Mann in den Vierzigern begann eine emotionale Achterbahnfahrt.

Said ist nicht sein richtiger Name. Er möchte anonym bleiben. Früher war er ein öffentlicher Mensch. Mehr als zehn Jahre engagierte er sich in der Flüchtlingshilfe, gab Interviews und nahm an Podiumsdiskussionen teil. Sein Rat war gefragt. Seine private Telefonnummer kursierte in vielen Gruppen und Netzwerken. Seitdem es das Video gibt, ist das anders. Seine Nummer hat Said seitdem nicht mehr rausgegeben. Said sagte sich sogar von Freunden los, weil sie seinen Wunsch nach Anonymität nicht respektierten und seine Handynummer weiter in WhatsApp-Gruppen teilten.

Die Illustration zeigt einen Mann von hinten, der auf sein Handy schaut.

„Anrufe von Menschen, deren Nummer ich nicht kenne, nehme ich heute nicht mehr an.“ Sein Engagement im Freiwilligenbereich hat er fast auf null reduziert, obwohl es ihm fehlt. Medienanfragen lehnt er fast immer ab.

Said entfernte alle Bilder aus seinen Social-Media- Profilen und änderte seine Namen. Früher hielt er über Facebook Kontakt zu Familienmitgliedern, die in der ganzen Welt verstreut leben. „Heute nutze ich Facebook fast gar nicht mehr.“ Und es fällt auf, dass er deutlich schlanker ist als auf den alten Fotos in den Zeitungen und in den Videos von den Podiumsdiskussionen. Er wiege rund 15 Kilo weniger als damals, bestätigt Said. Er denkt nach und sagt: „Ich habe mich seit diesem TikTok-Clip mehr und mehr aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen, um mich zu schützen.“ Wenn ihn heute jemand fragt, wo er arbeitet, sagt Said nicht mehr „im Jugendamt“, sondern nur noch „in der Verwaltung“.

III. Die Social-Media-Plattform

Wer bei TikTok ein Video entdeckt, das gegen die Richtlinien des Unternehmens oder gegen Gesetze verstößt, kann es der Plattform melden. Im Fall von Said hat auch die Redaktion des WEISSEN RINGS mehrere solcher Meldungen versucht. Ohne Erfolg. Die Plattform teilte jeweils kurz mit: „Wir haben das Video, das du gemeldet hast, überprüft und festgestellt, dass es nicht gegen unsere Community-Richtlinien verstößt.“

„Du unehrlicher Sohn…“

„Der Hund, der niederträchtige und gemeine,

der beim Jugendamt arbeitet.“

„Die Richterin, ‚die Hure‘…“

„Der Hurensohn…“

„Tatsächlich ist das, was wir für strafbar halten, den Plattformbetreibern häufig völlig egal.“

Hanno Wilk, Oberstaatsanwalt

Diese Beleidigungen gegen Said und die zuständige Familienrichterin verstoßen nicht gegen Community-Richtlinien? Auf einer Plattform, die „eine Quelle der Unterhaltung und Bereicherung“ sein will? Deren „Mission“ es nach eigenem Bekunden ist, „Kreativität zu fördern und Freude zu bereiten“?

Für Experten wie Hanno Wilk kommt die Reaktion von TikTok nicht überraschend. „Die Community-Richtlinien haben andere Kriterien als das deutsche Strafrecht“, sagt der Oberstaatsanwalt. Wilk leitet das Team „Hate Speech“ in der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main. „Tatsächlich ist das, was wir für strafbar halten, den Plattformbetreibern häufig völlig egal.“ In Saids Fall handelt es sich mutmaßlich um Beleidigungen nach §185 des Strafgesetzbuches. Die mächtige Trompete TikTok bläst diese Beleidigungen in die Welt, potenziell erreichbar für Millionen Menschen. Hunderte haben auf das Herz neben dem Beitrag geklickt, um zu zeigen, dass ihnen das Video gefällt. Dutzende haben das Video geteilt. Es sind Beleidigungen in Dauerschleife.

Eine Illustration mit einem Mann, der von hinten zu sehen ist, und einem, den man von vorne erkennen kann. Zwei Lampen hängen an der Decke.

