Ein Anruf bei… Björn Süfke

Erstellt am: Dienstag, 23. Dezember 2025 von Sabine

Ein Anruf bei… Björn Süfke

Der Psychologe Björn Süfke berät seit mehr als 25 Jahren Männer. Als er das erste Männerhilfetelefon aufbaute, um Gewaltbetroffene zu unterstützen, stieß er nicht nur auf Begeisterung, sondern auch auf Bedenken. Seit fünf Jahren ist das Angebot erreichbar. Ein Zwischenfazit.

Björn Süfke ist Jahrgang 1972 und Psychologe, Autor und Geschäftsführer der Bielefelder Männerberatungsstelle „man-o-mann“. Er gehört zu den Initiatoren des 2020 eingerichteten Männerhilfetelefons. Das anonyme, kostenfreie Angebot ist unter der Telefonnummer 0800/1239900, im Chat und per Mail erreichbar. Weitere Infos gibt es auf maennerhilfetelefon.de.

Herr Süfke, die meisten Opfer von häuslicher Gewalt – laut BKA 73 Prozent – waren im vergangenen Jahr wieder weiblich. Männer und Jungen sind seltener, aber ebenfalls betroffen. Viele von ihnen suchten keine Hilfe, sagen Experten. Wie viel haben Sie und Ihre Kollegen vom Männerhilfetelefon zu tun?

Als wir unser Angebot vor sechs, sieben Jahren konzipiert haben, habe ich der Politik, die es finanziert, gesagt, sie müsse Geduld mitbringen, bis sich das Hilfetelefon etabliert – da Männer aufgrund unserer gesellschaftlichen Stereotype tatsächlich große Schwierigkeiten haben, sich helfen zu lassen. Wenn sie Opfer geworden sind, besonders durch eine Frau, ist das Stigma noch größer. Mit meiner damaligen Einschätzung lag ich jedoch völlig daneben: Es haben vom ersten Tag an Leute angerufen, sofort. Weil der Bedarf groß ist. Expertinnen und Experten sagen ja seit Jahrzehnten, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik nicht alle Fälle von Gewalt abbildet und das Dunkelfeld groß ist.

Von welchem Stigma sprechen Sie?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der eine patriarchale Vorstellung von Männlichkeit – in letzter Zeit zunehmend – propagiert wird: Ein Mann ist stark, weiß immer weiter, zeigt keine Schwäche, hat keine Schwäche. Das haben die meisten Männer meiner Generation verinnerlicht, und viele Jugendliche kriegen das heute wieder eingeimpft, in erster Linie über Social Media. Zugespitzt formuliert: Männer gehen lieber in den Knast als zum Psychologen. Es kostet viel Überwindung, sich verletzlich, hilfsbedürftig zu zeigen. Deswegen ist ein niedrigschwelliges Angebot wie das Männerhilfetelefon so wichtig. Hinzu kommt, dass Männer sich aus Scham oft nicht eingestehen, Opfer geworden zu sein. Oder sie haben während ihres Aufwachsens Gewalt als normal kennengelernt. Wir wissen aus Studien: Wenn man Männer allgemein fragt, ob sie in einer heterosexuellen Partnerschaft Gewalt erfahren haben, sagen die meisten erst mal Nein. Erst wenn man konkret nachhakt, ob sie beispielsweise mal gestoßen worden sind, sagen sie Ja. Frauen sind deutlich stärker von körperlicher häuslicher Gewalt betroffen, aber es gibt auch viele männliche Opfer.

Wie hat sich die Nachfrage nach Ihrem Hilfsangebot entwickelt?

Die Zahlen sind in den ersten drei, vier Jahren massiv angestiegen, haben sich verdreifacht gegenüber dem ersten Jahr. Jetzt können sie nicht mehr weiter steigen, weil wir am Ende unserer Kapazitäten angelangt sind. Das Telefon ist in einer Stunde nur 60 Minuten besetzt. Parallele Leitungen haben wir nicht – weil die finanziellen Mittel begrenzt sind.

Welche Männer rufen aus welchen Gründen bei Ihnen an?

Es sind, ebenso wie bei anderen Beratungsstellen, vor allem mittelalte Männer. Die meisten, um die 60 bis 65 Prozent, erleben häusliche Gewalt in der Partnerschaft, etwa 15 Prozent durch Eltern, Geschwister oder Kinder. Knapp zehn Prozent sind Opfer sexualisierter Gewalt. Seltener geht es um Stalking, Mobbing oder Zwangsarbeit. Gewalt im öffentlichen Raum ist auch ein Thema, aber stark unterrepräsentiert im Vergleich dazu, wie oft sie ausgeübt wird. Weil uns die Kapazitäten fehlen, um mehr Kontakte in den Communitys zu knüpfen, erreichen wir auch kaum trans oder migrantische Männer, die häufig betroffen sind.

Im Rahmen einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zu Partnerschaftsgewalt haben 40 Prozent der männlichen Opfer von psychischer Gewalt und 30 Prozent von erheblicher körperlicher Gewalt gesprochen. Wovon berichten Ihre Anrufer?

Psychische Gewalt ist der häufigste Beratungsgrund. Sie kann zum Beispiel mit einem Eifersuchtsproblem der Partnerin beginnen und sich hochschaukeln, über Vorwürfe, Gaslighting, Beleidigung, Erpressung bis hin zu physischer Gewalt. Es kommt dazu, dass ins Handy des Partners geschaut, er gestoßen oder ein Gegenstand nach ihm geworfen wird. In manchen Fällen geht es um extreme soziale Kontrolle. Einige Männer sagten, sie könnten kaum telefonieren oder Mails schreiben, weil ihre Partnerin sie überwache. Andere berichten, dass sie geschlagen wurden, Platzwunden davongetragen haben oder ihre Partnerin sie mit dem Messer bedroht hat – klassische Affekttaten. Danach heißt es manchmal: Wieso lassen Männer, die in der Regel körperlich überlegen sind, so etwas mit sich machen? Wer so etwas fragt, verkennt, dass eben nicht alle Männer gewalttätig sind und sich deshalb nicht wehren, zumal dies nicht zu einer Deeskalation führen würde.

Die Illustration zeigt sehr vereinfacht einen Mann mit einer Träne unter einem Auge.

Wenn Männer Opfer von Partnerschaftsgewalt werden

Meistens trifft Partnerschaftsgewalt Frauen – aber auch Männer werden Opfer. Was wissen wir über dieses Thema, über das eher selten und nur ungern gesprochen wird? Ein Lagebild.

Gab es Anrufe, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Dazu gehört ein Fall von sexualisierter Gewalt, die ein erwachsener Mann durch mehrere Männer erlitt. Im Detail kann und will ich das nicht erzählen. Außerdem hat mich ein Anruf, der gleich am ersten Tag einging, besonders berührt. Der ältere Herr war in den 1950er Jahren aufgewachsen. Er wurde in einem Kohlenkeller eingesperrt und in der Dunkelheit immer wieder geschlagen, von beiden Eltern. Er hatte nie davon erzählt, bis er vom Männerhilfetelefon las. Wir haben eine Stunde lang gesprochen und er sagte mir, dass er in seinem ganzen Leben keine Beziehung aufbauen konnte, keine Freundschaft, keine Partnerschaft, weil die Vertrauensbasis fehlte. Damals gab es keinerlei Hilfsangebote.

Wie versuchen Sie und Ihre Leute, die Menschen zu unterstützen?

Zunächst einmal damit, indem wir ihnen zuhören und glauben. Das ist für viele Männer psychologisch besonders wichtig. Sie haben sich teilweise schon jemandem anvertraut, einem Freund oder der Polizei, und wurden nicht ernst genommen oder sogar ausgelacht. Weil wir für sie zuständig sind, uns auskennen und Erfahrung im Umgang mit betroffenen Männern haben, fällt es uns nicht schwer, ihnen zu glauben. Und das strahlen wir auch aus. Darüber hinaus versuchen wir, den Mann in die richtigen Bahnen zu lenken, zu weitergehenden Hilfen, etwa zu einer Männerberatung – wo oft nur eine Person sitzt – oder einer Beratungsstelle mit dem Fokus sexualisierte Gewalt. Das ist eine schwierige Aufgabe, weil es bundesweit wenige spezialisierte Angebote für Männer gibt. Sie müssen in vielen Ländern weit fahren. In NRW, Bayern und Baden-Württemberg ist die Situation noch „am wenigsten schlecht“. Ein Beispiel sind Männerschutzeinrichtungen: Nordrhein-Westfalen hat innerhalb von vier Jahren fünf Einrichtungen gegründet und ist in der bundesweiten Rangliste damit von null auf eins gesprungen, weil es bundesweit nur 15 gibt. Häufig läuft es nur über persönliche Kontakte. Ich sage dann zu den Betroffenen: „Für Ihr Anliegen gibt es in Ihrer Nähe definitiv keine Anlaufstelle. Aber 50 Kilometer entfernt von Ihnen kenne ich jemanden, der sich damit auskennt.“ Deswegen ist Vernetzung ein wesentlicher Teil meiner Arbeit. Zum einen versuchen wir, unser Angebot bekannt zu machen, zum anderen müssen wir jede Institution, die auf irgendeine Art hilfreich für gewaltbetroffene Männer ist, kennen.

„Gerade bei Tabuthemen setzt den Opfern zusätzlich zu, dass sie denken: „Ich bin der Einzige mit diesem Problem. Ich bin schuld daran.“

Sie betonen, dass es wichtig ist, den Hilfesuchenden Vertrauen entgegenzubringen. Gibt es weitere Prinzipien, auf die Sie besonderen Wert legen?

Ich beschäftige mich intensiv mit der gesellschaftlichen Konstruktion von Männlichkeit und erlebe in Gesprächen, dass es für viele Männer hilfreich ist, wenn man ihre Probleme „entindividualisiert“. Gerade bei Tabuthemen setzt den Opfern zusätzlich zu, dass sie denken: „Ich bin der Einzige mit diesem Problem. Ich bin schuld daran.“ Ich versuche, Betroffenen im direkten Kontakt das Gegenteil zu vermitteln, aber auch indirekt, indem ich in Interviews deutlich mache: Schuld sind immer die Täterinnen und Täter. Das ist mir ganz wichtig, weil viele Opfer – weibliche wie männliche – denken, sie hätten die Gewalt provoziert. Und nicht die strukturellen Probleme sehen, etwa eine nicht funktionierende, patriarchale Gesellschaft mit „traditionellen“ Männlichkeitsvorstellungen.

Welche Folgen hat die Tatsache, dass viele gewaltbetroffene Männer sich keine Hilfe holen?

Eine Harvard-Langzeitstudie untersucht seit mehr als 80 Jahren, was ein glückliches, gesundes Leben ausmacht. Gute soziale und partnerschaftliche Beziehungen sind das A und O. Wenn Beziehungen, insbesondere enge, von Gewalt geprägt sind, kann das neben körperlichen massive psychische Konsequenzen haben, bis hin zu einer Zerstörung des Selbstwerts: Die Menschen sind der Überzeugung, falsch zu sein, es falsch zu machen. Sie denken etwa, sie hätten der Partnerin oder dem Partner einen Grund gegeben für Eifersucht, obwohl sie nur mit der Kollegin über die Arbeit gesprochen haben. Ebenso wie bei Frauen, die an langwieriger Gewalt leiden, kann dies bei Männern die Identität prägen und zu gravierenden psychischen Störungen führen: Depressionen, Ängsten, einem völligen sozialen Rückzug.

Das Gewalthilfegesetz wurde erneuert. Sind Sie im Hinblick auf betroffene Männer zufrieden?

Da der Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung für Männer herausgenommen wurde, betrachte ich das Gesetz mit einem weinenden Auge. Aber niemand hätte etwas davon gehabt, wenn das Gesetz deswegen gescheitert wäre. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass wir und Fachkräfte, die im Gewaltschutz für Frauen arbeiten, uns gegeneinander ausspielen lassen. Ich bin froh, dass wir bei diesem Thema weitergekommen sind. Jedes Opfer ist eins zu viel. Darüber hinaus hoffe ich und gehe davon aus, dass in einigen Jahren auch gewaltbetroffene Männer eine Schutzgarantie bekommen und die Ausstattung besser wird. Der Bedarf ist groß. Wenn wir deutlich mehr Ressourcen hätten, könnten wir beispielsweise Angebote für die arabischsprachige Community schaffen – und wären vermutlich bald wieder am Anschlag. Gleichzeitig gilt, dass wir zu wenig Frauenhausplätze haben. Deshalb kommt es darauf an, die Prävention zu verbessern. Auch der volkswirtschaftliche Schaden, den Gewalt anrichtet, ist enorm.

