Die empathische Kämpferin

Erstellt am: Donnerstag, 2. Juli 2026 von Sabine

Die empathische Kämpferin

Wir sind tieftraurig, dass Manuela Söller-Winkler am 24. Juni während eines Klinikaufenthalts verstorben ist. Für dieses Porträt gab sie uns im Mai ein Interview. Nach Rücksprache mit ihrem Ehemann Achim Winkler, der bis zuletzt an ihrer Seite war, haben wir entschieden, den Text, den sie gelesen hatte, zu veröffentlichen. Um Manuela Söller-Winkler und ihre Verdienste zu würdigen und ihre wichtigen Botschaften weiterzugeben.

An einem Frühlingsabend in Mainz hatte Manuela Söller-Winkler schon einen ganzen Tag mit Vorstellungsgesprächen hinter sich: In der Bundesgeschäftsstelle des WEISSEN RINGS ging es um die Nachfolge von Geschäftsführerin Bianca Biwer, die zum Festspielhaus Baden-Baden wechselt. Söller-Winkler, eine Strategin mit Menschenkenntnis, traf in der Findungskommission eine Vorauswahl für den Bundesvorstand. Die 64-Jährige war Landesvorsitzende in Schleswig-Holstein und Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstandes, wo wichtige Vereinsbeschlüsse gefasst werden. Sie saß an einem Tisch im Konferenzraum Rhein. Auf der Stellwand hinter ihr  waren viele Menschen abgebildet, die einen Ring formen, um den Slogan „Jeder kann Opfer werden. Wir sind an Ihrer Seite“. Söller-Winkler trug eine pinkfarbene Bluse und eine Kurzhaarfrisur. Und strahlte, trotz der langen Termine. Zu den Gesprächen „darf ich mich nicht äußern“, sagte sie freundlich, aber bestimmt. Es war das einzige Mal, dass sie wortkarg blieb.

Ein riesiger Verlust

Der WEISSE RING trauert um Manuela Söller-Winkler. Wir waren sehr froh, als sie nach ihrer schweren Erkrankung zurückkehrte. Mit viel Energie, Klugheit, Humor und großen rhetorischen Fähigkeiten hat sie wieder viele Themen vorangetrieben, immer verbindlich und menschlich. Umso trauriger sind wir über ihren Tod.

Sie wird uns unfassbar fehlen, als wichtiges Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstands, verdiente Landesvorsitzende und wertvolle Ansprechpartnerin für die Akademie, als Vorsitzende des Fachbeirats Aus- und Weiterbildung. Manuela Söller-Winkler hat in allen Bereichen maßgebliche, bleibende Akzente gesetzt. Aber auch als Mensch, bei dem man sich schnell wohlgefühlt hat, hinterlässt sie eine riesige Lücke. Unsere herzliche Anteilnahme gilt ihrer Familie.

Kürzlich war Manuela Söller-Winkler als Landeschefin wiedergewählt worden. Als der damalige Vize-Bundesvorsitzende Jörg Ziercke die Juristin 2018 bat, das Amt zu übernehmen, war der Landesverband in einer schwierigen Situation: Ein Ehrenamtlicher soll hilfesuchende Frauen sexuell belästigt haben. Der Verein zog Konsequenzen, führte unter anderem eine Beschwerdestelle und das „Sechs-Augen-Prinzip“ bei Erstgesprächen ein. Doch die Krise war noch zu spüren, das Ansehen erschüttert, der Vorstand weg.

„Das schreckte mich nicht ab. Herausforderungen liebe ich“, erinnerte sich Manuela Söller-Winkler. Im Hinblick auf den Neuanfang „leuchtete mir ein, dass sie nach einer Frau suchten, die vertrauenswürdig und hier verankert ist“. Das traf auf Söller-Winkler zu, die bis 2017 Staatssekretärin im Ministerium für Inneres und Bundesangelegenheiten des Landes Schleswig-Holstein war.

Sie habe der Gesellschaft „im klassischen Sinne etwas zurückgeben“ wollen und sich gedacht: „Das ist es doch.“ Beruflich hatte sie viel mit Sicherheitsthemen zu tun, sich fortan auf den Opferschutz konzentrieren zu können „passte sehr gut“, zumal sie die Arbeit bereits geschätzt habe: „Wir fangen Menschen auf, begleiten sie, lotsen sie zu spezialisierten Hilfsangeboten.“ Die neue Landesvorsitzende änderte einiges: „Von Beginn an habe ich gesagt, dass ich eine enge Kommunikation mit meinen Außenstellenleitungen möchte. Um zu wissen, wie sie ihre Arbeit wahrnehmen. Es ist wichtig, dass wir den gleichen Wertekanon haben.“ Sie ging „in die Fläche“, bot sich aktiv als Gesprächspartnerin an. Manche waren skeptisch, fragten: Muss das sein? Will sie uns kontrollieren? Söller-Winkler erklärte, es sei ihr um einen intensiven Austausch gegangen, auch bei Problemen, um diese früh erkennen zu können. Sie trug zu einem Kulturwandel bei: „Mittlerweile kommen die Leute offen auf mich zu, üben auch Kritik.“

So wie bei einem aktuellen Thema: In einem Pilotprojekt in ausgewählten Bundesländern testet der WEISSE RING, ob es sinnvoll ist, den Scheck für eine anwaltliche Erstberatung durch ein anderes Verfahren zu ersetzen: Opfer werden dabei von einem hauptamtlichen Juristen oder einer Juristin des Vereins, die auf Opferrechte spezialisiert sind, beraten – statt wie bisher von externen Anwälten in der Umgebung. Nach der Testphase wird entschieden, ob das Modell ausgebaut wird.

Ein Teil der Ehrenamtlichen ist dagegen. Söller-Winkler warb für eine differenzierte Sichtweise: „Es handelt sich nicht nur um eine Sparmaßnahme. Der Aufbau einer eigenen Beratung kann ein Qualitätssprung sein. Gerade auf dem Land ist es schwierig, genügend gute Opferanwälte zu finden.“

Keine Angst vor unbequemen Themen

Eines von Söller-Winklers Prinzipien: „Debatte kann anstrengend sein, lohnt sich aber.“ Um überzeugen zu können, braucht es neben Einfühlungsvermögen inhaltliche Tiefe – das wusste Söller-Winkler aus ihrer beruflichen Laufbahn. Während ihrer Zeit im Innenministerium waren viele schwierige Themen an der Tagesordnung. Etwa, als um 2015 viele Geflüchtete kamen: „Wir sind in die Kommunen gefahren, wo eine Unterkunft gebaut wurde, und warben um Akzeptanz.“ Teilweise war dabei Polizeischutz notwendig. In kurzer Zeit entstanden mehr als zehn zusätzliche Unterkünfte, um den Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben. Auch für Söller-Winkler war es eine sehr schwierige, anstrengende, „aber gute Zeit“, weil sie helfen konnte.

Beim WEISSEN RING nahm Manuela Söller-Winkler bald auch am Forum der Landesvorsitzenden teil: „Hier habe ich damals realisiert, welch ausgeprägte Männerwelt das war.“ Irritiert habe sie auch, dass es oft Zustimmung oder Schweigen gegeben habe. „Mittlerweile haben wir eine viel bessere Diskussionskultur“, betonte Söller-Winkler. „Das liegt nicht nur, aber auch daran, dass wir gemischter und weiblicher geworden sind.“

Die gebürtige Bonnerin hatte keine Angst, „unbequeme“ Themen anzusprechen: „Mir fällt es schwer, den Mund zu halten, wenn mir etwas nicht gefällt oder ich es gar für falsch halte. Ich finde es wichtig, Dinge beim Namen zu nennen.“ So kritisierte sie vor Jahren, dass der Wirtschaftsprüfer länger nicht gewechselt worden war. Söller-Winkler hinterfragte auch sich selbst: „Manchmal überlege ich im Nachhinein, ob ich diplomatisch genug oder doch zu tough war und jemanden ,überrollt‘ habe.“ In Schleswig-Holstein arbeiteten Söller-Winklers Stellvertreter Harald Rothe und Pressesprecher Joachim Brandt eng mit ihr zusammen. Sie beschreiben die Landesvorsitzende als kommunikativ und zupackend. Eine Frau, die „wusste, was sie wollte, und gleichzeitig empathisch war“. Für die frühere Bundesgeschäftsführerin Bianca Biwer war Manuela Söller-Winkler eine „echte Führungsperson“ mit Fachkompetenz, die zuhörte und Verantwortung übernahm, auch in Krisen. Sie „hatte ein großes Herz, den Blick für das große Ganze und Haltung“. So habe sie geholfen, den Unvereinbarkeitsbeschluss, der den Verein vor Extremisten und Rassisten schützen soll, zu formulieren.

