„Ich bin eine Gerechtigkeitsfanatikerin“

Erstellt am: Montag, 27. Juli 2026 von Sabine

„Ich bin eine Gerechtigkeitsfanatikerin“

Helgard van Hüllen engagiert sich seit 33 Jahren beim WEISSEN RING – konkret für Opfer in der Außenstelle Bad Tölz-Wolfratshausen und allgemein für einen besseren Opferschutz auf Bundes- und Europa-Ebene.

Helgard van Hüllen übernimmt noch die Außenstellenleitung in Bad Tölz-Wolfratshausen. Im Landes- und Bundesvorstand ist sie heute nicht mehr aktiv.

Als Helgard van Hüllen in den 60er-Jahren Jura studierte, war ganz klar der Täter im Mittelpunkt. „Nur ein Strafrechtsprofessor gab zu bedenken, dass Richter sich fragen sollten, wer wohl schutzwürdiger ist: der Täter oder das Opfer, vielleicht auch mögliche weitere?“, erinnert sich van Hüllen. Diese Frage ließ sie ihr Leben lang nicht los. Rund 60 Jahre später sitzt Helgard van Hüllen in ihrem Haus in Gaißach im oberbayerischen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Seit 1993 ist sie ehrenamtliche Mitarbeiterin beim WEISSEN RING, seit 2001 leitet sie die Außenstelle. Inzwischen ist sie 83 Jahre alt. Ein Beckenbruch im Januar macht ihr noch zu schaffen. Wenn sie vom Sofa aufsteht, bleibt sie kurz stehen, bis die Schmerzen nachlassen, bevor sie losgeht. „Wird schon wieder“, sagt sie und zuckt mit den Schultern.

Sich engagieren statt schimpfen

Van Hüllen ist schon immer eine Macherin. Sie wurde in Berlin geboren und wuchs zunächst auf dem Bauernhof in Schleswig-Holstein auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Familie nach Leverkusen und schließlich nach Krefeld. Als eine von wenigen Frauen studierte sie damals Jura, erst in Freiburg, dann in Berlin; in Münster promovierte sie schließlich im Arbeitsrecht. „Ich wollte keine Rechtsanwältin werden, weil ich nicht einseitige Interessen vertreten wollte“, sagt sie. „Ich bin eine Gerechtigkeitsfanatikerin. Wahrscheinlich habe ich das von meinem Vater mitgekriegt.“

Schon während ihres Studiums wollte sich van Hüllen, damals noch in Krefeld, politisch engagieren – „statt immer nur auf die Politik zu schimpfen“, sagt sie und grinst. Sie schrieb die Kreisverbände von CDU, SPD und FDP an und stellte allen dieselben Fragen: Was geht vor, die Gemeinschaft oder das Individuum? Und wenn die Gemeinschaft vorgeht, wie definieren Sie das Allgemeinwohl? „Eine Partei schickte einen Aufnahmeantrag, die andere ihr Programm, nur die Konrad-Adenauer-Stiftung hat anständig geantwortet.“ Die Antwort der parteinahen Stiftung hat sich für die örtliche CDU mehr als gelohnt: Für sie saß van Hüllen später im Stadtrat sowie im Schul- und Kulturausschuss in Krefeld. Ende der 70er zog sie mit ihrem Mann ins bayerische Gaißach, weil er in der Nähe eine Stelle angenommen hatte. Hier setzte sie ihr politisches Engagement fort: Zehn Jahre lang war sie für die CSU Kreisvorsitzende der Frauen-Union im Kreisverband Bad Tölz-Wolfratshausen.

„Manchmal entsteht der Eindruck, dass Opfer in erster Linie Geld sehen wollen, doch das Wichtigste ist, dass man ihnen zuhört.“

Helgard van Hüllen

In Gaißach suchte sie 1993 ein Ehrenamt und stieß dabei auf einen Artikel über die Opferarbeit des WEISSEN RINGS. Sie erinnerte sich an die Worte ihres Strafrechtsprofessors und meldete sich bei der Außenstelle Bad Tölz-Wolfratshausen. Schnell wurde sie als Mitarbeiterin ausgebildet.

Manchmal half sie Opfern auf unkonventionelle Weise

Lieber als über sich spricht van Hüllen über die Opfer, denen sie manchmal auf unkonventionelle Art geholfen hat. Eine Verkäuferin, die im Geschäft überfallen worden war, konnte danach nicht mehr in den Beruf zurück und brauchte für die Umschulung einen Computer. Van Hüllen fragte im Bekanntenkreisherum, wer zu Hause ein Gerät stehen hat, das nicht mehr benötigt wird. Zwei ältere Damen wussten nicht, wie sie ihr Grundstück in Ordnung halten sollten, nachdem der Ehemann der einen Opfer einer Gewalttat geworden war, also beantragte sie Geld für einen elektrischen Rasenmäher. „Manchmal entsteht der Eindruck, dass Opfer in erster Linie Geld sehen wollen, doch das Wichtigste ist, dass man ihnen zuhört und dass sie als Opfer ernstgenommen und anerkannt werden“, sagt van Hüllen. „Danach kommt der Zugang zu Informationen, dann erst das Geld.“

Von der Außenstelle in Oberbayern bis auf die Europa-Ebene

Van Hüllens Talent und Einsatz wurden schnell bemerkt. 1998 wurde sie in den Bundesvorstand des WEISSEN RINGS gewählt, mehr als 20 Jahre war sie stellvertretende Bundesvorsitzende. Viele Jahre engagierte sie sich auch auf europäischer Ebene, baute Netzwerke für Opferarbeit und Kriminalprävention auf und aus und setzte sich für Projekte wie das Opfer-Telefon und einen Arbeitskreis gegen sexualisierte Gewalt ein. Bis 2020 war sie Vizepräsidentin des Dachverbands der europäischen Opferhilfeorganisationen, Victim Support Europe (VSE). In dieser Funktion setzte sie unter anderem die Richtlinie 2012/29/EU des Europäischen Parlaments und des Rates mit durch, die festlegte, dass Opferhilfe und auch deren Leitung ehrenamtlich organisiert sein darf. „Da bin ich bis heute stolz darauf“, sagt sie. „Für die Opfer macht es einen großen Unterschied, dass jemand für sie da ist, der nicht beruflich dazu verpflichtet ist, sondern helfen will, der nicht in der Amtssprache von Polizisten, Juristen, Ärzten oder Verwaltungsleuten spricht, sondern ‚wie du und ich‘.“

Anerkennung für ihre Arbeit – und die ihrer Teams

Seit ihrem Ruhestand 2007 baute sie ihr Engagement weiter aus und setzt sich auch für andere Vorhaben ein, zum Beispiel einen Verein für soziale Projekte in Südmarokko. Im vergangenen Jahr nahm sie an einem Firmenlauf teil. Freude macht ihr außerdem der Gemüsegarten neben dem Haus, in dem sie alleine lebt, seit ihr Mann verstorben ist. Im Laufe der Jahre wurde van Hüllen mehrfach für ihren Einsatz ausgezeichnet. 2010 erhielt sie den Deutschen Bürgerpreis, 2013 das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2019 die Bayerische Verfassungsmedaille in Silber und im vergangenen Dezember die Isar-Loisach-Medaille.

In ihrem Haus in Gaißach führt sie nun zu einem Bild, das noch an der Wand im Flur lehnt: eine Collage aus Fotos von VSE-Mitgliedern, die den Schriftzug ergeben: „You will always be part of our family“, dazu Grüße und Wünsche. „Das muss ich natürlich aufhängen!“ Was bedeuten ihr die Auszeichnungen? „Früher hätte ich gesagt nichts“, sagt sie, „aber sie gelten ja immer dem Team, und wenn jemand merkt, was wir alle leisten, freue ich mich über die Anerkennung.“ Die Auszeichnungen zeigten, wie viel sich in der Opferhilfe getan hat, sagt van Hüllen. „Aber es ist immer noch viel zu tun.“

Der leise Ermutiger

Erstellt am: Freitag, 17. Juli 2026 von Sabine

Der leise Ermutiger

Er hat die Sozialpolitik in Deutschland als Staatssekretär aus dem Hintergrund mitgestaltet – und übernimmt nun Verantwortung für die Opferhilfe: Rolf Schmachtenberg ist der neue Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Berlin. Der 67-Jährige bringt politische Erfahrung sowie fachliche Tiefe mit und hat ein Ziel: Opfer von Verbrechen stärken und sie sichtbar machen.

Rolf Schmachtenberg ist der neue Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Berlin. Bei der Wahl hat er mit 52 von 52 Stimmen ein eindeutiges Ergebnis erzielt.

Ende April, ein Samstag, 8.57 Uhr. Noch drei Minuten, dann beginnt die Berliner Landestagung des WEISSEN RINGS. Der Saal in dem Tagungshotel ist modern-funktional eingerichtet: Betonoptik, dunkelblau-grüne Wände, großflächige Kunstwerke. Vorne in der ersten Reihe sitzt Rolf Schmachtenberg. Dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte. Vor ihm ein rotes Notizbüchlein, das er immer wieder aufschlagen wird, um mitzuschreiben: konzentriert, präzise, akribisch.

Schmachtenberg ragt heraus. Schon allein körperlich: 1,97 Meter misst er. Doch an diesem Tag sticht er nicht nur wegen seiner Größe hervor: 52 von 52 Stimmen – so ein eindeutiges Ergebnis erzielt er bei seiner Wahl zum Berliner Landesvorsitzenden. Ein Ergebnis, das den 67 Jahre alten Schmachtenberg „freudig überrascht“ hat, wie er sagt. Das Votum sieht er aber auch als Verpflichtung: „Ich muss, wir, der Vorstand, müssen nun auch liefern.“

An dem sonnigen Frühlingstag liegt Abschied in der Luft: Bianca Biwer, die scheidende Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS, sagt den Berliner Ehren- und Hauptamtlichen mit warmen Worten Adieu. Auch Schmachtenbergs Vorgängerin, Manuela Krahl-Röhnisch, lässt die vergangenen vier Jahre als Landesvorsitzende Revue passieren. Es fließen Tränen. Dass aus Wehmut kein tiefes, schwarzes Loch wird, liegt auch an Schmachtenberg. Zum einen verteilt er schnell und fast beiläufig Taschentuchpackungen mit dem Logo des Opferhilfevereins. Zum anderen hat der Berliner Verband mit seinem neuen Vorsitzenden einen Mann mit reichlich Erfahrung für eine Führungsposition gewinnen können.

