Die Unverwüstliche

Erstellt am: Sonntag, 18. Juli 2021 von Sabine

Die Unverwüstliche

Seit 14 Jahren ist Helen Bonert für Opfer ein Fels in der Brandung. Deren Geschichten beschäftigen die Leiterin der Außenstelle Rhein-Sieg zwar, belasten sie aber nicht. Das liegt auch an ihrer bewegten Zeit bei der Bundeswehr, als Helen noch Armin hieß.

Helen Bonert, Leiterin der Außenstelle Rhein-Sieg.

Wie stellt man sich jemanden vor, der täglich mit dem konfrontiert wird, was Menschen anderen Menschen antun? Müsste das nicht jemand sein, dem das Leid in Furchen ins Gesicht geschrieben steht? Mindestens aber müsste diese Person ausschließlich ernst auftreten, schon damit niemand an ihrer Ernsthaftigkeit zweifelt. Wie auch immer man sich einen solchen Menschen vorstellt, wie Helen Bonert jedenfalls nicht.

Die Leiterin der Außenstelle Rhein-Sieg sagt nicht nur „Rhein-Siech“ und „sacht“, was gleich für ordentlich Bodenständigkeit sorgt. Die 70-Jährige kann auch kichern wie ein Mädchen. Das aber irritiert nur im ersten Moment. Wer sich die bedrückenden Geschichten anderer anhört, muss selbst stabil sein. Humor ist da nicht nur eine Abwehrkraft, sondern so etwas wie der höchste Ausweis von Stabilität. Wer mit Bonert nur fünf Minuten spricht, begreift: Die ist unverwüstlich. Fels in der Brandung. Schon äußerlich. „Mit den Leuten heulen bringt gar nichts“, sagt sie. „Empathie ja, Mitleid nein.“

Seit 14 Jahren nimmt sie nun schon die Anrufe von Opfern in ihrer kleinen Mietwohnung am Stadtrand von Siegburg entgegen. „Wir sind die Ersten, die zuhören. Die kommen mit wahnsinnigen Problemen, wissen nicht genau, was sie erzählen sollen. Da will ich zeigen: Wir helfen dir weiter, wir sind für dich da.“ Dann überlegt sie, welche Mitarbeiterin sie schickt. In Corona-Zeiten fallen die sonst üblichen Hausbesuche allerdings flach. Mord übernimmt sie selbst. „Weil ein Riesenaufwand an Papierkram dranhängt. Das will ich den Mitarbeitern nicht zumuten.“

„Ein dummes Brot auf vier Füßen“

Da gab es zum Beispiel den erstochenen Taxifahrer, der nie viel verdient hatte. Die Witwe konnte sich nicht mal ein schwarzes Kleid für die Beerdigung leisten. Da sprang Bonert mit 300 Euro Soforthilfe ein. Sie half auch beim Antrag auf Bestattungsgeld, denn der Staat zahlt genau 1.710 Euro für die Beerdigung von Mordopfern. Weil aber eine Beerdigung „mit allem Pipapo, Kaffee und Kuchen, Trauerkarten, Sarg“ ungefähr 5.000 Euro kostete, sorgte Bonert dafür, dass der WEISSE RING den Rest übernahm.

Im vergangenen Jahr hatte sie einen Fall von sexuellem Missbrauch, eine Jugendliche war von einem Jungen vergewaltigt worden. Danach versuchte sie, sich das Leben zu nehmen. Die Mutter schenkte ihr noch während des Aufenthalts in der Psychiatrie einen Doggenwelpen. Nun wird der Hund auch dank Bonerts Hilfe zum PTBS-Hund ausgebildet. PTBS steht für posttraumatische Belastungsstörung. Nach der Ausbildung darf das Tier das Mädchen in die Schule begleiten. „Normalerweise ist eine Dogge kein Hund, der schlau ist“, sagt Bonert, „sondern ein dummes Brot auf vier Füßen.“ Das ist eine dieser Stellen, an denen Bonert kichert. „Dieser Hund aber ist soweit gut genug, dass man ihm die Ausbildung zutraut.“

Bonert kann aber auch bei Kleinigkeiten helfen. Einmal hat sie eigenhändig ein Schloss ausgetauscht für eine Frau, damit ihr Mann nicht mehr ins Haus kam.

