“Der Anschlag“

Erstellt am: Freitag, 13. Februar 2026 von Sabine

GUCKEN

“Der Anschlag“

3sat Mediathek

Menschen, die Anschläge überlebt oder dabei Angehörige verloren haben, haben vor allem drei Anliegen: Gedenken, Aufarbeitung, Konsequenzen. Das wird auch in der Dokumentation „Der Anschlag“ deutlich, die sich mit der Terrorfahrt am Berliner Breitscheidplatz auseinandersetzt – und einen Beitrag leistet, diese Forderungen von Hinterbliebenen zu erfüllen.

Am 19. Dezember 2016 raste ein Anhänger des „Islamischen Staates“ mit einem Lkw in den Weihnachtsmarkt. Er ermordete 13 Menschen und verletzte viele weitere schwer. Die Serie von Astrid Schult umfasst fünf Teile, die sich „Vorzeichen“, „Tat“, „Trauma“, „Staat“ und  Konsequenzen“ widmen. Das Filmteam zeigt Fotos der Opfer, lässt Überlebende und Hinterbliebene oft zu Wort kommen, erzählt in erster Linie ihre Geschichten. So wie jene von Astrid Passin, deren Vater ins Theater wollte, aber keine Karten bekam. Seine Lebensgefährtin rief Passin schließlich an und sagte, dass „Papa tot ist“. „Warum?“, fragt Passin und fühlt sich fortan „komplett hilflos“. Etwa, nachdem seine Wohnung bei Ermittlungen „auf den Kopf gestellt“ worden sei.

Die Serie zeichnet einfühlsame Porträts. Und zeigt, dass tatsächlich jeder Opfer werden kann, vieles von Kleinigkeiten, Zufällen abhängt. Wie bei Shufan Huo, die neu in der Stadt war und die „Freiheiten“ während ihrer Doktorarbeit genoss. „Warum bin ich ,ungeschoren‘  davongekommen?“, fragt sie. Weil sie noch Bratwurst und Crêpes gegessen habe. Huo beschreibt, wie „der Luftzug vom Lkw mir den Atem nahm“. Wie Menschen nach einer kurzen, „gespenstischen Stille“ schrien. Die Ärztin selbst kämpfte mit Erster Hilfe um das Leben von Fabrizia di Lorenzo, die später in der Klinik starb. In der Serie äußert sich die Mutter der 31-Jährigen erstmals. „Wenn sie nach Hause kam, ging die Sonne auf“, sagt di Lorenzo über ihre Tochter. Der deutsche Staat habe ihr Auskünfte „verweigert“ und sie kaum unterstützt.

Mit den Fehlern vor und nach dem Terror befasst Schult sich intensiv. Dazu gehört der zermürbende, teils erfolglose Kampf der Betroffenen um Entschädigung. Zu den Schwächen der Dokumentation zählen die teils reißerische Rekonstruktion des Tatgeschehens und die mindestens fragwürdigen Szenen aus einem Live-Video vom Anschlagsort, auch wenn keine Todesopfer oder Schwerverletzten zu sehen sind. Mit dem Attentäter beschäftigt sich der Film auch lange, allerdings in einer aufklärenden Weise. Es geht zum Beispiel um die folgenlosen Alarmsignale im Vorfeld. So warnte ein V-Mann vor der Gefährlichkeit des Täters. Der damalige „Spiegel“-Reporter Jörg Diehl bemängelt, Sicherheitsbehörden hätten die Gefahr durch als Geflüchtete getarnte Terroristen unterschätzt. Zudem habe die Polizei viele Hinweise auf den Drogenhandel des Terroristen und dadurch die Möglichkeit gehabt, ihn vorher zu verhaften. Nach dem Anschlag sollte dies offenbar vertuscht werden. Später folgten einige Konsequenzen. Beispielsweise wurde das Opferentschädigungsgesetz reformiert und beim BKA – das Kritik zurückweist – Personal im Kampf gegen Extremismus aufgestockt. Lücken und Missstände gibt es nach wie vor, etwa beim Erkennen von Gefährdern oder bei Hilfen für Betroffene.

