Editorial

Erstellt am: Montag, 27. Juli 2026 von Sabine

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

der WEISSE RING feiert in diesem Jahr Geburtstag. Seit 50 Jahren steht der Verein an der Seite der Opfer, begleitet und unterstützt sie. Gleichzeitig setzt er sich in der Öffentlichkeit und auf politischer Ebene für mehr Schutz und Hilfe für Betroffene ein. In dieser Ausgabe blicken wir auf die Geschichte des Vereins zurück. Als dieser gegründet wurde, hatte kaum jemand Kriminalitätsopfer im Blick, sie waren als Zeugen lediglich ein Beweismittel. Das hat  ich – bei allen noch bestehenden Problemen – geändert, auch durch den Einsatz des WEISSEN RINGS.

In den ersten Jahrzehnten machte er sich erfolgreich für mehr Rechte im Strafverfahren und verbesserte Leistungen für Opfer stark, in der jüngeren Vergangenheit für die Einführung der elektronischen Fußfessel, um Betroffene häuslicher Gewalt besser zu schützen, und für konkrete Fortschritte bei der Reform der Opferentschädigung. Gelungen ist dies dank eines starken Ehren- und Hauptamtes. Einige unserer langjährigen Ehrenamtlichen stellen wir Ihnen in dieser Ausgabe vor. Wir schauen jedoch nicht nur auf Erfolge, sondern auch auf schwierige Zeiten und die Lehren, die wir daraus gezogen haben.

„Als der WEISSE RING gegründet wurde, hatte kaum jemand Kriminalitätsopfer im Blick.“

Im Mittelpunkt stehen für uns die Betroffenen. Deshalb haben unsere Reporterinnen und Reporter Menschen besucht, die bei der Entführung des Flugzeugs „Landshut“ 1977 oder eines Geldtransports im Jahr 1987 Opfer geworden sind. Sie sprachen mit einer Frau, die jahrelang zur Prostitution gezwungen wurde und den Ausstieg schaffte. Darüber hinaus haben wir im Interview Bundesjustizministerin Stefanie Hubig dazu befragt, wie sie die Lücken beim Opferschutz schließen will.

Das Opferentschädigungsgesetz trat ebenfalls vor 50 Jahren in Kraft und wurde im Januar 2024 vom Sozialgesetzbuch XIV abgelöst. Werden Betroffene nun besser unterstützt? Wo gibt es noch Missstände, auch bei älteren Fällen? Diesen Fragen ist unsere Redaktion nachgegangen und hat mit Opfern, Ämtern, Ministerien und Fachleuten gesprochen. Wenn unsere Texte Sie zur Reflexion anregen, freue ich mich. Teilen Sie uns Ihre Gedanken gerne per E-Mail an redaktion@weisser-ring.de mit.

Ihre Barbara Richstein
Bundesvorsitzende WEISSER RING

Grußwort

Erstellt am: Montag, 27. Juli 2026 von Sabine

Grußwort

Dr. Frank-Walter Steinmeier ist seit 2017 Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Foto: Bundesregierung/Steffen Kugler

„Hilfe für Verbrechensopfer ist kein Almosen, sondern Bringschuld der Gesellschaft.“ So hat es Eduard Zimmermann nach Gründung des WEISSEN RINGS formuliert. Fünfzig Jahre WEISSER RING sind fünfzig Jahre Engagement für Menschen, die in einer der verletzlichsten Situationen ihres Lebens Hilfe und Beistand brauchen. Zu diesem Jubiläum gratuliere ich dem Verein von Herzen.

Jeder kann Opfer werden. Straftaten treffen Menschen ohne Vorwarnung, und sie hinterlassen nicht nur materiellen Schaden, sondern erschüttern das Vertrauen in die eigene Sicherheit, oft tief und nachhaltig. Obwohl sie keine Schuld tragen, schämen sich viele Betroffene für das, was ihnen widerfahren ist. Nicht wenige ziehen sich zurück, weil sie das Gefühl haben, mit dem Erlebten allein zu sein. Ja, jeder kann Opfer werden. Aber niemand soll Opfer bleiben – dafür arbeitet der WEISSE RING, der staatlich und parteipolitisch unabhängig ist, aber Partei ergreift für die Betroffenen von Kriminalität.

„Gewalt hat heute viele Gesichter. Sie geschieht im häuslichen Umfeld ebenso wie im digitalen Raum.“

Dieser Anspruch ist in fünfzig Jahren Vereinsgeschichte nie kleiner geworden, er ist gewachsen. Denn Gewalt hat heute viele Gesichter. Sie geschieht im häuslichen Umfeld ebenso wie im digitalen Raum, sie trifft Privatpersonen und Menschen im öffentlichen Amt, und sie hinterlässt Wunden, die von außen oft nicht sichtbar sind. Der WEISSE RING unterstützt seit seiner Gründung 1976 mit offenem Ohr, mit Beratung und mit Empathie.

Dass der Verein sein Angebot in den vergangenen fünfzig Jahren immer wieder neu ausrichten konnte, verdankt er nicht zuletzt den rund 3.000 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die ihre Zeit, ihre Erfahrung und ihr Mitgefühl geben und damit jeden Tag aufs Neue beweisen, was gesellschaftlicher Zusammenhalt in der Praxis bedeutet. Ohne sie wäre die Arbeit des WEISSEN RINGS nicht denkbar, und ohne sie wäre unsere Gesellschaft eine ärmere.

Ihnen ebenso wie allen hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gilt daher mein herzlicher Dank. Alles Gute zum Geburtstag – und weiterhin viel Erfolg für Ihre wichtige Arbeit!

Dr. Frank-Walter Steinmeier
Bundespräsident

Die Entwicklung des Magazins

Erstellt am: Montag, 27. Juli 2026 von Sabine

Die Entwicklung des Magazins

Seit fast fünf Jahrzehnten ist das Magazin des WEISSEN RINGS ein wichtiges Sprachrohr für Opferhilfe und Prävention. Mit exklusiven Recherchen, einem modernen Design und einer klaren Haltung erreicht die Publikation heute längst nicht mehr nur Mitglieder, sondern setzt bundesweit Impulse in Politik, Medien und Gesellschaft.

Seit 1978 das Sprachrohr des WEISSEN RINGS: Das WEISSER RING Magazin setzt Impulse für Opferhilfe in Politik und Gesellschaft.

Erste Ausgabe erscheint 1978

Auf der Titelseite die Forderung nach einer Reform der Opferentschädigung. Im Innenteil Berichte über die Gründung der ersten Außenstelle und über Hilfe für die Frau und die elf Kinder eines getöteten Tankwarts. So sah die erste Ausgabe des Mitgliedermagazins aus, die am 20. Februar 1978, eineinhalb Jahre nach der Gründung des WEISSEN RINGS, erschien.

Optik und inhaltliche Schwerpunkte änderten sich im Laufe der Jahre, wesentliche Ziele blieben gleich: Betroffenen eine Stimme zu geben, auf Missstände hinzuweisen und konstruktive Vorschläge in die Debatte einzubringen, vor allem zu Opferhilfe und Prävention.

Neben den Mitgliedern erreicht das in der Satzung des Vereins verankerte Magazin unter anderem die meisten Bundes- und Landtagsabgeordneten, zudem Hochschulen, Gerichte und andere wichtige öffentliche Institutionen sowie Netzwerkpartner.

Neue Strategie

Seit 2020 setzt der WEISSE RING auf eine neue Kommunikationsstrategie. Dazu gehören tiefe, exklusive Recherchen der eigenen Redaktion, die von anderen Medien aufgegriffen werden und so noch größere Teile von Gesellschaft und Politik erreichen.

Medien greifen Beiträge auf

Im Jahr 2022 schaffte es der Report über Mängel bei der Opferentschädigung unter anderem in die Tagesschau. Auch Beiträge zum Aus des Fonds Sexueller Missbrauch, zu rechtsmotivierter Kriminalität oder zu rücksichtslosen True-Crime-Formaten wurden in den vergangenen Jahren bundesweit zitiert.

Preisgekrönt

Zu Beginn des Jahres 2025 bekam die Zeitschrift ein neues Design und einen neuen Namen: Aus „Forum Opferhilfe“ wurde WEISSER RING Magazin – um die Verbindung zum Verein und den „magazinigen“ Ansatz deutlich zu machen. Der setzt auf große Lesestücke und eine opulente, aber sensible Optik. Ein preisgekröntes Konzept: Im Juni dieses Jahres erhielten die vier Ausgaben des Jahres 2025 die renommierte Auszeichnung des Art Directors Clubs in der Kategorie „Corporate Publishing Magazines“.

Das Team in Mainz

Erstellt am: Montag, 27. Juli 2026 von Sabine

Das Team in Mainz

Von außen wirkt die Bundesgeschäftsstelle des WEISSEN RINGS in Mainz-Weisenau fast unscheinbar: ein rosafarbenes Gebäude, eine graue Eingangstür, daneben das blau-weiße Logo des Vereins. Hinter der Klingel jedoch kümmern sich Menschen hauptamtlich täglich darum, dass Deutschlands größte Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer funktioniert. Die Bundesgeschäftsstelle ist Schaltzentrale, Beratungsort, Organisationszentrum und politisches Sprachrohr zugleich. Rund 80 Mitarbeitende unterstützen hier die bundesweite Arbeit des Vereins – von Opferhilfe und Prävention über Digitales Ehrenamt bis zur Geschäftsführung.

Opferhilfe

Das Telefon klingelt, während eine Mitarbeiterin der Sachbearbeitung gerade einen neuen Fall in die Datenbank einträgt. Es geht um eine ältere Frau, der beim Einkaufen das Portemonnaie gestohlen wurde. Das ehrenamtliche Team vor Ort hat bereits mit 150 Euro schnell geholfen, damit die Betroffene die nächsten Tage bis zur Auszahlung der Rente überstehen kann. Noch bevor der Vorgang abgeschlossen werden kann, meldet sich ein Außenstellenleiter aus Niedersachsen. Eine Frau sei gerade mit ihren Kindern ins Frauenhaus geflohen. Mittellos. Verängstigt. Die Frage am anderen Ende der Leitung: Welche Hilfsmöglichkeiten gibt es, um der Familie langfristig zu helfen?

So sieht Alltag in der Sachbearbeitung des Teams Opferhilfe beim WEISSEN RING aus. Zwischen Telefonaten, E-Mails und neuen Fällen versuchen Cara Böhmer und Johanna Herz gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen, Ehrenamtliche zu unterstützen und damit Menschen nach Straftaten möglichst schnell zu helfen. „Man möchte die Dinge nicht liegen lassen“, sagt Juristin Johanna Herz. „Weil man weiß: Hinter jedem Vorgang steht ein Mensch, der gerade auf Hilfe wartet.“

„Hinter jedem Vorgang steht ein Mensch, der gerade auf Hilfe wartet“, sagt Johanna Herz (links). Sie und Cara Böhmer (rechts) leiten die Abteilung Opferhilfe.

Es gibt schnelle Hilfen beim WEISSEN RING, über deren Ausgabe das Ehrenamt vor Ort entscheidet. Dazu gehören eine finanzielle Soforthilfe von bis zu 200 Euro und ein Hilfescheck für die rechtliche Erstberatung. Weitergehende Bedarfe wie beispielsweise Umzugskosten, Frauenhauskosten, Türsicherungen, Reparaturen, tatbedingte Schulden oder Kosten für einen Rechtsbeistand, die sich im Gespräch mit den Betroffenen ergeben, werden vom Ehrenamt im Team Opferhilfe beantragt, dort geprüft und freigegeben. „Grundsätzlich kann bei Opferhilfen in alle Richtungen gedacht werden“, sagt Böhmer. „Aufgabe unseres Teams ist es, andere Leistungsträger mitzudenken und in komplizierten Fällen Hilfe möglich zu machen.“

Monatlich landen über 1.800 neue Fälle aus ganz Deutschland auf den Tischen der Sachbearbeitung. Viele Fälle begleiten die Mitarbeitenden über Monate, weil immer wieder Bedarfe entstehen.

Die Landesbüros

Der WEISSE RING ist in 18 Landesverbände eingeteilt. Bayern und Nordrhein-Westfalen werden aufgrund ihrer Größe in zwei Regionen unterteilt. In den Landesbüros des Vereins arbeiten deutschlandweit rund 40 hauptamtlich Mitarbeitende. Sie unterstützen den jeweiligen Landesvorstand und die Ehrenamtlichen vor Ort, organisieren verschiedene Veranstaltungen und halten den regelmäßigen Kontakt nach Mainz.

Digitales Ehrenamt

Maria Wagner-Monsees leitet beim WEISSEN RING das Digitale Ehrenamt. Rund 180 Ehrenamtliche arbeiten bundesweit für Opfer-Telefon, Onlineberatung und Digitale Außenstelle. „Unsere Ehrenamtlichen machen Nähe trotz Distanz möglich“, sagt Wagner-Monsees, die nicht zufällig zum WEISSEN RING kam. In ihrer früheren Arbeit als Diplom-Pädagogin mit systemischer Zusatzausbildung betreute sie überwiegend Frauen mit Gewalterfahrungen – und empfahl ihnen damals schon häufig den Verein. „Dort sind sie in guten Händen.“

In Mainz kümmert sich ein Team aus sechs Mitarbeitenden inklusive Leitung darum, dass beim Digitalen Ehrenamt alles reibungslos läuft. Sie organisieren die Dienstpläne, sorgen dafür, dass alle mit Equipment wie Telefonen ausgestattet sind. Sie helfen und koordinieren, wenn die Software bei Ehrenamtlichen nicht funktioniert, haben ein offenes Ohr für sie.

Jedes Jahr gibt es ein Auswahl- und Ausbildungsverfahren für neue Ehrenamtliche, das ebenfalls das hauptamtliche Teamorganisiert und gemeinsam mit Ehrenamtlichen umsetzt. „Gerade beim Opfer-Telefon, das von 7 bis 22 Uhr erreichbar ist, müssen wir gewährleisten, dass das auch funktioniert“, so Wagner-Monsees. Bei der Onlineberatung habe es Anfang des Jahres so viele Anfragen gegeben, dass die Beratung kurzfristig nicht erreichbar war und gestoppt werden musste. „So soll es natürlich nicht sein. Nach dem Auswahlverfahren konnten wir aber neue Onlineberatende ausbilden, so dass wir jetzt wieder gut aufgestellt sind.“ Einen solchen Engpass hat es bisher aber noch nie gegeben, so Wagner-Monsees.

Am Opfer-Telefon sind im vergangenen Jahr über 24.000 Gespräche geführt worden, an die Onlineberatung haben sich 2025 rund 3.000 Ratsuchende gewandt, und die Digitale Außenstelle hat seit ihrer Gründung im April bis Dezember 2025 über 1.000 Fälle betreut.

Maria Wagner-Monsees (links) leitet das Digitale Ehrenamt. Florian Wedell (rechts) verantwortet den Fachbereich Medizin/Psychologie.

Fachbereich Medizin/Psychologie

Eine Frau kann nach einer Vergewaltigung das eigene Schlafzimmer nicht mehr betreten. Ein Mann kämpft darum, dass ein Leistungsträger weitere Therapiestunden bezahlt. Viele Betroffene wenden sich in solchen und anderen Situationen hilfesuchend an den WEISSEN RING. Über die Ehrenamtlichen werden daraus konkrete Hilfebedarfe abgeleitet und geprüft, ob diese umsetzbar sind. Hier kommt Florian Wedell ins Spiel. „Meine Aufgabe besteht vorrangig darin, die Umsetzung von Hilfeleistungen wie etwa die materielle Opferhilfe unter Vorbehalt zur Finanzierung einer Therapie zu prüfen und eine fachlich fundierte Empfehlung zur Übernahme auszusprechen“, sagt der Psychologe.

Neben der Fallarbeit erarbeitet Wedell Informationsmaterialien, bringt psychologische Perspektiven in politische Stellungnahmen ein oder beteiligt sich an der Aus- und Weiterbildung der Ehrenamtlichen. Außerdem organisiert er die wiederkehrende bundesweite Fachtagung für Traumaambulanzen und vertritt den WEISSEN RING in fachspezifischen Gremien.

Wedell arbeitet nach beruflichen Stationen bei der Bundeswehr, in verschiedenen Kliniken und im Justizvollzug seit 2021 beim WEISSEN RING als Psychologe in der Bundesgeschäftsstelle. Für ihn sei die Stelle eine „Once-in-a-Lifetime-Chance“ gewesen, erzählt er. „Weil hier zwei Themen zusammenkommen, die mich schon lange beschäftigen: Kriminalität und die Frage, was mit Menschen passiert, nachdem sie Opfer geworden sind.“

Dass die Opferperspektive häufig untergehe, beobachtet er abseits seiner Arbeit auch gesellschaftlich. „Der Fokus liegt meist auf dem Täter“, sagt er. Gerade in Medien oder True-Crime-Formaten verschwänden die Geschichten der Betroffenen häufig im Hintergrund. Dabei gehe es für viele Opfer nicht nur um die Straftat selbst, sondern um die Folgen danach: Ängste, Isolation, finanzielle Probleme oder das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben verloren zu haben.

