„Vor Corona hatten wir 200 Erstanfragen im Monat, nun sind wir bei 300“

Erstellt am: Montag, 16. August 2021 von Sabine

„Vor Corona hatten wir 200 Erstanfragen im Monat, nun sind wir bei 300“

Seit fünf Jahren bietet der WEISSE RING auch eine Onlineberatung an. Laura Cornish ist von Anfang an dabei. Im Interview erzählt die ehrenamtliche Helferin, wie das Angebot funktioniert – und mit welchen Anliegen sich die Ratsuchenden melden.

Seit fünf Jahren bietet der WEISSE RING auch eine Onlineberatung an. Foto: janeb13/Pixabay

Seit fünf Jahren gibt es die Onlineberatung des WEISSEN RINGS nun. Sie sind seit der ersten Stunde mit dabei. Wie läuft eine Onlineberatung typischerweise ab?

Bei der Onlineberatung haben die Ratsuchenden die Möglichkeit, uns ihre Anfragen komplett anonym zuzusenden. Wir versprechen eine Rückmeldung innerhalb von 72 Stunden. Üblicherweise sind wir allerdings deutlich schneller. Danach findet der Austausch dann im Rhythmus des jeweiligen Beraters oder der Beraterin statt, weil wir im Lauf der Woche zu persönlichen, festen Zeiten online sind, die wir den Ratsuchenden auch mitteilen. In der Regel bekommen diese also ein bis zwei Mal pro Woche eine Antwort von uns. Da wir keine lebensbegleitende Beratung anbieten, haben wir ein Limit von acht Nachrichten von beiden Seiten, das allerdings nicht starr ist und so gut wie nie erreicht wird.

Aber der Austausch läuft ausschließlich per Chat?

Per Nachrichtenaustausch, also wie E-Mail-Verkehr. Einen Live-Chat gibt es noch nicht bei uns.

Und Sie sagten, Sie bleiben deutlich unter den 72 Stunden, wo liegt da der Durchschnitt? Bis wann können Ratsuchende mit einer Antwort rechnen?

Aktuell antworten wir in unter 20 Stunden. Wir sind momentan auch gut aufgestellt.

Wie viele Berater sind Sie denn?

Wir sind 52 Beraterinnen und Berater.

Bekommen Sie seit Beginn der Corona-Pandemie mehr Anfragen?

Vor Corona hatten wir etwa 200 Erstanfragen im Monat, nun sind wir bei rund 300.

Mit welchen Problemen kommen die Ratsuchenden üblicherweise auf Sie zu? Und ist da seit der Corona-Pandemie eine Veränderung zu sehen?

Die Anzahl der Anfragen hat sich erhöht, die Straftaten, mit denen Ratsuchende sich an uns wenden, sind allerdings gleichgeblieben. Der Fokus liegt nach wie vor auf den Sexualdelikten und der häuslichen Gewalt. Außerdem kommen Körperverletzungen und Stalking oft vor.

Und für welchen Kriminalitätsbereich sind Sie zuständig?

Wir Beratenden ordnen uns nicht unterschiedlichen Bereichen zu. In unserer Ausbildung lernen wir alle alles. In der Regel nehmen wir die älteste Anfrage an, wenn wir online kommen.

Was hat Sie motiviert, Onlineberaterin für den WEISSEN RING zu werden?

Ehrenamtliche Arbeit war mir schon immer wichtig. Während des Studiums war ich beispielsweise Lesementorin und habe Deutschunterricht für Geflüchtete gegeben. Und danach war ich auf der Suche nach einer Tätigkeit, die ich mit meinem Vollzeitjob verbinden kann, und genau da bin ich über die Ausschreibung der Onlineberatung gestolpert.

Fünf Jahre sind jedenfalls eine lange Zeit. Die Arbeit scheint Sie zu erfüllen…

Ich bin Sozialpädagogin, fühle mich also vielleicht beruflich bedingt eher zur ehrenamtlichen Arbeit hingezogen. Immerhin hat man ja automatisch Berührungspunkte. Und die Aufgabe beim WEISSEN RING ist ein supertolles Ehrenamt. Der WEISSE RING als Verein spielt da überhaupt eine riesige Rolle, weil unsere Ausbildung so gut ist und auch kontinuierlich fortgeführt wird. Auch die Bindung unter uns Beratenden ist super! Zu wissen, dass wir helfen können, ist einfach schön. Und dass wir helfen können, sehen wir an unseren Zahlen.

Inwiefern drücken die Zahlen das aus? Wie messen Sie das?

Allein dadurch, dass die Anfragen steigen, sieht man, dass sich die Onlineberatung etabliert hat. Anfangs hatten wir bei weitem nicht so viele Anfragen wie heute. Aber man sieht es auch daran, dass die Leute zurückschreiben und dass wir erreichen, dass sie sich an die jeweils zuständige Außenstelle wenden, wo sie noch umfangreichere Hilfe bekommen können.

Schön ist es jedenfalls immer, wenn Leute sich ernstgenommen und gehört fühlen und spüren, ja, der WEISSE RING ist die richtige Anlaufstelle für mich.

Onlineberaterin Laura Cornish
Gab es mal einen Fall, der Sie besonders mitgenommen hat oder einen Moment, in dem Sie ans Aufhören dachten?

Ans Aufhören habe ich höchstens mal gedacht, wenn es bei mir auf Arbeit sehr stressig wurde. Aber da habe ich auch mehr eine Pause erwogen. Pausen sind bei uns generell keine Seltenheit. Manchmal weil Berater eine berufliche Weiterbildung machen oder zum Beispiel weil jemand schwanger ist. Ein Fall aber hat mich nie dazu gebracht, ans Aufhören zu denken. Wir haben außerdem eine tolle Supervision und sprechen untereinander viel.

Und sind Ihnen auch Fälle in positiver Erinnerung geblieben, weil Sie helfen konnten und etwas bewirkt haben?

Ja! Es ist immer schön, wenn es klappt, dass sich die Leute an die zuständige Außenstelle wenden. Die meisten Leute wissen schon davon, wenn sie über die Webseite gekommen sind, und sehen ja, dass es auch Hilfe vor Ort gibt, nur trauen sie sich oft nicht. Die Außenstelle ist aber der Ort, wo sie zur Polizei begleitet werden können oder wo ein Erstberatungsscheck ausgestellt werden kann für eine anwaltliche Beratung oder für eine psychotraumatologische Beratung.

Wir haben mehr eine Lotsenfunktion, stellen viele Informationen zur Verfügung und klären beispielsweise über das Opferentschädigungsgesetz auf. Aber den Antrag dafür gemeinsam stellen – das macht man in der Außenstelle. Schön ist es jedenfalls immer, wenn Leute sich ernstgenommen und gehört fühlen und spüren, ja, der WEISSE RING ist die richtige Anlaufstelle für mich. Wenn sie sich dann obendrein trauen, sich auch im Außen die Hilfe zu holen – umso besser!

Wie feiern Sie den fünften Geburtstag?

Unser Jubiläum feiern wir am Samstag, 9. Oktober 2021. Was auf dem Programm steht, hat uns das Orga-Team allerdings noch nicht verraten.

Wenn wir dieses Gespräch in fünf Jahren wieder führen würden, was sollte sich Ihrer Meinung nach bis dahin verändert haben? Was würden Sie sich wünschen?

Die Entwicklung, die es in den letzten fünf Jahren gab, war groß. Ich würde mir wünschen, dass es so weitergeht. Wir haben ein sehr engagiertes Orga-Team. Da gab es in der Vergangenheit zwar schon Wechsel, doch alle sind stets mit Herzblut dabei. Es wäre spannend, wenn es irgendwann eine richtige Chatberatung mit Livekontakt gäbe. Und obwohl das Team mit 52 Personen zwar gerade ganz gut aufgestellt ist, freue ich mich schon wieder auf die nächste Auswahlrunde 2022. Ich glaube, es ist noch Luft nach oben. In fünf Jahren wird es sicher nicht genauso aussehen wie heute.

Zum Abschluss: Wie würden Sie in zwei oder drei Sätzen zusammenfassen, was für Sie das Schönste ist an der Onlineberatung?

Zu wissen, dass wir Menschen helfen können, die wir sonst wahrscheinlich nicht erreichen würden, ist für mich das Schönste an der Onlineberatung. Das war immer das ultimative Ziel: Einen super niedrigschwelligen Zugang zu bieten. In meiner Arbeit als Sozialpädagogin begegne ich den Leuten, die kein Vertrauen haben in offizielle Stellen, die nicht einfach mal den Hörer in die Hand nehmen und sagen: „Mir ist was passiert und bitte helft mir mal“. Das ist ja ohnehin schon schwer. Aber wenn man dann noch das Gefühl hat, man ist vielleicht nicht richtig oder denkt „mir wird sowieso nicht geholfen“, dann ist es wesentlich einfacher, sich nachts hinzusetzen, eine E-Mail rauszuschicken und mal zu sehen, wer da antwortet. Das ist für mich das Wichtigste und Schönste daran: Zu wissen, uns schreiben Menschen, die sonst vielleicht keine Hilfe bekommen hätten.

Die Unverwüstliche

Erstellt am: Sonntag, 18. Juli 2021 von Sabine

Die Unverwüstliche

Seit 14 Jahren ist Helen Bonert für Opfer ein Fels in der Brandung. Deren Geschichten beschäftigen die Leiterin der Außenstelle Rhein-Sieg zwar, belasten sie aber nicht. Das liegt auch an ihrer bewegten Zeit bei der Bundeswehr, als Helen noch Armin hieß.

Helen Bonert, Leiterin der Außenstelle Rhein-Sieg.

Wie stellt man sich jemanden vor, der täglich mit dem konfrontiert wird, was Menschen anderen Menschen antun? Müsste das nicht jemand sein, dem das Leid in Furchen ins Gesicht geschrieben steht? Mindestens aber müsste diese Person ausschließlich ernst auftreten, schon damit niemand an ihrer Ernsthaftigkeit zweifelt. Wie auch immer man sich einen solchen Menschen vorstellt, wie Helen Bonert jedenfalls nicht.

Die Leiterin der Außenstelle Rhein-Sieg sagt nicht nur „Rhein-Siech“ und „sacht“, was gleich für ordentlich Bodenständigkeit sorgt. Die 70-Jährige kann auch kichern wie ein Mädchen. Das aber irritiert nur im ersten Moment. Wer sich die bedrückenden Geschichten anderer anhört, muss selbst stabil sein. Humor ist da nicht nur eine Abwehrkraft, sondern so etwas wie der höchste Ausweis von Stabilität. Wer mit Bonert nur fünf Minuten spricht, begreift: Die ist unverwüstlich. Fels in der Brandung. Schon äußerlich. „Mit den Leuten heulen bringt gar nichts“, sagt sie. „Empathie ja, Mitleid nein.“

Seit 14 Jahren nimmt sie nun schon die Anrufe von Opfern in ihrer kleinen Mietwohnung am Stadtrand von Siegburg entgegen. „Wir sind die Ersten, die zuhören. Die kommen mit wahnsinnigen Problemen, wissen nicht genau, was sie erzählen sollen. Da will ich zeigen: Wir helfen dir weiter, wir sind für dich da.“ Dann überlegt sie, welche Mitarbeiterin sie schickt. In Corona-Zeiten fallen die sonst üblichen Hausbesuche allerdings flach. Mord übernimmt sie selbst. „Weil ein Riesenaufwand an Papierkram dranhängt. Das will ich den Mitarbeitern nicht zumuten.“

„Ein dummes Brot auf vier Füßen“

Da gab es zum Beispiel den erstochenen Taxifahrer, der nie viel verdient hatte. Die Witwe konnte sich nicht mal ein schwarzes Kleid für die Beerdigung leisten. Da sprang Bonert mit 300 Euro Soforthilfe ein. Sie half auch beim Antrag auf Bestattungsgeld, denn der Staat zahlt genau 1.710 Euro für die Beerdigung von Mordopfern. Weil aber eine Beerdigung „mit allem Pipapo, Kaffee und Kuchen, Trauerkarten, Sarg“ ungefähr 5.000 Euro kostete, sorgte Bonert dafür, dass der WEISSE RING den Rest übernahm.

Im vergangenen Jahr hatte sie einen Fall von sexuellem Missbrauch, eine Jugendliche war von einem Jungen vergewaltigt worden. Danach versuchte sie, sich das Leben zu nehmen. Die Mutter schenkte ihr noch während des Aufenthalts in der Psychiatrie einen Doggenwelpen. Nun wird der Hund auch dank Bonerts Hilfe zum PTBS-Hund ausgebildet. PTBS steht für posttraumatische Belastungsstörung. Nach der Ausbildung darf das Tier das Mädchen in die Schule begleiten. „Normalerweise ist eine Dogge kein Hund, der schlau ist“, sagt Bonert, „sondern ein dummes Brot auf vier Füßen.“ Das ist eine dieser Stellen, an denen Bonert kichert. „Dieser Hund aber ist soweit gut genug, dass man ihm die Ausbildung zutraut.“

Bonert kann aber auch bei Kleinigkeiten helfen. Einmal hat sie eigenhändig ein Schloss ausgetauscht für eine Frau, damit ihr Mann nicht mehr ins Haus kam.

„Ich habe viele böse Sachen gesehen, viele Tote, den Krieg in Jugoslawien.“

Helen Bonert über ihre Zeit bei der Bundeswehr

Seit 2006 engagiert sich Bonert für den WEISSEN RING. Ein Jahr später wurde sie Leiterin der Außenstelle. Kurz zuvor war sie mit 55 in Pension gegangen, nach Jahrzehnten bei der Bundeswehr. „Dann ist urplötzlich Urlaub und der wird immer länger und kein Schwein ruft dich an. Wenn noch dein Mann stirbt, und der war gut, und der war richtig gut, dann werden dir die Beine weggezogen. Da kommt der Punkt, an dem du dich fragst: Was machst du mit deinem Leben? Du musst was machen, sonst gehst du kaputt.“ Sie suchte im Internet. Sie wollte was für sich tun. Sie wollte was für andere tun. Sie wollte was zu tun haben. Sie wollte selbst Entscheidungen treffen können, wie sie es von ihrem Beruf gewohnt war. „Das kann ich nun alles, teilweise 40 Stunden die Woche.“ Dass die Geschichten der Opfer sie zwar beschäftigen, aber nicht belasten, hat auch mit ihrer Zeit bei der Bundeswehr zu tun. „Ich habe viele böse Sachen gesehen, viele Tote, den Krieg in Jugoslawien.“

Als sie zur Bundeswehr ging, dort Elektrotechnik studierte und dann bei der Luftwaffe Karriere machte, hieß sie allerdings noch nicht Helen, sondern Armin Bonert. Frauen durften damals nur in der medizinischen Abteilung arbeiten. Bonert aber war biologisch noch ein Mann. Ein Electronic Warfare Officer, elektronische Kampfführung also, unter anderem dafür zuständig, das Transportflugzeug Transall innerhalb von 21 Tagen so umzubauen, dass es auf keinem Radar auftauchte. Zum Beweis landeten sie in unter Beschuss in Sarajevo. Bis nach China kam Bonert, horchte dort die Russen aus, wie sie sagt. „Ich habe einen Spezialauftrag bekommen, den hatte nur ich.“

Ihre Kinder durften weiter Papa sagen

Bonert heiratete zweimal, wurde zweimal Vater. Doch sie habe sich immer schon komisch gefühlt, aber „ich wusste nicht, warum ich so bin, wie ich bin.“ Es war noch nicht die Zeit, in der man im Internet mal kurz nachschauen konnte, was mit einem los ist. Erst mit Mitte 40 erfuhr Bonert, dass es so etwas gibt: Transsexualität oder Transidentität. Geboren im falschen Körper. Nun musste etwas passieren. Sie vertraute sich ihrem Chef an, der sprach mit seinem Chef. Bonert war der erste bekannte Fall von Transidentität bei der Bundeswehr. Sie bekam ein Jahr Krankschreibung für die Behandlung, die Operationen, den Weg von Armin zu Helen. Helen war der Name, den ihre Mutter für den Fall vorgesehen hatte, dass sie ein Mädchen auf die Welt bringen würde. „Kim hätte nicht gepasst“, sagt Bonert.

Ihre Kinder durften weiter Papa sagen, für alle anderen hieß sie fortan Helen. „Ich habe einen 70-Seiten-Essay geschrieben, wie ich in der Bundeswehr behandelt werden möchte“, sagt Bonert. Diskriminiert fühlte sie sich dort nie. Nur einmal sah sie ein Stabsoffizier doof an. „Den habe ich zu einem Gespräch eingeladen. Der kam mit seiner Meinung rein in mein Büro und mit meiner wieder raus.“ Bei der Luftwaffe konnte sie nach dem Abschluss der geschlechtsangleichenden Operationen 1999 nicht bleiben, nur der Sanitätsdienst war offen für Frauen. „Ich war froh, dass ich nicht gehen musste.“ Dort war sie für alle bildgebenden medizinischen Verfahren der Bundeswehr zuständig, Röntgengeräte, Mikroskope. „Den höchsten militärischen Orden habe ich als Frau bekommen, nicht als Mann.“

„Wir sind mildtätig und gemeinnützig, aber dumm sind wir nicht.“

Helen Bonert

Die Arbeit im Ehrenamt hat ihr dann eine neue Aufgabe gegeben. Manchmal wünscht sie sich allerdings ein wenig mehr Anerkennung. „Danke zu sagen, ist sehr oft schwierig. Viele Opfer sagen hinterher sogar, sie könnten nicht Danke sagen. Aber dann geht am Ende des Jahres die Schelle, und jemand steht da mit einem Blumenstrauß.“

Es gibt auch Menschen, die bei ihr anrufen und am Ende unzufrieden sind. „In vielen Fällen haben sie Geld erwartet und keines bekommen. Wenn Leute finanzielle Erwartungen äußern, bin ich knochenhart. Dann kriegen die nichts. Wir sind mildtätig und gemeinnützig, aber dumm sind wir nicht.“ Sie hat mal die Betreuung eines Opfers abgebrochen, als eine Mitarbeiterin von dem Mann sexuell angegangen wurde. „Es gibt aber auch einfach Leute, die kommen mit meiner Art nicht klar“, sagt sie.