Der Anschlag brachte unfassbares Leid. Die Serie zeigt aber auch Lichtblicke wie die Gemeinschaft der Angehörigen. Bei einem Treffen sagte Giovanna di Lorenzo der Ersthelferin Huo, wie froh sie sei, dass ihre Tochter nicht alleine war. Mehrere Hinterbliebene, darunter Astrid Passin, setzen sich mittlerweile für Opferrechte ein. Am Ende bleiben vor allem zwei Sätze von Giovanna di Lorenzo in Erinnerung: „Diese Leere ist nie mehr zu füllen.“ Und: Man „kann diesen Schmerz verwandeln in Liebe für andere.“

3sat.de/film/der-anschlag

Ein Journalist will den Mord an seinem Onkel aufklären

Erstellt am: Dienstag, 26. August 2025 von Sabine
Podcast "Zwei Schüsse ins Herz" von der ARD.

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Ein Journalist will den Mord an seinem Onkel aufklären

Podcast/ARD Audiothek

Als Robert Pfeffer am 24. Mai 1979 seine Wohnung in Beirut verlässt, hat er keine Chance zu überleben. Auf der Straße eröffnet ein Killerkommando das Feuer. Der 38-Jährige, der erfolgreich als Korrespondent gearbeitet hat, wird erschossen.

Mehr als 40 Jahre später begibt sich sein Neffe Kilian Pfeffer auf Spurensuche und nimmt die Hörerinnen und Hörer im Podcast „Zwei Schüsse ins Herz – Warum musste mein Onkel sterben?“ mit. Der Weg führt in ein paar Sackgassen und ist mühsam, aber immer interessant. ARD-Journalist Pfeffer durchsucht Archive, wertet den Nachlass seines Onkels aus, Bilder, Briefe, Artikel. Pfeffer spricht mit Weggefährten, Ermittlern und sucht in Jordanien sogar den Ex-Chefpropagandisten der Volksfront zur Befreiung Palästinas auf. „Er hatte ja viele geheimnisvolle Projekte“, meint ein früherer Kollege über den Onkel. „Er muss zwischen die Fronten geraten sein“, sagt eine ehemalige BKA-Beamtin.
Nach und nach erfährt der ermittelnde Angehörige: Robert Pfeffer wollte offenbar ein Buch über Terrorismus schreiben, über Carlos den „Schakal“ sowie Wadi Haddad, der in den 1970er Jahren Flugzeugentführungen plante.

Die intensive Recherche zeichnet den Siebenteiler aus, aber auch die besondere Perspektive eines Hinterbliebenen, der zugleich Journalist ist. Nachdem er sich immer wieder Fragen zum Tod seines Onkels gestellt hat, beschließt Pfeffer, sich nicht mit der Ungewissheit und einer passiven Rolle als Opferangehöriger abzufinden, sondern aktiv zu werden, zu recherchieren. Dabei legt er seine Gefühle offen und reflektiert sie. Seine Wut darüber, dass niemand dem Fall richtig nachgegangen ist. Seine Erschütterung darüber, dass sich sein Onkel in den letzten Lebenstagen bedroht fühlte. Seinen Ärger über sich selbst, als er glaubt, eine Spur verloren zu haben. Seine Trauer. Und er hinterfragt, inwiefern die emotionale Betroffenheit seine Arbeit beeinflusst.

Gleichzeitig erzählt der Podcast Wissenswertes etwa über Konflikte im Nahen Osten oder den Journalismus in jenen Jahren bei Magazinen wie dem „Stern“, wo der Druck, spektakuläre Geschichten zu liefern, hoch war.
Der Fall liegt Jahrzehnte zurück; die Quellenlage war schlecht. Auch wenn er einige Enttäuschungen hinnehmen muss: Pfeffer gelingt es, Erstaunliches herauszufinden – und Fragen, die ihn seit langem beschäftigten, endlich zu beantworten.

