Archiv für März, 2026

Wie Traumaambulanzen besonderen Bedarfsgruppen helfen

Erstellt am: Freitag, 27. März 2026 von Al-Khanak

Die Geschäftsführerin des WEISSEN RINGS, Bianca Biwer, begrüßt die Teilnehmenden der vierten Fachtagung Traumaambulanz der Opferhilfeorganisation. / Fotos: Kays Al-Khanak

Datum: 27.03.2026

Wie Traumaambulanzen besonderen Bedarfsgruppen helfen

Traumaambulanzen sollen Opfern von Straftaten schnell psychotherapeutische Hilfe bieten. Doch lange Verfahren, fehlende Angebote für Kinder und Jugendliche sowie mangelnde Vernetzung bremsen die Versorgung. Auf einer Fachtagung des WEISSEN RINGS in Mainz diskutierten Expertinnen und Experten über Herausforderungen, neue Ansätze und besondere Bedarfsgruppen.

Wer Opfer einer Straftat geworden ist, braucht oft schnell psychotherapeutische Hilfe, um das Erlebte zu verarbeiten. Traumaambulanzen spielen dabei eine wichtige Rolle. Der WEISSE RING veranstaltet regelmäßig Tagungen für das Fachpersonal dieser Einrichtungen. Ziel ist es, die Versorgung der Betroffenen zu verbessern und die Expertinnen und Experten weiter zu vernetzen, betont der Psychologe beim WEISSEN RING und Hauptorganisator der Tagung, Florian Wedell. An zwei Tagen fand nun die vierte Tagung für Traumaambulanzen in Mainz unter dem Motto „Besondere Bedarfsgruppen“ statt. Die Geschäftsführerin der Opferhilfeorganisation, Bianca Biwer, betonte, der Fokus liege auf den Personengruppen, die in der öffentlichen Debatte oft kaum beachtet werden: zum Beispiel Opfer von queerfeindlicher Gewalt oder Menschenhandel. Es sei wichtig, diese Entwicklungen aufzugreifen und öffentlich zu machen.

Traumaambulanzen sind Teil des 2024 in Kraft getretenen Sozialen Entschädigungsgesetzes (SGB XIV). Sie sollen Betroffenen von Kriminalität einen schnellen Zugang zu psychotherapeutischen Angeboten bieten. Ziel ist es, die Betroffenen zu stabilisieren, ihre Symptome einzuordnen und ihnen dabei zu helfen, das Geschehene zu verarbeiten. Das Angebot soll lange Wartezeiten auf einen regulären Psychotherapieplatz überbrücken.

Traumaambulanzen als wichtiger Bestandteil der Versorgungsstrukturen

Moderator der Tagung mit rund 80 Teilnehmenden war Prof. Ingo Schäfer von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und aktiv beim WEISSEN RING. Er sagte, die Tagung sende das „wichtige Signal“ aus, „dass Traumaambulanzen ein wichtiger Teil der Versorgungsstrukturen geworden sind“. Der WEISSE RING habe die Entwicklung nicht nur jahrelang begleitet, sondern maßgeblich mit angestoßen. Dass die diesjährige Fachtagung besondere Betroffenengruppen in den Fokus nehme, trage dem Alltag in den Traumaambulanzen Rechnung: Die Folgen von traumatischen Erfahrungen seien oft unterschiedlich, deshalb müssten auch die Ambulanzen zielgruppenspezifisch arbeiten.

Detlef Placzek ist der Opferbeauftragte des Landes Rheinland-Pfalz. Er sagte, akut traumatisierte Menschen bräuchten einen frühzeitigen Zugang zur psychotherapeutischen Betreuung. Die Frühintervention in den Traumaambulanzen helfe, posttraumatische Folgen zu reduzieren. Problematisch sei jedoch, dass die Verfahrensdauer nach dem SGB XIV oft zu lang sei. „Antragsteller warten über ein Jahr auf Entschädigung“, sagte Placzek. Dabei könnten manche Verfahrensschritte „erheblich beschleunigt werden“. Ein weiteres Problem sieht er in dem Mangel an speziellen Traumaambulanzen für Kinder und Jugendliche. Die Folge: Weite Wege schreckten die Familien ab und verhinderten eine nötige Traumatherapie.

Nordrhein-Westfalen als Vorreiter

Über die Entwicklung vom Opferentschädigungsgesetz (OEG) hin zum SGB XIV und die Traumaambulanzen sprach der Rechtsanwalt Reinhard Heckmann, Fachbeiratsmitglied des WEISSEN RINGS. Er hatte in Nordrhein-Westfalen die rechtlichen Grundlagen der vertraglichen Traumaambulanzen für Gewaltopfer entwickelt. Das Bundesland gilt als Vorreiter für diese Einrichtungen, seitdem hier bereits 1999 die Idee aufkam, mit den Einrichtungen eine direkt verfügbare Leistungsform zu schaffen.

Tagungs-Organisator Florian Wedell (l.) im Gespräch mit Reinhard Heckmann, der in Nordrhein-Westfalen die rechtlichen Grundlagen der vertraglichen Traumaambulanzen für Gewaltopfer entwickelt hat.

