„Wir brauchen mehr Justiz und mehr Polizei“

Erstellt am: Montag, 25. Januar 2021 von Torben

„Wir brauchen mehr Justiz und mehr Polizei“

Jörg Ziercke, Bundesvorsitzender des WEISSEN RINGS, spricht im Interview über Strafverschärfungen bei Kindesmissbrauch, häusliche Gewalt in der Corona-Krise und über die zunehmende Hasskriminalität im Netz.

Foto: Christoph Soeder

Herr Ziercke, was macht der WEISSE RING? Was bewegt Deutschlands größte Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer in diesen Corona-Zeiten?

Das Corona-Virus hat auch beim WEISSEN RING die Abläufe durcheinandergewirbelt: Veranstaltungen
fielen aus, hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mussten ins Homeoffice wechseln, ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konnten sich nicht mit Opfern treffen. Das Virus hat aber die Kriminalität nicht gestoppt: Die Corona-Unsicherheit wird für neue Betrugsmaschen genutzt, das Risiko von häuslicher Gewalt ist gestiegen. Umso wichtiger ist deshalb für uns folgende Botschaft: Der WEISSE RING ist für die Opfer von Kriminalität immer da – vor, während oder nach einer solchen Krise.

Sie haben zu Beginn des Corona-Lockdowns vor einer Zunahme der häuslichen Gewalt gewarnt, Zitat: „Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen“. Nach den ersten Corona-Monaten melden einige Behörden und Institutionen nun steigende Zahlen, viele andere verzeichnen aber gleichbleibende oder sogar sinkende Zahlen. Waren Sie zu pessimistisch?

Ich fürchte: nein. Häusliche Gewalt findet immer statt. Wir gehen aber davon aus, dass es während der Corona-Einschränkungen vermehrt zu Fällen gekommen ist. Aus Erfahrung wissen wir, dass sich Spannungen oft in Gewalt entladen, wenn Menschen auf engem Raum zusammensitzen und zusätzlich psychischen Belastungen ausgesetzt sind wie Ängsten um Gesundheit, Arbeitsplatz oder ihre Zukunft. All das liefert Corona.

Müssten die Fallzahlen dann nicht überall gleichermaßen merklich gestiegen sein?

Nein, die Gewalttaten müssen sich nicht schnell in sichtbaren Zahlen niederschlagen. Auch das wissen wir aus unserer langjährigen Erfahrung. Die Betroffenen melden sich nicht gleich nach der Tat und auch nicht auf einen Stichtag hin, etwa nach dem Beginn von Lockerungsmaßnahmen. Viele Betroffene leben jahrelang mit häuslicher Gewalt, bis sie sich Hilfe suchen. Studien zufolge benötigt eine von häuslicher Gewalt betroffene Frau sieben Anläufe, um sich aus einer solchen Beziehung zu befreien. Es wird dauern, bis wir ein verlässliches Bild darüber haben, wie viel häusliche Gewalt es tatsächlich während der Coronakrise gab.

Ein anderes Thema, das die Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen sehr bewegt hat, ist der sexuelle Kindesmissbrauch. Nach den diversen Missbrauchsskandalen hat das Justizministerium nun Strafverschärfungen auf den Weg gebracht. Wie steht der WEISSE RING dazu?

Höhere Strafandrohungen haben häufig Symbolcharakter in der Politik, eine präventive Wirkung geht von ihnen zumeist nicht aus. Ich halte es aber für richtig, sexuellen Missbrauch an Kindern als Verbrechen einzustufen.

,,Wer wegschaut, macht sich mitschuldig! Die Betreiber sozialer Netzwerke im Internet entziehen sich heute ihrer Verantwortung

Jörg Ziercke
Bislang gilt es strafrechtlich nur als Vergehen.

Richtig. Mit der Hochstufung erhalten die Ermittler effektivere Eingriffsinstrumente aus der Strafprozessordnung. Vorrangig ist aber die Prävention, und da gäbe es für die Politik einiges zu tun. Beispiele gibt es viele: Die Politik müsste die personelle Verstärkung von Justiz und Polizei auf Landesebene beschließen. Die Politik müsste in jedem Bundesland eine Landeszentralstelle Kindeswohl einrichten. Die Politik müsste dafür Sorge tragen, dass dort psychologisch geschultes Personal Informationen über Kindesgefährdungen entgegennimmt und dass ein Team von Mitarbeitern der Gesundheitsämter, von Kinderärzten, Therapeuten, Staatsanwälten und Kriminalbeamten diese Informationen bewertet.

Der Fall Bergisch Gladbach mit 30.000 Verdächtigen zeigt, welche Rolle Internet und Social Media beim Kindesmissbrauch spielen. Besteht nicht vor allem da dringender Handlungsbedarf?

Ganz klar: ja. Wer wegschaut, macht sich mitschuldig! Die Betreiber sozialer Netzwerke im Internet entziehen sich heute ihrer Verantwortung. Sie sollten bei Kinderpornografie, dem immer ein massiver Kindesmissbrauch vorausgeht, verpflichtet werden, dies zur Anzeige zu bringen und die Darstellungen zu löschen. Das gilt auch für Hass und Hetze im Internet. Dem muss aber eine viel breitere gesellschaftliche Debatte über ethische Standards im digitalen Raum vorausgehen. Ethik hat nämlich nichts mit Zensur zu tun. Wir schauen mit großer Sorge auf die galoppierende Entwicklung im Internet.