Job-Scamming – Abgezockt bei Arbeitssuche

Erstellt am: Montag, 11. August 2025 von Sabine
ZDF „Die Spur“: Job-Scamming - Abgezockt bei Arbeitssuche

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Job-Scamming – Abgezockt bei Arbeitssuche

ZDF „Die Spur“

Jobsuche im Netz, remote ausgeschriebene Stellen, die von zu Hause aus gut zu erledigen sind – das ist nichts Neues in der modernen Arbeitswelt. Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer schätzen solche Angebote. Doch genau diese Freiheit birgt auch Gefahren. Hinter vermeintlich seriösen Stellenausschreibungen wittern Betrüger die Chance, ihre Opfer auszunutzen und sogar selbst zu Tätern werden zu lassen. In der Reportage „Job-Scamming – Abgezockt bei Arbeitssuche“ widmen sich die Journalistinnen Verena Sieben und Alexa Ramthun diesem wichtigen Thema und lassen Betroffene wie Anna Kaufmann (Name geändert) ihre Geschichte erzählen.

Sie zeigen, wie schwierig es ist, einen Betrug überhaupt zu erkennen: „Ich habe […] mir das Impressum genau angeguckt“, sagt Kaufmann. „Es gab eine Handelsregisternummer. Ich habe mir sogar die Firmenadresse bei Google Maps angeguckt. Das erschien mir alles seriös, ich habe einen Arbeitsvertrag zugeschickt bekommen, den habe ich sogar von ChatGPT prüfen lassen.“ Sie sagt zu und beginnt, für ihren Arbeitgeber Websites zu testen. Dabei soll sie auch Kreditinstitute prüfen. Als ihr Zweifel an der Seriosität ihres Arbeitgebers kommen, kontaktiert sie eines der Institute. „Und die haben mir dann gesagt, es ist bei fünf, sechs, sieben Banken angefragt worden und die ING Diba hat den Kredit bewilligt. Da sind 25.000 Euro auf ein Konto überwiesen worden. Das Konto, das ich einen Tag vorher eröffnet habe“, so Kaufmann. Sie lässt das Konto sperren, aber das Geld ist bereits weg. Täter nutzen diese Konten zur Geldwäsche. Kaufmann erhält immer wieder Zahlungsaufforderungen, woraufhin sie die ING Diba kontaktiert. Im ersten Schritt ohne Erfolg. Später wird die Bank auf das Geld verzichten, allerdings ist das nicht die Regel in solchen Fällen.

Die Journalistinnen sprechen nicht nur mit Betroffenen, sondern auch mit der Polizei, mutmaßlichen Tätern und einer Firma, deren Identität für einen solchen Betrug gestohlen wurde. Der Film zeigt eindrucksvoll, wie perfide diese Betrugsmasche ist, gibt Betroffenen eine Stimme und leistet wichtige Präventionsarbeit.

Karla

Erstellt am: Donnerstag, 31. Juli 2025 von Sabine
Karla ist ein Film über Kindesmissbrauch: Auf dem Bild blickt sie an der Kamera vorbei. Sie ist erst elf Jahre alt, hat kurzes Haar.

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Karla

Ab 2. Oktober 2025 im Kino

Karla schlägt die Stimmgabel auf den braunen kleinen Holztisch. Ein klarer und reiner Ton flutet das Büro des Richters. Er versteht das Zeichen, das sie ganz am Anfang vereinbart haben. Ein Schlag, ein Ton, bedeutet einen weiteren sexuellen Missbrauch durch ihren Vater.

Es ist 1962, eigentlich war die Familie auf dem Weg in den Sommerurlaub mit dem Auto. Während einer kurzen Toiletten-Pause in einem Feld rennt die Tochter Karla los – zum nächsten Polizeirevier. Sie verlangt, den Richter zu sprechen. Noch in der Nacht kommt er zum Revier. Sie ist erst zwölf Jahre alt und will ihren Vater anzeigen. Sie sagt, es geht um Paragraf 176 des Strafgesetzbuchs: sexueller Missbrauch von Kindern. „Es gibt den Artikel ‚Recht auf Leben‘ – Artikel zwei im Grundgesetz, gleich nach dem mit der ‚Würde des Menschen‘. Gilt das alles auch für Kinder?“, fragt Karla den Richter.