Heckmann betonte: „Der WEISSE RING hatte erheblich Druck bei anderen Bundesländern gemacht, sich dem Weg von Nordrhein-Westfalen anzuschließen. Ich wüsste nicht, ob es bundesweit Traumaambulanzen geben würde, wenn der WEISSE RING sich nicht dermaßen engagiert hätte.“ Er plädierte dazu, dass die zuständigen Sachbearbeiter die Entscheidungen über die Anträge „mutig mit Augenmaß“ treffen sollten. Dass es Kritik am SGB XIV gibt, betonte die Geschäftsführerin des WEISSEN RINGS, Bianca Biwer, in der anschließenden Diskussionsrunde. „Die rechtliche Grundlage ist nicht das Problem, eher die Umsetzung. Wir wissen, dass manche Dinge nicht ausgeführt werden, wie es das Gesetz wollte und wie es Betroffenen helfen würde.“

Dr. Julia Schellong sagte in ihrem Vortrag, dass die 2024 in Kraft getretene Traumaambulanz-Verordnung neben qualitativen Standards auch eine stärkere Vernetzung der Einrichtungen vorschreibt. Allerdings mangele es bislang an wissenschaftlicher Begleitung und Evaluation dieser Strukturen. Dabei sei es wichtig zu wissen, mit welchen Partnern Traumaambulanzen kooperieren, wie die Zusammenarbeit mit Akteuren aus Gesundheitswesen, Sozialsektor und Justiz gestaltet ist und welche Faktoren die Vernetzung fördern oder hemmen.

Dies sei ein entscheidender Punkt, betonte Schellong: „Traumaambulanzen können ohne Vernetzung nicht arbeiten.“ Deshalb spielt das Forschungsprojekt „CONNECTION“ eine wichtige Rolle. Hier wird untersucht, wie sich Traumaambulanzen in Deutschland strukturell und inhaltlich weiterentwickelt haben. Erforscht werden soll, welche Faktoren den Aufbau von Traumaambulanzen unterstützt haben, wie gut dort die Abläufe und Strukturen organisiert sind und wie die Versorgung von Menschen verbessert werden kann, die künftig Anspruch auf Leistungen haben und besondere Unterstützung benötigen – wie Betroffene von Menschenhandel oder schwerem Stalking.

Fokus auf queerfeindliche Hasskriminalität

Queerfeindliche Hasskriminalität stellt für LSBTIQ*-Personen eine doppelte Belastung dar: Neben der konkreten Gefahr für die körperliche Unversehrtheit wirkt sie oft auch langfristig psychisch nach. Das Vertrauen in Institutionen, soziale Strukturen und das eigene Sicherheitsgefühl werde erschüttert, sagte Diana Gläßer von der Ansprechstelle LSBTI* der Polizei Rheinland-Pfalz. Sie gab Einblicke in aktuelle Entwicklungen, Fallzahlen und Erscheinungsformen dieser Gewalt. Ergebnisse aus Umfragen verdeutlichten, wie Diskriminierung und Gewalterfahrungen spezifische Dynamiken von Traumatisierung auslösen können und wie anschlussfähig queerfeindliche Narrative in der Gesellschaft seien.

Gläßer appellierte, die Lebensrealitäten und Bedürfnisse von LSBTIQ*-Personen besser zu verstehen und zeigte Handlungsmöglichkeiten für den professionellen Umgang auf. Beispielsweise brauche es Unterstützungsstrukturen und Kooperationswege, um Betroffene nachhaltig und empowernd beraten zu können. Zudem plädierte sie für eine queersensible Sprache, um Vertrauen aufzubauen. Zum Beispiel sollte man statt „Bevor sie zur Frau wurde“ lieber „Vor der Transition“ sagen. Dies gelte auch für Medien. Dort sei zum Beispiel immer wieder zu lesen, dass jemand angegriffen worden sei, weil er queer ist. Stattdessen sei das Opfer attackiert worden, weil der Täter queerfeindlich ist.

Wie der WEISSE RING bei Großeinsatzlagen agiert

Wie der WEISSE RING bei Amokläufen oder terroristischen Anschlägen agiert, schilderte Jana Friedrich in ihrem Vortrag. Sie ist bei der Opferhilfeorganisation Koordinatorin für Großschadensereignisse. Vor allem der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz 2016 sei ein Einschnitt für den Verein gewesen. Danach seien beim WEISSEN RING klare Strukturen wie Leitfäden, Zuständigkeiten oder Ausbildungsmöglichkeiten für Ehrenamtliche geschaffen sowie Hilfsmöglichkeiten erweitert worden.

Was das konkret bedeutet, schilderte Friedrich am Beispiel der Amokfahrt auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg 2024. Bis Ende vergangenen Jahres hatte der WEISSE RING 475 Opfer aus ganz Deutschland betreut; bis heute bestehe zu einigen Betroffenen noch immer Kontakt. Ausgezahlt werden konnten Hilfen in Höhe von mehr als 480.000 Euro. Dabei handelte es sich unter anderem um Beratungsschecks, Soforthilfen und Maßnahmen zur Stabilisierung der Betroffenen.