Kriminalprävention

„Prävention ist immer Teamarbeit. Nur gemeinsam können wir Menschen erreichen und nachhaltig stärken“, sagt Céline Sturm (links). Anne Werner (rechts) ist wie sie Referentin für Kriminalprävention.

Auf dem Flipchart ziehen sich Pfeile zwischen Begriffen wie digitale Gewalt, Zivilcourage oder Cyberstalking. Anne Werner und Céline Sturm bewegen sich mit Leichtigkeit zwischen den einzelnen Themen, ergänzen Beispiele und erzählen von Netzwerkarbeit und neuen Betrugsmaschen. Prävention bedeute vor allem: Menschen zu stärken und handlungsfähig zu machen. Ein Satzungsziel. Werner und Sturm arbeiten als Referentinnen für  Kriminalprävention in der Bundesgeschäftsstelle. „Das Herz der Präventionsarbeit sind die ehrenamtlichen Mitarbeitenden vor Ort, die Präventionsaktivitäten entwickeln und umsetzen“, sagt Werner.

Besonders eng arbeiten sie mit den ehrenamtlichen Landespräventionsbeauftragten des WEISSEN RINGS zusammen. Damit sie dafür gut gerüstet sind, entwickeln sie Seminare, Vorträge und Materialien. „Unser Ziel ist es, einen gut bestückten Werkzeugkoffer zur Verfügung zu stellen“, sagt Sturm. Dieser habe sich über die Jahrzehnte verändert: Früher standen Diebstahl und Einbruch im Fokus. Heute beschäftigen sie sich mit vielen weiteren Themen wie digitaler Gewalt, Hasskriminalität oder Phishing. „Kriminalität entwickelt sich ständig weiter. Prävention muss diesen Wandel mitgehen“, so Werner.

Werner und Sturm halten Vorträge, geben Medien Interviews, bringen die kriminalpräventive Perspektive in politische Stellungnahmen des Vereins ein und begleiten den Fachbeirat Kriminalprävention. Auch die Zusammenarbeit mit bundesweiten Kooperationspartnern wie dem Deutschen Präventionstag gehört zum Aufgabenbereich der Referentinnen. Dort gestalten sie im Programmbeirat die Inhalte mit und bringen die Opferperspektive in die Präventionsarbeit ein. Eines ist ihnen besonders wichtig: Prävention funktioniere nie allein. Sie lebe vom interdisziplinären Austausch, von starken Netzwerken und Menschen, die ihr Wissen weitergeben. „Prävention ist immer Teamarbeit. Nur gemeinsam können wir Menschen erreichen und nachhaltig stärken“, sagt Sturm.

Marketing

Auf den Schreibtischen des Marketing-Teams liegen Entwürfe für Kampagnenmotive. Und Riccarda Theis und Alice Scherer diskutieren über Formulierungen. „Wir müssen Aufmerksamkeit schaffen, die Wichtigkeit des Themas betonen, ohne unnötige Furcht zu schaffen. Die Opfer sollen gestärkt werden“, so Theis.

Theis startete vor fast zehn Jahren als Social-Media-Managerin beim Verein, heute ist sie die Fachleitung des Marketings. Scherer kam 2024 dazu. Ihre Aufgabe: den WEISSEN RING und seine Themen sichtbarer zu machen – und das in einem sich verändernden Umfeld: Denn genauso wie die Delikte ändern sich auch die Ansprüche an das Marketing stetig.

Das Marketing-Team: Riccarda Theis (links) und Alice Scherer (rechts)

Das gehe zum einen über große Kampagnen. Im Büro hängen Plakate früherer Projekte. „Digitale Gewalt hat viele Gesichter“, steht auf einem. Daneben Hinweise zu Cybermobbing oder Deepfakes. Oder die Kampagne „Schweigen macht schutzlos“: Sie rückt das Thema häusliche Gewalt in den Mittelpunkt.

Zum anderen müsse sich das Ehrenamt vor Ort präsentieren. „Dabei unterstützen wir die Ehrenamtlichen mit Material, Ideen und Beratung. Es ist wichtig, dass der Verein auch bei lokalen Aktionen bundesweit einheitlich auftritt“, erklärt Scherer. „Wir wollen dabei auch wirtschaftliche Synergien schaffen, das ist für einen spendenfinanzierten Verein essenziell.“ Bei der mehrstufigen Kampagne zum 50-jährigen Bestehen startet bald die erste Phase, die auf die Gründungsidee des Vereins zurückgeht. Auf Plakaten und im Netz wird sich ab August die Frage finden: „Wenn alle den Täter jagen – wer bleibt dann beim Opfer?“ Theis fügt hinzu: „Die Frage bleibt nicht unbeantwortet. Wir geben darauf selbstbewusst die Antwort: ‚Wir‘, also der WEISSE RING.“ Deshalb spielen in den darauffolgenden Kampagnenphasen die Ehrenamtlichen sowie prominente Unterstützende eine zentrale Rolle.

Stabsstelle der Geschäftsführung

Svenja Drews scheint sich nicht leicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Je länger sie über ihre Arbeit spricht, desto deutlicher wird, wie viel Bewegung hinter dieser Ruhe steckt. „Es ist immer spannend“, sagt sie. „Und langweilig wird es nie.“

Drews leitet die Stabsstelle der Geschäftsführung beim WEISSEN RING. Sie ist Psychologin, seit sieben Jahren im Verein und hat dort zunächst das Beschwerdemanagement aufgebaut. Dieses ist heute Teil der Stabsstelle und wird von Mitarbeiterin Ilka Kenn betreut.

In der Beschwerdestelle sehe man, wie anspruchsvoll Opferhilfe ist, sagt sie. „Betroffene von Straftaten befinden sich häufig in einer emotionalen Ausnahmesituation. Dabei entstehen leicht Missverständnisse oder Erwartungen, die nicht erfüllt werden können.“ Wenn eine Außenstelle telefonisch nicht sofort erreichbar sei oder es zwischenmenschlich mal nicht passe, seien Beschwerden keine Seltenheit. Jährlich erreichen den Verein circa 550 Beschwerden.

„Es ist immer spannend“, sagt Svenja Drews, Leiterin der Stabstelle der Geschäftsführung.

Ebenfalls Teil der Stabsstelle ist die interne Kommunikation. Drews’ Mitarbeiter Christian Ahlers hält Haupt- und Ehrenamt über alle wichtigen Themen im Verein informiert. „Hierfür ist Vernetzung besonders wichtig. Christian Ahlers hat seine Augen und Ohren praktisch überall“, so Drews. Jeden Monat geht der WRinside-Newsletter raus, auch der redaktionelle Teil des Jahresberichts des WEISSEN RINGS wird hier erstellt.

Neben der Leitung der beiden Bereiche ist Drews’ Kernaufgabe die inhaltliche Unterstützung der Geschäftsführung. Sie bereitet die Sitzungen des Vorstands vor, verantwortet die Konzeption und Umsetzung strategischer Projekte, wie zuletzt den Aufbau der Digitalen Außenstelle, und betreut die Kooperationen des Vereins auf Bundesebene, beispielsweise mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund. Auch wenn Landesverbände oder Außenstellen regionale Kooperationen eingehen möchten, ist sie deren Ansprechpartnerin.

Svenja Drews ist involviert in viele wichtige Prozesse. „Was auf meinem Schreibtisch liegt, liegt auch auf deinem“, so habe die frühere Geschäftsführerin Bianca Biwer Drews’ Job einmal zusammengefasst.

Engagieren, Organisieren, Gestalten

Der organisatorische Aufbau der Bundesgeschäftsstelle folgt dem Motto „Engagieren, Organisieren, Gestalten“. Jede Abteilung ist einem dieser Bereiche zugeordnet. Die sieben hier vorgestellten Bereiche sollen einen Einblick in die bundesweite Arbeit des Vereins geben. Es gibt darüber hinaus noch weitere Bereiche, wie beispielsweise die Teams Informationstechnik, Fundraising, Medien & Recherche, Buchhaltung oder Nachlassverwaltung, die für den Verein tätig sind.

Geschäftsleitung

An einem normalen Tag laufen bei Verena Richterich Dutzende Vorgänge parallel: Abstimmungen mit Fachstellen, Prozessoptimierungen, Härtefallentscheidungen und vollkommen Unvorhersehbares wie eine Großereigniskoordinierung. Richterich gehört gemeinsam mit Eike Eberle zur Geschäftsleitung des WEISSEN RINGS. Sie verantwortet die Bereiche Ehrenamt, worunter beispielsweise Opferhilfe und Digitales Ehrenamt fallen, Personal, IT und interne Dienste wie die Logistik.

Besonders schwierig werde es in der Opferhilfe dort, wo Satzung, Gemeinnützigkeitsrecht und konkrete menschliche Schicksale aufeinandertreffen. „Das gibt es Momente, bei denen man merkt, wie hart solche Regelungen sein können“, sagt Richterich. „Unsere Aufgabe ist es, in dem gesteckten Rahmen Lösungen zu finden, um die konkreten Tatfolgen von Kriminalitätsopfern zu lindern.“

Lösungen müssen auch gefunden werden, um die ehrenamtliche Opferhilfe auf die neuen Herausforderungen zukunftsfähig aufzustellen. Richterich beschäftigt sich dabei mit Fragen wie: Welche Hilfsmöglichkeiten benötigen Betroffene in der heutigen Zeit? Wie können digitale Lösungen helfen? Dahinter stecke viel Koordination: Arbeitsgruppen, Pilotprojekte, IT-Prozesse, digitale Fallakten, Qualitätssicherung. „Der konstruktive Austausch mit den ehrenamtlichen Mitarbeitenden – sei es im konkreten Einzelfall oder übergeordneten Strategie- und Optimierungsfragen – ist der tägliche Motivator für meine Arbeit“, sagt Richterich.

Eike Eberle (links) und Verena Richterich gehören zur Geschäftsleitung des WEISSEN RINGS.

Eike Eberle setzt sich in einem anderen Bereich ein: Der Jurist verantwortet die Bereiche Recht, Finanzen und Öffentliches Eintreten. Auch sein Alltag besteht aus permanenter Gleichzeitigkeit. „Man kommt morgens mit einem Plan“, sagt Eberle. „Und meistens macht man dann doch etwas völlig anderes.“ Gesetzentwürfe zum Beispiel. Sobald Ministerien Referentenentwürfe verschicken, bleiben Verbänden oft nur wenige Wochen Zeit für Stellungnahmen. Aktuell beschäftigt den WEISSEN RING das geplante digitale Gewaltschutzgesetz. Dabei geht es um sexualisierte Deepfakes, Hassrede, Auskunftsansprüche gegen Plattformen und besseren Schutz von Betroffenen digitaler Gewalt. „Das Besondere daran ist, dass es gleichzeitig Strafrecht, Zivilrecht, Prävention und Opferschutz berührt“, sagt Eberle.

Um darauf reagieren zu können, müsse Expertise aus unterschiedlichen Bereichen zusammengeführt werden. „Das muss am Ende alles in eine strukturierte, pointierte Position gebracht werden.“ Dass daraus manchmal reale politische Veränderungen entstehen, erlebt Eberle als Erfolg. Besonders deutlich beim Thema elektronische Fußfessel bei schwerer häuslicher Gewalt. „Wir haben diese seit Jahren gefordert.“ Heute ist daraus ein Gesetz geworden.

Eberle verantwortet auch das Fundraising, das eine wichtige Säule des Vereins ist. „Der Verein finanziert sich ausschließlich durch Spenden, Mitgliedsbeiträge, Nachlässe und Geldauflagen, er erhält keinerlei staatliche Mittel. Diese finanzielle Unabhängigkeit ist dem Verein enorm wichtig“, sagt er. Damit dies auch so bleibe, baue er auf ein starkes Fundraising. Die Geschäftsführung, die an der Spitze der Geschäftsleitung steht, ist im Moment vakant. Die Suche nach einer Nachfolge von Bianca Biwer sei aber bereits auf dem Weg.

Ein Hauch von Start-up

Erstellt am: Montag, 27. Juli 2026 von Sabine

Ein Hauch von Start-up

Die neue GmbH setzt sich aus der Ehrenamtsakademie und dem Impact Campus zusammen: Während sich die Akademie auf die Ausbildung der Ehrenamtlichen konzentriert, soll der Impact Campus dem Verein neue Einnahmen bringen.

Ruth Neri, Jahrgang 1968, ist seit 2025 an der Spitze der WEISSER RING Perspektiv GmbH. Zuvor war sie Geschäftsführerin der DKMS LIFE.

Das Projekt, das die Zukunft des WEISSEN RINGS mitgestalten soll, wird von einem weißen Ritter bewacht. Zugegeben, ein wenig Vorstellungsvermögen braucht es, um den Beschützer in dem abstrakten, bunten Gemälde erkennen zu können, das da weiß gerahmt in Ruth Neris Büro in Mainz-Weisenau auf einem Aktenschrank steht. Aber dort, wo Neues entsteht, kann Fantasie nie schaden. „Da oben ist ein Kopf mit Helm. Hier ein Bäuchlein.“ Neri deutet mit der Hand auf das Kunstwerk, das sie von einer Freundin geschenkt bekommen hat und das sie seit ihrem beruflichen Start begleitet. „Und was das ist, weiß ich auch nicht.“ Was Neri dafür aber umso genauer weiß: Bei der Aufgabe, die sie zu meistern hat, ist jede Unterstützung willkommen.

Zwei Säulen

Seit Juli 2025 ist Neri Geschäftsführerin der Perspektiv GmbH des WEISSEN RINGS. Die 58-Jährige trägt halblanges braunes Haar, ist mit weißer Bluse und Sneakers sportlich-elegant gekleidet und hat ein Strahlen im Gesicht, wenn sie durch die neuen Büros in der Alexander-Diehl-Straße 2 a in Weisenau führt. Das Team, das aus sieben Mitarbeitenden inklusive Geschäftsführerin besteht, ist gerade eingezogen und hat jetzt seine eigenen Räumlichkeiten. Alles fühlt sich nach Aufbruch an, als würde hier ein kleines Start-up entstehen. Und eigentlich ist genau das der Fall. Denn seit gut einem Jahr arbeitet diese kleine Gruppe daran, die Perspektiv GmbH auf Zukunftskurs zu bringen.

Die GmbH, die dem Verein neue Einnahmen bringen soll, setzt sich aus zwei Säulen zusammen: Zum einen gibt es die Akademie für die Ausbildung der ehrenamtlichen Mitarbeitenden. „Hier wird sich nichts ändern“, so Neri. „Die Qualität und das Angebot werden weiter so bestehen bleiben wie bisher.“ Zum anderen wird es bald den sogenannten Impact Campus geben, der Trainings für Unternehmen und Social Business vereint.

Dieser Name sei nicht zufällig gewählt, so Neri: „Wir haben ein Wort gesucht, das man als Namen in der Wirtschaft schnell versteht. Einen Campus stellt man sich wie eine Hochschule oder Universität vor.“ Dazu passe das, was im wirtschaftlichen Bereich geplant sei: „Auf einem Campus gibt es auch ein Café oder einen Buchladen oder einen Shop. Hier können Veranstaltungen und Kooperationen stattfinden.“ Mit neuen Angeboten möchte sie die Wirkung des WEISSEN RINGS vergrößern – den Impact sozusagen, daher der zweite Teil des Namens. Das geht nicht alles auf einmal, das Angebot soll Stück für Stück erweitert werden.

Trainings für Unternehmen

Auf der Internetseite, die in diesem Sommer online geht, werden als Erstes die Trainings für Firmen zu finden sein: zum Beispiel zu Themen wie Zivilcourage, Mobbing oder Umgang mit sexualisierter Gewalt am Arbeitsplatz. „Es wird außerdem Trainings im Bereich Resilienz geben, um gestärkt im Umgang mit Betroffenen zu sein. Da spielen opfersensible Kommunikation und Selbstfürsorge eine Rolle. Und wir richten uns auch an Unternehmen, bei denen etwas vorgefallen ist und die anlassbezogene Unterstützung brauchen. Solche Anfragen hatten wir in der Vergangenheit häufig“, sagt Neri. Zielgruppen sind Führungskräfte, Betriebsräte oder auch die gesamte Belegschaft.

