Hilfe nach dem Horror

Erstellt am: Mittwoch, 8. Dezember 2021 von Sabine

Hilfe nach dem Horror

Ein Mann ermordet in Würzburg drei Frauen mit einem Messer. Die Tat bestürzt das ganze Land: Hätte sie verhindert werden können? In unserem Portrait stellen wir zwei Helfer vor, die viel für die Opfer und die Angehörigen getan haben.

Nach der Tat: Würzburg trauert. Foto: Nicolas Armer/dpa

Die Küchenmesser im Kaufhaus „Woolworth“ in der Würzburger Innenstadt liegen nicht mehr in der Auslage. Das ist zumindest eine beruhigende Veränderung. Denn an dieser Stelle hatte sich im Sommer 2021 ein wohl 24 Jahre alter Geflüchteter aus Somalia von der Verkäuferin die Ware zeigen lassen, um dann mit einem Messer mit langer Klinge wild um sich zu stechen. Drei Frauen kamen ums Leben, ein zwölfjähriges Mädchen und vier weitere Personen wurden schwer verletzt. Das beherzte Eingreifen von Passanten verhinderte, dass noch mehr Menschen zu Schaden kamen.

Der Amoklauf sorgte deutschlandweit für Bestürzung, die Anteilnahme für die Opfer war enorm: Die Spenden erreichten sechsstellige Summen. Alois Henn vom WEISSEN RING in Würzburg bekam die Nachricht von der Tat noch am Abend mitgeteilt, die folgenden drei Wochen verbrachte er am Schreibtisch. Es ging um schnelle Hilfe, um Koordination und Kooperation zwischen den beteiligten Stellen – zum Schutz der Opfer und Angehörigen. Es wurde eine Herkulesaufgabe, doch Henn und Außenstellenleiter Martin Koch sind seit Jahrzehnten an Ausnahmefälle gewöhnt.

Nicht über Pensionierung gefreut

Bei einem Treffen in diesem Herbst trägt Henn einen schwarzen Hut, Koch eine helle Cap und beide kariertes Hemd unter ihren Pullovern. Sie erzählen ausführlich und pointenreich von ihrem Leben – aber auch von den dunklen Tagen nach der Würzburger Tat. Wenn man die beiden agilen Ehrenamtler so beobachtet, kommt man gar nicht auf den Gedanken, in welch hohem Alter sie sich noch derart engagieren: Henn zählt 79 Jahre, Koch sogar 85.

Sie mussten lernen, die Perspektive zu wechseln: die ehemaligen Polizisten und heutigen Opferhelfer Martin Koch (links) und Alois Henn. Foto: Ron Ullrich

Neben dem augenscheinlichen Faible für Kopfbedeckungen eint sie noch die gemeinsame Biografie als ehemalige Polizisten: Koch war Leiter der Mordkommission in Würzburg. Er wurde mit 60 Jahren pensioniert und war einer der wenigen Arbeitnehmer in Deutschland, die sich über die Rente nicht gefreut haben. Er wollte weiter aktiv sein,  und so schloss er sich 1997 dem Team des WEISSEN RINGS an. Dabei wurde er auch zu einer Art Botschafter: Er allein soll 300 Personen als Mitglieder zum WEISSEN RING gebracht haben. Koch, der in diversen Klubs vom Radfahren bis zum Wandern unterwegs ist, leistete Überzeugungsarbeit. Sein Kollege Henn scherzt: „Wenn er mit einer Gruppe im Bus unterwegs war, ist er nie ohne neue Mitglieder zurückgekommen.“

Auch Alois Henn kam zum WEISSEN RING, weil ihn Koch nach dessen Pensionierung 2003 anwarb. Von 1962 an hatte er zuvor bei der Polizei gearbeitet, aus eigenem Antrieb sogar die Stationen gewechselt, um überall Neues zu entdecken: So war er bei der Einsatzleitung, der Autobahnpolizei, dem Unfallkommando, als „Operator“ im Einsatz und später im Rechnungswesen. „Ich habe alle Sparten kennengelernt.“ Heute, nach seiner offiziellen Dienstzeit, bekleidet Henn so viele Ehrenämter, dass er sie gar nicht alle aufzählen kann. So ist er unter anderem Ehrenvorsitzender des Polizeichors und des Sängerkreises Würzburg. Im September wurde er für sein Engagement mit dem Ehrenzeichen des Bayerischen Ministerpräsidenten ausgezeichnet.

Täter mit Opfer-Perspektive konfrontiert

Die beiden Mitarbeiter vom WEISSEN RING haben also jahrelange Erfahrung gesammelt, zeichnen sich durch ihr Engagement und ihre Begeisterungsfähigkeit aus – und wer an Astrologie interessiert ist, mag diesen Zufall als weitere Erklärung für ihre Gemeinsamkeiten anführen: Beide wurden am 9. Juni geboren – Koch im Jahr 1936, Henn 1942.

Beim WEISSEN RING mussten sie erst einmal lernen, die Perspektive zu wechseln. Die Polizei sieht Opfer zunächst einmal als Zeugen einer Straftat an, in ihrer heutigen Tätigkeit rückt die Opferperspektive in den Mittelpunkt. „Ich wäre zu meiner Zeit bei der Polizei froh gewesen, wenn ich vom WEISSEN RING gewusst hätte“, sagt Koch. Für Henn ist eine Wechselwirkung entscheidend: In den Gesprächen zeigt er Empathie, muss gleichzeitig die Sympathie seines Gegenübers erlangen, damit das Gespräch vertrauensvoll und tiefergehend ablaufen kann. „Ich stelle mir die Fragen: Was ist passiert? Wo liegt der Schaden? Und wie kann ich helfen?“ Nicht alles in diesem Lernprozess laufe autodidaktisch ab, neben den langjährigen Erfahrungen helfen den beiden die Aufbauseminare der WEISSER RING Akademie.