Behandlung von anhaltender Trauerstörung im Fokus

Wie sich traumatische Verluste auf Menschen auswirken und welche Behandlungsansätze es für Hinterbliebene nach Gewalttaten gibt, erläuterte die Psychologin Prof. Franziska Lechner-Meichsner. Sie sagte, nach dem gewaltsamen Tod eines nahestehenden Menschen entwickelten viele Betroffene psychische Probleme. Häufig handele es sich um eine anhaltende Trauerstörung (ATS), oft auch zusammen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder einer Depression.

Prof. Franziska Lechner-Meichsner spricht über Auswirkungen traumatischer Verluste und Behandlungsansätze für Hinterbliebene nach Gewalttaten.

Wichtig sei es, Betroffene früh zu erkennen und ihnen eine passende, trauerspezifische Behandlung anzubieten. So könne verhindert werden, dass sich die Beschwerden verfestigen. Besonders hilfreich seien verhaltenstherapeutische Behandlungen, zum Beispiel, indem sich Betroffene ihren Ängsten langsam stellen, negative Gedanken hinterfragen und wieder mehr aktiv am Leben teilnehmen. Diese Methoden zeigten gute Erfolge.

Kinder und Jugendliche als besondere Bedarfsgruppe

Zu den besonderen Bedarfsgruppen, mit denen sich die Tagung beschäftigte, gehören Kinder und Jugendliche. In einem Workshop klärte Hannah Reinicke, Therapeutin in der Traumaambulanz am Universitätsklinikum Ulm, zunächst über emotionale Kindesmisshandlung und Vernachlässigung auf. Reinicke nannte eine Reihe von Risikofaktoren für Gewalt, auf Elternseite zum Beispiel eine geringe Impulskontrolle, Überforderung, Stress oder konflikthafte Trennungen. Die möglichen Folgen der Misshandlung könnten bis ins Erwachsenenalter andauern und seien ähnlich gravierend wie bei einem sexuellen Missbrauch, so Reinicke. Sie sprach zum Beispiel von Rückzug und Passivität, einem geringeren Selbstwertgefühl, schlechteren Schulleistungen sowie von einem deutlich erhöhten Risiko etwa für Depressionen, Angst- und Essstörungen und Suizidalität. Umso wichtiger seien zeitnahe, gezielte Hilfen.

Mit der Kindertraumaambulanz und dem Childhood-Haus stellte Andrea Dixius, Leitende Psychologin an den Saarbrücker SHG Kliniken, neue Wege vor, die sich in der Praxis als wirksam erwiesen haben. Die Ambulanz – eine von wenigen spezialisierten – biete eine „frühzeitige Akutbehandlung“. Und zwar durch ein Team mit Fachexpertise für Kinder und Jugendliche und auf diese zugeschnittene Methoden wie „START-Kids“ und KIDNET. Erstere fördert die Stressresilienz und die Regulation von Emotionen bei Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren, bei letzterer handelt es sich um eine auf Kinder angepasste narrative Expositionstherapie gegen Posttraumatische Belastungsstörung.

Einblick ins Childhood-Haus

Eine Besonderheit des Childhood-Hauses ist laut Dixius, dass dort unter einem Dach „alle Hilfen für betroffene Kinder“ zu finden sind. Das Haus ermögliche ein gemeinsames Arbeiten verschiedener Disziplinen, eine „Beziehungskontinuität in der Versorgung“. Durch die Kooperation mit Polizei und Justiz seien auch Vernehmungen in einer kindgerechten Umgebung möglich.

Rund 80 Fachleute aus ganz Deutschland informieren sich bei der Fachtagung über aktuelle Entwicklungen und spezifische Bedarfe bei Traumaambulanzen. / Fotos: Kays Al-Khanak

In der anschließenden Diskussion äußerten mehrere Teilnehmerinnen, dass die Art, wie Versorgungsämter mit psychischer Gewalt umgehen, teils problematisch sei, möglicherweise aus Unsicherheit. „Je mehr Fälle wir einreichen, desto strenger sind sie und lehnen ab.“ Oft finde man einen Weg, den Anspruch mit einem Widerspruch durchzusetzen, doch das koste Zeit und Kraft. Sophia Härtel, Rechtsreferentin beim Bundesweiten Koordinierungskreis gegen Menschenhandel (KOK), appellierte, Anträge zu stellen und notfalls zu klagen: „Wir brauchen hier eine gute Rechtsprechung.“

Spannungsfeld zwischen Ermittlungen und notwendiger Therapie

Wie das Universitätsklinikum Würzburg mit dem „traumatherapeutischen Dilemma“ im Strafverfahren umgeht, erläuterte Dr. Marion Schowalter, Leiterin der dortigen Traumaambulanz. Schowalter beschrieb das nach einer Straftat bestehende Spannungsfeld zwischen Ermittlungen und der notwendigen Therapie. Diese könne, so die Befürchtung, zu Zweifeln an der Glaubhaftigkeit der Betroffenen als Zeuginnen und Zeugen führen – sei jedoch notwendig, um Symptome zu lindern und eine Chronifizierung zu verhindern.