Söller-Winkler war auch Vorsitzende des Fachbeirats für Aus- und Fortbildung: „Wir bieten sehr gute Seminare an“, lobte sie und appellierte: „Leute und Mitstreiter, bleibt dran und ruht euch nicht auf Seminaren aus, die ihr vor Jahren gemacht habt. Wir schulden es den Opfern, ihnen nach den aktuellen Erkenntnissen und Möglichkeiten zu helfen.“ Das Thema Cyberkriminalität zum Beispiel werde immer wichtiger: „Wir müssen uns darin fortbilden. Die Rahmenbedingungen für Polizei und Justiz sind schwierig, die Dunkelziffer hoch.“

Söller-Winkler forderte eine „noch stärkere Innovationsbereitschaft“ im Verein. Die digitale Außenstelle sei „aus dem Mangel geboren, weil wir weniger Ehrenamtliche als früher haben. Sie bietet aber auch Chancen, etwa beim Erreichen jüngerer Betroffener“.

Ausdrücke wie „dranbleiben“ und „hinterfragen“ verwendete Söller-Winkler oft: „Vieles von dem, was wir in den vergangenen 50 Jahren gemacht haben, ist großartig, aber wir müssen uns hinterfragen und einiges verändern, um auch noch in 50 Jahren stark zu sein.“ Söller-Winkler war eine Kämpferin. Während ihrer Krebserkrankung habe ihr eines geholfen: „Die vielen mutmachenden Nachrichten von Menschen aus dem Verein haben mich in der besonders schweren Zeit getragen. Und später habe ich mich unheimlich gefreut, mich wieder engagieren zu können.“

Editorial

Erstellt am: Dienstag, 24. März 2026 von Sabine

Editorial

Foto: Dirk Beichert

Liebe Leserinnen und Leser,

immer mehr Menschen sehen sich digitalen Angriffen ausgesetzt: Sei es durch Betrüger, die ihnen lukrative Anlagen oder Liebe versprechen, oder durch Hacker, die in ihre IT eindringen, Daten verschlüsseln und sie erpressen. Es kann jeden treffen. In unserer Titelgeschichte widmen wir uns den Opfern, die oft unter massiven finanziellen und psychischen Folgen leiden, und beleuchten aktuelle Entwicklungen wie Betrug mit Hilfe Künstlicher Intelligenz und den Kampf dagegen.

Wie aus einer Umfrage unseres Magazins bei den Landeskriminalämtern hervorgeht, verloren Opfer von Love-Scam allein im Jahr 2024 insgesamt mindestens 50 Millionen Euro. Es ist nicht die einzige Statistik, die zur Vorsicht mahnt.

„Digitalisierung bringt viele Vorteile, keine Frage. Sie birgt aber gleichzeitig Gefahren.“

Digitalisierung bringt viele Vorteile, keine Frage. Sie birgt aber gleichzeitig Gefahren und ist auch bei den Attacken auf Forschende ein wesentlicher Treiber. Um die Drohungen und Diffamierungen und deren Folgen geht es in „Forschung im Fadenkreuz“.

Es braucht Menschen, die gegen den Hass kämpfen, so wie die stellvertretende DGB-Bundesvorsitzende Elke Hannack. Sie fordert im Interview über die steigende Gefahr für Beschäftigte des öffentlichen und privatisierten Dienstes: Die Gewalt „darf weder relativiert noch normalisiert werden. Gleichzeitig müssen Maßnahmen zum Schutz auf die jeweilige Dienststelle zugeschnitten sein, die natürlich auch ausreichend Personal wie technische Ressourcen  raucht“.

Wie gehen Betroffene damit um, wenn der Täter Suizid begeht und sich der Justiz entzieht? Dieser Frage gehen wir in der Geschichte über Frauen nach, die ein Arzt in einer Bielefelder Klinik sedierte und missbrauchte. Sie kämpfen um Gerechtigkeit und Entschädigung.

Wenn unsere Texte Sie zur Reflexion anregen, dann schreiben Sie uns Ihre Gedanken gerne per E-Mail an redaktion@weisser-ring.de.

Für mich ist dieses Editorial das letzte vor meinem Wechsel zum Festspielhaus Baden-Baden. Die mehr als zwölf Jahre beim WEISSEN RING waren eine prägende, sinnstiftende und anspruchsvolle Zeit, für die ich sehr dankbar bin ebenso wie für Lob, Kritik und Hinweise von Ihnen als Leserinnen und Leser.

Bianca Biwer
Bundesgeschäftsführerin WEISSER RING

Wer sich für das Gemeinwohl einsetzt, muss geschützt werden

Erstellt am: Freitag, 20. März 2026 von Sabine

Foto: Dirk Beichert

Datum: 20.03.2026

Wer sich für das Gemeinwohl einsetzt, muss geschützt werden

Der WEISSE RING legt am diesjährigen Tag der Kriminalitätsopfer, dem 22. März, ein besonderes Augenmerk auf Menschen im Dienst der Gesellschaft, die angegriffen worden sind.

Der WEISSE RING legt am diesjährigen Tag der Kriminalitätsopfer, dem 22. März, ein besonderes Augenmerk auf Menschen im Dienst der Gesellschaft, die angegriffen worden sind. Dazu zählen verschiedene Gruppen: Polizei, Feuerwehr, Rettungskräfte sowie Politikerinnen und Politiker, aber auch Krankenhauspersonal, Mitarbeitende von Schulen und Arbeitsämtern oder Beschäftigte im Nah- und Fernverkehr.

“Im Prinzip kann es jeden treffen, der im direkten Bürgerkontakt steht“, sagt Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS. „Dabei sind Menschen, die ehrenamtlich helfen, ebenso betroffen wie jene, deren Beruf die Tätigkeit ist. Das sendet ein katastrophales Signal. Wir laufen Gefahr, dass sich irgendwann kaum noch jemand bereiterklärt, diese für unsere Gesellschaft so wichtigen Aufgaben zu übernehmen.“

“Am heutigen Tag der Kriminalitätsopfer gilt unsere Solidarität besonders all jenen, die Gewalt erfahren mussten. Sie verdienen nicht nur unser Mitgefühl, sondern vor allem Gehör, Schutz und Gewissheit: Sie sind nicht allein. Mein besonderer Dank gilt den Opferbeauftragten von Bund und Ländern sowie dem Weißen Ring e. V., der Kriminalitätsopfern seit über fünf Jahrzehnten unverzichtbare Hilfe bei der Bewältigung von Tatfolgen leistet“, sagt Alexander Dobrindt, Bundesminister des Inneren.

Bei Angriffen gegen Menschen, die im Dienst des Gemeinwohls arbeiten, variieren die Formen der Gewalt: „Die Übergriffe reichen von Beschimpfungen und Beleidigungen über Sachbeschädigung bis hin zu gefährlichen Attacken auf Leib und Leben“, so Biwer. Im Februar 2026 sorgte der Fall des im Dienst getöteten Zugbegleiters Serkan C. bundesweit für Entsetzen. Der 36-Jährige wurde während einer Fahrkartenkontrolle in einem Regionalzug von einem Mann ohne Fahrschein attackiert und starb später an seinen schweren Verletzungen. „Dieser tragische Fall hat uns erneut daran erinnert, dass dringend etwas getan werden muss. Und dass schon Alltagssituationen eskalieren können“, sagt die Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS.

Wie ernst die Situation ist, belegen die Zahlen: Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des Bundesinnenministeriums von Januar bis Oktober fast 3.000 Straftaten gegen Mitarbeitende der Deutschen Bahn registriert. Die Zahl der Angriffe auf Politikerinnen und Politiker belief sich im Jahr 2024 auf fast 5.000 erfasste Fälle – ein Anstieg um 20 Prozent im Vergleich zu 2023. Aus dem Bundeslagebild „Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamtinnen und Polizeivollzugsbeamte 2024“, welches auch Angriffe auf Rettungsdienste und Feuerwehr beinhaltet, geht ein neuer Höchststand hervor. Die Gewalttaten gegen Polizistinnen und Polizisten bleiben mit 46.367 Fällen auf sehr hohem Niveau. Bei Gewalttaten gegen sonstige Rettungskräfte wurden 2.916 Betroffene erfasst.

“Wir nehmen eine zunehmende Verrohung der Gesellschaft wahr. Die Politik muss hier unbedingt handeln, damit sich Menschen in ihrem Job wieder sicher fühlen können“, sagt Bianca Biwer. „Wir können alle etwas tun. Wir müssen aufmerksam sein und handeln, wenn wir sehen, dass jemand in Not ist. Dabei ist es wichtig, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen. Wir können immer die Polizei rufen. Außerdem können wir weitere Menschen ansprechen und so versuchen, die Situation zu deeskalieren, und uns um die betroffene Person kümmern.“ Das sind Mittel der Zivilcourage, die helfen können, anderen zu helfen. „Und wenn wir uns selbst ärgern, weil irgendetwas nicht so läuft, wie wir uns das vorgestellt haben, dann kann es helfen, kurz durchzuatmen und seine Beschwerde auf offiziellen Wegen einzureichen, statt einen Menschen dafür verantwortlich zu machen, der meistens gar nichts dafür kann. Wir müssen als Gesellschaft aufeinander achten, wieder mehr zusammenwachsen und wieder mehr Verständnis füreinander haben“, so Bianca Biwer.