Sie haben zuletzt mehrfach sehr deutlich die Politik aufgefordert, stärker gegen Hass und Hetze im Internet einzuschreiten …

… weil wir es nicht hinnehmen dürfen, dass die Gesellschaft verroht! Hass und Hetze können nicht nur zu Gewalttaten und Mord führen – sie tun es längst! Denken Sie an den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, denken Sie an die Anschläge von Halle oder Hanau. Alle Täter haben sich zuvor im Internet in einem Umfeld von Hass und Hetze bewegt. Zum Teil haben auch politische Brandstifter hier eine Mitverantwortung. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich diese Leute nach solchen Taten einfach wegducken und die Verantwortung von sich schieben. Auch im Alltag ist eine Verrohung sichtbar. Das zeigt zum Beispiel die aktuelle Polizeiliche Kriminalstatistik, die eine zunehmende Zahl von Straftaten gegen Amtsträger und Polizisten verzeichnet. Das Gesetz zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Hasskriminalität ist ein wichtiger erster Schritt. Das allein reicht aber nicht aus.

,,Wir treten der Politik auf die Füße. Das verbesserte Opferentschädigungsgesetz hätte es in dieser Form ohne die Einmischung des WEISSEN RINGS nie gegeben."

Jörg Ziercke
Der WEISSE RING hilft Kriminalitätsopfern – ist es überhaupt seine Aufgabe, sich ins politische Tagesgeschäft einzumischen?

Bleiben wir beim Beispiel Hass und Hetze: Der WEISSE RING muss sich seit einigen Jahren immer häufiger mit den schlimmsten Auswirkungen von Hasskriminalität auseinandersetzen. Nach allen extremistischen Gewalttaten der jüngeren Vergangenheit waren unsere ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Opferhelfer vor Ort. Noch heute, dreieinhalb Jahre nach dem Anschlag, betreuen wir Opfer der Amokfahrt auf dem Berliner Breitscheidplatz. Wir kennen ihre Sorgen und Nöte. Wir fordern deshalb vom Staat, aber auch von jedem einzelnen Bürger, dass er dieser bedrohlichen Entwicklung entschieden entgegentritt.

Der WEISSE RING positioniert sich eindeutig, so zum Beispiel mit dem Vorstandsbeschluss, dass niemand ehren- und hauptamtliche Funktionen im WEISSEN RING ausüben kann, der gleichzeitig öffentlich für Parteien oder Organisationen aktiv ist, die Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit vertreten. Wie wichtig ist es, dass sich NGOs politisch einmischen?

Es ist sehr wichtig. Wir bringen unsere Expertise in aktuelle Gesetzgebungsverfahren ein, wir weisen auf Lücken im Sozialrecht hin, wir decken Fehler von Sozialträgern auf, wir treten der Politik auf die Füße. Das verbesserte Opferentschädigungsgesetz hätte es in dieser Form ohne die Einmischung des WEISSEN RINGS nie gegeben. Wir mahnen, kritisieren und fordern – im Zweifel auch laut. Das können wir, weil der WEISSE RING völlig unabhängig ist von staatlicher Unterstützung. Möglich ist das natürlich nur, weil uns andere mit ihrer Unterstützung diese Unabhängigkeit sichern: Mitglieder, Spender, Sponsoren.

Wir können uns darauf einstellen, dass sich der WEISSE RING künftig vermehrt politisch zu Wort meldet?

Auf jeden Fall.

Der Kümmerer

Erstellt am: Donnerstag, 10. Dezember 2020 von Sabine

Der Kümmerer

Schnelle, unbürokratische Hilfe leisten – das ist es, was Herbert Weber vor mehr als 40 Jahren wollte, als er als Ehrenamtlicher zum WEISSEN RING kam. Über seine Erfahrungen könnte er Bücher schreiben, sagt er.

Herbert Weber, ehrenamtlicher Mitarbeiter des WEISSEN RINGS, Foto: Tobias Großekemper

Damals, 1978, als ein Pole namens Karol Wojtyla in Rom zu Johannes Paul II. wurde, was hier nur wichtig ist, um zu verstehen, wie lange das jetzt schon wieder her ist, machte sich Herbert Weber aus Bochum auf seinen ersten Weg, um an fremden Haustüren zu schellen. Er wollte damals etwas bringen, was so noch keiner kannte, weil es das bis dahin noch nicht gab: Hilfe, schnell und unbürokratisch.

„Es kam“, sagt Weber, den man schnell Herbert nennen darf, wir sind hier im Ruhrpott, „öfter vor, dass die Menschen dachten, ich wollte ihnen eine Versicherung verkaufen.“ Wenn es Wüstenrot gibt, warum sollte da ein WEISSER RING nicht auch versichern wollen? Kannte ja kaum jemand, ach was, eigentlich überhaupt niemand diese Organisation.

Heute, im Frühherbst 2020, sitzt Weber in seinem Wohnzimmer am Rand der Bochumer Innenstadt. Aufgeräumt, der Rücken gerade. Seinem Gegenüber zugewandt, die Stimme tief und ein Blick, der etwas ausstrahlt: Hier sitzt jemand, der mit seinen 73 Jahren erstens schon einiges gesehen hat und somit schwer zu überraschen ist. Und dem man zweitens ein X nicht für ein U verkaufen kann.

„Da machste mit“

Eigenschaften, die Weber damals mit Sicherheit halfen, klarzumachen, dass er nicht von einer Versicherung kam. Was natürlich auch geholfen haben wird, war die Tatsache, dass Weber Polizist war. Aber auch nicht immer. Einmal zeigte er zur Legitimation seinen Dienstausweis, auf dem Foto hatte er aber, anders als in dem Moment, keinen Schnäuzer. Was zu Fragen führte. Aber auch das bekam Weber hin.