Wie soll diese Prävention konkret aussehen?

Wir müssen möglichst früh für gute Bildung sorgen, idealerweise an Schulen. England geht mit gutem Beispiel voran. Dort gab es bereits ein Fach zu Beziehungen, Gesundheit und Sexualerziehung, mittlerweile geht es darin auch um toxische Männlichkeit und Frauenfeindlichkeit. Ich plädiere dafür, dass deutsche Schüler und Schülerinnen sich kritisch mit Geschlechter-Stereotypen auseinandersetzen. Auch mit gefährlichen Einflüssen von Andrew Tate und anderen Influencern der „Manosphere“, die in den vergangenen Jahren u reaktionären Tendenzen beigetragen haben. Wir dürfen vor allem die verunsicherten, unterprivilegierten männlichen Jugendlichen und jungen Männer nicht solchen Leuten überlassen, sondern müssen ihnen erklären, weshalb das Bild von einer aggressiven Männlichkeit falsch und alles andere als attraktiv ist. Dafür brauchen wir neben Bildungsangeboten Beratungsstellen für Jungen. Es ist wichtig, dass sie nicht alles in sich hineinfressen, wenn sie Gewalt erfahren, oder selbst gewalttätig werden.

Der Weg ist noch weit. Was gibt Ihnen Zuversicht?

Es gibt Fortschritte, zum Beispiel seit 15 Jahren einen Männergesundheitsbericht. Reichlich spät, wenn man bedenkt, dass die Suizidrate bei Männern dreimal so hoch ist wie bei Frauen. Es gibt das Männerhilfetelefon und 13 Schutzeinrichtungen, immerhin. Und im Gegensatz zu früher renne ich heute bei mehr Menschen offene Türen ein, wenn ich erkläre, wie wertvoll präventive Männer- und Jungendarbeit ist. Ich hoffe, dass spätestens in zwanzig bis dreißig Jahren viel mehr Männer und Frauen progressiv denken.

 

Hilfe für Missbrauchsopfer: „Der Fonds muss endlich gesetzlich verankert werden“

Erstellt am: Dienstag, 30. September 2025 von Gregor
Kerstin Claus engagiert sich seit vielen Jahren für Menschen, die von Missbrauch betroffen sind. Foto: Christoph Soeder

Kerstin Claus engagiert sich seit vielen Jahren für Menschen, die von Missbrauch betroffen sind. Foto: Christoph Soeder

Datum: 30.09.2025

Hilfe für Missbrauchsopfer: „Der Fonds muss endlich gesetzlich verankert werden“

Die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, Kerstin Claus, fordert in einem Gastkommentar im WEISSER RING Magazin die Politik auf, das endgültige Aus des Fonds Sexueller Missbrauch zu verhindern.

Nach dem Ende des Fonds Sexueller Missbrauch hat die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, Kerstin Claus, den Bundestag in die Pflicht genommen, zeitnah für Ersatz zu sorgen. In einem Gastkommentar für das WEISSER RING Magazin schreibt Claus: „Selten gelingt es der Politik, so etwas wie nachholende Gerechtigkeit zu schaffen. Der Fonds Sexueller Missbrauch war eine solche Erfolgsgeschichte. Jetzt ist es an den Abgeordneten, das endgültige Aus dieses niedrigschwelligen Hilfesystems zu verhindern. Er hat Belastungen im Alltag verringert und Perspektiven möglich gemacht, wo vergangene Gewalt oft das Leben prägt.“

Rückwirkender Stopp

Darüber hinaus kritisiert Kerstin Claus, es sei ein „verheerendes Signal“ für Betroffene gewesen, als die Ampelregierung im vergangenen Jahr „stillschweigend“ das Aus des Fonds zum 31. August 2025 beschlossen und die aktuelle Bundesregierung später sogar einen rückwirkenden Antragsstopp ab dem 19. März zugelassen habe. „Das ist ein Akt der Entsolidarisierung. Eine Regierung, die sich dem Schutz von Kindern und Jugendlichen verschreibt, darf so nicht handeln“, so Claus. „All dies jetzt preiszugeben – nur weil eine Bundesregierung nach der anderen daran scheitert, dieses Hilfesystem verlässlich finanziell und strukturell abzusichern –, ist ein Armutszeugnis.“

Die Bemühungen der früheren Familienministerin Lisa Paus (Grüne), den Fonds über das neue „Gesetz zur Stärkung der Strukturen gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ abzusichern, seien kraftlos gewesen. Das Veto der FDP habe Paus stillschweigend akzeptiert und öffentliche Debatten vermieden. Ihre Nachfolgerin Karin Prien (CDU) habe zwar eine gesetzliche Verankerung des Hilfesystems gefordert, jedoch keinen konkreten Vorschlag eingebracht.

Jetzt liege die Verantwortung beim Bundestag und damit bei den Abgeordneten. Claus fordert: „Ab 2026 müssen die nötigen Mittel dauerhaft gesichert und perspektivisch der Fonds endlich gesetzlich verankert werden. Denn: Sexualisierte Gewalt ist ein Verbrechen mit lebenslangen Folgen. Wer das ignoriert, riskiert, dass Betroffene erneut verstummen.“

Ministerium prüft Ersatz

Ob und welchen Ersatz es für den Fonds gibt, ist weiter ungewiss. Auf Anfrage des WEISSER RING Magazins teilte das Bundesfamilienministerium mit, es setze sich dafür ein, dass Betroffene auch künftig wirksame Hilfen erhalten. Dies hatten Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart. Die „Möglichkeiten der Umsetzung“ würden weiterhin geprüft, sagte eine Sprecherin des Ministeriums von Karin Prien (CDU), die sich unter anderem mit dem Betroffenenrat austausche. Der Prozess werde noch „einige Zeit in Anspruch nehmen“, damit die Lösung den Vorgaben des Bundesrechnungshofs entspreche.

Der Fonds, der zum Ergänzenden Hilfesystem gehörte, war im Sommer – rückwirkend zum 19. März – eingestellt worden. Der WEISSE RING und weitere Fachorganisationen kritisierten das Ende des Fonds. Dieser konnte einspringen, wenn Behandlungen, etwa Physio- oder Ergotherapie, oder andere Leistungen nicht von Kranken- und Pflegekassen oder dem Sozialen Entschädigungsrecht abgedeckt werden. Nach jüngsten Angaben des zuständigen Bundesfamilienministeriums wurden bislang etwa 165,2 Millionen Euro ausgezahlt.

 

Nach Aus für Missbrauchsfonds: „Stille und Entsetzen“ bei den Betroffenen

Erstellt am: Freitag, 11. Juli 2025 von Gregor
Viele Opfer haben sich vergeblich überwunden und einen Antrag auf Unterstützung gestellt. Foto: dpa

Viele Opfer haben sich vergeblich überwunden und einen Antrag auf Unterstützung gestellt. Foto: dpa

Datum: 11.07.2025

Nach Aus für Missbrauchsfonds: „Stille und Entsetzen“ bei den Betroffenen

Der rückwirkende Antragsstopp beim Fonds Sexueller Missbrauch hat bei Opfern und Beratenden Empörung ausgelöst.

Sabrina Lange* wurde mehrfach missbraucht und ist dadurch schwer traumatisiert. So schwer, dass sie unter anderem an Krampfanfällen leidet. Um ihren Alltag zu erleichtern und ihrer Belastungsstörung besser entgegenwirken zu können, wollte sie ihren dafür gut geeigneten Hund zum Assistenzhund ausbilden lassen. Sie hoffte dabei auf eine Finanzierung durch den Fonds Sexueller Missbrauch (FSM). Zusammen mit Ingeborg Altvater, die ehrenamtlich für den WEISSEN RING arbeitet, hatte sie in den vergangenen Wochen einen Antrag vorbereitet, gewissenhaft Informationen gesammelt und Formulare ausgefüllt.

Vor wenigen Tagen, kurz vor dem Fertigstellen des Antrags, rief Altvater Sabrina Lange an, um ihr eine schlechte Nachricht zu überbringen: Der Fonds wird zumindest vorerst kein Geld mehr auszahlen. Als Lange das hörte, schwieg sie. Nach einer langen Pause fragte sie: „Was mache ich jetzt?“ Altvater konnte ihr keine zufriedenstellende Antwort geben. Denn einen Assistenzhund etwa über das Soziale Entschädigungsrecht zu finanzieren, ist nur schwer möglich, und wenn, dann dauert es jahrelang.

Nach dem Stopp beim Fonds – rückwirkend zum 19. März – hat Altvater wiederholt Reaktionen wie die von Sabrina Lange erlebt, wie sie im Gespräch mit dem WEISSER RING Magazin erzählt. Sie berät zum Ergänzenden Hilfesystem (EHS), dessen Teil der Fonds ist, und begleitete Opfer hierbei in mehr als 100 Fällen. Altvater bezeichnet die aktuelle Entwicklung als „Katastrophe“. Dass sie die Betroffenen nach und nach anrufen und informieren musste, habe ihr „in der Seele wehgetan“. Am anderen Ende der Leitung habe „Stille und Entsetzen“ geherrscht. Alleine in Hessen, wo die ehrenamtliche Mitarbeiterin im Einsatz ist, hätten in acht bis zehn Fällen Beratungstermine kurzfristig abgesagt werden müssen. Und dass, obwohl bei denen der Antrag fast fertig gewesen sei. Andere Verfahren – bei denen die Betroffenen teils weite Wege und die erneute Konfrontation mit dem Missbrauch auf sich genommen hätten – liefen schon und nach jetzigem Stand vergeblich.

Fonds ist wichtige niedrigschwellige Hilfe

Die Sprachlosigkeit sei für einen Teil der Missbrauchsopfer typisch, sie gehörten zu den Schwerstbetroffenen, fühlten sich wehrlos und könnten nur schwer ihre Stimme erheben, um sich für ihre Belange einzusetzen. Umso schlimmer sei der Umgang mit ihnen – zumal es nicht um Milliardensummen gehe, kritisiert Altvater.

Vor zwei Wochen hatte die Geschäftsstelle des FSM auf ihrer Webseite mitgeteilt, dass sie Erstanträge, die ab dem 19. März dieses Jahres eingegangen sind, voraussichtlich nicht mehr annehmen könne. Die Mittel im Bundeshaushalt reichten nicht, hieß es.

Der Fonds ist für viele Betroffene eine niedrigschwellige Unterstützung, auf die sie nicht verzichten können. Er kann einspringen, wenn Behandlungen, etwa Physio- oder Ergotherapie, oder andere Leistungen nicht von Kranken- und Pflegekassen oder dem Sozialen Entschädigungsrecht abgedeckt werden. Nach Angaben des zuständigen Bundesfamilienministeriums haben bislang 36.000 Betroffene einen Antrag gestellt, ausgezahlt wurden 165,2 Millionen Euro.

Ministerin Prien kündigt an, sich für mehr Geld einzusetzen

Ministerin Karin Prien (CDU) kündigte an, sie werde sich im Bundestag für zusätzliche Haushaltsmittel für Opfer von Kindesmissbrauch engagieren und das System neu aufstellen. Doch ob und wann die Reform kommt, und wie viel Geld dafür zur Verfügung steht, ist ungewiss.

Bereits im Frühjahr war bekanntgeworden, dass der Fonds auslaufen soll. Das damals von Lisa Paus (Grüne) geführte Familienministerium führte haushaltsrechtliche Bedenken des Bundesrechnungshofes als Grund an und sah die künftige Regierung in der Pflicht, für Ersatz zu sorgen. In seinem Koalitionsvertrag versicherten Union und SPD zwar: „Den Fonds sexueller Missbrauch und das damit verbundene Ergänzende Hilfesystem führen wir unter Beteiligung des Betroffenenrats fort.“ Aber es kam anders.