Zwei Jahre will Bonert noch die Anrufe entgegennehmen, dann soll Schluss sein. „Ich erziehe gerade meine Stellvertreterin. Wenn sie laufen kann, höre ich auf.“

Die Unverwüstliche – Helen Bonert, ehrenamtliche Mitarbeiterin des WEISSEN RINGS.

„Wir haben ein Zerrbild von Kriminalität“

Erstellt am: Donnerstag, 1. Juli 2021 von Torben

„Wir haben ein Zerrbild von Kriminalität“

Wer Armut und vor allem Ungleichheit bekämpft, bekämpft auch die Kriminalität. Davon ist Professor Dr. Christoph Butterwegge überzeugt. Der Armuts- und Reichtumsforscher aus Köln sagt: Armut werde in Deutschland immer noch stigmatisiert und teilweise auch kriminalisiert.

Foto: Wolfgang Schmidt

Wenn Sie Ihrem Kind einen Verbrecher beschreiben sollten, wie sähe der wohl aus?

Ich weiß, dass es den „typischen“ Verbrecher gar nicht gibt. Aber ich habe einen fünfjährigen Sohn, der schon mal von Einbrechern spricht. Ihm schwebt dabei wahrscheinlich eine dunkle Gestalt vor, sicherlich nicht jemand, der mit Schlips und Kragen oder im Frack daherkommt. Speziell bei Verbrechen wie Einbruch, Diebstahl oder Raub, bei denen es um Geldwerte geht, scheint es ja erst einmal naheliegend, dass jemand zu kriminellen Methoden greift, der Geld braucht, weil er keins oder wenig hat.

Zu dem Bild von der dunklen, ärmlichen Gestalt als Verbrecher gehört zumeist auch der Wohlhabende als Opfer. Ist es in Wirklichkeit nicht so, dass arme Menschen viel häufiger Opfer von Kriminalität werden als reiche Menschen?

Täter und Opfer gehören meistens derselben Schicht an. Dabei kommt es auf die Deliktform an, von der wir sprechen. In den Köpfen der Menschen findet eine Täter-Opfer-Umkehr statt. Täter werden gemeinhin eher in der Unterschicht vermutet, das Opfer eher in der Mittel-oder Oberschicht. Das ist sicher oft umgekehrt. Arme werden häufiger ausgenutzt. Unterbezahlung, Dumpinglöhne, Unterschreitung des Mindestlohns bei ausgebeuteten Werksvertragsarbeitern etwa in der Fleischindustrie, denen für schlechte Unterkünfte auch noch viel Geld vom kargen Lohn abgezogen wird – das ist kriminell. Aber diese Form der „Weiße- Kragen-Kriminalität“ wird als solche ja kaum wahrgenommen.

Ich habe mich intensiv mit der Darstellung von Migranten in den Massenmedien beschäftigt und mir eine rheinische Boulevardzeitung angeschaut. Auf der Titelseite waren die „Klau-Kids“ vom Dom, also rumänische Kinder, die Passanten bestohlen hatten, ganz groß aufgemacht. Und auf einer Seite ganz hinten ging es um den deutschen Einzeltäter, der durch Betrug einen Schaden in mehrfacher Millionenhöhe angerichtet hatte. Der wurde nicht als besonders kriminell dargestellt. Arme oder Menschen anderer Herkunft und Hautfarbe stehen ganz anders im Fokus. Dadurch fühlen sich deutsche Mittelschichtangehörige eher von den Armen bedroht. Und nicht von denen, die den größten Schaden anrichten. Mit diesen Tätern haben sie auch wenig Berührungspunkte – aber der Mensch neigt dazu, die Erfahrungen aus seinem Nahbereich zu verabsolutieren. Die Klau-Kids kennen sie, sei es vom Dom oder aus der Zeitung. Denjenigen Reichen, der Lohndumping betreibt oder Steuerbetrug begeht, kennen sie nicht.

Haben Sie ein Beispiel aus Ihrem Nahbereich?

In der Straße meiner Mutter lebte eine ältere Frau, die Sozialhilfe bezog, aber früher mit einem reichen Mann liiert gewesen war. Aus jener Zeit besaß sie noch teuren Schmuck und Pelzmäntel, die sie beim Sozialamt nicht als Vermögenswerte angegeben hatte. Besser situierte Frauen aus der Nachbarschaft zerrissen sich darüber den Mund. Es hat sie aber nicht aufgeregt, dass sich der halbseidene Bauunternehmer Dietrich Garski zur selben Zeit 100 Millionen D-Mark vom Berliner Senat für ein Immobilienprojekt in Saudi-Arabien erschlichen hatte. Das war für die Nachbarinnen meiner Mutter viel zu weit weg, während die Sozialhilfeempfängerin im unmittelbaren Nahbereich lebte. Subventionsbetrug, Steuerhinterziehung, Lohndumping oder Schwarzarbeit war ihnen fremd, weil sie als Mittelschichtfrauen dieser Form der Kriminalität nicht ausgesetzt waren oder sogar davon profitierten. Als Mittelschichtsangehörige haben sie allenfalls Kontakt zu Ärmeren – und sei es, dass die für sie putzen.

Sie forschen schon lange zu Armut…

… ja, das hat 1995/96, also vor einem Vierteljahrhundert, angefangen. Damals war ich an der Fachhochschule in Potsdam und bildete Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagogen aus. Studierende wiesen mich auf die sich in den östlichen Bundesländern ausbreitende Kinderarmut hin und fragten, ob ich ein Projekt oder eine Veranstaltung dazu anbieten könne, und das habe ich dann getan. Daran haben sich Forschungsprojekte und Bücher zur Kinderarmut angeschlossen, weshalb mir bis heute das Etikett des „Armutsforschers“ anhaftet. Das finde ich unpassend, weil ich mich ja auch mit vielen anderen Themen beschäftige und auch mehr und mehr dazu gekommen bin, die Armut immer in den Zusammenhang mit Ungleichheit zu stellen. Wenn überhaupt, würde ich mich als Armuts- und Reichtumsforscher bezeichnen.

Aber Sie haben sich in diesen 25 Jahren eine große Expertise im Bereich Armut erworben.

Ja, besonders im Hinblick auf die gesellschaftlichen Ursachen. Denn Armut wird bei uns häufig nur als individuelles Problem angesehen – dabei handelt es sich um ein strukturelles Problem, das eng mit dem Reichtum zusammenhängt. Wie Bertolt Brecht es so schön ausgedrückt hat: „Armer Mann und reicher Mann standen da und sah’n sich an. Und der arme sagte bleich: Wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“ Auch für Verbrechen gilt, dass sie mit Armut und Reichtum zusammenhängen.

Wenn Armut als individuelles Problem gesehen wird, gegen das man mit Leistung etwas tun kann, das also letztlich selbst verschuldet ist – kommen wir da nicht schnell zu einem gesellschaftlichen Bild, das Arme nicht als Opfer, sondern als Täter zeichnet?

Das gilt besonders, wenn Arme, was in unserer Gesellschaft ja der Fall ist, als Drückeberger, Faulenzer und Sozialschmarotzer abgewertet werden. Wenn Sie an Hartz-IV-Bezieher denken, dann haftet denen ja dieser Makel an, dass sie selbst schuld sind und dass sie sich nicht genug angestrengt haben. Bei uns wird die Ungleichheit in der Gesellschaft gerechtfertigt mit dem meritokratischen Mythos, dass wer sich anstrengt und etwas leistet, mit Wohlstand und Reichtum bis ans Lebensende belohnt wird. Und dass wer auf der faulen Haut liegt und vielleicht auch kriminell ist, mit Armut bestraft wird.

Das ist der ideologische Hauptstrang, um Strukturen der Ungleichheit in unserer Gesellschaft zu rechtfertigen und aufrechtzuerhalten. Wenn gesagt wird, dass der, der arm ist, faul ist und sozial schmarotzt, dann ist der Schritt nicht weit, dass diese Person auch als kriminell betrachtet wird, weil sie „uns“ bewusst ausnutzt und auf der Tasche liegt.

Tun Arme das?

Der Sozialleistungsmissbrauch wird in diesem Sinne maßlos überschätzt. Alle Untersuchungen dazu ergeben, dass sich das im Promille- oder höchstens im niedrigen Prozentbereich bewegt.

Wird Armut indirekt kriminalisiert in Deutschland?

Ein Stück weit ist das der Fall. Zunächst wird Armut stigmatisiert. Derjenige, der arm ist, bekennt sich nicht dazu, sondern schämt und versteckt sich meistens. Das ist übrigens für mich ein Kennzeichen von relativer Armut, die in unserer reichen Gesellschaft überwiegt. Absolute Armut wird fälschlicherweise nur in den Ländern des globalen Südens verortet und ist dort nicht stigmatisiert. Wenn Sie in einem Slum in Nairobi aufwachsen, müssen Sie sich für Ihre Armut weder rechtfertigen noch werden sie scheel angesehen. Aber in einer reichen Gesellschaft gilt Armut eben als etwas Anstößiges, das selbst verschuldet und eher kriminell, weil selbst herbeigeführt ist.

Vor allem Kinder von Hartz-IV-Empfängern werden finanziell benachteiligt. Foto: Picture Alliance/ZB/Thomas Eisenhuth

Wo kommt dieses Zerrbild her?

Das hat einerseits sicher mit unserer reichen kapitalistischen Gesellschaft zu tun. Aber auch damit, dass Hartz-IV-Bezieher stärker stigmatisiert und kriminalisiert werden, als das zum Beispiel den Armen in den fünfziger Jahren widerfuhr. Heute gibt es mehr Arme. Außerdem ist der Einfluss des Neoliberalismus größer. Eine Gesellschaft, die stark auf Marktmechanismen hin orientiert ist und erwartet, dass jeder entsprechend der Verwertungslogik funktioniert, stigmatisiert Armut stärker. Der Neoliberalismus hat zur Jahrtausendwende an Einfluss gewonnen; Stichworte sind Gerhard Schröders „Agenda 2010“ und die Hartz-Gesetze. Heute ist das eher noch stärker ausgeprägt.

Und die Ungleichheit steigt?

Ja. Das ist ebenfalls ein Produkt dieser Entwicklung, denn Ungleichheit wird nicht mehr als etwas Negatives gesehen, sondern ganz im Gegenteil als willkommene Triebkraft für individuelle Hochleistungen. Es heißt, die Ungleichheit motiviere die Menschen, sich mehr anzustrengen. Damit hat Ungleichheit ihr negatives Image verloren, obwohl große Ungleichheit dazu führt, dass eine Gesellschaft auseinanderfällt, der soziale Zusammenhalt schwindet und sich Spannungen häufen.

Und zugleich steigt die Armut?

Rein statistisch betrachtet hat sie einen Rekordwert erreicht. Und das bereits vor der Pandemie. Nach dem Mikrozensus galten 13,2 Millionen Menschen oder 15,9 Prozent der Bevölkerung hierzulande 2019 nach EU-Kriterien als armutsgefährdet. Ihnen stehen, wenn sie alleinstehend sind, monatlich weniger als 1.074 Euro zur Verfügung. Das relativiert man teilweise mit dem Argument, dass auch Studierende darunter sind, die später viel mehr verdienen. Dabei geht es immer um Haushalte. Wer im Studentenheim, im Pflegeheim oder in einer Flüchtlingsunterkunft lebt, wird gar nicht mitgezählt. Ebenso wenig erfasst werden die Wohnungslosen, etwa 678.000 an der Zahl, sowie die Obdachlosen, rund 41.000 Menschen.

Erhöht steigende Armut oder steigende Ungleichheit sowohl die Zahl der Verbrechen als auch die Angst vor Verbrechen?

Das ist eine schwierige Frage, weil man hier schauen müsste, auf welche Art von Kriminalität wir uns beziehen. Tendenziell würde ich der These zustimmen, denn Ungleichheit macht die Gesellschaft inhumaner. Drogensucht, Gewaltkriminalität und Brutalität auf den Straßen nehmen in ungleichen Gesellschaften zu. Aber es spielen natürlich auch andere Faktoren eine Rolle, weshalb das nicht monokausal zu sehen ist.

Butterwegge: „Ein wohlhabender Angeklagter im Anzug wird anders behandelt als ein ungebildeter Täter aus der Unterschicht.“ Foto: Frank Schwarz

Am prägnantesten untersucht haben das zwei britische Forscher, Richard Wilkinson und Kate Pickett, in einem Buch, das auf Deutsch „Gleichheit ist Glück“ heißt. Sie haben herausgefunden, dass ungleiche Gesellschaften vollere Gefängnisse haben, mehr Suizide, eine höhere Säuglingssterblichkeit und eine niedrigere Lebenserwartung. Sie haben ziemlich schlüssig nachgewiesen, dass Ungleichheit auf allen Gebieten mehr Probleme schafft. Natürlich auch in der Kriminalität. Wenn Sie mir noch ein Wort zur Ungleichheit gestatten?

Aber bitte.

Als Mitglied im Wissenschaftlichen Gutachtergremium für den Sechsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung habe ich da sehr genau beobachtet, dass dieser dazu dient, die Ungleichheit zu vernebeln und die Armut zu verharmlosen. Getreu dem Motto: „Guckt mal, in Kalkutta verhungern die Menschen an der Straßenecke. In Köln geht’s Armen doch relativ gut, wenn sie in einem Hochhaus am Rande der Stadt leben. Mit Hartz IV geht’s ihnen besser als in Indien, also gibt’s auch bei uns eigentlich gar keine wirkliche Armut.“ Das so darzustellen, ist auch ein Medientrend. Selten werden Armut und Reichtum an unterschiedlichen Indikatoren gemessen. Ich würde Armut am Einkommen messen, aber Reichtum am Vermögen, das die Armen gar nicht haben.

Im Sechsten Armuts- und Reichtumsbericht wird zum Beispiel als einkommensreich derjenige angesehen, der mehr als das Doppelte des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Das sind knapp 3900 Euro. Die mehr als 150 Milliardäre in unserem Land würden sich totlachen, wenn sie wüssten, dass die Bundesregierung einen Studienrat wegen seines Gehalts für reich erklärt. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung liegen über 67 Prozent des Nettogesamtvermögens des Landes bei zehn Prozent der Bevölkerung. Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt noch mehr als 35 Prozent. Und das reichste Promille unserer Bevölkerung besitzt immer noch 20,4 Prozent des Nettogesamtvermögens. Daran können Sie sehen, dass das Vermögen sich sehr stark konzentriert.

Eine Zahl, die wir in Vorbereitung auf dieses Gespräch gefunden haben, lautet zwei Prozent. Der Anteil von Wirtschaftsdelikten in der Gesamtkriminalität liegt bei zwei Prozent. Der dadurch angerichtete Schaden bei 50 Prozent. Sind wir bei der Kriminalität auf dem reichen Auge blind?

Das kann man so sagen. Menschen, die in diesem Bereich unterwegs sind, haben Zugang zu Medien, haben die Möglichkeit, sich durch hochspezialisierte Anwälte sowohl vor Medienberichten als auch vor Verurteilungen zu schützen. Und sie haben die Möglichkeit, sich ein positives Image aufzubauen und sich entsprechend in der (Medien-)Öffentlichkeit zu präsentieren. Was wieder das Klischee vom armen Kriminellen bestärkt.

„Facebook ist besonders toxisch“

Dr. Daniel Nölleke erforscht das Thema Online-Hass im Leistungssport an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Er spricht im Interview über Hass bei den Olympischen Spielen in Paris, über Gruppendynamik in Fankurven und erklärt, warum er den Einsatz von künstlicher Intelligenz gegen Hassrede im Internet problematisch findet.

Sie sprachen gerade den Schutz durch hochspezialisierte und damit teure Anwälte an, beispielsweise um sich vor Verurteilungen zu schützen. Wenn das so ist: Haben wir eine Klassenjustiz?

Interessant wäre, welche Urteile gefällt würden, wenn Angeklagte ihren Verteidiger per Los zugewiesen bekämen. Das wäre eine Lösung, die vielleicht mehr Gerechtigkeit brächte, mit unserem marktwirtschaftlichen System aber brechen würde. Diesem ist immanent, dass der, der mehr Geld hat, besser behandelt wird. Sei es im Krankenhaus oder sei es vor Gericht.

Wäre so eine Verlosung von Anwälten nicht fairer?

Auf jeden Fall. Aber wir hätten immer noch das Problem, dass jeder Angeklagte vor Gericht ein Bild seiner sozialen Klasse abgibt. Und ein wohlhabender Angeklagter im Anzug wird anders behandelt als ein ungebildeter Täter aus der Unterschicht. Dessen Risiko, hart angefasst und verurteilt zu werden, bleibt größer. Ungleichheit spielt sich nicht bloß im Vermögens-, sondern auch im Bildungs-, Wohn- und Gesundheitsbereich ab, ja sie durchdringt alle Poren der Gesellschaft – auch Polizei und Justiz bleiben davon nicht unberührt.

Also haben wir als Gesellschaft ein falsches Bild von Kriminalität?