Zum RING kam Weber an einem Samstag. Zusammen mit seiner Frau ging er durch die Innenstadt, da sah er einen Kollegen aus dem Präsidium an einem Infostand stehen. WEISSER RING, das hatte auch Weber bis dahin noch nie gehört, aber die Idee dahinter, die fand er gut: „Als Polizist, das ist ja kein Geheimnis, konnte man den Opfern nicht so gut helfen, wie man das eigentlich wollte.“ Es gab Situationen, da sammelten die Kollegen mal für ein Taxi, wenn eine Frau nicht wusste, wie sie nach Hause kommen sollte – aber ausgereift war das nun wirklich nicht und hier, an diesem Infostand, war Weber schnell klar: „Da machste mit.“

Weber (links) gemeinsam mit einem Kollegen aus dem Präsidium Bochum in seinen Anfangsjahren beim WEISSEN RING ∙ Foto: privat

Trotz einer Ehe, den zwei Töchtern und einem beruflichen Leben als Dienstgruppenführer. Was Weber damals nicht wusste, heute aber gelassen aussprechen kann: „Der WEISSE RING ist ganz schön fordernd.“ Die Familie habe gelitten, die Töchter seien manches Mal zu kurz gekommen, und „wenn ich damals gewusst hätte, was da auf uns zukommt, hätte ich es nicht gemacht.“ Sagt Weber in seinem Wohnzimmer.

„Und diese Freude dann, dieses Strahlen in den Augen – das werde ich nie vergessen.“

Herbert Weber über seinen ersten Fall

Jetzt war er dabei, und nach einem ersten Treffen in einer Privatwohnung, sechs, vielleicht sieben Leute waren dort, fuhr Weber dann zu seinem ersten Fall als ehrenamtlicher Mitarbeiter. Bottrop, westlicher Rand des Ruhrgebiets, „damals war die Region noch ein weißer Fleck für den RING, wir bearbeiteten damals aus Bochum den Kreis Recklinghausen mit, dazu Gelsenkirchen, Herne, Witten und Bottrop.“ Für Menschen, die das Ruhrgebiet nicht kennen, mag das alles eins sein, aber sie unterschätzen dann schlicht, wie groß dieser Ballungsraum tatsächlich ist.

Bottrop also, Weber fuhr mit einem Ingenieur mit, der ebenfalls beim RING war. Missbrauch einer 15-Jährigen durch den nicht mehr in der Familie lebenden Vater. „Das Mädchen hat sich damals nichts sehnlicher als ein Fahrrad gewünscht, und wir haben das geholt. Das Mädchen hat dann gleich eine Probefahrt gemacht, und diese Freude dann, dieses Strahlen in den Augen – das werde ich nie vergessen. Auch weil es mein erster Fall war.“

Wer Weber nach den Fällen fragt, die er so betreute, bekommt ein Schulterzucken und die Antwort, dass er darüber Bücher schreiben könnte. Ihm half es, Polizist zu sein, „da kannte ich ja so einiges“. Aber nicht nur, denn als Polizist ist man kritisch von Berufs wegen, hinterfragt, zweifelt: Stimmt das alles so, wie es einem gesagt wird? Als RING-Mitarbeiter musste Weber etwas anderes erst noch lernen: „Du bist für das Opfer da, immer und nur. Was das Opfer will, dafür musst du einstehen.“

Eine wesentliche Erkenntnis

Wenn Weber über seine Fälle Bücher schreiben könnte, wäre das über Opfer vermutlich eine Enzyklopädie – so sprudelt es aus dem ehemaligen Beamten heraus, wenn dieses Thema zur Sprache kommt. Opfer seien in Ausnahmesituationen, von jetzt auf gleich an Leib und Seele geschädigt, wie sollen die denn, fragt Weber dann auch nur rhetorisch, rational denken, selbstständig handeln, eigeninitiativ Anträge stellen, sich schlicht nur wehren? Im Laufe der nächsten Minuten kommen Sätze aus Weber heraus, die man, wenn nicht in Stein meißeln, so doch hinter diverse Ohren schreiben sollte.

Zum Beispiel: „Wir, die Mitarbeiter, sind die ersten Therapeuten, die vor Ort sind, die als erste Fremde zuhören, die uneigennützig Hilfe anbieten.“

Oder auch: „Der WEISSE RING stellt die Sozialarbeiter für die Opfer, was ja eigentlich der Staat machen müsste – da der es nicht tut, müssen wir da sein.“ Die wesentliche Erkenntnis, „und das sage ich nicht als Therapeut, ich bin ja keiner“, ist, wie verheerend Missbrauch in Kinder- und Jugendzeiten ein Leben auf lange Sicht beeinflussen kann. Wie also erwachsene Männer weinend dasitzen und erst irgendwann verstehen, dass ihr arbeitsreiches Leben, das nach außen hin wie ein Erfolg aussah, letztlich eine einzige Flucht vor den Ereignissen aus Kindertagen war. Überhaupt, die Sicht auf jeden einzelnen Fall und jedes einzelne Opfer. Eine Sicht, die anerkennt, dass die Menschen verschieden und Sätze wie „Jetzt muss es aber auch mal langsam gut sein!“ nichts sind. Nichts als dumme Sprüche. Und wie andererseits er, Weber, erkannt hat, dass sich viele Wunden nicht schnell schließen lassen. „Aber irgendwann kann man gemeinsam wieder etwas Land sehen. Oder ein Lächeln.“ Kurzes Schweigen. „Und dann geht dir das Herz auf.“

„Wir vor Ort wissen doch am besten, was gebraucht wird.“

Nicht nur goldene Momente

Es gab nicht nur die goldenen Momente, die Belastung nahm zu, am Anfang, wenn Weber manchmal nach der Nachtschicht gemeinsam mit einem Kollegen zu einem Fall fuhr. Dann sehr schnell dadurch, dass Weber Außenstellenleiter des WEISSEN RINGS wurde, dazu die Öffentlichkeitsarbeit am Wochenende mit einem selbstgezimmerten Infostand, viel Überzeugungsarbeit und gelegentlicher Spendenakquise. Opfer riefen daheim an, dann wurde ein Anrufbeantworter angeschafft. „Das war“, sagt Weber, „einfach ziemlich viel damals.“ 1997 hörte Weber als Außenstellenleiter auf, nach seiner Pensionierung dann übernahm er wieder Fälle, was er heute noch tut. „Nicht zu viele, unsere Außenstellenleiterin teilt das klug ein.“