Laut SGB XIV haben Opfer einen gesetzlichen Anspruch auf Therapie, betonte Schowalter. Und es gebe keine Hinweise darauf, dass eine traumafokussierte Psychotherapie das Risiko für verfälschte Erinnerungen steigere. Studien deuteten darauf hin, dass Betroffene sich dann sogar an mehr korrekte Details erinnern können. Das Würzburger Modell setzt auf eine „frühe Vernetzung von Traumaambulanz, Polizei und Justiz“, mit klaren Abläufen, Absprachen und Transparenz beim Vorgehen, erklärte die Psychotherapeutin. Das Modell beinhaltet sowohl eine frühe intensive Vernehmung als auch eine frühe traumaspezifische Intervention, die nachweislich sehr wirksam sei. Wenn nötig, sagen Therapeutinnen und Therapeuten vor Gericht aus. Hierfür wird auch ein „Gerichtscoaching“ angeboten. „Eine Nicht-Behandlung von Traumaopfern ist nicht mehr zu rechtfertigen“; sagte Schowalter.

Während der Abschlussrunde lobte eine Teilnehmerin die Fachvorträge und den Austausch und bemängelte, dass es keinen Bundesverband für Traumaambulanzen gibt. Umso wichtiger sei die Tagung als Forum. „Das schreit nach einer Wiederholung“, sagte Moderator Prof. Dr. Ingo Schäfer.

„Liebesbetrüger“ erbeuten mindestens 50 Millionen Euro

Erstellt am: Dienstag, 24. März 2026 von Sabine

Datum: 24.03.2026

„Liebesbetrüger“ erbeuten mindestens 50 Millionen Euro

Durch Love-Scam haben Betroffene in Deutschland im Jahr 2024 mindestens 50 Millionen Euro verloren. Das geht aus einer Umfrage des WEISSER RING Magazins bei allen 16 Landeskriminalämtern hervor.

Love-Scam ist der Heiratsschwindel des digitalen Zeitalters: Betrüger bauen auf Dating-Plattformen, in sozialen Netzwerken oder per E-Mail Vertrauen auf, sprechen von Gefühlen, spielen dann eine Notlage vor und drängen ihre Opfer zu Überweisungen. Der Länderumfrage zufolge betrug der Schaden durch Love-Scams im Jahr 2024 allein in Baden-Württemberg rund 18 Millionen Euro. Sachsen-Anhalt meldete für das Jahr Verluste in Höhe von insgesamt 1,6 Millionen Euro, im Jahr 2020 waren es noch knapp 786.000 Euro. In Mecklenburg-Vorpommern wuchs der registrierte Schaden von rund 330.000 Euro im Jahr 2022 auf mehr als 2,1 Millionen Euro in 2024. Online-Liebesbetrug war in dem Bundesland die ertragreichste Masche aller polizeilich registrierten Trickbetrügereien.

Fallzahlen und Schadenssummen steigen

Auch die Fallzahlen steigen: In Sachsen-Anhalt hat sich die Zahl der erfassten Love-Scams seit 2020 mehr als verdoppelt, von 71 auf 153. In Berlin gab es 2024 insgesamt 433 angezeigte Taten mit einem gemeldeten Schaden von rund 5,62 Millionen Euro, ein Jahr später waren es 560 Fälle mit einem Schaden von 5,68 Millionen Euro. In Hessen stieg die Zahl von 34 im Jahr 2019 auf 52 im Jahr 2024. Zahlen für 2025 liegen noch nicht vor.

Die fortschreitende Digitalisierung führt dazu, dass sich immer größere Teile des sozialen Lebens in den digitalen Raum verlagern, wo die Täter ihre Opfer suchen. Künstliche Intelligenz ermöglicht es ihnen, unzählige Konversationen gleichzeitig zu führen, die sprachlich glaubwürdiger wirken als früher. Das LKA Berlin schreibt zudem, dass verstärkte Prävention und Aufklärung über die Betrugsmasche die Anzeigenbereitschaft von Betroffenen gesteigert haben könnte.

Bis auf Bayern, Bremen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und das Saarland haben alle Landeskriminalämter Daten bereitgestellt. Die Zahlen geben Hinweise auf die Dimension von Love-Scam. Allerdings sind sie nicht als abschließend zu werten. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) nimmt keine detaillierte Aufschlüsselung nach dem Modus Operandi vor. Manche Polizeibehörden markieren intern Fallmerkmale, andere nicht. Darüber hinaus ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, da Scham viele Opfer davon abhält, Anzeige zu erstatten.