Wir haben ein Zerrbild von Kriminalität. Wie von Armut und Reichtum ja auch. Hierzulande glaubt man, wir hätten kaum Armut und auch keinen extremen Reichtum, seien vielmehr eine „nivellierte“ Mittelstandsgesellschaft. So hat der Soziologe Helmut Schelsky die Bundesrepublik 1953 genannt und damit bis heute ihr falsches Bild von sich selbst geprägt. Wenn Sie die Menschen fragen, wo die Ungleichheit besonders stark ausgeprägt ist, werden die USA, Brasilien und Kolumbien, vielleicht auch Großbritannien oder Südafrika genannt. Das ist zwar nicht falsch. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass Deutschland nach dem Gini-Koeffizienten, einem Ungleichheitsmaß, das 0 ist, wenn alle gleich viel besitzen, und 1, wenn einem alles gehört, beim Vermögen mit 0,83 direkt hinter den USA mit 0,85 bis 0,87 liegt.

Wir haben in den Köpfen also ein völlig falsches Bild, was die Ungleichheit angeht. Und auch ein falsches öffentliches Bild der Kriminalität, das von Massenmedien erzeugt wird. Die bereits genannten „Klau-Kids“ verkaufen sich medial offenbar besser als Weiße-Kragen-Kriminalität. Schauen Sie sich nur an, wie wenig über den Cum-Ex-Skandal berichtet wird, wo sich ein kriminelles Netzwerk von Kapitalanlegern, Bankern und hochspezialisierten Steueranwälten allein am deutschen Fiskus um 30 Milliarden Euro bereichert hat.

Dass über die Weiße-Kragen-Kriminalität nicht berichtet wird, stimmt doch nicht. In der „Zeit“, im „Spiegel“ oder der „Süddeutschen Zeitung“ gab es große Recherchen zum Cum-Ex-Skandal.

Sie dürfen nicht den „Spiegel“ oder die „Süddeutsche“ zum Maßstab machen, sondern sie müssen die vielen Regionalzeitungen und den Boulevard nehmen, die viel mehr gelesen werden und das Alltagsbewusstsein prägen. In denen wird über den örtlichen Kegelclub berichtet und vielleicht noch über den arabischen Clan, aber doch nicht über Cum-Ex oder Cum-Cum. Das sind Begriffe, die eigentlich nur Leute kennen, die mit Aktien umgehen. Das ist eine kleine Minderheit und eher besser ausgebildet und materiell bessergestellt.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Armut und Kriminalität?

Ich würde sagen, es gibt einen Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Kriminalität. Raub, Einbruch oder Diebstahl wären ja ausgeschlossen, wenn alle extrem arm wären. Doch das eigentliche Problem ist die Ungleichheit, sie scheint mir eine starke Triebkraft für Kriminalität zu sein. Sowohl bei Ärmeren als auch bei Reichen. Wenn ein Jugendlicher bei anderen Jugendlichen ein tolles Handy sieht, das er auch gerne hätte, sich wegen der Armut seiner Familie aber nicht leisten kann, beschafft er sich vielleicht Geld auf kriminellem Wege. Aber auch ein Multimillionär will vielleicht noch reicher werden, weil er nicht als Dollar-Milliardär auf der Forbes-Liste auftaucht. Warum stellt ein Fleischbaron mit einem Milliardenvermögen osteuropäische Werkvertragsarbeiter in seinem Schlachtkonzern ein, die den Mindestlohn nicht bekommen? Das ist doch nur damit erklärbar, dass er noch reicher werden möchte.

Also wäre für Sie der beste Kampf gegen Kriminalität der Kampf gegen Ungleichheit?

Ja, absolut. „Die beste Kriminalpolitik liegt in einer guten Sozialpolitik“, meinte der Marburger Strafrechtslehrer Franz von Liszt im 19. Jahrhundert. Damit meinte er die Kriminalprävention. Wer die Armut bekämpft und die Ungleichheit, tut auch etwas gegen die Kriminalität. Ich wünsche mir von der nächsten Bundesregierung, dass sie auf der einen Seite mit guter Sozialpolitik die Armut bekämpft und auf der anderen Seite mit Steuerpolitik dafür sorgt, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich nicht weiter vertieft, sondern wieder ein Stück weit schließt.

Dorothee Bär: Macht der sozialen Netzwerke nicht ignorieren

Erstellt am: Samstag, 5. Juni 2021 von Torben

Dorothee Bär: Macht der sozialen Netzwerke nicht ignorieren

Dorothee Bär, Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung, erklärt im Interview, warum sie das Internet weder für gut noch böse hält und wieso Medienkompetenz Thema in der Schule sein muss.

Foto: Christoph Soeder

Frau Staatsministerin Bär, haben Sie sich jemals gewünscht, das Internet wäre nie erfunden worden?

Nein. Erstens lebe ich grundsätzlich nicht in der Vergangenheit. Und zweitens sind in vielen Bereichen digitale Anwendungen eine absolute Lebenserleichterung. Das zeigt ja auch die Pandemie deutlich. Covid-19 und ein Lockdown wären ohne die Möglichkeiten digitaler Vernetzung vor 30 Jahren noch unaushaltbarer gewesen, als es jetzt schon der Fall ist. Diese Krise offenbart – sei es am Beispiel Home-Office oder digitales Lernen –, es geht nicht ohne digitale Anwendungen, und das hat mittlerweile auch jeder Digitalisierungsverweigerer erkannt.

Sie hätten mich auch fragen können: Hätten Sie sich gewünscht, dass das Messer nie erfunden worden wäre, nachdem jemand damit erstochen wurde? Aber zum Brotschneiden ist es eben doch eine sinnvolle Erfindung gewesen. Genauso verhält es sich auch mit dem Internet.

Das Internet wurde gerade in den frühen Jahren als Heilsbringer der Demokratie gepriesen. Jetzt zeigt es sich als Gefährder: Wir sehen Hass und Hetze, Verschwörungstheorien statt Fakten, eine gespaltene Gesellschaft. Was ist da schiefgelaufen?

Als das Internet erfunden wurde, wurde es möglicherweise zu sehr romantisiert. Ich glaube, das Internet ist per se weder gut noch böse, per se weder demokratisch noch undemokratisch, sondern es bietet Chancen und Herausforderungen für die freiheitliche Demokratie.

Das Netz ist beispielsweise eine herausragende Hilfe, was das verfügbare Wissen anbelangt: Nicht nur der, der sich einen Brockhaus leisten kann, kann sich schlaumachen. Hier ähnelt das Internet dem Buchdruck, der durch Vervielfältigung dafür gesorgt hat, dass viel mehr Menschen an Bildung, Informationen und Nachrichten haben teilnehmen können. Durch das Internet wurde dieser Effekt potenziert.

Natürlich verunsichert diese rasante digitale Entwicklung auch viele Bürgerinnen und Bürger, ähnlich übrigens wie die Themen Globalisierung oder Klimawandel. Diese zunehmende Unsicherheit, gepaart mit einer Überforderung, führt dann dazu, dass sich einige Menschen bei Frustrationen Sündenböcke suchen. Zeitgleich wurden althergebrachte Wertesysteme, ob es Religion ist oder die Mitgliedschaft im Kegelverein, aufgegeben und bieten deshalb nicht mehr die Stabilität, wie das in früheren Jahren der Fall war.

Bei diesen globalen Herausforderungen fehlt einigen dann der Wertekompass, was in Verbindung mit mangelnder digitaler Bildung dann auch zu Hass im Netz führen kann. Es wäre also zu einfach, die Schuld auf das Medium zu schieben, denn es ist vielschichtiger. Zum einen liegen die Ursachen bei den Menschen, die vor dem Rechner sitzen, zum anderen braucht es natürlich auch eine kluge Regulierung, die Hass und Hetze im Netz Einhalt und deren Verbreitung nicht befeuert.

Wir sind ein Opferschutzverein. Inzwischen schreiben uns allen Ernstes Menschen an, die fordern, wir müssten etwas gegen die überbordende Polizeigewalt tun, die der Staat dazu nutze, um sogenannte Corona-Leugner niederzuknüppeln. Corona sei ein Komplott der Eliten. Die Menschen, die uns so etwas schreiben, sind davon fest überzeugt. Ihre Quellen zu so einem Unfug finden sie im Internet. Ist das nicht für unsere Demokratie ein Riesenproblem?

Diese Menschen, die Sie jetzt beschreiben, sind die Extremfälle. Die gibt es natürlich auch. Ich habe erst vor kurzem eine Zuschrift erhalten, in der uns Politikerinnen und Politikern vorgeworfen wurde, wir würden doch gar nicht mit dem richtigen Corona-Impfstoff geimpft, wenn es einmal so weit wäre. Wir würden, wenn wir uns öffentlichkeitswirksam impfen ließen, Placebos oder irgendeine Wasserlösung nutzen. Aber Gott sei Dank glaubt das nicht die Mehrheit.

Eine große Verunsicherung über Falschmeldungen erlebe ich zum Beispiel auch fortwährend in Whats-App-Gruppen. Es werden dort Meldungen weitergeleitet, die man ohne große Mühe als Falschmeldung enttarnen könnte. Es fallen dennoch viele Bürgerinnen und Bürger darauf rein, das ist nicht nur eine Frage der Bildung. Kontakt mit Falschmeldungen kann alle treffen, teilweise findet man solche Fälle auch in der eigenen Familie, im Bekanntenkreis oder im eigenen Dorf. Das Problem ist, dass gerade Nachrichten, die im privaten Raum kursieren, oft für besonders glaubwürdig gehalten werden.

Wir als Politikerinnen und Politiker haben hier die Aufgabe, unsere Politik, die Komplexität und die Zusammenhänge unserer Maßnahmen immer wieder zu erklären und Ängste ernst zu nehmen. Es gibt natürlich einige wenige Fälle, denen ist einfach nicht zu helfen, wenn ich da etwa an die Reichsbürger denke. Solche Fälle habe ich dann allerdings nicht nur in der digitalen Welt, sondern auch „analog“ schon verloren. Aber digital haben solche Menschen dann eben aufgrund der digitalen Echokammern die Möglichkeit, ihre Verschwörungstheorien viel schneller zu teilen, und das verleiht ihnen natürlich eine gewisse Macht. Es gilt, diese Macht einzudämmen.

Wie kann das gelingen?

Für jede oder jeden Einzelnen bedeutet das: Inhalte, die strafrechtlich relevant sind, müssen auch gemeldet werden – also nicht nur blockieren, nicht nur löschen, sondern tatsächlich zur Anzeige bringen. Ich weiß, dass die Hemmschwelle groß ist, ich bekomme ja auch selber viel Mist zugeschickt den ganzen Tag. Und sich jedes Mal dann aufzuraffen, die Hassnachrichten anzuschauen, um sich dann zu fragen: „Will ich mich damit jetzt das nächste halbe Jahr beschäftigen?“, ist natürlich müßig. Aber ich kann immer nur wieder auffordern, die Inhalte zu melden und zur Anzeige zu bringen. Denn wenn es den Täterinnen und Tätern an den Geldbeutel geht, ist das eine Möglichkeit, den einen oder anderen wieder zur Vernunft zu bringen.

Wir als Bundesregierung stehen vor der Herausforderung, einen zeitgemäßen Rechtsrahmen zu schaffen. Seit 2017 gibt es in Deutschland das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das hier entscheidende Vorstöße macht und auch fortentwickelt wird.

Die Gewalt gegenüber Politikerin und Politikerinnen hat zugenommen: Staatsministerin Dorothee Bär. Foto: Christoph Soeder

Auch auf europäischer Ebene arbeiten wir mit dem Vorschlag für einen „Digital Services Act“, der im Dezember 2020 von der Europäischen Kommission vorgelegt wurde, daran, hier klare Regeln aufzustellen: Betreiber von sozialen Netzwerken müssen konsequent zum Beispiel gegen Hass, Hetze, Falschnachrichten und terroristische Inhalte vorgehen. Sie treffen umfassende Transparenz- und Sorgfaltspflichten, deren Erfüllung sie auch gegenüber Behörden nachzuweisen haben. Aber wir sollten hier auch globaler denken: Ich hoffe bei der Plattformregulierung auch auf ein neues transatlantisches Bündnis zusammen mit der neuen US-Regierung.

Sie sagten, Sie bekommen „viel Mist“ zugeschickt. Was bekommen Sie da? Und haben Sie das Gefühl, das hat zugenommen?

Ich bin ja seit 18 Jahren Mitglied des Deutschen Bundestags. Als ich im Bundestag anfing, gab es die Sozialen Netzwerke in der Form noch nicht. Da hat man Drohbriefe zugeschickt bekommen, meist anonymisiert. Früher habe ich die Drohungen unterschiedlich ernst genommen, je nachdem, über welches Medium die Bedrohung transportiert wurde. Ich persönlich fand zum Beispiel Drohbriefe meistens viel erschreckender als eine E-Mail. Denn der Verfasser oder die Verfasserin eines Drohbriefes hat sich in der Regel Mühe gemacht, den Drohbrief zu verfassen – schreiben, noch einmal eine Nacht darüber schlafen, zum Briefkasten fahren, den Brief einwerfen. Einen Drohbrief zu verfassen, ist keine Affekthandlung, sondern wohlüberlegt.

Als Adressatin weiß man dann genauer, woran man ist: Der Absender oder die Absenderin meint es sehr ernst, er oder sie hat so viel Hass verspürt, um doch einigen Aufwand auf sich zu nehmen und den Brief tatsächlich abzuschicken. Das fand ich wesentlich beunruhigender als eine Droh-E-Mail, bei der man als Leser oder als Leserin merkt, da sind 100 Rechtschreibfehler drin, keine Zeichensetzung, die wurde einfach mal rausgeschickt und nicht noch mal durchgelesen. Ähnlich ist es mit dem Aufkommen von Nachrichten in den Sozialen Medien, wo dann irgendwelche Kommentare überhitzt und voreilig versendet werden.

Ich glaube aber schon, dass insgesamt die Gewalt und die Gewaltbereitschaft gegenüber Politikern und Politikerinnen zugenommen haben. Das erlebe ich auch im Kollegen- und Kolleginnenkreis: Erst gestern Abend habe ich wieder gehört, dass ein Wahlkreisbüro eines Kollegen zerstört wurde.

Bei mir persönlich kommt dazu, dass ich sehr stark im Internet vertreten bin. Dadurch hat jeder oder jede irgendeine Meinung zu mir. Und einige glauben, da es um eine Person des öffentlichen Lebens geht, hätten sie einen Freifahrtschein für schlechte Manieren sowie Hass und Hetze.

Fühlen Sie sich bedrohter als früher?

Ich gehe relativ angstfrei durchs Leben. Aber ich würde jetzt lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mich über jede fiese Zuschrift freue. So masochistisch ist, glaube ich, niemand veranlagt. Und ich versuche auch, negative Energie nicht so an mich heranzulassen. Natürlich kommt es vor, dass ich mich einmal ein paar Minuten darüber aufrege. Aber wer in die Politik geht, der weiß, dass man diesen Beruf nicht ausübt, um nur gelobt oder gemocht zu werden.

Wenn jemand strafrechtliche Grenzen überschreitet oder Sie bedroht, zeigen Sie ihn dann konsequent an?

Ja, meistens schon. Ich rate auch immer jedem dazu, es zu tun. Und ich freue mich über Kolleginnen und Kollegen, die dann beispielsweise auf Twitter die Beispiele teilen und sagen: So, angezeigt, das ist passiert, da kam diese Abmahnung raus, da kam jene Geldstrafe raus. Weil das auch immer wieder eine Aufforderung für andere ist, das auch zu tun und ein Zeichen zu setzen.

Bei Leserbriefen in der Zeitung wird der Absender kontrolliert, Beleidigungen oder strafrechtliche Inhalte werden nicht gedruckt, weil der Verlag dafür haftet. In den sozialen Medien gibt es das nicht, obwohl Facebook sozusagen der größte Verlag der Welt ist. Warum gelten da andere Regeln?

Ich teile Ihre Einschätzung nicht, dass bei den Leserbriefen so wahnsinnig darauf geachtet wird. Ich hatte neulich erst wieder einen Leserbrief gegen mich in einer lokalen Zeitung, der so sexistisch war, dass ich mich gewundert habe, dass die Zeitung das abgedruckt hat. Das ist aber nur meine subjektive Sichtweise, darüber kann man sich streiten. Soziale Netzwerke haben eine sehr große Macht, da der digitale Raum für die meisten unverzichtbar geworden ist, um sich auszutauschen.

Und die Pandemie hat die Verschiebung der Marktverhältnisse hin zum Digitalen eklatant beschleunigt. Wir können nicht mehr ignorieren, welche Macht die digitalen Plattformen bei der Verbreitung von Inhalten haben. Deshalb muss der Rechtsrahmen immer an die heutige Zeit angepasst werden. Die Erstürmung des Capitols oder die Corona-Pandemie haben uns diesen Handlungsbedarf noch einmal sehr offengelegt.

,,Nationale Regelungen alleine reichen einfach nicht. Der digitale Raum macht nicht an nationalen Grenzen halt."

Dorothee Bär

Wir haben als Bundesregierung bereits davor mit der Einführung des Netzwerkdurchsetzungs-gesetzes und den Änderungsgesetzen, deren Einführung kurz bevorsteht, wichtige Regelungen zur Regulierung geschaffen. Wir haben mit dem NetzDG ein Gesetz beschlossen, dass die Netzwerke noch einmal wesentlich stärker in die Pflicht nimmt. Offensichtlich rechtswidrige Inhalte müssen von den Anbietern innerhalb von 24 Stunden nach Eingang einer Beschwerde gelöscht werden. Bei Verstößen gibt es dann Bußgelder.