Heute ist der WEISSE RING größer als damals in den Anfängen, als zu Mitgliederversammlungen noch per Aufruf in der Mitgliederzeitschrift eingeladen und dann abends in Mainz gemeinsam im Hotelzimmer gesessen wurde. Eduard Zimmermann, Polizeipräsidenten und dazwischen Herbert Weber. „Da konnte ich, der Kommissar, einfach erzählen, was mir durch den Kopf ging.“ Wieder ein kurzes Schweigen, dann: „Da war natürlich auch Bauchpinselei im Spiel.“ Lächeln. Vergangenheit. Die ist ja eh immer goldener als die Gegenwart, erst recht als die Zukunft, aber Weber ist nun weiß Gott schon lang genug dabei, um eine fundierte Meinung zu haben.

Die Bürokratie wächst

Also, was ist heute? Heute ist Weber froh, dass es den WEISSEN RING gibt. „Gut, dass der Zimmermann den damals gegründet hat, die Gesellschaft braucht die große Organisation, die sie heute ist, sie bringt und gibt der Gesellschaft etwas.“ Aber? „Weißt du, damals hat mich beim WEISSEN RING sofort überzeugt, dass wir schnell und unbürokratisch helfen konnten.“ Früher, sagt er, sei es einfacher gewesen, bei den Opfern etwas für die Seele zu tun, eine Waschmaschine zu kaufen oder eine Wochenendfahrt zu organisieren. Irgendetwas, das hilft. „Wir vor Ort wissen doch am besten, was gebraucht wird.“ Doch es hilft nichts, die Organisation wuchs, mit ihr die Verantwortung und die Verwaltung, die Bürokratie. Wenn man so will, fehlt Herbert Weber vielleicht ein wenig die Leichtigkeit des Anfangs. „Wir sind halt groß geworden.“

In diesem Großwerden, das Weber jetzt mehr als 40 Jahre erlebt hat, hat er, auch das muss geschrieben werden, zwar viel gegeben – aber auch bekommen. „Was ich allein an Leuten kennengelernt habe, wie das meinen Horizont erweitert hat.“ Im Opferentschädigungsgesetz könnte er einen Anwalt ersetzen, geschult hat er, organisiert und gemacht. Und damit das erhalten, was jeden Menschen antreibt: das Gefühl, gebraucht zu werden, für andere notwendig zu sein.

„Herbert?“
„Ja?“
„Du hattest am Anfang des Gespräches erwähnt, dass du, wenn du gewusst hättest, was auf dich zukam, es gelassen hättest.“
„Ja?“
„Ich glaub dir das nicht.“
Schweigen. Lächeln. Dann: „Wenn heute damals wäre und ich wieder durch die Innenstadt gehen würde und da wäre dieser Stand – ich würde wieder anfangen. Es war einfach notwendig.“

Der Fußgänger

Erstellt am: Donnerstag, 10. Dezember 2020 von Sabine

Der Fußgänger

Seit mehr als 40 Jahren legt sich Hans A. Möller für den WEISSEN RING in Schleswig-Holstein ins Zeug. Denn Einsatz für den Opferschutz, das heißt für ihn vor allem: laufen und laufen und laufen.

„Ich war sofort überzeugt.“, sagte Hans A. Möller, Foto: Karsten Krogmann

Angenommen, man wollte Hans A. Möller jemandem beschreiben, der ihn nicht kennt: Welches Möllermerkmal würde man zuerst nennen? Den tadellosen Anzug, den er trägt, dunkelblau mit hellblauer Streifenkrawatte, im Knopfloch die Uhrenkette und am Revers den Bandsteg, Hinweis auf sein Bundesverdienstkreuz? Das Lachen, kräftig, ehrlich und spontan, das sofort gute Laune macht? Oder genügten diese drei Wörter: allzeit bestens vorbereitet?

„Kommen Sie“, sagt Möller, „ich zeige Ihnen erst einmal das Haus. Immerhin war das hier 20 Jahre die Außenstelle des WEISSEN RINGS.“ Er lacht das Möllerlachen und geht flink voran, treppauf und wieder treppab bis in den Keller, und natürlich zeigt er unterwegs kein Haus, sondern sich selbst: Hans A. Möller aus Rendsburg, Schleswig-Holstein, 84 Jahre alt, davon 40 beim WEISSEN RING.

Im Haus hängen Bilder an der Wand. Das Elternhaus in Süderbrarup, „Sägewerk, Torfwerk, Fuhrbetrieb, Landwirtschaft in einem“, erklärt Möller. Seine Ehefrau Heidi, verstorben 2015 nach 56 gemeinsamen Jahren, „so eine liebe Frau, ich habe ein Riesenglück gehabt.“ Die Fotoecke mit den WEISSER RING-Momenten: wechselnder Bundesvorstand, wechselnder Landesvorstand, dazwischen Hans A. Möller, der immer blieb.