Außerdem hat Henn eine besondere Initiative gestartet: Er hält Vorträge vor der Bereitschaftspolizei – und in der JVA. Hier konfrontiert er Täter meistens zum ersten Mal mit der Perspektive ihrer Opfer. „Die Reaktionen sind frappierend“, so Henn. Einmal habe ein Sexualstraftäter den Raum verlassen, weil er es nicht mehr ausgehalten habe. Zehn Minuten später sei er zurückgekehrt. „In diesen Sitzungen wird Tacheles geredet, psychologisch lerne ich da unglaublich viel.“ Die Hälfte der Täter bitte nach den Vorträgen sogar noch um Einzelgespräche. Die Begegnungen sind wohl einmalig in Deutschland und könnten ein Vorbildprojekt werden, glauben die beiden. Die Rückfallquote liege bei den Tätern, die die Vorträge besuchten, bei nur fünf Prozent – während sie im Schnitt wohl um das Sechsfache höher ausfalle.

Der Horror von Würzburg

Für Henn geht es beim WEISSEN RING um zwei Ansätze: die organisatorische und die psychologische Hilfe. „Wichtig ist aber vor allem, dass man sich auf Augenhöhe begegnet. Und: Zuhören! Zuhören! Zuhören!“ Genau diese Tugenden waren gefragt nach dem 25. Juni 2021 – nach der Messerattacke von Würzburg.

Als Henn den Fall abends auf seinen Schreibtisch bekam, kabelte er gleich der Betreuungsstelle der Polizei durch: Wir stehen bereit, um zu helfen! „Wichtig ist, so einer Situation mit Bedacht zu begegnen und nicht überstürzt Entscheidungen zu treffen. Wir müssen intensiv mit der Polizei zusammenarbeiten.“ Der WEISSE RING habe die große Stärke, sofort und unbürokratisch zu helfen. Bei dem Attentat starb eine junge Mutter, ihre zwölfjährige Tochter überlebte. Der Lebenspartner und der Bruder des Mädchens waren da aber noch in Brasilien, also organisierte die Opferhilfe einen Flug der beiden, um die Familie in der Stunde dieser Trauer zusammenzubringen.

Die Anteilnahme in Würzburg ist groß. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Insgesamt sieben Opfer des Attentats meldeten sich beim WEISSEN RING, die finanziellen Hilfen beliefen sich auf rund 15.000 Euro. Eine 42 Jahre alte Frau war nach dem Angriff querschnittsgelähmt, ein 16-Jähriger hatte Messerstiche im Rücken erlitten. Eine andere Frau schlug den Angreifer mit der Einkaufstasche und konnte sich auf diese Weise retten – aber sie war daraufhin traumatisiert.

Die Spendenaktion „Würzburg zeigt Herz“ erbrachte insgesamt 200.000 Euro.  Henn zeichnete für einen Spendenaufruf übers Radio verantwortlich und gab in der Presse Interviews. „Ich saß drei Wochen lang ununterbrochen am Schreibtisch – die Informationen liefen kreuz und quer und mussten zusammengeführt werden.“

Immer wieder Messer-Attacken

Die Stadt, das ganze Land sprach über die Tat. Der Horror von Würzburg rief in ganz Deutschland Fragen auf: Wie konnte es zu dieser Tat kommen – und hätte sie verhindert werden können? Nur drei Tage später attackierte ein 32-Jähriger in Erfurt zwei Männer mit einem Messer. Auch im November 2021 schockieren Bluttaten das Land: Ein Geflüchteter aus Syrien stach in einem ICE in der Oberpfalz wahllos auf Passagiere ein, am gleichen Abend richtete ein Mann in einem Bekleidungsgeschäft in München das Messer gegen einen Jungen. Dem Täter im ICE attestierte ein Sachverständiger eine „paranoide Schizophrenie“. Der Angreifer von Würzburg wurde in diesem Jahr von einem Gericht als „nicht schuldfähig“ angesehen.

Zwei Messerangreifer, zwei Geflüchtete, zwei Mal mit psychischen Problemen – nur ein Zufall? Gegenüber der „Welt am Sonntag“ sagte Lukas Welz, der Geschäftsführer der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer: „Uns fehlen einfach die Mittel.“ 30 Prozent der Geflüchteten litten demnach unter einer psychischen Erkrankung, doch nur fünf Prozent würden betreut. Tatsächlich hat ein Großteil der Geflüchteten, die nach Deutschland gekommen sind, traumatische Erfahrungen wie Krieg, Folter oder Vertreibung in der Heimat machen müssen. Für die Aufarbeitung und medizinische Betreuung fehlten in Deutschland nicht nur die Mittel, sondern auch das Bewusstsein für diese besondere gesellschaftliche Herausforderung.

Jedoch wurden nicht alle Geflüchteten im Umkehrschluss zu potenziellen Gewalttätern. Einer der mutigen Passanten, die sich in Würzburg dem Täter entgegenstellten, war ein geflüchteter Kurde, der erst einige Monate zuvor nach Deutschland eingereist war. Mit seinem neu erworbenen Rucksack und lauten Schreien stellte er sich dem Täter entgegen, bis die Polizei eintraf. So konnte ein noch schlimmeres Blutbad verhindert werden.

Die Opfer: Frauen

Ob die Tat insgesamt hätte verhindert werden können, darüber stritt die Öffentlichkeit. Der Täter aus Somalia soll laut Zeugen „Allahu Akbar“ („Gott ist groß“) gerufen haben – seine Opfer waren Frauen. Diese Indizien führten zum Verdacht einer islamistischen Tat, doch eindeutige Beweise für diese Verbindung blieben aus. Der Terrorismusforscher Peter Neumann erklärte gegenüber der „Zeit“, dass islamistische Organisationen nun vermehrt den Einzeltätertypus bewerben. Gleichzeitig warnte er, dass sich der Fall in Würzburg gar nicht so leicht beurteilen lasse: „Ist das überhaupt noch Terrorismus, ist das was ganz anderes, hängt sich da jemand mit seiner psychischen Krankheit nur an solche Slogans ran?“ Was war zuerst da: die psychischen Probleme oder die extremistische Einstellung?