„Ich habe viele böse Sachen gesehen, viele Tote, den Krieg in Jugoslawien.“

Helen Bonert über ihre Zeit bei der Bundeswehr

Seit 2006 engagiert sich Bonert für den WEISSEN RING. Ein Jahr später wurde sie Leiterin der Außenstelle. Kurz zuvor war sie mit 55 in Pension gegangen, nach Jahrzehnten bei der Bundeswehr. „Dann ist urplötzlich Urlaub und der wird immer länger und kein Schwein ruft dich an. Wenn noch dein Mann stirbt, und der war gut, und der war richtig gut, dann werden dir die Beine weggezogen. Da kommt der Punkt, an dem du dich fragst: Was machst du mit deinem Leben? Du musst was machen, sonst gehst du kaputt.“ Sie suchte im Internet. Sie wollte was für sich tun. Sie wollte was für andere tun. Sie wollte was zu tun haben. Sie wollte selbst Entscheidungen treffen können, wie sie es von ihrem Beruf gewohnt war. „Das kann ich nun alles, teilweise 40 Stunden die Woche.“ Dass die Geschichten der Opfer sie zwar beschäftigen, aber nicht belasten, hat auch mit ihrer Zeit bei der Bundeswehr zu tun. „Ich habe viele böse Sachen gesehen, viele Tote, den Krieg in Jugoslawien.“

Als sie zur Bundeswehr ging, dort Elektrotechnik studierte und dann bei der Luftwaffe Karriere machte, hieß sie allerdings noch nicht Helen, sondern Armin Bonert. Frauen durften damals nur in der medizinischen Abteilung arbeiten. Bonert aber war biologisch noch ein Mann. Ein Electronic Warfare Officer, elektronische Kampfführung also, unter anderem dafür zuständig, das Transportflugzeug Transall innerhalb von 21 Tagen so umzubauen, dass es auf keinem Radar auftauchte. Zum Beweis landeten sie in unter Beschuss in Sarajevo. Bis nach China kam Bonert, horchte dort die Russen aus, wie sie sagt. „Ich habe einen Spezialauftrag bekommen, den hatte nur ich.“

Ihre Kinder durften weiter Papa sagen

Bonert heiratete zweimal, wurde zweimal Vater. Doch sie habe sich immer schon komisch gefühlt, aber „ich wusste nicht, warum ich so bin, wie ich bin.“ Es war noch nicht die Zeit, in der man im Internet mal kurz nachschauen konnte, was mit einem los ist. Erst mit Mitte 40 erfuhr Bonert, dass es so etwas gibt: Transsexualität oder Transidentität. Geboren im falschen Körper. Nun musste etwas passieren. Sie vertraute sich ihrem Chef an, der sprach mit seinem Chef. Bonert war der erste bekannte Fall von Transidentität bei der Bundeswehr. Sie bekam ein Jahr Krankschreibung für die Behandlung, die Operationen, den Weg von Armin zu Helen. Helen war der Name, den ihre Mutter für den Fall vorgesehen hatte, dass sie ein Mädchen auf die Welt bringen würde. „Kim hätte nicht gepasst“, sagt Bonert.

Ihre Kinder durften weiter Papa sagen, für alle anderen hieß sie fortan Helen. „Ich habe einen 70-Seiten-Essay geschrieben, wie ich in der Bundeswehr behandelt werden möchte“, sagt Bonert. Diskriminiert fühlte sie sich dort nie. Nur einmal sah sie ein Stabsoffizier doof an. „Den habe ich zu einem Gespräch eingeladen. Der kam mit seiner Meinung rein in mein Büro und mit meiner wieder raus.“ Bei der Luftwaffe konnte sie nach dem Abschluss der geschlechtsangleichenden Operationen 1999 nicht bleiben, nur der Sanitätsdienst war offen für Frauen. „Ich war froh, dass ich nicht gehen musste.“ Dort war sie für alle bildgebenden medizinischen Verfahren der Bundeswehr zuständig, Röntgengeräte, Mikroskope. „Den höchsten militärischen Orden habe ich als Frau bekommen, nicht als Mann.“

„Wir sind mildtätig und gemeinnützig, aber dumm sind wir nicht.“

Helen Bonert

Die Arbeit im Ehrenamt hat ihr dann eine neue Aufgabe gegeben. Manchmal wünscht sie sich allerdings ein wenig mehr Anerkennung. „Danke zu sagen, ist sehr oft schwierig. Viele Opfer sagen hinterher sogar, sie könnten nicht Danke sagen. Aber dann geht am Ende des Jahres die Schelle, und jemand steht da mit einem Blumenstrauß.“

Es gibt auch Menschen, die bei ihr anrufen und am Ende unzufrieden sind. „In vielen Fällen haben sie Geld erwartet und keines bekommen. Wenn Leute finanzielle Erwartungen äußern, bin ich knochenhart. Dann kriegen die nichts. Wir sind mildtätig und gemeinnützig, aber dumm sind wir nicht.“ Sie hat mal die Betreuung eines Opfers abgebrochen, als eine Mitarbeiterin von dem Mann sexuell angegangen wurde. „Es gibt aber auch einfach Leute, die kommen mit meiner Art nicht klar“, sagt sie.