Die Auswahl der Trainings baut auf der Erfahrung der vergangenen Jahre auf. Gemeinsam mit ehrenamtlichen Mitarbeitenden und Referierenden, die bereits für die Ehrenamtsakademie tätig sind, hat das Team die Kurse entwickelt, die jetzt vertrieben werden. „Unser wichtigstes Alleinstellungsmerkmal sind die Werte des Vereins, wie Solidarität und Menschlichkeit, die Perspektive und vor allem die Expertise des WEISSEN RINGS“, betont Neri.  Im Moment bestehe das Trainer-Team aus sechs Personen. „Damit können wir verlässlich starten. Wenn jetzt eine riesige Nachfrage kommt, müssen wir reagieren, aber das schaffen wir auch, weil die Konzepte fertig sind“, erklärt Neri.

Das Social Business

Nicht nur Trainings seien für Unternehmen relevant, sondern auch Kooperationen mit dem WEISSEN RING. „Da Themen wie häusliche oder sexualisierte Gewalt leider Alltag sind, bin ich sicher, dass wir Unternehmen finden, die gern mit uns zusammenarbeiten wollen, beispielsweise im Rahmen einer Kampagne.“ Eine andere Idee sind sogenannte Social Days bei Firmen. „Wir könnten in diesem Rahmen Workshops für Mitarbeitende anbieten.“ Als Beispiel nennt sie ein Projekt aus ihrer vorherigen Tätigkeit bei der DKMS LIFE, deren Zweck es war, das Selbstwertgefühl und damit die Gesundheit von Krebspatientinnen zu stärken: „Wir waren damals bei L’Oréal und haben zusammen mit deren Mitarbeitenden Armbänder für Brustkrebspatientinnen geknüpft, die wir dann weitergegeben haben. Das kam super an.“

Ausblick

Bei allem, was sie tut, hat Neri die Zahlen im Blick. Ihr Ziel sei es, dass sich das Unternehmen in drei Jahren selbst trägt und Gewinne bringt. So ist es auch vom Verein vorgegeben. Und ansonsten, sagt Ruth Neri, „freue ich mich einfach, dass die Akzeptanz für die GmbH, bei der das Ehrenamt anfangs kritisch war, weiter wächst. Denn ohne das Ehrenamt gäbe es den Verein nicht, auch nicht die Akademie und den Impact Campus. Das Ehrenamt ist aus meiner Sicht der größte Schatz des Vereins. Wir profitieren von dieser Reputation und werden die Ehrenamtlichen auch bei uns einbinden.“

Die Geschäftsführerin versteht sich als Ideen- und Impulsgeberin, das möchte sie auch bei ihrem Team und im Ehrenamt fördern. „Wenn etwas nicht gelingt, versuch ich’s einfach nochmal und dann nochmal“, so Neri. „Ich darf daran teilhaben, etwas bewegen, das ist doch Glück pur.“

„Wir sind die Stimme der Opfer“

Erstellt am: Montag, 27. Juli 2026 von Sabine

„Wir sind die Stimme der Opfer“

Aktuell steht Barbara Richstein als Bundesvorsitzende an der Spitze des WEISSEN RINGS, vor ihr prägten Dr. Patrick Liesching, Jörg Ziercke und Roswitha Müller-Piepenkötter den Verein. Das WEISSER RING Magazin hat die vier erstmals an einen Tisch gebracht. Ein Gespräch über bleibende Erfahrungen, große Veränderungen, Erfolge, Krisen und den Weg in die Zukunft.

Erstmals gemeinsam im Interview: Vier (Ex-)Vorsitzende des WEISSEN RINGS sprechen über Erfahrungen, Wandel und den Weg in die Zukunft. (v.l.n.r.: Jörg Ziercke, Barbara Richstein, Roswitha Müller-Piepenkötter und Dr. Patrick Liesching)

Haben Sie schon mal zusammen an einem Tisch gesessen und sich ausgetauscht?

Richstein: Wir haben uns bei Bundesvorstandssitzungen getroffen. Aber da gibt es wie im Parlament eine festgelegte Sitzordnung, bei der wir nicht an einem Tisch saßen. Ich glaube, beim Abendessen war das ebenfalls nicht der Fall.

Ziercke: Als „Ältestenrat“ haben wir auch noch nie zusammengesessen. (alle lachen)

Dann ist das hier eine Premiere, schön. Wie sind Sie eigentlich zum WEISSEN RING gekommen?

Liesching: Erstmals bin ich 2005 mit dem Verein als Richter in Berührung gekommen. Bei zwei Prozessen, die mich auch persönlich angefasst haben, weil die Taten die Betroffenen völlig aus der Bahn geworfen hatten. In einem Fall ging es um sexuellen Missbrauch, im anderen um einen versuchten Femizid. Die Opfer berichteten, wie der WEISSE RING sie unterstützte, für die Tatortreinigung in der Wohnung sorgte, für den Umzug, die psychologische Betreuung der Kinder. Das fand ich gut, da wollte ich dabei sein. Angefangen habe ich als ehrenamtlicher Mitarbeiter, aber natürlich nur bei Opferfällen, mit denen ich als Richter nicht in Berührung hätte kommen können.

Ziercke: Auf den WEISSEN RING aufmerksam geworden bin ich Mitte der 90er-Jahre als Leiter der Polizeiabteilung im schleswig-holsteinischen Innenministerium, bei einem Antrittsbesuch des Landesvorsitzenden. Schon damals schätzte ich die Arbeit des Vereins. Ich habe die Polizeiführung gebeten, dass die Polizei Opfer auf den WEISSEN RING aktiv aufmerksam macht und Kontaktdaten weitergibt.

Richstein: Ich bin 2001 als rechtspolitische Sprecherin im brandenburgischen Landtag zum Opferforum nach Mainz gefahren und fand die Veranstaltung fachlich interessant. Spontan kam mir die Idee, in den Verein einzutreten, aber ich wollte mich versichern, ob das wirklich ein guter Verein ist und habe meine Schwester angerufen, die schon länger Mitglied war. Sie bestärkte mich.

Müller-Piepenkötter: Zu meinen Schwerpunkten als Justizministerin in Nordrhein-Westfalen gehörten Prävention und Opferschutz. Der WEISSE RING war erster Ansprechpartner und Mitglied der von mir ins Leben gerufenen Expertengruppe Opferschutz und des Landespräventionsrates. Später, kurz vor dem Ende meiner Amtszeit, habe ich nicht lange gezögert, als mich der damalige Landesvorsitzende für den Bundesvorsitz gewinnen wollte. Es passte einfach.

Dr. Patrick Liesching ist stellvertretender Bundesvorsitzender des WEISSEN RINGS, von 2022 bis 2024 war er Bundesvorsitzender. Er ist Präsident des Landgerichts Fulda.

Hat Sie, Herr Liesching, die in der Opferhilfe notwendige Dokumentation nicht abgeschreckt?

Liesching: Nein, weil es lange nicht so schlimm war wie bei der Justiz (lacht). Ich habe die Außenstelle sehr gerne unterstützt. Und bin dann tiefer in den Verein gerutscht: In Hessen gab es damals ein wenig „Ramba Zamba“, mit einem streitbaren Landesvorsitzenden. Ich wurde sein Stellvertreter und habe versucht auszugleichen. Eines Tages rief Roswitha Müller-Piepenkötter an und fragte mich, ob ich mir vorstellen könne Landeschef zu werden. „Bin ich nicht meinem Vorsitzenden gegenüber zur Loyalität verpflichtet?“, meinte ich. Ihre Erwiderung überzeugte mich: „Ihre Loyalität hat dem Verein zu gelten.“

Welche ersten Eindrücke haben sich bei den anderen eingeprägt? Gab es etwas, das Sie überrascht hat?

Müller-Piepenkötter: Mich hat erstaunt, wie intensiv die Aus- und Fortbildung der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist. Sie sind keine Therapeuten, aber zum Beispiel in der Gesprächsführung mit Opfern sehr gut geschult.

Richstein: Überraschend fand ich, dass der WEISSE RING kein typisches Vereinsleben hat und seinen Blick stärker auf die aktiven Ehrenamtlichen richtet, nicht so sehr auf die „passiven“ Mitglieder. Es ist wichtig, sie einzubeziehen. Deshalb haben wir in Brandenburg beispielsweise alle Mitglieder zum Tag der Kriminalitätsopfer eingeladen.

Der Verein ist durch Krisen gegangen. Im Hochsauerlandkreis wurde ein Außenstellenleiter wegen Vergewaltigung zu einer Haftstrafe verurteilt. Wie haben Sie den Fall erlebt?

Ziercke: Nachdem wir im Hochsauerlandkreis die wichtigsten Informationen zusammengetragen hatten, wussten wir, wie schwerwiegend der Fall war, und dass es wohl auch strafrechtliche Folgen geben würde. Uns war klar, dass wir hart durchgreifen müssen.

Roswitha Müller-Piepenkötter war von 2010 bis 2018 Bundesvorsitzende des WEISSEN RINGS. Zuvor war sie fünf Jahre lang nordrheinwestfälische Justizministerin.

Der WEISSE RING entband den Leiter der Außenstelle Hochsauerlandkreis von seinen Aufgaben und erstattete Anzeige. Die Vorgänge sind vom Verein aufgearbeitet und auf der Homepage veröffentlicht worden.

Müller-Piepenkötter: Seit einem anderen Krisenfall in Lübeck werden weibliche Betroffene von Sexualdelikten im Erstgespräch von einer Opferhelferin betreut. Ist dies in Ausnahmefällen nicht möglich, greift ein Sechs-Augen-Prinzip, sodass mindestens zwei Opferhelfer beim Erstgespräch mit der Betroffenen anwesend sind. Manche betrachteten diesen Schritt zunächst als Misstrauensvotum gegen das Ehrenamt, heute sind die Prinzipien allgemein anerkannt. Sie sollen allen Beteiligten Sicherheit geben. Es ist perfide und unerträglich: Ein Missbrauchsopfer sucht Hilfe, wird manipuliert, fremdbestimmt und missbraucht. In einem anderen Fall „überbetreute“ ein Ehrenamtlicher eine Betroffene, baute eine Machtposition auf. Um so etwas zu verhindern, haben wir Frühwarnsysteme wie die Beschwerdestelle.

Richstein: Neben den bereits genannten haben wir weitere Maßnahmen ergriffen, beispielsweise unabhängige Vertrauenspersonen eingeführt, für Menschen, die sich mit Beschwerden nicht direkt an die Institution WEISSER RING wenden möchten. Zudem sensibilisieren wir unsere Ehrenamtlichen während der Aus- und Fortbildung fortlaufend für das Einhalten von Grenzen.

Eine Herzensangelegenheit

Mehr als 25 Jahre saß Barbara Richstein als Abgeordnete im Brandenburger Landtag, fast genauso lange ist sie Mitglied im WEISSEN RING. Im September 2024 wählten die Delegierten des Vereins sie zur neuen Bundesvorsitzenden. Was möchte sie in den kommenden zwei Jahren als oberste Opferschützerin bewegen? Ein Treffen in Berlin.

Wie will der Verein die aktuellen finanziellen Herausforderungen bewältigen?

Richstein: Wir haben strukturelle Entscheidungen getroffen, um uns langfristig auf eine solide Basis zu stellen, etwa bei den Soforthilfen, aber auch im Hauptamt.

Liesching: Wie andere Organisationen, die sich selbst finanzieren, müssen auch wir Geld mit Bedacht ausgeben. Manche Einnahmen schwanken, etwa die Nachlässe. Wir haben zwar Rücklagen, aber die reichen auf längere Sicht Sicht, um die Defizite aufzufangen. Wir haben etwa 2,2 Millionen Euro für Rechtsberatungsschecks ausgegeben. Die Qualität der Beratung war aber nicht immer gut. Gerade auf dem Land gibt es nicht überall Anwälte, die sich gut mit Opferrechten auskennen. Deshalb testen wir jetzt in einem Pilotprojekt eine anwaltliche Erstberatung mit eigenen, spezialisierten Juristen. Das kostet deutlich weniger Geld und wir versprechen uns davon auch eine Qualitätssteigerung. In unserem hessischen Landesverband gibt es für dieses Projekt große Zustimmung. Außerdem gibt es durch das Sozialgesetzbuch XIV mittlerweile klare Rechtsansprüche, wie beispielsweise die Behandlung in einer Traumaambulanz. Deshalb finanzieren wir lediglich noch in Härtefällen psychotraumatologische Erstberatung – dort, wo keine Traumaambulanzen verfügbar sind. Die Maßnahmen wurden im Verein teils heiß diskutiert.

Richstein: Es ist immer schwierig, wenn man etwas kürzen muss. Die Diskussion ist aber durchaus hilfreich, weil man sich als ehrenamtlicher Mitarbeiter seiner Hauptaufgabe bewusst wird, nämlich Lotse im Hilfesystem zu sein. Die Hilfen des WEISSEN RINGS sind vom Grundsatz schon immer subsidiär zu staatlichen Leistungen. Wir können nicht immer für den Staat einspringen, wenn er eigentlich in der Pflicht ist. Druck auf die Politik auszuüben, dass diese ihrer Pflicht nachkommt, ist unsere Aufgabe. Wir werden zunächst schauen, ob und wie die Maßnahmen funktionieren, und gegebenenfalls nachsteuern. Klar ist: Hilfe für Betroffene steht für den Verein an erster Stelle.

Jörg Ziercke ist Ehrenvorsitzender des WEISSEN RINGS. Er war von 2018 bis 2022 Bundesvorsitzender des Vereins. Von 2004 bis 2014 führte er das Bundeskriminalamt als Präsident.

Der WEISSE RING ist ein großer Verein, der nicht immer leicht zu händeln ist. Es gibt manchmal auch Konflikte. Haben Sie mal darüber nachgedacht, „hinzuschmeißen“?

(Alle schütteln den Kopf.)

Müller-Piepenkötter: Wenn es dem Verein schlecht geht, schmeißt man nicht hin. Wenn es ihm gut geht, hat man keinen Grund dafür (alle lachen). Und aus dem Amt gejagt wurde niemand von uns. Wer bei seinem Amtsantritt denkt, hier – bei knapp 400 Außenstellen – etwas kontrollieren zu können, hat schon einen Fehler gemacht und ist beim WEISSEN RING falsch. In meinem ersten Jahr habe ich viele Außenstellen besucht. Nach drei Monaten sagte mein Mann zu mir, ich wäre als Ministerin auch mal zu Hause gewesen (lacht). Der Kontakt ist ganz wichtig. Um Vertrauen zu gewinnen und Beschlüsse zu erklären. Manchmal, bei Kritik, muss man auch den Kopf hinhalten.

Weshalb sind Sie dem Verein treu geblieben?

Müller-Piepenkötter: Ich war schon immer ein Mensch, der sich eingemischt hat. Egal ob im Allgemeinen Studierendenausschuss oder später im Ministerium. Im Verein geblieben bin ich besonders wegen der interessanten Menschen, die mit Lebensfreude und Empathie diese schwierige Arbeit für Opfer machen.

Liesching: Ich kenne keinen tolleren Verein, außer den VfB Stuttgart vielleicht (lacht). Der allgemeine gesellschaftliche, rechtliche und politische Diskurs bildet sich auch beim WEISSEN RING ab – und man kann ihn mitgestalten, etwas bewegen. Das ist spannend und erfüllend.

Ziercke: Nachdem ich lange auf der Seite war, die den Täter finden musste, war es an der Zeit für mich, die Seite zu wechseln. Und auf der Opferseite zu arbeiten, ist genauso sinnstiftend und erfüllend.

Welche Erfolge haben Ihnen Auftrieb gegeben?

Liesching: Dazu zählt sicherlich die elektronische Fußfessel nach spanischem Modell, die Bundestag und Bundesrat kürzlich zum Schutz vor häuslicher und Partnerschaftsgewalt beschlossen haben. Wir haben diese Idee entwickelt und sie auf die politische Ebene gehoben.

Ziercke: Pro Jahr werden etwa 150 Frauen Opfer von „Partnerschaftsmorden“. Wir haben in unserem Magazin mehrere große Recherchen zum Thema veröffentlicht, darunter den Text „Chronik eines angekündigten Todes“. Es handelte sich um den Fall von Anne, die 2017 gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn Noah getötet wurde. Er zeigte exemplarisch, dass der Staat nicht genug tut, um gefährdete Frauen und Kinder zu schützen. Wir haben diesen und weitere Texte vielen Politikerinnen und Politikern geschickt – und die Einführung der Fußfessel gefordert. Es gab politischen Widerstand. Die Entscheidung für die Fußfessel ist ein wichtiger Schritt nach vorne.

Ein Anruf bei … Jörg Ziercke

Wie sicher ist Deutschland? Ex-BKA-Chef Jörg Ziercke über Cybercrime, Gewalt gegen Frauen und Lücken beim Opferschutz.