IV. Der Betroffene, beruflich

Nachdem Said das Video zum ersten Mal gesehen hatte, konnte er tagelang nicht schlafen. Gedanken ratterten ihm in Endlosschleifen durch den Kopf:

„Gibt es weitere Videos, vielleicht sogar welche, in denen ich namentlich genannt werde?

Wie viele Menschen wissen davon?

Wie kann ich das rausfinden?“

„Ich habe ein dickes Fell, ansonsten wäre ich an dieser Situation zerbrochen“, sagt Said. Der Job härtet ab. „Wir sind im Jugendamt täglich Gefahren ausgesetzt, erleben häufig Grenzsituationen.“ Es gebe Foren im Internet, in denen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter offen und namentlich angefeindet werden. Said wurde im Einsatz schon mit einem Tisch attackiert und auch bestohlen. Aber die Auswirkungen dieses Videos auf TikTok, dieser digitalen Form von Gewalt, wiegen für ihn weitaus schwerer. „Diese massiven Beleidigungen, vor allem gegen meine Eltern, kann ich nicht einfach so ignorieren“, sagt Said. Manchmal schreie er, um seine Emotionen in den Griff zu bekommen. Sport und Spaziergänge mit seinem Hund helfen ihm dabei. Seinen Eltern hat er nichts von dem Video erzählt. Nur wenige Menschen sind eingeweiht, „falls mal etwas passiert“, sagt er.

„Ich hatte die Sorge, dass aus dem digitalen Hass ein Mob im echten Leben wird.“

Said

Denn Said betreut den Vater, dem er die Kinder entzogen hat, zunächst auch nach der Veröffentlichung des Videos weiter. Er denkt lange Zeit nicht daran, den Fall abzugeben. „Ich wollte das nicht. Dann hätte er doch genau das erreicht, was er mit diesem Machtspielchen erreichen wollte“, beschreibt Said seine Gedanken. Er wollte nicht an sich selbst zweifeln. Rein fachlich habe es überhaupt keinen Grund gegeben, den Fall abzugeben. Lange Zeit habe das funktioniert, auch wenn er nach jedem Termin völlig ausgelaugt gewesen sei, berichtet Said. Und noch etwas habe ihn beschäftigt: „Ich hatte die Sorge, dass aus dem digitalen Hass ein Mob im echten Leben wird.“ Tatsächlich hat der betroffene Vater Said einmal attackiert und musste sich deshalb sogar vor Gericht verantworten. Auch wenn Said in der Verhandlung das TikTok-Video auf Nachfrage der Staatsanwaltschaft zumindest erwähnte: Er kann nicht beweisen, dass sein Klient dahintersteckt, auch wenn die Details im Video mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dafür sprechen.

Eine Illustration zeigt einen Mann, der mit seinem Hund spazieren geht. Sie gehen auf einem Weg entlang von Bäumen.

Anzeige gegen den Urheber des Videos hat Said nie erstattet. Er reiht sich damit nahtlos ein in eine überwiegende und schweigende Mehrheit, wie aus der jährlich aktualisierten und repräsentativen Studie „Hate Speech“ des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen hervorgeht. Demnach melden Menschen Hasskommentare bei den Plattformen zwar immer häufiger – im Jahr 2019 waren es 25 Prozent der Befragten, die schon mal einen Hasskommentar bzw. dessen Verfasser beim entsprechenden Social-Media-Portal gemeldet haben. Im Jahr 2023 waren es schon 30 Prozent. Beleidigungen im Internet werden jedoch so gut wie nie angezeigt. Die Polizei ermittelt aber nur dann, wenn eine Anzeige vorliegt, denn Beleidigungen sind reine Antragsdelikte. Beratungsstellen wie HateAid weisen darauf hin, dass Betroffene hohe Prozesskosten fürchten oder Angst haben, im Zuge eines Gerichtsverfahrens ihre Privatadresse der gegnerischen Partei preisgeben zu müssen. Und manchen Menschen fehlt auch einfach die Kraft, sich juristisch damit auseinanderzusetzen.