Schmachtenberg wird 1959 in Aachen geboren. Daher seine Vorliebe für Karl den Großen, sagt er mit einem Augenzwinkern. Doch die nordrhein-westfälische Stadt ist ihm irgendwann zu klein. Er geht zum Mathematikstudium nach Heidelberg und Paris; 1989 promoviert er in Mannheim als Volkswirt. Sein Engagement in der Friedensbewegung prägt ihn politisch und führt ihn nach Berlin. Die Mauer ist gefallen, vieles im Umbruch. Schmachtenberg wird Anfang 1990 Referent der DDR-SPD. Kurze Zeit später tritt er in Pankow den Sozialdemokraten bei – der Beginn einer Laufbahn, die ihn tief in die Sozialpolitik führt, die er dann über Jahrzehnte mitgestalten wird.

Er wird Referent für Arbeit und Soziales in dem dafür zuständigen Ministerium der DDR unter der beliebten und über Parteigrenzen hinweg geachteten SPD-Politikerin Regine Hildebrandt. Ihr folgt er noch im selben Jahr bis Ende 2001 ins brandenburgische Arbeitsministerium. Im Januar 2002 wechselt Schmachtenberg ins Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung. Dort ist er zuerst als Unterabteilungsleiter und später als Abteilungsleiter im Bereich Arbeitsmarktpolitik aktiv, bis er zur Kriegsopferversorgung versetzt wird. Zuletzt ist er von 2018 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2025 als Staatssekretär zusätzlich vor allem für die Politik für Menschen mit Behinderungen sowie die gesetzliche und betriebliche Rente zuständig.

Geduld und ein Plan B

Als Staatssekretär lernt Schmachtenberg 2010 das Opferentschädigungsgesetz kennen. „Mir wurde schnell klar, dass es zwar sehr umfangreiche Versorgungsleistungen vorsieht, aber nichts an schnellen Hilfen, wie sie Opfer von Gewalttaten benötigen.“ Er habe deshalb einen Fachdialog mit seinen Kolleginnen und Kollegen im Bundesarbeitsministerium und externen Fachleuten initiiert, wie das Recht neu aufgestellt werden könnte. Daraus resultiert 14 Jahre später das SGB XIV. Zwischen 2014 und 2018 wird der Gesetzentwurf erarbeitet. Im Anschluss sorgt Schmachtenberg dafür, dass er alle drei gesetzgeberischen Hürden nimmt: Bundeskabinett, Bundestag und vor allem Bundesrat. „Dabei muss man auf der Wegstrecke Kompromisse in alle Richtungen eingehen“, betont er. „Wichtig für den Erfolg war, dass nach intensiven Abstimmungen der WEISSE RING das Vorhaben klar unterstützte. Das war von hohem Wert, um die Bundesländer zur Zustimmung zu bewegen.“

In Prozessen wie diesen empfindet Schmachtenberg Kritik nicht als Angriff, sondern als „hilfreich, solange sie nicht verletzend und zynisch ist“. Gerade in der Politik für Menschen mit Behinderungen habe er gelernt, wie wichtig unterschiedliche Perspektiven seien. „Das ist oft arbeitsintensiv und anstrengend“, sagt er. „Aber die Mühe lohnt sich, wenn man zu besseren Ergebnissen kommen will.“ Politische Prozesse beschreibt Schmachtenberg als ein System aus Hindernissen und Ausweichrouten: Wer beispielsweise ein zustimmungspflichtiges Gesetz durch den Bundesrat bringen wolle, müsse mögliche Widerstände früh erkennen und mitdenken. Es sei gut, immer einen Plan B zu haben, sagt er. Manchmal aber helfe selbst das nicht. Dann brauche es Geduld. Im Extremfall könne es besser sein, ein Vorhaben nicht weiterzuverfolgen und erst einmal abzuwarten

Warum im Jahr 2010 der Schritt in den WEISSEN RING? Schmachtenberg antwortet pragmatisch: „Bei meinem Wechsel von der Arbeits- in die Sozialpolitik fand ich es gut zu wissen, wie die Beratungsarbeit des WEISSEN RINGS funktioniert.“ 2020 macht er die Qualifizierung zum ehrenamtlichen Opferberater. Vier Opferberatungen habe er übernommen, erzählt Schmachtenberg, eigentlich keine dramatischen Fälle, wie er betont. Und doch bleiben sie ihm im Gedächtnis.

„Mein Ziel ist es, dass der WEISSE RING als zentraler Akteur für die Opfer von Kriminalität stärker wahrgenommen wird.“

Rolf Schmachtenberg

„Ich empfand die Arbeit als beeindruckend und sehr fordernd. Man sitzt mit den Opfern zusammen, ist mit ihren Lebensgeschichten konfrontiert, mit dem, was sie erleben mussten, und soll dann einen hilfreichen Beitrag beisteuern.“ Eine anspruchsvolle Aufgabe, die sich zeitlich kaum mit seiner Tätigkeit als Staatssekretär vereinbaren lässt. „Deshalb habe ich einen riesigen Respekt vor denen, die diese ehrenamtliche Arbeit leisten.“

Respekt vor ehrenamtlicher Arbeit

Vielleicht erklärt dies auch das Zögern Schmachtenbergs, den Landesvorsitz von Manuela Krahl-Röhnisch zu übernehmen. Ende 2020 wird er das erste Mal gefragt. Mit Verweis auf seine berufliche Tätigkeit als Staatssekretär lehnt er zunächst ab. „Doch seitdem war die Idee in mir eingepflanzt.“ Nach seinem Ruhestand sei es die Hartnäckigkeit von Krahl-Röhnisch gewesen, die ihn überzeugt hätte, die neue Rolle anzunehmen. Vorbereitet hat er sich darauf lange. Er sei bereits seit einiger Zeit „mitgelaufen“, wie Krahl-Röhnisch erzählt.

Den WEISSEN RING hält Schmachtenberg für den zentralen Akteur, um die Rechte von Opfern zu stärken. „Opfer von Gewalt zu werden, ist furchtbar: Ohnmacht und Scham lähmen, Hilfe fehlt oft oder ist nicht erreichbar.“ Deshalb brauche es den WEISSEN RING, der diese Hilfe anbiete – „ehrenamtlich-fachlich, uneigennützig und unabhängig“. Der Verein sei die Institution, die sich ausschließlich für die Belange der Opfer einsetze. „Und dies will ich mit meinen Kräften unterstützen.“

Ziel müsse es sein, „dass wir es schaffen, mehr Opfer zu ermutigen, Unterstützung anzunehmen und zu sprechen“. Schmachtenberg ist überzeugt: Dies könnte Täter von ihrem Tun abhalten. „Denn das Schweigen der Opfer ist der beste Schutz der Täter“, betont er. Fänden die Opfer hingegen ihre Stimme, werde das Dunkelfeld ein wenig heller. „Wir sind gut in Prävention und Opferberatung, können also einen Beitrag leisten für eine friedvollere Gesellschaft.“

Mit kleinen, kaum sichtbaren Gesten

Schmachtenberg weiß, dass auch innerhalb der Opferhilfeorganisation Veränderungen nötig sind. Zwar feiert der Verein in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen. Doch der „Schwung der Aufbaujahre ist verflogen“, sagt er. Der Verein brauche „mehr Mitglieder, mehr Geld, mehr ehrenamtliche Opferberaterinnen und -berater“. Schmachtenberg betont: „Mein Ziel ist es, dass der WEISSE RING als zentraler Akteur für die Opfer von Kriminalität noch stärker wahrgenommen wird.“

Zurück im Tagungssaal. Schmachtenberg zeigt mit kleinen, kaum sichtbaren Gesten, wie er den Landesverband führen will. Als eine Referentin den versammelten Mitgliedern des WEISSEN RINGS eine Einstiegsfrage stellt, antwortet Schmachtenberg zuerst und bricht so das Eis. Seine Vorstellungsrede beginnt mit einem Scherz: „Sitzen alle gut? Jetzt kommt eine lange Rede.“ Doch sie bleibt kurz und klar, mit einer ehrlichen Standortbestimmung und offen kommunizierten Zielen. Sie ist auch persönlich, nahbar: Wohnhaft in Moabit, verheiratet, „drei oder fünf erwachsene Kinder. Je nach Zählweise.“. Sein Ehemann hat zwei Kinder mit in die Ehe gebracht, Schmachtenberg einen Sohn. Und dieser hat wiederum zwei Halbgeschwister. Eine nicht alltägliche Familie, Schmachtenberg erzählt davon fast beiläufig. Mit dem jüngeren seiner Söhne war Schmachtenberg kürzlich einen Monat in Indien unterwegs, der Heimat seines Ehemanns. Deshalb, sagt Schmachtenberg, „essen wir in der Regel zu Hause auch indisch“.

Im Ruhestand weiter politisch

Im Ruhestand bleibt Schmachtenberg politisch. Mit einem Augenzwinkern nennt er sich einen „freien Radikalen“, weil er sich vor allem beim Thema Alterssicherung weiter einbringt. Nicht als Strippenzieher hinter den Kulissen, sondern als Mahner und Mutmacher. Er schreibt Essays, in denen er zum Beispiel vor den Stimmen warnt, die das aktuelle Rentensystem am Ende sehen, und macht Gegenvorschläge. Er hat eine Beratungsfirma beim Finanzamt angemeldet, über die er Vorträge im Bereich der Sozialpolitik hält. Ein Nachklapp zu seinem Berufsleben sei das. Doch mit seiner Wahl zum Berliner Landesvorsitzenden des WEISSEN RINGS schlägt er nun ein neues Kapitel auf: „Jetzt habe ich ein neues Mandat und eine neue Aufgabe.“ Klar ist: Die ersten Seiten seines roten Notizbuches sind gefüllt. Viele weitere werden folgen. Für die Opfer von Kriminalität und Gewalt.

„Der gemeinsame Nenner bleibt“

Erstellt am: Mittwoch, 15. Juli 2026 von Sabine

„Der gemeinsame Nenner bleibt“

Benedikt Wemmer ist seit 2013 beim WEISSEN RING, in den vergangenen vier Jahren auch als Sprecher der Jungen Mitarbeitenden im Bundesvorstand. Jetzt ist er 36 und blickt im Jubiläumsjahr zuversichtlich auf die Herausforderungen der Zukunft.