Hintergrund-Info zum „Tag der Kriminalitätsopfer“

Seit 1991 macht der WEISSE RING, Deutschlands größte Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, alljährlich mit dem „Tag der Kriminalitätsopfer“ am 22. März auf Menschen aufmerksam, die durch Kriminalität und Gewalt geschädigt wurden. Der Tag soll das Bewusstsein für Opferbelange in Deutschland stärken und Informationen zu Prävention, Schutz und praktischen Hilfen geben. Inzwischen ist der Aktionstag fester Bestandteil im Kalender von Institutionen aus den Bereichen Politik, Justiz und Verwaltung, aber auch von Vereinen und Schulen.

Wissenschaft unter Druck

Erstellt am: Donnerstag, 12. März 2026 von Sabine

Wissenschaft unter Druck

Hass, Hetze und digitale Angriffe machen auch vor Hochschulen nicht halt. Bei einer Veranstaltung des Landesverbandes Hochschulkommunikation Baden-Württemberg im Wissenschaftsministerium zeigte der WEISSE RING Wege auf, wie Betroffene geschützt werden und Institutionen handlungsfähig bleiben.

Die Referenten und Organisatoren (v. l.): Jochen Link (WEISSER RING), Linda Schädler (Landesverband Hochschulkommunikation), Kaya Fohmann WEISSER RING), Paulina Haug (WEISSER RING), Michaela Leipersberger-Linder (Landesverband Hochschulkommunikation) und Günther Bubenitschek (WEISSER RING).

In Deutschland muss niemand Angst haben, Missstände öffentlich anzusprechen oder zu kritisieren. Denn die Meinungsfreiheit ist im Grundgesetz verankert. Aber sie hat Grenzen – etwa bei Beleidigung oder Volksverhetzung. Das gilt im echten Leben wie auch in der digitalen Welt. Doch Hass und Hetze haben auch die Wissenschaft erreicht und gefährden nicht nur Studierende, Mitarbeitende und Forschende, sondern den freien wissenschaftlichen Diskurs. Vertreterinnen und Vertreter des WEISSEN RINGS waren im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg in Stuttgart zu Gast. Bei einer Veranstaltung des Landesverbandes Hochschulkommunikation Baden-Württemberg halfen sie in einem Workshop, praxisnahe Ansätze zu erarbeiten, um Betroffene besser zu schützen und als Hochschule handlungsfähig zu bleiben.

Für den WEISSEN RING waren Jochen Link (Leiter der Außenstelle Schwarzwald-Baar-Kreis), die Landesjugendbeauftragten in Baden-Württemberg, Paulina Haug und Kaya Fohmann, sowie der Landespräventionsbeauftragte Günther Bubenitschek vor Ort. Sie ordneten das Thema rechtlich ein und präsentierten Zahlen: So zitierten sie Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, wonach fast die Hälfte der Befragten Anfeindungen gegen sich erlebt hat. Anhand von Beispielen zeigten sie, welche Eskalationsspirale digitale Gewalt nehmen kann: von abwertenden Kommentaren bis hin zu Bedrohungen. Das Team des WEISSEN RINGS empfiehlt Betroffenen, auch bei unklarer strafrechtlicher Relevanz Anzeige zu erstatten, Strafantrag zu stellen oder Meldestellen zu kontaktieren.

Der Netzwerker

Nicht erst helfen, wenn etwas passiert, sondern verhindern, dass es zu Verbrechen kommt. Das treibt Günther Bubenitschek an.

In Workshops erarbeiteten die 40 Teilnehmenden Handlungsstrategien: von der Dokumentation bis hin zu Krisenhandbüchern. Hochschulen können helfen mit festen Ansprechpersonen und dem frühzeitigen Einbinden von externen Partnern wie dem WEISSEN RING, Polizei oder Scicomm-Support, der Anlaufstelle bei Angriffen und unsachlichen Konflikten in der Wissenschaftskommunikation.

Digitale Gewalt bringt nicht nur einzelne Stimmen zum Verstummen. Sie verändert den gesamten Diskurs und ist damit kein individuelles Problem, sondern eine institutionelle Herausforderung. „Digitale Gewalt bedroht nicht nur Einzelne, sie bedroht die Freiheit der Wissenschaft“, betont das Team des WEISSEN RINGS. „Es liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung, dem entschieden entgegenzutreten.“

Einfach machen

Erstellt am: Donnerstag, 12. März 2026 von Sabine

Einfach machen

Sarah Wendlandt leitet mit 24 Jahren die Außenstelle Greifswald. Sie ist damit die jüngste Außenstellenleiterin des WEISSEN RINGS. Aber nicht nur das: Auch ihr Team ist jung, denn fast alle sind noch im Studierendenalter.

Sarah Wendlandt studiert Jura in Greifswald. Dort leitet sie auch die Außenstelle des WEISSEN RINGS, mit sechs festen Mitgliedern und zwei Auszubildenden.

Wie kommt das Gute in die Welt? Vielleicht sind die Dinge so einfach, wie es das Beispiel von Sarah Wendlandt nahelegt: Weil sie es von zu Hause aus so kannte, wollte auch sie sich ehrenamtlich engagieren. „Ich lebte damals in Stralsund und war 18 Jahre alt. Ich wollte nicht zu den Vereinen gehen, zu denen alle gehen, sondern suchte etwas außerhalb meiner Peergroup“, sagt sie. „So kam ich 2020 zum WEISSEN RING.“ Braucht es also gar keine großen Erklärungsansätze, sondern nur – wie bei Sarah Wendlandt – ein Vorbild, eine Mutter, die ihr Herz in die Arbeit in einem Hospiz legte und die dazu noch ehrenamtlich Erste-Hilfe-Kurse anbot? Und einen Vater, der sich als Polizist für das Gute einsetzte? Als kleines Kind, berichtet die heute 24 Jahre alte Sarah Wendlandt, habe ihre Mutter an ihr als Dummy oft vorgeführt, wie man Wunden verbindet. Später, mit 18 Jahren, folgte sie dem Beispiel ihrer Mutter und suchte sich ein Ehrenamt.

„Ich habe den Entschluss, den WEISSEN RING zu kontaktieren, damals still und heimlich in meinem Kinderzimmer getroffen“, erzählt Sarah Wendlandt. Sie habe spontan bei der Außenstelle angerufen und gesagt: „Ja, hallo, ich bin Sarah und würde mich gerne ehrenamtlich engagieren.“ Der Außenstellenleiter in Stralsund führte daraufhin ein Gespräch mit ihr. „Er hat geschaut, was ich über den Verein weiß, über die Arbeit des WEISSEN RINGS, und was meine Hintergründe sind. Ich war damals noch 18, und das ist ja sehr jung für solche Themen.“

Wendlandt sagt, sie habe sich über den Verein informiert und gewusst, dass sich der WEISSE RING um Menschen kümmert, die Straftaten erlitten haben. „Vor allem fand ich sehr einprägsam, dass die Hilfe auch unabhängig von Strafanzeigen erfolgt. Dass man auch das polizeiliche Dunkelfeld auffängt.“ Das Telefonat vermittelte dem Außenstellenleiter wie auch ihr einen positiven Eindruck, und die Zusammenarbeit konnte beginnen. „Von dem Zeitpunkt an war ich mit dabei. Ich habe direkt mit den Hospitationen angefangen, war dann auch an der Fallarbeit beteiligt.“

„Ich wollte nicht zu den Vereinen, zu denen alle gehen, sondern suchte etwas außerhalb meiner Peergroup. So kam ich 2020 zum WEISSEN RING.“

Sarah Wendlandt

Bei ihrer ersten Betreuung als Hospitantin war sie gleich mit einem heftigen Fall konfrontiert: Der Mann war als Junge entführt, mehrere Tage gefangen gehalten und unter Drogen gesetzt worden. Er war sexuell missbraucht worden und litt zum Zeitpunkt des Kontakts mit dem WEISSEN RING, rund zwanzig Jahre später, immer noch darunter. Auf Sarah Wendlandt wirkte er immer noch verloren.