Nach dem angekündigten Auslaufen des Fonds im März rief Ingeborg Altvater Betroffene, die bereits erste Kontakte wegen einer Antragstellung zu ihr aufgenommen hatten, an und klärte sie darüber auf. Daraufhin wurden einige von ihnen aktiv und stellten noch einen Antrag. Manche machten sich nun den Vorwurf, sie hätten zu lange gewartet. Zu Unrecht, sagt Altvater. Sie könnten nichts für den Stopp, der auch noch rückwirkend erfolgt sei. Manche Opfer kämpften jahrzehntelang mit den Folgen des Missbrauchs, sie bräuchten viel Kraft und Zeit, um sich zu einem Antrag auf Unterstützung durchzuringen.

Schlag ins Gesicht für traumatisierte Menschen

Susanne Seßler, die sich für den WEISSEN RING vor allem in Südbayern als EHS-Beraterin engagiert, macht derzeit ähnliche Erfahrungen wie Altvater und spricht von einem Schlag ins Gesicht. „Erschüttert“ seien die Betroffenen. Sie hätten sich überwunden und würden nun wieder „hinten herunterfallen“, was bei traumatisierten Menschen besonders schlimm sei. „Manche sagen bitter enttäuscht: ,Sehen Sie, ich wusste, dass ich nichts bekomme‘“, berichtet Seßler. In den vergangenen Monaten habe sie zusammen mit Betroffenen knapp 20 Anträge fertiggestellt, etwa fünf weitere seien geprüft und noch mehr vorbereitet worden.

Dass das Geld nicht reiche, kann Seßler nicht nachvollziehen: Zum einen hätten die Verantwortlichen nach ihrer Mitteilung im März damit rechnen müssen, dass aufgrund der Befristung mehr Anträge kommen. Zum anderen lägen diese geschätzt im vierstelligen Bereich, so dass sich die Ausgaben bei einer Unterstützung von in der Regel 10.000 Euro in Grenzen hielten.

Zwei Frauen, die Seßler beriet, wurde eine Reittherapie genehmigt, die allerdings von der Therapeutin verschoben werden musste. „Was jetzt? Wird das Geld noch ausgezahlt?“, fragen sich die Betroffenen.

Neuer Missbrauchsfonds gefordert

Seßler fordert, kurzfristig die entstandenen Lücken mit zusätzlichem Geld zu schließen und mittelfristig einen neuen Fonds aufzusetzen. Das neue Soziale Entschädigungsrecht, das seit 2024 gilt, sei nicht umfassend genug, um die „wichtigen Komplementärtherapien“ abzudecken.

Der WEISSE RING und vier weitere Fachorganisationen – die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung, der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe, die Bundeskoordinierung Spezialisierter Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend sowie der Bundesarbeitsgemeinschaft Feministischer Organisationen gegen Sexuelle Gewalt an Mädchen und Frauen – haben den Stopp kürzlich in einer gemeinsamen Erklärung scharf kritisiert. Sie forderten, die Hilfen zu erhalten und das dafür nötige Geld im Etat des Bundes bereitzustellen.

Auch Ingeborg Altvater hofft noch. Sie hat die Opfer gebeten, ihre Unterlagen aufzuheben.

*Name geändert

 

 

Fonds sexueller Missbrauch: Antragsstopp und Aus

Erstellt am: Mittwoch, 25. Juni 2025 von Gregor
Betroffene leiden oft ein Leben lang unter den Folgen. Foto: Mohssen Assanimoghaddam

Betroffene leiden oft ein Leben lang unter den Folgen. Foto: Mohssen Assanimoghaddam

Datum: 25.06.2025

Fonds sexueller Missbrauch: Antragsstopp und Aus

Der Fonds sexueller Missbrauch, eine wichtige Hilfe für Opfer, ist schon länger in Gefahr. Jetzt spitzt sich die Situation zu. Ab dem 19. März 2025 eingegangene Erstanträge können vermutlich nicht mehr berücksichtigt werden.

Eine unverzichtbare, niedrigschwellige Unterstützung ist der Fonds sexueller Missbrauch (FSM) für Betroffene. Er ist Teil des Ergänzenden Hilfesystem (EHS), kann Folgen des Missbrauchs lindern und einspringen, wenn notwendige Leistungen nicht durch Kranken- und Pflegekassen oder das soziale Entschädigungsrecht abgedeckt werden, etwa Physiotherapie oder Ergotherapie.

Nun gibt es einen Antragsstopp. Außerdem steht der Fonds in seiner jetzigen Form vor dem Aus – trotz einer zuversichtlich stimmenden Ankündigung im Koalitionsvertrag von Union und SPD. Die Parteien hielten darin fest: „Den Fonds sexueller Missbrauch und das damit verbundene Ergänzende Hilfesystem führen wir unter Beteiligung des Betroffenenbeirats fort.“

Alarmierende Mitteilung der Geschäftsstelle

Am Mittwoch veröffentlichte die Geschäftsstelle des Fonds eine Mitteilung, die deutlich macht, wie sich die Situation zugespitzt hat: In den vergangenen Wochen seien mehr Anträge auf Unterstützung eingegangen als erwartet. „Zu unserem Bedauern werden die im Bundeshaushalt vorgesehenen Mittel zur Gewährung von Billigkeitsleistungen für Betroffene nicht ausreichen, um alle bisher eingegangenen Anträge zu bewilligen“, so die Geschäftsstelle. Derzeit sei davon auszugehen, dass ab dem 19. März 2025 eingegangene Erstanträge nicht mehr berücksichtigt werden. Darüber hinaus könnten nur vollständige Anträge bis 31. Dezember 2025 beschieden werden. Die Geschäftsstelle bittet Antragstellende, bereits eingereichte Anträge selbstständig zu vervollständigen.

Weiter heißt es in der Mitteilung, dem Bundesfamilienministerium sei bewusst, dass die Fristen und Kürzungen viele Betroffene von sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend enttäuschen und vor große Herausforderungen stellen. In der bisherigen Form könne das System – auch weil in den Haushaltsverhandlungen keine Mittel vorgesehen seien – aber nicht fortbestehen. Unbürokratische Hilfen seien aber nach wie vor wichtig. Deshalb setze sich das Ministerium in Gesprächen dafür ein, dass Opfer weiterhin Hilfen bekommen – in welcher Form werde geprüft und brauche noch Zeit.

Kritische Stimmen sprechen von Abwicklung

Aus Fachverbänden sind Stimmen zu hören, die von einer Abwicklung des Fonds sprechen. Kürzlich hatte das von Karin Prien (CDU) geführte Bundesfamilienministerium auf Anfrage des WEISSER RING Magazins noch mitgeteilt: Die Koalitionsfraktionen hätten in ihrem Vertrag die politische Grundlage für den Erhalt des EHS gelegt. Derzeit prüfe das Ministerium, auch vorbehaltlich der Ergebnisse der laufenden Haushaltsverhandlungen, die „Möglichkeiten der Umsetzung“.

Der Fonds ist schon länger in Gefahr: Unter Priens Vorgängerin Lisa Paus (Grüne) rechtfertigte das Ministerium das geplante Aus mit einer Prüfung des Bundesrechnungshofs, der im April 2024 moniert hatte, der Fonds verstoße gegen das Haushaltsrecht. Ein Ministeriumssprecher teilte damals mit, die Ampel-Koalition habe sich nicht auf eine Reform des EHS einigen können. Das müsse die neue Bundesregierung übernehmen.

Der „Rheinischen Post“ sagte Prien nun, sie wolle sich im Bundestag für zusätzliche Haushaltsmittel für Opfer von Kindesmissbrauch einsetzen. Auch werde sie gezielt das Gespräch mit der Unabhängigen Beauftragten Kerstin Claus und dem Betroffenenrat suchen, um eine „tragfähige Lösung“ zu finden. Das System könne nicht wie bisher weitergeführt werden, räumte die Ministerin ein. Die Neuaufstellung sei für Anfang 2026 geplant.

Claus hat die aktuelle Entwicklung mit deutlichen Worten kritisiert: „Einfach rückwirkend bereits vorliegende fristgerechte Anträge auszuschließen und die Annahme von weiteren Anträgen bis zum kommunizierten Antragsende am 31. August 2025 zu verweigern, kommt einem neuerlichen Verrat an Betroffenen gleich“, sagte Claus. Sie appellierte an die Bundesregierung, „sicherzustellen, dass eine kurzfristige Nachsteuerung noch in diesem Jahr erfolgt, um Versorgungslücken zu verhindern“.

Rund 27.500 Menschen wurden unterstützt

Im Jahr 2023 wurden Hilfen in Höhe von 27,6 Millionen Euro (plus 17 Prozent) gezahlt, aus Bundesmitteln flossen in dem Jahr 32 Millionen Euro in den Fonds. Laut dem zuständigen Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben bekamen seit 2013 rund 27.500 Menschen Unterstützung durch den Fonds.

Repräsentative Studie: 12,7 Prozent der Befragten von sexualisierter Gewalt betroffen

Erstellt am: Montag, 2. Juni 2025 von Gregor
Viele Opfer haben sich vergeblich überwunden und einen Antrag auf Unterstützung gestellt. Foto: dpa

Viele Opfer haben sich vergeblich überwunden und einen Antrag auf Unterstützung gestellt. Foto: dpa

Datum: 02.06.2025

Repräsentative Studie: 12,7 Prozent der Befragten von sexualisierter Gewalt betroffen

Eine neue Studie hat die Häufigkeit, den Kontext und die Folgen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche untersucht. Die Ergebnisse sind alarmierend.

Etwa jeder Achte in Deutschland zwischen 18 und 59 Jahren ist als Kind oder Jugendlicher mindestens einmal Opfer sexualisierter Gewalt geworden – hochgerechnet sind das 5,7 Millionen Menschen. Mit 20,6 Prozent ist bei Frauen ein deutlich höherer Anteil betroffen als bei Männern mit 4,8 Prozent. Die Täter sind überwiegend männlich und lediglich in 4,5 Prozent der Fälle weiblich.

Repräsentative Studie mit 3000 Teilnehmenden

Das geht aus einer repräsentativen, am Montag veröffentlichten Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI), der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Ulm und des Instituts für Kriminologie der Universität Heidelberg hervor. Die Forschenden haben in Kooperation mit dem Umfrageinstitut infratest dimap eine repräsentative Stichprobe von Menschen im Alter zwischen 18 und 59 Jahren angeschrieben. Rund 3000 Personen nahmen teil. Die Institute untersuchten sowohl die Häufigkeit sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche als auch den Kontext und die Folgen der Taten. Es handelt sich um die erste bundesweite und repräsentative Studie zu diesem Thema.

„Die Ergebnisse weisen auf ein erhebliches Dunkelfeld hin, das im Vergleich zu früheren Untersuchungen nicht abgenommen hat, obwohl das Bewusstsein um die Problematik gewachsen ist und Präventionsmaßnahmen in Deutschland ausgeweitet wurden“, erklärt Prof. Dr. Harald Dreßing, der die Studie koordiniert hat und die Forensischen Psychiatrie am ZI leitet. Dieses gehört zum Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG).

Tatorte Familie und digitale Kanäle

Bei jüngeren Frauen, den 18-29-Jährigen, war die Betroffenenrate am höchsten: 27,4 Prozent. Unter allen Befragten gaben die meisten an, in der Familie oder durch Verwandte sexualisierte Gewalt erlebt zu haben. Wobei Männer laut der Studie viel öfter in Sport- und Freizeiteinrichtungen, im kirchlichen Zusammenhängen und in der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe betroffen waren. Dies zeige, wie wichtig „differenzierte Schutzkonzepte“ für Kinder und Jugendliche seien, mahnen die Forschungsinstitute.

Gut 37 Prozent der Opfer hatten demnach bislang nicht mit anderen Menschen über die sexuellen Angriffe gesprochen, aus Scham und aus Angst, dass ihnen niemand glaube.

31,7 Prozent der Fälle betrafen digitale Kanäle. Dabei erhielten die Betroffenen beispielsweise ungewollt pornographisches Material, wurden zu sexuellen Handlungen aufgefordert oder gezwungen, sexuelle Bilder zu teilen.