Zwei Jahre will Bonert noch die Anrufe entgegennehmen, dann soll Schluss sein. „Ich erziehe gerade meine Stellvertreterin. Wenn sie laufen kann, höre ich auf.“

Die Unverwüstliche – Helen Bonert, ehrenamtliche Mitarbeiterin des WEISSEN RINGS.

Lotsen aus dem Tal

Erstellt am: Mittwoch, 14. Juli 2021 von Sabine

Lotsen aus dem Tal

Heinz Habermann und Gudrun Midding sind seit einigen Jahren für den WEISSEN RING im Main-Kinzig-Kreis tätig. Beide haben viel Erfahrung im Umgang mit Opfern. Nach der schrecklichen Tat in Hanau waren sie zur Stelle.

Beim Namen Hanau fällt den meisten direkt der rechtsextreme Terror im Februar 2020 ein. Foto: Christoph Hardt/Geisler-Fotopress

Wenn zwei Menschen lange und eng miteinander arbeiten, genügt manchmal ein kurzer Blick. Heinz Habermann und Gudrun Midding engagieren sich ehrenamtlich für den WEISSEN RING und betreuen Kriminalitätsopfer im Main-Kinzig-Kreis. Ende März sitzen sie in einem Raum des Trauerzentrums in Hanau; das Fenster zum sonnigen Garten ist weit geöffnet. Habermann, 69 Jahre alt, blaues Hemd und graue Haare, hat vor sich auf dem Tisch einige Mappen mit Informationen ausgebreitet. Als die Frage aufkommt, welche Art von Fällen sie bisher betreut haben, schaut er kurz zu Midding herüber. Die 58-Jährige sitzt ihm schräg gegenüber und wird daraufhin gleich eine Geschichte erzählen, die eigentlich Thema für einen Horror-Thriller wäre. Doch genau dieser Horror für die Opfer bedeutet mitunter für diese beiden die harte Realität.

„Wir haben Opferfälle vom Handtaschendiebstahl bis zu Sexual- und Tötungsdelikten“, sagt Habermann. Beim Namen Hanau fällt den meisten direkt der rechtsextreme Terror im Februar 2020 ein. Habermann und Midding haben auch die Opfer dieses Tages und deren Angehörige betreut. Aber beide bekommen hautnah mit, dass Mord und Totschlag auch fernab der breiten öffentlichen Wahrnehmung geschehen. Die Opfer werden oft dermaßen aus der Bahn geworfen, dass die Arbeit der Ehrenamtler schon in den kleinsten Details eine große Unterstützung sein kann – und sei es ein Glas Wasser.

Mordanschlag nur knapp überlebt

Midding erzählt nun den Fall einer Spanierin, deren Partner in Drogengeschäfte verwickelt war. Dafür musste er mit dem Leben bezahlen – und streng genommen gilt das auch für sie, obwohl sie überlebte. Die Frau wusste nichts von den „Geschäften“ ihres Partners. Das Paar wurde von sieben Tätern, Mitgliedern eines Drogenclans, im eigenen Haus überfallen und über mehrere Stunden dort festgehalten. Der Lebensgefährte wurde ermordet, die Frau konnte gerade noch entkommen, bevor das gemeinsame Haus in Flammen aufging. „Sie hatte nichts mehr – nur noch das, was sie am Leib trug“, erzählt Gudrun Midding.

Die Frau überlebte also knapp einen Mordanschlag, sah ihren Lebensgefährten sterben und stand vollkommen mittellos da. Der Schock in so einer Situation ist nur schwer zu ermessen – doch noch gravierender war die Einsamkeit des Opfers nach dem Schock. „Da war es wichtig, dass einfach jemand da ist“, so Midding. „Ich habe sie zum Prozess begleitet und den ganzen Tag im Gericht gesessen. Sonst wäre sie auf sich allein gestellt gewesen.“ Es sei auf Kleinigkeiten angekommen: mal ein Glas Wasser reichen oder ein Taschentuch, mal dem Richter signalisieren, dass das Opfer eine Pause benötige. Kleine Hilfen mit großer Wirkung.

Über mehrere Jahre begleitete Midding die Frau, die auch um finanzielle Hilfen kämpfte. Die Opferentschädigung wurde ihr jedoch vorenthalten, da das Versorgungsamt anzweifelte, dass sie vom Doppelleben ihres Partners nichts gewusst habe. „Die Frau war komplett verzweifelt. Da ist man kurz davor, aus eigener Tasche zu helfen“, so Midding. Diese Gefahr besteht häufig: dass das Engagement der Ehrenamtler in ihren privaten Bereich hineinreicht. Midding sagt deshalb: „Da muss man schon einen Cut machen.“

Über Ehrenamtsbörse zum WEISSEN RING

Neben dem harten Fall der Spanierin hat Midding auch mit Opfern von sexuellem Missbrauch zu tun – auch bei Übergriffen innerhalb einer Familie und bei kleinen Kindern. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen teilen sich die Schwerpunkte auf. Insgesamt sieben Ehrenamtler helfen den Opfern im Main-Kinzig-Kreis, vor Corona trafen sie sich alle vier Wochen. Nun sprechen sie sich telefonisch ab oder begegnen sich in zur Verfügung gestellten Räumen wie hier im Hanauer Trauerzentrum. Betroffene können sich über das Opfer-Telefon melden oder übers Internet Kontakt aufnehmen.