„Sofort überzeugt“

Vor allem aber zeigt das Möllerhaus, dass dieser Mann nichts, aber auch gar nichts bereit ist dem Zufall zu überlassen. Oben im Büro stehen zwei Computer, zwei Bildschirme, zwei Tastaturen („voll funktionsfähig, falls einer ausfällt“). Im Schlafzimmerschrank hat er das Pflegefach seiner Frau neu sortiert („für mich, falls ich gepflegt werden muss“). Und in der Diele parkt neben der Eingangstür ein weinroter Krankenhaus-Notfallkoffer, er hatte ihn einst für seine Frau gepackt („jetzt ist das meiner“). Eine Inhaltsliste liegt bei: 1. Patientenverfügung, 2. Medikamentenplan, Schnellhefter für die Krankenhausunterlagen, 4. zwei Schlafanzüge, 5. drei Unterhemden, so geht es weiter mit Krankenhausnotwendigkeiten bis Punkt 18.

Einmal allerdings war Möller, Banker und Revisor, tatsächlich unvorbereitet. 41 Jahre ist das her, Möller spielte damals regelmäßig Skat in Rendsburg, als er am Jackett eines Skatbruders eine Nadel entdeckte mit einem ihm unbekannten Logo. „WEISSER RING?“, fragte Möller. „Was ist das?“ Der Skatbruder erklärte es ihm, Möller war „sofort überzeugt“, wie er sich erinnert. Wenig später unterschrieb er eine Beitrittserklärung, Mitgliedsnummer 8986, Name, Adresse, hinter dem Satz „Ich kann mich in meiner Freizeit für den Verein aktiv betätigen“ setzte er brav das Kreuz bei „Ja“. Zum 1. Januar 1980 wurde er Mitglied, kaum sechs Monate später sollte er die Leitung der Außenstelle Rendsburg übernehmen. Sein Skatbruder hatte auswärts eine Rektorenstelle angenommen und braucht einen Nachfolger. „Warum ich?“, fragte Möller. „Weil du der Einzige bist, der auf dem Antrag ,Ja‘ angekreuzt hat“, antwortete der Skatbruder.

Möller lacht sein Möllerlachen. „Schreiben Sie seinen Namen ruhig auf, viele wissen gar nicht mehr, dass er der erste Außenstellenleiter hier war“, sagt er: „Adolf-Walter Paschke.“

„Außenstellenleiter“, das klingt nach Team und Unterstützung, und tatsächlich findet man auf der Homepage der Außenstelle Rendsburg heute die Namen von 16 Ehrenamtlichen. Damals aber war Möller allein. „Ich hatte kein Handy, ich hatte kein Fax, ich hatte kein Auto. Was ich hatte, waren ein Telefon und zwei gut besohlte Schuhe.“ Möller lief in die Schulen, um vom WEISSEN RING zu erzählen, ins Rathaus, zur Polizei. Er schickte Berichte über den WEISSEN RING an die Zeitung. Wenn die Zeitung einen Bericht veröffentlicht hatte, legte er die Zeitung neben sein Manuskript und verglich Wort für Wort. Was hatte die Redaktion verändert? Wie wollte sie die Berichte wohl haben? Bald druckte die Zeitung seine Texte unverändert ab.

In der Zeitung suchte Möller auch nach Menschen, die seine Hilfe brauchten, der WEISSE RING war ja trotz der Möllerarbeit noch nicht sehr bekannt in Schleswig-Holstein. Weil in den Berichten über Straftaten natürlich keine Adressen von Opfern standen, bat Möller die Redaktion, Kontakt herzustellen. Wenn das klappte, lief er los.

Erschüttern kann ihn nichts mehr

40 Jahre später läuft Hans A. Möller immer noch täglich durch Rendsburg, über den Paradeplatz zum Beispiel zum Nord-Ostsee-Kanal und von dort weiter zum Friedhof Neuwerk, wo seine Frau ruht. Wenn er Besuch hat, so wie heute, führt er ihn unterwegs durch den Fußgängertunnel unterm Kanal und wieder zurück. „Wussten Sie, dass dies eine der meistbefahrenen künstlichen Wasserstraßen der Welt ist? Befahrener als der Panamakanal und der Suezkanal!“ Von der Restaurantterrasse am Kanal aus lässt sich wunderbar den Containerschiffen zuschauen, Möller lädt zu Schnitzel ein. „Ich hab’ Gutscheine geschenkt bekommen, die kann ich allein gar nicht wegessen“, sagt er und lacht.

Erschüttern könne ihn nichts mehr, sagt Möller beim Essen und zählt auf. Sein Sohn: seit fast 20 Jahren schwerbehindert. Seine Frau: dement, jahrelang bettlägerig, schließlich der Abschied. „Das war schlimm für mich“, sagt Möller, „aber ich konnte mich darauf vorbereiten.“ Er blickt nicht bitter zurück, nicht einmal traurig; seine Erinnerungen sind fröhlich und voller Leben, immer wieder unterbricht Möllerlachen seine Geschichten.

Vereinsgründer Eduard Zimmermann und Hans A. Möller im Gespräch ∙ Foto: privat

Hunderte Opferfälle betreut

Und die Opferfälle? Hunderte muss er doch betreut haben in all den Jahren! „Ja“, sagt Möller, „die waren schon schlimm manchmal.“ Der getötete Zehnjährige. Die Frau, die der Mann mit Salzsäure überschüttet hatte. Der Wirt seines Stammlokals, den ein Betrunkener die Treppe heruntergeworfen hatte und der nicht mehr arbeiten konnte. Möller half dem Wirt später privat weiter, stritt mit Berufsgenossenschaft, Banken, Versicherungen und erkämpfte Tausende Euro für den Mann. „Man kann viel erreichen“, sagt er. „Aber das Erste und Wichtigste, was man können muss, ist zuhören.“

Den Opfern sagte er oft: „Schreiben Sie es auf! Schreiben Sie es sich von der Seele!“ Möller selbst schreibt alles auf, seitenlang dokumentiert er sein Leben, seine Arbeit, sein Ehrenamt. Anfangs schickte er monatliche Berichte nach Mainz, die Auskunft gaben über seine Außenstellenleitertätigkeit.