Schwerpunkt zu Cyberkriminalität

Die Umfrage ist Teil der Titelgeschichte der neuen Ausgabe des WEISSER RING Magazins, die Ende März erscheint. Der Schwerpunkt befasst sich mit Cyberkriminalität. Christian Rossow, Professor für IT-Sicherheit und leitender Wissenschaftler am CISPA Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit, sagte dem Magazin: „Wir beobachten seit Jahren eine zunehmende Professionalisierung und Spezialisierung der Cyberkriminalität. Angriffe sind weniger zufällig, sondern zunehmend zielgerichtet, wirtschaftlich motiviert und arbeitsteilig organisiert.“ Wie das BKA auf Anfrage mitteilte, bleibt Ransomware „die prägende Bedrohung im Cyberraum und verursacht weiterhin erhebliche Schäden bei Unternehmen und Privatpersonen.“ Ransomware verschlüsselt Dateien oder sperrt den ganzen Rechner. Die Täter fordern anschließend Geld, damit Betroffene wieder an ihre Daten kommen. Jeden Tag werden in Deutschland zwei bis drei schwere Ransomware-Angriffe angezeigt. Sie können Unternehmen in ihrer Existenz bedrohen, die öffentliche Verwaltung lahmlegen oder die Patientenversorgung in Kliniken gefährden.

Auch digitaler Anlagebetrug nimmt zu

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht warnt darüber hinaus eindringlich vor Anlagebetrug über WhatsApp und Telegram: „Wir sehen vor allem im Onlinebetrug eine Zunahme über Messengerdienste“, sagte ein Sprecher der Behörde. Kriminelle locken mit Anzeigen auf Plattformen in WhatsApp- und Telegram-Gruppen – mit Versprechen von kostenlosen Aktienempfehlungen und Börsenwissen. Über Fake-Apps, auf denen Kurs-Charts blinken, gaukeln sie dann hohe Gewinne vor und animieren Opfer zu weiteren Investitionen.

Professionell wirkende Fake Shops locken derweil mit Sonderangeboten und drängen zur Vorkasse. „Geliefert wird dann entweder gar nicht oder nicht in der versprochenen Qualität“, sagte Dennis Romberg, der das Team Marktbeobachtung Digitales beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) leitet. Zwischen Januar und November 2025 wurden in den Verbraucherzentralen mehr als 20.000 Beschwerden zum Thema Betrug erfasst – ein Plus von 42 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Während die Bedrohungen im digitalen Raum rasant zunehmen, stellt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) eine „wachsende digitale Sorglosigkeit“ fest. Vielen Menschen fehle aufgrund einer Art Gewöhnung das Bewusstsein, dass sie attraktive Ziele für Cyberangriffe sind. „Damit werden sie für Angreifer zur leichten Beute“, warnt Nora Kluger vom BSI.

Künstliche Intelligenz verschärft Gefahr

Gleichzeitig nutzen Cyberkriminelle inzwischen ein mächtiges Werkzeug: Künstliche Intelligenz (KI). Mit generativer KI werden nach Angaben des BSI zum Beispiel Anleitungen erstellt, wie ein Ziel besonders gut angegriffen werden kann oder wie man Schadsoftware optimiert, damit sie von Virenscannern weniger leicht erkannt wird. Und seit der Einführung von ChatGPT und anderen generativen KI-Werkzeugen sind die Zeiten vorbei, in denen man Phishing-Mails an ihrer fehlerhaften Sprache erkennen konnte.

Jana Ringwald, Oberstaatsanwältin bei der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main, sagte: „Attacken kosten Unternehmen unglaublich viel Geld. Am teuersten sind nicht mal die Erpressungssummen, sondern die Folgekosten: Der Betrieb steht länger still, eventuell muss eine neue Server-Struktur her, und wenn Kundendaten betroffen sind, drohen Schadenersatz und ein großer Vertrauensverlust.“ Im Gegensatz zu den finanziellen Folgen würden die psychologischen kaum diskutiert: „Geschäftsführer berichten nach einem Cyberangriff oft, es sei das Schlimmste, was sie je erlebt hätten, auch weil sie das Ereignis nicht ,greifen‘ können. Jemand hat einen Anhang angeklickt und jetzt steht alles still. Dazu die Ungewissheit bei allen: Wie schlimm ist es?“

Internationale Tätergruppen gehen anonym und arbeitsteilig vor

Oberstaatsanwältin Ringwald berichtete, dass sich die Täter „einander gar nicht genau kennen wollen und auch nicht müssen“. Sie nutzen mehrere verschlüsselte Kommunikationsformen. Es handelt sich um lose, internationale Verbünde: „Cyberkriminalität kennt keine Grenzen.“ Diese anonymen, professionellen und dezentralen Zusammenschlüsse auf Zeit stellen Ermittelnde vor große Herausforderungen: Es ist schwierig zu sagen, wer zu welchem Zeitpunkt welche Tat begangen hat. Und: Datendelikte wie Computersabotage oder Datenhehlerei können großen Schaden anrichten. Sie gelten aber als weniger schwer. Das bleibt nicht ohne Folgen: Denn ob man einen Server überwachen darf, hängt von der Schwere des Delikts ab. „Daher“, erklärte Ringwald, „können wir oft nur dann den gesamten ,Instrumentenkasten‘ der Strafprozessordnung nutzen, wenn der Fall Elemente des Betrugs oder der Erpressung aufweist oder eine kriminelle Vereinigung vorliegt.“