Gudrun Midding wurde im Jahr 2010 durch eine Ehrenamtsbörse auf den WEISSEN RING aufmerksam. Zuvor hatte sie mit ihrem Mann eine Firma für Abfallentsorgung geleitet. Zunächst hospitierte sie, seither ist sie als feste Mitarbeiterin dabei. In einem Grundseminar zur Begleitung und in Aufbauseminaren zu Psychologie, Strafrecht, Prävention oder Mobbing hat sie sich seither fortgebildet. Das ist ein enormer Aufwand für ein Ehrenamt und brachte den einen oder anderen Bekannten natürlich zu der Frage: Warum tust du dir das alles an? Midding sagt: „Die Opfer haben keine Lobby, sie brauchen Hilfe.“ Viele Betroffene hätten einen Tunnelblick entwickelt; da helfe es ungemein, neue Perspektiven aufzuzeigen.

Genau darum ging es auch Heinz Habermann. Er sagt: „Die Polizei schaut meistens auf den Täter, die Opfer werden alleingelassen.“ Damit spricht er aus Erfahrung: 32 Jahre lang arbeitete er als Kriminalbeamter, zehn Jahre als hauptamtlicher Bürgermeister. Seit 2014 befindet er sich im Ruhestand. Langeweile kommt bei ihm aber nicht auf, Habermann besitzt von jeher eine soziale Ader. So engagiert er sich auch im Vorstand einer regionalen Wohnungsbaugenossenschaft; durch diese Funktion konnte er bereits mehreren Opfern zu einer dringend benötigten Wohnung verhelfen. Darüber hinaus ist er noch als ehrenamtlicher Ortsgerichtsschöffe in seiner Heimatgemeinde tätig.

Heinz Habermann und Gudrun Midding engagieren sich ehrenamtlich für den WEISSEN RING und betreuen Kriminalitätsopfer im Main-Kinzig-Kreis. Hidding sagt: „Man merkt in unserer Arbeit relativ schnell, dass man wirklich etwas bewirken kann.“ Und Habermann nickt wissend. Foto: Ron Ulrich

Schon während seiner Zeit als Polizist kümmerte er sich um Jugendliche und Menschen mit Migrationshintergrund. Nach seinem Ausscheiden wies ihn ein ehemaliger Kollege darauf hin, dass es Vakanzen beim WEISSEN RING gebe. Seither betreut Habermann auch Fälle, die ihn später nicht loslassen – so wie bei einem weiblichen Opfer, dem in den Kopf geschossen wurde. Glücklicherweise nutzte der Täter eine umgebaute Schreckschusswaffe, anderenfalls hätte das Opfer den Angriff sicherlich nicht überlebt. Manchmal kommt die „déformation professionelle“ als Polizist noch durch: Zwar ermittelt Habermann natürlich nicht mehr selbst, aber er hat ein besonderes Augenmerk darauf, wie die Polizei vorgeht.

Durch Berufe viel über Umgang mit Opfern gelernt

Eine seiner Betreuungen erstreckte sich über zweieinhalb Jahre. Das Opfer war offenbar psychisch erkrankt und rief ihn ständig an. „Ich konnte auch nicht ,nein’ sagen, aber in diesem Fall bin ich an meine Grenzen gestoßen.“ Generell haben die Ehrenamtler vom WEISSEN RING auch eine „Lotsenfunktion“, so Habermann. Sie können in solchen Fällen Kontakte herstellen zu anderen Anlaufstellen, zu juristischer Beratung oder therapeutischer Hilfe. Nicht jeder und jede im Ehrenamt hat schließlich ein Jura- oder Medizin-Studium abgeschlossen, doch das Leben und ihre Arbeit waren für die meisten von ihnen „Universität“ genug. So würden Habermann und Midding sich zwar wünschen, dass noch mehr Personen beim WEISSEN RING helfen, schränken aber auch ein, dass das Engagement eine gewisse Lebenserfahrung voraussetze.