Ein Meer an Kerzen und Blumen in der Würzburger Innenstadt. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Aus Opfersicht ist aber wichtig, dass gerade hier eine Früherkennung und Präventionsarbeit stattfindet. Ein Gutachten zur psychischen Störung nach der Tat erzürnt die Opfer, weil der Täter formell keine Haftstrafe antreten muss, sondern womöglich in die Psychiatrie eingewiesen wird. Doch der Täter von Würzburg war bereits vor dem Amoklauf zwangsweise in psychiatrischer Behandlung gewesen. Einmal hatte er in Würzburg ein Auto angehalten, sich hineingesetzt und sich geweigert, den Wagen zu verlassen. Bewohner der Innenstadt erzählen, dass der Somalier stadtbekannt gewesen war, weil er immer barfuß durch die Straßen lief. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann wiegelte in Interviews in der Folge jedoch ab: Diese Aktionen hätten nicht ausgereicht, um den Mann einzusperren. Auch die Mitarbeiter des WEISSEN RINGS, Alois Henn und Martin Koch, teilen diese Ansicht. „Ich halte es auch für ausgeschlossen – du kannst jemanden nicht dafür wegsperren“, so Koch. Und Henn sagt: „Solche Dinge kann man nicht verhindern.“

Ein bisschen Normalität

Henn und Koch haben im Nachgang der Tat viel für die Opfer und die Angehörigen getan – mitunter sind es die kleinen Hilfen, die große Wirkung entfalten. Die Zwölfjährige, die in Würzburg ihre Mutter verlor, lebt nun mit Vater und Bruder zusammen, die erst durch die finanzielle Unterstützung aus Brasilien anreisen konnten. Sie wohnten nun bei ihr, erzählt Henn, und besuchten Deutschkurse. „Sie können sich schon sehr gut verständigen.“

Als eine private Spende in Höhe von 250 Euro für das Mädchen einging, stockte der WEISSE RING auf 400 Euro auf und kaufte ihr ein neues Kinderfahrrad. Es ist nicht viel, aber ein kleines Stück Normalität, nach all den dunklen Stunden.

Der Anschlag, der alles veränderte

Erstellt am: Montag, 5. April 2021 von Sabine

Der Anschlag, der alles veränderte

Am 19. Dezember 2016 steuerte ein islamistischer Terrorist einen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz. 13 Menschen starben. Der Anschlag veränderte die Arbeit des WEISSEN RINGS.

Der Berliner Breitscheidplatz aus der Luft. Foto: Christoph Soeder

2016

Am Abend des 19. Dezember 2016 erreicht Sabine Hartwig eine Nachricht aus Sizilien. Es ist eine E-Mail von ihrem Cousin, er macht sich in der Ferne Sorgen um sie: „Bine, bist du dabei?“, fragt er. Wobei? Hartwig wundert sich. Erst als sie den Fernseher einschaltet, sieht sie, was zwei S-Bahn-Stationen weiter, am Breitscheidplatz, passiert ist: Ein Lastwagen ist in den Weihnachtsmarkt gerast, überall liegen Trümmer, Blaulichter blinken, immer mehr Rettungswagen fahren vor. Menschen wurden verletzt, Menschen wurden getötet. Die Journalisten im Fernsehen sprechen von einem Anschlag.

Hartwig, 66 Jahre alt, arbeitet seit mehr als 20 Jahren für den WEISSEN RING, seit 2002 ist sie die Berliner Landesvorsitzende. Sie versteht sofort: Dies ist eine Größenordnung, die alles sprengt, was wir kennen im Verein. Sie geht ins nahe Landesbüro, allein steht sie dort im Flur und sagt sich: Okay, der Verein kennt das vielleicht noch nicht, aber du kennst es. Das ist eine Großlage, so wie damals bei der Polizei. Und du ziehst das jetzt an dich, so wie damals bei der Polizei.

30 Jahre lang war Sabine Hartwig leitende Kriminalbeamtin bei der Berliner Polizei, 20 Jahre davon arbeitete sie im Mobilen Einsatzkommando. Oft genug hat sie eine BAO eingerichtet, wie es im Polizeideutsch heißt, eine „Besondere Aufbauorganisation“. Eine BAO braucht die Polizei, wenn die üblichen Zuständigkeiten und Mittel nicht ausreichen für einen komplexen Einsatz. So etwas braucht jetzt auch der WEISSE RING, entscheidet Hartwig, hier, im Landesbüro an der Berliner Bartningallee.

13 Menschen sind gestorben auf dem Breitscheidplatz, Dutzende wurden verletzt, körperlich oder seelisch oder beides, es gibt traumatisierte Augenzeugen und Ersthelfer. Die Opfer kommen aus verschiedenen deutschen Bundesländern, viele auch aus dem Ausland: aus Israel, Italien, Polen, Tschechien oder aus der Ukraine. Die Opfer haben Angehörige, die nicht wissen, an wen sie sich wenden können.

Schon am Morgen des 20. Dezember klingeln die Telefone im Landesbüro Sturm. Eine Studentin sucht ihre Mutter. Kinder, Eltern, Geschwister beklagen sich, dass sie bei den Hotlines nicht durchkommen oder zu falschen Krankenhäusern geschickt wurden. Die Presse ruft an, Journalisten wollen Informationen, Interviews, Opferkontakte, Fotos.

2020

„Das war das Allerschlimmste“, erinnert sich Martina Linke vier Jahre später im großen Besprechungsraum des Landesbüros, damals Lagezentrum, an die vielen Presseanfragen: Tagespresse, Frühstücksfernsehen, Abendschau. Berliner Lokalmedien, überregionale Medien, Journalistenanrufe aus Israel oder Italien. Ein Boulevardreporter fragt, ob der WEISSE RING ihm nicht Zugang zu einer Intensivstation verschaffen könne, er möchte ein schwerverletztes Opfer fotografieren.