Benedikt Wemmer kümmert sich vor allem um Prävention und Öffentlichkeitsarbeit.

Während des Interview-Spaziergangs in Münster geht es am Haus des Mannes vorbei, der 2018 einen Kleinbus auf die voll besetzte Terrasse einer Gaststätte in der Innenstadt lenkte, vier Menschen tötete und Dutzende schwer verletzte. Benedikt Wemmer hat damals in der Außenstelle Münster viele Opfer betreut.

Wie haben Sie 2018 von der Amokfahrt erfahren?

Ich war an diesem Samstag zu Hause, als die Tickermeldung kam. Mir war schnell bewusst, dass das ein Fall war, bei dem man alles stehen und liegen lässt. Wir hatten uns beim WEISSEN RING nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz 2016 Gedanken gemacht, wie wir mit solchen Großereignissen umgehen. Ich habe damals direkt den Landesvorsitzenden kontaktiert und gesagt: Ich glaube, wir haben so einen Fall. In der Außenstelle Münster lief es dann sehr gut dafür, dass wir noch nicht solche professionalisierten Strukturen für Großlagen hatten wie heute. Wir haben damals Schwerverletzte, Angehörige und traumatisierte Augenzeugen betreut. Der WEISSE RING hat 25.000 Euro an Soforthilfen ausgezahlt – unter anderem für Reisekosten, um Angehörige in Münsteraner Krankenhäusern zu besuchen, oder um Notlagen durch Verdienstausfall abzumildern.

Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Die Menschen sind mir alle in Erinnerung geblieben, weil es eine Besonderheit war. Was mich nachhaltig beeindruckt hat, war ein betroffenes Paar, das in Münster Urlaub gemacht hat. Die Frau war schwer verletzt, der Mann leicht. Die beiden waren schon lange ein Paar und haben in Münster im Krankenhaus spontan geheiratet – nur mit Ersthelfern und allen, die ihnen diese schlimme Zeit erleichtert haben. Sie wollten nicht jedes Mal zusammenzucken, wenn sie den Münster-Tatort sehen. Stattdessen haben sie die Stadt mit etwas sehr Positivem verknüpft. Das war ein sehr schöner und gleichzeitig beeindruckender Moment. Davon ein Teil zu sein, war etwas ganz Besonderes.

„Ich bin offen und werde mich weiter im Verein einbringen. Mir geht es aber nicht um Posten, sondern darum, etwas zu bewirken.“

Benedikt Wemmer

Über die Freiwilligenagentur war Wemmer 2013 auf den WEISSEN RING gestoßen. Nachdem er in den ersten Jahren Opferfälle begleitete, ist er heute vor allem in der Prävention und Öffentlichkeitsarbeit tätig. Das Ehrenamt ist für den verheirateten Vater zweier Töchter ein guter Ausgleich zum Berater-Job. Der Jurist arbeitet für eine Kanzlei, die auf Zoll- und Außenhandelsrecht spezialisiert ist.

Sie haben sich bei den Jungen Mitarbeitenden engagiert, sind als Sprecher in den Bundesvorstand gewählt worden. Jetzt sind Sie 36 und demnach kein junger Mitarbeiter mehr. Wie geht es weiter?

Es ist seit zwei Jahrzehnten gelebte Praxis, dass die Jungen Mitarbeitenden einen Sprecher im Bundesvorstand haben. Das habe ich in den vergangenen vier Jahren gemacht und es hat mir großen Spaß bereitet. Jetzt mache ich gerne Platz, damit jemand Neues die Interessen der Jungen Mitarbeitenden vertreten und neue Impulse setzen kann. Ich bin mit 36 in einer anderen Lebenswirklichkeit angekommen, habe Familie und stehe im Berufsleben. Ich bin offen und werde mich weiter im Verein einbringen. Mir geht es aber nicht um Posten, sondern darum, etwas zu bewirken.

Was macht für Sie den WEISSEN RING aus?

Es ist schon verrückt, was für ein bunter Haufen wir sind. Bei Veranstaltungen des WEISSEN RINGS fragt man sich schon, mit welchem anderen Thema man diesen Personenkreis zusammenbringen könnte. Es sind sehr unterschiedliche Menschen, aber da ist dieser gemeinsame Nenner: das Gefühl, dass es da eine Ungerechtigkeit gibt und Betroffene nicht ausreichend unterstützt werden. Und gleichzeitig hat man für sich erkannt, etwas für die Opfer tun zu wollen. Das verbindet.

50 Jahre Hilfe

50 Jahre WEISSER RING: Ein Rückblick auf die Gründung 1976, historische Meilensteine und zukünftige Herausforderungen.

Das Vereinsleben ist im Umbruch, viele Vereine haben Nachwuchssorgen. Wie ist der WEISSE RING da aus Ihrer Sicht aufgestellt?

Im Vergleich zu anderen stehen wir relativ gut da. Rund ein Viertel aller Ehrenamtlichen sind junge Mitarbeitende, also unter 35. Das ist, glaube ich, für eine NGO, die nicht Freiwillige Feuerwehr oder THW heißt, ziemlich einzigartig. Das kommt aber nicht von ungefähr: Wir fördern seit zwei Jahrzehnten das Thema junge Mitarbeitende strukturell. Es gibt jährliche Netzwerktreffen; die Landesverbände ernennen Jugendbeauftragte. Und der Verein
unterstützt immer wieder Aktionen und Kampagnen der Jungen Mitarbeitenden zu Themen wie „Sicherer Heimweg“ oder „K.-o.-Tropfen“. Das ist der Grund für viele Werdegänge im Verein, auch meinen eigenen, dass junge Leute hier nicht an eine gläserne Decke stoßen. Ich glaube, diese Arbeit trägt Früchte und ist für mich immer auch ein Lichtblick in Sachen Zukunftsfähigkeit.

In diesem Jahr feiert der Verein sein 50-jähriges Bestehen. Man spürt, dass die Zeichen auf Umbruch stehen. Wie blicken Sie auf die Zukunft?

Ich sehe das positiv. Es ist jetzt genau die richtige Zeit, Dinge anzupacken. Wir werden uns in den kommenden Jahren in gewisser Weise neu erfinden, neue Ansätze finden und vielleicht auch ein paar finanzielle und organisatorische Dinge hinterfragen müssen. Aber wir sollten uns im ehrenamtlichen Kontext von der allgemeinen schlechten gesellschaftlichen Stimmung nicht runterziehen lassen. Wir haben immer unseren gemeinsamen Nenner, der bleibt. Den hat es am Anfang gebraucht und den braucht es jetzt. Ich bin mir sicher, dass der WEISSE RING auch in 50 Jahren noch an der Seite der Opfer stehen wird.

Die empathische Kämpferin

Erstellt am: Donnerstag, 2. Juli 2026 von Sabine

Die empathische Kämpferin

Wir sind tieftraurig, dass Manuela Söller-Winkler am 24. Juni während eines Klinikaufenthalts verstorben ist. Für dieses Porträt gab sie uns im Mai ein Interview. Nach Rücksprache mit ihrem Ehemann Achim Winkler, der bis zuletzt an ihrer Seite war, haben wir entschieden, den Text, den sie gelesen hatte, zu veröffentlichen. Um Manuela Söller-Winkler und ihre Verdienste zu würdigen und ihre wichtigen Botschaften weiterzugeben.

An einem Frühlingsabend in Mainz hatte Manuela Söller-Winkler schon einen ganzen Tag mit Vorstellungsgesprächen hinter sich: In der Bundesgeschäftsstelle des WEISSEN RINGS ging es um die Nachfolge von Geschäftsführerin Bianca Biwer, die zum Festspielhaus Baden-Baden wechselt. Söller-Winkler, eine Strategin mit Menschenkenntnis, traf in der Findungskommission eine Vorauswahl für den Bundesvorstand. Die 64-Jährige war Landesvorsitzende in Schleswig-Holstein und Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstandes, wo wichtige Vereinsbeschlüsse gefasst werden. Sie saß an einem Tisch im Konferenzraum Rhein. Auf der Stellwand hinter ihr  waren viele Menschen abgebildet, die einen Ring formen, um den Slogan „Jeder kann Opfer werden. Wir sind an Ihrer Seite“. Söller-Winkler trug eine pinkfarbene Bluse und eine Kurzhaarfrisur. Und strahlte, trotz der langen Termine. Zu den Gesprächen „darf ich mich nicht äußern“, sagte sie freundlich, aber bestimmt. Es war das einzige Mal, dass sie wortkarg blieb.

Ein riesiger Verlust

Der WEISSE RING trauert um Manuela Söller-Winkler. Wir waren sehr froh, als sie nach ihrer schweren Erkrankung zurückkehrte. Mit viel Energie, Klugheit, Humor und großen rhetorischen Fähigkeiten hat sie wieder viele Themen vorangetrieben, immer verbindlich und menschlich. Umso trauriger sind wir über ihren Tod.

Sie wird uns unfassbar fehlen, als wichtiges Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstands, verdiente Landesvorsitzende und wertvolle Ansprechpartnerin für die Akademie, als Vorsitzende des Fachbeirats Aus- und Weiterbildung. Manuela Söller-Winkler hat in allen Bereichen maßgebliche, bleibende Akzente gesetzt. Aber auch als Mensch, bei dem man sich schnell wohlgefühlt hat, hinterlässt sie eine riesige Lücke. Unsere herzliche Anteilnahme gilt ihrer Familie.

Kürzlich war Manuela Söller-Winkler als Landeschefin wiedergewählt worden. Als der damalige Vize-Bundesvorsitzende Jörg Ziercke die Juristin 2018 bat, das Amt zu übernehmen, war der Landesverband in einer schwierigen Situation: Ein Ehrenamtlicher soll hilfesuchende Frauen sexuell belästigt haben. Der Verein zog Konsequenzen, führte unter anderem eine Beschwerdestelle und das „Sechs-Augen-Prinzip“ bei Erstgesprächen ein. Doch die Krise war noch zu spüren, das Ansehen erschüttert, der Vorstand weg.