Beide haben durch ihre vorherigen Berufe bei der Polizei und in der Firmenleitung viel für den Umgang mit Opfern gelernt: Sie zeichnet ein hohes Maß an Hilfsbereitschaft, Menschenkenntnis und Empathie aus. Das ist nicht unwichtig, wenn sie abwägen müssen, welche Reaktionen und Hilfen individuell zu ihrem jeweiligen Gegenüber passen. Dazu gehört auch, die Opfer darauf vorzubereiten, welche emotionalen Auswirkungen ein Gerichtsprozess haben kann. Manche Opfer unterschätzen oder überschätzen sich auf dem Weg, der vor ihnen liegt. Habermann und Midding können hier durch ihre Erfahrung helfen, doch ebenso wichtig: Sie agieren vor allem uneigennützig und unprätentiös. Auch bei den Geschichten, die sie erzählen, drängen sie sich nicht in den Vordergrund.

Nach der schrecklichen Tat in Hanau sofort zur Stelle

Diese Qualitäten und ihre Erfahrung waren besonders im vergangenen Jahr gefordert – nach dem rechtsextremen Terror in Hanau, bei dem ein Attentäter neun Menschen mit Migrationshintergrund ermordete, danach seine Mutter und sich selbst erschoss. Von der schrecklichen Tat erfuhren Habermann und Midding am gleichen Abend durch die Medien. Die Bundesgeschäftsstelle in Mainz und das Landesbüro Hessen informierten sie über dieses sogenannte Großschadensereignis, nur wenige Tage nach der Tat saß Habermann bei Angehörigen daheim. Der WEISSE RING half neben der Sofortunterstützung beim Umzug von Angehörigen, die weiterhin in der Nähe des Tätervaters lebten, und bei Erholungsmaßnahmen. Selbst „mittelbar Geschädigten“ wie einem Mann, der auf der Flucht seinen Laptop fallen ließ, griff die Organisation unter die Arme. Die Tatortreinigung in einem Kiosk am Kurt-Schumacher-Platz in Höhe von 6.000 Euro übernahm die Opferhilfe ebenso. Insgesamt zahlte der Verein finanzielle Hilfen in Höhe von über 63.000 Euro.

Dennoch konnten nicht alle Wünsche der Opfer erfüllt werden, wenn beispielsweise ein traditionelles Beerdigungsessen für mehrere hundert Personen geplant wurde. In solchen Fällen müssen die Mitarbeiter die Verhältnismäßigkeit prüfen. „Bei den 1.000 Euro Soforthilfe ging es erst einmal darum, die größte Not zu lindern. Der WEISSE RING und auch die Stadt Hanau waren insgesamt sehr großzügig“, sagt Habermann. Trotz der Pandemiemaßnahmen besteht auch weiterhin Kontakt zu den Opfern und Angehörigen, obwohl diese sich auch in einer eigenen Initiative zusammengeschlossen haben und die Stadt Hanau einen speziellen Opferbeauftragten eingesetzt hat.

Dem WEISSEN RING war es wichtig, sofort und schnell da zu sein – auch über die Soforthilfe hinaus. So bieten Hilfen bei Erholungsurlauben nicht nur bei den Angehörigen von Hanau eine wichtige Möglichkeit, zumindest zeitweise Abstand zu gewinnen. Und: Die Arbeit der Ehrenamtler geht auch dann weiter, wenn die Opfer nicht mehr im öffentlichen Fokus stehen und sich dann alleingelassen fühlen.

Die Betreuung von Kriminalitätsopfern kann viele Jahre der Hilfe beanspruchen. Dafür setzen sich Habermann und Midding in ihrer Freizeit ein und haben auf diese Art etliche Opfer aus dem dunklen Tal gelotst. Midding sagt über ihr Engagement: „Man merkt in unserer Arbeit relativ schnell, dass man wirklich etwas bewirken kann.“
Und Habermann nickt wissend.

„Ein Schritt nach dem anderen“

Erstellt am: Mittwoch, 26. Mai 2021 von Sabine

„Ein Schritt nach dem anderen“

Seit sieben Jahren engagiert sich Elfi Wolff für den WEISSEN RING. Sie bewertet nicht, beschwichtigt nicht, macht einen Schritt nach dem anderen. Eine zentrale Rolle spielt dabei ein dick gepolstertes braunes Ledersofa.

Elfi Wolff, Leiterin der Außenstelle Frankfurt an der Oder.

Nein, kein Besprechungstisch. Es ist ein Sofa, auf das Elfi Wolff ihre Kundinnen oder Kunden einlädt. Ein breites, dick gepolstertes braunes Ledersofa mit gemütlichen Armlehnen. Darauf setzen sie sich, Elfi Wolff zeigt ganz beiläufig, wie man das Fußteil ausfahren und die Beine hochlegen kann, und dann fragt sie: „Möchten Sie erzählen?“

Wolff arbeitet seit sieben Jahren als Ehrenamtliche beim WEISSEN RING, sie leitet die Außenstelle in Frankfurt an der Oder – und ist zugleich die einzige Ansprechpartnerin vor Ort. Das Büro mit dem Sofa liegt im Hinterraum ihres Kosmetik- und Fußpflegestudios. Warme Cremetöne kleiden die Wände, ein dicker Vorhang lässt vergessen, was hinter der Verbindungstür passiert, der Schreibtisch wirkt penibel aufgeräumt: Hier ist Zeit und Raum nur für den Gast.