Die damals 18 Jahre junge Sarah kam mit dem Gehörten und Erlebten dennoch recht gut klar. „Nach den Hospitationen habe ich mit der Mitarbeiterin noch mal über den Fall gesprochen, wie meine Eindrücke waren. Wir haben gegenseitig geschaut, wie es einem geht.“

Sarah Wendlandt begann ein Studium, blieb aber bald zu Hause, weil die Corona-Pandemie Deutschland auf den Kopf stellte. Sie wechselte das Fach, studierte fortan Jura und zog in die Stadt ihrer Universität, nach Greifswald. An ihrem Engagement hat all das nichts geändert. Mehr noch: Ihr Einsatz nahm erheblich zu. Heute leitet sie die Außenstelle des Vereins in Greifswald und damit ein Team aus sechs festen Mitgliedern und zwei Auszubildenden. Im vergangenen Sommer übernahm sie die Funktion von Korbinian Geiger, einem Rechtsanwalt, der aufgrund seines Berufs nicht mehr genug Zeit dafür aufbringen konnte, allerdings Mitarbeiter blieb. Auch er war als Student in den Verein eingetreten, auch er war damals der Jüngste. Nach
Geiger kristallisierte sich sehr schnell Sarah Wendlandt als Nachfolgerin heraus. Wie sie arbeitet, gefalle ihm: „Sie macht das gewiss besser als ich“, sagt er.

Alle im Team sind ähnlich jung wie die Leiterin selbst

Die Außenstelle in der 65.000-Einwohner-Stadt könnte eine normale Außenstelle sein wie die rund 400 anderen auch. Vielleicht abgesehen davon, dass sie eine Ostsee-Insel zu ihrem Betreuungsgebiet zählt. Was sie aber abhebt, ist das Alter der Mitarbeitenden. Außer Korbinian Geiger sind alle im Team Greifswald ähnlich jung wie die Leiterin, und selbst Geiger würde mit seinen 43 Jahren anderswo wohl noch als jung durchgehen. Die Außenstelle gilt als die jüngste des WEISSEN RINGS.

Häufig vernimmt man in der Vereinsszene in Deutschland die Klage, dass es schwer sei, Nachwuchs zu finden. Die Forschung hat ein Wort dafür geprägt: Vereinssterben. Der Begriff scheint in seiner Dramatik nicht übertrieben zu sein: Eine 2024 erschienene Studie spricht von 8.000 bis 9.000 Vereinen, die pro Jahr aus dem Vereinsregister gelöscht werden. Siri Hummel und Eckhard Priller schreiben in ihrer Studie: „Als Ursachen werden nicht finanzielle Gründe, fehlende Sachmittel oder Räumlichkeiten angeführt, sondern ein Mangel an Mitgliedern und die geringe Bereitschaft, ehrenamtliche Funktionen zu übernehmen oder sich in anderer Form freiwillig zu engagieren.“

„Wenn ich in die Fälle gehe, dann bin ich in einer anderen Rolle, und alles Private blende ich aus.“

Sarah Wendlandt

In Greifswald, der Stadt hoch oben im Norden von Deutschland an der Ostsee, ist das anders. Niemand hat die Entwicklung dort gezielt gefördert, es hat sich in gewisser Weise einfach so ergeben, vielleicht, weil die Bedingungen in einer Universitätsstadt mit vielen gebildeten und jungen Menschen günstig sind.

Sarah Wendlandt gelingt es, empathisch zu sein, ohne das Erfahrene allzu nah an sich heranzulassen. „Wenn ich in die Fälle gehe, dann ist es, als drücke ich einen Knopf. Dann bin ich in einer anderen Rolle, und alles Private blende ich aus. Ist der Fall erledigt, gehe ich nach Hause und bin dann wieder mein privates Ich.“ Nur einmal gelang ihr das nicht. Ein Polizist war im Dienst angegriffen und dabei schwer verletzt worden. Sarah Wendlandt war mit einer Mitarbeiterin bei der Familie vor Ort. Der Mann war zu dem Zeitpunkt im Krankenhaus, weil er erneut operiert werden musste, eine von insgesamt zwanzig Operationen. „Da hing noch so viel persönliches Schicksal mit dran. Seine Frau hat ihren Traumjob aufgegeben, um ihn zu pflegen. Der Zustand war also nicht vorübergehend, sondern er hielt an.“

Verbesserungen für Betroffene

Für Sarah Wendlandt ist es wichtig, für Betroffene Verbesserungen zu erreichen. „Egal, wie häufig man die Betroffenen trifft, man sieht eigentlich immer, dass sie besser aus dem Gespräch rausgehen, als sie reingekommen sind. Das gibt mir unfassbar viel.“ Aus diesem Fall aber zog sie den Schluss, einen ähnlichen Fall nicht mehr zu betreuen. Sie konnte das Erlebte nicht ganz von sich fernhalten. „Ich fand den Fall wohl deshalb recht heftig, weil mein Vater auch im Polizeidienst tätig ist. Ich habe mir vorgestellt, die Frau könnte meine Mutter sein.“ Dieses Schicksal habe ihr noch mal vor Augen geführt, wie sehr Straftaten auch das Schicksal der Angehörigen verändern. Seitdem blickt Sarah Wendlandt auch anders auf True-Crime-Formate. Früher mochte sie die Podcasts und Serien gerne. Heute achtet sie darauf, inwiefern die Opfer und Betroffenen angemessen dargestellt sind oder ob jemand nur Kasse macht mit dem Leid anderer.

Neulich dachte die Außenstellenleiterin über den Begriff „Opfer“ nach. „Für mich persönlich geht das Wort mit einer Stigmatisierung einher. Man hat das Bild einer schwachen Person im Kopf. Aber das sind die Betroffenen einfach nicht. Sie haben die Tat überlebt und sich Hilfe gesucht, das macht sie auch stark. Nur kann sich der Verein nicht einfach von dem Begriff des Opfers trennen.“

Es mag ein Privileg der Jugend sein, Dinge hinterfragen zu dürfen und frischen Wind in einen Verein zu bringen. Dass ihr Team fast komplett im Studierendenalter ist, hat viele Vorteile. Noch dazu studieren fast alle Jura und eine Mitarbeitende Psychologie; die gleiche Lebenssituation verbindet, die Probleme sind ähnlich. Zwar sind nicht alle eng miteinander befreundet, manche aber übernehmen auch neben dem WEISSEN RING etwas gemeinsam.

Gerade für Betroffene neuerer Formen der Kriminalität, etwa im Cyberbereich, mag es wohltuend sein, ein Gegenüber vor sich zu haben, das voll in der technischen Gegenwart lebt. Zugleich ist dieses junge Lebensalter auch eine Herausforderung für die Außenstellenleiterin: Stehen etwa Klausuren an, drohen gleich mehrere Mitarbeitende auszufallen, weil sie lernen müssen.

Die Lotsin

Erstellt am: Donnerstag, 12. März 2026 von Sabine

Die Lotsin

Vanessa Hilário da Ponte engagiert sich seit vier Jahren ehrenamtlich als Beraterin beim Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS. Die Psychologiestudentin ist oft die erste Ansprechpartnerin für Menschen, die Opfer einer Straftat geworden sind. Im Interview spricht die 28-Jährige über emotionale Gespräche, generationsübergreifende Teamarbeit und ihr schwindendes Interesse an True-Crime-Podcasts.

Vanessa Hilário da Ponte hat in der Corona-Zeit beim Opfer- Telefon angefangen.

Es ist klirrend kalt Anfang Januar in Köln-Nippes. Vor einem Café liegen Tannenzweige im Schneematsch. Drinnen duftet es nach Linsen-Daal und frisch gemahlenen Kaffeebohnen. Vanessa Hilário da Ponte lebt hier im Viertel. Momentan hat sie wenig Zeit, es zu genießen, weil sie mitten in der Klausurenphase an der Uni steckt. Sie grüßt freundlich lächelnd mit festem Händedruck, bestellt sich Tee aus frischem Ingwer und sagt, sie sei etwas nervös, weil dies ihr erstes Interview ist.

Wann und wie sind Sie zum WEISSEN RING gekommen?

Ich habe mein Fernstudium der Psychologie in der Corona-Zeit begonnen und nur wenige Kontakte zu Kommilitonen gehabt. Ich hatte Zeit und wollte neben dem Studium etwas Sinnvolles tun, was mich inhaltlich interessiert und was ich später als Psychologin auch anwenden kann. Opferschutz fand ich interessant. Ich bin im Internet auf den WEISSEN RING gestoßen. Der Verein hat damals Ehrenamtliche gesucht, da passte das sehr gut und so habe ich 2022 beim Opfer-Telefon angefangen.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag am Opfer-Telefon?

Ja klar, ich saß im Homeoffice am Schreibtisch und hatte schon eine Stunde vor meiner Schicht Herzrasen. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt. Das weiß ich bis heute nicht. Jedes Mal gibt es mindestens einen Fall, den ich noch nie hatte.

Wie bereitet der WEISSE RING Ehrenamtliche auf diese anspruchsvolle Aufgabe vor?

Es gibt eine zweiwöchige Ausbildung. Da wird die Theorie vermittelt durch Vorträge von Juristen, Psychologen und anderen Experten. Im Praxisteil haben wir Telefonate mit Schauspielern geübt. Es gab Probeanrufe zu Themen, die uns am Opfer-Telefon begegnen. Die sind so realistisch, dass man alles um sich herum ausblendet und das Gefühl hat, das ist echt. Da sind Tränen geflossen.