„Das schreckte mich nicht ab. Herausforderungen liebe ich“, erinnerte sich Manuela Söller-Winkler. Im Hinblick auf den Neuanfang „leuchtete mir ein, dass sie nach einer Frau suchten, die vertrauenswürdig und hier verankert ist“. Das traf auf Söller-Winkler zu, die bis 2017 Staatssekretärin im Ministerium für Inneres und Bundesangelegenheiten des Landes Schleswig-Holstein war.

Sie habe der Gesellschaft „im klassischen Sinne etwas zurückgeben“ wollen und sich gedacht: „Das ist es doch.“ Beruflich hatte sie viel mit Sicherheitsthemen zu tun, sich fortan auf den Opferschutz konzentrieren zu können „passte sehr gut“, zumal sie die Arbeit bereits geschätzt habe: „Wir fangen Menschen auf, begleiten sie, lotsen sie zu spezialisierten Hilfsangeboten.“ Die neue Landesvorsitzende änderte einiges: „Von Beginn an habe ich gesagt, dass ich eine enge Kommunikation mit meinen Außenstellenleitungen möchte. Um zu wissen, wie sie ihre Arbeit wahrnehmen. Es ist wichtig, dass wir den gleichen Wertekanon haben.“ Sie ging „in die Fläche“, bot sich aktiv als Gesprächspartnerin an. Manche waren skeptisch, fragten: Muss das sein? Will sie uns kontrollieren? Söller-Winkler erklärte, es sei ihr um einen intensiven Austausch gegangen, auch bei Problemen, um diese früh erkennen zu können. Sie trug zu einem Kulturwandel bei: „Mittlerweile kommen die Leute offen auf mich zu, üben auch Kritik.“

So wie bei einem aktuellen Thema: In einem Pilotprojekt in ausgewählten Bundesländern testet der WEISSE RING, ob es sinnvoll ist, den Scheck für eine anwaltliche Erstberatung durch ein anderes Verfahren zu ersetzen: Opfer werden dabei von einem hauptamtlichen Juristen oder einer Juristin des Vereins, die auf Opferrechte spezialisiert sind, beraten – statt wie bisher von externen Anwälten in der Umgebung. Nach der Testphase wird entschieden, ob das Modell ausgebaut wird.

Ein Teil der Ehrenamtlichen ist dagegen. Söller-Winkler warb für eine differenzierte Sichtweise: „Es handelt sich nicht nur um eine Sparmaßnahme. Der Aufbau einer eigenen Beratung kann ein Qualitätssprung sein. Gerade auf dem Land ist es schwierig, genügend gute Opferanwälte zu finden.“

Keine Angst vor unbequemen Themen

Eines von Söller-Winklers Prinzipien: „Debatte kann anstrengend sein, lohnt sich aber.“ Um überzeugen zu können, braucht es neben Einfühlungsvermögen inhaltliche Tiefe – das wusste Söller-Winkler aus ihrer beruflichen Laufbahn. Während ihrer Zeit im Innenministerium waren viele schwierige Themen an der Tagesordnung. Etwa, als um 2015 viele Geflüchtete kamen: „Wir sind in die Kommunen gefahren, wo eine Unterkunft gebaut wurde, und warben um Akzeptanz.“ Teilweise war dabei Polizeischutz notwendig. In kurzer Zeit entstanden mehr als zehn zusätzliche Unterkünfte, um den Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben. Auch für Söller-Winkler war es eine sehr schwierige, anstrengende, „aber gute Zeit“, weil sie helfen konnte.

Beim WEISSEN RING nahm Manuela Söller-Winkler bald auch am Forum der Landesvorsitzenden teil: „Hier habe ich damals realisiert, welch ausgeprägte Männerwelt das war.“ Irritiert habe sie auch, dass es oft Zustimmung oder Schweigen gegeben habe. „Mittlerweile haben wir eine viel bessere Diskussionskultur“, betonte Söller-Winkler. „Das liegt nicht nur, aber auch daran, dass wir gemischter und weiblicher geworden sind.“

Die gebürtige Bonnerin hatte keine Angst, „unbequeme“ Themen anzusprechen: „Mir fällt es schwer, den Mund zu halten, wenn mir etwas nicht gefällt oder ich es gar für falsch halte. Ich finde es wichtig, Dinge beim Namen zu nennen.“ So kritisierte sie vor Jahren, dass der Wirtschaftsprüfer länger nicht gewechselt worden war. Söller-Winkler hinterfragte auch sich selbst: „Manchmal überlege ich im Nachhinein, ob ich diplomatisch genug oder doch zu tough war und jemanden ,überrollt‘ habe.“ In Schleswig-Holstein arbeiteten Söller-Winklers Stellvertreter Harald Rothe und Pressesprecher Joachim Brandt eng mit ihr zusammen. Sie beschreiben die Landesvorsitzende als kommunikativ und zupackend. Eine Frau, die „wusste, was sie wollte, und gleichzeitig empathisch war“. Für die frühere Bundesgeschäftsführerin Bianca Biwer war Manuela Söller-Winkler eine „echte Führungsperson“ mit Fachkompetenz, die zuhörte und Verantwortung übernahm, auch in Krisen. Sie „hatte ein großes Herz, den Blick für das große Ganze und Haltung“. So habe sie geholfen, den Unvereinbarkeitsbeschluss, der den Verein vor Extremisten und Rassisten schützen soll, zu formulieren.

Söller-Winkler war auch Vorsitzende des Fachbeirats für Aus- und Fortbildung: „Wir bieten sehr gute Seminare an“, lobte sie und appellierte: „Leute und Mitstreiter, bleibt dran und ruht euch nicht auf Seminaren aus, die ihr vor Jahren gemacht habt. Wir schulden es den Opfern, ihnen nach den aktuellen Erkenntnissen und Möglichkeiten zu helfen.“ Das Thema Cyberkriminalität zum Beispiel werde immer wichtiger: „Wir müssen uns darin fortbilden. Die Rahmenbedingungen für Polizei und Justiz sind schwierig, die Dunkelziffer hoch.“

Söller-Winkler forderte eine „noch stärkere Innovationsbereitschaft“ im Verein. Die digitale Außenstelle sei „aus dem Mangel geboren, weil wir weniger Ehrenamtliche als früher haben. Sie bietet aber auch Chancen, etwa beim Erreichen jüngerer Betroffener“.

Ausdrücke wie „dranbleiben“ und „hinterfragen“ verwendete Söller-Winkler oft: „Vieles von dem, was wir in den vergangenen 50 Jahren gemacht haben, ist großartig, aber wir müssen uns hinterfragen und einiges verändern, um auch noch in 50 Jahren stark zu sein.“ Söller-Winkler war eine Kämpferin. Während ihrer Krebserkrankung habe ihr eines geholfen: „Die vielen mutmachenden Nachrichten von Menschen aus dem Verein haben mich in der besonders schweren Zeit getragen. Und später habe ich mich unheimlich gefreut, mich wieder engagieren zu können.“

Editorial

Erstellt am: Dienstag, 24. März 2026 von Sabine

Editorial

Foto: Dirk Beichert

Liebe Leserinnen und Leser,

immer mehr Menschen sehen sich digitalen Angriffen ausgesetzt: Sei es durch Betrüger, die ihnen lukrative Anlagen oder Liebe versprechen, oder durch Hacker, die in ihre IT eindringen, Daten verschlüsseln und sie erpressen. Es kann jeden treffen. In unserer Titelgeschichte widmen wir uns den Opfern, die oft unter massiven finanziellen und psychischen Folgen leiden, und beleuchten aktuelle Entwicklungen wie Betrug mit Hilfe Künstlicher Intelligenz und den Kampf dagegen.

Wie aus einer Umfrage unseres Magazins bei den Landeskriminalämtern hervorgeht, verloren Opfer von Love-Scam allein im Jahr 2024 insgesamt mindestens 50 Millionen Euro. Es ist nicht die einzige Statistik, die zur Vorsicht mahnt.

„Digitalisierung bringt viele Vorteile, keine Frage. Sie birgt aber gleichzeitig Gefahren.“

Digitalisierung bringt viele Vorteile, keine Frage. Sie birgt aber gleichzeitig Gefahren und ist auch bei den Attacken auf Forschende ein wesentlicher Treiber. Um die Drohungen und Diffamierungen und deren Folgen geht es in „Forschung im Fadenkreuz“.

Es braucht Menschen, die gegen den Hass kämpfen, so wie die stellvertretende DGB-Bundesvorsitzende Elke Hannack. Sie fordert im Interview über die steigende Gefahr für Beschäftigte des öffentlichen und privatisierten Dienstes: Die Gewalt „darf weder relativiert noch normalisiert werden. Gleichzeitig müssen Maßnahmen zum Schutz auf die jeweilige Dienststelle zugeschnitten sein, die natürlich auch ausreichend Personal wie technische Ressourcen  raucht“.

Wie gehen Betroffene damit um, wenn der Täter Suizid begeht und sich der Justiz entzieht? Dieser Frage gehen wir in der Geschichte über Frauen nach, die ein Arzt in einer Bielefelder Klinik sedierte und missbrauchte. Sie kämpfen um Gerechtigkeit und Entschädigung.

Wenn unsere Texte Sie zur Reflexion anregen, dann schreiben Sie uns Ihre Gedanken gerne per E-Mail an redaktion@weisser-ring.de.

Für mich ist dieses Editorial das letzte vor meinem Wechsel zum Festspielhaus Baden-Baden. Die mehr als zwölf Jahre beim WEISSEN RING waren eine prägende, sinnstiftende und anspruchsvolle Zeit, für die ich sehr dankbar bin ebenso wie für Lob, Kritik und Hinweise von Ihnen als Leserinnen und Leser.

Bianca Biwer
Bundesgeschäftsführerin WEISSER RING

Wer sich für das Gemeinwohl einsetzt, muss geschützt werden

Erstellt am: Freitag, 20. März 2026 von Sabine

Foto: Dirk Beichert

Datum: 20.03.2026

Wer sich für das Gemeinwohl einsetzt, muss geschützt werden

Der WEISSE RING legt am diesjährigen Tag der Kriminalitätsopfer, dem 22. März, ein besonderes Augenmerk auf Menschen im Dienst der Gesellschaft, die angegriffen worden sind.