Heute übernimmt er Opferfälle nur noch „auf ausdrücklichen Wunsch“, wie er sagt. Lieber nutzt er seine zweite Begabung neben dem Zuhören, das ist das Hinsehen: Er liest die Finanzberichte des Vereins gegen, das Jahrbuch, das Mitarbeiterhandbuch, Korrekturen und Verbesserungsvorschläge meldet er der Bundesgeschäftsstelle in Mainz. „Ich möchte nicht wissen, wie oft die anfangs in Mainz gesagt haben: ,Der Möller schon wieder!‘“ Möllerlachen. Heute sagt das keiner mehr. Zum 40. Jubiläum hat ihm der WEISSE RING 21 Videogrüße geschickt, wegen Corona musste der offizielle Festakt ja ausfallen:

„Das, was Herr Möller schreibt, stimmt. Wenn Sie uns auf was hinweisen, wenn wir was übersehen haben, dann haben Sie immer Recht. Das kann ich an dieser Stelle offen und offiziell bestätigen.“

Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS

„Nie habe ich Sie auch nur im Ansatz missgelaunt, müde oder gar erschöpft erlebt. Sie scheinen über eine unendliche Quelle an Kraft und Zuversicht zu verfügen.“

Manuela Söller-Winkler, Landesvorsitzende Schleswig-Holstein

„Er ist ein geselliger Mensch. Ich denke an gemeinsame Stunden im Bierkeller in Malente oder anlässlich der Bundesdelegiertenversammlung. Anzumerken ist aber auch, Hans war am Abend und in der Nacht der Letzte. Doch am nächsten Morgen war er der Erste. Und die Kassenabrechnung hatte er auch schon erledigt.“

Uwe Rath, Ex-Außenstellenleiter Rendsburg-Eckernförde

Ein Bundesverdienstkreuz für Möller

1979 war Rendsburg die 81. Außenstelle des WEISSEN RINGS. Heute gibt es knapp 400 Außenstellen. 120 hauptamtliche Mitarbeiter arbeiten rund 2.900 Ehrenamtlichen zu. Manche Mitarbeiter sagen, dem Verein sei das Spontane, das Unbürokratische der frühen Jahre unterwegs abhandengekommen. Möller findet das gut. Die Sicherung der Gemeinnützigkeit durch Vorschriften und Leitlinien, die Bedürftigkeitsprüfung in Mainz, die Mitarbeiterschulung durch die vereinseigene Akademie, „die Gesetze haben sich geändert, ich halte das auch für richtig“. Wenn der Verein sich weiterentwickelt, entwickelt Möller sich halt mit. „Ich habe jetzt einen Internetzugang beantragt“, sagt er, „zum ersten Mal im Leben, mit 84.“

„Wir sind Ihnen unendlich dankbar, dass Sie sich so in die Themen reinknien und dabei auch noch Spaß haben.“

Brigitte Meise, Leiterin des Landesbüros Schleswig-Holstein

Was muss man noch wissen über Hans A. Möller? Dass ihm 1993 der Bundespräsident das Bundesverdienstkreuz am Bande verlieh? Dass er 2010 den Deutschen Bürgerpreis bekommen hat? Dass der WEISSE RING für ihn 2020 die bundesweit erste Ehrennadel in Gold anfertigen ließ? Vielleicht ist das hier wichtiger: In den nächsten Tagen bekommt er wieder einmal Besuch aus Mainz, die Finanzchefs haben sich angemeldet, sie wollen mit ihm über den Jahresbericht sprechen. Möller lacht das Möllerlachen und verspricht: „Ich bin vorbereitet!“

Die Sammlerin

Erstellt am: Donnerstag, 10. Dezember 2020 von Sabine

Die Sammlerin

Silvia Niedermeier fällt es leicht, andere zu begeistern – auch für die Unterstützung des WEISSEN RINGS in Bayern. 2020 hat sie so viel Spenden für den Verein gesammelt wie nie zuvor.

Silvia Niedermeier, ehrenamtliche Mitarbeiterin des WEISSEN RINGS.

Silvia Niedermeiers Arbeit ist im Laufe der Jahre nicht einfacher geworden. Seit 1996 leitet sie die Freisinger Außenstelle des WEISSEN RINGS in Bayern. „Wie viele Vereine spüren auch wir einen Mitgliederschwund“, sagt sie bei einem Spaziergang durch Moosburg. Bußgeldzahlungen, die regelmäßig an den WEISSEN RING gehen, sind im Lauf der Jahre weniger geworden. „Es gibt immer mehr gemeinnützige Vereine, die natürlich auch Unterstützung brauchen.“ Trotzdem hat Silvia Niedermeier im vergangenen Jahr für den WEISSEN RING 21.000 Euro Spenden gesammelt, so viel wie noch nie zuvor.

Am Anfang, erinnert sich Silvia Niedermeier, kamen im Jahr zwischen 1.000 oder 2.000 Euro zusammen, in einem Jahr sogar nur ein paar hundert Euro private Spenden. „Damals kannte niemand in der Gegend den WEISSEN RING“, sagt sie. Niedermeier und ihr Team stellten sich bei der Polizei vor, bei Hilfsorganisationen wie dem Frauenhaus in Freising, bei der Diakonie, Caritas und der Katholischen Fürsorge und in Zeitungsredaktionen und verteilten Flyer. Bei Veranstaltungen wie der Ehrenamtsbörse in Freising standen sie am Infostand und klärten über die Aufgaben des Vereins auf. Sie begannen, Vorträge an Schulen zu halten, in Seniorenheimen, Pfarrämtern und Vereinen. „Wir haben damals Pionierarbeit geleistet“, erzählt Silvia Niedermeier, die immer „wir“ sagt, wenn sie von ihrer Arbeit spricht. „Ich bin keine Einzelkämpferin“, erklärt sie.