„Kunden“ oder „Geschädigte“ nennt Wolff die Kriminalitätsopfer, die sie besuchen. Kunden, „denn ich biete ja auch einen Service an“. Das Wort Opfer mag sie nicht. „Das legt einen Menschen gleich auf diese Rolle fest.“ Außerdem werde „Opfer“ seit ein paar Jahren als Schimpfwort verwendet, das sehe sie oft in der Stadt an Wände gesprüht: „Du Opfer!“

Für Wolff sind diese Menschen einfach in einer Notlage und brauchen Hilfe. Sie kann helfen, weil sie sich auskennt. Und so hört sie sich an, was vorgefallen ist, und erklärt, was sie tun kann. Wer keine sichere Wohnung mehr hat, dem verhilft sie schnell zu einer Unterkunft. Wer bestohlen wurde, bekommt Geld für das Nötigste. Menschen, die Behörden und komplizierte Formulare fürchten, begleitet sie. Sie unterstützt, berät, vermittelt. Und manchmal hört sie einfach nur zu oder begleitet Geschädigte auf Spaziergängen, „damit sie mal den Kopf frei kriegen“. Wolff bewertet nicht, beschwichtigt nicht. Sie macht einen Schritt nach dem anderen.

Elfi Wolff und ihr Sofa.

Bevor sie ihren Salon eröffnet hat, arbeitete Wolff als Krankenschwester, zuletzt auf der Intensivstation. Gespräche mit Patienten seien ihr nie schwergefallen: „Ich konnte mit Todkranken ganz normal über ihre Beschwerden reden, bis zum Tag, an dem sie starben. Die Dinge beim Namen nennen und erklären, was man tun kann. Ein Schritt nach dem anderen.“ War sie innerlich trotzdem betroffen, von Mitleid erfüllt? Wolff überlegt. Die sonst so feste, ruhige Stimme wird weicher. „Nein, in dem Moment nicht. Da habe ich einfach funktioniert. Das ist auch heute so.“ Sie habe viel darüber nachgedacht: Ob sie vielleicht kalt sei? Aber nein. Sie schüttelt den Kopf mit dem kurzen dunkelblonden Haar. „Wäre ich emotional beteiligt, könnte ich nicht helfen.“ Später, viele Stunden nach einem Gespräch, da setze dann das Kopfkino ein. Und an manche Patienten von damals denke Sie jetzt noch, 30 Jahre später.

Wie um die Parallele zu betonen, war es ausgerechnet ein Krankenhaus, durch das Wolff zum WEISSEN RING kam. Sie lag als Patientin auf einer Station, auf der ein Mit-Patient bestohlen wurde. Sie kamen ins Gespräch, der Bestohlene fragte, ob sie ihn begleiten würde auf die Polizeistation. „Da lagen Flyer vom WEISSEN RING aus, und ich habe darin gelesen. Ich dachte, das finde ich gut, da will ich mich engagieren. Damit kann ich leben.“ Das sagt sie öfter: Damit kann ich leben. Sie wolle sich nicht vereinnahmen lassen, erklärt Wolff, sich nicht in eine Politik oder Bewegung hineinziehen lassen. Sie möchte nur einfach in konkreten Situationen helfen. Aktiv werden, wenn sie gebraucht wird. Dann wurde sie also nie angesprochen, ob sie sich engagieren wolle? „Nein! Das hab ich mir selbst gesucht.“

Berührungsängste? Nö.

Selbstbestimmtheit: Die hat sie als Kind fürs ganze Leben geprägt. Aufgewachsen ist Wolff in Penkun, mit 2.000 Einwohnern die kleinste Stadt Mecklenburg-Vorpommerns, kurz vor der polnischen Grenze. Das malerische Örtchen liegt umgeben von Seen und Feldern. Häuschen mit roten Dächern scharen sich um die Kirche, etwas abseits, von Wald umgeben, thront ein Schloss aus dem 12. Jahrhundert. „Schöner kann man nicht aufwachsen“, sagt sie: „Wie wir als Kinder den ganzen Tag herumgezogen sind und machen konnten, was wir wollten – das war die absolute Freiheit.“ Von Penkun ging es nach Schwedt, dann Rostock, Eisenhüttenstadt, verschiedene Orte in Baden-Württemberg, dann zurück in den Osten nach Frankfurt/Oder. Dazwischen bereiste sie fast die ganze Welt. Irgendwann schulte Wolff um auf Kosmetik und Fußpflege, gründete ihr eigenes Studio, wo sie selbst bestimmen kann und Austausch mit Menschen hat, der ihr so viel bedeutet.