Trotz der Hürden schaffen es Ermittlungsbehörden, Cyberkriminellen empfindliche Schläge zu versetzen – wie im November 2025, als Deutschland und internationale Partner erfolgreich gegen zwei besonders gefährliche Schadsoftware-Varianten vorgegangen sind. Neben dem BKA war auch das ZIT beteiligt. „Auch wir warten auf den menschlichen Fehler“, erzählte Ringwald. Etwa, dass eine Verschlüsselung nicht funktioniert, ein Täter zu viele Informationen über sich preisgibt. „Wir versuchen, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Wichtig ist auch, im Darknet ,Streife‘ zu fahren und sich anzuschauen, was für Täter gerade relevant ist, welche Dienstleistungen, Foren oder Tools es gibt.“ Ein bedeutender Ansatzpunkt sei, Zahlungsströme zu verfolgen. „Kryptowährungen bieten nur eine Pseudo-Anonymität. Wir können bei Providern Anfragen stellen.“ Teilweise profitieren deutsche Ermittler von Hinweisen aus dem Ausland. Informationsaustausch und zentrale Ermittlungen
seien entscheidend.

Expertin fordert „Denken in Daten“ bei Ermittlungsbehörden

Um Angriffe besser bekämpfen zu können, braucht es laut Ringwald ein Umdenken: „Unser Leben ist fast komplett digital. Deshalb müssen wir im Netz Sorgfalt an den Tag legen, sparsam mit unseren Daten umgehen und in Sicherheit investieren, zum Beispiel in Backup-Systeme, auf denen wir unsere Daten ein zweites Mal ablegen können, damit sie nicht verloren sind, wenn wir gehackt wurden.“ Firmen sollten vom Ernstfall ausgehen und sich dafür aufstellen. Ringwald fordert ein verstärktes „Denken in Daten“ in den Behörden: „Das bedeutet, dass die Ermittelnden, auch bei konventionellen Delikten, gleich klären lassen: Wie verlief die digitale Kommunikation? Gibt es Kryptowährungsspuren? Welche Provider sind beteiligt? Das muss schnell gehen.“

Wer sich für das Gemeinwohl einsetzt, muss geschützt werden

Erstellt am: Freitag, 20. März 2026 von Sabine

Foto: Dirk Beichert

Datum: 20.03.2026

Wer sich für das Gemeinwohl einsetzt, muss geschützt werden

Der WEISSE RING legt am diesjährigen Tag der Kriminalitätsopfer, dem 22. März, ein besonderes Augenmerk auf Menschen im Dienst der Gesellschaft, die angegriffen worden sind.

Der WEISSE RING legt am diesjährigen Tag der Kriminalitätsopfer, dem 22. März, ein besonderes Augenmerk auf Menschen im Dienst der Gesellschaft, die angegriffen worden sind. Dazu zählen verschiedene Gruppen: Polizei, Feuerwehr, Rettungskräfte sowie Politikerinnen und Politiker, aber auch Krankenhauspersonal, Mitarbeitende von Schulen und Arbeitsämtern oder Beschäftigte im Nah- und Fernverkehr.

“Im Prinzip kann es jeden treffen, der im direkten Bürgerkontakt steht“, sagt Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS. „Dabei sind Menschen, die ehrenamtlich helfen, ebenso betroffen wie jene, deren Beruf die Tätigkeit ist. Das sendet ein katastrophales Signal. Wir laufen Gefahr, dass sich irgendwann kaum noch jemand bereiterklärt, diese für unsere Gesellschaft so wichtigen Aufgaben zu übernehmen.“

“Am heutigen Tag der Kriminalitätsopfer gilt unsere Solidarität besonders all jenen, die Gewalt erfahren mussten. Sie verdienen nicht nur unser Mitgefühl, sondern vor allem Gehör, Schutz und Gewissheit: Sie sind nicht allein. Mein besonderer Dank gilt den Opferbeauftragten von Bund und Ländern sowie dem Weißen Ring e. V., der Kriminalitätsopfern seit über fünf Jahrzehnten unverzichtbare Hilfe bei der Bewältigung von Tatfolgen leistet“, sagt Alexander Dobrindt, Bundesminister des Inneren.

Bei Angriffen gegen Menschen, die im Dienst des Gemeinwohls arbeiten, variieren die Formen der Gewalt: „Die Übergriffe reichen von Beschimpfungen und Beleidigungen über Sachbeschädigung bis hin zu gefährlichen Attacken auf Leib und Leben“, so Biwer. Im Februar 2026 sorgte der Fall des im Dienst getöteten Zugbegleiters Serkan C. bundesweit für Entsetzen. Der 36-Jährige wurde während einer Fahrkartenkontrolle in einem Regionalzug von einem Mann ohne Fahrschein attackiert und starb später an seinen schweren Verletzungen. „Dieser tragische Fall hat uns erneut daran erinnert, dass dringend etwas getan werden muss. Und dass schon Alltagssituationen eskalieren können“, sagt die Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS.