Liesching: In Spanien ging die Zahl der Femizide nach Einführung der Fußfessel um etwa 25 Prozent zurück. Ein Grund dürfte dort deren häufige Anordnung gewesen sein, nämlich durchgängig bei etwa 4.000 Männern. Aktuell plant der Bund noch lediglich mit einer niedrigen dreistelligen Zahl. Meine Sorge ist, dass sich so die Femizid-Zahlen kaum senken lassen und die Kritiker behaupten werden: „Seht ihr, die Fessel ist keine wirksame Maßnahme.“ Deshalb müssen wir nicht nur Familiengerichten, sondern auch Strafgerichten ermöglichen, die Aufenthaltsüberwachung anzuordnen. Wir haben hierzu eine konkrete Gesetzesformulierung vorgeschlagen. Technisch wären in Deutschland jedenfalls schon jetzt bis zu 5.000 elektronische Fußfesseln möglich.

Zudem hat der Verein zur Reform der Opferentschädigung beigetragen.

Richstein: Und zu einigen Verbesserungen. So haben Betroffene zum Beispiel Anspruch auf einen Platz in einer Traumaambulanz, Entschädigungszahlungen wurden erhöht. Außerdem wird psychische Gewalt jetzt auch berücksichtigt. Aber da ist noch Luft nach oben. Ein Problem dürfte nach wie vor sein, dass viele Betroffene gar keinen Antrag stellen, auch weil sie das Gesetz nicht kennen.

Barbara Richstein ist seit 2024 Bundesvorsitzende des WEISSEN RINGS. Von 1999 bis 2024 war sie in Brandenburg Landtagsabgeordnete, von 2002 bis 2004 Ministerin der Justiz und für Europaangelegenheiten.

Die aktuelle Recherche unseres Magazins zeigt, dass es in der Praxis weiter Schwierigkeiten gibt. Beispielsweise dauern die Verfahren lange, viele Anträge werden abgelehnt.

Richstein: Erschwerend kommt die hohe Beweislast aufseiten der Opfer hinzu, die ihre Schädigung und Glaubwürdigkeit immer wieder belegen müssen.

Ziercke: Es ist gut, dass wir zu Fortschritten beigetragen haben. Wir finden Gehör bei der Politik, hatten zum SGB XIV auch einen Termin im Kanzleramt. Aber: Wir sind die Stimme der Opfer und bleiben dran. Das Geld in der Staatskasse wird knapper, und die Betroffenen dürfen nicht die Leidtragenden sein. Schon aus unserer OEG-Statistik ging hervor, dass insgesamt unfassbar viele Anträge abgelehnt wurden, wobei das Gefälle zwischen manchen Bundesländern groß war. Wir schauen genau hin, wie sich die Zahlen jetzt entwickeln.

Welche markanten Veränderungen sehen Sie, wenn Sie auf die vergangenen Jahrzehnte zurückblicken?

Richstein: Eine wichtige Rolle spielt die Digitalisierung, etwa beim Erfassen unserer Fälle und in der Kommunikation, aber auch bei den Kriminalitätsphänomenen.

Ziercke: Diese wandeln sich, es kommen neue Formen und Herausforderungen hinzu, etwa durch Künstliche Intelligenz. Als WEISSER RING begleiten wir diese Veränderungen, mit Prävention und Opferhilfe.

Richstein: Wir sind insgesamt etwas moderner, jünger und weiblicher geworden, nicht mehr so männlich dominiert. Dazu hat auch die Gruppe der Jungen Mitarbeitenden beigetragen.

Liesching: Wir haben Landesverbände, in denen ein Viertel der Mitglieder jünger als 35 ist. Und wir sind auch diverser geworden. In der Bundesgeschäftsstelle gab es einen Generationswechsel, und wir sind in der Medienarbeit professioneller geworden.

Ziercke: Die Opferhilfe haben wir konzeptionell immer wieder überarbeitet, nach dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz zum Beispiel einen Leitfaden für Großereignisse entwickelt.

Richstein: Eine weitere wichtige Entscheidung war die Unvereinbarkeitsklausel mit der entsprechenden Präambel in unserer Satzung, um uns vor „gesellschaftlichen Risiken“ zu schützen.

Geschäftsführender Bundesvorstand

Die oder der Bundesvorsitzende ist Teil des Geschäftsführenden Bundesvorstands (GBV), der aus fünf oder sechs Personen besteht. Der GBV gehört zum Bundesvorstand, der ebenfalls von der Bundesdelegiertenversammlung gewählt wird und die Richtlinien für die Arbeit des Vereins vorgibt. Mehr dazu: weisser-ring.de/weisserring/der-verein

Bei der Bundesdelegiertenversammlung 2024 in Frankfurt beschlossen gut 200 Vertreterinnen und Vertreter des Vereins mit einer Mehrheit von 99,5 Prozent der Stimmen eine Satzungsänderung. Es ist seitdem möglich, Mitglieder auszuschließen, wenn sie gegen das Leitbild in der Präambel verstoßen. Dort heißt es, mit der Vereinsarbeit und dem Bekenntnis zum Grundgesetz unvereinbar „sind Intoleranz, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Der Verein tritt radikalen oder extremistischen Bestrebungen sowie jeder Form von Gewalt entgegen“.

Müller-Piepenkötter: Wir haben uns bereits vorher mit Extremismus auseinandergesetzt und uns distanziert. Der Bundesvorstand verurteilte damals, 2018, Rassismus, Antisemitis-mus und Fremdenfeindlichkeit und beschloss einstimmig, dass sich der Verein nicht von extremistischen Parteien instrumentalisieren lässt und keine Spenden von der AfD annimmt. Auslöser war die missbräuchliche Verwendung des Logos des WEISSEN RINGS bei einer Spendensammlung durch einen Ortsverband der Partei.

Ziercke: Das hat uns empört.

Richstein: Wir haben klargemacht, dass wir das Geld nicht annehmen werden.

Weshalb haben Sie sich für die Klausel und die Distanzierung entschieden?

Müller-Piepenkötter: Bei der AfD genügt ein Blick auf Zitate führender Politiker der Partei. Unabhängig von der AfD gilt: Wer sich menschenverachtend äußert oder verhält, passt nicht zu uns, hat bei uns nichts zu suchen.

Auch der WEISSE RING hat Mitglieder verloren. Was lässt sich dagegen tun?

Richstein: Die Landesverbände in Brandenburg und Sachsen-Anhalt wachsen. Ansonsten gehen die Zahlen leider zurück, das ist richtig. Unser Bekanntheitsgrad ist nicht hoch genug. Wir müssen wieder bekannter werden.

Ziercke: Wir waren mal bei 65.000 Mitgliedern. Der Mitgliederschwund hat auch mit dem demografischen Wandel zu tun.

Richstein: Es kommt Nachwuchs nach, aber noch nicht genug.

Müller-Piepenkötter: Bei den jungen Leuten – Betroffenen wie potenziellen Ehrenamtlichen – sind Instagram und andere Plattformen entscheidend.

Richstein: Bei Instagram erreichen wir mittlerweile viele Menschen.

Ziercke: Es ist wichtig, dass wir gesellschaftlich noch präsenter werden, auch bei Veranstaltungen. Und dass wir immer wieder unsere Stimme erheben, auch in Berlin, zum Beispiel in der Bundespressekonferenz die Kriminalstatistik aus Opfersicht einordnen. Kooperationen mit Prominenten, die zu uns passen und sich für uns engagieren, sind eine weitere Möglichkeit. Es gibt eine ganze Reihe anderer, teils spezialisierter Organisationen und
Einrichtungen für Opfer.

Weshalb braucht es den WEISSEN RING noch?

Müller-Piepenkötter: Der Staat kann Menschen, die Opfer einer Straftat geworden sind und in dem Moment die Herrschaft über ihr Leben verloren haben, nicht in dieser Form und diesem Umfang unterstützen. Die Ehrenamtlichen tun dies auf Augenhöhe, aber mit besonderen Kenntnissen aus ihrer jahrelangen Arbeit und Fortbildung und unbürokratisch. Wir sind der qualifizierte Nachbar, der auch sonntagsmorgens helfen kann.

Ziercke: Hinzu kommt die Unabhängigkeit von staatlicher Förderung.

Liesching: Wir sind mit rund 400 Außenstellen auch in der Fläche präsent – wo es nicht so viele Beratungsstellen gibt wie in der Stadt. Dass wir politisch unabhängig sind, hat sich beispielsweise bei der elektronischen Fußfessel gezeigt. Als der damalige Bundesjustizminister Marco Buschmann blockierte, haben wir nicht den Konflikt gescheut, sondern Kritik geübt.

Richstein: Und nicht zuletzt sind wir breit aufgestellt und für alle Betroffenen da – egal ob sie Opfer von häuslicher Gewalt, Cyberkriminalität oder anderen Straftaten geworden sind.

50 Meilensteine in 50 Jahren WEISSER RING

Erstellt am: Montag, 27. Juli 2026 von Sabine

50 Meilensteine in 50 Jahren WEISSER RING

Rückblick auf ein halbes Jahrhundert an der Seite der Opfer

Als der WEISSE RING 1976 in einer Mainzer Privatwohnung gegründet wurde, war er ein kleiner Verein. Heute ist er die größte deutsche Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer mit rund 40.000 Mitgliedern und 3.000 Ehrenamtlichen. Dazwischen liegen viele Meilensteine, etwa die Gründung der ersten Außenstelle, juristische Auseinandersetzungen für mehr Opferhilfe, Unterstützung für Betroffene nach dem Anschlag auf das Oktoberfest, der Start des Opfer-Telefons oder der erfolgreiche Einsatz für die elektronische Fußfessel nach spanischem Vorbild. Wir haben 50 besonders wichtige Meilensteine in der Geschichte des Vereins recherchiert.

24.09.1976

VEREINSGRÜNDUNG

Mainz – Der WEISSE RING wird ins Vereinsregister eingetragen. 17 Männer und Frauen gründen den Verein zur Opferarbeit, darunter Eduard Zimmermann, Moderator der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY“.

12/1977 – AUSSENSTELLE

Berlin – die erste Außenstelle des WEISSEN RINGS wird eröffnet.

01/1978 – 1.000 MITGLIEDER

Mainz – Der WEISSE RING zählt 1.000 Mitglieder. Der Appell an Bevölkerung und staatliche Institutionen, Opfer zu unterstützen, zeigt langsam Wirkung. Landesversorgungämter nehmen Kontakt zum Verein auf.

02/1978 – 1. MAGAZIN

Mainz – Die erste Ausgabe der Mitgliederzeitschrift erscheint. Sie stellt die Perspektive von Kriminalitätsopfern in den Mittelpunkt.

01/1979 – OPFERENTSCHÄDIGUNG

Bonn – Der Einsatz des WEISSEN RINGS sorgt erstmals für gesetzliche Verbesserungen: Leistungen für Opfer gelten nun ab dem Tag der Tat. Ein Berufsschadensausgleich wird für alle Geschädigten möglich.

02/1979 – REFERAT „SCHULDLOS IM ABSEITS“

Mainz – Der WEISSE RING beginnt mit der Präventionsarbeit und richtet ein Referat mit dem Namen „Vorbeugung“ ein.

01/1980 – 100 REGIONALSTELLEN

Mainz – Im Januar 1980 gibt es bereits 100 Regionalstellen. Der WEISSE RING hat mehr als eine Million Mark an Kriminalitätsopfer weitergeleitet.

26.09.1980 – ANSCHLAG AUF DEM OKTOBERFEST

München – Am 26. September 1980 verübt ein 21-Jähriger einen rechtsextremen Anschlag auf das Oktoberfest. Der WEISSE RING leistet persönlichen Beistand und schüttet gut eine Million Mark an Betroffene aus.

02/1983 – PLAKATAKTION

München – Der WEISSE RING startet eine bundesweite Plakataktion zur Prävention bei Betrug, Taschen- und Fahrraddiebstahl sowie beim Wohnungseinbruch.

03/1983 – GESETZGEBUNG & RECHT

Mainz – Die Arbeitsgruppe „Gesetzgebung und Recht“ nimmt ihre Arbeit auf und untermauert die rechtspolitischen Forderungen des WEISSEN RINGS.

06/1984 – AUS- & WEITERBILDUNG

Mainz – Das erste dreistufige Seminarprogramm zur Aus- und Weiterbildung ehrenamtlicher Mitarbeiter läuft an.

09/1984 – GRUNDSATZPROZESS

Kassel – Der WEISSE RING gewinnt einen Grundsatzprozess vor dem Bundessozialgericht: Wer sich in friedensstiftender Absicht gegen nachhaltige Störungen, wie etwa Hausfriedensbruch, wehrt und verletzt wird, hat jetzt Anspruch auf Entschädigung.

12/1984 – 20.000 MITGLIEDER

Mainz – Der WEISSE RING hat in Deutschland 20.000 Mitglieder und 200 Anlaufstellen für Opfer.

01/1986 – „SCHULDLOS IM ABSEITS“

Bonn – Eduard Zimmermann übergibt Kanzler Helmut Kohl die Dokumentation „Schuldlos im Abseits“, eine Auswertung von gut 3.000 Einzelschicksalen. Sie gibt einen einmaligen Einblick in die Lebensumstände von Opfern.

10/1986 – DELEGIERTENPRINZIP

Mainz – Aufgrund des Vereinswachstums führt der WEISSE RING das Delegiertenprinzip ein. Die erste Versammlung mit Delegierten findet 1988 statt.

04/1987 – OPFERSCHUTZGESETZ

Bonn – Im April 1987 tritt das Opferschutzgesetz in Kraft, das Opferzeugen im Strafverfahren stärkt.

05/1987 – BELEHRUNGSPFLICHT

Mainz – Im Mai 1987 wird die vom WEISSEN RING geforderte Belehrungspflicht Praxis: Das Merkblatt über die Rechte und Befugnisse von Verletzten im Strafverfahren erscheint.

07/1987 – BERATUNGSSCHECK

Mainz – Der Beratungsscheck des WEISSEN RINGS ermöglicht Kriminalitätsopfern die kostenlose Erstberatung bei einem frei gewählten Anwalt.

08/1988 – „SCHULDLOS IM ABSEITS“

Mainz – „Stopp dem Diebstahl“, eine Aktion des WEISSEN RINGS und der Polizei, erinnert Autofahrer daran, beim Verlassen ihres Fahrzeugs aufmerksam zu sein.

10/1989 – 1. OPFERFORUM

Mainz – Das erste Opferforum, eine bundesweite Expertentagung, diskutiert über schlechte Schadensregulierung und eine für Opfer unzumutbare Beweislast im Opferentschädigungsgesetz.

04/1990 – INFOTELEFON

Filderstadt – Start des bundesweiten Info-Telefons des WEISSEN RINGS. Betroffene können rund um die Uhr gebührenfrei anrufen.

08/1990 – WIEDERVEREINIGUNG

Berlin – Die Opferarbeit wird auf ganz Deutschland ausgeweitet. Der WEISSE RING stellt die Arbeitsmappe „Jugendkriminalität“ allen Schulen der ehemaligen DDR zur Verfügung.

22.03.1991 – TAG DER KRIMINALITÄTSOPFER

Mainz – Erster deutscher „Tag der Kriminalitätsopfer“. Der Aktionstag soll für mehr Aufmerksamkeit für die Belange von Opfern und ihren Familien sorgen.

09/1993 – OPFER DER DDR

Mainz – Die Hilfen des WEISSEN RINGS erreichen jetzt auch Opfer von Regierungskriminalität in der ehemaligen DDR.

12/1995 – BEWEISLASTREGELUNG

Bonn – Die Beweislastregelung im Opferentschädigungsgesetz wird aufgehoben. Wenn keine unmittelbaren Tatzeugen vorhanden sind, genügen auch die glaubhaften Angaben des Opfers.

03/1996 – OEG-LEISTUNGEN

Kassel – Der WEISSE RING erkämpft eine weitere Grundsatzentscheidung: Ausländische Mitbürger haben auch dann Anspruch auf OEG-Leistungen, wenn die Tat vor dem 1. Juli 1990 geschah.

05/1997 – EHRENPREIS

Mainz – Bei den „Wormser Prozessen“ werden erstmals kindliche Opferzeugen per Videotechnik vernommen. Der WEISSE RING würdigt diese mutige Entscheidung des Gerichts mit dem Ehrenpreis.

12/1997 – WEBSITE

Mainz – Der WEISSE RING startet eine eigene Webseite: www.weisser-ring.de

12/1997 – OPFERANWALT

Bonn – Der Opferanwalt auf Staatskosten wird gesetzlich verankert – eine Forderung des WEISSEN RINGS.

01/2002 – GEWALTSCHUTZGESETZ

Berlin – Mit dem in Kraft getretenen Gewaltschutzgesetz ist ein weiterer Meilenstein erreicht: Gewalttäter können demnach aus der eigenen Wohnung verwiesen werden.