Aber: Nationale Regelungen alleine reichen einfach nicht. Der digitale Raum macht nicht an nationalen Grenzen halt. Wir brauchen internationale Lösungen und ein Einvernehmen darüber: Was ist eigentlich ein rechtswidriger Inhalt? Bis Oktober letzten Jahres war es kein Straftatbestand in den USA, den Holocaust auf Facebook zu leugnen. In Deutschland ist es auf der gleichen Plattform ein Straftatbestand. Wir müssen hier also größer und mindestens europäisch denken. Deswegen begrüße ich den Vorschlag der EU-Kommission zur Regulierung von Plattformen im „Digital Services Act“. Große Plattformen müssen Mechanismen schaffen, um den Risiken der Verbreitung von terroristischen oder anderen strafbaren Inhalten zu begegnen, effektive Meldewege und auch mehr Transparenz zu schaffen, zum Beispiel über die kommerzielle Werbung, die Menschen auf den Plattformen begegnet.

Dorothee Bär vor dem Kanzleramt in Berlin. Foto: Christoph Soeder

Sie sprachen gerade das Netzwerkdurchsetzungsgesetz an. Ist es ein Geburtsfehler des Gesetzes, dass man die juristische Verantwortung outsourct an die Plattformbetreiber?

Das ist einer der Punkte, die man zu Recht kritisieren kann. Aber wir müssen auch Lösungen haben, die in der Praxis praktikabel sind. Momentan ist es bei der Masse der Inhalte schwer anders lösbar, als dass auch die Plattformen zur Bewältigung der Herausforderung beitragen. Aber natürlich spielt auch der Rechtsweg eine wichtige Rolle.

Zurück einmal zu den Ereignissen in den USA: Erst geschahen die Angriffe auf das Capitol, kurz darauf sperrten Plattformen wie zum Beispiel Twitter den Account des US-Präsidenten. Finden Sie es richtig, dass Plattformen die Macht haben, den Account des mächtigsten Mannes der westlichen Welt zu sperren?

Ich sage ganz offen – jeder ist ja nur ein Mensch – ich war in der ersten Sekunde über Trumps Sperrung sehr erleichtert. Aber natürlich ist es nicht in Ordnung.

Das Grundrecht auf Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht von elementarer Bedeutung. In dieses Grundrecht kann eingegriffen werden, aber entlang der Gesetze und innerhalb des Rahmens, den der Gesetzgeber definiert, und nicht nach dem Beschluss der Unternehmensführung von Social-Media-Plattformen.

Wir können die Macht der Plattformen nicht mehr ignorieren, sie sind mehr als ein Gastwirt, der mal von seinem Hausrecht Gebrauch macht. Plattformen stellen den Raum für Öffentlichkeit und demokratischen Diskurs. Das sind Megakonzerne, die momentan entscheiden, wer seine Meinung äußern darf und wer nicht.

Ist es also richtig, dass ein Konzern entscheiden kann, welcher Politiker was sagen darf? Das denke ich nicht. Wir reden hier ja nicht über die Kennzeichnung von einigen Tweets, sondern über den dauerhaften Ausschluss, das ist eine ganz andere Nummer, weil hier eine komplette Möglichkeit der Kommunikation entzogen wird. Das sollte man nicht so feiern, wie es teilweise gemacht wird. Ein hilfreiches Gedankenexperiment ist hier, sich zu vergegenwärtigen, wie die Situation mit anderen Vorzeichen ausgesehen hätte. Dass nun gefühlt für viele der Richtige ausgeschlossen wurde, wäre als Genugtuung brandgefährlich.

Wer will das denn entscheiden? Die Justiz?

Die Legislative setzt den gesetzgeberischen Rahmen, im „Digital Services Act“ stärken wir auch noch einmal die Rolle Aufsichtsbehörden, und die Justiz nimmt sich der rechtlichen Streitfälle an. Das ist der gängige Dreiklang, der auch hier gilt. Man muss sich ja auch einmal vergegenwärtigen, welch gravierende Folgen ein Rauswurf mit sich bringt. Die Betroffenen können sich weiter radikalisieren, wenn die Ausweichplattformen weniger stark regulieren und die Gegenrede durch Andersdenkende wegfällt. Wenn sich Menschen in Nischen begeben, die dann für die Strafverfolgung wesentlich schwerer zu beobachten und zu verstehen sind, treffen sich auf diesen Plattformen ausschließlich Menschen, um sich in ihrem Weltbild zu verstärken. Dieser gefährlichen Dynamik dann Einhalt zu gebieten, wird wesentlich schwerer. Sprich: Das ist ein so sensibles Feld, natürlich muss der Gesetzgeber den Rahmen vorgeben und nicht die Plattformen selbst.

,,Als Mutter von drei schulpflichtigen Kindern freut es mich nicht, Arbeitsblätter zu finden, die ich schon vor 30 Jahren bearbeitet habe. Die Welt hat sich doch 30 Jahre weiterentwickelt."

Dorothee Bär
Sind die sozialen Medien die Vierte Gewalt im Staat geworden?

Jedenfalls haben sie neben den klassischen Medien eine ganz enorme Wucht entwickelt. Als Bertha Benz ihre erste Autofahrt unternommen hat, gab es keine Straßenverkehrsordnung. Sie ist losgefahren, hatte keine Autobahnen und musste an keiner Ampel halten, weil es keine gab. Heute ist das anders. So ist es auch bei den sozialen Netzwerken. Wir brauchen Regeln und können das eben nicht dem Markt überlassen. Wir könnten das gedanklich ja noch weiterspinnen und sagen, was da geschehen ist, geschah in den USA, und das ist unser Bündnispartner und eine Demokratie. Aber nehmen wir mal an, die Verhältnisse ändern sich und Plattformen aus anderen Regionen der Welt, die keine Demokratien sind, gewinnen mit sozialen Netzwerken an Boden. Dann wird noch deutlicher, dass wir es in keinem Fall der Plattform selbst überlassen können, wo die Grenzen der Meinungsfreiheit verlaufen.

Sie sagten, Sie bekommen Dinge auf WhatsApp zugeschickt, bei denen man mit drei Klicks herausfinden könnte, dass es ein Fake ist. Müsste es nicht Aufgabe der Schule sein, Menschen Medienkompetenz zu lehren? Die Schulen fragen zwar oft zu Recht, was sie eigentlich noch alles leisten sollen. Aber muss Quellenprüfung und Recherche nicht Hauptfach sein heute?

Ich habe selber viele Lehrerinnen und Lehrer in der Familie und verstehe die Frage, was man eigentlich noch alles machen soll. Aber es gibt halt Bereiche, die schaffen die Elternhäuser nicht. Und hier geht es nicht um ein Add-on, hier geht es um die Entrümpelung von Lehrplänen. Als Mutter von drei schulpflichtigen Kindern freut es mich nicht, Arbeitsblätter zu finden, die ich schon vor 30 Jahren bearbeitet habe. Die Welt hat sich doch 30 Jahre weiterentwickelt!

Um auf Ihre Frage zu antworten: Ja, das Thema muss in die Schulen, definitiv. Wir diskutieren gerade auch über einen Digitalpakt Kita, denn die Affinität und Sensibilität für digitale Themen können wir schon früh anbahnen. Das ist auch Grundlage für die komplexere Auseinandersetzung mit diesen Themen, wenn die Kinder dann älter sind. Auch Kinder müssen wissen, was ein Algorithmus ist. Oder künstliche Intelligenz. Was sind Fake News? Sie beide haben ja bei Zeitungen gearbeitet. Das habe ich in der Schul- und Studienzeit auch getan. Erschreckend ist, wenn ich mit ehemaligen Kolleginnen und Kollegen sprechen: Die können heute keine Aprilscherze mehr in ihren Zeitungen abdrucken! Wenn sie das tun, haben sie anschließend so viele Anrufe und Leserbriefe, das sei der Wahnsinn. Weil niemand mehr darauf kommt, dass am 1. April ein Aprilscherz in der Zeitung stehen könnte. Denn auch das Thema Quellenkompetenz scheint allgemein etwas abhandengekommen zu sein.

Medienkompetenz muss in die Schulen – aber nicht nur. Wenn wir davon ausgehen, dass über 60 Prozent aller Grundschülerinnen und Grundschüler später in Berufen arbeiten werden, die es heute noch gar nicht gibt, dann muss ich sie auf eine andere Welt vorbereiten. Schule muss komplett neu und disruptiv gedacht werden.

Als Väter führen wir Diskussionen, dass die Kinder ein Gerät oder einen Account in sozialen Medien haben möchten. Wie gehen Sie damit um als Mutter?

Ich habe mir tatsächlich immer vorgenommen, dass unsere Kinder mobile Endgeräte erst dann bekommen, wenn sie auf eine weiterführende Schule gehen. Durch Corona und Homeschooling haben sich die Vorzeichen natürlich jetzt geändert. Für den digitalen Lernunterricht während Corona haben die zwei Kleinen, die in der dritten und vierten Klasse sind, gebrauchte Tablets bekommen. Es finden sogar der Schlagzeugunterricht und das Leichtathletiktraining digital statt. Ansonsten bin ich da extrem streng. Meine Kinder dürfen sich nichts aus dem Internet herunterladen, was ich nicht gesehen habe. So haben wir es bei der Ältesten auch gemacht. Sie hat einen geschlossenen Account, darf nie ihr Gesicht zeigen, und jeder, der sie in sein Netzwerk hinzufügen will, muss von mir freigegeben werden. Das ist für meine Kinder natürlich ziemlich „uncool“, aber das nehme ich sehr ernst.

Transparenzhinweis:
Dorothee Bär, geboren 1978 in Bamberg, sitzt seit 2002 für die CSU im Deutschen Bundestag. Seit 2018 ist sie Staatsministerin im Bundeskanzleramt, Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung.

„Ein Schritt nach dem anderen“

Erstellt am: Mittwoch, 26. Mai 2021 von Sabine

„Ein Schritt nach dem anderen“

Seit sieben Jahren engagiert sich Elfi Wolff für den WEISSEN RING. Sie bewertet nicht, beschwichtigt nicht, macht einen Schritt nach dem anderen. Eine zentrale Rolle spielt dabei ein dick gepolstertes braunes Ledersofa.

Elfi Wolff, Leiterin der Außenstelle Frankfurt an der Oder.

Nein, kein Besprechungstisch. Es ist ein Sofa, auf das Elfi Wolff ihre Kundinnen oder Kunden einlädt. Ein breites, dick gepolstertes braunes Ledersofa mit gemütlichen Armlehnen. Darauf setzen sie sich, Elfi Wolff zeigt ganz beiläufig, wie man das Fußteil ausfahren und die Beine hochlegen kann, und dann fragt sie: „Möchten Sie erzählen?“

Wolff arbeitet seit sieben Jahren als Ehrenamtliche beim WEISSEN RING, sie leitet die Außenstelle in Frankfurt an der Oder – und ist zugleich die einzige Ansprechpartnerin vor Ort. Das Büro mit dem Sofa liegt im Hinterraum ihres Kosmetik- und Fußpflegestudios. Warme Cremetöne kleiden die Wände, ein dicker Vorhang lässt vergessen, was hinter der Verbindungstür passiert, der Schreibtisch wirkt penibel aufgeräumt: Hier ist Zeit und Raum nur für den Gast.

„Kunden“ oder „Geschädigte“ nennt Wolff die Kriminalitätsopfer, die sie besuchen. Kunden, „denn ich biete ja auch einen Service an“. Das Wort Opfer mag sie nicht. „Das legt einen Menschen gleich auf diese Rolle fest.“ Außerdem werde „Opfer“ seit ein paar Jahren als Schimpfwort verwendet, das sehe sie oft in der Stadt an Wände gesprüht: „Du Opfer!“

Für Wolff sind diese Menschen einfach in einer Notlage und brauchen Hilfe. Sie kann helfen, weil sie sich auskennt. Und so hört sie sich an, was vorgefallen ist, und erklärt, was sie tun kann. Wer keine sichere Wohnung mehr hat, dem verhilft sie schnell zu einer Unterkunft. Wer bestohlen wurde, bekommt Geld für das Nötigste. Menschen, die Behörden und komplizierte Formulare fürchten, begleitet sie. Sie unterstützt, berät, vermittelt. Und manchmal hört sie einfach nur zu oder begleitet Geschädigte auf Spaziergängen, „damit sie mal den Kopf frei kriegen“. Wolff bewertet nicht, beschwichtigt nicht. Sie macht einen Schritt nach dem anderen.

Elfi Wolff und ihr Sofa.

Bevor sie ihren Salon eröffnet hat, arbeitete Wolff als Krankenschwester, zuletzt auf der Intensivstation. Gespräche mit Patienten seien ihr nie schwergefallen: „Ich konnte mit Todkranken ganz normal über ihre Beschwerden reden, bis zum Tag, an dem sie starben. Die Dinge beim Namen nennen und erklären, was man tun kann. Ein Schritt nach dem anderen.“ War sie innerlich trotzdem betroffen, von Mitleid erfüllt? Wolff überlegt. Die sonst so feste, ruhige Stimme wird weicher. „Nein, in dem Moment nicht. Da habe ich einfach funktioniert. Das ist auch heute so.“ Sie habe viel darüber nachgedacht: Ob sie vielleicht kalt sei? Aber nein. Sie schüttelt den Kopf mit dem kurzen dunkelblonden Haar. „Wäre ich emotional beteiligt, könnte ich nicht helfen.“ Später, viele Stunden nach einem Gespräch, da setze dann das Kopfkino ein. Und an manche Patienten von damals denke Sie jetzt noch, 30 Jahre später.

Wie um die Parallele zu betonen, war es ausgerechnet ein Krankenhaus, durch das Wolff zum WEISSEN RING kam. Sie lag als Patientin auf einer Station, auf der ein Mit-Patient bestohlen wurde. Sie kamen ins Gespräch, der Bestohlene fragte, ob sie ihn begleiten würde auf die Polizeistation. „Da lagen Flyer vom WEISSEN RING aus, und ich habe darin gelesen. Ich dachte, das finde ich gut, da will ich mich engagieren. Damit kann ich leben.“ Das sagt sie öfter: Damit kann ich leben. Sie wolle sich nicht vereinnahmen lassen, erklärt Wolff, sich nicht in eine Politik oder Bewegung hineinziehen lassen. Sie möchte nur einfach in konkreten Situationen helfen. Aktiv werden, wenn sie gebraucht wird. Dann wurde sie also nie angesprochen, ob sie sich engagieren wolle? „Nein! Das hab ich mir selbst gesucht.“

Berührungsängste? Nö.

Selbstbestimmtheit: Die hat sie als Kind fürs ganze Leben geprägt. Aufgewachsen ist Wolff in Penkun, mit 2.000 Einwohnern die kleinste Stadt Mecklenburg-Vorpommerns, kurz vor der polnischen Grenze. Das malerische Örtchen liegt umgeben von Seen und Feldern. Häuschen mit roten Dächern scharen sich um die Kirche, etwas abseits, von Wald umgeben, thront ein Schloss aus dem 12. Jahrhundert. „Schöner kann man nicht aufwachsen“, sagt sie: „Wie wir als Kinder den ganzen Tag herumgezogen sind und machen konnten, was wir wollten – das war die absolute Freiheit.“ Von Penkun ging es nach Schwedt, dann Rostock, Eisenhüttenstadt, verschiedene Orte in Baden-Württemberg, dann zurück in den Osten nach Frankfurt/Oder. Dazwischen bereiste sie fast die ganze Welt. Irgendwann schulte Wolff um auf Kosmetik und Fußpflege, gründete ihr eigenes Studio, wo sie selbst bestimmen kann und Austausch mit Menschen hat, der ihr so viel bedeutet.

Seit gut einem Jahr lebt sie nun in Fürstenwalde, zwischen Frankfurt/Oder und Berlin. Beim Herumziehen blieb es also. War das nicht anstrengend? „Nein! Ich habe immer leicht Leute kennengelernt, schon durch die Arbeit. Und ich habe mir auch immer schnell meinen Lieblingsbäcker gesucht, meinen Lieblingsblumenladen und Lieblingsfriseur. Durch den Friseur kennt man sowieso bald den halben Ort.“ Wolff lacht, kraftvoll, aus dem Bauch heraus. Berührungsängste? Nö, habe sie nie.

„Das alles hat meinen Horizont unheimlich erweitert.“

Elfi Wolff

Vielleicht ist es diese Mischung aus Selbstbestimmtheit, Tatkraft und fehlender Berührungsangst, mit der sie ihre Arbeit beim WEISSEN RING so gut macht. Lernen musste sie trotzdem viel. Anders als andere Ehrenamtliche, die auf ein Berufsleben bei der Polizei oder als Anwalt zurückblicken, fehlte ihr jede Basis. In der Ausbildung für Ehrenamtliche lernte sie das Grundsätzliche für den Umgang mit Kriminalitätsopfern. Im Selbststudium schaffte sie sich das deutsche Rechtssystem drauf, Straf- und Sozialgesetze, unzählige Behörden, Verbände und Hilfsvereine und deren Funktionen. Eine Opfer-Anwältin und Zusammenkünfte mit anderen Engagierten halfen dabei. „Das alles hat meinen Horizont unheimlich erweitert.“ Fortbildungen kamen dazu, für den Umgang mit Betrugsopfern zum Beispiel. Eigentlich hätte sie gern auch längst eine weitere zu Missbrauchsfällen und Stalking absolviert – sie machen den Großteil ihrer Arbeit aus –, doch die Pandemie verhinderte dies bisher.

Schon beim ersten Fall ging es um Missbrauch, Wolff erinnert sich genau. Sie begleitete ihren Vorgänger Wolfgang Mücke, und ohne es zu merken, ergriff sie in dem Gespräch irgendwann das Wort, und die Geschädigte sprach bald nur noch mit ihr. „Herr Mücke sagte später, er habe selbst noch einiges gelernt.“ Wolff schmunzelt, die Augen blitzen.