Wie ernst die Situation ist, belegen die Zahlen: Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des Bundesinnenministeriums von Januar bis Oktober fast 3.000 Straftaten gegen Mitarbeitende der Deutschen Bahn registriert. Die Zahl der Angriffe auf Politikerinnen und Politiker belief sich im Jahr 2024 auf fast 5.000 erfasste Fälle – ein Anstieg um 20 Prozent im Vergleich zu 2023. Aus dem Bundeslagebild „Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamtinnen und Polizeivollzugsbeamte 2024“, welches auch Angriffe auf Rettungsdienste und Feuerwehr beinhaltet, geht ein neuer Höchststand hervor. Die Gewalttaten gegen Polizistinnen und Polizisten bleiben mit 46.367 Fällen auf sehr hohem Niveau. Bei Gewalttaten gegen sonstige Rettungskräfte wurden 2.916 Betroffene erfasst.

“Wir nehmen eine zunehmende Verrohung der Gesellschaft wahr. Die Politik muss hier unbedingt handeln, damit sich Menschen in ihrem Job wieder sicher fühlen können“, sagt Bianca Biwer. „Wir können alle etwas tun. Wir müssen aufmerksam sein und handeln, wenn wir sehen, dass jemand in Not ist. Dabei ist es wichtig, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen. Wir können immer die Polizei rufen. Außerdem können wir weitere Menschen ansprechen und so versuchen, die Situation zu deeskalieren, und uns um die betroffene Person kümmern.“ Das sind Mittel der Zivilcourage, die helfen können, anderen zu helfen. „Und wenn wir uns selbst ärgern, weil irgendetwas nicht so läuft, wie wir uns das vorgestellt haben, dann kann es helfen, kurz durchzuatmen und seine Beschwerde auf offiziellen Wegen einzureichen, statt einen Menschen dafür verantwortlich zu machen, der meistens gar nichts dafür kann. Wir müssen als Gesellschaft aufeinander achten, wieder mehr zusammenwachsen und wieder mehr Verständnis füreinander haben“, so Bianca Biwer.

Hintergrund-Info zum „Tag der Kriminalitätsopfer“

Seit 1991 macht der WEISSE RING, Deutschlands größte Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, alljährlich mit dem „Tag der Kriminalitätsopfer“ am 22. März auf Menschen aufmerksam, die durch Kriminalität und Gewalt geschädigt wurden. Der Tag soll das Bewusstsein für Opferbelange in Deutschland stärken und Informationen zu Prävention, Schutz und praktischen Hilfen geben. Inzwischen ist der Aktionstag fester Bestandteil im Kalender von Institutionen aus den Bereichen Politik, Justiz und Verwaltung, aber auch von Vereinen und Schulen.

Drei Ersthelfende schenken Kind ein zweites Leben

Erstellt am: Donnerstag, 5. März 2026 von Al-Khanak

Großeinsatz von Rettungskräften und Polizei im Berliner Hauptbahnhof im Mai 2024: Ein Kind muss per Rettungshubschrauber in die Klinik gebracht werden. Foto: picture alliance/Geisler-Fotopress | Bernd Elmenthaler/Geisler-Fotopr

Datum: 05.03.2026

Drei Ersthelfende schenken Kind ein zweites Leben

Zwei Jahre nach einem schweren Unglück am Berliner Hauptbahnhof hat der WEISSE RING drei Ersthelfende für ihren Einsatz geehrt. Durch ihr schnelles und beherztes Handeln retteten sie einem heute sechsjährigen Kind das Leben – ein herausragendes Beispiel für Zivilcourage.

Es ist der 22. Mai 2024, ein Mittwoch. Am Berliner Hauptbahnhof herrscht der übliche Trubel. Doch dann wird gegen 18 Uhr von hier aus mehrfach der Notruf gewählt: Auf Gleis 13 sind eine Frau und ihr Kind von einem einfahrenden Zug erfasst worden. Wegen der Umstände des Unglücks gehen Ermittlungsbehörden von einem Suizid der Mutter aus. Doch weil drei Ersthelfende sofort reagieren, kann das Kind aus dem Gleisbett geborgen werden. Die Erstversorgung und die anschließende, sehr komplexe Operation retten dem Kind das Leben. Heute ist das Mädchen sechs Jahre alt.

Für ihren selbstlosen Einsatz hat das Landesbüro Berlin des WEISSEN RINGS die drei Rettenden, Lars Harms, Valerie Ostermann und Katharina Kentzler, Ende Februar mit dem Ersthelfer-Preis ausgezeichnet. Ihre Geschichte „ist ein inspirierendes Beispiel für den Wert von Zivilcourage und Solidarität. Wir sind stolz und dankbar, solche mutigen Menschen in unserer Gesellschaft zu haben, die bereit sind, ihr eigenes Wohlergehen für das Leben anderer einzusetzen. Ihnen gebührt unsere tiefste Anerkennung und Wertschätzung“, sagt Christine Burck, die stellvertretende Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Berlin.