04/2002 – AMOKLAUF

Erfurt – Am Gutenberg-Gymnasium tötet ein Ex-Schüler 17 Menschen. Elton John spendet den Erlös eines Konzerts. 172.000 Euro werden auf das Spendenkonto des WEISSEN RINGS überwiesen, der den Opfern hilft.

10/2002 – ERSTBERATUNG

Mainz – Einführung des Hilfeschecks für eine psychotraumatologische Erstberatung.

2002 – RICHARD OETKER

Mainz – Der Unternehmer Richard Oetker, der die Opferperspektive kennt, engagiert sich aktiv für den WEISSEN RING, etwa im Bundesvorstand. Im Jahr 1976 war er entführt und gefoltert worden.

11/2002 – SCHOCKSCHÄDEN

Berlin – Angehörige mit Schockschäden können jetzt auch OEG-Leistungen erhalten.

03/2007 – STALKING

Berlin – Angehörige mit Schockschäden können jetzt auch OEG-Leistungen erhalten.

12/2008 – BOTSCHAFTER

Mainz – Der WEISSE RING benennt offizielle Botschafter. Dazu zählen der Sänger Stefan Gwildis, die Boxerin Regina Halmich und der Moderator und Journalist Jean Pütz.

08/2009 – OPFER-TELEFON

Mainz – Start des bundesweiten Opfer-Telefons: Betroffene bekommen an sieben Tagen in der Woche anonyme, schnelle und unbürokratische Hilfe von geschulten Ehrenamtlichen.

11/2012 – STIFTUNG

Düsseldorf – Die WEISSER RING Stiftung wird gegründet. Sie fördert Forschung zu Opferhilfe und Kriminalprävention.

19.12.2016 – ANSCHLAG BREITSCHEIDPLATZ

Berlin – Am 19. Dezember 2016 steuert ein islamistischer Terrorist einen Lkw in eine Menschenmenge auf dem Berliner Breitscheidplatz und tötet 13 Menschen. Der WEISSE RING unterstützt Opfer und Angehörige.

01.06.2019 – WALTER LÜBCKE

Wolfhagen – Ein Rechtsextremist ermordet den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke auf dessen Terrasse. Der WEISSE RING begleitet die Familie Lübcke in dieser schweren Zeit.

01/2022 – RECHERCHE

Mainz – Mit einer großen Recherche belegt das Magazin des WEISSEN RINGS, dass die Entschädigung oft nicht bei Opfern ankommt. Das Gesetz ist unbekannt, das Antragsverfahren demütigend, und viele Anträge werden abgelehnt.

04.02.2022 – ELEKTRONISCHE FUSSFESSEL

Mainz – Aufgrund der vielen Gewalttaten an Frauen fordert der Verein den Einsatz der elektronischen Fußfessel gegen Täter und sammelt mit der Petition Unterschriften dafür. Die Forderung wird erneut mit einer umfangreichen Recherche untermauert.

12/2023 – BRANDBRIEF

Mainz – Dr. Patrick Liesching, Bundesvorsitzender des WEISSEN RINGS, appelliert in einem Brandbrief an die Bundesregierung, die gesetzlichen Bedingungen zum Einsatz der elektronischen Fußfessel zu schaffen.

01.01.2024 – OEG INS SOZIALGESETZBUCH

Berlin – Durch die Überführung des OEG ins neue Sozialgesetzbuch XIV entstehen Verbesserungen für Opfer: So wird zum Beispiel psychische Gewalt berücksichtigt, zudem gibt es Schnelle Hilfen, etwa durch Traumaambulanzen.

02.04.2024 – HAFTSTRAFE

Hochsauerlandkreis – Der Ex-Außenstellenleiter des WEISSEN RINGS im Hochsauerlandkreis wird wegen Vergewaltigung zu einer Haftstrafe verurteilt. Der Verein hatte ihn von seinen Aufgaben entbunden und Anzeige erstattet.

20.12.2024 – ANSCHLAG IN MAGDEBURG

Magdeburg – Bei einem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg tötet ein 50-Jähriger sechs Menschen und verletzt knapp 300. Der WEISSE RING begleitet Opfer, Angehörige, Ersthelfende und Zeugen.

01/2025 – MULTIMEDIA-KAMPAGNE

Mainz – Mit der multimedialen Kampagne „Digitale Gewalt – Reale Folgen“ klärt der WEISSE RING über digitale Gewalt, ihre Formen und Folgen, geltendes Recht und Hilfe für Opfer auf.

08.05.2026 – ELEKTRONISCHE FUSSFESSEL

Berlin – Der Bundestag beschließt mit großer Mehrheit die Einführung der elektronischen Fußfessel.

2026

50 JAHRE WEISSER RING

Mainz – Der WEISSE RING feiert sein 50-jähriges Bestehen, mit rund 40.000 Mitgliedern, 18 Landesverbänden, 3.000 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und rund 400 Außenstellen.

50 Jahre Hilfe

Erstellt am: Montag, 27. Juli 2026 von Gregor

50 Jahre Hilfe

Im September 1976 gründen 17 Männer und Frauen den WEISSEN RING – und leisten in Deutschland Pionierarbeit bei der Opferhilfe. Ein halbes Jahrhundert später blickt das WEISSER RING Magazin zurück auf bewegte Jahrzehnte, auf die „wilden“ Gründungsjahre, die wichtigsten Erfolge und den Aufbau in den neuen Bundesländern, aber auch auf die großen Krisen des Vereins und die Herausforderungen der Zukunft.

Rückblick auf ein halbes Jahrhundert an der Seite der Opfer.

Der WEISSE RING hat sich von einem kleinen Verein zur größten Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität in Deutschland entwickelt. Vor allem in den ersten Jahren wuchs er schnell, auch dank des prominenten Gründers, dessen Mitstreitern und vieler weiterer Ehrenamtlicher. Die Vereinsgeschichte zeugt von der Entwicklung der Kriminalität – und von Lücken bei der staatlichen Unterstützung für Betroffene.

Kapitel I: Die ersten Jahre

Wer etwas über die Anfangszeit des WEISSEN RINGS erfahren möchte, wird im Vereinsarchiv der Bundesgeschäftsstelle in Mainz fündig. Im Keller lagern hier in Rollregalen Aktenordner, alte Werbemittel, darunter sogar ein Gleitschirm mit dem Vereinslogo sowie Foto-, Video- und Audiomaterial aus fünf Jahrzehnten Vereinsgeschichte. Dieser Fundus zeugt davon, wie der Verein zur größten Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer werden konnte. Besonders aufschlussreich sind frühe Schriftwechsel des Gründers Eduard Zimmermann, der damals als TV-Moderator der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“ bekannt war. Die Sendung war in den 1970er-Jahren ein „Straßenfeger“ und lockt bis heute Millionen Zuschauer vor den Fernseher.

Beim Blättern durch die Akten erfährt man, dass Zimmermann schon drei Jahre vor der Gründung für eine Interessenvertretung und Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer geworben hat. So antwortete ihm Ministerialdirigent Dr. Alfred Stümper aus dem baden-württembergischen Innenministerium am 8. Januar 1974: „In der Vergangenheit waren fast alle Bemühungen um eine Modernisierung der Strafverfolgung mehr oder weniger einseitig auf eine Verbesserung der Position des Täters im Strafverfahren ausgerichtet. (…) um das Opfer kümmert sich hingegen – sofern es selbst oder etwaige Hinterbliebene sich nicht allein zu helfen wissen – niemand. Die geplante Organisation könnte hier eine echte, unverständlicherweise seit langem bestehende Lücke schließen.“ Stümper wurde später selbst Gründungsmitglied.

Mittlerweile ist er 100 Jahre alt. „Eduard Zimmermann und ich haben uns bei einer Tagung der Polizeigewerkschaft in Berlin getroffen und gleich gut verstanden“, erinnert er sich im Gespräch mit dem WEISSER RING Magazin. Sie hätten das Ziel geteilt, Kriminalitätsopfern „konkret und im Einzelfall zu helfen“. Auf diesen „Geist“ komme es an. Gerade zu Beginn „wuchs und wuchs der Verein“, auch weil Zimmermann, er und andere mithilfe ihrer Netzwerke Kontakte geknüpft hätten „und wir unsere Stimme erhoben und unsere Argumente klar vorgetragen haben“. Das Wertvollste des Vereins seien die Ehrenamtlichen, betont Stümper. Er wünsche dem WEISSEN RING alles Gute zum Geburtstag.

Wie überzeugt Zimmermann von seiner Idee war, die er zunächst auch als „Liga gegen das Verbrechen“ und „Verbrechenswacht“ und erst später als „Hilfsverein für Kriminalitätsopfer“ bezeichnete, zeigen weitere Schreiben an Behördenleiter in Polizei, Politik und Justiz. Darin bat er darum, „das Projekt so lange wie möglich im Bereich der Vertraulichkeit zu halten, damit man die ‚schlafenden Hunde‘, die zweifellos mit gehörigem Appetit hinter dem Busch liegen, nicht vorzeitig weckt.“

Offizielle Gründung

Zimmermann sowie seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter setzen ihr Vorhaben am 8. Juli 1976 in die Tat um. Laut Gründungsprotokoll heißt der Verein zunächst „WEISSES KREUZ Gemeinnütziger Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern und zur Verhütung von Straftaten e. V.“ Offiziell ins Vereinsregister eingetragen wird er am 24. September 1976, gegründet von 15 Männern und zwei Frauen, Rosmarie Zimmermann, spätere Mitgründerin von Eduard Zimmermanns Produktionsfirma und dessen Ehefrau, sowie die Frankfurter Oberstaatsanwältin Adelheid Werner. Wie jedoch im Januar 1977 bei der Sitzung des Geschäftsführenden Vorstands klar wird, existiert unter dem Namen „Weißes Kreuz“ bereits ein Verein. Dem Vorstand um Zimmermann wird mitgeteilt, dass der Verein von „führenden Persönlichkeiten der Kirche“ getragen würde, die bereits in der Vergangenheit erfolgreich den Namen verteidigt hätten. Das Risiko geht der Verein nicht ein und ändert im März 1977 seinen Namen in WEISSER RING.

„Wir haben unsere Stimme erhoben und unsere Argumente klar vorgetragen.“

Gründungsmitglied Dr. Alfred Stümper

Als Zentrale dient zu Beginn eine Privatwohnung in Mainz-Finthen. Während der Auftakt-Pressekonferenz am 1. Juni 1977 stellt der Verein sich und sein Ziel vor: Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität zu sein. Er bietet persönliche Betreuung, Beistand und Anteilnahme durch ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die durch den Verein ausgebildet werden. Finanziell hilft der WEISSE RING Opfern etwa bei der Überbrückung tatbedingter Notlagen und bei Anwaltskosten.

Im Mai 1976 tritt das Opferentschädigungsgesetz (OEG) erstmals in Kraft. Es regelt zunächst finanzielle Leistungen für gesundheitliche Schäden von Gewaltopfern.

In der Zeit von Juni 1977 bis Oktober 1978 zahlt der WEISSE RING mehr als 410.000 Mark an 98 Kriminalitätsopfer und 62 Opfer von Terroranschlägen – oder an deren Angehörige und Hinterbliebene. Und er übt Kritik an den damals schon langen Bearbeitungszeiten von OEG-Anträgen. In der Praxis „vergehen meist viele Monate, ehe über einen OEG-Antrag entschieden wird“, heißt es in der ersten Bilanz. „Oft geraten die Opfer selbst oder deren Hinterbliebene dadurch in Not.“ In 55 solcher Fälle habe der WEISSE RING schnell und unbürokratisch Hilfe geleistet.

Der öffentliche Einsatz für die Opfer trägt im Januar 1979 in Bonn erstmals Früchte in Form von Verbesserungen im OEG: Leistungen werden von nun an rückwirkend ab dem Monat der Tat gewährt, wenn der Antrag innerhalb eines Jahres gestellt wird. Ein Berufsschadensausgleich wird für alle rentenberechtigten Geschädigten möglich. Im Februar 1979 nimmt der Verein die Präventionsarbeit auf und richtet ein Referat mit dem Namen „Vorbeugung“ ein. Gleichzeitig eröffnet er im Dezember 1977 in Berlin die erste Außenstelle und wächst insgesamt auf 1.000 Mitglieder. Eineinhalb Jahre nach der Gründung stehen mehr als 3.000 Mitglieder in den Büchern.

Zu den ersten hauptamtlichen Mitarbeitenden zählt Marion Kollmann, die 48 Jahre nach ihrem Start nach wie vor für den WEISSEN RING tätig ist. „Ich sah damals eine Stellenanzeige in der Allgemeinen Zeitung, bekam dann kurzfristig einen Termin – und blieb.“

„Ehrfurcht vor Ede“ und eine rote Schreibmaschine

Marion Kollmann gehört zum Inventar: Die Buchhalterin arbeitet seit 45 Jahren hauptamtlich beim WEISSEN RING. Ein Blick zurück auf „die gute alte Zeit“.

Schnelles Wachstum

Die Zeit Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre ist geprägt von Attentaten und dem Terror der Rote Armee Fraktion. Beim WEISSEN RING „liefen damals die Telefone heiß. Es galt, die Opferhilfe zu organisieren, Kontakte zu knüpfen, Geld bereitzustellen.“ Kollmann erinnert sich an helle Räume, eine rote elektrische Schreibmaschine und viel Arbeit mit Dokumentenbergen: „Die ersten Jahre waren heftig, der Verein ist sehr schnell gewachsen.“ Das sei nur mit einer guten Teamarbeit zu bewältigen gewesen. Eine anstrengende, aber interessante Zeit: „Wir waren tatsächlich Mädchen für alles, haben unter anderem Opferarbeit, Pressearbeit, Telefondienst gemacht und Kaffee gekocht.“ Später spezialisiert sie sich auf Finanzbuchhaltung. Seit eineinhalb Jahren ist Kollmann eigentlich in Rente, arbeitet aber in Teilzeit weiter, weil ihre Erfahrung gebraucht wird, „es mir Spaß macht und ich weiterhin Opfern helfen kann“.

Kollmann trägt in den ersten Jahren dazu bei, das Wachstum zu managen. Im Januar 1980 gibt es bereits 100 Außenstellen in Deutschland, und der Verein hat mehr als eine Million Mark an Kriminalitätsopfer weitergeleitet. Im Dezember 1984 zählt er 20.000 Mitglieder und 200 Außenstellen.

Christian Jahn-Pabel aus Hameln wird 1980 Mitglied, übernimmt im Jahr darauf die Leitung der dortigen Außenstelle – und hat sie 42 Jahre lang inne. Jahn-Pabel, langjähriger Bediensteter in der Polizeiverwaltung, folgt beim WEISSEN RING auf einen Kollegen, Hauptkommissar Karl-Heinz Schulz, der ihn zuvor schon als Mitglied geworben hat. Das Tempo der ersten Jahre sei beachtlich gewesen: „Alles war spannend und neu; die Bereiche wurden nach und nach erweitert, egal ob Opferhilfe oder Öffentlichkeitsarbeit.“ Er habe sich engagiert, „weil ich die Arbeit für Opfer, für die es trotz ihrer misslichen Lage wenig Unterstützung gab, wichtig fand. Der Staat war stark täterorientiert.“

Heute kümmert sich Jahn-Pabel nicht mehr direkt um Opfer. Nach 3.400 Fällen will er sich anders einbringen, macht Prävention und Öffentlichkeitsarbeit. Besonders intensiv erinnert sich Jahn-Pabel an den Polizistenmord von Holzminden: Zwei Beamte wurden 1991 auf einem Waldparkplatz in einen Hinterhalt gelockt und erschossen. „Sie hinterließen zwei junge Ehefrauen und vier kleine Kinder, denen plötzlich der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Etwas Gutes für die Betroffenen bewirken zu können – das hat mich immer angetrieben.“

Kapitel II: „Steter Tropfen höhlt den Stein“: die Errungenschaften

Schon bei der offiziellen Vereinsgründung 1977 schlägt der Jurist Josef Augstein, Gründungsmitglied des WEISSEN RINGS und Bruder des „Spiegel“-Herausgebers Rudolf Augstein, vor, jedem bedürftigen Kriminalitätsopfer auf Staatskosten einen Rechtsbeistand zu geben. Der Verein bringt Augsteins Forderung im Laufe der Jahre immer wieder vor, bis dann ab Juli 1987 der Beratungsscheck des Vereins Betroffenen die kostenlose Erstberatung bei einem Anwalt ermöglicht. Im Dezember 1997 schließlich wird der vom Staat bezahlte Opferanwalt gesetzlich verankert.