Drei Schlösser an der Wohnungstür

Gibt es Fälle, die ihr besonders in Erinnerung geblieben sind? „Zwei.“ Das kommt prompt. Zwei junge Frauen. Die eine überlebte einen Mordversuch, vorher war sie von einer Gruppe junger Männer und Frauen gefoltert worden, die Haare wurden ihr abgebrannt. „Sie ist geflüchtet, wurde aber wieder gefangen und dann in die Oder geworfen. Nur mit Glück konnte sie sich an der Spundwand festhalten.“ Wolff besuchte die junge Frau zu Hause, sie hatte an der Wohnungstür drei Schlösser. „Als sie die verriegelt hat und sagte, dass die Täter in der Nähe wohnen, da wurde mir schon mulmig.“ Heute sitzen die Täter im Gefängnis, die junge Frau hat Wolff ein Foto geschickt. Ihre Haare sind wieder gewachsen.

Es ist schön zu wissen, dass es wieder aufwärts geht. Von dem anderen Fall hat sich jede Spur verloren: eine junge Frau aus Tunesien, die krank war und nach Deutschland verschleppt wurde, mit dem Versprechen, von einem Arzt behandelt zu werden. Stattdessen wurde sie als Sexsklavin gefangen gehalten. Sie konnte fliehen – mit nichts am Leib als einem Nachthemd. „Dieses Mädchen war so eingeschüchtert, und sie tat mir so leid“, sagt Wolff. Sie besorgte ihr sofort eine weite Hose mit passender langer Tunika. „Damit sie sich wenigstens angemessen gekleidet fühlt.“

„Ich wäre gern Millionärin, um allen helfen zu können.“

Elfi Wolff

Was bekommt man für ein Weltbild, wenn man immer wieder in solche Abgründe schaut? Wolff hat die Frage schon oft gehört: „Ich sag immer, die Welt ist schlecht, aber ich kenne mehr gute Menschen als schlechte.“ Desillusioniert sei sie trotzdem. Zum Beispiel die Enkel- oder Polizeitricks, mit denen ältere Menschen betrogen werden – Wolffs Stimme klingt nun doch etwas nach Kloß im Hals. „Da werden Leute um die Früchte ihres gesamten Lebens gebracht. Um das Geld, mit dem sie später einen Heimplatz bezahlen wollten.“ Schützen könne man diese Menschen trotzdem kaum: die Kinder weit entfernt, der Geist nicht mehr so schnell und klar. „Da wäre ich gern Millionärin, um allen helfen zu können.“

Was hilft ihr, wenn sie mal Abstand braucht? Wolffs Lebensgefährte sei ein guter Gesprächspartner, mit ihm rede sie ganze Abende lang. „Den Fernseher schalten wir gar nicht mehr ein.“ Überhaupt: Nachrichten, das Weltgeschehen, das lasse sie nicht mehr ständig auf sich einprasseln, das schaue sie in den Mediatheken, wenn sie es will. Auch die Zeiten des Reisens und Umherziehens scheinen vorbei. Heute ist es Ruhe, die ihr guttut. Heute möchte sie nichts lieber als die Stille in ihrem Zuhause genießen.

Die Kraft und Sicherheit, die Wolff ausstrahlt, jetzt mit Anfang sechzig, die schöpft sie aus dieser Ruhe. Wolff legt sie in jedes Wort, wenn sie ihre Kunden fragt: „Möchten Sie erzählen?“

Der Anschlag, der alles veränderte

Erstellt am: Montag, 5. April 2021 von Sabine

Der Anschlag, der alles veränderte

Am 19. Dezember 2016 steuerte ein islamistischer Terrorist einen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz. 13 Menschen starben. Der Anschlag veränderte die Arbeit des WEISSEN RINGS.

Der Berliner Breitscheidplatz aus der Luft. Foto: Christoph Soeder

2016

Am Abend des 19. Dezember 2016 erreicht Sabine Hartwig eine Nachricht aus Sizilien. Es ist eine E-Mail von ihrem Cousin, er macht sich in der Ferne Sorgen um sie: „Bine, bist du dabei?“, fragt er. Wobei? Hartwig wundert sich. Erst als sie den Fernseher einschaltet, sieht sie, was zwei S-Bahn-Stationen weiter, am Breitscheidplatz, passiert ist: Ein Lastwagen ist in den Weihnachtsmarkt gerast, überall liegen Trümmer, Blaulichter blinken, immer mehr Rettungswagen fahren vor. Menschen wurden verletzt, Menschen wurden getötet. Die Journalisten im Fernsehen sprechen von einem Anschlag.

Hartwig, 66 Jahre alt, arbeitet seit mehr als 20 Jahren für den WEISSEN RING, seit 2002 ist sie die Berliner Landesvorsitzende. Sie versteht sofort: Dies ist eine Größenordnung, die alles sprengt, was wir kennen im Verein. Sie geht ins nahe Landesbüro, allein steht sie dort im Flur und sagt sich: Okay, der Verein kennt das vielleicht noch nicht, aber du kennst es. Das ist eine Großlage, so wie damals bei der Polizei. Und du ziehst das jetzt an dich, so wie damals bei der Polizei.

30 Jahre lang war Sabine Hartwig leitende Kriminalbeamtin bei der Berliner Polizei, 20 Jahre davon arbeitete sie im Mobilen Einsatzkommando. Oft genug hat sie eine BAO eingerichtet, wie es im Polizeideutsch heißt, eine „Besondere Aufbauorganisation“. Eine BAO braucht die Polizei, wenn die üblichen Zuständigkeiten und Mittel nicht ausreichen für einen komplexen Einsatz. So etwas braucht jetzt auch der WEISSE RING, entscheidet Hartwig, hier, im Landesbüro an der Berliner Bartningallee.

13 Menschen sind gestorben auf dem Breitscheidplatz, Dutzende wurden verletzt, körperlich oder seelisch oder beides, es gibt traumatisierte Augenzeugen und Ersthelfer. Die Opfer kommen aus verschiedenen deutschen Bundesländern, viele auch aus dem Ausland: aus Israel, Italien, Polen, Tschechien oder aus der Ukraine. Die Opfer haben Angehörige, die nicht wissen, an wen sie sich wenden können.

Schon am Morgen des 20. Dezember klingeln die Telefone im Landesbüro Sturm. Eine Studentin sucht ihre Mutter. Kinder, Eltern, Geschwister beklagen sich, dass sie bei den Hotlines nicht durchkommen oder zu falschen Krankenhäusern geschickt wurden. Die Presse ruft an, Journalisten wollen Informationen, Interviews, Opferkontakte, Fotos.

2020

„Das war das Allerschlimmste“, erinnert sich Martina Linke vier Jahre später im großen Besprechungsraum des Landesbüros, damals Lagezentrum, an die vielen Presseanfragen: Tagespresse, Frühstücksfernsehen, Abendschau. Berliner Lokalmedien, überregionale Medien, Journalistenanrufe aus Israel oder Italien. Ein Boulevardreporter fragt, ob der WEISSE RING ihm nicht Zugang zu einer Intensivstation verschaffen könne, er möchte ein schwerverletztes Opfer fotografieren.

Linke, Jahrgang 1954, war früher ebenfalls bei der Kriminalpolizei. Sie hatte mit Raub und Erpressung zu tun, mit Mord und Totschlag, später wurde sie die Opferschutzbeauftragte des Landeskriminalamts. Schon aus der Polizeiarbeit kennt sie Sabine Hartwig, seit 2012 ist sie ihre Stellvertreterin beim WEISSEN RING. Diese Dimension ist dennoch neu für sie. Bis heute betreut Martina Linke Opfer des Anschlags auf dem Breitscheidplatz.

Der Anschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin veränderte auch den WEISSEN RING. Foto: Christoph Soeder

2016

Großlage bedeutet auch: Viele Menschen stellen Fragen, viele Menschen geben Antworten. Die Folge kann ein Durcheinander sein, Kompetenzwirrwarr, Gerüchte, Falschinformation. Sabine Hartwig legt ein paar Regeln fest. Die erste richtet sich an ihre drei Mitarbeiterinnen im Landesbüro und lautet: Bitte dokumentiert alles! Alle Erfahrung in so einer Situation zeigt, dass man nachmittags wieder vergessen hat, was vormittags besprochen wurde.

Der Breitscheidplatz liegt im Ortsteil Charlottenburg. Erste Anlaufstelle für Opfer wäre demnach die Außenstelle West I. Aber Hartwig ist klar, dass eine Außenstelle das unmöglich allein schaffen kann. Sie informiert die anderen Berliner Außenstellen. Am Ende werden es 125 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus sechs Landesverbänden des WEISSEN RINGS sein, die Anschlagsopfer betreuen.

Das Telefon in Berlin läutet weiter Sturm. Die zweite Regel, die Sabine Hartwig ausgibt, lautet: Niemand gibt Auskünfte an Journalisten, nur ein festgelegter Personenkreis spricht. Presseanfragen müssen über die Pressestelle der Bundesgeschäftsstelle in Mainz laufen. Medienanfragen können Menschen, die eigentlich anderes zu tun haben, nämlich Verbrechensopfern zu helfen, unter Stress setzen. Andererseits brauchen Opferhelfer die Medien auch. „Tue Gutes und rede darüber“, das ist nicht nur ein Spruch: Opfer und Angehörige müssen wissen, an wen sie sich wenden können, damit ihnen geholfen werden kann. Und auch Spender sollen erfahren, wo ihre Spenden gerade besonders nötig gebraucht werden. Denn Opferhilfe kostet Geld.

Bereits um 9.55 Uhr kommt am 20. Dezember grünes Licht aus Mainz für einen Opferhilfe-Fonds über 50.000 Euro. Die Obergrenze für finanzielle Soforthilfen für die Opfer des Terroranschlags steigt auf 1.000 Euro. „Wir können den Anschlagsopfern helfen“: Diese Nachricht streut Sabine Hartwig in ein breites Netzwerk. Mails gehen raus an die Polizei Berlin, an Landeskriminalamt, Bundeskriminalamt, Generalstaatsanwaltschaft, Generalbundesanwalt.

Gleichzeitig stellen sich die bekannten Fragen. Das Opferentschädigungsgesetz greift nicht, wenn die Tat mit einem Kraftfahrzeug verübt wurde. Auch nicht, wenn ein hasserfüllter islamistischer Terrorist einen Sattelzug als Waffe gegen unschuldige Weihnachtsmarktbesucher einsetzt. Welche Ansprüche haben die Betroffenen stattdessen? Das Landesbüro nimmt Kontakt zur Verkehrsopferhilfe auf, zur Unfallhilfe, zum Landesamt für Gesundheit und Soziales.

Regeln helfen, eine Großlage zu bewältigen. Es gibt aber keine Regel, die dabei hilft, die vielen Opferberichte zu bearbeiten.

2020

„Ich hatte eine junge Frau am Telefon“, erinnert sich Tina Wiedenhoff. „Sie rief für ihren Freund an, der als Ersthelfer am Breitscheidplatz war. Er wollte wissen, ob die Frau überlebt hat, der er geholfen hat. Er selbst hat es nicht geschafft, bei uns anzurufen, er konnte es nicht.“

Wiedenhoff, 55 Jahre alt, arbeitet seit 30 Jahren für den WEISSEN RING, sie ist die Büroleiterin in Berlin. „Der junge Mann hatte stundenlang bei der verletzten Frau gesessen. Ihr Bein war abgerissen. Die Freundin beschrieb mir die Frau ganz genau, sie trug eine weinrote Jacke. Der erste Notarzt ging vorbei. Diese weinrote Jacke, die hat sich mir so eingeprägt. Ich habe mir das die ganze Zeit vorgestellt, wie der junge Mann da neben der Frau mit der weinroten Jacke saß.“

Hat die Frau überlebt? „Ich weiß es nicht. Ich habe hinterher in den Berichten immer nach Hinweisen auf diese Frau gesucht.“ Wiedenhoff fand keine Hinweise.

2016

Sabine Hartwig legt noch etwas fest: Wir brauchen Supervision für unsere Mitarbeiter. Helfen kann bedeuten: da sein, zuhören, mitfühlen. Hilfe kann aber auch materiell sein. Bloß welche materielle Hilfe ist für wen die richtige? Eingeübte Mechanismen können in so einer Situation ins Leere laufen. Oft brauchen Kriminalitätsopfer anwaltliche Unterstützung, der WEISSE RING hilft mit Erstberatungsschecks. Doch zeitnah nach einem Terroranschlag lindern solche Schecks keine Not, wenn der Täter zuerst auf der Flucht ist und wenig später von der Polizei erschossen wird. Der Familie eines toten Terroropfers hilft es auch nichts, wenn der Verein zerstörte Kleidung und Schuhe ersetzt. Aber sie braucht vielleicht Reisekosten. Heilbehandlungen müssen finanziert werden, Finanzengpässe aufgefangen. Jemand muss die Koordination der Hilfen übernehmen. Sabine Hartwig teilt für die Weihnachtstage Sonderschichten ein im Landesbüro.

Ein junger Mann, selbstständig, liegt wochenlang im Koma, die Ärzte operieren ihn wieder und wieder, anschließend geht er für Monate in die Reha. Weihnachtsmarkttrümmer haben ihn getroffen, der Lastwagen hatte sie in die Luft geschleudert. Kopf, Arme, Hüfte, Beine, die linke Körperseite ist schwer verletzt. Wie soll der junge Mann die Miete für sein Büro weiterbezahlen? Zerstört der Anschlag auch seine berufliche Existenz?

Ein anderer Mann liegt ein Dreivierteljahr auf der Intensivstation. Seine Töchter studieren, sie müssen aus Süddeutschland anreisen. Die Ehefrau nimmt sich eine kleine Wohnung in Berlin, um bei ihrem Mann sein zu können. Wer trägt die Kosten? Bringt der Anschlag die Familie in schwere Finanznöte?

Der WEISSE RING hilft dem jungen Mann und der Familie. Ehrenamtliche Hilfe kann für Menschen niederschwellig wirken, die vor staatlicher Unterstützung zurückschrecken. Es gibt aber auch Leute, die lehnen spendenfinanzierte Hilfe ab, mit dem Satz: Andere Menschen haben das Geld nötiger als ich, ich komme schon klar. Wieder andere, darunter Opfer, Angehörige, Augenzeugen, bieten anschließend ihre Mitarbeit als ehrenamtliche Helfer an.

2020

Vier Jahre nach dem Terroranschlag ist der Breitscheidplatz festungsgleich gesichert. Hohe Zäune umringen ihn, schwere Metallpoller ragen aus dem Beton, Polizistensichern den Platz in Einsatzuniform. Der Terroranschlag hat deutschen Weihnachtsmärkten die heimelige Leichtigkeit genommen, den Rest gegeben hat ihnen in diesem Jahr das Corona-Virus: Ein Dutzend Holzbuden stehen wie hingewürfelt über den Platz verteilt, vielleicht doppelt so viele Besucher sind unterwegs.

Auf den Stufen der Gedächtniskirche stehen Blumen, Fotos, Gedenklichter. Die Namen der Getöteten sind in den Beton geschnitten, vor den Stufen zieht sich ein goldener Riss durchs Pflaster. Kurz vor dem Jahrestag werden die Andenken täglich mehr.

Sabine Hartwig, 70 Jahre alt, ist seit 2009 Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande. Foto: Karsten Krogmann

Im Landesbüro nennt Sabine Hartwig ein weiteres wichtiges Stichwort zur Opferhilfe nach Ereignissen dieser Dimension: Nachsorge. Opferhilfe endet nicht mit einem Stichtag. Hier im Landesbüro gab es im Juni 2017 ein Hinterbliebenen-Treffen. Im März 2019 folgte ein Verletzten-Treffen. Einige Zitate von Verletzten:

„Der Austausch im privaten Raum, ohne Politiker, war hervorragend.“

„Ich habe meine eigenen Beeinträchtigungen erst jetzt richtig erkannt und weiß jetzt, dass ich ein Trauma erlitten habe.“

„Das Kennenlernen von Gleichgesinnten war ein großer Gewinn.“

„Der Abend im Friedrichstadtpalast war eine Bombe.“ Der WEISSE RING hatte zu einem Kontrastprogramm zu den aufwühlenden Gesprächen eingeladen: eine Revue im berühmten Friedrichstadtpalast.

Es gibt positive Geschichten zu erzählen. Der junge Mann, selbstständig, der sein Büro behalten wollte, ist wieder arbeitsfähig, sein Büro läuft gut. Der andere Mann, der so lange im Koma lag, kann kurze Strecken wieder laufen. Eine Familie, allesamt in Therapie, berichtet, wie eng sie zusammengerückt sind durch die traumatische Erfahrung. Die bei dem Anschlag schwerverletzte Tochter hat ein Kind bekommen.

2016

Sabine Hartwig und Martina Linke, beide Referentinnen in der WEISSER RING Akademie, dem Ausbildungszentrum des Vereins, fragen sich: Was wäre, wenn so etwas woanders passiert wäre? In einer Kleinstadt zum Beispiel, wo es nicht so viele Mitarbeiter gibt und kein großes Landesbüro? Müssen wir nicht damit rechnen, dass so etwas wieder geschieht? Wir müssen vorbereitet sein. Wir brauchen Leitlinien, wir brauchen ein Ausbildungsprogramm, wir brauchen ein Netz von Koordinatoren für solche Ereignisse.