Betroffene haben psychische Schwierigkeiten

Ein weiterer wichtiger Befund: Den von sexualisierter Gewalt Betroffenen gehe es psychisch deutlich schlechter als Nichtbetroffenen. „Es ist wichtig, dass wir die Forschung zum Ausmaß und den Kontexten von sexualisierter Gewalt verstetigen und weiter voranbringen. Nur so können wir Präventionskonzepte und die gezielte medizinische Versorgung von Betroffenen wirklich verbessern“, fordert Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg. Er ist Direktor des ZI und Sprecher des DZPG-Standorts Mannheim-Heidelberg-Ulm.

Die Untersuchung wurde mit Eigenmitteln der Institute finanziert sowie mit Hilfe der WEISSER RING Stiftung, des Vereins Eckiger Tisch und des Kinderschutzbundes.

Vier Prozent mehr Opfer von häuslicher Gewalt

Erstellt am: Montag, 12. Mai 2025 von Gregor
Auf dem Foto präsentiert eine Person eine elektronische Fußfessel am Fußgelenk.

Die Fußfessel ist in Spanien längst gängige Praxis. Foto: Christian Ahlers

Datum: 12.05.2025

Vier Prozent mehr Opfer von häuslicher Gewalt

Rund 266.000 Menschen sind im vergangenen Jahr Opfer häuslicher Gewalt geworden, zwei Drittel davon waren Frauen. Insgesamt ein deutlicher Anstieg, doch zwischen den Bundesländern gibt es große Unterschiede.

Die Zahl der registrierten Opfer von häuslicher Gewalt hat 2024 offenbar deutlich zugenommen, um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Laut einem Bericht der „Welt am Sonntag“ wurden im vergangenen Jahr bundesweit 266.000 Opfer erfasst, zwei Drittel davon sind Frauen. Das geht aus Statistiken hervor, die die Innenministerien und Polizeibehörden der Länder gemeldet haben. Sie fließen in ein „Lagebild Häusliche Gewalt“ des Bundeskriminalamtes ein, das das BKA mit Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) und Familienministerin Karin Prien (CDU) wohl im Sommer vorstellt. Die Zahlen umfassen Angriffe von Partnern, früheren Partnern und Familienangehörigen. Fachleute gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Ein Grund: Viele Betroffene zeigen die Gewalt nicht an, etwa aus Angst vor dem Täter.

Stärkster Anstieg in Niedersachsen

Die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern sind teils enorm: So stieg die Zahl der registrierten Opfer in Niedersachen (plus 12,3 Prozent auf 30.209), Schleswig-Holstein (plus 8,8 Prozent auf 9342) und Baden-Württemberg (plus 8,7 Prozent auf 27.841) besonders stark, während sie in Mecklenburg-Vorpommern (minus 1,6 Prozent auf 5249), im Saarland (minus 2,7 Prozent auf 3890) und Bremen/Bremerhaven (minus 3,7 Prozent auf 3514) sank.

In ihrem Koalitionsvertrag hat die neue, schwarz-rote Koalition verschiedene Maßnahmen angekündigt, um der Gewalt entgegenzuwirken. So will sie die elektronische Fußfessel nach spanischem Vorbild einführen. Dafür plant die Regierung deutschlandweit einheitliche Rechtsgrundlagen im Gewaltschutzgesetz.

Fußfessel als ein Gegenmittel

Der WEISSE RING hatte sich zuvor jahrelang für die Fußfessel engagiert, auch in Brandbriefen an die Politik und mit einer Online-Petition. Die Redaktion wies in einer umfangreichen Recherche unter anderem nach, wie erfolgreich das Modell in Spanien ist. Bei der modernen Variante der „Aufenthaltsüberwachung“ kann die Fußfessel des Täters mit einer GPS-Einheit kommunizieren, die das Opfer trägt. Der Alarm ertönt, wenn sich der Überwachte und die Betroffene einander nähern.

Union und SPD versprechen zudem, das Gewalthilfegesetz – das ab 2032 einen Rechtsanspruch auf kostenlosen Schutz und Beratung für Frauen und Kinder festschreibt – umzusetzen und die Gewaltschutzstrategie des Bundes zu einem „Nationalen Aktionsplan“ auszubauen. Auch sei eine intensivere Präventions-, Aufklärungs- und Täterarbeit geplant. Wie dies konkret geschehen soll, schreibt das Bündnis nicht.

Den Stalking-Paragraphen möchte die Koalition um das Verwenden von GPS-Trackern erweitern. Diese benutzen Männer mitunter, um Frauen zu belästigen und zu kontrollieren.

 

„Die Betroffenen haben viele Ängste und Schamgefühle“

Erstellt am: Donnerstag, 3. April 2025 von Selina

„Die Betroffenen haben viele Ängste und Schamgefühle“

Die Empörung war groß, nachdem bekannt geworden war, dass der Fonds Sexueller Missbrauch (FSM) auslaufen soll. Der Koalitionsvertrag von CDU und SPD lässt auf eine Fortsetzung hoffen. Doch ob und in welcher Form der Fonds tatsächlich bleibt, ist ungewiss. Beratungsstellen und Betroffene mahnen, die niedrigschwelligen Hilfen in vollem Umfang zu erhalten.

Viele Opfer haben sich vergeblich überwunden und einen Antrag auf Unterstützung gestellt. Foto: dpa

Viele Opfer haben sich vergeblich überwunden und einen Antrag auf Unterstützung gestellt. Foto: dpa

Bernd Weiland (Name geändert) wurde jahrelang von seinem Vater missbraucht. Er verlor das Gleichgewicht und bekam als Erwachsener auch Geldsorgen, weil er beruflich nicht richtig Fuß fassen konnte. Um wenigstens etwas Abstand zu der Tat und zu dem Mann zu bekommen, der ihm so viel Leid zugefügt hatte, wollte er seinen Nachnamen ändern. Später hatte er noch einen kleinen Wunsch: sich einmal elegant einkleiden, von Kopf bis Fuß, um sich „nicht so ärmlich und erbärmlich“ zu fühlen, sagte er. Keine teure Designerkleidung, aber ordentliche Klamotten. Als der Fonds Sexueller Missbrauch (FSM) seinen Antrag auf finanzielle Unterstützung für die Namensänderung und die Kleidung bewilligte, war er sprachlos und brach in Tränen aus, vor Freude.

Die Kleidung habe für ihn eine tiefere Bedeutung gehabt, erklärt Ingeborg Altvater, die beim WEISSEN RING mehr als 100 Beratungen zum Ergänzenden Hilfesystem (EHS) gemacht hat, das hinter dem Fonds steht. „Die Garderobe stärkte sein Selbstbewusstsein. Das ist ganz wichtig, weil er wie andere Opfer mit dem Gefühl kämpfte, minderwertig und hilflos zu sein“, erinnert sich Altvater.

In der Regel ist eine Unterstützung bis 10.000 Euro möglich

Der Fonds kann Hilfen gewähren, die die Kranken- und Pflegekassen oder das soziale Entschädigungsrecht nicht abdecken. In der Regel ist eine Unterstützung in Höhe von 10.000 Euro, für Betroffene mit Behinderung bis zu 15.000 Euro möglich. Kürzlich ist bekannt geworden, dass das Ergänzende Hilfesystem und der FSM Ende 2028 auslaufen sollen. Demnach können Erstanträge von Betroffenen sexualisierter Gewalt noch bis Ende August 2025 eingereicht und Zusagen nur bis Jahresende erteilt werden.

Das noch amtierende Familienministerium von Lisa Paus (Grüne) rechtfertigte diesen Schritt mit einer Prüfung des Bundesrechnungshofs, der im April 2024 bemängelt hatte, der Fonds verstoße gegen das Haushaltsrecht. Ein Ministeriumssprecher teilte mit, die Ampel-Koalition habe sich nicht darüber einigen können, wie sie das EHS neu aufstellen können. Das sei Aufgabe der neuen Bundesregierung. Der WEISSE RING und fünf Fachorganisationen, darunter die Bundeskoordinierung Spezialisierter Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend (BKSF), kritisierten die Entscheidung und forderten in einer gemeinsamen Erklärung: „Der Fonds Sexueller Missbrauch muss dauerhaft fortgeführt und strukturell abgesichert werden.“

Der Koalitionsvertrag von CDU und SPD lässt auf eine Fortsetzung hoffen. Darin heißt es: „Den Fonds sexueller Missbrauch und das damit verbundene Ergänzende Hilfesystem führen wir unter Beteiligung des Betroffenenbeirats fort.“ Doch ob der FSM als Teil des EHS tatsächlich bestehen bleibt und in welcher Form, ist noch unklar. Auf Anfrage des WEISSER RING Magazins teilte eine Sprecherin des nun von Karin Prien (CDU) geführten Familienministeriums mit: Die Koalitionsfraktionen hätten in ihrem Vertrag die politische Grundlage für den Erhalt des EHS gelegt. Derzeit prüfe das Ministerium, auch vorbehaltlich der Ergebnisse der laufenden Haushaltsverhandlungen, die „Möglichkeiten der Umsetzung“.

Leistungen können Folgen des Missbrauchs lindern

Beratende wie Ingeborg Altvater mahnen, den Fonds in vollem Umfang zu erhalten. Sie beschreibt das Hilfesystem als „sehr niedrigschwellige Möglichkeit zu helfen – und auf individuelle Bedürfnisse einzugehen, um die Folgen des Missbrauchs zu lindern“.

Das System bietet aus Sicht der Opfer eine Reihe von Vorteilen: Die Verfahren sind nicht so lang und belastend wie beim Entschädigungsrecht, und die Anträge werden viel häufiger genehmigt. Betroffene müssen glaubwürdige Angaben machen, etwa zu ihrer Person und zu den Taten, letztere jedoch nicht detailliert in Worte gefasst schildern. Sie können auch durch Ankreuzen Informationen geben, beispielsweise dazu, ob sie angefasst worden sind. „Das entlastet Opfer. Sie schaffen es dadurch eher, einen Antrag auf Unterstützung zu stellen“, weiß Altvater. Nach mehr als zehn Jahren Erfahrung in der Beratung sagt Altvater: „Menschen, die in jungen Jahren von ihren Nächsten missbraucht wurden und dadurch einen großen Vertrauensbruch erlitten haben, sind eine besonders belastete Opfergruppe. Sie haben viele Ängste und Schamgefühle.“ Teilweise sind sie beruflich erfolgreich, haben aber privat Probleme. Mitunter verdrängen sie die Tat jahrzehntelang – und brechen dann zusammen.

Der FSM kümmert sich weitgehend um Fälle von sexualisierter Gewalt im familiären Bereich. Zudem übernimmt er Fälle in Institutionen, die sich an ihm beteiligen, etwa der Caritasverband und die Bundeswehr. Laut den jüngsten Zahlen ist der monatliche Schnitt an Erstanträgen im Jahr 2023 gegenüber dem Vorjahr um 21 Prozent gestiegen, auf 412. Das geht aus dem Jahresbericht des Fonds hervor. Der Großteil der Antragstellenden hat sexualisierte Gewalt im familiären Umfeld angegeben (96,2 Prozent). In etwa 98 Prozent der Fälle wurden Mittel aus dem FSM bewilligt. Im Jahr 2023 flossen Hilfen in Höhe von 27,6 Millionen Euro (plus 17 Prozent), der Bund zahlte in dem Jahr 32 Millionen ein. Nach Angaben des zuständigen Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben bekamen seit 2013 rund 27.500 Menschen Hilfen durch den Fonds. Den größten Anteil im vorvergangenen Jahr hatten Leistungen, die der „individuellen Aufarbeitung“ dienen, etwa Hilfen zur sozialen Teilhabe oder Entspannungsverfahren (8 Millionen Euro), gefolgt von therapeutischen Hilfen (7,7 Millionen Euro).