Seit gut einem Jahr lebt sie nun in Fürstenwalde, zwischen Frankfurt/Oder und Berlin. Beim Herumziehen blieb es also. War das nicht anstrengend? „Nein! Ich habe immer leicht Leute kennengelernt, schon durch die Arbeit. Und ich habe mir auch immer schnell meinen Lieblingsbäcker gesucht, meinen Lieblingsblumenladen und Lieblingsfriseur. Durch den Friseur kennt man sowieso bald den halben Ort.“ Wolff lacht, kraftvoll, aus dem Bauch heraus. Berührungsängste? Nö, habe sie nie.

„Das alles hat meinen Horizont unheimlich erweitert.“

Elfi Wolff

Vielleicht ist es diese Mischung aus Selbstbestimmtheit, Tatkraft und fehlender Berührungsangst, mit der sie ihre Arbeit beim WEISSEN RING so gut macht. Lernen musste sie trotzdem viel. Anders als andere Ehrenamtliche, die auf ein Berufsleben bei der Polizei oder als Anwalt zurückblicken, fehlte ihr jede Basis. In der Ausbildung für Ehrenamtliche lernte sie das Grundsätzliche für den Umgang mit Kriminalitätsopfern. Im Selbststudium schaffte sie sich das deutsche Rechtssystem drauf, Straf- und Sozialgesetze, unzählige Behörden, Verbände und Hilfsvereine und deren Funktionen. Eine Opfer-Anwältin und Zusammenkünfte mit anderen Engagierten halfen dabei. „Das alles hat meinen Horizont unheimlich erweitert.“ Fortbildungen kamen dazu, für den Umgang mit Betrugsopfern zum Beispiel. Eigentlich hätte sie gern auch längst eine weitere zu Missbrauchsfällen und Stalking absolviert – sie machen den Großteil ihrer Arbeit aus –, doch die Pandemie verhinderte dies bisher.

Schon beim ersten Fall ging es um Missbrauch, Wolff erinnert sich genau. Sie begleitete ihren Vorgänger Wolfgang Mücke, und ohne es zu merken, ergriff sie in dem Gespräch irgendwann das Wort, und die Geschädigte sprach bald nur noch mit ihr. „Herr Mücke sagte später, er habe selbst noch einiges gelernt.“ Wolff schmunzelt, die Augen blitzen.

Drei Schlösser an der Wohnungstür

Gibt es Fälle, die ihr besonders in Erinnerung geblieben sind? „Zwei.“ Das kommt prompt. Zwei junge Frauen. Die eine überlebte einen Mordversuch, vorher war sie von einer Gruppe junger Männer und Frauen gefoltert worden, die Haare wurden ihr abgebrannt. „Sie ist geflüchtet, wurde aber wieder gefangen und dann in die Oder geworfen. Nur mit Glück konnte sie sich an der Spundwand festhalten.“ Wolff besuchte die junge Frau zu Hause, sie hatte an der Wohnungstür drei Schlösser. „Als sie die verriegelt hat und sagte, dass die Täter in der Nähe wohnen, da wurde mir schon mulmig.“ Heute sitzen die Täter im Gefängnis, die junge Frau hat Wolff ein Foto geschickt. Ihre Haare sind wieder gewachsen.

Es ist schön zu wissen, dass es wieder aufwärts geht. Von dem anderen Fall hat sich jede Spur verloren: eine junge Frau aus Tunesien, die krank war und nach Deutschland verschleppt wurde, mit dem Versprechen, von einem Arzt behandelt zu werden. Stattdessen wurde sie als Sexsklavin gefangen gehalten. Sie konnte fliehen – mit nichts am Leib als einem Nachthemd. „Dieses Mädchen war so eingeschüchtert, und sie tat mir so leid“, sagt Wolff. Sie besorgte ihr sofort eine weite Hose mit passender langer Tunika. „Damit sie sich wenigstens angemessen gekleidet fühlt.“

„Ich wäre gern Millionärin, um allen helfen zu können.“

Elfi Wolff

Was bekommt man für ein Weltbild, wenn man immer wieder in solche Abgründe schaut? Wolff hat die Frage schon oft gehört: „Ich sag immer, die Welt ist schlecht, aber ich kenne mehr gute Menschen als schlechte.“ Desillusioniert sei sie trotzdem. Zum Beispiel die Enkel- oder Polizeitricks, mit denen ältere Menschen betrogen werden – Wolffs Stimme klingt nun doch etwas nach Kloß im Hals. „Da werden Leute um die Früchte ihres gesamten Lebens gebracht. Um das Geld, mit dem sie später einen Heimplatz bezahlen wollten.“ Schützen könne man diese Menschen trotzdem kaum: die Kinder weit entfernt, der Geist nicht mehr so schnell und klar. „Da wäre ich gern Millionärin, um allen helfen zu können.“