Karla kommt in ein Mädchenheim eines Klosters. Täglich trifft sie den Richter in seinem Büro, erzählt ihm von Situationen mit ihrem Vater, aber nicht über die einzelnen Taten; stattdessen schlägt sie die Stimmgabel auf den Tisch.

Karla ist ein sanfter und zugleich lauter Film nach einer wahren Begebenheit. Die Regisseurin Christina Tournatzés schafft es, allein durch Anspielungen und Symbolik, den Kindesmissbrauch darzustellen, ohne das Leid in Szene zu setzen. Zum Beispiel zeigt sie nur die Unterseite des Bettes, wenn es um Missbrauch geht, mehr bekommt das Publikum nicht zu sehen. Die Würde und die Stärke des Opfers stehen im Vordergrund. Gespielt wird die Protagonistin von Elise Krieps. Es ist die erste Filmrolle der noch jungen Schauspielerin.

Viele Opfer haben sich vergeblich überwunden und einen Antrag auf Unterstützung gestellt. Foto: dpa

„Die Betroffenen haben viele Ängste und Schamgefühle“

Die Empörung ist groß, nachdem bekannt geworden ist, dass der Fonds Sexueller Missbrauch auslaufen soll. Ein Papier aus den Koalitionsverhandlungen, das dem WEISSER RING Magazin vorliegt, lässt jetzt auf eine Fortsetzung hoffen. Doch ob und in welcher Form der Fonds bleibt, ist ungewiss.

Der Film thematisiert die Qual von Opfern, über das Erlebte sprechen zu müssen. Ob bei der Polizei für die Anzeige oder später vor Gericht: Betroffene werden immer aufgefordert, die Tat zu schildern, teilweise mit intimen Details. Und das möchte Karla nicht. Für den Richter eine große Herausforderung – wie verurteilt man jemanden, wenn das Opfer keine Angaben zur Tat machen möchte? Mit viel Feingefühl und Geschick schafft er es schließlich, an ausreichend Informationen zu gelangen, um ein Verfahren eröffnen zu können. Die Mutter als Zeugin, der Vater als Täter – und erst hier bekommt er ein Gesicht. Um Karla herum Männer, die darüber streiten, ob ein 12-jähriges Mädchen eventuell die Verführerin gespielt hat. Später stellt sich heraus: Es war nicht ihr erster Versuch, den Vater anzuzeigen.

Neben berührenden Dialogen bekommt der Zuschauer auch die Welt gezeigt, in die Karla flieht, wenn sie für kurze Zeit nicht das Mädchen sein möchte, dem all das Grausame angetan wurde. In ihrer Fantasiewelt rennt sie über Wiesen voller Mohnblumen. Ein bewusstes Stilmittel von Christina Tournatzés, da die Blume Frieden symbolisiert. Denn genau den möchte Karla endlich in ihrem Leben: Frieden.

Auch wenn der Film im Jahr 1962 spielt, ist er noch heute aktuell. Erst kürzlich erschien die nationale Dunkelfeldstudie, die bundesweit die Häufigkeit sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche untersucht sowie auch die Kontexte der Taten und deren Folgen beleuchtet. Das Ergebnis: Sexualisierte Gewalt im Kindes- und Jugendalter bleibt oft unentdeckt, weil Betroffene schweigen. Mehr als ein Drittel hat bisher nie über das Erlebte gesprochen.

“Und dann malt er ein Herz mit ihrem Blut ans Fenster“

Erstellt am: Mittwoch, 18. Juni 2025 von Sabine
zeit.de Tötungsdelikte an Frauen 2024

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“Und dann malt er ein Herz mit ihrem Blut ans Fenster“

zeit.de

„Sie wurden einen Abhang hinuntergeworfen. Unter der Terrasse vergraben. Erschossen. Im Stillarbeitsraum der Schule erstochen. Eine Finanzbeamtin. Eine Supermarktkassiererin. Eine Managerin. Eine Yogalehrerin.“ Schon der Einstieg in den Text macht deutlich: Was jetzt folgt, wird heftig.