Beratungsstellen warnen vor Aus

Auch in der Fachberatung aktive Einrichtungen kritisieren das drohende Aus bundesweit. Lilo Löffler, geschäftsführender Vorstand beim Sozialdienst Katholischer Frauen und Männer Mettmann, warnt zum Beispiel vor einem „fatalen Schritt“ der Politik. Die individuellen Hilfeleistungen seien eine wichtige Anerkennung für Betroffene und „tragen erheblich zur Linderung des erlebten Leids bei.“

Der Fonds Sexueller Missbrauch kann einspringen, wenn gesetzliche Leistungen nicht reichen, um das Leid der Betroffenen zu lindern. Oder wenn das Fortsetzen gesetzlicher Leistungen abgelehnt oder durch eigentlich vorrangige Leistungsträger erschwert wird. So kann der Fonds beispielsweise eine Behandlung in den sogenannten psychotherapeutischen Richtlinienverfahren über die Stundenobergrenze hinaus ermöglichen. Weitere Beispiele sind Physiotherapie, Ergotherapie, Zahnbehandlungen, Aus- und Fortbildung oder Umzüge, etwa wenn der Tatort auch der Wohnort ist.

Wenn Altvater Betroffene berät, erklärt sie ihnen zu Beginn den Aufbau des Antrags, klärt formale Dinge: „Das verringert die Anspannung.“ Es geht erst um Daten zur Person, später um Tatzeit und Tatort, die Tat, die nicht beschrieben werden muss, dann um seelische und körperliche Folgen sowie die konkreten Leistungen, die das Leid lindern und den Heilungsprozess fördern sollen. Die Sachbearbeiter müssen erkennen, weshalb etwas beantragt wird und inwiefern es helfen kann. „Wir überlegen, was den Opfern guttun, was ihnen eine neue Perspektive eröffnen würde.“ Ein wichtiges Ziel sei, die Selbstwirksamkeit zu erhöhen, da sie sich häufig machtlos fühlen. Auch deshalb habe der Fonds eine große Bedeutung: „Wenn Betroffene aktiv werden, aus der Opferrolle treten können und schließlich lesen, dass der Staat ihr Leid anerkennt und sie unterstützt, brechen sie manchmal in Tränen aus. Manchen hat ihr Umfeld viele Jahre lang nicht geglaubt.“

Unruhe und Sorgen bei Betroffenen

Ein Ende des Fonds wäre verheerend, sagt Altvater. Die Ankündigung, den Fonds Sexueller Missbrauch als Teil des EHS nicht weiterzuführen, hat bereits negative Folgen gehabt. Betroffene fühlen sich im Stich gelassen, nicht wahrgenommen. Aufgrund der aktuell geltenden Fristen müssen sie schnell handeln – was für schwer traumatisierte Menschen eine große Herausforderung ist. Ein weiteres Problem: Es gibt keine Vorauszahlungen mehr. Wenn also jemand zum Beispiel das Geld für ein Fahrrad nicht vorstrecken kann und der Händler nicht mit sich reden lässt, muss er aufgrund der aktuellen Antragsflut auf die bewilligte Leistung verzichten. „Das ist alles belastend, sorgt für Unruhe“, so Altvater.

Sie, ihre beratenden Kolleginnen und Kollegen sowie die Opfer hoffen, dass der Fonds bestehen bleibt, gestärkt wird, und dass bald Klarheit herrscht. Was das Ergänzende Hilfesystem leisten kann, zeigt ein weiterer Fall, der Altvater besonders gut im Gedächtnis geblieben ist: Annette Weber (Name geändert) hatte der Missbrauch so aus der Bahn geworfen, dass sie kaum in der Lage war, ihre Wohnung zu verlassen und unter Leute zu gehen. Die Rollläden in ihrer Zweizimmerwohnung ließ sie zumeist unten. In der EHS-Beratung nannte sie zwei Anliegen: ein Rudergerät, gegen ihre Rückenschmerzen und ein neues Schlafsofa für das Wohnzimmer, wo sie schlief statt im Schlafzimmer. Beim zweiten Wunsch war Altvater der Grund zunächst nicht klar, für den Antrag musste sie ihn aber kennen. Nachdem sie eine Weile nachgedacht hatte, fragte Altvater: „Hat der Missbrauch in einem Schlafzimmer stattgefunden?“

Weber nickte, erleichtert darüber, dass die Beraterin es ausgesprochen hatte. Altvater ergänzte den Antrag und er wurde bewilligt. Weber war „einfach nur glücklich“. Sowohl über den Ersatz für die alte, durchgelegene Couch als auch über das Rudergerät. Es half ihrem Rücken, und sie mochte die gleichmäßige, beruhigende Bewegung, die sich so anfühlte, als wäre sie auf dem Wasser.

„Gewalt gegen Männer ist ein Tabuthema“

Erstellt am: Freitag, 31. Mai 2024 von Selina

„Gewalt gegen Männer ist ein Tabuthema“

Im Interview spricht Steffen Schroeder, Botschafter des WEISSEN RINGS, über Gewalt gegen Männer in Partnerschaften und seine Arbeit mit Tätern und Opfern.

Steffen Schroeder ist Botschafter des WEISSEN RINGS.

Sie engagieren sich auf sehr vielfältige Weise in der Zivilgesellschaft. Wie kommt das?

Ich bin mit ehrenamtlicher Arbeit aufgewachsen. Als Jugendlicher habe ich mich erst in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen engagiert, dann im Naturschutz. Dabei habe ich immer tolle Erfahrungen gemacht und früh gelernt, dass man einerseits viel gibt, aber andererseits auch viel bekommt. Nicht in Form von Geld, sondern in Form von Dankbarkeit.

Ehrenamtliche Arbeit hat mich immer zutiefst erfreut, so dass ich das eigentlich immer beibehalten habe.

Auf Ihrem Instagram-Kanal haben Sie auf das Thema häusliche Gewalt aufmerksam gemacht und geschrieben, dass betroffene Männer noch seltener Hilfe suchen als Frauen. Warum ist Ihnen dieses Thema wichtig?

Mit diesem Thema habe ich schon länger zu tun. Ich bin viel in der Straffälligenhilfe unterwegs und habe viele Gespräche mit Tätern geführt. Bei einigen von ihnen gab es sexuelle Gewalt, in manchen Fällen sogar vonseiten der Mutter. In der Regel ist es für männliche Betroffene noch schambehafteter als für weibliche, darüber zu sprechen. Das gilt umso mehr, wenn es eine Täterin gibt. Natürlich gibt es mehr Gewalt gegen Frauen, da gibt es ganz andere Zahlen. Aber es müsste auch medial mehr von männlichen Opfern erzählt werden, weil mit Gewalt gegen Männer nach wie vor ein Tabu verbunden ist.

Wie passt Ihr Ehrenamt im Strafvollzug mit dem im Opferschutz zusammen?

Die beiden Bereiche passen sogar sehr gut zusammen, sie ergänzen sich. Meiner Erfahrung nach verläuft Gewalt immer in Kreisläufen, und es gehört zum Präventionsgedanken, sich dessen bewusst zu werden. Wenn Kinder zum Beispiel zu Hause Alkoholismus und Gewalt erleben, besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass sie in ihrem Leben selbst zu Alkoholikern oder gewalttätig werden, trotz all der vorgelebten negativen Seiten. Ich denke, um solche Kreisläufe zu durchbrechen, müssen wir als Gesellschaft auf beiden Seiten daran arbeiten, mit Opfern und mit Tätern. Letztere sollen sich ja bis zu ihrer Entlassung aus dem Gefängnis zum Guten verändern.

Meiner Erfahrung nach gibt es im Vollzug allerdings nur wenige Angebote, die das fördern.

Sie haben sich auch mit dem Ansatz der „Restorative Justice“ beschäftigt, bei dem Opfer und Täter in einen Dialog treten.

Ja, aber ob man diesen Weg gehen möchte, muss man ganz allein dem Opfer überlassen. Wenn jemand das nicht möchte, muss man das unbedingt anerkennen und darf ihn nicht überreden. Aber wenn jemand dazu bereit ist, kann ein Austausch, bei dem Fragenstellen und ein Aussprechen einer Entschuldigung möglich sind, für beide Seiten unheimlich hilfreich sein. Und natürlich braucht es dabei eine sensible Begleitung.

,,Ehrenamtliche Arbeit hat mich immer zutiefst erfreut."

Steffen Schroeder
Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Ich habe als Vollzugshelfer sieben Jahre lang einen Gefangenen betreut, der einen Mord begangen hat, und über die Begegnungen und seine Entwicklung auch ein Buch geschrieben. Anfangs war deutlich, dass er versuchte, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Da ist mir zum ersten Mal klar geworden, wie unfassbar groß diese Schuld ist, die man nie auch nur ansatzweise wiedergutmachen kann. Es ist die Aufgabe des Täters, diese Schuld zu tragen, wie einen schweren Rucksack.

Wir als Gesellschaft können ihm helfen, diesen Rucksack auf die Schultern zu hieven. Bei jenem Gefangenen war es so, dass die Bereitschaft und das Bedürfnis, sich der Schuld zu stellen, mit der Zeit wuchsen. Irgendwann sagte er, er würde gerne eine Entschuldigung aussprechen. Das war leider nicht mehr möglich, weil die Angehörigen des Opfers bereits verstorben waren. Aber ich glaube, der Prozess hat beim Täter zu einer Form von Heilung geführt. Und genau das kann uns als Gesellschaft helfen: dass Täter zu Menschen werden, die anderen Menschen keinen Schaden mehr antun.

Transparenzhinweis:
Steffen Schroeder hat eine Schauspielausbildung absolviert, wirkt in Kino- und Theaterproduktionen mit und war bisher unter anderem zu sehen in TV-Serien wie Tatort, Polizeiruf 110, Soko Leipzig und In aller Freundschaft. Seit 2015 ist er Botschafter des WEISSEN RINGS. Er engagiert sich außerdem ehrenamtlich als Mitglied des Medienrats des Landes Berlin-Brandenburg und ist Botschafter der „Exit“-Initiative für Aussteiger aus der rechtsextremen Szene. Sein Debüt als Autor hatte er mit dem Buch „Was alles in einem Menschen sein kann“, das von seinen Begegnungen mit einem Mörder handelt, den er als ehrenamtlicher Vollzugshelfer in einem Gefängnis kennenlernte. Zuletzt hat Schroeder zwei Romane verfasst. Der 49-Jährige lebt in Potsdam und hat drei Kinder.

Länder lassen Männer als Opfer von Partnerschaftsgewalt im Stich

Erstellt am: Mittwoch, 15. Mai 2024 von Sabine
Im Jahr 2024 wurden in Deutschland 265.942 Menschen Opfer Häuslicher Gewalt, ein neuer Höchststand.

Im Jahr 2024 wurden in Deutschland 265.942 Menschen Opfer Häuslicher Gewalt, ein neuer Höchststand. Foto: Christian J. Ahlers

Datum: 15.05.2024

Länder lassen Männer als Opfer von Partnerschaftsgewalt im Stich

In zehn Bundesländern gibt es derzeit keine einzige Schutzeinrichtung für Männer, die von Partnerschaftsgewalt betroffen sind – und absehbar wollen die betreffenden Länder diese Lücke auch nicht schließen.

In zehn Bundesländern gibt es derzeit keine einzige Schutzeinrichtung für Männer, die von Partnerschaftsgewalt betroffen sind – und absehbar wollen die betreffenden Länder diese Lücke auch nicht schließen. Das ist das Ergebnis einer Recherche aus der Redaktion des WEISSEN RINGS, Deutschlands größter Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer.

Häusliche Gewalt und Partnerschaftsgewalt treffen zwar häufiger und oft mit schlimmeren Verletzungsfolgen Frauen als Männer, darauf weist der WEISSE RING seit Jahren hin. Aber ein Fünftel der in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Opfer von Partnerschaftsgewalt sind eben auch Männer – in Zahlen: 31.469 Betroffene im Jahr 2022. Hinzu kommt ein sehr großes Dunkelfeld.

Einer neuen Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) zufolge, die mit Mitteln der WEISSER RING Stiftung finanziert wurde, hat sogar jeder zweite Mann in Deutschland mindestens einmal in seinem Leben Gewalt in einer Beziehung erlebt. Männer erfahren dabei häufiger psychische Gewalt (39,8 Prozent) als körperliche Gewalt (29,8 Prozent). „Auch für Männer braucht es mehr Orte, an denen sie bei Bedarf spontan Unterkunft finden, gegebenenfalls auch mit Kindern (Männerhäuser)“, heißt es im Ergebnis in der Studie.