V. Der Arbeitgeber

Said hat klare Vorstellungen davon, wer ihm hätte helfen müssen. Als Angestellter im öffentlichen Dienst sieht er seinen Arbeitgeber in der Pflicht. Einen Tag, nachdem er das Video gesehen hat, meldet er den Vorfall seiner Behörde. „Ich habe gesagt: Folgendes ist passiert, könnt ihr was machen?“ In einer langen E-Mail entgegnet ihm die Stadt, so berichtet es Said, die Beleidigungen seien nicht im dienstlichen Rahmen passiert, sondern in einem privaten Kontext. Die Stadt sei nicht zuständig, er müsse den privatrechtlichen Weg einer Unterlassungsklage gehen, auf Schadenersatz klagen oder Ähnliches. Said ist sauer: „Ich hole schutzbedürftige Kinder nicht privat aus Familien, sondern in meiner beruflichen Rolle. Wenn ich ein grundgesetzliches Wächteramt ausübe, dann erwarte ich von meinem Arbeitgeber, dass er mich schützt!“ Hätte er den Menschen privat verklagt, wäre er womöglich auf Kosten sitzen geblieben. Und er hätte womöglich seine Privatadresse angeben müssen – das wollte er auf keinen Fall. Zumindest seine Teamleitung im Amt habe ihn unterstützt, ihm Supervision ermöglicht. Das habe ihm mental geholfen, erzählt Said.

Transparenzhinweis: Der Kontakt zu Said kam über den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zustande. Der DGB macht seit 2020 mit seiner Initiative „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch!“ bundesweit auf das Thema Gewalt gegen Beschäftigte aufmerksam und arbeitet dabei auch mit dem WEISSEN RING zusammen. Im September 2023 haben WEISSER RING und DGB ein neues Hilfetelefon für betroffene Beschäftigte gestartet (Rufnummer 0800 116 0060).

Man würde die Stadt gern selbst fragen, wieso sie so gehandelt hat und nicht anders und ob das der alltägliche behördliche Umgang mit digitaler Gewalt ist. Aber Saids Wunsch nach Anonymität ist zu respektieren. Also hat die Redaktion des WEISSEN RINGS eine Umfrage unter allen 82 deutschen Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern gestartet. Von 38 gaben 92 Prozent an, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von digitaler Gewalt betroffen sind. Die Hälfte der Behörden verfügt nach eigenen Angaben über Richtlinien oder Verfahren wie hausinterne Meldesysteme im Umgang mit digitaler Gewalt. 29 gaben in ihrer Antwort an, dass Beschäftigte in den vergangenen zwölf Monaten körperlich angegriffen wurden.

Das Ergebnis unserer Umfrage wird auch durch eine Studie des Deutschen Forschungsinstituts für öffentliche Verwaltung aus dem Jahr 2022 untermauert, für die mehr als 10.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes befragt wurden: Demnach haben 23 Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Dienst bereits Gewalterfahrungen gemacht, 12 Prozent erlebten sogar mehrere Vorfälle innerhalb eines Jahres. „Wir müssen mehr tun, um die Menschen zu schützen, die unser Land jeden Tag am Laufen halten – ob auf dem Amt oder als Retter in der Not“, sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser bei der Vorstellung der Studie. „Das gebietet die Fürsorgepflicht für die Beschäftigten. Und das ist eine Frage des Schutzes unserer Demokratie vor Verrohung, Hass und Gewalt.“

Warum wir gegen Hass und Hetze vorgehen müssen

Hass und Hetze im Internet sind zum Alltag geworden. Wir dürfen menschenverachtende Worte einfach nicht ignorieren, sondern müssen ihnen entgegentreten, sagt Hasnain Kazim.

Fürsorgepflicht? Said kann da nur den Kopf schütteln. Im Gespräch mit vielen Kolleginnen und Kollegen habe sich sein Eindruck verfestigt, dass Mitarbeitende mit digitalen Gewalterfahrungen alleingelassen werden. „Bei persönlichen Angriffen hast du Instrumente wie Hausverbote, aber bei Social-Media-Angriffen sind Arbeitgeber sehr weit davon entfernt, ernsthaft damit umzugehen.“ Vielleicht liegt das auch daran, dass digitale Gewalt immer noch zu wenig als gravierendes Problem wahrgenommen wird.