Im Jahr 2024 wurden in Deutschland nach Recherchen von „ZEIT online“ 104 Frauen von ihren Partnern und Ex-Partnern getötet. Das Online-Portal hat jedes einzelne dieser Verbrechen dokumentiert und datenjournalistisch aufbereitet. Eine so breite und gleichzeitig tiefe Recherche zu Femiziden ist selten. Eine offizielle Datensammlung dieser Art fehlt in Deutschland noch immer.

Leserinnen und Leser erfahren hier, dass die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik – dort wurden im Jahr 2024 insgesamt 126 getötete Frauen erfasst – dadurch unscharf wird, dass nicht der Tag des Delikts  entscheidend ist, sondern der Zeitpunkt, zu dem die Ermittlungen abgeschlossen sind. Tat und Abschluss der Ermittlungen liegen aber nicht immer im selben Jahr.

Beeindruckend sind die akribischen und sachlichen Datenauswertungen sowie die grafische Aufbereitung des Themas. Die Autorinnen scheuen sich nicht, unbequeme Auswertungen nüchtern  aufzuschreiben. Zum Beispiel die, dass Frauen statistisch ein erhöhtes Risiko haben, getötet zu werden, wenn sie mit einem Nichtdeutschen zusammen sind. Und dass Nichtdeutsche vor Gericht mit  höheren Strafen rechnen müssen als Deutsche.

Vor allem aber gelingt den Journalistinnen in ihrer Dokumentation geballt, was nicht vielen gelingt: Sie tauchen tief in die Daten ein, analysieren diese und erklären Widersprüche – ohne sich in ihnen zu  verlieren. Und sie machen deutlich, dass sich hinter den anonymen Statistiken menschliche Schicksale verbergen, die sich in Deutschland abspielen.

zeit.de/gesellschaft/2025-04/toetungsdelikte-frauen-2024-partner-mord-femizide

Der Kinderpsychiater – Die Macht des Dr. Winterhoff

Erstellt am: Montag, 16. Juni 2025 von Sabine
Der Kinderpsychiater - die Macht des Dr. Winterhoff

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Der Kinderpsychiater – Die Macht des Dr. Winterhoff

Der Kinderpsychiater – Die Macht des Dr. Winterhoff / ARD Mediathek

Februar 2025. Der bekannte Kinderpsychiater Michael Winterhoff steht in 36 Fällen wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht. Er soll über Jahre hinweg Mädchen und Jungen, teils ohne ausreichende Diagnostik oder Aufklärung, sedierende Medikamente wie Pipamperon verabreicht haben. Der Fall gilt als einer der größten Skandale der deutschen Kinderpsychiatrie. In der dreiteiligen ARD-Doku „Der Kinderpsychiater – Die Macht des Dr. Winterhoff“ berichten zahlreiche Betroffene von ihrer Zeit als Patientinnen und Patienten des Mediziners. Sie geben dabei einen Einblick in ihr Leben, das noch heute durch die Nebenwirkungen der Medikamente bestimmt wird.

Die Doku stellt dadurch nicht den mutmaßlichen Täter in den Mittelpunkt, sondern konzentriert sich allein auf die Opfer. Das Publikum sieht unter anderem, wie ein betroffener Familienvater um ein besseres Leben für seine Kinder kämpft und wie eine Schülerin, trotz ihrer Einschränkungen durch den damaligen Medikamentenmissbrauch, eine berufliche Zukunft plant.

ardmediathek.de/serie/der-kinderpsychiater-die-macht-des-dr-winterhoff/staffel-1

“Das Kind des Opfers und des Täters zu sein, ist eine schreckliche Last“

Erstellt am: Freitag, 13. Juni 2025 von Sabine
Gisele Pelicot Tochter Buch

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“Das Kind des Opfers und des Täters zu sein, ist eine schreckliche Last“

Caroline Darian
“Und ich werde dich nie wieder Papa nennen“
Kiwi Verlag, 222 Seiten, 22 Euro

„Das Kind des Opfers und des Täters zu sein, ist eine schreckliche Last“, schreibt Caroline Darian in ihrem Buch „Und ich werde dich nie wieder Papa nennen“. „Die Vergangenheit wurde ausradiert, aber welche Zukunft folgt darauf?“