Der WEISSE RING legt am diesjährigen Tag der Kriminalitätsopfer, dem 22. März, ein besonderes Augenmerk auf Menschen im Dienst der Gesellschaft, die angegriffen worden sind. Dazu zählen verschiedene Gruppen: Polizei, Feuerwehr, Rettungskräfte sowie Politikerinnen und Politiker, aber auch Krankenhauspersonal, Mitarbeitende von Schulen und Arbeitsämtern oder Beschäftigte im Nah- und Fernverkehr.

“Im Prinzip kann es jeden treffen, der im direkten Bürgerkontakt steht“, sagt Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS. „Dabei sind Menschen, die ehrenamtlich helfen, ebenso betroffen wie jene, deren Beruf die Tätigkeit ist. Das sendet ein katastrophales Signal. Wir laufen Gefahr, dass sich irgendwann kaum noch jemand bereiterklärt, diese für unsere Gesellschaft so wichtigen Aufgaben zu übernehmen.“

“Am heutigen Tag der Kriminalitätsopfer gilt unsere Solidarität besonders all jenen, die Gewalt erfahren mussten. Sie verdienen nicht nur unser Mitgefühl, sondern vor allem Gehör, Schutz und Gewissheit: Sie sind nicht allein. Mein besonderer Dank gilt den Opferbeauftragten von Bund und Ländern sowie dem Weißen Ring e. V., der Kriminalitätsopfern seit über fünf Jahrzehnten unverzichtbare Hilfe bei der Bewältigung von Tatfolgen leistet“, sagt Alexander Dobrindt, Bundesminister des Inneren.

Bei Angriffen gegen Menschen, die im Dienst des Gemeinwohls arbeiten, variieren die Formen der Gewalt: „Die Übergriffe reichen von Beschimpfungen und Beleidigungen über Sachbeschädigung bis hin zu gefährlichen Attacken auf Leib und Leben“, so Biwer. Im Februar 2026 sorgte der Fall des im Dienst getöteten Zugbegleiters Serkan C. bundesweit für Entsetzen. Der 36-Jährige wurde während einer Fahrkartenkontrolle in einem Regionalzug von einem Mann ohne Fahrschein attackiert und starb später an seinen schweren Verletzungen. „Dieser tragische Fall hat uns erneut daran erinnert, dass dringend etwas getan werden muss. Und dass schon Alltagssituationen eskalieren können“, sagt die Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS.

Wie ernst die Situation ist, belegen die Zahlen: Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des Bundesinnenministeriums von Januar bis Oktober fast 3.000 Straftaten gegen Mitarbeitende der Deutschen Bahn registriert. Die Zahl der Angriffe auf Politikerinnen und Politiker belief sich im Jahr 2024 auf fast 5.000 erfasste Fälle – ein Anstieg um 20 Prozent im Vergleich zu 2023. Aus dem Bundeslagebild „Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamtinnen und Polizeivollzugsbeamte 2024“, welches auch Angriffe auf Rettungsdienste und Feuerwehr beinhaltet, geht ein neuer Höchststand hervor. Die Gewalttaten gegen Polizistinnen und Polizisten bleiben mit 46.367 Fällen auf sehr hohem Niveau. Bei Gewalttaten gegen sonstige Rettungskräfte wurden 2.916 Betroffene erfasst.

“Wir nehmen eine zunehmende Verrohung der Gesellschaft wahr. Die Politik muss hier unbedingt handeln, damit sich Menschen in ihrem Job wieder sicher fühlen können“, sagt Bianca Biwer. „Wir können alle etwas tun. Wir müssen aufmerksam sein und handeln, wenn wir sehen, dass jemand in Not ist. Dabei ist es wichtig, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen. Wir können immer die Polizei rufen. Außerdem können wir weitere Menschen ansprechen und so versuchen, die Situation zu deeskalieren, und uns um die betroffene Person kümmern.“ Das sind Mittel der Zivilcourage, die helfen können, anderen zu helfen. „Und wenn wir uns selbst ärgern, weil irgendetwas nicht so läuft, wie wir uns das vorgestellt haben, dann kann es helfen, kurz durchzuatmen und seine Beschwerde auf offiziellen Wegen einzureichen, statt einen Menschen dafür verantwortlich zu machen, der meistens gar nichts dafür kann. Wir müssen als Gesellschaft aufeinander achten, wieder mehr zusammenwachsen und wieder mehr Verständnis füreinander haben“, so Bianca Biwer.

Hintergrund-Info zum „Tag der Kriminalitätsopfer“

Seit 1991 macht der WEISSE RING, Deutschlands größte Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, alljährlich mit dem „Tag der Kriminalitätsopfer“ am 22. März auf Menschen aufmerksam, die durch Kriminalität und Gewalt geschädigt wurden. Der Tag soll das Bewusstsein für Opferbelange in Deutschland stärken und Informationen zu Prävention, Schutz und praktischen Hilfen geben. Inzwischen ist der Aktionstag fester Bestandteil im Kalender von Institutionen aus den Bereichen Politik, Justiz und Verwaltung, aber auch von Vereinen und Schulen.

Wissenschaft unter Druck

Erstellt am: Donnerstag, 12. März 2026 von Sabine

Wissenschaft unter Druck

Hass, Hetze und digitale Angriffe machen auch vor Hochschulen nicht halt. Bei einer Veranstaltung des Landesverbandes Hochschulkommunikation Baden-Württemberg im Wissenschaftsministerium zeigte der WEISSE RING Wege auf, wie Betroffene geschützt werden und Institutionen handlungsfähig bleiben.

Die Referenten und Organisatoren (v. l.): Jochen Link (WEISSER RING), Linda Schädler (Landesverband Hochschulkommunikation), Kaya Fohmann WEISSER RING), Paulina Haug (WEISSER RING), Michaela Leipersberger-Linder (Landesverband Hochschulkommunikation) und Günther Bubenitschek (WEISSER RING).

In Deutschland muss niemand Angst haben, Missstände öffentlich anzusprechen oder zu kritisieren. Denn die Meinungsfreiheit ist im Grundgesetz verankert. Aber sie hat Grenzen – etwa bei Beleidigung oder Volksverhetzung. Das gilt im echten Leben wie auch in der digitalen Welt. Doch Hass und Hetze haben auch die Wissenschaft erreicht und gefährden nicht nur Studierende, Mitarbeitende und Forschende, sondern den freien wissenschaftlichen Diskurs. Vertreterinnen und Vertreter des WEISSEN RINGS waren im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg in Stuttgart zu Gast. Bei einer Veranstaltung des Landesverbandes Hochschulkommunikation Baden-Württemberg halfen sie in einem Workshop, praxisnahe Ansätze zu erarbeiten, um Betroffene besser zu schützen und als Hochschule handlungsfähig zu bleiben.

Für den WEISSEN RING waren Jochen Link (Leiter der Außenstelle Schwarzwald-Baar-Kreis), die Landesjugendbeauftragten in Baden-Württemberg, Paulina Haug und Kaya Fohmann, sowie der Landespräventionsbeauftragte Günther Bubenitschek vor Ort. Sie ordneten das Thema rechtlich ein und präsentierten Zahlen: So zitierten sie Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, wonach fast die Hälfte der Befragten Anfeindungen gegen sich erlebt hat. Anhand von Beispielen zeigten sie, welche Eskalationsspirale digitale Gewalt nehmen kann: von abwertenden Kommentaren bis hin zu Bedrohungen. Das Team des WEISSEN RINGS empfiehlt Betroffenen, auch bei unklarer strafrechtlicher Relevanz Anzeige zu erstatten, Strafantrag zu stellen oder Meldestellen zu kontaktieren.

Der Netzwerker

Nicht erst helfen, wenn etwas passiert, sondern verhindern, dass es zu Verbrechen kommt. Das treibt Günther Bubenitschek an.

In Workshops erarbeiteten die 40 Teilnehmenden Handlungsstrategien: von der Dokumentation bis hin zu Krisenhandbüchern. Hochschulen können helfen mit festen Ansprechpersonen und dem frühzeitigen Einbinden von externen Partnern wie dem WEISSEN RING, Polizei oder Scicomm-Support, der Anlaufstelle bei Angriffen und unsachlichen Konflikten in der Wissenschaftskommunikation.

Digitale Gewalt bringt nicht nur einzelne Stimmen zum Verstummen. Sie verändert den gesamten Diskurs und ist damit kein individuelles Problem, sondern eine institutionelle Herausforderung. „Digitale Gewalt bedroht nicht nur Einzelne, sie bedroht die Freiheit der Wissenschaft“, betont das Team des WEISSEN RINGS. „Es liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung, dem entschieden entgegenzutreten.“

Einfach machen

Erstellt am: Donnerstag, 12. März 2026 von Sabine

Einfach machen

Sarah Wendlandt leitet mit 24 Jahren die Außenstelle Greifswald. Sie ist damit die jüngste Außenstellenleiterin des WEISSEN RINGS. Aber nicht nur das: Auch ihr Team ist jung, denn fast alle sind noch im Studierendenalter.

Sarah Wendlandt studiert Jura in Greifswald. Dort leitet sie auch die Außenstelle des WEISSEN RINGS, mit sechs festen Mitgliedern und zwei Auszubildenden.

Wie kommt das Gute in die Welt? Vielleicht sind die Dinge so einfach, wie es das Beispiel von Sarah Wendlandt nahelegt: Weil sie es von zu Hause aus so kannte, wollte auch sie sich ehrenamtlich engagieren. „Ich lebte damals in Stralsund und war 18 Jahre alt. Ich wollte nicht zu den Vereinen gehen, zu denen alle gehen, sondern suchte etwas außerhalb meiner Peergroup“, sagt sie. „So kam ich 2020 zum WEISSEN RING.“ Braucht es also gar keine großen Erklärungsansätze, sondern nur – wie bei Sarah Wendlandt – ein Vorbild, eine Mutter, die ihr Herz in die Arbeit in einem Hospiz legte und die dazu noch ehrenamtlich Erste-Hilfe-Kurse anbot? Und einen Vater, der sich als Polizist für das Gute einsetzte? Als kleines Kind, berichtet die heute 24 Jahre alte Sarah Wendlandt, habe ihre Mutter an ihr als Dummy oft vorgeführt, wie man Wunden verbindet. Später, mit 18 Jahren, folgte sie dem Beispiel ihrer Mutter und suchte sich ein Ehrenamt.