Sind auch bei echten Telefonaten schon mal Tränen geflossen?

Einmal habe ich nach einem Telefonat geweint. Das war eine Anruferin, die am Abend zuvor vergewaltigt wurde. Und ich war der erste Mensch, dem sie davon erzählt hat. Sie war sehr aufgewühlt und hat bitterlich geweint. Ich glaube, es ging mir so nah, weil ich mich mit ihr identifizieren konnte. Sie war ungefähr so alt wie ich und hat ebenfalls studiert. Ich hatte hinterher aber das gute Gefühl, dass ich sie beruhigen und ihr wirklich weiterhelfen konnte.

„Viele Opfer geben sich eine Mitschuld an der Gewalttat. Wir machen ihnen klar, dass allein der Täter dafür verantwortlich ist.“

Vanessa Hilário da Ponte

Mittlerweile ist Vanessa Hilário da Ponte selbst in der Auswahlkommission für das Opfer-Telefon und hilft, neue Beraterinnen und Berater auszusuchen. Geboren und aufgewachsen ist die 28-Jährige in Dortmund. Neben dem Psychologiestudium hat sie unter anderem Praktika auf einer psychiatrischen Station für akute Psychosen und in der Kinderschutzambulanz gemacht sowie als studentische Hilfskraft zu Resilienz bei Depressionen, bipolaren Störungen und ADHS geforscht.

Ihren Bachelor in Psychologie haben Sie abgeschlossen – für Ihren Master haben Sie den Schwerpunkt Rechtspsychologie gewählt. Warum gerade diese Fachrichtung?

Das ist ein sehr spannender Bereich, darunter fallen Gutachten im Bereich der Aussagepsychologie und Schuldfähigkeit. Ich kann mir sehr gut vorstellen, später auch als Gutachterin tätig zu werden.

Beißt sich das nicht mit dem Opferschutz, wenn Sie Gutachten über Täter erstellen?

Wenn man objektiv genug an die Sache rangeht, dann nicht. Mit Tätern zu arbeiten, auch bei der Frage nach ihrer Schuldfähigkeit, ist wichtige Prävention und trägt zum Schutz der Gesellschaft bei.

Welche Delikte begegnen Ihnen am Opfer-Telefon am häufigsten?

Vergewaltigung, häusliche Gewalt und Stalking. Was wir allerdings auch häufig erleben, sind Menschen mit psychischen Erkrankungen, die nur denken, dass sie Opfer von Straftaten geworden sind. Damit umzugehen, es zu erkennen, ist eine große Herausforderung.

Rund 100 Menschen sind bundesweit am Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS tätig. Von 7 bis 22 Uhr ist das Opfer-Telefon erreichbar, die Schichten der Ehrenamtlichen dauern jeweils drei Stunden. Rund acht bis neun Anrufe gehen pro Schicht bei Vanessa Hilário da Ponte ein, neun Minuten dauert ein durchschnittliches Gespräch. Pro Tag zählte das Opfer- Telefon insgesamt rund 60 Gespräche im Jahr 2024.

Gab es Telefonate, die Ihnen besonders nahegehen?

Sehr bewegt hat mich das Gespräch mit einer Frau, die Zeugin eines Mordes und Opfer von Stalking durch denselben Täter war. Die Frau hatte Todesangst. Sie wollte sich das gern von der Seele reden. Am Ende des rund einstündigen Telefonats
sagte sie: ‚Ich werde dieses Gespräch niemals in meinem Leben vergessen.‘ Solche Worte berühren mich tief.

Sind es diese Reaktionen, die das ehrenamtliche Engagement für Sie so erfüllend machen?

Es fühlt sich gut an, wenn ich jemanden in einer schwierigen Situation unterstützen konnte. Wenn jemand sagt: „Danke, dass Sie da waren“ oder „Jetzt weiß ich, was ich tun kann“, dann spüre ich, wie notwendig, wertvoll und erfüllend unsere Arbeit ist.

Vanessa Hiláro da Ponte kommt in jedem Opfer-Telefon-Dienst mit mindestens einem Fall in Berührung, den sie so vorher noch nie hatte.

Im September 2025 war Vanessa Hilário da Ponte mit Ehrenamtlichen aus ganz Deutschland beim Sommerfest des Bundespräsidenten in Berlin. Portugal war Partnerland – was für Vanessa Hilário da Ponte ein Bonus war, denn ihre Mutter wurde in Portugal geboren. Als Begleiterin ihrer Tochter konnte sie im Garten des Bundespräsidenten sogar mit dem portugiesischen Staatspräsidenten Marcelo Rebelo de Sousa sprechen und ein gemeinsames Foto machen. „Das war ein wundervolles Fest, sehr wertschätzend“, erzählt die 28-Jährige.

Wie helfen Sie den Opfern konkret?

Oft sind wir die ersten Menschen, denen sich die Betroffenen offenbaren. Wir fangen sie auf und hören ihnen zu. Wir haben eine Lotsenfunktion, können Wege aufzeigen und auf weitere Hilfsangebote hinweisen. Vergewaltigungsopfer wissen zum Beispiel häufig nicht, dass es die Möglichkeit der anonymem Spurensicherung gibt. Viele Opfer geben sich eine Mitschuld an der Gewalttat. Wir machen ihnen klar, dass allein der Täter dafür verantwortlich ist. Wir arbeiten eng mit den Außenstellen des WEISSEN RINGS zusammen, verweisen die Betroffenen an die entsprechenden Ansprechpartner vor Ort und telefonieren in ganz speziellen Fällen mit den Mitarbeitenden in den Außenstellen. Ich habe größten Respekt vor der Arbeit dort. Die Betroffenen vor sich sitzen zu haben, stelle ich mir emotional noch herausfordernder vor. Bei Bedarf verweisen wir auch auf spezialisierte Unterstützungsangebote. Dabei steht der Wille des Opfers immer im Mittelpunkt.

Blicken Sie durch die ehrenamtliche Arbeit anders auf die Welt?

Ich habe früher sehr viele True-Crime-Podcasts gehört. Das hat sich mit meiner Arbeit am Opfer-Telefon geändert. Mein Bedarf an True Crime ist spürbar gesunken. Heute lege ich großen Wert auf Opfersensibilität und Sachlichkeit bei True-Crime-Formaten. Wenn überhaupt, dann höre ich jetzt sachliche Podcasts wie den von „Aktenzeichen XY“.

Bei einem Spaziergang durch ihr Viertel erzählt sie noch, dass sie neben dem Studium und der ehrenamtlichen Arbeit beim WEISSEN RING viel Sport treibt. Momentan besonders gern auf dem Spinning-Rad und beim Pilates. In der Klausurphase arbeitet sie nur alle zwei Wochen beim Opfer-Telefon. Ansonsten ist sie jede Woche Ansprechpartnerin für Betroffene von Straftaten.

Das Ehrenamt beim Opfer-Telefon ist emotional herausfordernd. Reicht Sport als Ausgleich?

Ich kann mich da sehr gut abgrenzen. Und wenn uns ein Fall belastet, können wir das in der Supervision aufarbeiten. Auch die regelmäßigen Teamtreffen sind hilfreich. Wir gehen einfühlsam miteinander um, egal ob jung oder alt. Erfahrene Kolleginnen und Kollegen stehen uns immer mit Rat und Tat zur Seite. Obwohl wir inzwischen mehr als 100 Leute sind, ist es familiär geblieben. Persönlich habe ich zusätzlich das große Glück, dass ich eine sehr gute Freundin überzeugen konnte, sich ebenfalls beim Opfer-Telefon zu engagieren. Wir wohnen in einer WG, sodass wir uns super austauschen können.

Die unsichtbare Minderheit

Erstellt am: Donnerstag, 12. März 2026 von Sabine

Die unsichtbare Minderheit

Der WEISSE RING kümmert sich auch um gehörlose Kriminalitätsopfer. Aber wie funktioniert die Hilfe konkret? Wie kann der Verein helfen, wenn jemand nicht sagen kann, was passiert ist? Ehrenamtliche aus Kerpen und Hamburg berichten aus der Praxis.

Martin Feist und Bettina Czompel-Feist sind verheiratet und engagieren sich gemeinsam beim WEISSEN RING. Sie betreuen in Nordrhein- Westfalen gehörlose Kriminalitätsopfer und kennen sich in der Gehörlosen-Szene aus.

Die Zahl derer, die Kerpen auf einer Deutschlandkarte finden können, dürfte überschaubar sein, zumindest außerhalb von Nordrhein-Westfalen. Nur wenige Kilometer von Köln entfernt liegt die Stadt mit rund 70.000 Einwohnern im Rhein-Erft-Kreis, recht idyllisch inmitten grüner Felder und Wälder. Die Weihnachtsdeko hängt noch, obwohl es bereits Februar ist, und zwei etwas verloren wirkende Narren irren durch die Gassen der Stadt, auf dem Weg zur nächsten Karnevalsfeier. Hier, im tiefen Westen der Republik, sorgen Bettina Czompel-Feist und Martin Feist dafür, dass die Probleme jener Menschen gehört werden, die selbst nichts hören: Für den WEISSEN RING kümmern sie sich um gehörlose Opfer von Kriminalität.