Der WEISSE RING setzt sich außerdem für Verbrechensopfer ein, die keine deutschen Staatsangehörigen sind. 1978 fordert der Verein, die Opferentschädigung auszuweiten. Ausländer können zu dieser Zeit nur dann Hilfe durch das OEG erwarten, wenn Deutsche im Heimatland der Betroffenen nach einem Verbrechen ebenfalls Anspruch auf Entschädigung haben. Der WEISSE RING plädiert für gleiches Recht für ausländische Mitbürger, „soweit sie in der Bundesrepublik seit längerer Zeit einen festen Wohnsitz und Arbeitsplatz haben und von einem deutschen Straftäter geschädigt wurden“.

Appell an die Politik

Im Juni 1993 appelliert der Vereinsvorsitzende Eduard Zimmermann an die Politik: „Die Ausgrenzung von Menschen anderer Nationalität aus der staatlichen Opferentschädigung ist angesichts der derzeitigen Welle der Gewalt nicht länger hinzunehmen.“ Vorausgegangen ist eine Serie von rassistischen Angriffen auf Familien mit Migrationsgeschichte in Hoyerswerda, Mölln und Rostock-Lichtenhagen. Bei einem Anschlag in Solingen am 29. Mai 1993 werden fünf Menschen getötet und 14 Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt. Im Juli 1993 bezieht der Gesetzgeber Ausländer aus Staaten außerhalb der EU erstmals in den Geltungsbereich des OEG ein – rückwirkend ab 1. Juli 1990.

Im März 1996 erkämpft der WEISSE RING eine Grundsatzent-scheidung vor dem Bundessozialgericht: Ausländische Mitbürger haben seitdem auch dann Anspruch auf die Leistungen nach dem OEG, wenn die Tat vor dem 1. Juli 1990 geschah. Vollständig gleichgestellt mit deutschen Opfern sind sie seit der Reform des Sozialen Entschädigungsrechts.

#OEGreport: Wie der Staat Gewaltopfer im Stich lässt

Fachleute loben das Opferentschädigungsgesetz als „hervorragend“. Dabei kommt die Hilfe bei vielen Betroffenen gar nicht an. Was läuft da falsch? Eine Recherche des WEISSER RING Magazins..

Bereits 1987 tritt das Opferschutzgesetz in Kraft, das Opferzeugen im Strafverfahren stärkte. Kurz darauf wird die vom WEISSEN RING geforderte Belehrungspflicht wirksam: Das Merkblatt über die Rechte und Befugnisse von Verletzten im Strafverfahren erscheint.

Der Verein versucht, gesetzliche Fortschritte bei Opferhilfe und Prävention zu erreichen, etwa durch Stellungnahmen zu Gesetzentwürfen, durch Kontakt zur Politik und auf juristischem Wege. Und nicht zuletzt, indem er seine Stimme erhebt. Zum Beispiel, als der damalige Bundesvorsitzende Prof. Reinhard Böttcher, früherer Präsident des Oberlandesgerichts Bamberg, 2005 fordert, das öffentliche Bewusstsein für die Situation der Kriminalitätsopfer und ihrer Angehörigen noch mehr zu schärfen. Die Bundespolitik müsse Opferinteressen mehr beachten.

Solche Vorschläge müssen untermauert werden. Deshalb hat der Verein 1983 die Arbeitsgruppe „Gesetzgebung und Recht“ ins Leben gerufen. Heute gibt es fünf Fachbeiräte: für Strafrecht, Sozialrecht, Medizin/Psychologie, Kriminalprävention, Aus- und Weiterbildung. Stephanie Ihrler gehört dem Fachbeirat Sozialrecht an. Dessen Ziel sei es unter anderem, mit Hilfe der sozialrechtspolitischen Forderungen der Opferperspektive mehr Geltung zu verschaffen und diese bei gesetzlichen Regelungen zu berücksichtigen. Die Fachanwältin für Sozialrecht wünscht sich zudem, dass Versorgungsverwaltungen Betroffenen noch mehr auf Augenhöhe begegnen und ihren Ermessensspielraum häufiger zu deren Gunsten nutzen.

Fachbeiratsmitglied Reinhard Heckmann, früher lange in leitender Funktion in der Versorgungsverwaltung in Nordrhein-Westfalen tätig und dort in der Fachaufsicht für Fragen aus dem Sozialen Entschädigungsrecht zuständig, beschreibt den Beirat als eine Art „Grundsatzabteilung“. Dieser habe die Aufgabe, den Bundesvorstand zu beraten und zu unterstützen. Dazu befasse er sich mit den Fragen „Wo stehen wir? Und wo wollen wir hin?“. Die Mitglieder analysieren die Rechtsprechung und die Gesetzesvorhaben, um dann „Entwicklungsbedarfe zu skizzieren und unsere Sicht einzubringen“, sagt der Rechtsanwalt.

Elektronische Fußfessel nach spanischem Modell: Eine Grafik von zwei Beinen. Eine Frau steht gegenüber einem Mann, der eine Fußfessel trägt.

Lebensrettende Fußfessel

Spanien zeigt, wie Frauenschutz gelingt – in Deutschland schieben sich Bund und Länder die Verantwortung zu.

Ein weiterer Baustein ist die Stiftung des WEISSEN RINGS. Sie unterstützt Forschungsprojekte und Fachveranstaltungen, um Erkenntnisse etwa in der Kriminalprävention zu fördern und die Gesellschaft für Opferthemen zu sensibilisieren.

Auch eigene Statistiken spielen eine wichtige Rolle. Bis zur Reform des Sozialen Entschädigungsrechts veröffentlicht der WEISSE RING jedes Jahr eine Bilanz zur Opferentschädigung, basierend auf einer Umfrage bei Versorgungsämtern. Das regelmäßige Ergebnis: viele Ablehnungen, relativ wenige positive Bescheide. Durch die Überführung des OEG ins neue Sozialgesetzbuch XIV am 1. Januar 2024 entstehen einige Verbesserungen für Opfer von Straftaten: So soll psychische Gewalt nun auch als schädigendes Ereignis anerkannt werden, zum Beispiel für Opfer von Stalking. Außerdem ist eine zeitnahe Behandlung in Traumaambulanzen möglich.

Im Jahr 2017 fordert der WEISSE RING erstmals den Einsatz der elektronischen Fußfessel, um Gewaltschutzanordnungen besser überwachen zu können. Auf Brandbriefe an die Politik folgt im September 2024 eine Online-Petition unter dem Titel „Herr Bundesminister Buschmann, handeln Sie jetzt! Fesseln für die Täter, Freiheit für die Opfer!“.

Darüber hinaus werden im Magazin – wie zuvor zu Missständen beim Opferentschädigungsgesetz – umfangreiche Recherchen zum Thema häusliche Gewalt und Fußfessel veröffentlicht, etwa zu Fällen, in denen sich Femizide hätten verhindern lassen. Auch die erfolgreiche Prävention mit der „elektronischen Aufenthaltsüberwachung“ in Spanien ist ein Thema.

Im Mai 2026 beschließt der Bundestag mit großer Mehrheit die Einführung der elektronischen Fußfessel bundeseinheitlich zum Schutz vor häuslicher Gewalt, auch der Bundesrat stimmt zu.

Kapitel III: Aufbau im Osten

„Im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands weitet der WEISSE RING sein Hilfsnetz für Kriminalitätsopfer auf das Gebiet der ehemaligen DDR aus. Jetzt können auch die Bürger in Thüringen, Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, die Opfer vorsätzlicher Straftaten geworden sind, mit schneller und unbürokratischer Unterstützung rechnen“, so berichtet das Magazin des WEISSEN RINGS im September 1990.

Eine der ersten ehrenamtlichen Mitarbeitenden im Osten ist Martina Eberhart aus Brandenburg. „Ich war zu DDR-Zeiten schon Staatsanwältin, und wir sind ja dann von heute auf morgen in das neue Rechtssystem gestürzt worden. Wir haben unsere Gesetzbücher weggelegt und mussten die neuen nehmen“, erinnert sich die heute 71-Jährige. „Ich hielt dann einen Vortrag in Cottbus, um Polizeibeamte zum Jugendstrafgesetzbuch zu schulen.“ Dort trifft sie Klaus Zacharias, ein Mitglied des WEISSEN RINGS aus dem Westen, der sie fragt, ob sie sich vorstellen könne, eine Außenstelle in Brandenburg aufzubauen. „Ich weiß noch ganz genau, meine erste Frage war dann: WEISSER RING – ist das eine Partei? Denn in eine Partei wollte ich nicht.“ Das Konzept überzeugt Eberhart, seit April 1991 ist sie dabei.

Schnell gewinnt Eberhart auch den Kriminalbeamten Hans-Joachim Zimmerling für das Projekt. Gemeinsam fahren sie nach Mainz zur Bundesgeschäftsstelle. „Dort hat man uns erklärt, dass wir ein Konto einrichten müssen, dass wir an die Presse gehen sollten, und dann hatten wir das ganze Auto voller Prospekte und Informationsmaterial“, erzählt Eberhart. Zurück in Brandenburg organisieren sie einen Raum bei der Polizei und starten einen Aufruf, um weitere Ehrenamtliche zu rekrutieren. „Schnell hatten wir dann auch zwei Frauen, die mitgeholfen haben, und auch Lothar Pohle kam früh dazu, er ist heute noch dabei.“ Auch die ersten Opfer finden schnell ihren Weg zur neuen Außenstelle. „Ich erinnere mich noch gut an unser erstes Opfer, das war eine ältere Dame. Sie wurde Opfer eines Raubüberfalls. Wir haben sie betreut und ihr die Brille ersetzt. Danach ist sie spontan Mitarbeiterin geworden“, sagt Eberhart. „So haben wir nach und nach Cottbus aufgebaut.“ Mittlerweile hat Brandenburg 18 Außenstellen mit fast 150 Mitarbeitenden.

Ebenfalls 1991 kommt Manfred Dachner dazu. Er baut den Verein, von dem er aus der Zeitung erfahren hat, in Mecklenburg-Vorpommern mit auf: „Ich habe diesen Artikel mindestens zwei Mal gelesen, um zu verinnerlichen, dass es einen Verein in Deutschland gibt, der sich ausschließlich mit Opfern beschäftigt und sie unterstützt“, sagt Dachner. Als Polizist ist er oft mit Betroffenen in Kontakt gekommen. „Wenn Frauen, die von ihrem Partner geschlagen wurden, zur Polizei kamen, haben wir die Anzeigen aufgenommen, mussten sie aber wieder nach Hause gehen lassen. Frauenhäuser gab es nicht. Also wenn sie keine Verwandten in der Nähe hatten, mussten sie wieder zu dem gewalttätigen Partner zurück“, so Dachner. Er nimmt Kontakt nach Mainz auf und sucht für Mecklenburg-Vorpommern ein prominentes Gesicht. Er schafft es, den ersten Landtagspräsidenten des neuen Bundeslandes, Rainer Prachtl, vom Verein zu überzeugen. „Wir haben dann in jedem Kreis und in jeder kreisfreien Stadt eine Außenstelle aufgebaut“, berichtet Dachner, der jetzt stellvertretender Landesvorsitzender ist. Heute hat Mecklenburg-Vorpommern 14 Außenstellen und über 100 ehrenamtliche Mitarbeitende.

„Da dachte ich, ich versuch’s mal. Jetzt bin ich schon 33 Jahre lang dabei. Nun ziehe ich mich langsam zurück, ich bin ja auch schon 80.“

Adelheid Wilk

Adelheid Wilk ist in Thüringen am Aufbau des WEISSEN RINGS beteiligt, seit Ende 1993 ist sie Mitglied des Vereins. Sie arbeitete als Kindergärtnerin, später als Sozialpädagogin und ist damals auf der Suche nach einem Ehrenamt. Dann trifft sie den damaligen Leiter der Außenstelle Eisenach, den WEISSEN RING kennt sie bereits von Eduard Zimmermann. „Da dachte ich, ich versuch’s mal. Jetzt bin ich schon 33 Jahre lang dabei. Nun ziehe ich mich langsam zurück, ich bin ja auch schon 80.“ Es habe ihr immer ein gutes Gefühl gegeben, Menschen, die in Not geraten waren, zu helfen. In Thüringen gibt es heute 22 Außenstellen mit rund 100 Mitarbeitenden.

Die schwierige Wendezeit

So erfolgreich der Start des WEISSEN RINGS in der ehemaligen DDR ist, schon früh gibt es Anzeichen, dass es auch negative Entwicklungen im Osten geben würde. „Die Jugendkriminalität zum Beispiel stieg an. Und Banküberfälle, Blitzeinbrüche, Rauschgiftkriminalität“, sagt Manfred Dachner. Prävention ist daher ein wichtigesThema, auch in Brandenburg: „Wir waren in Altenheimen, beim Jugendamt und in Schulen, um uns vorzustellen und aufzuklären“, blickt Eberhart zurück.

Es bewegt sich viel im Osten, aber auch im Westen gibt es in den 90er-Jahren einiges zu vermelden: Am 22. März 1991 ruft der Verein den „Tag der Kriminalitätsopfer“ ins Leben. Seitdem machen Ehrenamtliche jedes Jahr an dem Tag auf die Belange von Opfern aufmerksam. Außerdem geht der WEISSE RING Ende der 90er mit seiner Website online, die modernisiert bis heute besteht.

Kapitel IV: Krisen und Konsequenzen

Eine Krise in der Geschichte des WEISSEN RINGS betrifft ausgerechnet den Gründungsvorsitzenden Eduard Zimmermann. Er und Stümper erheben in einem im Jahr 2000 erschienenen Beitrag des Magazins „Focus“ im Zusammenhang mit Spenden Vorwürfe gegen den damaligen Bundesvorsitzenden Max Herberg, die dieser und der Verein zurückweisen. Bei der Bundesdelegiertenversammlung in Leipzig eine Woche später scheitert Herbergs Wiederwahl. Gleichzeitig schließen die Delegierten Zimmermann und Stümper wegen „vereinsschädigendem Verhalten“ aus dem Vorstand aus. Zimmermann verlässt daraufhin den Verein.

Einige Jahre später kommt es zur Versöhnung. Als der WEISSE RING 30-jähriges Bestehen feiert, verleiht der Bundesvorstand Zimmermann zusammen mit weiteren Gründungsmitgliedern – darunter Alfred Stümper – die Ehrenmitgliedschaft.

Nach Zimmermanns Tod 2009 würdigt der Verein ihn: „Eduard Zimmermann hat mit Gründung des WEISSEN RINGS einen Meilenstein in der deutschen Rechtsgeschichte gesetzt. In einer Zeit, in der so gut wie kein öffentliches Bewusstsein für Opferbelange zu erkennen war, erinnerte er die Gesellschaft nachhaltig an ihre Verantwortung gegenüber den Opfern von Kriminalität und Gewalt“, erklärt der Bundesvorsitzende Professor Reinhard Böttcher.

Viel schwerwiegender als dieser Konflikt ist ein Fall, dessen juristische Aufarbeitung im April 2024 endet: Ein Ex-Außenstellenleiter im Hochsauerlandkreis wird wegen Vergewaltigung einer Hilfesuchenden zu Haft verurteilt, mittlerweile rechtskräftig. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe 2021 entbindet der WEISSE RING den früheren Polizisten von seinen Aufgaben und erstattet Anzeige gegen ihn. Mit eigenen Recherchen arbeitet der Verein den Fall weiter auf und veröffentlicht die Ergebnisse auf einer Webseite. So untersucht beispielsweise eine Task-Force die von dem Mitarbeiter betreuten Opferfälle; es wird eine Hotline für betroffene Frauen und Hinweisgebende eingerichtet. Vor der Aufdeckung hat es einen Hinweis gegeben, doch der Ehrenamtliche darf seine Tätigkeit zunächst mit Einschränkungen fortsetzen. Das hängt damit zusammen, dass sich die Kontaktaufnahme zur Hinweisgeberin schwierig gestaltet und keine Strafanzeige vorliegt. „Heute glauben wir, dass diese Entscheidung falsch war“, steht auf der Seite zum Fall.