„Ich habe den Entschluss, den WEISSEN RING zu kontaktieren, damals still und heimlich in meinem Kinderzimmer getroffen“, erzählt Sarah Wendlandt. Sie habe spontan bei der Außenstelle angerufen und gesagt: „Ja, hallo, ich bin Sarah und würde mich gerne ehrenamtlich engagieren.“ Der Außenstellenleiter in Stralsund führte daraufhin ein Gespräch mit ihr. „Er hat geschaut, was ich über den Verein weiß, über die Arbeit des WEISSEN RINGS, und was meine Hintergründe sind. Ich war damals noch 18, und das ist ja sehr jung für solche Themen.“

Wendlandt sagt, sie habe sich über den Verein informiert und gewusst, dass sich der WEISSE RING um Menschen kümmert, die Straftaten erlitten haben. „Vor allem fand ich sehr einprägsam, dass die Hilfe auch unabhängig von Strafanzeigen erfolgt. Dass man auch das polizeiliche Dunkelfeld auffängt.“ Das Telefonat vermittelte dem Außenstellenleiter wie auch ihr einen positiven Eindruck, und die Zusammenarbeit konnte beginnen. „Von dem Zeitpunkt an war ich mit dabei. Ich habe direkt mit den Hospitationen angefangen, war dann auch an der Fallarbeit beteiligt.“

„Ich wollte nicht zu den Vereinen, zu denen alle gehen, sondern suchte etwas außerhalb meiner Peergroup. So kam ich 2020 zum WEISSEN RING.“

Sarah Wendlandt

Bei ihrer ersten Betreuung als Hospitantin war sie gleich mit einem heftigen Fall konfrontiert: Der Mann war als Junge entführt, mehrere Tage gefangen gehalten und unter Drogen gesetzt worden. Er war sexuell missbraucht worden und litt zum Zeitpunkt des Kontakts mit dem WEISSEN RING, rund zwanzig Jahre später, immer noch darunter. Auf Sarah Wendlandt wirkte er immer noch verloren.

Die damals 18 Jahre junge Sarah kam mit dem Gehörten und Erlebten dennoch recht gut klar. „Nach den Hospitationen habe ich mit der Mitarbeiterin noch mal über den Fall gesprochen, wie meine Eindrücke waren. Wir haben gegenseitig geschaut, wie es einem geht.“

Sarah Wendlandt begann ein Studium, blieb aber bald zu Hause, weil die Corona-Pandemie Deutschland auf den Kopf stellte. Sie wechselte das Fach, studierte fortan Jura und zog in die Stadt ihrer Universität, nach Greifswald. An ihrem Engagement hat all das nichts geändert. Mehr noch: Ihr Einsatz nahm erheblich zu. Heute leitet sie die Außenstelle des Vereins in Greifswald und damit ein Team aus sechs festen Mitgliedern und zwei Auszubildenden. Im vergangenen Sommer übernahm sie die Funktion von Korbinian Geiger, einem Rechtsanwalt, der aufgrund seines Berufs nicht mehr genug Zeit dafür aufbringen konnte, allerdings Mitarbeiter blieb. Auch er war als Student in den Verein eingetreten, auch er war damals der Jüngste. Nach
Geiger kristallisierte sich sehr schnell Sarah Wendlandt als Nachfolgerin heraus. Wie sie arbeitet, gefalle ihm: „Sie macht das gewiss besser als ich“, sagt er.

Alle im Team sind ähnlich jung wie die Leiterin selbst

Die Außenstelle in der 65.000-Einwohner-Stadt könnte eine normale Außenstelle sein wie die rund 400 anderen auch. Vielleicht abgesehen davon, dass sie eine Ostsee-Insel zu ihrem Betreuungsgebiet zählt. Was sie aber abhebt, ist das Alter der Mitarbeitenden. Außer Korbinian Geiger sind alle im Team Greifswald ähnlich jung wie die Leiterin, und selbst Geiger würde mit seinen 43 Jahren anderswo wohl noch als jung durchgehen. Die Außenstelle gilt als die jüngste des WEISSEN RINGS.

Häufig vernimmt man in der Vereinsszene in Deutschland die Klage, dass es schwer sei, Nachwuchs zu finden. Die Forschung hat ein Wort dafür geprägt: Vereinssterben. Der Begriff scheint in seiner Dramatik nicht übertrieben zu sein: Eine 2024 erschienene Studie spricht von 8.000 bis 9.000 Vereinen, die pro Jahr aus dem Vereinsregister gelöscht werden. Siri Hummel und Eckhard Priller schreiben in ihrer Studie: „Als Ursachen werden nicht finanzielle Gründe, fehlende Sachmittel oder Räumlichkeiten angeführt, sondern ein Mangel an Mitgliedern und die geringe Bereitschaft, ehrenamtliche Funktionen zu übernehmen oder sich in anderer Form freiwillig zu engagieren.“

„Wenn ich in die Fälle gehe, dann bin ich in einer anderen Rolle, und alles Private blende ich aus.“

Sarah Wendlandt

In Greifswald, der Stadt hoch oben im Norden von Deutschland an der Ostsee, ist das anders. Niemand hat die Entwicklung dort gezielt gefördert, es hat sich in gewisser Weise einfach so ergeben, vielleicht, weil die Bedingungen in einer Universitätsstadt mit vielen gebildeten und jungen Menschen günstig sind.

Sarah Wendlandt gelingt es, empathisch zu sein, ohne das Erfahrene allzu nah an sich heranzulassen. „Wenn ich in die Fälle gehe, dann ist es, als drücke ich einen Knopf. Dann bin ich in einer anderen Rolle, und alles Private blende ich aus. Ist der Fall erledigt, gehe ich nach Hause und bin dann wieder mein privates Ich.“ Nur einmal gelang ihr das nicht. Ein Polizist war im Dienst angegriffen und dabei schwer verletzt worden. Sarah Wendlandt war mit einer Mitarbeiterin bei der Familie vor Ort. Der Mann war zu dem Zeitpunkt im Krankenhaus, weil er erneut operiert werden musste, eine von insgesamt zwanzig Operationen. „Da hing noch so viel persönliches Schicksal mit dran. Seine Frau hat ihren Traumjob aufgegeben, um ihn zu pflegen. Der Zustand war also nicht vorübergehend, sondern er hielt an.“

Verbesserungen für Betroffene

Für Sarah Wendlandt ist es wichtig, für Betroffene Verbesserungen zu erreichen. „Egal, wie häufig man die Betroffenen trifft, man sieht eigentlich immer, dass sie besser aus dem Gespräch rausgehen, als sie reingekommen sind. Das gibt mir unfassbar viel.“ Aus diesem Fall aber zog sie den Schluss, einen ähnlichen Fall nicht mehr zu betreuen. Sie konnte das Erlebte nicht ganz von sich fernhalten. „Ich fand den Fall wohl deshalb recht heftig, weil mein Vater auch im Polizeidienst tätig ist. Ich habe mir vorgestellt, die Frau könnte meine Mutter sein.“ Dieses Schicksal habe ihr noch mal vor Augen geführt, wie sehr Straftaten auch das Schicksal der Angehörigen verändern. Seitdem blickt Sarah Wendlandt auch anders auf True-Crime-Formate. Früher mochte sie die Podcasts und Serien gerne. Heute achtet sie darauf, inwiefern die Opfer und Betroffenen angemessen dargestellt sind oder ob jemand nur Kasse macht mit dem Leid anderer.

Neulich dachte die Außenstellenleiterin über den Begriff „Opfer“ nach. „Für mich persönlich geht das Wort mit einer Stigmatisierung einher. Man hat das Bild einer schwachen Person im Kopf. Aber das sind die Betroffenen einfach nicht. Sie haben die Tat überlebt und sich Hilfe gesucht, das macht sie auch stark. Nur kann sich der Verein nicht einfach von dem Begriff des Opfers trennen.“

Es mag ein Privileg der Jugend sein, Dinge hinterfragen zu dürfen und frischen Wind in einen Verein zu bringen. Dass ihr Team fast komplett im Studierendenalter ist, hat viele Vorteile. Noch dazu studieren fast alle Jura und eine Mitarbeitende Psychologie; die gleiche Lebenssituation verbindet, die Probleme sind ähnlich. Zwar sind nicht alle eng miteinander befreundet, manche aber übernehmen auch neben dem WEISSEN RING etwas gemeinsam.

Gerade für Betroffene neuerer Formen der Kriminalität, etwa im Cyberbereich, mag es wohltuend sein, ein Gegenüber vor sich zu haben, das voll in der technischen Gegenwart lebt. Zugleich ist dieses junge Lebensalter auch eine Herausforderung für die Außenstellenleiterin: Stehen etwa Klausuren an, drohen gleich mehrere Mitarbeitende auszufallen, weil sie lernen müssen.

Die Lotsin

Erstellt am: Donnerstag, 12. März 2026 von Sabine

Die Lotsin

Vanessa Hilário da Ponte engagiert sich seit vier Jahren ehrenamtlich als Beraterin beim Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS. Die Psychologiestudentin ist oft die erste Ansprechpartnerin für Menschen, die Opfer einer Straftat geworden sind. Im Interview spricht die 28-Jährige über emotionale Gespräche, generationsübergreifende Teamarbeit und ihr schwindendes Interesse an True-Crime-Podcasts.

Vanessa Hilário da Ponte hat in der Corona-Zeit beim Opfer- Telefon angefangen.

Es ist klirrend kalt Anfang Januar in Köln-Nippes. Vor einem Café liegen Tannenzweige im Schneematsch. Drinnen duftet es nach Linsen-Daal und frisch gemahlenen Kaffeebohnen. Vanessa Hilário da Ponte lebt hier im Viertel. Momentan hat sie wenig Zeit, es zu genießen, weil sie mitten in der Klausurenphase an der Uni steckt. Sie grüßt freundlich lächelnd mit festem Händedruck, bestellt sich Tee aus frischem Ingwer und sagt, sie sei etwas nervös, weil dies ihr erstes Interview ist.

Wann und wie sind Sie zum WEISSEN RING gekommen?