Caroline Darian ist die Tochter von Gisèle Pelicot. Der Fall erschütterte die ganze Welt: Pelicot wurde  von ihrem Ehemann über Jahre hinweg unter Medikamente gesetzt und von ihm und Dutzenden anderer Männer vergewaltigt. Im Buch nimmt Caroline Darian die Leserschaft mit in die Zeit, als die Taten ihres Vaters auffliegen und die  ganze Familie zerreißen. Auf einen Schlag ist „dieses Leben, das wir vor wenigen Jahren noch ‚banal‘ genannt hätten“, vorbei. Sie berichtet von ihrem eigenen Zusammenbruch, ihrem Umgang mit dieser Situation und ihrem zu dieser Zeit auch angespannten Verhältnis zu ihrer Mutter. In einigen Passagen spricht sie ihren Vater  direkt an: „Ich habe dich geliebt, respektiert und unterstützt, wie eine dankbare Tochter es ihrem Vater gegenüber tut. Du hast deinen Teil der Vereinbarung nicht  eingehalten. […] Ich werde dir das wohl nie verzeihen können. Jetzt muss ich lernen, damit zu leben.“ Darian lässt den Leser ganz nah an sich ran, zwischendurch hat man sogar fast das Gefühl, Teil der Familie zu sein, die gerade durch die schlimmste Zeit ihres Lebens geht.

kiwi-verlag.de/buch/caroline-darian-und-ich-werde-dich-nie-wieder-papa-nennen

Der Germanwings-Absturz

Erstellt am: Freitag, 13. Juni 2025 von Sabine
Germanwings-Absturz

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Der Germanwings-Absturz

Der Germanwings-Absturz – zehn Jahre ohne euch. ARD Audiothek

Stefanie Assmann und ihr neunjähriger Sohn Christian sitzen auf dem Sofa vor dem Kamin, in dem ein kleines Feuer brennt. Sie schauen sich gemeinsam ein Video an,  dass Christian und seine Schwester Linda zeigt. Aufgenommen worden ist es in Lindas Zimmer, vor einer roten Wand voller Bilder, als Selfie-Video. Die Geschwister  sagen im Wechsel die einzelnen Worte: „Ich hab’ dich lieb.“ Manchmal, berichtet die Mutter gegenüber Journalistin Justine Rosenkranz, schaue Christian zum Himmel und  spreche die Worte nach, die er im Video zu seiner Schwester sagte. „Und stellst dir vor, Linda würde antworten, ne?“, fragt sie ihren Sohn. „Mhm“, bestätigt er.

Stefanie Assmanns Tochter und Christians Schwester Linda ist 2015 beim Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen ums Leben  bekommen. Seit dem Unglück schauen sich Mutter und Sohn das Geschwister-Video immer mal wieder an. „Das gucke ich mir gerne an, weil das so aus dem Leben ist. So ungestellt und nicht wie bei einem Fotografen, schön gemacht“, sagt Assmann.

Diese Szene stammt aus dem Podcast „Der Germanwings-Absturz – Zehn Jahre ohne euch“ und wurde bereits neun Monate nach dem Absturz aufgenommen. Mit viel Feingefühl ging Journalistin Justine Rosenkranz Ende 2015 auf Angehörige von Opfern zu, im Podcast berichtet sie: „Ein gutes halbes Jahr, nachdem das Flugzeug abgestürzt ist, überwinde ich mich und rufe bei knapp 20 Familien an, die jemanden verloren haben. Ich frage sie, ob sie sich vorstellen könnten, mir ein Interview zu geben, denn ich glaube, dass nur die Geschichten von Angehörigen das emotionale Leid so einer Katastrophe richtig greifbar machen können. Ich möchte wissen, wie es den Familien geht, wie sie es schaffen, mit dem Verlust zu leben. Aber darf ich sie das fragen? Wie würde ich reagieren, wenn mich eine Journalistin anrufen würde, um mit mir über den Tod meines Kindes zu sprechen? Ich weiß es nicht. Und deshalb fällt es mir erst schwer, den Kontakt aufzunehmen. Alle, die ich anrufe, reagieren  freundlich, was mich erleichtert, aber sie sagen alle, dass sie nicht oder noch nicht dazu in der Lage sind, darüber zu sprechen. Also fast alle … Denn eine ist mit einem Treffen einverstanden: Stefanie Assmann.“ Die Frauen sind sich direkt sympathisch und gleich per Du.