2020

Fünf Mal fand inzwischen das Wochenendseminar „Großereignisse“ der WEISSER RING Akademie statt, zuletzt im September 2020 in Fulda, Sabine Hartwig war natürlich wieder dabei. Die Teilnehmer kamen aus Thüringen, Hamburg oder Bayern, Referenten aus der Bundesgeschäftsstelle und von außerhalb trugen vor. Sie sprachenüber den Aufbau eines Lagezentrums, korrekte Dokumentation, über Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit, rechtliche Fragen und über die Nachsorge. Dutzende ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des WEISSEN RINGS haben das Seminar mittlerweile durchlaufen, jeder Landesverband hat inzwischen einen Koordinator für Großereignisse benannt.

Martina Linke, 66 Jahre alt, betreut noch heute Opfer des Anschlags auf dem Breitscheidplatz. Foto: Karsten Krogmann

„Wir sind vorbereitet“, sagt Sabine Hartwig.

Dezember 2020, im Berliner Landesbüro klingelt das Telefon, es rufen wieder Journalisten an. Sie suchen Kontakt zu Überlebenden des Anschlags am Breitscheidplatz für ihre Jahrestags-Berichterstattung. Sabine Hartwig kann ihnen nicht helfen. Seit dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt musste der WEISSE RING bereits fünf Mal die neu geschaffenen Leitlinien für Großereignisse anwenden:

  • Am 7. April lenkte ein Mann in Münster, Westfalen, einen Kleinbus in eine Gruppe Menschen. Vier Menschen starben, mehr als 20 wurden verletzt.
  • Am 9. Oktober 2019 versuchte ein Mann in Halle, Sachsen-Anhalt, in die Synagoge einzudringen, um Juden zu töten. Er ermordete zwei Menschen, zwei weitere verletzte er auf der Flucht schwer, Dutzende Menschen erlitten Traumata.
  • Am 19. Februar 2020 erschoss ein Mann in Hanau, Hessen, neun Menschen mit Migrationshintergrund in und vor Shisha-Bars. Anschließend tötete er in seinem Elternhaus zuerst seine Mutter und dann sich selbst.
  • Am 24. Februar 2020 fuhr ein Mann in Volkmarsen, Hessen, mit seinem Auto in eine Zuschauergruppe beim Rosenmontagsumzug. Mehr als 150 Menschen wurden verletzt.
  • Zuletzt kam es am 1. Dezember 2020 in Trier, Rheinland-Pfalz, zu einer Amokfahrt. Ein Mann tötete mit seinem Wagen fünf Menschen, 24 weitere verletzte er.

„Gut ist es, nicht hilflos daneben zu stehen“

Erstellt am: Montag, 8. März 2021 von Sabine

„Gut ist es, nicht hilflos daneben zu stehen“

Maja Metzger ist Außenstellenleiterin des WEISSEN RINGS in Halle. Nach dem Terroranschlag im November 2019 betreuten sie und ihre Kollegen Opfer und Angehörige. Wie hat sich die Stadt seither verändert?

Maja Metzger, 51 Jahre alt, kam 2017 zum WEISSEN RING.

Es ist nicht der schlechteste Zeitpunkt, als Maja Metzger im Jahr 2017 angesprochen wird. Ob sie sich vorstellen könne, beim WEISSEN RING mitzuarbeiten in Halle an der Saale. 47 Jahre ist sie damals alt. Der Sohn alt genug, es gibt etwas Platz in ihrem Leben, und sie sagt, dass sie sich das mal anschauen werde. Sich sinnvoll einzubringen, Menschen zu helfen, das höre sich alles ja nicht schlecht an.

Es war auch der Grund, warum sie damals, 1988, noch zu DDR-Zeiten, angefangen hatte, Jura zu studieren – in Leipzig, das lag näher an ihrem Elternhaus im Erzgebirge. Es gab damals in der DDR nur zwei Standorte, an denen man Jura studieren konnte, Leipzig und Halle. Dass sie dann später doch nach Halle kam, lag an der Liebe: Sie lernte in Leipzig ihren späteren Mann kennen. 1993 wurde sie in Halle Rechtsanwältin mit dem Schwerpunkt Familie und Soziales – dann war erst einmal das eigene Leben dran.

So sind es jetzt auch schon wieder 20 Jahre in dieser Stadt, die laut Frau Metzger „die graue Diva“ genannt wird, was verwundert, wenn man sie durchstreift. Das liege vielleicht daran, dass früher, in der DDR, die Leuna- und die Buna-Werke nicht weit entfernt lagen. Riesige Chemiekombinate zu Zeiten, als „Schadstoffemissionen“ zwar zu riechen und an den Häuserfassaden zu sehen waren, das Wort dafür aber noch nicht existierte. Was einzig und allein zählte, war die Produktion.

Viel Arbeit und viel Verantwortung

Zwanzig Jahre sind eine Zeit, in der man sich gut an die Stadt gewöhnen kann, in der man lebt. Heute ist Metzger Lokalpatriotin, sie geht, nein ging gerne zum Halleschen FC, was mehr mit Liebe zu tun haben muss als mit Fußball. Und sie hat zwei Päckchen Halloren-Kugeln mitgebracht zum Gesprächstermin, eine zuckersüße Spezialität aus Halle. Das verrät auch etwas über den Menschen Maja Metzger.

Sie schaut sich 2017 den WEISSEN RING an, und vielleicht ist es ein Wink des Schicksals, dass das Grundseminar im Augustinerkloster in Erfurt stattfindet. Eine „tolle Erfahrung“ sei das gewesen. Und wie sie das so erzählt, da strahlen ihre Augen, und die Stimme, die im Gespräch sonst eher zurückhaltend und ruhig, fast vorsichtig klingt, hebt sich um eine Nuance.

Irgendwann während des Gesprächs wird Frau Metzger sagen, dass sie nicht gerne im Mittelpunkt stehe, und so tritt sie auch auf – im positiven Sinn zurückhaltend. Das kommt ihr zugute, speziell bei der Arbeit, die in der ersten Zeit beim WEISSEN RING auf sie wartet. „Ich hatte das nicht erwartet, aber sehr viele der Fälle hatten einen sexuellen Hintergrund.“ Missbrauch, Vergewaltigungen, das werden ihre vorrangigen Beratungsfälle. Letztlich – und das ist ja auch logisch – war schon bei ihrer Anwerbung die Intention: Eine gestandene Frau, lebenserfahren, ist für die meist weiblichen Opfer die angenehmere Ansprechpartnerin. „Es ist viel Arbeit und viel Verantwortung“, sagt sie. „Und es ist eine dankbare Arbeit, in der man sieht, was man bewirken kann.“

Fassungslosigkeit nach den Schüssen

2018 wird sie Außenstellenleiterin in Halle. So hätte es weitergehen können mit dieser wichtigen Arbeit, mit der Verantwortung. Aber dann kommt etwas über Halle, was sich niemand hatte vorstellen können. Am 9. Oktober 2019 in der Mittagszeit. Frau Metzger geht an diesem Tag aus ihrem Büro in der Innenstadt zur Post, ob sie etwas aufgegeben oder abgeholt hat, weiß sie gar nicht mehr. Aber was sie noch weiß, ist, dass, als sie wieder im Büro ist und auf ihr Handy schaut, an die 50 Nachrichten darauf sind. Wo sie sei, ob es ihr gut gehe, solche Sachen. Sie schaut in den Rechner und liest dann etwas von Schüssen in der Hallenser Innenstadt, von einer unklaren Anzahl an Verdächtigen.

Sie ist fassungslos, sucht weiter nach Informationen, irgendwann steht da etwas von einem jungen Mann, der in einem Dönerladen erschossen worden sei. Und ihr Sohn? Der ist doch auch ein junger Mann? Der isst doch auch gerne Döner? Sie lässt die Jalousien herunter und bleibt, wie öffentlich dazu aufgerufen, in ihrem Büro.

Am 9. Oktober 2019 erschießt in Halle ein 27-jähriger Mann einen anderen vor einem Dönerladen: Ein Terroranschlag, der die Stadt veränderte.

Zwei Menschen sterben

Der Terror kommt an diesem Tag nach Halle in Form eines 27-jährigen Mannes, der bei seiner Mutter im Kinderzimmer lebt und der von dort aus eine Revolution starten will – gegen Muslime, Frauen und vor allem gegen Juden. Die Tat ist hinreichend an anderer Stelle beschrieben, ausgeführt mit selbstgebauten Waffen, die Baupläne dazu stammen aus dem Netz. Daher kommen auch sein ganzes kaputtes Weltbild und sein Hass – einen anderen Zugang zur Welt als seinen Computer hatte er nicht.

Zwei Menschen sterben an dem Tag, hätten seine selbstgebauten Waffen nicht so oft geklemmt, wäre die Zahl der Opfer deutlich höher gewesen. In sein eigentliches Ziel, die Hallenser Synagoge, kann er nicht vordringen. Er erschießt eine 40-jährige Frau vor der Synagoge, kurz darauf einen Mann in einem Dönerladen. Ein Ehepaar außerhalb von Halle wird auf der Flucht des Täters von ihm angeschossen. Neun versuchte Morde werden ihm später vor Gericht vorgeworfen, er wird zu lebenslänglicher Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Terrorattacken wie diese werden in Präventions- und Notfallplänen als Großschadensereignisse eingestuft. „Pläne, wie damit umzugehen ist, haben wir ja in der Schublade“, sagt Frau Metzger heute. Bis zu diesem Tag im Oktober 2019 hatte sie aber keine Vorstellung davon, was ein solches „Großschadensereignis“ alles auslösen kann.

Am nächsten Morgen kommen die Mitarbeiter des WEISSEN RINGS in der Außenstelle zusammen, die gleichzeitig auch das Landesbüro ist. Hier, vor der Glasscheibe, stand am Tag des Anschlags noch ein Polizist mit einer Maschinenpistole.

Eine Stadt im Ausnahmezustand

Maja Metzger trägt das Mobiltelefon bei sich, an dem sich Opfer melden können. Zunächst rufen viele Eltern an, die ihre Kinder nicht erreichen können – Halle ist eine Studentenstadt. Dazwischen Menschen aus der Stadt, die einfach mal reden wollen, über Ängste oder Sorgen. „So ein Angriff aus dem Nichts erschüttert Menschen in ihren Grundfesten“, sagt Frau Metzger. Die übliche Sorglosigkeit, die so alltäglich ist, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen, ist von heute auf morgen weg. An ihre Stelle tritt das Gefühl: „Ich kann auf die Straße gehen und komme vielleicht nicht wieder nach Hause.“ Das mache etwas mit den Menschen, ob sie Zeuge wurden oder nicht.

So etwas sei auch nach ein paar Wochen oder Monaten nicht vorbei: „Der Ausnahmezustand hat hier schon ein halbes Jahr gedauert, viele wollten das erst einmal mit sich selbst ausmachen.“ Dann hätten sie sich doch gemeldet, telefonisch. Oder sie kamen einfach vorbei.

Insgesamt werden 36 Opfer betreut, auch Angehörige von Opfern. Der Außenstelle Halle kommen damals zwei Dinge zugute: Einerseits, dass ihr Sitz in der Innenstadt auch der Sitz des Landesverbandes ist. So gib es eine Anlaufstelle, einen großen Raum, einen kleinen Raum, Platz für die Arbeit, die getan werden muss. „Einen Raum, in dem wir uns besprechen können und wo das Besprochene bleiben kann.“

An der Synagoge von Halle hängt eine Gedenktafel für die Todes- und alle weiteren Opfer des antisemitischen Terroranschlags.

Andererseits haben sie in einer Studentenstadt wie Halle, viele ehrenamtliche Helfer. Wer Metzger heute fragt, was eine Außenstelle aus einem Ereignis wie diesem lernen kann, erhält zur Antwort, dass das, was getan werden muss, auf möglichst viele Schultern verteilt werden müsse. Und was sie selbst gelernt hat? „Dass es gut ist, etwas tun zu können und nicht hilflos daneben zu stehen.“

Die Stadt verändert sich nach dem Anschlag, in den Tagen danach ist das am meisten zu spüren. Menschen rücken näher zusammen, sprechen oder schweigen gemeinsam. Die Zusammenarbeit des WEISSEN RINGS mit den Behörden sei damals enger geworden. Spenden, die in der Stadt gesammelt werden, gehen an die Opferhilfeorganisation und werden weitergereicht: rund 31.000 Euro. Ein Ehepaar, niedergeschossen vom Täter, wird vor Gericht aussagen, dass die einzige Institution, die ihm die ganze Zeit zur Seite gestanden habe, der WEISSE RING war.

Verlust der Sorglosigkeit

Und dennoch: Die Hilfe, das Näherrücken, der Zusammenhalt danach können nichts ungeschehen machen: nicht die Toten, nicht die Verletzten, nicht die Geschockten und die Traumatisierten. Ebenso wenig den Verlust der Sorglosigkeit und den Hass, der sich damals Bahn bricht und bis heute noch bisweilen nachwirkt: Der Täter filmt damals seine Taten und stellt sie live ins Netz. Auch Frau Metzger, die das Geschehen damals selber gar nicht miterlebt, wird es später doch noch sehen: Dieses Video wird ihr kommentarlos auf WhatsApp zugeschickt, fünf, sechs Mal kommt es bei ihr an. Wie oft es wohl andere bekommen haben?

Heute, im Frühjahr 2021, sitzt Frau Metzger in der Außenstelle Halle, der Ausnahmezustand ist vorbei, an den Tatorten erinnern Tafeln an die Tat, hier und da in der Stadt steht „Niemals vergessen Kevin und Jana“ auf Stromkästen gesprüht. Das Unfassbare ist und bleibt unfassbar. Und es lässt so viele andere Dinge kleiner wirken: Dass wegen der Pandemie die Friseure geschlossen sind, ist für Maja Metzger zum Beispiel ziemlich irrelevant. Dass sie nicht zum Halleschen FC kann, stört sie dann doch schon ein bisschen mehr – aber nur ein bisschen. Es gibt, das hat die Zeit gezeigt, wirklich Schlimmeres.

Meister im Wiederaufstehen

Erstellt am: Mittwoch, 3. März 2021 von Sabine

Meister im Wiederaufstehen

Eine krumme Wirbelsäule, ein Herzinfarkt, kein Zugang zum Traumjob – Christoph Fuchs hat in seinem Leben einiges einstecken müssen. Unterkriegen ließ er sich nie, jetzt hilft er anderen Menschen.

Christoph Fuchs, 72 Jahre alt und ist seit elf Jahren beim WEISSEN RING.

Müsste man Christoph Fuchs in einer einzigen Anekdote beschreiben, sie ginge wohl so: Wenige Tage nach einer Operation am Kiefer sitzt er auf dem Heimtrainer in dem Fitnessraum, den er sich in seinem Haus in Lenggries eingerichtet hat. Seine „Alexa“ spielt Bruce Springsteen und Truck Stop, die hört er am liebsten. Ob er sich trotz der OP in nächster Zeit ein Treffen vorstellen könne, für das Interview, fragt man vorsichtig am Telefon. Seine Antwort kommt prompt: „Von mir aus gleich morgen.“

Wenn Fuchs die Treppe im Evangelischen Gemeindehaus in Bad Tölz hochspringt, vergisst man, dass er 72 Jahre alt ist. Seit elf Jahren ist er beim WEISSEN RING und fast genauso lang stellvertretender Leiter der Außenstelle Bad Tölz-Wolfratshausen.

Wegen der Corona-Pandemie trifft er Opfer nun oft im „Grünen Zimmer“, in dem auch dieses Gespräch stattfindet. Grün ist hier nichts. Vor einer weißen Wand ist ein Stuhlkreis aufgestellt, in einem Regal liegen Broschüren aus. Zum Verein kam Fuchs nach seiner vorzeitigen Pensionierung als Kämmerer. „Langweilig war mir nie“, sagt er. Jeden Tag treibt er eine Stunde Sport, geht oft in die Berge, immer die gleiche Runde – „die Aussicht kenn ich ja schon“. Fuchs lacht, dass sich sein Schnauzbart hebt. Er gestikuliert ausladend, hält kaum einen Moment still und natürlich muss man das auf sein Gemüt übertragen: Andere genießen ihren Ruhestand, Fuchs suchte eine Aufgabe, ein Ehrenamt, bei dem er Menschen helfen kann.

Traumberuf Polizist

In einem Bericht im „Tölzer Kurier“ las er, dass der WEISSE RING ehrenamtliche Mitarbeiter sucht, und meldete sich bei der Außenstelle. Als Jugendlicher wollte Fuchs, der in Wackersberg im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen aufgewachsen ist, Polizist werden. „Ich kann nicht dabei zusehen, wenn jemand leidet“, erklärt er, „egal ob Mensch oder Tier.“ Er erinnert sich an einen Mitschüler, der einen lebenden Frosch an einen Zaun genagelt hat – „Das vergesse ich nie, so brutal war das.“ Vor einer Weile ist ihm eine Katze zugelaufen. „Meine Frau und ich wollten eigentlich keine mehr, nachdem die letzte überfahren worden ist“, sagt er. Auf der Straße lief das Tier auf ihn zu und wich nicht mehr von seiner Seite. Natürlich nahm er es mit nach Hause.

Bei der Polizei konnte Fuchs seinen Gerechtigkeitssinn nicht ausleben, denn wegen seiner verkrümmten Wirbelsäule wurde seine Bewerbung abgelehnt. Dabei war er schon damals ein guter Sportler und boxte viel. Sein Orthopäde bescheinigte ihm in einem Gutachten, dass er einsatzfähig ist. Damit bewarb er sich wieder, doch bei der Polizei ließ man sich seine Röntgenaufnahmen zeigen. „Da war ich wieder genauso weit“, sagt Fuchs und lacht laut.