Ich habe mein Fernstudium der Psychologie in der Corona-Zeit begonnen und nur wenige Kontakte zu Kommilitonen gehabt. Ich hatte Zeit und wollte neben dem Studium etwas Sinnvolles tun, was mich inhaltlich interessiert und was ich später als Psychologin auch anwenden kann. Opferschutz fand ich interessant. Ich bin im Internet auf den WEISSEN RING gestoßen. Der Verein hat damals Ehrenamtliche gesucht, da passte das sehr gut und so habe ich 2022 beim Opfer-Telefon angefangen.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag am Opfer-Telefon?

Ja klar, ich saß im Homeoffice am Schreibtisch und hatte schon eine Stunde vor meiner Schicht Herzrasen. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt. Das weiß ich bis heute nicht. Jedes Mal gibt es mindestens einen Fall, den ich noch nie hatte.

Wie bereitet der WEISSE RING Ehrenamtliche auf diese anspruchsvolle Aufgabe vor?

Es gibt eine zweiwöchige Ausbildung. Da wird die Theorie vermittelt durch Vorträge von Juristen, Psychologen und anderen Experten. Im Praxisteil haben wir Telefonate mit Schauspielern geübt. Es gab Probeanrufe zu Themen, die uns am Opfer-Telefon begegnen. Die sind so realistisch, dass man alles um sich herum ausblendet und das Gefühl hat, das ist echt. Da sind Tränen geflossen.

Sind auch bei echten Telefonaten schon mal Tränen geflossen?

Einmal habe ich nach einem Telefonat geweint. Das war eine Anruferin, die am Abend zuvor vergewaltigt wurde. Und ich war der erste Mensch, dem sie davon erzählt hat. Sie war sehr aufgewühlt und hat bitterlich geweint. Ich glaube, es ging mir so nah, weil ich mich mit ihr identifizieren konnte. Sie war ungefähr so alt wie ich und hat ebenfalls studiert. Ich hatte hinterher aber das gute Gefühl, dass ich sie beruhigen und ihr wirklich weiterhelfen konnte.

„Viele Opfer geben sich eine Mitschuld an der Gewalttat. Wir machen ihnen klar, dass allein der Täter dafür verantwortlich ist.“

Vanessa Hilário da Ponte

Mittlerweile ist Vanessa Hilário da Ponte selbst in der Auswahlkommission für das Opfer-Telefon und hilft, neue Beraterinnen und Berater auszusuchen. Geboren und aufgewachsen ist die 28-Jährige in Dortmund. Neben dem Psychologiestudium hat sie unter anderem Praktika auf einer psychiatrischen Station für akute Psychosen und in der Kinderschutzambulanz gemacht sowie als studentische Hilfskraft zu Resilienz bei Depressionen, bipolaren Störungen und ADHS geforscht.

Ihren Bachelor in Psychologie haben Sie abgeschlossen – für Ihren Master haben Sie den Schwerpunkt Rechtspsychologie gewählt. Warum gerade diese Fachrichtung?

Das ist ein sehr spannender Bereich, darunter fallen Gutachten im Bereich der Aussagepsychologie und Schuldfähigkeit. Ich kann mir sehr gut vorstellen, später auch als Gutachterin tätig zu werden.

Beißt sich das nicht mit dem Opferschutz, wenn Sie Gutachten über Täter erstellen?

Wenn man objektiv genug an die Sache rangeht, dann nicht. Mit Tätern zu arbeiten, auch bei der Frage nach ihrer Schuldfähigkeit, ist wichtige Prävention und trägt zum Schutz der Gesellschaft bei.

Welche Delikte begegnen Ihnen am Opfer-Telefon am häufigsten?

Vergewaltigung, häusliche Gewalt und Stalking. Was wir allerdings auch häufig erleben, sind Menschen mit psychischen Erkrankungen, die nur denken, dass sie Opfer von Straftaten geworden sind. Damit umzugehen, es zu erkennen, ist eine große Herausforderung.

Rund 100 Menschen sind bundesweit am Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS tätig. Von 7 bis 22 Uhr ist das Opfer-Telefon erreichbar, die Schichten der Ehrenamtlichen dauern jeweils drei Stunden. Rund acht bis neun Anrufe gehen pro Schicht bei Vanessa Hilário da Ponte ein, neun Minuten dauert ein durchschnittliches Gespräch. Pro Tag zählte das Opfer- Telefon insgesamt rund 60 Gespräche im Jahr 2024.

Gab es Telefonate, die Ihnen besonders nahegehen?

Sehr bewegt hat mich das Gespräch mit einer Frau, die Zeugin eines Mordes und Opfer von Stalking durch denselben Täter war. Die Frau hatte Todesangst. Sie wollte sich das gern von der Seele reden. Am Ende des rund einstündigen Telefonats
sagte sie: ‚Ich werde dieses Gespräch niemals in meinem Leben vergessen.‘ Solche Worte berühren mich tief.

Sind es diese Reaktionen, die das ehrenamtliche Engagement für Sie so erfüllend machen?

Es fühlt sich gut an, wenn ich jemanden in einer schwierigen Situation unterstützen konnte. Wenn jemand sagt: „Danke, dass Sie da waren“ oder „Jetzt weiß ich, was ich tun kann“, dann spüre ich, wie notwendig, wertvoll und erfüllend unsere Arbeit ist.

Vanessa Hiláro da Ponte kommt in jedem Opfer-Telefon-Dienst mit mindestens einem Fall in Berührung, den sie so vorher noch nie hatte.

Im September 2025 war Vanessa Hilário da Ponte mit Ehrenamtlichen aus ganz Deutschland beim Sommerfest des Bundespräsidenten in Berlin. Portugal war Partnerland – was für Vanessa Hilário da Ponte ein Bonus war, denn ihre Mutter wurde in Portugal geboren. Als Begleiterin ihrer Tochter konnte sie im Garten des Bundespräsidenten sogar mit dem portugiesischen Staatspräsidenten Marcelo Rebelo de Sousa sprechen und ein gemeinsames Foto machen. „Das war ein wundervolles Fest, sehr wertschätzend“, erzählt die 28-Jährige.

Wie helfen Sie den Opfern konkret?

Oft sind wir die ersten Menschen, denen sich die Betroffenen offenbaren. Wir fangen sie auf und hören ihnen zu. Wir haben eine Lotsenfunktion, können Wege aufzeigen und auf weitere Hilfsangebote hinweisen. Vergewaltigungsopfer wissen zum Beispiel häufig nicht, dass es die Möglichkeit der anonymem Spurensicherung gibt. Viele Opfer geben sich eine Mitschuld an der Gewalttat. Wir machen ihnen klar, dass allein der Täter dafür verantwortlich ist. Wir arbeiten eng mit den Außenstellen des WEISSEN RINGS zusammen, verweisen die Betroffenen an die entsprechenden Ansprechpartner vor Ort und telefonieren in ganz speziellen Fällen mit den Mitarbeitenden in den Außenstellen. Ich habe größten Respekt vor der Arbeit dort. Die Betroffenen vor sich sitzen zu haben, stelle ich mir emotional noch herausfordernder vor. Bei Bedarf verweisen wir auch auf spezialisierte Unterstützungsangebote. Dabei steht der Wille des Opfers immer im Mittelpunkt.

Blicken Sie durch die ehrenamtliche Arbeit anders auf die Welt?

Ich habe früher sehr viele True-Crime-Podcasts gehört. Das hat sich mit meiner Arbeit am Opfer-Telefon geändert. Mein Bedarf an True Crime ist spürbar gesunken. Heute lege ich großen Wert auf Opfersensibilität und Sachlichkeit bei True-Crime-Formaten. Wenn überhaupt, dann höre ich jetzt sachliche Podcasts wie den von „Aktenzeichen XY“.

Bei einem Spaziergang durch ihr Viertel erzählt sie noch, dass sie neben dem Studium und der ehrenamtlichen Arbeit beim WEISSEN RING viel Sport treibt. Momentan besonders gern auf dem Spinning-Rad und beim Pilates. In der Klausurphase arbeitet sie nur alle zwei Wochen beim Opfer-Telefon. Ansonsten ist sie jede Woche Ansprechpartnerin für Betroffene von Straftaten.

Das Ehrenamt beim Opfer-Telefon ist emotional herausfordernd. Reicht Sport als Ausgleich?

Ich kann mich da sehr gut abgrenzen. Und wenn uns ein Fall belastet, können wir das in der Supervision aufarbeiten. Auch die regelmäßigen Teamtreffen sind hilfreich. Wir gehen einfühlsam miteinander um, egal ob jung oder alt. Erfahrene Kolleginnen und Kollegen stehen uns immer mit Rat und Tat zur Seite. Obwohl wir inzwischen mehr als 100 Leute sind, ist es familiär geblieben. Persönlich habe ich zusätzlich das große Glück, dass ich eine sehr gute Freundin überzeugen konnte, sich ebenfalls beim Opfer-Telefon zu engagieren. Wir wohnen in einer WG, sodass wir uns super austauschen können.

Die unsichtbare Minderheit

Erstellt am: Donnerstag, 12. März 2026 von Sabine

Die unsichtbare Minderheit

Der WEISSE RING kümmert sich auch um gehörlose Kriminalitätsopfer. Aber wie funktioniert die Hilfe konkret? Wie kann der Verein helfen, wenn jemand nicht sagen kann, was passiert ist? Ehrenamtliche aus Kerpen und Hamburg berichten aus der Praxis.

Martin Feist und Bettina Czompel-Feist sind verheiratet und engagieren sich gemeinsam beim WEISSEN RING. Sie betreuen in Nordrhein- Westfalen gehörlose Kriminalitätsopfer und kennen sich in der Gehörlosen-Szene aus.

Die Zahl derer, die Kerpen auf einer Deutschlandkarte finden können, dürfte überschaubar sein, zumindest außerhalb von Nordrhein-Westfalen. Nur wenige Kilometer von Köln entfernt liegt die Stadt mit rund 70.000 Einwohnern im Rhein-Erft-Kreis, recht idyllisch inmitten grüner Felder und Wälder. Die Weihnachtsdeko hängt noch, obwohl es bereits Februar ist, und zwei etwas verloren wirkende Narren irren durch die Gassen der Stadt, auf dem Weg zur nächsten Karnevalsfeier. Hier, im tiefen Westen der Republik, sorgen Bettina Czompel-Feist und Martin Feist dafür, dass die Probleme jener Menschen gehört werden, die selbst nichts hören: Für den WEISSEN RING kümmern sie sich um gehörlose Opfer von Kriminalität.