„Gehörlos sein, das sehen wir nicht“

Der Verein geht damit auf eine Community zu, die ganz besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge braucht. „Denn Gehörlose haben erstmal ein großes Misstrauen gegenüber Hörenden“, sagt Martin Feist. „Das muss man aus ihrer Erfahrung heraus verstehen.“ Die Interaktion mit Hörenden sei oftmals negativ behaftet, das zeige ein einfaches Alltagsbeispiel. „Wenn meine taube Schwiegermutter spazieren geht und ein Radfahrer von hinten kommt, klingelt und sich dann aufregt, weil sie nicht zur Seite geht, dann versteht sie gar nicht, was los ist, und fühlt sich in dem Moment angegriffen“, so der 57-Jährige. „Jeden Mann im Rollstuhl, jede Frau mit Blindenstock erkennen wir sofort. Aber gehörlos sein, das sehen wir nicht.“

Martins Frau Bettina Czompel-Feist ist auch gehörlos und kennt die Schwierigkeiten im Alltag. Die beginnen schon mit der Türklingel – für Hörende das Normalste der Welt. Doch wie soll man wissen, dass jemand vor der Tür steht, wenn man das Läuten nicht hören kann? Die Antwort darauf kann man im Haus der Feists sehen: Betätigt jemand die Klingel, flackern im ganzen Haus Lichtblitze. „Als Kind habe ich zuerst ganz normal gehört, aber mit viereinhalb wurde das Hören immer schlechter. Ich kam dann auf eine Schwerhörigenschule und musste sieben Jahre lang zum Logopäden, um sprechen zu lernen, das war nicht sehr schön für mich“, erinnert sich die 47-Jährige. Mittlerweile trägt Czompel-Feist Cochlea-Implantate, ihre Einschränkung ist ihr dadurch kaum noch anzumerken. Die elektronischen Prothesen stimulieren den Hörnerv direkt und ermöglichen damit das Hören. Dennoch können die Implantate das natürliche Gehör nicht ersetzen, sagt Martin Feist. „In einer ruhigen Umgebung sind Hören und Verstehen kein Problem. Das ändert sich aber bereits, wenn alle Kinder hier sind und schnell mit mir reden. Dann bekommt sie streckenweise nichts mehr mit, dann wird es zu schnell, zu viel, zu laut, zu undeutlich.“

Martin Feist weist darauf hin, dass es wichtig ist, Gehörlosen auch Dinge zu erklären, die für Hörende selbstverständlich sind.

Eine andere Welt

Dass die Welt um sie herum nicht für sie gemacht ist, bleibt vielen Gehörlosen stets im Bewusstsein. Diese Hürde muss sich auch vergegenwärtigen, wer im Opferschutz mit dieser oft unsichtbaren Minderheit zu tun hat. „Nur“ die Sprache zu lernen, reiche nicht aus, wie Martin Feist mit einem Vergleich deutlich macht: „Wenn Menschen einen Japanisch-Kurs machen, können sie auch nicht direkt japanische Opfer beraten. Ich kann sie dann ein Stück weit mehr verstehen, bekomme vielleicht auch ein bisschen mehr Vertrauen. Aber ohne Dolmetscher geht da nichts.“

Diese Rolle übernimmt in dieser besonderen Konstellation in Kerpen Martin Feists Frau. Sie ist mittlerweile seit gut fünf Jahren ehrenamtliche Mitarbeiterin des WEISSEN RINGS. „Ein Glücksgriff für den Verein“, schmunzelt Feist. Er selbst ist vor etwa zehn Jahren beigetreten. Ungefähr zu dieser Zeit startete auch die Gehörlosen-Hilfe im Verein. Mittlerweile haben sie ungefähr fünf bis sechs Fälle im Jahr. „Wir haben es mit Diebstahl, Rufmord, Betrug, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, eigentlich mit der ganzen Bandbreite zu tun“, sagt er.

„Gehörlose sind sehr offen und direkt. Man muss mit ihnen also auch offen und direkt sprechen.“

Bettina Czompel-Feist

Ganz konkrete Unterschiede in der Opferschutzarbeit mit Hörenden gibt es beispielsweise in der Art und Weise, wie kommuniziert wird. „Gehörlose sind sehr offen und direkt“, sagt Bettina Czompel-Feist. „Man muss mit ihnen also auch offen und direkt sprechen.“ Ihr Mann fügt hinzu: „Gehörlose sind nicht unhöflich, sie sagen einfach, was sie wollen. Da gibt es kein ‚Schönschminken‘.“ Dies gelte auch für Themen, die in der Mehrheitsgesellschaft oft als heikel und mit sozialen Tabus belastet gelten, etwa körperliche Merkmale: „Wenn einer mal 20 Kilo zugelegt hat, wird gesagt: ‚Du bist dick geworden.‘ Fertig.“ Auch in der Opferhilfe bedeute diese Direktheit, dass man möglichst klar und schnörkellos kommunizieren muss: „Es braucht eine ganz klare Ansage. Das ist ein völlig anderer Ansatz als das, was viele Opferschützer gewohnt sind“, sagt Feist. Außerdem sei es wichtig, Gehörlosen auch Dinge zu erklären, die für uns selbstverständlich sind – etwa wenn man sich beim Sprechen abwendet. Gehörlose dürfen nie das Gefühl bekommen, man mache sich hinter ihrem Rücken über sie lustig.“

Man dürfe auch nicht den Fehler machen und alle „in einen Topf“ werfen. „Es gibt die Menschen, die komplett gehörlos sind und die das auch sein wollen. Dann gibt es welche, die noch einen Rest Hörvermögen haben und versuchen, in der hörenden Welt unterwegs zu sein. Und dann gibt es noch die, die schon etwas dagegen getan haben, so wie meine Frau. Sie tragen Implantate und gelten in der Gehörlosen-Community auch gar nicht so richtig als gehörlos“, sagt er. Man müsse zudem unterscheiden zwischen Menschen, die früher mal gehört haben, und jenen, die nie gehört haben. „Das grammatikalische Verstehen, das Hörverstehen und das Verständnis von komplexen Zusammenhängen ist ein völlig anderes.“

Bettina Czompel-Feist ist selbst gehörlos. Mit viereinhalb Jahren wurde ihr Gehör immer schlechter. Heute trägt sie Cochlea- Implantate, die Einschränkung ist ihr kaum anzumerken.

Wie wichtig es ist, die Lebensrealitäten der Gehörlosen zu kennen, wenn man gehörlosen Opfern von Kriminalität helfen will, merkten auch die ehrenamtlichen Mitarbeitenden Cornelia Haverkampf und Werner Springer. Die beiden Hamburger hatten vor ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit keinerlei Bezug zur Gehörlosen-Community. Das änderte sich, als sie 2017 ihre ersten Seminare zum Thema besuchten. „Wir waren dann beim Gehörlosenverband in Hamburg und haben den WEISSEN RING vorgestellt. Das führte aber nicht wirklich zum Erfolg. Erst als sich eine Gehörlose meldete und nach ihrer Betreuung Werbung für uns machte, ging es bei uns in Hamburg nach und nach los. Mittlerweile haben wir vier, fünf Fälle im Jahr“, erzählt die 68-Jährige.

Jeder kennt jeden

Etwa 80.000 Gehörlose gibt es laut dem Deutschen Gehörlosen-Bund in Deutschland. Das heißt, rund ein Mensch von tausend ist betroffen. Die Community ist gut verknüpft, sie tauscht sich viel aus. „Sie haben viel Angst vor Tratsch, auch innerhalb der Community.“ Die Opferhelferin vermutet, dass viele sich auch deswegen schwerer Hilfe suchen, wenn etwas passiert. Laut Gehörlosenverband Hamburg leben in der Hansestadt rund 2.000 Gehörlose. Jeder kenne jeden, „wie ein Dorf“. Informationen verbreiten sich wie ein Lauffeuer, nicht nur in Hamburg, sondern auch bundesweit, durch Messengerdienste und die sozialen Medien. „Daher kommen Betroffene auch gerne ins Landesbüro, das ist ein neutraler Ort. Im Café hätten viele zu viel Angst, gesehen zu werden“, so Haverkampf. Hinzu kommt: Im Gegensatz zu einem leisen Gespräch ist eine Unterhaltung in Gebärdensprache im öffentlichen Raum für andere Gehörlose leicht „mitlesbar“. Ohne einen Dolmetscher funktioniere die Opferarbeit aber nicht.

Cornelia Haverkampf betreut in Hamburg gehörlose Kriminalitätsopfer. Sie vermutet, dass sich viele, aus Angst vor Tratsch, schwerer Hilfe suchen, wenn etwas passiert.