Klaus Neidhardt, Sozialwissenschaftler und bis 2013 Präsident der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster, hat 2022 beim WEISSEN RING den Landesvorsitz des Verbandes Nordrhein-Westfalen/Westfalen-Lippe übernommen und beteiligt sich an der Aufarbeitung. Neidhardt spricht vom schlimmsten Fall in der Geschichte des WEISSEN RINGS: „Es war richtig und wichtig, den Ehrenamtlichen sofort von seiner Funktion zu entbinden und ihn anzuzeigen, als sich die Vorwürfe erhärteten.“ Der Verein sei auf das Vertrauen der Menschen angewiesen, die sich an ihn wenden. Auch deshalb seien nach Bekanntwerden des Falles Konsequenzen und „größtmögliche Transparenz“ geboten gewesen. „Fehler einzugestehen ist kein Fehler, sondern kann helfen, Vertrauen zurückzugewinnen.“

Bereits im Jahr 2018 sind Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen einen Mitarbeiter in der Außenstelle Lübeck aufgekommen. In einem Fall kommt es zum Prozess. Der Verdächtige, der die Vorwürfe zurückweist, wird vor Gericht freigesprochen. Nichtsdestotrotz reagiert der Verein, aufgrund von massiven Verstößen gegen Standards: Der WEISSE RING führt nun das Sechs-Augen-Prinzip in der Betreuung von weiblichen Opfern bei Sexualdelikten ein, installiert eine hauptamtliche Beschwerdestelle sowie eine ehrenamtliche Vertrauensperson und ergänzt die Aus- und Fortbildung.
Nach dem Fall im Hochsauerland wird das Sechs-Augen-Prinzip verschärft. So ist seitdem ein Nachweis notwendig, dass das Prinzip eingehalten wird. Jedes weibliche Opfer muss darüber informiert werden, dass es darauf bestehen kann, von einer Mitarbeiterin betreut zu werden. Das Beschwerdemanagement wird um eine weibliche Vertrauensperson ergänzt, für Menschen, die sich mit Beschwerden nicht direkt an die Institution WEISSER RING wenden wollen. Zudem richtet der Verein Steuerungsgruppen für Verdachtsfälle ein.

Kapitel V: Der WEISSE RING und Europa

Opferschutz endet nicht an der Landesgrenze. In einem Europa, das zusammenwächst, ist es auch für den WEISSEN RING wichtig, mit anderen Ländern für die Rechte und die Unterstützung von Kriminalitätsbetroffenen zu kämpfen. Deshalb haben sich Opferschutzorganisationen aus ganz Europa zusammengeschlossen, um Victim Support Europe (VSE) zu gründen. Im Jahr 1990 startet die Organisation zunächst als European Forum for Victim Services. „Das war die Vorgängerorganisation, die in der Schweiz angesiedelt war, weil das rechtlich das Einfachste war“, erklärt Dr. Helgard van Hüllen, ehemalige stellvertretende Bundesvorsitzende des WEISSEN RINGS, die über zehn Jahre ehrenamtlich im Vorstand von VSE tätig war. „Das war noch ein loser Zusammenschluss, der keinen richtigen Standort, kein eigenes Büro, hatte. Das war schwierig, wenn man sich durchsetzen wollte,  insbesondere bei der Europäischen Union. So kam es dann zur Gründung von Victim Support Europe.“

Vertreten sind momentan 80 Mitgliedsorganisationen aus 35 Ländern. Helgard van Hüllen war die Sonderbeauftragte für Internationales im Verein: „Ich bin Juristin und Rechtsvergleichung hat mich schon immer interessiert. Ich habe einige Zeit in Südafrika gelebt und am Institut für internationales Recht der ‚University of South Africa‘ gearbeitet.“

Wie wichtig Präsenz in Europa für den WEISSEN RING ist, zeigt sich Anfang der 2010er-Jahre, als die EU in einer Richtlinie festhalten will, dass Opferunterstützung nur durch professionelle Kräfte ausgeübt werden sollte. „Da haben wir gekämpft wie die Löwen“, erzählt van Hüllen. Die ehrenamtliche Arbeit wird dann in die Opferschutzrichtlinie aufgenommen. „Das war eine tolle Zeit. Wir wurden immer mehr zu den Fachleuten, die bei den Anhörungen gehört worden sind.“ Was van Hüllen an der Arbeit auf europäischer Ebene mag, ist der Austausch: „Man kriegt so viel mit bei diesen internationalen Konferenzen.“ Eine Begegnung in Schottland ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: „Da sagte man mir in Edinburgh: Du, Helgard, morgen leitest du doch die Konferenz. Princess Anne kommt irgendwann und du musst sie begrüßen: ‚Her Royal Highness, the Princess Royal‘, und danach kannst du sie Ma’am nennen. Da steht man da und staunt.“

Noch während van Hüllens aktiver Arbeit bei VSE baut sie ihre Nachfolgerin auf. „Ich saß abends beim Essen mit Helgard zusammen und da berichtete sie, dass sie international unterwegs ist“, sagt Petra Klein, heutige stellvertretende Bundesvorsitzende des WEISSEN RINGS. „Ich war in meiner dienstlichen Laufbahn auch international unterwegs. So kamen wir ins Gespräch, und Helgard hat mich zu den internationalen Tagungen mitgenommen. 2020 endete ihre Amtszeit, und sie sagte zu mir, es wäre doch schön, wenn du nachfolgen könntest.“

Heute ist Klein bereits in ihrer zweiten Amtszeit die Vizepräsidentin von VSE. Dabei schätzt sie besonders die Möglichkeit, über den nationalen Tellerrand zu schauen und erfolgreiche Konzepte anderer Länder für den WEISSEN RING mitzudenken. „Die Niederlande haben eine tolle Struktur. Sie haben zum Beispiel eine zentrale Telefonannahme oder Opferannahme, ähnlich wie bei unserer Digitalen Außenstelle“, erzählt Klein. Das System filtere zunächst heraus, wo Hilfe notwendig ist. Wenn es sich dabei um einen konkreten Fall handelt, werde dieser an das regionale Team in diesem Bereich übergeben. „Das wäre bei uns die Außenstelle vor Ort. Das passiert bei denen alles online, beim ‚Außenstellenleiter‘ ploppt dann der Fall auf und der sagt, da schicke ich jetzt einen Mitarbeiter hin.“ Auch der Einsatz von KI-Bots für die Opferhilfe in Finnland beeindruckt Klein.

Im Frühjahr 2027 endet Kleins Amtszeit im Vorstand von VSE. Für ihre Nachfolge hat sie einen Rat: „Netzwerken ist ganz wichtig. Augen und Ohren offenhalten. Neue Technologien nicht gleich ablehnen, sondern zulassen. Erst mal schauen, was können sie bringen, dass wir nichts verpassen und die Fahne für das Ehrenamt hochhalten.“

Der WEISSE RING ist nicht nur in Europa vernetzt, auch national gibt es Partner – mit Organisationen wie Klicksafe oder dem Programm Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes. „Zum einen sind diese Kooperationen wichtig für unsere Sichtbarkeit“, sagt Klein. Man könne sich austauschen und lerne Ansprechpartner kennen. „Und ich glaube, der kleine Dienstweg ist häufig viel wichtiger als der große. Wenn du anrufst und derjenige sagt, ich bin nicht zuständig, aber melde dich doch mal da, dann sind die Wege kurz. Deswegen brauchen wir im Großen wie im Kleinen Kooperationen.“

Kapitel VI: Neue Zeiten, neue Wege

116 006 – das ist die zentrale Rufnummer für Opfer von Straftaten in Europa. Im November 2009 beschließt die Europäische Kommission, diese Nummer europaweit einzurichten. Doch wer soll sie in Deutschland mit Leben füllen, wer soll ans Telefon gehen, wenn Menschen zum Teil unter extremen Umständen anrufen und Hilfe suchen? „Wir haben diskutiert: Stellen wir den Antrag, dass die Nummer an uns gegeben wird?“, erinnert sich Helgard van Hüllen. Die Voraussetzungen, diese Aufgabe meistern zu können, hat sie mitgeschaffen: Zusammen mit den Psychologen Karl-Günther Theobald und Lutz Lyding bringt sie wenige Monate zuvor das ehrenamtliche Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS an den Start – nur unter anderer Nummer. Der Antrag wird bewilligt, und seit September 2010 sind die deutschen Opferhelferinnen und -helfer unter der Rufnummer erreichbar, täglich von 7 bis 22 Uhr: deutschlandweit, kostenlos und anonym.

Das Digitale Ehrenamt

Was das Opfer-Telefon auszeichnet, ist die niedrigschwellige Kontaktaufnahme. Betroffene können anrufen und erhalten ersten Beistand. „Ich lasse Ratsuchende grundsätzlich erst mal reden, ich höre zu und schaue dann, was man machen kann. Wenn es sich um einen Beratungsfall handelt, schaue ich, welche Möglichkeiten und Angebote es gibt“, erklärt Jakob Ehrenfried. Der 32-jährige Jurist aus Köln ist seit zwei Jahren dabei und entschied sich nicht zuletzt für das Ehrenamt, „weil es sich gut in den Alltag integrieren lässt“. Einmal die Woche drei Stunden dauert der Dienst am Opfer-Telefon. „Wir wollen Betroffenen zeigen: ‚Du bist nicht allein, musst dein Problem nicht alleine schultern‘“, sagt er. „Wenn ich merke, ich konnte weiterhelfen, ist das ein gutes Gefühl.“ Am Opfer-Telefon bleibt es bei einem einmaligen Kontakt. Das sei „manchmal gut, manchmal schlecht“, so Ehrenfried. Es gebe auch Fälle, „wo man mehr tun will“. Damit die Helferinnen und Helfer über solche belastenden Anrufe sprechen können, bietet der Verein regelmäßige Team-Treffen und Supervisionen an. Seit dem Start 2009 wurden mehr als 300.000 Telefonate geführt mit mehr als zwei Millionen Gesprächsminuten. Das ist so, als würde man fast viereinhalb Jahre ohne Pause telefonieren.

Seit August 2016 gibt es auch eine Onlineberatung beim WEISSEN RING. Damit will der Verein seine Hilfsmöglichkeiten erweitern, mit der Zeit gehen und vor allem auch einen vollkommen anonymen Weg der Kontaktaufnahme möglich machen.

Die Lotsin

Vanessa Hilário da Ponte engagiert sich seit vier Jahren ehrenamtlich als Beraterin beim Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS. Die Psychologiestudentin ist oft die erste Ansprechpartnerin für Menschen, die Opfer einer Straftat geworden sind. Im Interview spricht die 28-Jährige über emotionale Gespräche, generationsübergreifende Teamarbeit und ihr schwindendes Interesse an True-Crime-Podcasts.

Von Anfang an dabei ist Gerda Lenz. „Ich bin Diplom-Sozialarbeiterin und habe etwas gesucht, was ich in Rente tun könnte. Ich war erst zwei Jahre bei der Außenstelle in Bad Kreuznach und las eines Morgens in der Zeitung, dass eine Onlineberatung gegründet werden soll und dafür Mitarbeiter gesucht werden“, sagt Lenz, die dieses Jahr 78 Jahre alt wird. „Dann habe ich mich gemeldet, das mehrstufige Auswahlverfahren durchlaufen und wurde genommen. Nach der Ausbildung sind wir mit 15 Personen gestartet.“ Heute arbeiten in der Onlineberatung mehr als 40 Personen ehrenamtlich, circa 30.000 Ratsuchende haben sich an den Onlinedienst gewandt.

Digitale Gewalt nimmt zu

Seit Jahren wächst die Nachfrage nach Hilfe beim WEISSEN RING. In einigen Regionen hat der Verein allerdings Schwierigkeiten, Außenstellenleitungen zu besetzen. In diesen Fällen haben bisher die hauptamtlichen Landesbüro-Mitarbeitenden die Aufgabe übernommen. Als weitere Lösung wird im April 2025 die Digitale Außenstelle ins Leben gerufen: Betroffene nutzen weiterhin die Kontaktdaten der Außenstelle ihrer Region. Gibt es dort keine Leitung, landet die Nachricht im Pool der Digitalen Außenstelle. „Letztendlich nehmen wir als beratende Personen dann in der Form Kontakt auf, in der auch die oder der Ratsuchende Kontakt aufgenommen hat, also schriftlich oder telefonisch“, sagt die 36-jährige Kölnerin Marilena Junghans, die von Beginn an mitmacht und beruflich im Diskriminierungsschutz tätig ist. „Wir schauen fallspezifisch, wie wir unterstützen können.“ Wenn größere materielle Hilfen notwendig sind oder eine persönliche Unterstützung gewünscht ist, verknüpfen die Beratenden die Betroffenen mit Ehrenamtlichen der Außenstelle vor Ort.

Organisiert und betreut werden Opfer-Telefon, Onlineberatung und Digitale Außenstelle von einem Team aus hauptamtlichen Mitarbeitenden. Die häufigsten Delikte, die beim Digitalen Ehrenamt vorkommen, sind häusliche Gewalt, Stalking, Sexualstraftaten und Körperverletzung. In den vergangenen Jahren hat auch digitale Gewalt zugenommen, wie beispielsweise Sextortion, Romance Scamming und andere Betrugsmaschen. Das belegen die Zahlen von Opfer-Telefon und Onlineberatung.

Tatorte 2.0

KI treibt digitale Angriffe in die Höhe: Von modernem Heiratsschwindel bis raffiniertem Datendiebstahl.

Auf diese neuen Formen der Gewalt müssen sich nicht nur die digitalen Beraterinnen und Berater einstellen. Auch die Ehrenamtlichen in den Außenstellen kommen vor Ort immer häufiger mit diesen Themen in Berührung. Der Präventionsbeauftragte des WEISSEN RINGS in NRW/Westfalen-Lippe, Heinz Dieter Remmert, kümmert sich um die Aufklärungsarbeit in Sachen digitale Gewalt im Landesverband, sowohl bei den eigenen Mitarbeitenden als auch in der Bevölkerung. Er sagt: „Wir brauchen dringend eine größere interdisziplinäre Aufklärungskampagne, das kann man als ehrenamtlicher Mitarbeiter eigentlich gar nicht leisten. Ich sehe bei Vorträgen immer wieder erstaunte Gesichter, wenn ich erzähle, was eigentlich alles so passiert.“

Remmert wünscht sich vom WEISSEN RING, dass der Verein weiterhin klare Position bezieht zu Themen, die die digitale Gewalt betreffen: „Ähnlich wie wir das auch bei der Fußfessel gemacht haben.“ Der Schutz der Kinder liege ihm besonders am Herzen: „Heute bekommen Kinder schon mit acht oder neun Jahren ein Smartphone und werden mit schlimmen Dingen konfrontiert. Wir müssen hier Druck bei der Politik machen, damit sie die Plattformen viel mehr in die Verantwortung nimmt.“ Um Kinder richtig zu schützen, brauche es ein Zusammenspiel aus einer Medienkompetenzstrategie, digitaler Aufklärung, konsequentem Opferschutz und klaren gesetzlichen Vorgaben. Außerdem müsse die Politik die Polizei fördern: „Viele Polizeidienststellen sind nicht gut ausgestattet. Es braucht mehr Leute, die sich auskennen und in der Lage sind, eine Strafverfolgung durchzuführen.“ Remmert räumt ein, dass sich auch die Ehrenamtlichen noch mehr mit den Themen auseinandersetzen sollten. Digitale Kriminalität sieht er als eine der größten Herausforderungen für den WEISSEN RING, aber auch für die ganze Gesellschaft.

Im Dienst der Opfer

Erstellt am: Montag, 27. Juli 2026 von Sabine

Im Dienst der Opfer

Das Leben von Wolfgang Sielaff steht ganz im Zeichen der Kriminalitätsbekämpfung und des Einsatzes für Opfer. Immer wieder betont er: „Wenn ein Verbrechen in die Familie hineinschlägt, dann gerät das ganze Leben aus den Fugen, und dann wird auch nichts mehr so sein, wie es einmal war.“

Wolfgang Sielaff war zehn Jahre lang der Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Hamburg. Im vergangenen Jahr erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande für sein Engagement für Opferschutz und Opferrechte.

Der Mann, der den Hamburger Charter der Hells Angels, der mächtigsten Rockergang der Welt, das Fürchten lehrte und über Jahre die Arbeit des WEISSEN RINGS mitprägte, ärgert sich über den Hamburger Verkehr. Eigentlich wäre er gerne früher ins Landesbüro gekommen, um vor dem Interview noch etwas mit seiner ehemaligen Mitarbeiterin Ulla Schmeling zu schnacken. Jetzt wurde alles ein bisschen später. Ein paar schnelle Fotos, und dann kann das Gespräch mit einem der legendärsten Polizisten der bundesdeutschen Geschichte beginnen.

Doch wo anfangen? Sielaffs Leben könnte mehrere Bände füllen: Er war Leiter des Hamburger Rauschgiftdezernats und Leiter der ersten Polizeieinheit zur Bekämpfung Organisierter Kriminalität in Deutschland. Er führte Deutschlands erstes Zeugenschutzprogramm in Hamburg ein, leitete das Hamburger LKA und stieg zum stellvertretenden Polizeipräsidenten auf. Nach seiner Pensionierung wurde Sielaff zum Hamburger Landesvorsitzenden des WEISSEN RINGS gewählt und blieb zehn Jahre im Amt. Danach löste er den wichtigsten Fall seines Lebens, das Verschwinden seiner Schwester Birgit Meier. Mittlerweile ist Sielaff 84 Jahre alt, im vergangenen Jahr erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande für sein Engagement für den Schutz und die Rechte von Opfern.