Linke, Jahrgang 1954, war früher ebenfalls bei der Kriminalpolizei. Sie hatte mit Raub und Erpressung zu tun, mit Mord und Totschlag, später wurde sie die Opferschutzbeauftragte des Landeskriminalamts. Schon aus der Polizeiarbeit kennt sie Sabine Hartwig, seit 2012 ist sie ihre Stellvertreterin beim WEISSEN RING. Diese Dimension ist dennoch neu für sie. Bis heute betreut Martina Linke Opfer des Anschlags auf dem Breitscheidplatz.

Der Anschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin veränderte auch den WEISSEN RING. Foto: Christoph Soeder

2016

Großlage bedeutet auch: Viele Menschen stellen Fragen, viele Menschen geben Antworten. Die Folge kann ein Durcheinander sein, Kompetenzwirrwarr, Gerüchte, Falschinformation. Sabine Hartwig legt ein paar Regeln fest. Die erste richtet sich an ihre drei Mitarbeiterinnen im Landesbüro und lautet: Bitte dokumentiert alles! Alle Erfahrung in so einer Situation zeigt, dass man nachmittags wieder vergessen hat, was vormittags besprochen wurde.

Der Breitscheidplatz liegt im Ortsteil Charlottenburg. Erste Anlaufstelle für Opfer wäre demnach die Außenstelle West I. Aber Hartwig ist klar, dass eine Außenstelle das unmöglich allein schaffen kann. Sie informiert die anderen Berliner Außenstellen. Am Ende werden es 125 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus sechs Landesverbänden des WEISSEN RINGS sein, die Anschlagsopfer betreuen.

Das Telefon in Berlin läutet weiter Sturm. Die zweite Regel, die Sabine Hartwig ausgibt, lautet: Niemand gibt Auskünfte an Journalisten, nur ein festgelegter Personenkreis spricht. Presseanfragen müssen über die Pressestelle der Bundesgeschäftsstelle in Mainz laufen. Medienanfragen können Menschen, die eigentlich anderes zu tun haben, nämlich Verbrechensopfern zu helfen, unter Stress setzen. Andererseits brauchen Opferhelfer die Medien auch. „Tue Gutes und rede darüber“, das ist nicht nur ein Spruch: Opfer und Angehörige müssen wissen, an wen sie sich wenden können, damit ihnen geholfen werden kann. Und auch Spender sollen erfahren, wo ihre Spenden gerade besonders nötig gebraucht werden. Denn Opferhilfe kostet Geld.

Bereits um 9.55 Uhr kommt am 20. Dezember grünes Licht aus Mainz für einen Opferhilfe-Fonds über 50.000 Euro. Die Obergrenze für finanzielle Soforthilfen für die Opfer des Terroranschlags steigt auf 1.000 Euro. „Wir können den Anschlagsopfern helfen“: Diese Nachricht streut Sabine Hartwig in ein breites Netzwerk. Mails gehen raus an die Polizei Berlin, an Landeskriminalamt, Bundeskriminalamt, Generalstaatsanwaltschaft, Generalbundesanwalt.

Gleichzeitig stellen sich die bekannten Fragen. Das Opferentschädigungsgesetz greift nicht, wenn die Tat mit einem Kraftfahrzeug verübt wurde. Auch nicht, wenn ein hasserfüllter islamistischer Terrorist einen Sattelzug als Waffe gegen unschuldige Weihnachtsmarktbesucher einsetzt. Welche Ansprüche haben die Betroffenen stattdessen? Das Landesbüro nimmt Kontakt zur Verkehrsopferhilfe auf, zur Unfallhilfe, zum Landesamt für Gesundheit und Soziales.

Regeln helfen, eine Großlage zu bewältigen. Es gibt aber keine Regel, die dabei hilft, die vielen Opferberichte zu bearbeiten.

2020

„Ich hatte eine junge Frau am Telefon“, erinnert sich Tina Wiedenhoff. „Sie rief für ihren Freund an, der als Ersthelfer am Breitscheidplatz war. Er wollte wissen, ob die Frau überlebt hat, der er geholfen hat. Er selbst hat es nicht geschafft, bei uns anzurufen, er konnte es nicht.“

Wiedenhoff, 55 Jahre alt, arbeitet seit 30 Jahren für den WEISSEN RING, sie ist die Büroleiterin in Berlin. „Der junge Mann hatte stundenlang bei der verletzten Frau gesessen. Ihr Bein war abgerissen. Die Freundin beschrieb mir die Frau ganz genau, sie trug eine weinrote Jacke. Der erste Notarzt ging vorbei. Diese weinrote Jacke, die hat sich mir so eingeprägt. Ich habe mir das die ganze Zeit vorgestellt, wie der junge Mann da neben der Frau mit der weinroten Jacke saß.“

Hat die Frau überlebt? „Ich weiß es nicht. Ich habe hinterher in den Berichten immer nach Hinweisen auf diese Frau gesucht.“ Wiedenhoff fand keine Hinweise.

2016

Sabine Hartwig legt noch etwas fest: Wir brauchen Supervision für unsere Mitarbeiter. Helfen kann bedeuten: da sein, zuhören, mitfühlen. Hilfe kann aber auch materiell sein. Bloß welche materielle Hilfe ist für wen die richtige? Eingeübte Mechanismen können in so einer Situation ins Leere laufen. Oft brauchen Kriminalitätsopfer anwaltliche Unterstützung, der WEISSE RING hilft mit Erstberatungsschecks. Doch zeitnah nach einem Terroranschlag lindern solche Schecks keine Not, wenn der Täter zuerst auf der Flucht ist und wenig später von der Polizei erschossen wird. Der Familie eines toten Terroropfers hilft es auch nichts, wenn der Verein zerstörte Kleidung und Schuhe ersetzt. Aber sie braucht vielleicht Reisekosten. Heilbehandlungen müssen finanziert werden, Finanzengpässe aufgefangen. Jemand muss die Koordination der Hilfen übernehmen. Sabine Hartwig teilt für die Weihnachtstage Sonderschichten ein im Landesbüro.