„Da muss man durch“

Er ist, das merkt man schon nach wenigen Minuten Gespräch, ein Meister im Wiederaufstehen. Sein Schwerbehindertenausweis bescheinigt ihm 90 Prozent Behinderungsgrad, wegen seiner krummen Wirbelsäule musste er frühzeitig in den Ruhestand gehen. Seit einem Herzinfarkt hat er acht Stents. „Damals haben sie mich ins Krankenhaus nach München geflogen, ich wär bald gestorben.“ Fuchs ergänzt sofort: „Ich nehme meine Medikamente und spür so gut wie nichts – mir gehts prächtig.“

Im März 2020 fiel er beim Obstbaumschneiden auf die Aluleiter und brach sich den Oberkiefer, das Jochbein und den Augenbogen. Unerhört, wenn es nach Fuchs geht: „Ich bin schon so oft runtergefallen, mir ist nie was passiert“, sagt er trocken. Damals wurde er zwei Mal operiert, konnte lange nichts essen, sogar die Suppe brannte im Mund. O-Ton Christoph Fuchs: „Da muss man durch.“ Vor ein paar Tagen wurden die Schrauben im Kiefer entfernt, seine Wange ist noch leicht geschwollen.

Nach den Absagen von der Polizei machte Fuchs eine Ausbildung beim Landratsamt. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er im Rathaus in Lenggries. Bei seiner Arbeit für den WEISSEN RING hilft ihm das: Anträge an die Versicherung, Briefe an Ämter und Anwälte zu formulieren fällt ihm leicht – „und wenn ich etwas nicht weiß, mach ich mich im Internet schlau“.

Ein Stück weit Gerechtigkeit

Wie bei dem Ehepaar aus Bad Tölz, das im vergangenen Herbst von ihrem Sohn niedergestochen wurde. „Der junge Mann war auf Drogen und geistig verwirrt“, sagt Fuchs. Das Paar lag lange mit Stichverletzungen im Krankenhaus, hat psychische und finanzielle Probleme. Fuchs half bei der Suche nach einem Therapieplatz und trieb über Stiftungen Geld für die beiden auf.

Mit seinem Traumberuf mag es nicht geklappt haben, beim WEISSEN RING lebt Fuchs ihn trotzdem. „Wir haben ja meistens mit Menschen zu tun, denen Unrecht geschehen ist“, sagt er, „und sorgen für ein Stück weit Gerechtigkeit.“ Wenn ein Opfer bei betrügerischen Gewinnspielen kündigt und Drohbriefe erhält, antwortet Fuchs in seinem Namen. „Wenn die merken, da kennt sich jemand mit dem Rechtlichen aus, ist ganz schnell Schluss damit.“ Man hört durchaus Stolz in seinen Worten. „Solche Leute mag ich dann schon in die Schranken weisen.“

Bis vor kurzem schrieb er einmal im Monat die Kolumne „Aber sicher“ für den „Tölzer Kurier“, in der er anonymisiert von seinen Fällen berichtet: von Trickbetrügern und Kaffeefahrten, von Einbrüchen, häuslicher Gewalt, K.-o.-Tropfen und Cybermobbing. Im Bierzelt in Lenggries rannte einmal eine fremde Frau auf ihn zu. „Ich dachte, was ist jetzt los?“, erzählt Fuchs. „Da sagte sie, dass ihr ein fremder Mann an der Haustür eine dubiose Versicherung aufschwatzen wollte – aber wegen meines Berichts war sie vorsichtig.“

100 Kolumnen geschrieben

Im Laufe der Jahre bekam er viele Rückmeldungen von dankbaren Lesern. Genau 100 Kolumnen hat er geschrieben, ehrenamtlich. „Bevor jemand fragt, ob ich nicht lieber aufhören will, wollte ich lieber selbst aufhören“, erklärt er. Nur einen einzigen Monat erschien die Kolumne nicht – als er mit dem Herzinfarkt im Krankenhaus lag. „Meine Frau bremst mich immer ein bisschen.“ Fuchs grinst. „Ich mache normal nicht so lange Pause.“

Seine Frau hat sich daran gewöhnt, dass ihr Mann auch im Ruhestand beinahe jeden Tag einen Termin hat. Er nimmt sich Zeit, hört zu, was das Opfer zu sagen hat, besucht es auch mehrmals – „Da gibts für mich keine Grenzen!“ Gerade ältere Menschen erzählen ihm oft ihre ganze Lebensgeschichte und kramen Urlaubsfotos hervor. „Einmal hat mir eine 80-jährige Dame zwei Topflappen geschenkt, die sie in ihrer Jugend gehäkelt hat – können Sie sich vorstellen, wie alt die waren!“

Ein anderes Mal bekam er einen angetrunkenen Piccolo überreicht. Sein Schnauzbart bebt. Es gibt auch Opfer, denen er nicht helfen kann. Frauen, die häusliche Gewalt erleben und trotzdem immer wieder zu ihren Partnern zurückkehren. Diese Fälle beschäftigen ihn länger. Genauso wie die Familie, die im Nachbarort ausgeraubt wurde und sich nicht einmal mehr etwas zu Essen kaufen konnte. „Es war Winter, es hat geschneit und ich bin mit dem Auto gerutscht“, erinnert sich Fuchs, „aber ich musste da hin und ihnen Bargeld bringen, damit sie übers Wochenende kommen.“

Anders als bei der Polizei kann Fuchs den Opfern bis zur Gerichtsverhandlung und darüber hinaus beistehen. Wie wichtig das ist, merkt er während jeder Verhandlung im Amtsgericht in Wolfratshausen. Dort sitzen die Opfer im Zeugenstand nur zwei Meter vom Angeklagten entfernt. Damit sie dem Täter nicht in die Augen sehen müssen, setzt sich Fuchs dazwischen. Auf dem Fensterbrett im „Grünen Zimmer“ liegt ein Stein mit der Aufschrift „Alles wird gut“. Christoph Fuchs tut alles dafür.

„Fragen Sie doch mal den Herrn Zeck“

Erstellt am: Mittwoch, 3. März 2021 von Sabine

„Fragen Sie doch mal den Herrn Zeck“

Im Saarland sind die Wege kurz. Ein Mann wie Jürgen Felix Zeck – einst Polizist, Dozent, Autor, Berater, jetzt Außenstellenleiter beim WEISSEN RING – kennt immer jemanden, der jemanden kennt und helfen kann.

Jürgen Felix Zeck ist seit elf Jahren Mitarbeiter des WEISSEN RINGS.

Als die Apothekerin an diesem Morgen im September 2020 die Ladentür aufschließt, tritt sie schnell wieder einen Schritt zurück: Ihr schlägt ein Gestank entgegen, wie sie ihn noch nie gerochen hat. „Wie Erbrochenes“, so beschreibt sie ihn später, „bestialisch“. Angewidert macht sich die 61-Jährige mit ihren Mitarbeitern auf die Suche nach der Quelle des Gestanks. Im Keller werden sie fündig: Durch einen Lichtschacht hat jemand Buttersäure in die Apotheke gekippt.

Apotheken sind saubere Orte, so sollte auch ihr Geruch sein: rein, gesund, fast ein bisschen steril. Der Gestank muss also verschwinden. Bloß wie? Die Apothekerin recherchiert im Internet. Sie meldet den Buttersäureanschlag der Polizei. Sie ruft alle Behörden an, die „Umwelt“ oder „Chemie“ im Namen tragen. Wie sie den Buttersäuregestank wieder loswird, erfährt sie nicht. Bis ihr irgendwann jemand rät: „Fragen Sie doch mal den Herrn Zeck.“

Der Herr Zeck wartet am Stummdenkmal, das steht vor der Stummstraße auf dem Stummplatz im Zentrum von Neunkirchen, Saar. Er trägt Mantel und Mütze gegen die Kälte, unter der Mütze lugt sein Zopf hervor, im Gesicht setzt ein freundliches Lächeln seinen eindrucksvollen Schnurrbart in Bewegung. Jürgen Felix Zeck, 71 Jahre alt, steht nicht zufällig beim alten Freiherrn von Stumm, ehedem Politiker und Montanindustrieller. Erstens ist das Denkmal für stadtfremde Besucher leicht zu finden, zweitens kann Zeck hier ein bisschen Stadt- und Saargeschichte an den Mann bringen: Neunkirchen, mit kaum 48.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt des Saarlands, ist eine ehemalige Montanstadt. „Mit der Hütte groß geworden, mit der Hütte gestorben“, so sagt es Zeck. Hinter dem Stummdenkmal ragt das Gerippe der Eisenhütte auf, geschlossen 1982.

Eine Stadt im Wandel

Zecks Großvater war Bergmann, der Enkel ging einen anderen Weg, zum Glück, die letzte Kohlengrube schloss 1968: Jürgen Felix Zeck wurde Polizist. Zecks eindrucksvoller Schnurrbart setzt sich fröhlich in Bewegung: „Ich habe Ihnen etwas mitgebracht“, verkündet er, „ein Saarländisches Bergmannsfrühstück.“ Früher aß man das in der Bergmannskneipe, sagt Zeck, am Stummplatz gab es jede Menge davon, aber mit den Bergleuten sind auch die Bergmannskneipen verschwunden.

Die Stadt hat sich verändert. Nach der Eisenhütte kam ein Einkaufszentrum: Das riesige Saarpark-Center steht am Rande des Stummplatzes, Ende der 80er-Jahre war es eine Attraktion. Aber Einkaufszentren haben es schwer in diesen Zeiten, wegen des Online-Handels, wegen Corona. Menschen sind weggezogen aus Neunkirchen, andere gekommen. Geblieben ist die Kriminalität, die braucht nämlich keine Orte, sondern Menschen, und für die Kriminalitätsopfer, die ebenfalls bleiben, braucht man Opferhelfer.

Der WEISSE RING blieb in Neunkirchen, und Jürgen Felix Zeck, seit elf Jahren Mitarbeiter, hält nun häufiger Vorträge für muslimische Frauen, sein Thema: „Häusliche Gewalt bei Migranten“.

„Man kennt sich hier“

Die Apotheke mit dem Buttersäureanschlag liegt nicht weit entfernt vom Stummplatz. Eigentlich liegt nichts weit entfernt in Neunkirchen, im ganzen Saarland nicht, „man kennt sich hier“, sagt Zeck. Er lächelt, er erinnert sich an einen Vortrag in Berlin, wo er beiläufig berichtete, wie der zuständige Minister ein Problem löste, das Zeck ihm angetragen hatte. „Wie, du hast direkten Zugang zum Minister?“, staunten die Berliner. „Das ist das Saarland“, antwortete Zeck, „man kennt sich.“

„Du, ich brauche da jemanden“, so sprach der Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS, Gerhard Müllenbach, 2012 den Herrn Zeck an. Seitdem ist Zeck stellvertretender Landesvorsitzender.

Eine andere Geschichte: Ein Schausteller stand vor Gericht, die Sache war nicht allzu schlimm, die Richterin verzichtete auf eine Strafe. Stattdessen verpflichtete sie den Schausteller, sein Karussell einen Tag lang kostenlos für Kinder aufzubauen. Die Frage war bloß: Wo bekommen wir die Kinder her, wer kümmert sich um den kostenlosen Karusselltag? Man fragte den Herrn Zeck. Der sprach Schulen für seh- und hörgeschädigte Kinder an, die Begeisterung war groß. Am letzten Schultag vor den Ferien fuhren 200 jauchzende Kinder, die sonst selten Gelegenheit dazu haben, Karussell. Und am Abend schlug der Schausteller dem WEISSEN RING vor, so etwas doch jährlich zu organisieren.

Spitzname „Umweltpapst“

„Herr Zeck, Herr Zeck … den kenn ich doch von einem Vortrag“, sagt die Apothekerin, als man ihr den Namen nennt. Als sie dann mit Zeck spricht und vom Buttersäuregestank berichtet, sagt er: „Warten Sie mal, ich kenne da jemanden.“ Er setzt sich ans Telefon.

41 Jahre lang war Jürgen Felix Zeck bei der Kriminalpolizei. Zunächst war er für Todesermittlungssachen zuständig, für Brände, Explosionen, Sexualdelikte. Anfang der 80er-Jahre kam dann das Thema Umweltkriminalität auf. „Da kannte sich keiner aus“, sagt Zeck. Auch er kannte sich nicht aus, aber er las sich ein, tiefer und tiefer. Er kümmerte sich um das Fischsterben in Prims und Saar, um illegale Abfallentsorgung in der Altölverbrennungsanlage, er bekam den Spitznamen „Umweltpapst“, wurde in Ausschüsse geladen und zu internationalen Tagungen.

Als wäre das nicht genug, lehrte er an der Polizeischule und an der Fachhochschule, schrieb Zeitschriftenartikel und Fachbücher, beriet die Politik zum Thema Opferschutz.

„Niemand ist allein“

Nach seiner Zeit bei der Polizei lässt ihn der Opferschutz nicht los: Er engagiert sich beim WEISSEN RING. Rund 70 Opferfälle bearbeitet die Außenstelle jährlich, lange mit 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, aktuell sind es sieben. Darüber hinaus organisiert der Außenstellenleiter nicht nur Karussellfahrten – er hält Vorträge, sitzt in Arbeitskreisen und an Runden Tischen, macht Öffentlichkeitsarbeit. Der Saarländische Rundfunk möchte ein Interview führen zum Thema „Häusliche Gewalt“? Zeck fährt ins Studio und ist um 19 Uhr live auf Sendung. Die Tageszeitung braucht einen Artikel zum gleichen Thema? Zeck setzt sich an den Computer und schreibt einen Text, den die Zeitung unverändert abdruckt. Eine Frau ruft ihn an; sie hatte einen Verkehrsunfall und gerät dadurch in finanzielle Nöte? Der WEISSE RING könne nicht helfen, bedauert Zeck, „aber warten Sie mal, ich rufe mal ein paar Leute an“. Im Grunde, so Zeck, sei das hier eigentlich ein Vollzeitjob, aber seine Frau mache das zum Glück mit.

Was Zeck wichtig ist: Opfer ist nicht gleich Opfer. Oft werden Menschen ganz anders zum Opfer, als man sich das gemeinhin so vorstellt. Aber helfen muss man immer. Natronlauge! Das ist die Lösung! Zeck hat es herausgefunden in seinen Telefonaten. Natronlauge kann Buttersäure neutralisieren. Tatsächlich gelingt es der Apothekerin mit einem Handwerksteam und einigem finanziellen Aufwand, den Gestank endlich loszuwerden.

„Wer glaubt, er ist allein, der irrt“, sagt Zeck. „Der WEISSE RING ist da, wenn man ihn braucht.“ Das saarländische Bergmannsfrühstück, Jürgen Felix Zeck überreicht eine hübsche Frischhaltetasche: Lyoner, Weck, Bier. „Den ganzen Tag unterwegs … Sie haben doch bestimmt Hunger, oder?“ Die Bergmannskneipen mögen verschwunden sein, aber Zeck kennt einen guten Fleischer und einen guten Bäcker. „Mit dem Bier war es schwieriger“, sagt er, die örtlichen Brauereien seien ja fast alle weg, aber Karlsberg, das gehe immer. „Guten Appetit“, wünscht er zum Abschied, die Freude lässt seinen Schnurrbart beben.

Lecker wars.

Opfer dürfen nicht nur „Beweismittel“ sein

Erstellt am: Mittwoch, 27. Januar 2021 von Torben

Opfer dürfen nicht nur „Beweismittel“ sein

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht spricht im Interview mit dem WEISSEN RING über die Strafverschärfungen bei Missbrauchstaten und über den Kampf gegen Hass im Netz.

Foto: Christoph Soeder

Frau Ministerin Lambrecht, sind Sie jemals Opfer einer Straftat geworden?

So wie viele Politikerinnen, die sich gegen rechtsextreme Hetze und Gewalt engagieren, bekomme ich regelmäßig üble Drohungen. Diese sind oft voller Hass auf Frauen oder auf die Demokratie. Solche Drohungen bringe ich konsequent zur Anzeige. Aber als Politikerin kann ich damit leichter umgehen als Menschen, für die Hass-Attacken im Netz und auf der Straße bitterer Alltag geworden sind. Für diese Menschen müssen wir da sein und sehr viel entschiedener als früher gegen Hass und Hetze vorgehen.

Als Justizministerin sind Sie von Amts wegen vor allem für Täter zuständig. Stimmen Sie uns zu?

Nein, und das wäre auch ein völlig falsches Amtsverständnis. Richtig ist, dass die Täter oft die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Aber unsere Unterstützung und Solidarität gilt den Opfern von Straftaten. Mein Haus ist für die Strafprozessordnung zuständig. Darin haben die Rechte der Verletzten von Straftaten zentrale Bedeutung. Diese Rechte haben wir in den letzten Jahren immer weiter gestärkt. Erst vor wenigen Tagen habe ich einen Gesetzentwurf vorgelegt, um Zeugen besser vor Bedrohungen zu schützen. Genauso wichtig ist: Nur wer seine Rechte kennt, kann sie nutzen. Deshalb haben wir mit hilfe-info.de jetzt eine Online-Plattform mit wichtigen Infos, Ansprechpartnern und Unterstützungsangeboten vor Ort gestartet.

Aber die Strafverfolgung, das Strafrecht und auch die Strafprozessordnung stellen doch nach wie vor die Verursacher von Kriminalität in den Mittelpunkt, nicht die Betroffenen. Ganz konkret: Kommen die Opfer zu kurz im deutschen Recht?