Das macht die Terminfindung manchmal schwierig. „Wir fragen immer: ‚Haben Sie einen Dolmetscher Ihres Vertrauens?‘ Das sind ja intimste Geschichten, die sie erzählen, und die meisten haben einen Dolmetscher oder eine Dolmetscherin, mit dem oder der sie regelmäßig unterwegs sind. Aber auch der oder die muss Zeit haben. Da gehen schon mal zwei, drei Wochen ins Land, bis ein Termin steht. Und wenn der dann vereinbart ist und sie kommen, muss man sich ganz auf sie einstellen. Wenn man das auch so spiegelt und sagt: ‚Ich nehme dich so, wie du bist. Jetzt bist du hier und das ist gut‘, dann läuft das eigentlich immer gut“, sagt die Ehrenamtliche. Mittlerweile haben die Hamburger auch eine Liste an Dolmetschern, die sie direkt anrufen können.

„Wir können etwas erreichen, aber in kleinen Schritten“

Cornelia Haverkampf, Werner Springer, Martin Feist und Bettina Czompel-Feist – sie gehören zu den im Moment noch wenigen Ehrenamtlichen, die sich beim WEISSEN RING um gehörlose Opfer kümmern. Sie leisten damit einen wichtigen Dienst, den der Verein nicht überall anbieten kann. Darum warnt Martin Feist auch davor, den WEISSEN RING proaktiv in der Szene zu bewerben. „Denn wir könnten uns in kürzester Zeit selbst alles kaputtmachen“, sagt er. Besser sei es, nur die Fälle anzunehmen, die reinkommen. „Ich glaube, dass wir was erreichen können, aber eben in kleinen Schritten.“

Drei Ersthelfende schenken Kind ein zweites Leben

Erstellt am: Donnerstag, 5. März 2026 von Al-Khanak

Großeinsatz von Rettungskräften und Polizei im Berliner Hauptbahnhof im Mai 2024: Ein Kind muss per Rettungshubschrauber in die Klinik gebracht werden. Foto: picture alliance/Geisler-Fotopress | Bernd Elmenthaler/Geisler-Fotopr

Datum: 05.03.2026

Drei Ersthelfende schenken Kind ein zweites Leben

Zwei Jahre nach einem schweren Unglück am Berliner Hauptbahnhof hat der WEISSE RING drei Ersthelfende für ihren Einsatz geehrt. Durch ihr schnelles und beherztes Handeln retteten sie einem heute sechsjährigen Kind das Leben – ein herausragendes Beispiel für Zivilcourage.

Es ist der 22. Mai 2024, ein Mittwoch. Am Berliner Hauptbahnhof herrscht der übliche Trubel. Doch dann wird gegen 18 Uhr von hier aus mehrfach der Notruf gewählt: Auf Gleis 13 sind eine Frau und ihr Kind von einem einfahrenden Zug erfasst worden. Wegen der Umstände des Unglücks gehen Ermittlungsbehörden von einem Suizid der Mutter aus. Doch weil drei Ersthelfende sofort reagieren, kann das Kind aus dem Gleisbett geborgen werden. Die Erstversorgung und die anschließende, sehr komplexe Operation retten dem Kind das Leben. Heute ist das Mädchen sechs Jahre alt.

Für ihren selbstlosen Einsatz hat das Landesbüro Berlin des WEISSEN RINGS die drei Rettenden, Lars Harms, Valerie Ostermann und Katharina Kentzler, Ende Februar mit dem Ersthelfer-Preis ausgezeichnet. Ihre Geschichte „ist ein inspirierendes Beispiel für den Wert von Zivilcourage und Solidarität. Wir sind stolz und dankbar, solche mutigen Menschen in unserer Gesellschaft zu haben, die bereit sind, ihr eigenes Wohlergehen für das Leben anderer einzusetzen. Ihnen gebührt unsere tiefste Anerkennung und Wertschätzung“, sagt Christine Burck, die stellvertretende Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Berlin.

Zivilcourage der Ersthelfenden hervorgehoben

Lars Harms sprang ins Gleisbett, um das schwerstverletzte Kind zu retten. Katharina Kentzler, die als Ärztin bei der Bundeswehr arbeitet, stieg ebenfalls ins Gleisbett und leistete die lebensrettende Erste Hilfe, bis der Notarzt vor Ort war. Unterstützt wurden sie von Valerie Ostermann, einer Soldatin im Sanitätsdienst. Sie beteiligte sich an der Ersten Hilfe und der Bergung des Kindes. Ihr „schnelles und professionelles“ Handeln, betont Burck, habe dazu beigetragen, das Kind zu retten.

Kentzler wollte gerade nach einem langen Arbeitstag mit der Bahn nach Hause fahren, als sie einen Mann im Gleisbett schreien hörte, erzählt sie dem WEISSER RING Magazin. Bei dem Helfer handelte es sich um Harms. In diesem Moment habe sie dort auch das Kind gesehen. „Ich habe gar nicht nachgedacht, bin ebenfalls auf die Gleise gesprungen und habe ebenfalls gerufen, dass wir Hilfe brauchen.“

Auch Ostermann war dienstlich in Berlin und gerade auf dem Heimweg, erzählt sie dem WEISSER RING Magazin. Als sie das Unglück wahrgenommen habe, sei ihr erster Gedanke gewesen, dass jede Hilfe zu spät komme. Die Erkenntnis, dass das Kind noch am Leben war, „hat bei mir sofort einen Schalter umgelegt“: Sie habe sich gemeinsam mit Kentzler um das Mädchen gekümmert, bis die Rettungskräfte eintrafen.

Große Hilfsbereitschaft am Bahngleis

Für Kentzler war es selbstverständlich, in der Situation zu helfen. „Das sollte jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten tun“, betont sie, „aber man darf dabei nicht den Eigenschutz vergessen.“ Positiv sei gewesen, dass alle Menschen auf dem Bahnsteig sich hätten einbringen und helfen wollen, niemand habe zum Beispiel voyeuristisch Videos gedreht oder gegafft.

Ostermann sieht das ähnlich. Natürlich bringe es ihr Beruf als Soldatin im Sanitätsdienst mit sich, in einer solchen Situation aus eigenem Antrieb heraus zu handeln. Sie habe Verständnis für Menschen, die in einer Lage wie dieser in eine Art Schockstarre verfallen. Ostermann betont aber auch, dass Unfälle oder medizinische Notfälle jeden Tag und an jedem Ort geschehen könnten. Deshalb sei es wichtig, in jedem Fall zumindest Hilfe zu holen.

Die stellvertretende Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS, Christine Burck, erzählt, das Kind lebe heute „ein beinahe sorgenfreies Leben“ in einer Pflegefamilie und blicke dank zahlreicher ärztlicher Behandlungen optimistisch in die Zukunft. „Dieses Happy End wäre ohne den beherzten Einsatz der drei Ersthelfer nicht möglich gewesen“, sagt sie. „Sie haben nicht nur Zivilcourage gezeigt, sondern ihr unermüdlicher Einsatz und ihre schnelle Reaktion haben buchstäblich Leben gerettet.“ Harms, Ostermann und Kentzler hätten dem Kind ein zweites Leben geschenkt.

Ehrung Ersthelfer Erste Hilfe Berlin Hauptbahnhof WEISSER RING

Geehrt wurden Harms, Ostermann und Kentzler von Burck, dem ehrenamtlichen Mitarbeiter des WEISSEN RINGS und ehemaligen Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, Rolf Schmachtenberg, sowie von Georg Heidelbacher, Koordinator für Großschadensereignisse im Landesbüro Berlin. Sie erhielten jeweils eine Urkunde und einen Präsentkorb. An der Veranstaltung nahmen zudem die beiden ermittelnden Kriminalbeamten der 8. Mordkommission, Uwe Isenberg und Holger Pienitz, teil.

Emotionales Wiedersehen beim WEISSEN RING

Ostermann erzählt, es sei ein besonderes, emotionales Treffen in den Räumen des WEISSEN RINGS in Berlin gewesen. Zwischen ihrer Familie und der des Mädchens ist inzwischen ein enger Kontakt entstanden; so ist sie zum Beispiel zur Einschulung des Kindes eingeladen. Für Kentzler war es wichtig, das Mädchen und die anderen Helfenden zwei Jahre nach dem Unglück wiederzusehen. „Das war überwältigend“, betont sie. Sie sei dankbar, dass der WEISSE RING und die Polizei die Helfenden, das Mädchen sowie seine Pflegefamilie erneut zusammengeführt haben. „So kann ich mit der Sache abschließen und sehen: Am Ende ist alles gut gegangen.“

 

Wenn Sie unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leiden, sollten Sie sich unverzüglich ärztliche und psychotherapeutische Hilfe holen. Bitte wenden Sie sich an die nächste psychiatrische Klinik oder rufen Sie in akuten Fällen den Notruf an unter 112. Eine weitere Kontaktmöglichkeit ist die Telefonseelsorge unter der Nummer 0800-1110111. Hilfsmöglichkeiten finden Sie außerdem unter www.deutsche-depressionshilfe.de.