Ein junger Mann, selbstständig, liegt wochenlang im Koma, die Ärzte operieren ihn wieder und wieder, anschließend geht er für Monate in die Reha. Weihnachtsmarkttrümmer haben ihn getroffen, der Lastwagen hatte sie in die Luft geschleudert. Kopf, Arme, Hüfte, Beine, die linke Körperseite ist schwer verletzt. Wie soll der junge Mann die Miete für sein Büro weiterbezahlen? Zerstört der Anschlag auch seine berufliche Existenz?

Ein anderer Mann liegt ein Dreivierteljahr auf der Intensivstation. Seine Töchter studieren, sie müssen aus Süddeutschland anreisen. Die Ehefrau nimmt sich eine kleine Wohnung in Berlin, um bei ihrem Mann sein zu können. Wer trägt die Kosten? Bringt der Anschlag die Familie in schwere Finanznöte?

Der WEISSE RING hilft dem jungen Mann und der Familie. Ehrenamtliche Hilfe kann für Menschen niederschwellig wirken, die vor staatlicher Unterstützung zurückschrecken. Es gibt aber auch Leute, die lehnen spendenfinanzierte Hilfe ab, mit dem Satz: Andere Menschen haben das Geld nötiger als ich, ich komme schon klar. Wieder andere, darunter Opfer, Angehörige, Augenzeugen, bieten anschließend ihre Mitarbeit als ehrenamtliche Helfer an.

2020

Vier Jahre nach dem Terroranschlag ist der Breitscheidplatz festungsgleich gesichert. Hohe Zäune umringen ihn, schwere Metallpoller ragen aus dem Beton, Polizistensichern den Platz in Einsatzuniform. Der Terroranschlag hat deutschen Weihnachtsmärkten die heimelige Leichtigkeit genommen, den Rest gegeben hat ihnen in diesem Jahr das Corona-Virus: Ein Dutzend Holzbuden stehen wie hingewürfelt über den Platz verteilt, vielleicht doppelt so viele Besucher sind unterwegs.

Auf den Stufen der Gedächtniskirche stehen Blumen, Fotos, Gedenklichter. Die Namen der Getöteten sind in den Beton geschnitten, vor den Stufen zieht sich ein goldener Riss durchs Pflaster. Kurz vor dem Jahrestag werden die Andenken täglich mehr.

Sabine Hartwig, 70 Jahre alt, ist seit 2009 Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande. Foto: Karsten Krogmann

Im Landesbüro nennt Sabine Hartwig ein weiteres wichtiges Stichwort zur Opferhilfe nach Ereignissen dieser Dimension: Nachsorge. Opferhilfe endet nicht mit einem Stichtag. Hier im Landesbüro gab es im Juni 2017 ein Hinterbliebenen-Treffen. Im März 2019 folgte ein Verletzten-Treffen. Einige Zitate von Verletzten:

„Der Austausch im privaten Raum, ohne Politiker, war hervorragend.“

„Ich habe meine eigenen Beeinträchtigungen erst jetzt richtig erkannt und weiß jetzt, dass ich ein Trauma erlitten habe.“

„Das Kennenlernen von Gleichgesinnten war ein großer Gewinn.“

„Der Abend im Friedrichstadtpalast war eine Bombe.“ Der WEISSE RING hatte zu einem Kontrastprogramm zu den aufwühlenden Gesprächen eingeladen: eine Revue im berühmten Friedrichstadtpalast.

Es gibt positive Geschichten zu erzählen. Der junge Mann, selbstständig, der sein Büro behalten wollte, ist wieder arbeitsfähig, sein Büro läuft gut. Der andere Mann, der so lange im Koma lag, kann kurze Strecken wieder laufen. Eine Familie, allesamt in Therapie, berichtet, wie eng sie zusammengerückt sind durch die traumatische Erfahrung. Die bei dem Anschlag schwerverletzte Tochter hat ein Kind bekommen.

2016

Sabine Hartwig und Martina Linke, beide Referentinnen in der WEISSER RING Akademie, dem Ausbildungszentrum des Vereins, fragen sich: Was wäre, wenn so etwas woanders passiert wäre? In einer Kleinstadt zum Beispiel, wo es nicht so viele Mitarbeiter gibt und kein großes Landesbüro? Müssen wir nicht damit rechnen, dass so etwas wieder geschieht? Wir müssen vorbereitet sein. Wir brauchen Leitlinien, wir brauchen ein Ausbildungsprogramm, wir brauchen ein Netz von Koordinatoren für solche Ereignisse.

2020

Fünf Mal fand inzwischen das Wochenendseminar „Großereignisse“ der WEISSER RING Akademie statt, zuletzt im September 2020 in Fulda, Sabine Hartwig war natürlich wieder dabei. Die Teilnehmer kamen aus Thüringen, Hamburg oder Bayern, Referenten aus der Bundesgeschäftsstelle und von außerhalb trugen vor. Sie sprachenüber den Aufbau eines Lagezentrums, korrekte Dokumentation, über Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit, rechtliche Fragen und über die Nachsorge. Dutzende ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des WEISSEN RINGS haben das Seminar mittlerweile durchlaufen, jeder Landesverband hat inzwischen einen Koordinator für Großereignisse benannt.

Martina Linke, 66 Jahre alt, betreut noch heute Opfer des Anschlags auf dem Breitscheidplatz. Foto: Karsten Krogmann

„Wir sind vorbereitet“, sagt Sabine Hartwig.