Zum WEISSEN RING kam Niedermeier, als die Zentrale 1995 in einer Zeitungsannonce Ehrenamtliche suchte, die vor Ort eine Außenstelle aufbauen. Den Verein kannte sie bereits durch die Arbeit ihres Mannes bei der Polizei. „Die Beamten leisten in erster Linie Täterarbeit“, sagt Niedermeier. „Um die Betroffen hat sich damals fast niemand gekümmert.“

Die Grenzen der Belastbarkeit

Mit sechs weiteren Ehrenamtlichen betreut sie seitdem Opfer von Kriminalität im Landkreis Freising. Knapp 180.000 Einwohner leben in 24 Gemeinden, darunter die Städte Moosburg, Freising und der Flughafen in Hallbergmoos. Opfer von Straftaten melden sich direkt bei Niedermeier, manchmal stellt die Polizei den Kontakt her. Die Ehrenamtlichen vom WEISSEN RING begleiten Opfer oft über Wochen oder Monate. „Manchmal geht es an die Grenze der Belastbarkeit“, sagt Niedermeier, besonders wenn Kinder oder Jugendliche betroffen sind, es um sexuelle Gewalt geht, brutale Raubüberfälle oder Straftaten gegen Senioren.

Fragt man nach ihrem härtesten Fall, antwortet sie: „Da waren ein paar.“ Mit am schwersten sei 2002 der Amoklauf an der Wirtschaftsschule in Freising gewesen. Die ersten Monate konnte sie nach Gerichtsterminen und Treffen mit Opfern schwer abschalten, erinnert sich Niedermeier. Innerhalb ihrer Familie spricht sie nicht über die Arbeit für den WEISSEN RING, um sie nicht zu belasten, und wegen der sensiblen Informationen über Opfer und Täter. Umso wichtiger sind für sie die Gespräche im Team. Einmal im Monat treffen sich alle Ehrenamtlichen im Landkreis und sprechen über Organisatorisches, aber auch über Fälle, die sie belasten.

Tausend Opfer

Meistens betreut Niedermeier mehrere Opfer parallel. 2018 hat sie außerdem ein Netzwerk aus verschiedenen Hilfsorganisationen vor Ort mitgegründet, die in Zukunft bei Großlagen zusammenarbeiten. In ruhigeren Wochen kümmert sie sich um Abrechnungen, Berichte für die Bundesgeschäftsstelle und Öffentlichkeitsarbeit, doch ruhige Wochen sind selten.

In den fast 25 Jahren, die sie im Amt ist, hat Silvia Niedermeier hunderte Opfer betreut, „vielleicht auch mehr als tausend“, sagt sie. „Wenn ich etwas erreichen will, muss ich auf die Menschen zugehen und berichten.“ Schon in ihrem früheren Beruf als Personalerin bei einer Bank hatte sie immer mit Menschen zu tun, es fällt ihr leicht, andere zu begeistern und sich, wenn nötig, bei Institutionen und Anwälten durchzusetzen. Gleichzeitig ist sie sensibel, kann gut zuhören, auch im Gespräch ist sie zugewandt und ehrlich interessiert. Obwohl sie lieber selbst anpackt, weiß sie, dass es sich lohnt, über ihre Erfolge und die ihres Teams zu sprechen – weil es den Opfern zugutekommt, und das ist, was für sie zählt.

„Wenn die Polizei vor Ort Opfern empfiehlt, sich bei uns zu melden, wissen sie, dass das nicht untergeht. Dass wir uns wirklich kümmern.“

Silvia Niedermeier

Im Landkreis bekannt

Regelmäßig besucht Silvia Niedermeier die Lokalredaktionen der Moosburger Zeitung und des Freisinger Tagblatts und berichtet anonym über Fälle aus der Region, hält Kontakt zu Redaktionsleitungen und Redakteure und Redakteurinnen. Der WEISSE RING bekommt jedes Jahr einen Teil der Spenden, die die Zeitungen zu Weihnachten für Menschen in Not sammeln.

Auch mit lokalen Vereinen wie dem Frauentreff Freising und Tante Emma e. V. in Moosburg, der Menschen in schwierigen Verhältnissen ehrenamtlich berät, ist man im Austausch. In Aktion überzeugen Niedermeier und ihr Team. Richter sehen, wie sie sich um Betroffene kümmern, und lassen dem Verein einen Teil der Bußgeldeinnahmen zukommen, die sie an gemeinnützige Vereine verteilen dürfen.

Mit Tante Emma e. V. verbindet sie auch ein gemeinsamer Fall, seitdem spendet der Verein regelmäßig an den WEISSEN RING. Im ganzen Landkreis kennt und schätzt man ihre Arbeit. „Wenn die Polizei vor Ort Opfern empfiehlt, sich bei uns zu melden, wissen sie, dass das nicht untergeht“, sagt sie. „Dass wir uns wirklich kümmern.“ Die Polizei Moosburg veranstaltet jedes Jahr einen Weihnachtsbasar, die Hälfte der Einnahmen geht an den WEISSEN RING.