„Gehörlos sein, das sehen wir nicht“

Der Verein geht damit auf eine Community zu, die ganz besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge braucht. „Denn Gehörlose haben erstmal ein großes Misstrauen gegenüber Hörenden“, sagt Martin Feist. „Das muss man aus ihrer Erfahrung heraus verstehen.“ Die Interaktion mit Hörenden sei oftmals negativ behaftet, das zeige ein einfaches Alltagsbeispiel. „Wenn meine taube Schwiegermutter spazieren geht und ein Radfahrer von hinten kommt, klingelt und sich dann aufregt, weil sie nicht zur Seite geht, dann versteht sie gar nicht, was los ist, und fühlt sich in dem Moment angegriffen“, so der 57-Jährige. „Jeden Mann im Rollstuhl, jede Frau mit Blindenstock erkennen wir sofort. Aber gehörlos sein, das sehen wir nicht.“

Martins Frau Bettina Czompel-Feist ist auch gehörlos und kennt die Schwierigkeiten im Alltag. Die beginnen schon mit der Türklingel – für Hörende das Normalste der Welt. Doch wie soll man wissen, dass jemand vor der Tür steht, wenn man das Läuten nicht hören kann? Die Antwort darauf kann man im Haus der Feists sehen: Betätigt jemand die Klingel, flackern im ganzen Haus Lichtblitze. „Als Kind habe ich zuerst ganz normal gehört, aber mit viereinhalb wurde das Hören immer schlechter. Ich kam dann auf eine Schwerhörigenschule und musste sieben Jahre lang zum Logopäden, um sprechen zu lernen, das war nicht sehr schön für mich“, erinnert sich die 47-Jährige. Mittlerweile trägt Czompel-Feist Cochlea-Implantate, ihre Einschränkung ist ihr dadurch kaum noch anzumerken. Die elektronischen Prothesen stimulieren den Hörnerv direkt und ermöglichen damit das Hören. Dennoch können die Implantate das natürliche Gehör nicht ersetzen, sagt Martin Feist. „In einer ruhigen Umgebung sind Hören und Verstehen kein Problem. Das ändert sich aber bereits, wenn alle Kinder hier sind und schnell mit mir reden. Dann bekommt sie streckenweise nichts mehr mit, dann wird es zu schnell, zu viel, zu laut, zu undeutlich.“

Martin Feist weist darauf hin, dass es wichtig ist, Gehörlosen auch Dinge zu erklären, die für Hörende selbstverständlich sind.

Eine andere Welt

Dass die Welt um sie herum nicht für sie gemacht ist, bleibt vielen Gehörlosen stets im Bewusstsein. Diese Hürde muss sich auch vergegenwärtigen, wer im Opferschutz mit dieser oft unsichtbaren Minderheit zu tun hat. „Nur“ die Sprache zu lernen, reiche nicht aus, wie Martin Feist mit einem Vergleich deutlich macht: „Wenn Menschen einen Japanisch-Kurs machen, können sie auch nicht direkt japanische Opfer beraten. Ich kann sie dann ein Stück weit mehr verstehen, bekomme vielleicht auch ein bisschen mehr Vertrauen. Aber ohne Dolmetscher geht da nichts.“

Diese Rolle übernimmt in dieser besonderen Konstellation in Kerpen Martin Feists Frau. Sie ist mittlerweile seit gut fünf Jahren ehrenamtliche Mitarbeiterin des WEISSEN RINGS. „Ein Glücksgriff für den Verein“, schmunzelt Feist. Er selbst ist vor etwa zehn Jahren beigetreten. Ungefähr zu dieser Zeit startete auch die Gehörlosen-Hilfe im Verein. Mittlerweile haben sie ungefähr fünf bis sechs Fälle im Jahr. „Wir haben es mit Diebstahl, Rufmord, Betrug, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, eigentlich mit der ganzen Bandbreite zu tun“, sagt er.

„Gehörlose sind sehr offen und direkt. Man muss mit ihnen also auch offen und direkt sprechen.“

Bettina Czompel-Feist

Ganz konkrete Unterschiede in der Opferschutzarbeit mit Hörenden gibt es beispielsweise in der Art und Weise, wie kommuniziert wird. „Gehörlose sind sehr offen und direkt“, sagt Bettina Czompel-Feist. „Man muss mit ihnen also auch offen und direkt sprechen.“ Ihr Mann fügt hinzu: „Gehörlose sind nicht unhöflich, sie sagen einfach, was sie wollen. Da gibt es kein ‚Schönschminken‘.“ Dies gelte auch für Themen, die in der Mehrheitsgesellschaft oft als heikel und mit sozialen Tabus belastet gelten, etwa körperliche Merkmale: „Wenn einer mal 20 Kilo zugelegt hat, wird gesagt: ‚Du bist dick geworden.‘ Fertig.“ Auch in der Opferhilfe bedeute diese Direktheit, dass man möglichst klar und schnörkellos kommunizieren muss: „Es braucht eine ganz klare Ansage. Das ist ein völlig anderer Ansatz als das, was viele Opferschützer gewohnt sind“, sagt Feist. Außerdem sei es wichtig, Gehörlosen auch Dinge zu erklären, die für uns selbstverständlich sind – etwa wenn man sich beim Sprechen abwendet. Gehörlose dürfen nie das Gefühl bekommen, man mache sich hinter ihrem Rücken über sie lustig.“

Man dürfe auch nicht den Fehler machen und alle „in einen Topf“ werfen. „Es gibt die Menschen, die komplett gehörlos sind und die das auch sein wollen. Dann gibt es welche, die noch einen Rest Hörvermögen haben und versuchen, in der hörenden Welt unterwegs zu sein. Und dann gibt es noch die, die schon etwas dagegen getan haben, so wie meine Frau. Sie tragen Implantate und gelten in der Gehörlosen-Community auch gar nicht so richtig als gehörlos“, sagt er. Man müsse zudem unterscheiden zwischen Menschen, die früher mal gehört haben, und jenen, die nie gehört haben. „Das grammatikalische Verstehen, das Hörverstehen und das Verständnis von komplexen Zusammenhängen ist ein völlig anderes.“

Bettina Czompel-Feist ist selbst gehörlos. Mit viereinhalb Jahren wurde ihr Gehör immer schlechter. Heute trägt sie Cochlea- Implantate, die Einschränkung ist ihr kaum anzumerken.

Wie wichtig es ist, die Lebensrealitäten der Gehörlosen zu kennen, wenn man gehörlosen Opfern von Kriminalität helfen will, merkten auch die ehrenamtlichen Mitarbeitenden Cornelia Haverkampf und Werner Springer. Die beiden Hamburger hatten vor ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit keinerlei Bezug zur Gehörlosen-Community. Das änderte sich, als sie 2017 ihre ersten Seminare zum Thema besuchten. „Wir waren dann beim Gehörlosenverband in Hamburg und haben den WEISSEN RING vorgestellt. Das führte aber nicht wirklich zum Erfolg. Erst als sich eine Gehörlose meldete und nach ihrer Betreuung Werbung für uns machte, ging es bei uns in Hamburg nach und nach los. Mittlerweile haben wir vier, fünf Fälle im Jahr“, erzählt die 68-Jährige.

Jeder kennt jeden

Etwa 80.000 Gehörlose gibt es laut dem Deutschen Gehörlosen-Bund in Deutschland. Das heißt, rund ein Mensch von tausend ist betroffen. Die Community ist gut verknüpft, sie tauscht sich viel aus. „Sie haben viel Angst vor Tratsch, auch innerhalb der Community.“ Die Opferhelferin vermutet, dass viele sich auch deswegen schwerer Hilfe suchen, wenn etwas passiert. Laut Gehörlosenverband Hamburg leben in der Hansestadt rund 2.000 Gehörlose. Jeder kenne jeden, „wie ein Dorf“. Informationen verbreiten sich wie ein Lauffeuer, nicht nur in Hamburg, sondern auch bundesweit, durch Messengerdienste und die sozialen Medien. „Daher kommen Betroffene auch gerne ins Landesbüro, das ist ein neutraler Ort. Im Café hätten viele zu viel Angst, gesehen zu werden“, so Haverkampf. Hinzu kommt: Im Gegensatz zu einem leisen Gespräch ist eine Unterhaltung in Gebärdensprache im öffentlichen Raum für andere Gehörlose leicht „mitlesbar“. Ohne einen Dolmetscher funktioniere die Opferarbeit aber nicht.

Cornelia Haverkampf betreut in Hamburg gehörlose Kriminalitätsopfer. Sie vermutet, dass sich viele, aus Angst vor Tratsch, schwerer Hilfe suchen, wenn etwas passiert.

Das macht die Terminfindung manchmal schwierig. „Wir fragen immer: ‚Haben Sie einen Dolmetscher Ihres Vertrauens?‘ Das sind ja intimste Geschichten, die sie erzählen, und die meisten haben einen Dolmetscher oder eine Dolmetscherin, mit dem oder der sie regelmäßig unterwegs sind. Aber auch der oder die muss Zeit haben. Da gehen schon mal zwei, drei Wochen ins Land, bis ein Termin steht. Und wenn der dann vereinbart ist und sie kommen, muss man sich ganz auf sie einstellen. Wenn man das auch so spiegelt und sagt: ‚Ich nehme dich so, wie du bist. Jetzt bist du hier und das ist gut‘, dann läuft das eigentlich immer gut“, sagt die Ehrenamtliche. Mittlerweile haben die Hamburger auch eine Liste an Dolmetschern, die sie direkt anrufen können.

„Wir können etwas erreichen, aber in kleinen Schritten“

Cornelia Haverkampf, Werner Springer, Martin Feist und Bettina Czompel-Feist – sie gehören zu den im Moment noch wenigen Ehrenamtlichen, die sich beim WEISSEN RING um gehörlose Opfer kümmern. Sie leisten damit einen wichtigen Dienst, den der Verein nicht überall anbieten kann. Darum warnt Martin Feist auch davor, den WEISSEN RING proaktiv in der Szene zu bewerben. „Denn wir könnten uns in kürzester Zeit selbst alles kaputtmachen“, sagt er. Besser sei es, nur die Fälle anzunehmen, die reinkommen. „Ich glaube, dass wir was erreichen können, aber eben in kleinen Schritten.“