In sechs Folgen lernen die Hörerinnen und Hörer des Podcasts die Assmanns besser kennen, über zehn Jahre begleitete die Journalistin die Familie und zeigt, was es heißt, mit so einem einschneidenden Erlebnis umzugehen. Christian etwa, den wir zu Beginn des Podcasts als Neunjährigen kennengelernt haben, ist mittlerweile 19 Jahre alt und steht kurz vor dem Abitur. Er hat das Zimmer seiner Schwester übernommen, aber nichts verändert. Stefanie Assmann hat mittlerweile eine Fortbildung zur Trauerbegleiterin gemacht. Der Schmerz habe sich nicht verändert, sagt sie. Vielleicht aber der Umgang mit ihm. „Manchmal sitze ich hier und heule mir die Augen aus  dem Kopf“, sagt sie. Und irgendwann sei es dann wieder gut.

Der Podcast ist ruhig und langsam erzählt, es gibt Pausen zum Durchatmen. Er ist nicht leicht zu hören, er geht ans Herz und rührt manchmal zu Tränen. Aber dieser Podcast ist wichtig: Er gibt Betroffenen eine Stimme. Neben Stefanie Assmann kommen weitere Angehörige zu Wort, die Menschen bei diesem Unglück verloren haben.  Dadurch wird deutlich, wie unterschiedlich die Herangehensweisen von Menschen sind, mit einem solchen Verlust umzugehen, der alles verändert. In jeder Minute ist  dem Podcast anzuhören, dass es sich um ein Langzeit- und vor allem Herzensprojekt der Journalistin handelt.

ardaudiothek.de/sendung/der-germanwings-absturz-zehn-jahre-ohne-euch-wdr/14097575/

Eskalation rassistischer Gewalt in Magdeburg

Erstellt am: Mittwoch, 7. Mai 2025 von Selina
Anschlag in Magdeburg. Cover von Podcast "NSU Watch": Es geht um Eskalation rassistischer Gewalt in Magdeburg.

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Eskalation rassistischer Gewalt in Magdeburg

NSU Watch und VBRG e.V.

Angst, Einschränkungen und soziale Isolation. So geht es Menschen mit Migrationsgeschichte nach dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg, bei dem sechs Menschen getötet und 86 schwer verletzt wurden und über 1.200 Betroffene. Der Täter: ein 50-jähriger Psychiater, saudi-arabischer Herkunft. In Magdeburg stieg die Zahl der rassistischen Angriffe nach dem Anschlag erheblich. In der 55. Folge der Podcast-Serie von der bundesweiten Initiative „NSU Watch“ und dem Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG), berichten Betroffene und Opferberater von der Zeit nach dem Anschlag. Sie berichten über Menschen, die migrantisch wahrgenommen werden und deshalb Angst haben und überlegen, die Stadt zu verlassen.

Bereits am Abend des Anschlages wurde ein 18-jähriger Student von einer Männergruppe bedroht und geschlagen. Ein 13-Jähriger wurde im Fahrstuhl seines Wohnhauses von Erwachsenen rassistisch beleidigt und gewürgt. Der Podcast zeigt eindrücklich: Rassistische Gewalt eskaliert weiter und Kinder werden nun auch häufiger zu Opfern, weil migrantische Menschen in Sippenhaft genommen werden.

verband-brg.de/folge-55-eskalation-rassistischer-gewalt-in-magdeburg/

„Pädokriminelle Foren im Darknet: Jetzt löschen wir richtig“

Erstellt am: Mittwoch, 16. April 2025 von Selina

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„Pädokriminelle Foren im Darknet: Jetzt löschen wir richtig“