„Niemand ist gern Opfer und soll auch nicht ein Leben lang Opfer bleiben.“

Silvia Niedermeier

Corona erschwert die Arbeit

Spendengelder werden an Opfer als wirtschaftliche Hilfe ausbezahlt, für Familien mit Kindern auch als Ferienhilfe, außerdem für Anwälte, Verfahrenskosten und Therapien eingesetzt. Ein Büro hat die Außenstelle nicht. „Das Geld soll zu 100 Prozent den Opfern zugutekommen“, sagt Niedermeier. „Das ist auch der Grund, warum ich mich hier schon so lange engagiere.“ Die schönsten Momente sind für Silvia Niedermeier, wenn sie spürt, dass ein Opfer, oft nach der Gerichtsverhandlung, wieder Zuversicht gewinnt. „Wenn sie wieder ins Berufsleben einsteigen, nach vorne schauen, wieder Vertrauen in sich selbst fassen“, sagt sie. „Niemand ist gern Opfer und soll auch nicht ein Leben lang Opfer bleiben.“

Corona hat Silvia Niedermeiers Arbeit einmal mehr erschwert. Eine Weile lang konnte sie Opfer nur telefonisch betreuen, im Sommer, als die Kontaktbeschränkungen gelockert wurden, traf sie manche auf einen Spaziergang statt zu Hause. Pandemiebedingt sind auch die Spenden in diesem Jahr zurückgegangen. Veranstaltungen und Vorträge mussten abgesagt werden, gegen Jahresende bringen normalerweise die Weihnachtsmärkte in der Region Spenden ein. In welchem Rahmen sie dieses Jahr stattfinden können, ist ungewiss. Silvia Niedermeier hofft auf die Spendenaktionen von
Vereinen und in den Zeitungen in der Vorweihnachtszeit.

„Der Verein hat enorme Expertise erworben“

Erstellt am: Dienstag, 1. Dezember 2020 von Sabine

„Der Verein hat enorme Expertise erworben“

Der WEISSE RING hat 2015 eine eigene Akademie für Opferhilfe gegründet, die sich um die Ausbildung der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmert. Vier Fragen an Leiterin Birte Peter.

„Viel von dem, was wir vermitteln, hilft Menschen im Alltag“, so Birte Peter, Leitung Akademie.

Warum gibt es die Akademie, und wie kam es zu ihrer Gründung?

Die Aus- und Weiterbildung des WEISSEN RINGS wurde früher ausschließlich für die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gemacht. Auch heute noch bilden wir alle ehrenamtlichen Kräfte für ihre Tätigkeiten im Verein und damit in der Opferhilfe aus. Wir haben eine ziemlich umfassende Grundausbildung, die sich aus vereinsspezifischen Kenntnissen und Fachwissen zusammensetzt, das für die Arbeit im Verein gebraucht wird. Da kommt einiges zusammen: rechtliche Fragen zum Opferentschädigungsgesetz, Opferrechte, pädagogisch-kommunikative Fragen wie zum Beispiel Grundlagen für das Erstgespräch oder Psychotraumatologie oder Psychohygiene. Die jeweilige Ausbildung dauert rund vier Monate.

Den WEISSEN RING gibt es seit über 40 Jahren, allein im Moment sind ja rund 2.900 Menschen ehrenamtlich für und mit uns tätig. Was ich damit sagen will: Über die Jahre hat der Verein in dieser Ausbildung eine enorme Expertise erworben. Diese auch externen Menschen entgeltlich zur Verfügung stellen zu können, war die Ursprungsidee, die zur Gründung der Akademie des WEISSEN RINGS führte. So begann die Geschichte der Akademie, die ja so alt noch nicht ist. Und es ist nicht ganz einfach, es handelt sich um einen langwierigen Prozess, die Konkurrenz ist groß, Aus- und Weiterbildungsangebote gibt es viele – auf diesem Markt müssen wir uns noch einen Namen verschaffen und bekannt werden.

Aktuell dürfte wie in ganz Deutschland die Digitalisierung ein großes Thema sein?

Ja, selbstverständlich. Wir haben im März in der ersten Corona-Phase begonnen, das Grundseminar zu digitalisieren. Das war unabdingbar, weil wir unsere Interessenten verlieren, wenn wir sie nicht zeitnah ausbilden können. Wir können aber nicht auf eine reine Digitalisierung und reines Selbststudium setzen. Eine Präsenz muss weiterhin in irgendeiner Form möglich sein, um zusammenkommen zu können und den Erfahrungsaustausch untereinander zu gewährleisten. Und wenn es, wie geschehen, Online-Seminare, sind.

In der Corona-Phase haben wir versucht, die fehlende Präsenzmöglichkeit über Online-Seminare zu kompensieren. Theoretische Inhalte wird es künftig in einigen Seminaren digital geben, geplant ist aber weiterhin auch eine ein- oder zweitägige Zusammenkunft, um sich kennenzulernen, Fragen zu klären oder in der Gruppe etwas zu erarbeiten. Der Praxisanteil in unseren Schulungen ist sehr hoch und soll es auch bleiben. Wir haben insgesamt rund 120 Dozenten. Da sind Ehrenamtler darunter, Menschen mit einer berufsspezifischen Qualifikation wie zum Beispiel Therapeuten oder Juristen.

Was haben Sie hier selber gelernt?

Sehr viel. Inhaltlich zum Beispiel: Was es für Menschen bedeutet, Opfer zu werden und zu sein. Man macht sich über so etwas in der Regel nur dann Gedanken, wenn man betroffen ist. Oder wenn man beruflich damit zu tun hat. Auch der Umgang mit den Ehrenamtlichen bringt mir viel. Das ist ein anderes Arbeiten, als ich es bei meinem früheren Arbeitgeber, einer Universität, gewohnt war. Herausragend sind auch die großen Veranstaltungen des WEISSEN RINGS, die Bundesvorstandssitzungen oder etwa die Bundesdelegiertenkonferenz.

Was wünschen Sie sich für die Akademie?

Dass es noch mehr gelingt, die Vermittlung der Seminarinhalte moderner zu gestalten. Dass das digitale Lernen ein wichtiges Element bleibt und noch mehr an Bedeutung und Akzeptanz gewinnt. Und natürlich, dass wir mit unseren externen Angeboten auf eine noch größere Resonanz stoßen. Denn sehr viel von dem, was wir hier vermitteln, hilft Menschen im Alltag.