VI. Der Betroffene, allein

Said fühlt sich von TikTok alleingelassen, weil die Plattform das Video online lässt. Er fühlt sich von früheren Freunden alleingelassen, die seine Not nicht verstanden haben. Und er fühlt sich von seinem Arbeitgeber alleingelassen. „Ich hätte mir jemanden bei der Stadt gewünscht, der mich professionell unterstützt und alle rechtlichen Schritte übernimmt. Eine Stelle, die sagt: Wir kümmern uns drum“, sagt Said. Dann bittet er darum, das Gespräch zu beenden. Er verabschiedet sich höflich und verlässt das Café nach rund eineinhalb Stunden, ohne etwas bestellt zu haben. Später wird er eine WhatsApp-Nachricht schicken mit einem Link zum TikTok-Clip, der vor mehr als einem Jahr erschienen ist und der sein Leben so verändert hat.

Der Clip ist immer noch online. Seit mehr als einem Jahr.

Den Fall des Vaters, um den es in dem Video geht, hat Said mittlerweile doch an einen Kollegen abgegeben.

Hallo 2024, Tschüss X!

Erstellt am: Dienstag, 2. Januar 2024 von Sabine

Foto: Patrick Pleul/dpa

Datum: 02.01.2024

Hallo 2024, Tschüss X!

Warum wir den Twitter-Nachfolger X verlassen haben – und wie unser neues Jahresthema für 2024 lautet.

Der WEISSE RING, Deutschlands größte Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, hat zum Jahreswechsel die Social-Media-Plattform X (ehemals Twitter) verlassen. „Wir haben festgestellt, dass auf X Rassismus, Antisemitismus, Hassrede und Falschinformationen immer weiter zunehmen“, sagt Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS „Der Plattform-Betreiber Elon Musk selbst hat die Regeln gegen Desinformation und Hetze auf der Plattform gelockert und lässt damit unkontrollierten Hass wissentlich zu. Unser Jahresthema für 2024 lautet ,Digitale Gewalt‘ – X und der WEISSE RING passen einfach nicht länger zusammen.“.

Immer mehr Profile werden deaktiviert

Der WEISSE RING geht damit einen Schritt, den auch schon andere Organisationen, Unternehmen und Medien gegangen sind. Erst kürzlich verabschiedeten sich ebenfalls der Deutschlandfunk, das Recherche-Zentrum Correctiv und die WDR-„Maus“ von der Plattform. Zahlreiche Unternehmen, darunter auch Werbekunden wie IBM, Disney und Apple, stoppten in den vergangenen Monaten ihre Anzeigen auf der Plattform. Grund dafür war ein Eklat um Antisemitismus und Nazi-Inhalte auf X.

Seit der Übernahme durch Musk im Jahr 2022 hat zudem fast jedes zweite Unternehmen (43 Prozent) die Zahl der Beiträge auf X reduziert oder die Veröffentlichungen sogar ganz eingestellt. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Bitkom Research unter mehr als 600 Unternehmen in Deutschland mit mehr als 20 Beschäftigten von August 2023. Aber nicht nur Unternehmen, sondern auch private Nutzerinnen und Nutzer ziehen sich immer häufiger von X zurück. Laut einer repräsentativen Befragung von Bitkom Research aus dem Herbst 2023 plant jede dritte Privatperson mit X-Account in Deutschland, ihr Profil bei dem Onlinedienst perspektivisch zu löschen.

Das Jahresthema des WEISSEN RINGS

Hass und Hetze beschäftigen die Opferhelferinnen und Opferhelfer des WEISSEN RINGS zunehmend. Um auf die wachsende Gefahr durch Hassrede, Beleidigungen und Drohungen im Internet für den Einzelnen und für die Gesellschaft aufmerksam zu machen, hat sich der WEISSE RING für „Digitale Gewalt“ als Jahresthema für 2024 entschieden. Bereits 2021 hatte sich der WEISSE RING mit dem Jahresthema „Hass und Hetze“ gegen die zunehmende Verrohung der Gesellschaft engagiert.

Die Inhalte des WEISSEN RINGS auf Social Media

Der WEISSE RING wird seine Inhalte weiter auf den Plattformen Instagram, Facebook und LinkedIn veröffentlichen. Texte und Recherchen aus der Redaktion des WEISSEN RINGS sind zudem hier auf www.wr-magazin.de zu finden.