Bundesgeschäftsführerin Bianca Biwer wechselt zum Festspielhaus Baden-Baden

Erstellt am: Dienstag, 20. Januar 2026 von Sabine

„Ich gehe mit vielen guten Erinnerungen und großer Dankbarkeit für über zwölf wundervolle Jahre mit vielen großartigen hauptamtlichen wie ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen“, sagt Bianca Biwer.

Datum: 20.01.2026

Bundesgeschäftsführerin Bianca Biwer wechselt zum Festspielhaus Baden-Baden

In der Bundesgeschäftsführung des WEISSEN RINGS, Deutschlands größter Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, kommt es zu Veränderungen.

Nach mehr als zwölf Jahren verlässt Bianca Biwer Ende Mai den Verein, um sich einer neuen Herausforderung als Geschäftsführerin des Festspielhauses Baden-Baden zu stellen.

“Die Arbeit für den WEISSEN RING war immer ausgesprochen erfüllend. Betroffenen von Straftaten zu helfen, ihnen eine Stimme zu geben und Druck auf die Politik zu machen, um Opferschutz zu verbessern – das ist heute ebenso wichtig wie vor 50 Jahren, als der Verein gegründet wurde“, sagt Bianca Biwer. „Die Entscheidung, den WEISSEN RING zu verlassen, ist mir daher nicht leichtgefallen. Ich gehe mit vielen guten Erinnerungen und großer Dankbarkeit für über zwölf wundervolle Jahre mit vielen großartigen hauptamtlichen wie ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen.“

"Bianca Biwer ist eine der treibenden Kräfte des WEISSEN RINGS."

Barbara Richstein

“Ich bedauere den Weggang von Bianca Biwer sehr“, sagt Barbara Richstein, Bundesvorsitzende des WEISSEN RINGS. „Bianca Biwer ist eine der treibenden Kräfte des WEISSEN RINGS. Ihr unermüdliches Engagement, gepaart mit enormem Sachverstand und menschlichem Einfühlungsvermögen, haben den Verein nachhaltig geprägt. Für ihren jahrelangen Einsatz danke ich ihr sehr und wünsche ihr für die Zukunft beruflich wie privat alles erdenklich Gute.“

In Biwers Zeit als Bundesgeschäftsführerin fallen viele Erfolge des WEISSEN RINGS, an denen sie maßgeblich mitgewirkt hatte:

Beispielsweise ist es auch dem ständigen Druck des Vereins zu verdanken, dass die Bundesregierung die elektronische Fußfessel gegen häusliche Gewalt auf den Weg gebracht hat. Für diesen wichtigen Schritt zum Schutz von Opfern haben sich der WEISSE RING und Biwer jahrelang eingesetzt.

Auch die Opferentschädigung wurde in dieser Zeit grundlegend reformiert, seit Januar 2024 ist sie im Sozialgesetzbuch XIV geregelt. Die Reform sieht unter anderem höhere Entschädigungssummen und ein „Fallmanagement“ vor, das Betroffene besser begleiten soll. Der WEISSE RING hatte sich für eine Gesetzesnovelle eingesetzt und daran maßgeblich mitgearbeitet. „Worauf der Verein auch weiterhin achten wird, ist allerdings die Umsetzung dieses eigentlich sehr guten Gesetzes. Bisher läuft diese nämlich mangelhaft“, sagt Biwer.

Die Ausarbeitung eines Leitfadens für Opferschützer nach Großereignissen fand ebenfalls unter Biwers Führung statt. Unter dem Eindruck des Terroranschlags am Berliner Breitscheidplatz 2016 entstand dieser Leitfaden, damit die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach solchen Gewalttaten schnell und unbürokratisch helfen können.

Auch hat der Verein in dieser Zeit seine Position gegenüber Extremisten gestärkt: Dass die Unvereinbarkeit von extremistischen Ansichten und der Arbeit für den WEISSEN RING in der Satzung der Organisation verankert wurde, ist ein starkes Signal für demokratische Werte. Auch im Kampf gegen Hass und Hetze wurde Biwer nicht müde, hielt unter anderem zahlreiche Vorträge dazu. „In einer freiheitlichen Gesellschaft können und dürfen wir nicht akzeptieren, dass Gewalt zum Alltag gehört“, sagt Biwer.

Die Nachfolge an der Spitze des WEISSEN RINGS steht noch nicht fest. „Wir befinden uns aber in einer guten Position, um bei der weiteren Planung mit der notwendigen Ruhe und Sorgfalt vorgehen zu können“, sagt Barbara Richstein. Für die Übergangsphase ist der Verein mit den Geschäftsleitern und langjährigen Führungskräften sehr gut aufgestellt.

Richard Oetker wird 75 Jahre alt – der WEISSE RING sagt Danke

Erstellt am: Montag, 29. Dezember 2025 von Selina
Richard Oetker wird 75 Jahre

75. Geburtstag von Richard Oetker am 4. Januar 2026. Foto: Dr. August Oetker KG

Datum: 29.12.2025

Richard Oetker wird 75 Jahre alt – der WEISSE RING sagt Danke

Richard Oetker, Urenkel des Firmengründers Dr. August Oetker, wird am 4. Januar 2026 75 Jahre alt. Der WEISSE RING wünscht Richard Oetker alles Gute und dankt ihm für sein großes Engagement.

Als Familienunternehmer ist Richard Oetker nicht nur für den Erfolg der Oetker-Gruppe mitverantwortlich, sondern unterstützt seit 2002 auch die Arbeit des WEISSEN RINGS. Seit Frühjahr 2025 befindet er sich im Ruhestand, ist für den WEISSEN RING aber dennoch als Mitglied des Bundesvorstands sowie als Vorstandsvorsitzender der WEISSER RING Stiftung da. „Der WEISSE RING versucht, den Blick der Politik und der Öffentlichkeit darauf zu lenken, dass dem Opferschutz mehr Aufmerksamkeit geschenkt und mehr Geld dafür bereitgestellt wird“, sagte Richard Oetker über den Verein.

Vor allem an der Gründung der Stiftung im Jahr 2012 war er maßgeblich beteiligt. Diese dient dazu, die Arbeit des WEISSEN RINGS nachhaltig zu fördern und zusätzliche Projekte, etwa in der Forschung, zu ermöglichen. Die Stiftung unterstützt beispielsweise finanziell und sensibilisiert die Gesellschaft für Opferhilfe sowie Kriminalprävention. „In der Geschichte des WEISSEN RINGS bedeutet die Gründung der Stiftung einen besonderen Meilenstein“, erklärte Oetker.

Mit eigener Geschichte anderen Mut machen

Richard Oetkers großer Einsatz für den Opferschutz in Deutschland hängt mit seiner eigenen Geschichte zusammen. Im Jahr 1976 wurde der damalige Student entführt. Der fast zwei Meter große Mann wurde in eine nur circa 1,50 Meter große Kiste gesperrt. Hände und Füße waren gefesselt und die Handschellen an Strom angeschlossen. „Es ist ganz interessant zu sehen, dass ein Körper Kräfte in sich trägt, von denen man vorher nichts weiß“, sagte Richard Oetker über die Tat und sein Überleben. Er sprach von schlummernden Kräften, die in einer Notsituation freikommen.

Nach 48 Stunden wurde er freigelassen, doch die Enge der Kiste und die Stromschläge verursachten schwere körperliche Schäden. Die Schmerzen konnten ihm seine Stärke und seinen Lebensmut aber nie nehmen.

Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS, sagt über Oetker:

„Er ist eine beeindruckende Persönlichkeit, die sich nicht hat brechen lassen. Er hat sich trotz allem ein selbstbestimmtes Leben zurückgeholt und macht mit dem öffentlichen Erzählen seiner Geschichte anderen Opfern Mut.“

Neben seiner Arbeit für die WEISSER RING Stiftung trat Oetker regelmäßig öffentlich auf, um in Vorträgen und Interviews über seine Erfahrungen zu sprechen. Ihm ist es wichtig, die Situation von Betroffenen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken und für mehr Unterstützung zu werben. „Wir danken ihm herzlich für seine wertvolle Arbeit und seinen öffentlichen Einsatz, der uns in großem Maße unterstützt“, sagt Bianca Biwer und wünscht Oetker alles Gute zum 75. Geburtstag.

Auszeichnungen für sein Engagement

Richard Oetker erhielt für sein besonderes Engagement mehrere Preise: Im Jahr 2008 wurde er mit dem Courage-Preis des Vereins Komitee Courage Bad Iburg e. V. ausgezeichnet, 2011 mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen und 2013 mit dem Ehrenpreis des Deutschen Nachhaltigkeitspreises. 2022 verlieh der Bundespräsident Oetker das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.