Bundesweit nur 46 Schutzplätze für Männer

Aktuell halten diese zehn Bundesländer keine Männer-Schutzwohnung vor: Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es eine Schutzwohnung auf der Insel Rügen, die „unabhängig vom Geschlecht und damit selbstverständlich auch von männlichen Betroffenen in Anspruch genommen werden kann und im letzten Jahr auch entsprechend genutzt wurde“, wie das Ministerium auf Nachfrage des WEISSEN RINGS mitteilt.
Insgesamt gibt es der Umfrage zufolge in Deutschland nur zwölf Einrichtungen, die von Partnerschaftsgewalt betroffenen Männern offenstehen: eine in Baden-Württemberg, zwei in Bayern, eine in Niedersachsen, fünf in Nordrhein-Westfalen und drei in Sachsen. In Sachsen findet sich zudem eine von drei geschlechtsneutralen Schutzwohnungen in Deutschland. Bundesweit gibt es somit nur 46 Schutzplätze für Männer. Nordrhein-Westfalen und Sachsen folgen mit der Anzahl der Einrichtungen als einzige Länder der Empfehlung der Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz (BFKM).

Während betroffene Männer und Männerberatungsstellen dringenden Bedarf an solchen „Männerhäusern“ anmelden, beurteilen die Länder das häufig anders. So wird im Saarland schlicht „kein Bedarf gesehen“, und Hessen teilt mit: „Bisher gibt es keine wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse darüber, ob ein Netz an ähnlich ausgerichteten Zufluchtsmöglichkeiten wie es sie für gewaltbetroffene Frauen gibt, erforderlich ist.“

 

„Aktuell (…) keine konkreten Pläne“

Hessen verweist dementsprechend allgemein auf „eine Vielzahl an Hilfsangeboten“ im Land, und das Saarland erklärt: „Aktuell gibt es keine konkreten Pläne zur Schaffung einer entsprechenden Einrichtung.“ Auch Bremen, Hamburg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt geben an, dass es aktuell keine entsprechenden Vorhaben gebe. Thüringen verweist darauf, dass ein aktueller Gesetzentwurf der Regierungsfraktionen „(zumindest) eine Schutzeinrichtung für Männer“ vorsehe. Zurzeit sei die Schaffung solcher Schutzeinrichtungen im Land Angelegenheit der Kommunen, laut dem Gesetzentwurf solle die Zuständigkeit aufs Land übertragen werden.

Immerhin vier Länder (Bayern, Berlin, Brandenburg und Rheinland-Pfalz) kündigen eine Bedarfsprüfung an. Niedersachsen und Schleswig-Holstein haben die Fragen des WEISSEN RINGS nicht beantwortet.

Dass es an Angeboten für gewaltbetroffene Männer fehlt, könnte auch daran liegen, dass es ihnen an Fürsprechern in den Ländern fehlt. „In Bremen gibt es dazu tatsächlich keinen Ansprechpartner“, räumt Deutschlands kleinstes Bundesland ein. Und die Landesregierung in Potsdam teilt mit: „Für Männergewaltschutz ist bislang in Brandenburg keine Ressortzuständigkeit, einhergehend mit Personal- und Haushaltsmitteln vorhanden.“

WEISSER RING fordert Nachbesserung

Die Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS, Bianca Biwer, fordert Bund und Länder auf, im Bereich der Männerschutzeinrichtungen dringend nachzubessern. „Wie alle von Gewalt betroffenen Menschen brauchen Männer, die von Partnerschaftsgewalt betroffen sind, ein professionelles Unterstützungsangebot.“

Update vom 23. Mai 2024:
Als Reaktion auf die Berichterstattung des WEISSEN RINGS hat Staatssekretärin Dr. Christine Arbogast vom niedersächsischen Sozialministerium der Redaktion folgende Nachricht geschrieben:
„[…] Für männliche Opfer existieren insgesamt bisher nur wenig geschlechtsspezifische Versorgungsstrukturen. In Niedersachen prüfen wir daher aktuell die Möglichkeit der Einrichtung einer Männerschutzwohnung. Seien Sie versichert, dass sich die Niedersächsische Landesregierung der Bedeutung des Themas „Gewalt gegen Männer bewusst ist und sich diesem verstärkt annehmen wird.“

Wenn Männer Opfer von Partnerschaftsgewalt werden

Erstellt am: Freitag, 15. März 2024 von Juliane

Wenn Männer Opfer von Partnerschaftsgewalt werden

Meistens trifft Partnerschaftsgewalt Frauen – aber auch Männer werden Opfer. Was wissen wir über dieses Thema, über das eher selten und nur ungern gesprochen wird? Die Redaktion des WEISSEN RINGS hat in München und Oldenburg, in Dresden und Hannover, in Berlin und Mainz recherchiert.

Die Illustration zeigt sehr vereinfacht einen Mann mit einer Träne unter einem Auge.

Illustration: Alexander Lehn

Eisregen prasselt auf die weißgefrorenen Pflastersteine am Mainzer Schillerplatz. Frost klebt auch am Fastnachtsbrunnen und an den 200 Narrenfiguren, die den Bronzeturm bis auf neun Meter Höhe hinaufreichen. René, 39 Jahre alt, ein hochgewachsener Mann mit Vollbart und Zopf, blickt aus einem warmen Café hinaus auf das Winterbild und redet erst einmal übers Wetter. Ein bisschen Smalltalk, bevor er über das sprechen mag, über das Mann lieber nicht spricht: Männer als Opfer von Partnerschaftsgewalt.

I. Jeder zweite Mann

"Aber da verschieben sich natürlich auch Wahrnehmungen und Grenzen, ne. Also das ist ganz pervers, was mit einem selber so passiert, wie man in so was so reinrutschen kann, wo man zum Schluss denkt, (…) hättest du mir das vor fünf Jahren gesagt oder vor zehn, (…), hätte ich gesagt, 'garantiert nicht'. Never ever. Das passiert mir nicht."

Benjamin, Betroffener von Partnerschaftsgewalt

„Gewalt gegen Frauen nimmt zu“

„Vor allem Frauen sind betroffen“

„91,7 Prozent der Täter sind männlich“

So lauten die Schlagzeilen, wenn Politik und Polizei alljährlich die aktuellen Zahlen zur häuslichen Gewalt und zur Partnerschaftsgewalt vorstellen. Und es stimmt ja auch, in den allermeisten Fällen sind Frauen die Opfer. Für das Jahr 2022 zum Beispiel verzeichnet die Statistik des Bundeskriminalamtes 157.818 Betroffene von Partner­schaftsgewalt. 126.349-mal waren Frauen die Leid­tragenden, das sind 80,1 Prozent. Männer kommen in der Berichterstattung kaum vor; falls doch, dann zumeist als Täter.

Aber es gibt sie trotzdem, die Männer, die Opfer von Partner­schaftsgewalt wurden. Laut Kriminalstatistik sind 19,9 Prozent der Betroffenen Männer. Männer wie René.

René ist für Geschäftstermine ein paar Tage in Rheinhessen unterwegs, er lebt mittlerweile in Norwegen. „In Norwegen machen sie vieles besser als die Deutschen“, deutet er an. Aber darüber werde man ja sicher später noch reden. Er blättert in der Speisekarte und bestellt sich einen Burger.

Die Zahlen des Bundeskriminalamtes bilden das sogenannte Hellfeld ab, also die Gewaltfälle, von denen die Polizei weiß. Eine neue Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) beleuchtet nun auch das Dunkelfeld. Für das Forschungsprojekt „Gewalt gegen Männer in Partnerschaften“ haben die Wissenschaftler die Antworten von 1.209 Männern im Alter zwischen 18 und 70 Jahren in einem Onlinefragebogen ausgewertet und kamen so unter anderem zu ­folgenden repräsentativen Ergebnissen:

• Jeder zweite Mann in Deutschland war im Lauf ­seines Lebens mindestens einmal von Partnerschaftsgewalt betroffen (54,1 Prozent der Befragten).

• Die meisten betroffenen Männer haben psychische Gewalt erlebt (39,8 Prozent). 29,8 Prozent der Befragten berichteten von körperlicher Gewalt.

• Zwei Drittel der betroffenen Männer gaben an, an den Folgen der erlebten Gewalt zu leiden.

Wenn Männer Opfer von Partnerschaftsgewalt werden

Von der Scham zur Hilfe

Mehr als jeder zweite Mann, das klingt nach über­raschend vielen betroffenen Männern. Die hohe Zahl hat zum einen damit zu tun, dass die Forscher aus ­Hannover mit einem „sehr weit gefassten Gewalt­begriff“ gearbeitet haben, wie Projektleiter Dr. Jonas Schemmel erklärt. So fragten sie zum Beispiel auch nach Gewaltformen wie aggressivem Anschreien, absicht­lichem Zerstören von Gegenständen oder absichtlichem Wegstoßen. „Jeder Mensch stellt sich vielleicht etwas anderes unter Gewalt vor“, sagt Schemmel.

Zum anderen ist die hohe Zahl aber eben auch ein Indiz dafür, dass mehr Männer Gewalt in Partnerschaften erleben und mit deren Folgen umgehen müssen, als ­bislang angenommen wurde.

II. Renés Geschichte

"(Meine Partnerin) hat mich so verprügelt wie noch nie. Da haben mich hinterher sogar die Nachbarn drauf angesprochen, weil ich überall Kratzwunden im Gesicht hatte. Wir haben dann vorher als Alibi (…) erfunden, dass ich im Wald gefallen bin und da eben an Ästen hängengeblieben bin (…)."

Björn, Betroffener von Partnerschaftsgewalt

„Es fing ganz harmlos an“, sagt René im Café am Schiller­platz.

Vor ein paar Jahren, er wohnte noch in Koblenz, Rheinland-Pfalz, tauschte er mit einer Bekannten Nach­richten auf dem Smartphone aus. Ganz unverfänglich, sagt er. Seiner damaligen Partnerin passte das trotzdem nicht. Auf ihren Druck hin brach er den Kontakt zu der Bekannten ab. Jetzt wird alles wieder gut, dachte er.

Er irrte.

Die Forderung nach dem Kontaktabbruch war nur eine von zahlreichen Grenzüberschreitungen, die René erlebte. Von Wutausbruch zu Wutausbruch eskalierte die Situation immer mehr. Es dauerte Monate, bis er es schaffte, sich von seiner Freundin zu trennen. „Ich glaube, es war meinem damaligen Umfeld schon bewusst, dass diese Beziehung schwierig war“, sagt er.

Ein paar Wochen später sollte es eine Aussprache ­zwischen ihm und seiner Partnerin geben, ein letztes Mal. Die letzte Aussprache – das ist etwas, wovor Gewaltforscher und Kriminalbeamte Betroffene von Beziehungs­gewalt immer wieder warnen. Meistens warnen sie damit Frauen vor ihren gewalttätigen Männern.

Was genau bei diesem letzten Treffen passiert ist, möchte René nicht erzählen. Nur so viel: Es kam zu sexuellen Handlungen gegen seinen Willen, er traute sich aber auch nicht zu widersprechen. Als es vorbei ist, ist René wie gelähmt. Er findet keine Worte für das, was ihm widerfahren ist. „Dissoziiert und völlig verstört“ nennt er seinen damaligen Zustand, „ich konnte nicht reden und keinen Blick­kontakt halten.“ Er konnte nur schreiben: Auf einem Zettel notierte er ein paar Worte, ein Freund verstand sie. „Dem war ja auch klar, in was für einer Beziehung ich da war“, sagt René. Der Freund fährt ihn in eine Klinik.

III. Vier Probleme

"Ich hab' mich ja nicht als Opfer gesehen. Wieso sollte ich denn dann Hilfe holen? (…) dass ich eben halt gelernt hab', als Mann kann ich nicht Betroffener von Gewalt sein, das ist einfach nicht möglich. (…) Und solange es nicht möglich ist, bin ich auch kein Betroffener und hole mir auch keine Hilfe. Ist mir erst drei Jahre später aufgefallen, dass da was passiert ist, was über 'ne Grenze gegangen ist, weil ich meine eigenen Grenzen nicht gespürt habe. Deswegen kam ich nicht auf die Idee, die Polizei einzuschalten."

Stefan, Betroffener von Partnerschaftsgewalt

Wenn Männer Opfer von Partnerschaftsgewalt werden, stoßen sie häufig auf vier Probleme.