STRG_F/Panorama auf YouTube

„Ich glaube, kein Mensch fände es gut, wenn von ihm irgendwelche Nacktfotos […] öffentlich am nächsten Marktplatz ausgehangen werden auf Plakaten. Die meisten Menschen würden sich zu Tode schämen. Ich lebe jetzt seit über 20 Jahren damit, dass von mir solche Fotos auf dem nächsten Marktplatz hängen und ich nie weiß, wer von meinen Nachbarn die alle gesehen hat.“ Der Betroffene, von dem diese Sätze stammen, heißt nur im Film Lukas Jansen. Für die Reportage „Pädokriminelle Foren im Darknet: Jetzt löschen wir richtig“ wurde sein Name geändert. Als Kind wurde er jahrelang schwer sexuell missbraucht, immer wieder wurden davon Fotos und Videos gemacht. Er ist sich sicher, dass diese auch im Netz gelandet und somit öffentlich zugänglich sind. Fälle wie die von „Lukas“ sind es, die dem Film seine emotionale Wucht und politische Relevanz geben.

Journalist Daniel Moßbrucker und Informatiker Tobias Hübers haben es sich zur Aufgabe gemacht, pädokriminelle Inhalte im Darknet löschen zu lassen. Der aktuelle Film ist die Fortsetzung der Reportage „Pädokriminelle Foren: Warum löscht niemand die Aufnahmen?“, in deren Verlauf die Macher das größte Pädokriminellen-Forum des Darknets lahmlegten. Das jetzige Ziel der Filmemacher: Löschen im großen Stil. Dafür haben sie Foren durchforstet und eine KI trainiert, um nicht alle Abbildungen von Missbrauch selbst ansehen zu müssen. „Ich hoffe, dass der Teil des Projektes schnell vorbeigeht“, sagt Moßbrucker im Film. „Diese Bilder vergessen, das geht nicht mehr. Sie aus dem Netz zu löschen schon. Umso bedrückender zu sehen, was alles verfügbar ist und wie lange schon.“

Nach einem halben Jahr hatten Hübers und Moßbrucker den verantwortlichen Internetunternehmern 310.199 Links gemeldet, die diese dann gelöscht haben. Insgesamt sind so 21,6 Terabyte an pädokriminellen Inhalten aus dem Netz gelöscht worden. Um die Dimension zu verdeutlichen, rechnen die Filmemacher die Größe um: Das ist „so viel, als würde man sich anderthalb Jahre lang Videos anschauen, rund um die Uhr, in hochauflösender Qualität“. Diese Aufnahmen sind nun alle weg, innerhalb von sechs Monaten, dank eines zweiköpfigen Teams.

Die Reaktionen der Foren-Nutzer bestärken den Erfolg des Projekts. User schreiben, nachdem immer mehr Inhalte gelöscht sind: „Diese Website ist Müll“; „Nichts funktioniert mehr“; „Es macht keinen Spaß mehr auf diese Seiten zu gehen. Alle Links sind zu 99,5 Prozent down“; „Die Frustration versaut mir echt die Stimmung, und ich wende mich anderen Hobbys oder Interessen zu“; „Vielleicht ist es an der Zeit, aufzugeben“; „Ich verabschiede mich aus der Pädo-Szene, weil es keinen Sinn mehr ergibt“.

Die Politik hatte schon nach dem ersten Film versprochen, pädokriminelle Inhalte konsequent zu löschen. Warum das nicht passiert ist? Auch darauf geht der Film ein. Die Filmemacher sprechen etwa mit Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) und Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU), der erstaunlich ehrliche Worte findet: „Es wird nicht gelöscht, zumindest nicht so, wie ich es mir wünsche.“. Auf die Frage, wann das Löschen beginnt, antwortet Reul: „So schnell wie möglich.“ Es wäre wünschenswert, wenn die Aussage diesmal stimmen würde, denn das Löschen von pädokriminellen Inhalten würde Betroffenen wie Lukas helfen.

STRG_F ist das Recherche-Format von funk, dem jungen Angebot des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, produziert von PANORAMA (NDR).

Ein Film von Daniel Moßbrucker, Robert Bongen, Lisa Hagen,
Tobias Hübers
Kamera: Henning Wirtz, Lisa Hagen, David Diwiak
Schnitt: Jan Littelmann