Zivilcourage der Ersthelfenden hervorgehoben

Lars Harms sprang ins Gleisbett, um das schwerstverletzte Kind zu retten. Katharina Kentzler, die als Ärztin bei der Bundeswehr arbeitet, stieg ebenfalls ins Gleisbett und leistete die lebensrettende Erste Hilfe, bis der Notarzt vor Ort war. Unterstützt wurden sie von Valerie Ostermann, einer Soldatin im Sanitätsdienst. Sie beteiligte sich an der Ersten Hilfe und der Bergung des Kindes. Ihr „schnelles und professionelles“ Handeln, betont Burck, habe dazu beigetragen, das Kind zu retten.

Kentzler wollte gerade nach einem langen Arbeitstag mit der Bahn nach Hause fahren, als sie einen Mann im Gleisbett schreien hörte, erzählt sie dem WEISSER RING Magazin. Bei dem Helfer handelte es sich um Harms. In diesem Moment habe sie dort auch das Kind gesehen. „Ich habe gar nicht nachgedacht, bin ebenfalls auf die Gleise gesprungen und habe ebenfalls gerufen, dass wir Hilfe brauchen.“

Auch Ostermann war dienstlich in Berlin und gerade auf dem Heimweg, erzählt sie dem WEISSER RING Magazin. Als sie das Unglück wahrgenommen habe, sei ihr erster Gedanke gewesen, dass jede Hilfe zu spät komme. Die Erkenntnis, dass das Kind noch am Leben war, „hat bei mir sofort einen Schalter umgelegt“: Sie habe sich gemeinsam mit Kentzler um das Mädchen gekümmert, bis die Rettungskräfte eintrafen.

Große Hilfsbereitschaft am Bahngleis

Für Kentzler war es selbstverständlich, in der Situation zu helfen. „Das sollte jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten tun“, betont sie, „aber man darf dabei nicht den Eigenschutz vergessen.“ Positiv sei gewesen, dass alle Menschen auf dem Bahnsteig sich hätten einbringen und helfen wollen, niemand habe zum Beispiel voyeuristisch Videos gedreht oder gegafft.

Ostermann sieht das ähnlich. Natürlich bringe es ihr Beruf als Soldatin im Sanitätsdienst mit sich, in einer solchen Situation aus eigenem Antrieb heraus zu handeln. Sie habe Verständnis für Menschen, die in einer Lage wie dieser in eine Art Schockstarre verfallen. Ostermann betont aber auch, dass Unfälle oder medizinische Notfälle jeden Tag und an jedem Ort geschehen könnten. Deshalb sei es wichtig, in jedem Fall zumindest Hilfe zu holen.

Die stellvertretende Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS, Christine Burck, erzählt, das Kind lebe heute „ein beinahe sorgenfreies Leben“ in einer Pflegefamilie und blicke dank zahlreicher ärztlicher Behandlungen optimistisch in die Zukunft. „Dieses Happy End wäre ohne den beherzten Einsatz der drei Ersthelfer nicht möglich gewesen“, sagt sie. „Sie haben nicht nur Zivilcourage gezeigt, sondern ihr unermüdlicher Einsatz und ihre schnelle Reaktion haben buchstäblich Leben gerettet.“ Harms, Ostermann und Kentzler hätten dem Kind ein zweites Leben geschenkt.

Ehrung Ersthelfer Erste Hilfe Berlin Hauptbahnhof WEISSER RING

Geehrt wurden Harms, Ostermann und Kentzler von Burck, dem ehrenamtlichen Mitarbeiter des WEISSEN RINGS und ehemaligen Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, Rolf Schmachtenberg, sowie von Georg Heidelbacher, Koordinator für Großschadensereignisse im Landesbüro Berlin. Sie erhielten jeweils eine Urkunde und einen Präsentkorb. An der Veranstaltung nahmen zudem die beiden ermittelnden Kriminalbeamten der 8. Mordkommission, Uwe Isenberg und Holger Pienitz, teil.

Emotionales Wiedersehen beim WEISSEN RING

Ostermann erzählt, es sei ein besonderes, emotionales Treffen in den Räumen des WEISSEN RINGS in Berlin gewesen. Zwischen ihrer Familie und der des Mädchens ist inzwischen ein enger Kontakt entstanden; so ist sie zum Beispiel zur Einschulung des Kindes eingeladen. Für Kentzler war es wichtig, das Mädchen und die anderen Helfenden zwei Jahre nach dem Unglück wiederzusehen. „Das war überwältigend“, betont sie. Sie sei dankbar, dass der WEISSE RING und die Polizei die Helfenden, das Mädchen sowie seine Pflegefamilie erneut zusammengeführt haben. „So kann ich mit der Sache abschließen und sehen: Am Ende ist alles gut gegangen.“

 

Wenn Sie unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leiden, sollten Sie sich unverzüglich ärztliche und psychotherapeutische Hilfe holen. Bitte wenden Sie sich an die nächste psychiatrische Klinik oder rufen Sie in akuten Fällen den Notruf an unter 112. Eine weitere Kontaktmöglichkeit ist die Telefonseelsorge unter der Nummer 0800-1110111. Hilfsmöglichkeiten finden Sie außerdem unter www.deutsche-depressionshilfe.de.