Problem Nummer 1: Männer begreifen oft nicht, was ihnen da passiert ist. War das tatsächlich Gewalt, was sie erlebt haben? Obwohl 66,7 Prozent der betroffenen Männer den Forschern des KFN sagten, dass sie an den Folgen ihrer Gewalterfahrung litten, gaben gleichzeitig 59 Prozent an, dass sie die Gewalt als „nicht so schlimm“ empfunden hätten. Weitere sieben bis acht Prozent ­sagten, sie hätten sich geschämt. Wer sich aber nicht als Opfer sieht oder sich zu sehr schämt und die Schuld allein bei sich selbst sucht, der holt sich keine Hilfe.

Problem Nummer 2: Wenn Männer erkannt haben, dass sie Hilfe brauchen, wissen sie häufig nicht, wo sie Hilfe finden können. Wer ist in Deutschland zuständig für gewaltbetroffene Männer? Für Männer überhaupt? Es gibt eine Frauenministerin, aber keinen Männer­minister. Es gibt ein Hilfetelefon des Bundesfrauenministeriums „Gewalt gegen Frauen“, aber keines „Gewalt gegen Männer“. Es gibt eine App „Gewaltfrei in die Zukunft“ des Bundesjustizministeriums für „erwachsene Frauen und nonbinäre Personen“, aber keine für erwachsene Männer. Es gibt einen internationalen „Orange Day“ der Vereinten Nationen zur „Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“, aber keinen Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Männer. An wen wendet Mann sich also?

Ein Foto zeigt einen Mann mit Brille, der vor einer blauen Wand steht.

René, der selbst Gewalt erfahren hat, zeigt sein Gesicht auch bei Kampagnen gegen Gewalt. Foto: Ahlers

„Für Männer gab es schlicht gar nichts“, erinnert sich René.

„Ich habe in einer Beziehung gelebt, in der ich Gewalt erfahren habe. In der ich geschlagen wurde“, sagt er. „Ich wollte nicht zurückschlagen und wusste nicht, was ich tun sollte.“ Nach dem Ende der Beziehung ­kontaktierte er die Polizei. „Dort wurde mir geraten, erst mal zu einem Hilfeverein zu gehen. Dort wurde mir gesagt, ich sei ­leider ,zu männlich‘. Überall, wo ich hingegangen bin, wurde mir das Gleiche erzählt.“

René beschreibt damit Problem Nummer 3: Nicht nur Männer verstehen oftmals nicht, was ihnen passiert ist – auch professionelle Helfer tun es mitunter nicht.

Echte Männer weinen nicht. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Happy wife, happy life. Männer sind stark, Männer lassen sich nie unterkriegen, der Mann muss seine Familie beschützen. Haben Polizisten Sätze wie diese im Sinn, wenn ein Mann ihnen berichtet, er sei das Opfer einer gewalttätigen Frau geworden?

In München läuft Christiane Feichtmeier mit ihrem Rucksack durch den einsetzenden Nieselregen zur ­Landesgeschäftsstelle der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Sie ist mit der Bahn aus dem nahen Tutzing angereist, um über Gewalt gegen Männer zu sprechen; nach dem Gespräch wird sie denselben Weg zurück ­nehmen, um als SPD-Politikerin über Gewalt gegen Frauen zu sprechen. Feichtmeier, 51 Jahre alt, trat 1990 als eine der ersten Frauen in die bayerische Polizei ein. Heute sitzt sie im Bundesvorstand der GdP, leitet dort seit elf Jahren die AG „Häusliche Gewalt“ und sagt: „Als Polizist­innen und Polizisten sind wir Teil der Gesell­schaft und haben auch viele Stereotype in unseren ­Köpfen. Und das können wir nicht einfach abschalten, wenn wir im Dienst sind, das nehmen wir mit.“ Weiter sagt sie: „Ich glaube, sobald sich die Tür öffnet und die Frau verheult ist oder vielleicht ein blaues Auge hat oder blutet, dann gehen wir davon aus, dass sie das Opfer ist und der Mann der Täter.“

Wie häufig stoßen gewaltbetroffene Männer auf taube Ohren, wenn sie bei der Polizei nach Hilfe fragen? Die Erkenntnisse der Wissenschaft dazu sind bislang dünn. Unter den gewaltbetroffenen Männern, die den Onlinefragebogen des KFN ausfüllten, hatten nur elf überhaupt Kontakt zur Polizei. Ihre Erfahrungen fielen gemischt aus. Drei Betroffene empfanden die angebotene Unterstützung als passend, vier konnten „teils / teils“ damit etwas anfangen, vier gar nichts. Vier Betroffene fühlten sich nicht ernst genommen von der Polizei, fünf fühlten sich für die Situation mitverantwortlich gemacht. In einem Interview berichtete ein Opfer den Forschern sogar, dass die Polizei ihn (als Täter) der Wohnung verwiesen habe, nachdem seine Partnerin ihn ebenfalls beschuldigt hätte.

Die Redaktion des WEISSEN RINGS hat an alle 16 Bundes­länder und an das Bundeskriminalamt einen Fragen­katalog zu den Erfahrungen der Polizei mit dem Thema Gewalt gegen Männer geschickt. Auf die Frage, welche Rolle Stereotype und der hohe Anteil von männlichen Tätern spielten, reflektiert die Berliner Senatsver­waltung selbstkritisch, dieser Aspekt spiegele sich „auch im ­polizeilichen Einsatzgeschehen wider, sodass bei männlichen Betroffenen möglicherweise der (…) Eindruck einstehen könnte, dass Männer zunächst eher als Täter eingeordnet werden“. In der Summe aber zeigen sich die Länder überzeugt, „sensibel“ und „geschlechtsneutral“ mit Gewaltbetroffenen umzugehen. Baden-Württemberg etwa beteuert, dass „geschlechtsbezogene Bedürfnisse von Opfern individuell berücksichtigt“ ­würden.

Vergleichsweise gut fielen die Erfahrungen der gewaltbetroffenen Männer mit Beratungsstellen aus. Mehr als zwei Drittel der Befragten gaben im KFN-Fragebogen an, dass sie die Unterstützung als schnell und unkompliziert empfunden hätten. Allerdings waren es auch hier nur 35 Männer, die überhaupt Kontakt aufgenommen hatten.

92,1 Prozent der betroffenen Männer hatten sich weder an die Polizei noch an eine Beratungsstelle gewandt.

Aber selbst wenn Männer ihre Gewaltbetroffenheit verstanden haben, wenn sie eine zuständige Anlaufstelle gefunden haben, wenn die zuständige Anlaufstelle ebenfalls die Gewaltbetroffenheit verstanden hat und helfen will – dann scheitert die Hilfe oft an Problem Nummer 4: an der fehlenden Hilfsmöglichkeit. Lediglich zwölf Gewaltschutzeinrichtungen für Männer gibt es in Deutschland insgesamt, drei weitere nehmen sowohl Männer als auch Frauen auf. Im Ganzen gibt es nur 46 Schutzplätze bundesweit (Stand: Februar 2024).

IV. Kein Platz für Männer

"Sie stand nachts plötzlich mit 'nem Messer neben dem Bett, kam auf mich zu, die lallte irgendwas und 'Ich muss euch alle töten, ich muss euch alle töten'. Ich habe sie dann weggetreten, hab meine Kinder geschnappt, bin ins andere Zimmer, hab mich da eingesperrt, hab die Polizei gerufen (…)."

Paul, Betroffener von Partnerschaftsgewalt

In Dresden stapft Frank Scheinert, 63 Jahre alt, über Schneereste durch die Neustadt. Hier hat die Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz (BFKM) ihren Sitz, in einem Altbau mit einem balkonbreiten Spruchband vor dem 1. Stock: „Männerschutzwohnungen bundesweit!“ Wer in Deutschland zum Thema Partnerschaftsgewalt gegen Männer recherchiert, landet früher oder später in Dresden bei der BFKM und ihrem Leiter Frank Scheinert. Meistens früher.

Scheinert sagt: „Gewaltbetroffene Männer brauchen wie alle von Gewalt betroffenen Menschen ein Unter­stützungsangebot.“ Die BFKM hat ausgerechnet, dass die Nachfrage von gewaltbetroffenen Männern nach Gewaltschutzplätzen im Jahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um zwei Drittel gestiegen ist: von 251 auf 421 Männer. Nur 99 Männer fanden einen Platz. Es gibt eine Deutschlandkarte der BFKM, auf der kleine blaue Punkte die Orte markieren, an denen es eine Männer­schutzwohnung gibt. In zehn Bundesländern findet sich kein einziger Punkt. „Da muss dringend was passieren“, sagt Scheinert.

Das allerdings ist gar nicht so einfach. Im Café am ­Mainzer Schillerplatz berichtet René: „Ich habe damals gedacht: Naja, es gibt keine Männerschutzwohnungen. Mir erschien das Konzept aber plausibel. Insbesondere, wenn man sich anguckt, dass bei häuslicher Gewalt die Polizei in unklaren Situationen tendenziell eher den Mann der Wohnung verweist und nicht die Frau. Dann steht der Mann da und hat auf einmal gar nichts mehr. Und ich dachte: Na gut, man kann ja eine Wohnung anbieten. Und ich war bereit, das ehrenamtlich zu ­stellen.“ René berichtet, dass er mit seiner Idee zur Gleichstellungsbeauftragten der Stadt gegangen sei; es habe mehrere Gespräche gegeben, polizeiliche ­Statistiken seien ausgewertet worden. Dann folgte die Ernüchterung. „Meinen Vorschlag unterstützte sie schon“, sagt René. „Sie wollte aber auch, dass die Ein­richtung professionell geleitet wird. Und dafür bräuchte man Geld vom Land. Das gab es damals nicht. Und damit war das Thema dann gegessen.“

Frank Scheinert. Foto: Karsten Krogmann

„Das ist ein dickes Brett, das wir da bohren“, sagt Frank Scheinert in Dresden. In 15 von 16 deutschen Bundesländern böten die Gleichstellungs- und Gewaltschutzförderrichtlinien keine Möglichkeit, Anträge für Männer­arbeitsprojekte zu stellen. Ausnahme: Sachsen. Die BFKM hat nicht zufällig ihren Sitz in der ­sächsischen Hauptstadt. Von hier aus unterstützt sie Vorstöße für Männerprojekte und kümmert sich darum, „dass die Politik möglichst auch Mittel zur Verfügung stellt“, wie Scheinert es vorsichtig formuliert.

Die erste Männerschutzwohnung in Deutschland entstand gut 500 Kilometer nordwestlich von Dresden im niedersächsischen Oldenburg – ehrenamtlich geführt, ohne kommunale oder sonstige staatliche Zuschüsse. Dort hatte sich im Jahr 2000 der Verein Männer-­­­­­Wohn-Hilfe gegründet mit dem Ziel „Schaffung eines Raumes für Männer, die aus eskalierten Situationen ihren ­Lebensort für eine gewisse Zeit wechseln wollen oder sollen“. 2002 zog der erste Mann ein. Seither ist die Wohnung durchgehend belegt.

Eine einzige Wohnung für ganz Niedersachsen. Platz für einen einzigen Mann, der maximal drei Monate ­bleiben darf.

In Sachsen rechnet Frank Scheinert bescheiden vor, dass es drei bis fünf Männerschutzwohnungen pro Bundesland geben sollte, „als nächsten Schritt“: jeweils drei in Berlin, Bremen, Hamburg und im Saarland, jeweils fünf in den anderen Bundesländern.

Die Redaktion des WEISSEN RINGS hat alle 16 Landesregierungen nach der Zahl der Schutzeinrichtungen für Männer in ihrem Bundesland gefragt und ob ein Ausbau geplant sei. Sechs der Länder, die keine Schutzeinrichtung vorhalten, teilten mit, dass es keine Pläne gebe, dies zu ändern. Andere Länder erklärten, dass zunächst der Bedarf an solchen Wohnungen geprüft werden müsse. „Bisher gibt es keine wissenschaftlich fun­dierten Er­kenntnisse darüber, ob ein Netz an ähnlich ausgerichteten Zufluchtsmöglichkeiten, wie es sie für gewaltbetroffene Frauen gibt, erforderlich ist“, antwortete etwa Hessen. „Weder die Polizeiliche Kriminalstatistik noch andere Studien – auch nicht international – weisen bisher auf eine entsprechende Gefährdung von Männern hin.“

Allein Nordrhein-Westfalen ist bislang den von Frank Scheinert erhofften „nächsten Schritt“ gegangen.