Dezember 2020, im Berliner Landesbüro klingelt das Telefon, es rufen wieder Journalisten an. Sie suchen Kontakt zu Überlebenden des Anschlags am Breitscheidplatz für ihre Jahrestags-Berichterstattung. Sabine Hartwig kann ihnen nicht helfen. Seit dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt musste der WEISSE RING bereits fünf Mal die neu geschaffenen Leitlinien für Großereignisse anwenden:

  • Am 7. April lenkte ein Mann in Münster, Westfalen, einen Kleinbus in eine Gruppe Menschen. Vier Menschen starben, mehr als 20 wurden verletzt.
  • Am 9. Oktober 2019 versuchte ein Mann in Halle, Sachsen-Anhalt, in die Synagoge einzudringen, um Juden zu töten. Er ermordete zwei Menschen, zwei weitere verletzte er auf der Flucht schwer, Dutzende Menschen erlitten Traumata.
  • Am 19. Februar 2020 erschoss ein Mann in Hanau, Hessen, neun Menschen mit Migrationshintergrund in und vor Shisha-Bars. Anschließend tötete er in seinem Elternhaus zuerst seine Mutter und dann sich selbst.
  • Am 24. Februar 2020 fuhr ein Mann in Volkmarsen, Hessen, mit seinem Auto in eine Zuschauergruppe beim Rosenmontagsumzug. Mehr als 150 Menschen wurden verletzt.
  • Zuletzt kam es am 1. Dezember 2020 in Trier, Rheinland-Pfalz, zu einer Amokfahrt. Ein Mann tötete mit seinem Wagen fünf Menschen, 24 weitere verletzte er.

Acht Minuten, 85 Schicksale

Erstellt am: Donnerstag, 6. Juni 2019 von Sabine

Acht Minuten, 85 Schicksale

Acht Minuten. Acht Minuten braucht Sebastian Bührmann, um die 85 Namen zu verlesen. Und zu jedem dieser Namen ein Todesdatum. Es sind unfassbar lange acht Minuten. Eine Todesliste, die kein Ende nehmen will.

Standen den Angehörigen der Mordopfer im Prozess zur Seite: Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des WEISSEN RINGS aus den Außenstellen Oldenburg und Delmenhorst. Foto: Foto- und Bilderwerk Sven Seebergen

Acht Minuten. Acht Minuten braucht Sebastian Bührmann, um die 85 Namen zu verlesen. Und zu jedem dieser Namen ein Todesdatum. Es sind unfassbar lange acht Minuten. Eine Todesliste, die kein Ende nehmen will. Absolute Stille in der Halle. Nur Bührmanns Stimme ist zu vernehmen, klar, deutlich, fest. Manche der Anwesenden nicken, bestätigend, dass der Name, der eben verlesen worden ist, der des Vaters, der Mutter, der Ehefrau, des Ehemanns, des Sohns oder der Tochter ist. Andere lassen sich von ihrer Trauer überwältigen, zücken ein Taschentuch. Ein paar von ihnen bekommen sofort Zuspruch und tröstende Gesten. Einen Blick voller Mitgefühl und Verständnis. Eine Hand, die sich auf ihre Schulter legt.

An einem tristen Donnerstagmorgen Anfang Juni endet in der Weser Ems Halle im niedersächsischen Oldenburg einer der größten Strafprozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte. Angeklagt war dabei ein 42-Jähriger, der als Krankenpfleger zwischen 2000 und 2005 insgesamt 100 Menschen in zwei verschiedenen Kliniken ermordet haben soll – so lautete der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Für 85 dieser Taten verurteilt ihn die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Oldenburg unter dem Vorsitz von Richter Bührmann nach 24 Verhandlungstagen schließlich zu lebenslanger Haft und stellt dabei die besondere Schwere der Schuld fest. Eine Haftentlassung des Verurteilten nach 15 Jahren ist somit ausgeschlossen. Für sechs weitere Taten war der 42-Jährige bereits in früheren Prozessen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden.

An jenem Tag blickt die Welt schon früh nach Oldenburg. Es ist 8 Uhr, vor der Halle hat sich eine Handvoll Zuschauer eingefunden, die geduldig auf Einlass warten. Gleich werden sie von einer ganzen Schar Journalisten verschiedener Nationalitäten umlagert, gut zwei Dutzend Berichterstatter sind zwei Stunden vor dem Beginn der Urteilsverkündung da, haben ihre Kameras aufgebaut und die Übertragungswagen in Betrieb genommen. „Für mich geht es heute um Gerechtigkeit, auch um Befriedigung“, sagt ein Mann. „Das Verfahren ist würdig geführt worden, auch mit Blick auf die Angehörigen“, analysiert er weiter. Seine Analyse dürfte dabei als fundiert und routiniert gelten. Fundiert, weil er, Christian Marbach, Sprecher der Angehörigen der Opfer ist und jedem einzelnen Verhandlungstag gegen den Mörder seines Großvaters beigewohnt hat. Routiniert deshalb, weil er im Laufe des Prozesses nicht müde geworden ist, vor den Kameras seine Stimme zu erheben und Journalisten in den Block zu diktieren, dass er selbst von einer weitaus höheren Zahl an Opfern ausgehe, 300 könnten es gewesen sein; oder dass er die Justiz loben will, weil sie in diesem Mammutprozess dafür Sorge getragen hat, dass auf die Bedürfnisse und Gefühle der Angehörigen der Opfer ein besonderes Augenmerk gelegt wird. „Es war ein sehr fairer Prozess – auch dem Täter gegenüber“, zieht er ein Resümee.

„Das Reden hat mir geholfen“

Ein paar Meter weiter, vor dem Seiteneingang der Halle, durch den die Prozessbeteiligten das Gebäude betreten, steht Dietmar B. und plaudert mit einem weiteren Mann über Autos, über das Wetter, über dies und das. Er wirkt äußerlich gelassen. Mit dieser äußerlichen Gelassenheit erzählt B. auch, warum er dort steht: Der Angeklagte soll seinen Vater ermordet haben. Daher sei er der Nebenklage beigetreten, habe jeden Prozesstag die gut 100 Kilometer zwischen seiner Heimatstadt und Oldenburg im Auto hinter sich gebracht, die Verhandlung recht zurückgelehnt verfolgt. Bis zu dem Tag, an dem das Gericht den Mord an seinem Vater rekonstruiert. „Mir ging es dabei alles andere als gut, ich war total niedergeschlagen. Man macht sich so seine Gedanken“, schildert B.. In einer Verhandlungspause setzt er sich in dem Bereich, der in einem Nebenraum der Halle für die insgesamt 126 Nebenkläger reserviert ist, an einen Tisch. Eine ihm bislang unbekannte Frau nimmt neben ihm Platz. „Ihnen geht es nicht so gut“, stellt sie sofort fest. Da wollen die Worte aus ihm raus, er fängt an zu reden und zu reden. Über seinen seelischen Schmerz. Über die Belastung, den Vater exhumieren lassen zu müssen, wo er doch längst mit seinem Verlust klargekommen war in all den Jahren nach seinem Tod. Über das Unverständnis, dass die Verantwortlichen der beiden Kliniken in Delmenhorst und in Oldenburg, in denen die Mordserien stattfanden, den Angeklagten nicht stoppten, obwohl es doch genügend Hinweise gegeben habe. „Das Reden hat mir in diesem Moment geholfen“, ist sich B. sicher. „Und die sind ja alle nett“, fügt er an.