Wer verstehen will, wann diese Begeisterung für Polizeidienst und Verbrechensklärung begonnen hat, muss in Sielaffs Kindheit beginnen: „Ich habe die Sherlock-Holmes-Romane von Sir Arthur Conan Doyle verschlungen. Mich faszinierte, dass Holmes die Fälle mit Intellekt, logischem und hypothetischem Denken löste.“ Als Schüler schrieb er eine Jahresarbeit mit dem Titel „Von der Arbeit der Kriminalpolizei“, die mit Auszeichnung bewertet wurde. Es ist also wenig verwunderlich, wohin ihn sein weiterer Lebensweg führen würde.

„Ich glaube, dass wir die Tragödie letztendlich ganz gut verarbeitet haben. Aber ein Schatten wird für immer bleiben.“

Wolfgang Sielaff

In den 1960er-Jahren begann seine Karriere bei der Schutzpolizei auf St. Pauli. „Da guckt man in alle möglichen Lebensbereiche hinein und lernt Menschen kennen“, erinnert sich Sielaff. Doch das eigentliche Ziel blieb die Kriminalpolizei, in die er Ende der 60er-Jahre wechselte. 1978 kam er als Chef des Rauschgiftdezernats erstmals mit der Organisierten Kriminalität in Berührung, 1982 baute er Deutschlands erste OK-Dienststelle auf und wurde deren Leiter. Irgendwann in dieser Zeit lernte er auch den WEISSEN RING kennen. Der Grund? „Die Hells Angels“, sagt Sielaff.

Hells Angels und Opferschutz

Im Schanzenviertel hätten die Rocker angefangen, Gastwirte zu erpressen. „Die fuhren mit ihren Harleys in die Lokale rein, das müssen Sie sich mal vorstellen! Die sind richtige Schneisen durch die Tanzenden gefahren. Alle hatten panische Angst vor den Kerlen“, sagt er. Die gezielte Einschüchterung durch die Rocker machte es der Polizei schwer, sie zu bekämpfen. „Das Problem war, wir wussten alles und konnten nichts beweisen. Und zwar deshalb, weil uns der Personalbeweis fehlte. Die Opfer haben immer zu mir gesagt: Ich sage nicht aus, Sie können mich nicht schützen! Meine Antwort: Natürlich können wir Sie schützen.“ Sielaff machte ernst. „Wir haben die Hells Angels ständig unter Beobachtung gehabt, sodass wir immer wussten, wo sie sind und was sie tun.“ Er ließ Polizisten in fünf Streifenwagen in der Nähe auf Abruf bereitstehen, positionierte verdeckte Aufklärer in Kneipen. Betraten die Rocker ein Lokal, alarmierten diese die Bereitstellungskräfte. Es dauerte nur zwei bis drei Minuten, und die Polizei war mit Blaulicht und Martinshorn vor Ort. „Das hat die Schweigemauer aufgebrochen.“

Wie wichtig der Schutz der Betroffenen ist, lernte Sielaff vor allem im Austausch mit den amerikanischen Kollegen. „Das FBI sagte immer zu mir: Wenn du erfolgreich das Organisierte Verbrechen bekämpfen willst, dann musst du ihnen das Geld wegnehmen und die Zeugen heil vor Gericht bringen.“ Sielaff und sein Team hatten Erfolg: In einer international koordinierten Aktion wurden 14 Hells Angels zeitgleich in Deutschland, der Schweiz und den USA festgenommen. Gleichzeitig rief Sielaff Deutschlands erste Zeugenschutzdienststelle ins Leben, auch mithilfe des WEISSEN RINGS, der bei der Betreuung der Zeugen und deren Angehörigen unterstützte. „Diese erfolgreiche Zusammenarbeit hat dazu geführt, dass ich 1983 Mitglied im Verein geworden bin.“

Seine ganz persönliche Geschichte

Was es konkret bedeutet, Opfer zu werden, mussten Sielaff und seine Familie am eigenen Leib erfahren. 1989 verschwand seine Schwester Birgit Meier, die im Landkreis Lüneburg lebte. Die Polizei ging von einem Vermisstenfall aus. Doch Sielaff ahnte, dass mehr dahintersteckte. „Es gab keine Indizien dafür, dass sie einfach weggeht“, sagt er. „Darauf habe ich die Ermittlungsbehörden wiederholt hingewiesen.“ Es dauerte vier Jahre, bis die Staatsanwaltschaft 1993 endlich ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannt wegen Verdachts einer Straftat einleitete.

Es war nämlich ein Straftäter in den Fokus geraten, Kurt-Werner Wichmann, der unter anderem wegen Entführung und versuchter Tötung einer Schülerin vorbestraft war. 1993 erließ die Staatsanwaltschaft für dessen Haus und Grundstück einen Durchsuchungsbefehl. Es sollte nach einer Leiche und Waffen gesucht werden. Als Wichmann davon hörte, floh er. Sieben Wochen später verursachte er in Baden-Württemberg einen Verkehrsunfall. Die alarmierte Polizei fand in seinem Auto eine Maschinenpistole und Munition. Wichmann wurde wegen illegalen Waffenbesitzes verhaftet und kam in Untersuchungshaft. Zehn Tage später nahm er sich dort das Leben. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren und damit die Ermittlungen gegen Wichmann ein, weil „gegen Tote nicht ermittelt werden dürfe“.

Nach seiner Pensionierung löste Wolfgang Sielaff den Fall seiner Schwester Birgit Meier, zusammen mit seinem privaten Team aus hochkarätigen Expertinnen und Experten.

2002 ging Sielaff in den Ruhestand. Da das Verschwinden seiner Schwester ihm und seiner Familie keine Ruhe ließ und weil er nach wie vor von einem Verbrechen ausging, bildete er ein befreundetes Team aus hochqualifizierten Expertinnen und Experten. Dabei waren Kriminalpsychologin Claudia Brockmann, Strafverteidiger Gerhard Strate, der Leitende Oberstaatsanwalt Hamburgs Martin Köhnke und Hamburgs LKA-Leiter Reinhard Chedor.

Ihre Ermittlungen führten 2015 dazu, dass bei der Polizei in Lüneburg die Sonderkommission „EG Iterum“ eingerichtet wurde, um den Fall erneut zu untersuchen. Ein Durchbruch gelang jedoch nicht. Am Ende war es Sielaffs Team, das Erfolg hatte: Sie fanden im September 2017 die sterblichen Überreste von Birgit Meier, vergraben in der Kfz-Grube einer Garage auf Wichmanns ehemaligem Wohngrundstück.

Nach den Ermittlungen der Lüneburger Polizei dürfte Wichmann auch für die sogenannten „Göhrde-Morde“ verantwortlich gewesen sein: Kurz vor Birgit Meiers Verschwinden waren im Staatsforst Göhrde kurz nacheinander zwei Paare getötet worden.

„Wenn ich über Opfer spreche, weiß ich, wovon ich rede“

Die Erfahrung, die eigene Schwester durch ein Gewaltverbrechen zu verlieren, prägt Sielaff bis heute. „Wenn ich über Opferarbeit spreche und überhaupt über Opfer, dann weiß ich, wovon ich rede. Weil ich das selbst in der Familie erlebt habe und erlebe. Meine Mutter ist vor Kummer darüber nach zweimaligem Suizidversuch gestorben. Sie hat immer gehofft, die Tür geht auf und Birgit kommt rein.“ Sie starb, ohne zu erfahren, was mit ihrer Tochter passiert war. „Leider Gottes hat sie das nicht mehr erlebt. Das hätte ich ihr so sehr gewünscht.“ Für die Familie sei die Aufklärung das Entscheidende gewesen. „Wir wissen jetzt, wie es passiert ist und wer der Täter ist.“ Es gebe immer noch Momente, wie den Geburtstag der Schwester, da werde es ein bisschen stiller. „Ich glaube, dass wir die Tragödie letztendlich ganz gut verarbeitet haben. Aber ein Schatten wird für immer bleiben.“

Nach Ende seines aktiven Dienstes entschied sich Sielaff für ein Ehrenamt beim WEISSEN RING und leitete von 2004 bis 2014 erfolgreich den Hamburger Landesverband. Auch die Gründung der bis heute bestehenden WEISSER RING Stiftung geht auf ihn zurück.

In seinen Vorträgen betont er immer wieder, wie viele Menschen eine einzige Tat betreffen kann. In einer Rede bringt er es 2010 auf den Punkt: „Unser Blick auf die Kriminalitätsopfer ist eindimensional. Allgemein, aber auch polizeilich, justiziell und medial richtet er sich auf das individuelle Tatopfer. Diese einseitige Betrachtung wird der Opferproblematik nicht gerecht. Sie blendet eine wichtige Gruppe ebenfalls Betroffener aus, nämlich die der mittelbaren Tatopfer, also Eltern, Großeltern, Kinder.“

Leitet sich aus dieser Lebenserfahrung etwas ab, das Wolfgang Sielaff dem WEISSEN RING mitgeben möchte? „Nein. Der Verein hat mir mehr gegeben als ich ihm“, sagt er bescheiden. Doch, eines fällt ihm dann doch noch als Schlusswort ein: „Macht weiter so. Ihr macht eine tolle, hochengagierte und verdienstvolle Arbeit. Das muss malgelobt werden!

„Ich bin eine Gerechtigkeitsfanatikerin“

Erstellt am: Montag, 27. Juli 2026 von Sabine

„Ich bin eine Gerechtigkeitsfanatikerin“

Helgard van Hüllen engagiert sich seit 33 Jahren beim WEISSEN RING – konkret für Opfer in der Außenstelle Bad Tölz-Wolfratshausen und allgemein für einen besseren Opferschutz auf Bundes- und Europa-Ebene.

Helgard van Hüllen übernimmt noch die Außenstellenleitung in Bad Tölz-Wolfratshausen. Im Landes- und Bundesvorstand ist sie heute nicht mehr aktiv.

Als Helgard van Hüllen in den 60er-Jahren Jura studierte, war ganz klar der Täter im Mittelpunkt. „Nur ein Strafrechtsprofessor gab zu bedenken, dass Richter sich fragen sollten, wer wohl schutzwürdiger ist: der Täter oder das Opfer, vielleicht auch mögliche weitere?“, erinnert sich van Hüllen. Diese Frage ließ sie ihr Leben lang nicht los. Rund 60 Jahre später sitzt Helgard van Hüllen in ihrem Haus in Gaißach im oberbayerischen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Seit 1993 ist sie ehrenamtliche Mitarbeiterin beim WEISSEN RING, seit 2001 leitet sie die Außenstelle. Inzwischen ist sie 83 Jahre alt. Ein Beckenbruch im Januar macht ihr noch zu schaffen. Wenn sie vom Sofa aufsteht, bleibt sie kurz stehen, bis die Schmerzen nachlassen, bevor sie losgeht. „Wird schon wieder“, sagt sie und zuckt mit den Schultern.

Sich engagieren statt schimpfen

Van Hüllen ist schon immer eine Macherin. Sie wurde in Berlin geboren und wuchs zunächst auf dem Bauernhof in Schleswig-Holstein auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Familie nach Leverkusen und schließlich nach Krefeld. Als eine von wenigen Frauen studierte sie damals Jura, erst in Freiburg, dann in Berlin; in Münster promovierte sie schließlich im Arbeitsrecht. „Ich wollte keine Rechtsanwältin werden, weil ich nicht einseitige Interessen vertreten wollte“, sagt sie. „Ich bin eine Gerechtigkeitsfanatikerin. Wahrscheinlich habe ich das von meinem Vater mitgekriegt.“

Schon während ihres Studiums wollte sich van Hüllen, damals noch in Krefeld, politisch engagieren – „statt immer nur auf die Politik zu schimpfen“, sagt sie und grinst. Sie schrieb die Kreisverbände von CDU, SPD und FDP an und stellte allen dieselben Fragen: Was geht vor, die Gemeinschaft oder das Individuum? Und wenn die Gemeinschaft vorgeht, wie definieren Sie das Allgemeinwohl? „Eine Partei schickte einen Aufnahmeantrag, die andere ihr Programm, nur die Konrad-Adenauer-Stiftung hat anständig geantwortet.“ Die Antwort der parteinahen Stiftung hat sich für die örtliche CDU mehr als gelohnt: Für sie saß van Hüllen später im Stadtrat sowie im Schul- und Kulturausschuss in Krefeld. Ende der 70er zog sie mit ihrem Mann ins bayerische Gaißach, weil er in der Nähe eine Stelle angenommen hatte. Hier setzte sie ihr politisches Engagement fort: Zehn Jahre lang war sie für die CSU Kreisvorsitzende der Frauen-Union im Kreisverband Bad Tölz-Wolfratshausen.

„Manchmal entsteht der Eindruck, dass Opfer in erster Linie Geld sehen wollen, doch das Wichtigste ist, dass man ihnen zuhört.“

Helgard van Hüllen

In Gaißach suchte sie 1993 ein Ehrenamt und stieß dabei auf einen Artikel über die Opferarbeit des WEISSEN RINGS. Sie erinnerte sich an die Worte ihres Strafrechtsprofessors und meldete sich bei der Außenstelle Bad Tölz-Wolfratshausen. Schnell wurde sie als Mitarbeiterin ausgebildet.

Manchmal half sie Opfern auf unkonventionelle Weise

Lieber als über sich spricht van Hüllen über die Opfer, denen sie manchmal auf unkonventionelle Art geholfen hat. Eine Verkäuferin, die im Geschäft überfallen worden war, konnte danach nicht mehr in den Beruf zurück und brauchte für die Umschulung einen Computer. Van Hüllen fragte im Bekanntenkreisherum, wer zu Hause ein Gerät stehen hat, das nicht mehr benötigt wird. Zwei ältere Damen wussten nicht, wie sie ihr Grundstück in Ordnung halten sollten, nachdem der Ehemann der einen Opfer einer Gewalttat geworden war, also beantragte sie Geld für einen elektrischen Rasenmäher. „Manchmal entsteht der Eindruck, dass Opfer in erster Linie Geld sehen wollen, doch das Wichtigste ist, dass man ihnen zuhört und dass sie als Opfer ernstgenommen und anerkannt werden“, sagt van Hüllen. „Danach kommt der Zugang zu Informationen, dann erst das Geld.“

Von der Außenstelle in Oberbayern bis auf die Europa-Ebene

Van Hüllens Talent und Einsatz wurden schnell bemerkt. 1998 wurde sie in den Bundesvorstand des WEISSEN RINGS gewählt, mehr als 20 Jahre war sie stellvertretende Bundesvorsitzende. Viele Jahre engagierte sie sich auch auf europäischer Ebene, baute Netzwerke für Opferarbeit und Kriminalprävention auf und aus und setzte sich für Projekte wie das Opfer-Telefon und einen Arbeitskreis gegen sexualisierte Gewalt ein. Bis 2020 war sie Vizepräsidentin des Dachverbands der europäischen Opferhilfeorganisationen, Victim Support Europe (VSE). In dieser Funktion setzte sie unter anderem die Richtlinie 2012/29/EU des Europäischen Parlaments und des Rates mit durch, die festlegte, dass Opferhilfe und auch deren Leitung ehrenamtlich organisiert sein darf. „Da bin ich bis heute stolz darauf“, sagt sie. „Für die Opfer macht es einen großen Unterschied, dass jemand für sie da ist, der nicht beruflich dazu verpflichtet ist, sondern helfen will, der nicht in der Amtssprache von Polizisten, Juristen, Ärzten oder Verwaltungsleuten spricht, sondern ‚wie du und ich‘.“

Anerkennung für ihre Arbeit – und die ihrer Teams

Seit ihrem Ruhestand 2007 baute sie ihr Engagement weiter aus und setzt sich auch für andere Vorhaben ein, zum Beispiel einen Verein für soziale Projekte in Südmarokko. Im vergangenen Jahr nahm sie an einem Firmenlauf teil. Freude macht ihr außerdem der Gemüsegarten neben dem Haus, in dem sie alleine lebt, seit ihr Mann verstorben ist. Im Laufe der Jahre wurde van Hüllen mehrfach für ihren Einsatz ausgezeichnet. 2010 erhielt sie den Deutschen Bürgerpreis, 2013 das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2019 die Bayerische Verfassungsmedaille in Silber und im vergangenen Dezember die Isar-Loisach-Medaille.

In ihrem Haus in Gaißach führt sie nun zu einem Bild, das noch an der Wand im Flur lehnt: eine Collage aus Fotos von VSE-Mitgliedern, die den Schriftzug ergeben: „You will always be part of our family“, dazu Grüße und Wünsche. „Das muss ich natürlich aufhängen!“ Was bedeuten ihr die Auszeichnungen? „Früher hätte ich gesagt nichts“, sagt sie, „aber sie gelten ja immer dem Team, und wenn jemand merkt, was wir alle leisten, freue ich mich über die Anerkennung.“ Die Auszeichnungen zeigten, wie viel sich in der Opferhilfe getan hat, sagt van Hüllen. „Aber es ist immer noch viel zu tun.“