Es ist in der Tat so, dass Verletzte schwerer Straftaten lange Zeit im Strafverfahren vor allem „Beweismittel“ waren. Es dauerte lange, bis man erkannte, dass es hier um Menschen mit traumatischen Erfahrungen, mit Schicksalen und Gefühlen geht, die unsere Unterstützung dringend benötigen. Ein Strafprozess ist eine Ausnahmesituation für die Betroffenen. Dass dieser Perspektivwechsel stattgefunden hat, ist auch dem Engagement des WEISSEN RINGS und vieler weiterer Opferhilfeeinrichtungen zu verdanken. Erst im vergangenen Jahr haben wir im Bundestag das Opferentschädigungsrecht grundlegend reformiert. Betroffene von Gewalttaten haben ab dem nächsten Jahr einen Anspruch auf Hilfe in Trauma-Ambulanzen, die in ganz Deutschland zügige psychologische Hilfen anbieten.

Werden ab dem 1. Januar 2021 tatsächlich flächendeckend Trauma-Ambulanzen eingerichtet sein? Also auch in ländlichen Regionen? Denn das Thema ist ja Ländersache. Was kann denn der Bund dafür tun, wie wollen Sie das sicherstellen?

Nahezu alle Bundesländer verfügen bereits über Trauma-Ambulanzen. Ab 2021 liegt es jedoch nicht mehr im Ermessen der Länder, ob sie Zugang zu den Trauma-Ambulanzen gewähren. Denn der Bund hat mit der Reform des Sozialen Entschädigungsrechts einen einklagbaren Anspruch von Betroffenen auf Leistungen der Trauma-Ambulanz geschaffen. Es besteht auch ein Anspruch auf Übernahme der erforderlichen Fahrtkosten zur nächstgelegenen Ambulanz. Der Bund wird zudem bundeseinheitliche Qualitätsstandards in einer Verordnung festlegen, da geht es zum Beispiel um die Erreichbarkeit der Trauma-Ambulanzen.

,,Ich hab größte Hochachtung vor Menschen, die sich ehrenamtlich für Betroffene von Straftaten einsetzen. Ein großer Dank an sie alle!"

Christine Lambrecht
Beim WEISSEN RING bewerben sich immer wieder ehemalige Polizisten oder Staatsanwälte als ehrenamtliche Mitarbeiter. Ihre Motivation begründen sie damit, dass sie sich im Berufsleben nicht hinreichend um die Opfer hätten kümmern können. Was sagen Sie denen?

Ich habe größte Hochachtung vor Menschen, die sich ehrenamtlich für Betroffene von Straftaten einsetzen. Ein großer Dank an sie alle! Die tägliche Arbeit der Polizistinnen und Polizisten sowie der Staatsanwältinnen und Staatsanwälte lässt die Betreuung der Opfer nicht immer so zu, wie es wünschenswert wäre. Das hat auch mit der hohen Arbeitsbelastung zu tun. Oftmals kann man allerdings schon mit geringem Aufwand Betroffene wirksam unterstützen, indem man sie gezielt auf ihre Rechte und Unterstützungsangebote aufmerksam macht. Dazu gehören Opferhilfeeinrichtungen und die Trauma-Ambulanzen.

Ein aktuelles Beispiel: Sie haben den Fonds für die Opfer des rechtsextremistischen Oktoberfest-Attentats als „wichtiges Zeichen der Solidarität mit den Betroffenen“ bezeichnet. Warum dauerte es 40 Jahre, bis es dieses Zeichen gab?

Der Generalbundesanwalt hat in diesem Sommer die Ermittlungen abgeschlossen, nachdem sie vor einigen Jahren wiederaufgenommen worden waren. 40 Jahre nach der Tat gibt es nun endlich die klare Feststellung: Das Oktoberfest-Attentat war ein rechtsextremistischer Terroranschlag, der schwerste der deutschen Nachkriegszeit. Bei vielen Betroffenen wirken die Erinnerungen und Verletzungen dieses schrecklichen Anschlags bis heute nach. Der Bund, der Freistaat Bayern und die Stadt München haben sich nun entschlossen, mit dem Fonds in Höhe von 1,2 Millionen Euro ein weiteres Zeichen der Solidarität mit den Betroffenen zu setzen. Uns ist sehr bewusst, dass diese Hilfe sehr, sehr spät kommt. Umso wichtiger ist es, dass es sie jetzt geben wird.

Im regelmäßigen Austausch: Bundesjustizministerin Lambrecht mit dem Bundesvorsitzenden des WEISSEN RINGS, Jörg Ziercke (rechts), und Bundesvorstandsmitglied Gerhard Müllenbach, bei einem Gesprächstermin in Berlin. Foto: Soeder

Ein anderes aktuelles Thema ist die sexuelle Gewalt gegen Kinder. Nach den Schlagzeilen zu Lügde, Münster oder Bergisch Gladbach richtete sich auch hier Ihr Blick auf die Täter: Sie brachten Strafverschärfungen auf den Weg. Glauben Sie tatsächlich, Sie können damit Missbrauchstaten verhindern?

Um Kinder vor diesen entsetzlichen Verbrechen zu schützen, haben wir ein umfassendes Paket beschlossen. Dazu gehören deutlich schärfere Strafen und eine effektivere Strafverfolgung. Diese Maßnahmen greifen ineinander. Täter fürchten nichts mehr, als entdeckt zu werden. Den Verfolgungsdruck müssen wir deshalb massiv erhöhen. Dazu dienen auch die Strafschärfungen, die Verfahrenseinstellungen künftig ausschließen. Der Gesetzentwurf enthält aber auch wichtige Maßnahmen im präventiven Bereich. Wir werden besondere Qualifikationsanforderungen für Familienrichterinnen und Familienrichter, Jugendrichterinnen und Jugendrichter, Jugendstaatsanwältinnen und Jugendstaatsanwälte sowie Verfahrensbeistände gesetzlich verankern. Wir werden auch sicherstellen, dass Kinder unter 14 Jahren vom Gericht grundsätzlich persönlich angehört werden und sich das Gericht einen persönlichen Eindruck vom Kind verschafft.

Ein Hauptproblem bleibt doch: Ein Kind muss sich im Durchschnitt sieben Mal an einen Erwachsenen wenden, bis ihm jemand zuhört und glaubt. Was kann eine Bundesjustizministerin dafür tun, dass Kindern mehr Gehör geschenkt wird?

Wir brauchen höchste Wachsamkeit und Sensibilität für Kinder, die gefährdet sind oder bereits Opfer von sexualisierter Gewalt wurden. Hier ist jeder und jede gefordert. Mein Gesetzespaket ist ein wichtiger Schritt, um Personen, die Umgang mit Kindern haben, wachzurütteln. Jugendämter, Schulen, Kindergärten oder Sportvereine müssen Kinder ernst nehmen und sensibel auf auffällige Wesensänderungen von Kindern reagieren.

Lambrecht gehört dem linken Parteiflügel der SPD an, sie gilt als ehrgeizig und durchsetzungsfähig. Als sie 2019 als Justizministerin auf Katarina Barley folgte, war das dennoch eine Überraschung. Foto: Soeder

Sexuelle Gewalt gegen Kinder soll künftig nicht als Vergehen, sondern als Verbrechen geahndet werden. Das hat Folgen für die kindlichen Opfer, die möglicherweise häufiger vor Gericht als Zeugen aussagen müssen. Wie wollen Sie diese Kinder vor Retraumatisierung schützen?

Wiederholte Vernehmungen machen es Kindern noch schwerer, das Entsetzliche, das sie erleben mussten, zu verarbeiten. Deswegen haben wir es Ende 2019 zur gesetzlichen Regel gemacht, dass die Vernehmung von allen Opfern von Sexualstraftaten und damit auch und gerade von minderjährigen Opfern bereits im Ermittlungsverfahren durch eine Richterin oder einen Richter erfolgt. Diese Vernehmung wird auf Video aufgezeichnet. Die Aussage kann später in der Hauptverhandlung verwertet werden. So können Mehrfachvernehmungen vermieden werden.

Laut Koalitionsvertrag sollten die Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen werden. Mit einem Passus, demzufolge das Wohl des Kindes „bei allem staatlichen Handeln, das es unmittelbar in seinen Rechten betrifft, angemessen zu berücksichtigen“ ist. 2019 sagten Sie, das könne bis Ende 2020 geschehen sein. Inzwischen liegt das Projekt auf Eis. Schaffen Sie das noch bis zur nächsten Bundestagswahl?

Wer es mit dem Schutz von Kindern ernst meint, muss die Kinderrechte im Grundgesetz verankern. Bei jedem staatlichen Handeln muss das Kindeswohl im Blick sein. Jedem Kind muss zugehört werden. Das würden die Kinderrechte im Grundgesetz verdeutlichen. Über die Grundzüge haben wir uns in der Bundesregierung geeinigt. Jetzt muss die Union endlich den Weg dafür freimachen, dass Bundestag und Bundesrat über die Verankerung der Kinderrechte im Grundgesetz beraten können.

Halle, Hanau, der Fall Lübcke, zuletzt ein antisemitischer Angriff in Hamburg: Wir haben es zunehmend mit Gewalttaten zu tun, deren Täter sich zuvor im Internet radikalisiert haben, aufgestachelt durch Hass und Hetze sowie Verschwörungsmythen. Hat der Staat diese Gefahrenquelle zu lange übersehen?

Die Radikalisierung, die wir im Netz erleben, ist schlimmer geworden. Es gibt eine Spirale von Drohungen, die bis hin zu dem rechtsextremistischen Mord an Regierungspräsident Walter Lübcke geführt haben. Auch die Corona-Krise spült einmal mehr Wellen von Hass und kruden Verschwörungserzählungen ins Netz, ein großer Teil davon ist rassistisch oder antisemitisch. Damit beschäftigen wir uns sehr intensiv. 2017 gehörten wir zu den Ersten in Europa, die strikte Zeitvorgaben für soziale Netzwerke gesetzlich verankert haben. Offensichtlich strafbare Postings müssen innerhalb von 24 Stunden nach einem Hinweis gelöscht werden. Mit unserem Gesetzespaket gegen Hass und Hetze gehen wir noch deutlich weiter. Schwere Fälle von Hasskriminalität müssen künftig dem Bundeskriminalamt gemeldet werden. Diese Fälle müssen endlich konsequent vor Gericht landen.

Lambrecht: „Schwere Fälle von Hasskriminalität müssen endlich konsequent vor Gericht landen.“ Foto: Soeder

Ihr Gesetz gegen Hasskriminalität haben Sie selbst „von zentraler Bedeutung für die Verteidigung unserer Demokratie“ genannt. Aktuell steht es aus verfassungsrechtlichen Gründen auf wackligen Füßen, der Bundespräsident hat noch nicht unterschrieben. Was machen Sie, wenn die Unterschrift weiter ausbleibt?

Das Bundesverfassungsgericht hat einen Monat nach dem Beschluss des Gesetzes im Bundestag eine Entscheidung veröffentlicht, die einzelne Bestimmungen des Gesetzes berührt. Die Bundesregierung arbeitet deshalb jetzt mit Hochdruck daran, die jüngsten Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts unter anderem zu den Befugnissen des Bundeskriminalamts umzusetzen.

Also haben Sie keinen Zweifel, dass das Gesetz zeitnah kommen wird?

Das hat höchste Priorität. Das weiß auch mein Kollege Horst Seehofer, dessen Ministerium die wesentlichen Änderungen auf den Weg bringen muss.

Mit diesem Gesetz gegen Hasskriminalität nehmen Sie vor allem die Betreiber der Internetseiten in die Pflicht, die Hass und Hetze zulassen. Woher nehmen Sie den Optimismus, dass ausgerechnet diejenigen, die seit Jahren keinerlei Verantwortungsbewusstsein zeigen, dem Treiben ein Ende setzen werden?

YouTube, Facebook und Co sind in der Verantwortung, sich nicht als Hetz-Plattformen missbrauchen zu lassen. Die Plattformen haben eine Verantwortung, der sie endlich gerecht werden müssen. Wenn sich immer mehr Menschen aus den Diskussionen in sozialen Netzwerken zurückziehen, weil sie keine Lust mehr haben auf Hass und Hetze, dann schadet das auch dem Geschäft der Plattformen. Daher passiert dort auch endlich etwas. Doch das reicht noch nicht. Auf europäischer Ebene beraten wir weitere Schritte. Die Betreiber müssen endlich ganz klar gegen Rassismus, Frauenhass, Muslim- oder Judenfeindlichkeit auf ihren Plattformen vorgehen. Genauso wie gegen Verschwörungsmythen, die gerade in der Corona- Zeit Leben und Gesundheit von Menschen gefährden können.

Verlagern Sie nicht einfach Verantwortung? Wäre es nicht Aufgabe des Staates, mit eigenen Ermittlungsgruppen das Netz zu durchforsten, um Straftaten aufzudecken und anzuklagen?

Durch die Meldepflicht der sozialen Netzwerke bei Volksverhetzungen oder Morddrohungen wird es zu sehr viel mehr Ermittlungsverfahren kommen. Das BKA gibt die Fälle an die zuständigen Staatsanwaltschaften ab, die können konsequent ermitteln und anklagen.

,,Recht und Gesetz gelten im Internet genauso wie im analogen Leben. Wir müssen das Recht aber viel stärker als früher auch im Netz durchsetzen."

Christine Lambrecht
Das Internet entpuppt sich immer wieder als ein weitgehend verfolgungsfreier Raum. Sehen Sie überhaupt eine Chance, dessen Herr zu werden?

Recht und Gesetz gelten im Internet genauso wie im analogen Leben. Wir müssen das Recht aber viel stärker als früher auch im Netz durchsetzen. Dafür hat die Justiz zahlreiche Ermittlungsinstrumente wie etwa Onlinedurchsuchungen, die wir ermöglicht haben. Ich werde in Kürze einen Gesetzentwurf vorlegen, der auch das Problem illegaler Plattformen im Internet, auf denen etwa Kinderpornografie, Drogen oder Waffen gehandelt werden, angeht.

Beispiel Kinderpornografie und Kindesmissbrauch: Im Ermittlungskomplex Bergisch Gladbach gibt es Tausende Verdächtige, bislang aber nur vereinzelte Anklagen. Ist die Justiz chancenlos gegen die digitale Kriminalität?

Die intensiven Ermittlungen zeigen, dass die Justiz diese schrecklichen Taten aufklären und die Täter überführen kann. Die Anwendbarkeit der Ermittlungsinstrumente weiten wir mit dem Gesetz zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder weiter aus. Gleichzeitig erleichtern wir die Verhängung von U-Haft in diesen Fällen. Wir verdoppeln die Fristen, in denen Taten in das Führungszeugnis aufgenommen werden – auf 20 Jahre nach Verbüßung der Freiheitsstrafe. Zugleich schaffen wir ein besonderes Beschleunigungsgebot: Im Interesse der Kinder müssen die Strafverfahren mit besonderer Priorität geführt werden.

Besteht überhaupt so etwas wie Waffengleichheit? Gerade hat sich der EuGH abermals gegen die Vorratsdatenspeicherung ausgesprochen, die Ermittler für ein wichtiges Mittel im Kampf gegen Kinderpornografie und Kindesmissbrauch halten. Wie sehen Sie das?

Wenn der Europäische Gerichtshof die deutschen Regelungen bestätigt, können wir die Vorratsdatenspeicherung in diesem Bereich einsetzen. Die Vorratsdatenspeicherung ist eines, aber nicht das einzige Mittel zur Bekämpfung der sexualisierten Gewalt gegen Kinder und der Kinderpornografie. Die Ermittlungserfolge der letzten Zeit zeigen, dass effektiv und konsequent ermittelt wird.

Auf der einen Seite steht der Datenschutz gegen diese Möglichkeit der Verbrechensbekämpfung. Auf der anderen Seite teilen Menschen freiwillig Millionen persönliche Daten in den sozialen Netzwerken, sammeln Internetkonzerne und andere Unternehmen alles an Daten, werden wir mit personalisierter Werbung zugespamt. Passen unsere Datenschutzgesetze noch zur gesellschaftlichen Wirklichkeit?

Der Datenschutz hindert nicht die Verfolgung schwerer Straftaten. Hierfür enthält die Strafprozessordnung scharfe Eingriffs- und Überwachungsbefugnisse, die Gerichte anordnen können. Für alle anderen Bereiche gilt: Der Schutz der Privatsphäre ist in der digitalen Welt besonders wichtig. Wir wollen keine gläsernen Menschen, die mit jedem Klick noch mehr über sich preisgeben. Bürgerinnen und Bürger sollen selbst entscheiden können, welche persönlichen Daten von ihnen verwendet werden dürfen. Datenschutz ist ein Grundrecht – und Voraussetzung für Vertrauen in digitale Dienste. Hier bleibt bei vielen Anbietern viel zu tun. Wie es geht, haben wir mit der Corona-Warn-App gezeigt. Die App hilft, Infektionsketten zu durchbrechen, wird inzwischen von über 20 Millionen Bürgerinnen und Bürgern genutzt und schützt dabei strikt die Privatsphäre.

Transparenzhinweis:
Christine Lambrecht, 1965 in Mannheim geboren, ist seit 1982 Mitglied der SPD. Seit dem 27. Juni 2019 ist sie Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. Im Interview mit dem WEISSEN RING spricht sie unter anderem über sexuelle Gewalt gegen Kinder, die mögliche Aufnahme von Kinderrechten ins Grundgesetz und zunehmende Hasskriminalität im Netz. Lambrecht war 1998 zum ersten Mal für den Wahlkreis Bergstraße als Abgeordnete in den Bundestag gewählt worden. Im September 2020 teilte ihr Wahlkreis mit, dass sie bei der Bundestagswahl 2021 nicht mehr antreten werde. In einem Schreiben an die SPD-Mitglieder der Region habe Lambrecht deutlich gemacht, „dass Politik als Beruf nur auf Zeit ausgeübt werden sollte“, hieß es damals.