V. Stigma und Tabu

"Aber dieser Übergriff, den ich, weil ich mir so dachte, okay, ist das jetzt so schlimm, muss ich da drüber reden, oder ist es doch so schlimm, und ja wie peinlich, mir als Mann passiert das, und ich bin doch der Größere, Stärkere … und eh wie kann mir das halt passieren."

Robert, Betroffener von Partnerschaftsgewalt

Am Pferdemarkt im Oldenburger Stadtzentrum kann man in einem schmalen Haus Wolfgang Rosenthal treffen, Jahrgang 1958, Vorsitzender des Vereins Männer-Wohn-Hilfe. Er sagt: „Diese 20 Jahre, die waren so was von interessant irgendwie, was wir für neue Blickwinkel auf Männlichkeit bekommen haben in dieser Zeit.“

Der erste Bewohner des Oldenburger Männerhauses: ein wohlsituierter Rentner. „Das hätten wir uns jetzt auch nicht so ausgedacht“, sagt Rosenthal. Am häufigsten erlebe er Akademiker als Bewohner, „42 Jahre alt, zwei Kinder“. Die zweithäufigste Gruppe, „so mit 25 Prozent“, bildeten Männer ohne Ausbildung, in der Regel arbeitslos, mehrere Kinder, keine stabile Beziehung, Ende 20, Anfang 30.

Auf dem Foto lehnt ein Mann an der Zarge einer geöffneten Tür.

Hier finden Männer Hilfe: Wolfgang Rosenthal von der Beratung „Männersache“. Foto: Christian J. Ahlers

Rückschlüsse auf eine Gruppe mit signifikant hoher Gewaltbetroffenheit lassen sich aus diesen Beobachtungen aber keine ziehen. Das bestätigen auch die ­KFN-Forscher, indem sie zusammenfassend feststellen, „dass es keine typischen Opfer gibt und Gewalt gegen ­Männer in Partnerschaften ein gesamtgesellschaftliches ­Phänomen ist“.

„Menschen, die sich bei mir melden, sagen oft: Schön, dass du drüber redest, weil mir das auch passiert ist“, sagt René in Mainz. Wenn jeder zweite Mann schon mal eine Form von Partnerschaftsgewalt erlebt hat, dann bedeutet das, betroffene Männer gibt es überall und in allen gesellschaftlichen Kreisen.

René tritt deshalb immer mit seinem echten Namen auf, wenn er seine Geschichte in der Öffentlichkeit erzählt: René Pickhardt. „Weil ich gesagt habe, das sollte eigentlich gar kein Tabuthema sein“, sagt er. „Weil es mir wichtig war, das Stigma und das Tabu zu brechen und zu sagen: So war das halt. Das kann dir doch auch passieren!“

VI. Auf der Suche nach Lösungen

"Und das ging dann irgendwann in so 'ne Phase, die ging diverse Jahre, die war dann, da hatte ich so 'ne große Wut, weil ich wusste, das ist, das ist nicht richtig, was hier gerade passiert. Ich wusste nicht, wohin mit dieser Wut. So, und hab dann angefangen erst die Wände zu schlagen, dann mich zu schlagen und irgendwann durfte ich mal 'nen neuen Kochtopfdeckel kaufen, weil ich den an meinem Kopf zerschlagen habe und das sind dann diese Selbstverletzungen gewesen, weil ich nicht wusste, wohin mit dieser Wut."

Finn, Betroffener von Partnerschaftsgewalt

Die Forscher aus Niedersachsen haben die Männer nicht nur nach Gewalt gefragt, die sie erlebt haben – sie ­fragten sie auch nach Gewalt, die sie ausgeübt haben. Das Ergebnis ist ein weiterer überraschender Befund: 39,5 Prozent der von physischer oder psychischer Gewalt betroffenen Teilnehmer der Onlinebefragung ­waren sowohl schon mal Opfer als auch Täter. Der ­Fachbegriff dafür lautet „Victim-Offender-Overlap“, Opfer-Täter-Überschneidung.

Was bedeutet dieser Befund für die Unterstützung von gewaltbetroffenen Männern in Partnerschaften?

Björn Süfke leitet das „Hilfetelefon Gewalt an Männern“ bei der Bielefelder Männerberatung „man-o-mann“, er lacht kurz auf und schüttelt den Kopf, dann sagt er: „Es wäre ja geradezu zynisch zu sagen: Wenn beide ein Problem haben, dann helfen wir ihnen nicht!“ Der Befund bedeutet, dass Opferhilfe mitunter eben auch Täter­arbeit heißt.

An einem Donnerstag im Februar steht Süfke, Jahrgang 1972, in einem würfelförmigen Bürobau im Hannoveraner Stadtteil List, vor ihm sitzen knapp 50 Menschen: Wissenschaftler, Vertreter von Polizei, BFKM, Hilfsreinrichtungen wie dem WEISSEN RING. Der Bürobau ist der Sitz des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, soeben hat Projektleiter Jonas ­Schemmel die Ergebnisse der Studie vorgestellt, jetzt schließt sich eine Podiumsdiskussion an, Süfke ist einer der Teilnehmer. Es geht um Fragen wie: Was fängt man mit den Erkenntnissen aus der Studie an? Wie hilft man betroffenen Männern am besten? Wie löst man das Problem „Partnerschaftsgewalt gegen Männer“?

Schemmel berichtet, was passiert sei, als er einer guten Freundin von seinem Forschungsprojekt „Gewalt gegen Männer“ erzählte: „Sie hat gelacht.“ Das sind die dicken Bretter, die es zu bohren gilt.

Transparenzhinweise:

Das Forschungsprojekt „Gewalt gegen Männer in Partnerschaften“ wurde mit Mitteln der WEISSE RING Stiftung finanziert.

Der WEISSE RING war auch bei der Präsentation der Ergebnisse in Hannover involviert; die stellvertretende Bundesvorsitzende des Vereins, Petra Klein, moderierte die Podiumsdiskussion.

Die im Text zu Beginn jedes Kapitels abgedruckten Betroffenen-Zitate sind dem KFN-Forschungsbericht entnommen.

René Pickhardt, der als Betroffener im Text seine Geschichte erzählt, war auch Protagonist der Radio-Features „Du darfst kein Opfer sein – Wenn Männer unter häuslicher Gewalt leiden“ des Deutschlandfunks. Der Beitrag gewann 2017 den mittlerweile eingestellten Journalistenpreis des WEISSEN RINGS.

Beim WEISSEN RING melden sich größtenteils Frauen auf der Suche nach Unterstützung. Das gilt ganz besonders nach häuslicher Gewalt: 2023 waren 93,8 Prozent der Hilfesuchenden weiblich und nur 6,2 Prozent männlich.

Vielleicht wollten die Forscher aus Niedersachsen ­deshalb nicht einfach nur nackte Zahlen und Fakten vorlegen. Bei einem Fachtag mit Expertinnen und Experten aus Bereichen wie Opferhilfe, Kriminal­prävention und Psycho­logie erarbeiteten sie acht „Handlungs­empfehlungen“, die Eingang in die Studie fanden. Darunter finden sich zum Beispiel Vorschläge wie:

• der Ausbau des Beratungsangebots für Männer,

• die Schaffung von Männerhäusern,

• eine Kampagne, die die Öffentlichkeit für das Thema Partnerschaftsgewalt auch gegen Männer sensibilisiert.

„Ja“, sagt Björn Süfke von „man-o-mann“, „ich habe die Handlungsempfehlungen gelesen. Das ist perfekt!“ Er lächelt, dann sagt er: „Aber sieben der acht Punkte kosten Geld.“

Aktuell stehe Mann noch ganz am Anfang. Süfke nennt ein Beispiel, die Männerberatung in Deutschland. „Wir sind so klein“, sagt er. Wenn die Beratungsstelle eine Pressemitteilung veröffentliche, kämen am nächsten Tag dreimal so viele Anrufe rein. „Die kommen aber nicht durch“, sagte Süfke. Weil es nur eine einzige ­Leitung mit einem einzigen Berater gebe.

VII. Miteinander, nicht gegeneinander

"Da sagte sie: Ja, ich könnte Ihnen jetzt zehn Frauenberatungsstellen nennen in der Umgebung, wo ich Sie hinschicken könnte, aber für Männer weiß ich gar nichts."

Deniz, Betroffener von Partnerschaftsgewalt

Die achte Empfehlung in der KFN-Studie lautet: „Beim Kampf gegen Partnerschaftsgewalt dürfen nicht beide Geschlechter gegeneinander ausgespielt werden.“

In Berlin, seinem Wohnort, sitzt Studienleiter Jonas Schemmel, 36 Jahre alt, vor seinem Rechner. Wegen des Bahnstreiks ist das Interview ins Internet verlagert, und er sagt in die Kamera: „Gewalt gegen Männer macht Gewalt gegen Frauen nicht ungeschehen und andersherum.“ Er kennt die „sehr kontroversen Diskussionen“ und Vergleiche zwischen Gewalt gegen Frauen und gegen Männer. Zur Frontenbildung wollten die ­Wissenschaftler mit ihrer Untersuchung keinesfalls beitragen, im Gegenteil. Der Psychologe weist noch einmal ausdrücklich auf die Perspektive der Opfer hin: „Es hilft einem gewaltbetroffenen Mann ja nicht, wenn er hört: Na ja, aber das ist relativ selten und meistens sind ja die Frauen die Opfer.“

Im Jahr 2024 wurden in Deutschland 265.942 Menschen Opfer Häuslicher Gewalt, ein neuer Höchststand.

Länder lassen Männer als Opfer von Partnerschaftsgewalt im Stich

In zehn Bundesländern gibt es derzeit keine einzige Schutzeinrichtung für Männer, die von Partnerschaftsgewalt betroffen sind – und absehbar wollen die betreffenden Länder diese Lücke auch nicht schließen.

Es hilft einem männlichen Opfer auch nicht bei der Suche nach Unterstützung, wenn er Beratungsstellen für Frauen, Hilfetelefone für Frauen oder Gewaltfrei-Apps für Frauen findet. Es hilft ihm nicht, wenn die zuständigen Behörden erst auf Nachfrage sagen, das Thema Gewalt gegen Männer würde bei ihnen „mitbehandelt“ (Innenministerium Sachsen-Anhalt). Oder wenn Frauen­ministerin Lisa Paus auf Nachfrage erklärt, die Unterstützung von Gewaltbetroffenen schließe „selbstverständlich“ auch männliche Opfer mit ein.

Im Café am Mainzer Schillerplatz sagt René, er wünsche sich für Deutschland ein „geschlechtersensibles“ Hilfe­system wie in Norwegen. Wer dort zum Beispiel als Gewaltbetroffener die Internetseite des Krisenzentrums der Region Gjøvik aufrufe, findet sofort eine Weiter­leitung zu einem Bereich für Frauen, für Männer und für Kinder. Über dem Bereich „Männer“ steht: ­„Männer, die Opfer von Gewalt geworden sind, bezeichnen die psychische Gewalt oft als das Schlimmste. Väter leben oft um der Kinder willen in solchen Beziehungen, oft haben sie Angst davor, dass ihnen nicht geglaubt wird oder dass sie die Fürsorge für die Kinder verlieren.“

René machte eine Therapie. Eine Zeitlang schrieb er Blogartikel und Gastbeiträge für Zeitungen, heute gibt er Interviews und zeigt sein Gesicht bei Kampagnen gegen häusliche Gewalt. Einmal, er lebte noch in Deutschland, stand ein Hasskommentar unter einem YouTube-Video, das er aufgenommen hatte. Sinngemäß hieß es darin, alle Männer sollen sterben. „Ich bin ja durchaus für freie Meinungsäußerung, aber das war zu viel“, sagt René. Er ging zur Polizei, stand vor einer Polizistin. „Die Polizistin hat erst mal gegrinst, als sie den Kommentar gelesen hat. Ich musste dann schon sehr lange darauf pochen, dass die Anzeige aufgenommen wird.“

Er hörte nie wieder von der Polizei.