Links: Petra Klein, Leiterin der Außenstelle Oldenburg, Foto: Hermann Recknagel, Rechts: Edgar Harms, Foto: Foto- und Bilderwerk Sven Seebergen

Mit „die“ meint er ehrenamtliche Mitarbeiter der Außenstellen des WEISSEN RINGS in Oldenburg und in Detmold. Bis zu neun von ihnen sind vom ersten Tag der Verhandlung an dabei, gleichzeitig oder im Schichtdienst. „Aus unserer Sicht ist es einmalig, dass ein Richter prophylaktisch Opferhelfer zu einem Prozess dazu geholt hat“, sagt Petra Klein, Leiterin der Oldenburger Außenstelle des WEISSEN RINGS und Mitglied im Bundesvorstand der Opferhilfeorganisation. „Wir sind zunächst gefragt worden, wie viele von unseren ehrenamtlichen Mitarbeitern am Prozess teilnehmen könnten. Ich habe wiederum in unserer Außenstelle nachgefragt – und hatte schnell eine gute Truppe zusammen. Auch eine Mitarbeiterin aus der Außenstelle Delmenhorst wollte dabei sein“, erinnert sie sich.

Auch an diesem letzten Tag im Mammutprozess sind wieder sechs Opferhelfer des WEISSEN RINGS anwesend. Klein versammelt sie um sich – ein kurzes Briefing folgt, wie schon an den 23 Verhandlungstagen zuvor. „Sollte jemand während der Urteilsverkündung rausgehen, gehen wir hinterher“, sagt sie. Die Helferinnen nicken. Dann prüfen zwei von ihnen, ob noch genügend Materialien auf den Tischen ausliegen: Taschentücher, Gummibärchen, Flyer. Und Traubenzucker. „Wir haben im Prozess wahrscheinlich gut zehn Kilogramm Traubenzucker verbraucht“, sagt Klein. Ein kleiner Schub Energie, wenn es für die Angehörigen im Gerichtssaal emotional zu belastend wird, wenn die verletzte Seele den Körper schwächt. Energie, die auch Richter Bührmann benötigt, er kommt kurz vorbei, um sich für die Urteilsverkündung einen kleinen Vorrat Traubenzucker zu holen, sich zu wappnen für diese Ausnahmesituation, die da auf ihn wartet.

24 lange Verhandlungstage

Eine Nebenklägerin, die Mitarbeiter des WEISSEN RINGS hatten bereits mehrfach Kontakt mit ihr, tritt zu der Gruppe. Ihre Mutter ist unter den Opfern. „Am Samstag war ein großer Artikel über den Prozess in der Zeitung“, schildert sie, „ich saß ich mit meinem Mann im Garten, die Sonne schien. Ich habe gelesen und angefangen zu weinen. Dann habe ich zu meinem Mann gesagt: Schau mal, die Rosen blühen. Das hat der Mörder nicht.“ Weitere Opferangehörige kommen auf die Frauen vom WEISSEN RING zu, richten freundliche Worte an sie, schenken ein Lächeln, manchmal auch gequält. Man ist sich näher gekommen in diesen 24 außerordentlichen Tagen. Schicksalsgemeinschaft. Dann gehen sie ein letztes Mal in diesem Verfahren zusammen in den Saal: die Richter, die Angehörigen der toten Mütter, Väter, Geschwister, Großeltern, Kinder, die Nebenkläger-Anwälte, gut 50 Journalisten, die gleich das Urteil um den Globus schicken werden, Polizisten und Justizbeamte, fast 100 Zuschauer. Und die Opferhelfer, die sich in den Reihen der etwa 90 Nebenkläger verteilen. Dann verkündet Richter Bührmann das Urteil der Schwurgerichtskammer. Und das Verfahren findet sein vorläufiges Ende.

Links: Ute Brandt , Rechts: Kurt Werner, Fotos: Foto- und Bilderwerk Sven Seebergen

Ute Brandt, ehrenamtliche Mitarbeiterin der Außenstelle des WEISSEN RINGS in Oldenburg, steht kurz nach Prozessende in dem abgetrennten Bereich für die Opfer und ihre Begleiter. „Das Vorsitzende war bemerkenswert. Er hat den Prozess mit einer Schweigeminute begonnen für alle die, die nicht dabei sein konnten – also mit einer Schweigeminute für die Opfer“, erinnert sie sich. Was ihr noch eindrucksvoller in Erinnerung geblieben ist, ist die Verlesung der Anklageschrift im Anschluss an jene Schweigeminute. „Ich hatte Tränen in den Augen“, erzählt Brandt. Ihre eigenen Gefühle bekam sie aber schnell in den Griff, musste sie schnell in den Griff bekommen. „Ich hatte den Gedanken: Das sind nicht meine Angehörigen. Aber ich bin hier, um diesen Menschen zu helfen“, sagt sie. Trost spenden, zum Gespräch bereitstehen, menschlichen Beistand bieten – das funktioniert nur richtig, wenn man bei aller Empathie auch Abstand wahren kann. Brandt kommt dabei zugute, dass sie Opfer nicht zum ersten Mal in einer Gerichtsverhandlung zur Seite gestanden, schon in so manchen menschlichen Abgrund geschaut hat. Doch die lange Dauer des Prozesses war auch für sie eine neue Erfahrung. „Ich war bis auf einen Tag immer hier. Und habe dafür Überstunden abgebaut“, erzählt sie. Schon im Gehen, ruft sie ihren Kolleginnen noch einen letzten Gruß zu: „Macht’s gut. Ich muss ja jetzt zur Arbeit. Hilft ja nix.“

Ihre Kolleginnen sind indes noch in Gespräche vertieft. Die meisten Nebenkläger verlassen das Gebäude unmittelbar nach Prozessende. Abstand gewinnen, auch räumlich. Andere haben aber noch weiteren Gesprächsbedarf. Die Inhalte der Unterhaltungen ähneln auch an diesem Tagen jenen, die die Mitarbeiter der Opferhilfeorganisation mit den Angehörigen der Ermordeten an den Prozesstagen zuvor geführt haben. Es geht weniger um juristische Fragen – die hatte Richter Bührmann im Laufe der Verhandlung wiederholt und ausführlich erklärt. „Ein wenig Einordnung der juristischen Details ist zwar hier und da noch notwendig gewesen. Den höchsten Redebedarf gab es aber in punkto Gefühle: Was macht das mit mir? Viele wussten zunächst nicht, wie mit dem eigenen Erleben umzugehen“, erläutert Außenstellenleiterin Klein.

15 Freisprüche

Ein eigenes Erleben im Rahmen dieses Prozesses hatte auch Ursula Bunjes, eine weitere Mitarbeiterin in der Oldenburger Außenstelle der Opferhilfeorganisation. Wie hat sie ihre Gefühle bewältigt? „Ich bin Christin. Ich gebe alles nach oben ab“, sagt sie und lächelt. „Natürlich bewegt mich das hier alles. Wichtig ist dennoch, dass man es nicht zu nah an sich ranlässt und damit dem Täter zu viel Macht gibt – aber das kennen wir ja beim WEISSEN RING“, schildert sie. Einigen Menschen, denen sie in der Weser Ems Halle begegnet ist, hat sie Gottes Segen gewünscht – was ihr Kraft für ihre Aufgabe gibt, könnte auch anderen in schweren Stunden Trost sein. Keiner, so sagt sie, habe diesen frommen Wunsch nicht gern angenommen. Und dann erzählt sie von vielen Begebenheiten im Rahmen der Verhandlungstage, Bilder, die sich ihr eingeprägt haben, detailliert, nachhaltig. „Das Schlimme, was anderen Menschen widerfährt, darf uns ehrenamtliche Mitarbeiter nicht runterziehen. Das macht für mich auch einen Teil unserer Professionalität in der Opferhilfe aus“, zeigt sich Bunjes überzeugt.

Links: Ursula Bunjes, Rechts: Petra Dolch, Fotos: Foto- und Bilderwerk Sven Seebergen

Dietmar B. hat seine Gefühle nicht mehr im Griff. Er, der nur wenige Stunden vorher noch so souverän, gelassen gewirkt hatte, scheint ein wenig verloren, seine Augen glänzen, seine Stimme ist brüchig geworden. Sein Vater, das hat er nun durch die Justiz bestätigt bekommen, gehört zu den 85 Ermordeten. Als dieser Anfang des Jahrtausends im Oldenburger Klinikum starb, hatte er eine mögliche Ursache für sein überraschendes Versterben darin gesehen, „dass es zu wenig Personal gab“, wie er sagt. „Gewissheit“, das ist das Urteil jetzt für ihn. B. tauscht noch schnell Adressen aus mit einer jungen Frau Mitte 30, auch eine Nebenklägerin, auch den Vater durch den Mörder genommen bekommen. Eine letzte Umarmung, dann geht auch B.

Dann gibt es da noch die 15 Fälle, in denen den Angehörigen noch nicht einmal jene Gewissheit vergönnt ist, von der B. gesprochen hat. Außenstellenleiterin Klein etwa sitzt nach Prozessende mit einem Mann zusammen, der seine Mutter verloren hat, als sie unerwartet in einer der beiden Kliniken verstorben ist, anschließend aufgrund dieses Verlustes in die Mühlen der Ämter und in die Obdachlosigkeit geriet, sich mittlerweile aber wieder gefangen hat. „Da ist jemand auf dem Weg, und wir können ihm vielleicht helfen. Und dann: Freispruch“, sagt Klein. Zum zweiten Mal eine vergebene Hoffnung: Der Mann hatte gehofft, seine Mutter würde wieder lebendig aus dem Krankenhaus kommen. Dann hatte er bis zuletzt gehofft, wenigstens erfahren zu dürfen, ob sie eines natürlichen Todes gestorben ist – oder nicht. Beide Male wurde er enttäuscht. „Man hört diese Geschichten und weiß, was dahintersteckt. Das fasst natürlich auch mich an. Aber ich sage meinen Mitarbeitern immer: Ihr sollt mitfühlen, aber nicht mit fühlen“, sagt Klein.

Links: Regina Palkowski, Rechts: Cornelia Erhardt, Fotos: Foto- und Bilderwerk Sven Seebergen

An diesem tristen Donnerstagmorgen endet in der Weser Ems Halle im niedersächsischen Oldenburg einer der größten Strafprozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zu den mittelbaren Opfern in dieser beispiellosen Mordserie zählen die Angehörigen der Ermordeten, mutmaßlich auch die Angehörigen des Täters und all die Väter, Mütter, Töchter und Söhne der Ärzte, die für sein Verhalten nach Auffassung der Justiz ein Stück weit Verantwortung tragen und über die nun ebenfalls Recht gesprochen werden wird. Die letzte Reminiszenz an die direkten Opfer wird so schnell niemand vergessen, der dabei war: acht Minuten. Acht Minuten brauchte Sebastian Bührmann, um 85 Namen zu verlesen. Und zu jedem dieser Namen ein Todesdatum. Es waren unfassbar lange acht Minuten.

Links: Barbara Wienberg-Hoyer, Rechts: Ingrid Kleemann, Fotos: Foto- und Bilderwerk Sven Seebergen