Was hilft ihr, wenn sie mal Abstand braucht? Wolffs Lebensgefährte sei ein guter Gesprächspartner, mit ihm rede sie ganze Abende lang. „Den Fernseher schalten wir gar nicht mehr ein.“ Überhaupt: Nachrichten, das Weltgeschehen, das lasse sie nicht mehr ständig auf sich einprasseln, das schaue sie in den Mediatheken, wenn sie es will. Auch die Zeiten des Reisens und Umherziehens scheinen vorbei. Heute ist es Ruhe, die ihr guttut. Heute möchte sie nichts lieber als die Stille in ihrem Zuhause genießen.

Die Kraft und Sicherheit, die Wolff ausstrahlt, jetzt mit Anfang sechzig, die schöpft sie aus dieser Ruhe. Wolff legt sie in jedes Wort, wenn sie ihre Kunden fragt: „Möchten Sie erzählen?“

Der Anschlag, der alles veränderte

Erstellt am: Montag, 5. April 2021 von Sabine

Der Anschlag, der alles veränderte

Am 19. Dezember 2016 steuerte ein islamistischer Terrorist einen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz. 13 Menschen starben. Der Anschlag veränderte die Arbeit des WEISSEN RINGS.

Der Berliner Breitscheidplatz aus der Luft. Foto: Christoph Soeder

2016

Am Abend des 19. Dezember 2016 erreicht Sabine Hartwig eine Nachricht aus Sizilien. Es ist eine E-Mail von ihrem Cousin, er macht sich in der Ferne Sorgen um sie: „Bine, bist du dabei?“, fragt er. Wobei? Hartwig wundert sich. Erst als sie den Fernseher einschaltet, sieht sie, was zwei S-Bahn-Stationen weiter, am Breitscheidplatz, passiert ist: Ein Lastwagen ist in den Weihnachtsmarkt gerast, überall liegen Trümmer, Blaulichter blinken, immer mehr Rettungswagen fahren vor. Menschen wurden verletzt, Menschen wurden getötet. Die Journalisten im Fernsehen sprechen von einem Anschlag.

Hartwig, 66 Jahre alt, arbeitet seit mehr als 20 Jahren für den WEISSEN RING, seit 2002 ist sie die Berliner Landesvorsitzende. Sie versteht sofort: Dies ist eine Größenordnung, die alles sprengt, was wir kennen im Verein. Sie geht ins nahe Landesbüro, allein steht sie dort im Flur und sagt sich: Okay, der Verein kennt das vielleicht noch nicht, aber du kennst es. Das ist eine Großlage, so wie damals bei der Polizei. Und du ziehst das jetzt an dich, so wie damals bei der Polizei.

30 Jahre lang war Sabine Hartwig leitende Kriminalbeamtin bei der Berliner Polizei, 20 Jahre davon arbeitete sie im Mobilen Einsatzkommando. Oft genug hat sie eine BAO eingerichtet, wie es im Polizeideutsch heißt, eine „Besondere Aufbauorganisation“. Eine BAO braucht die Polizei, wenn die üblichen Zuständigkeiten und Mittel nicht ausreichen für einen komplexen Einsatz. So etwas braucht jetzt auch der WEISSE RING, entscheidet Hartwig, hier, im Landesbüro an der Berliner Bartningallee.

13 Menschen sind gestorben auf dem Breitscheidplatz, Dutzende wurden verletzt, körperlich oder seelisch oder beides, es gibt traumatisierte Augenzeugen und Ersthelfer. Die Opfer kommen aus verschiedenen deutschen Bundesländern, viele auch aus dem Ausland: aus Israel, Italien, Polen, Tschechien oder aus der Ukraine. Die Opfer haben Angehörige, die nicht wissen, an wen sie sich wenden können.

Schon am Morgen des 20. Dezember klingeln die Telefone im Landesbüro Sturm. Eine Studentin sucht ihre Mutter. Kinder, Eltern, Geschwister beklagen sich, dass sie bei den Hotlines nicht durchkommen oder zu falschen Krankenhäusern geschickt wurden. Die Presse ruft an, Journalisten wollen Informationen, Interviews, Opferkontakte, Fotos.

2020

„Das war das Allerschlimmste“, erinnert sich Martina Linke vier Jahre später im großen Besprechungsraum des Landesbüros, damals Lagezentrum, an die vielen Presseanfragen: Tagespresse, Frühstücksfernsehen, Abendschau. Berliner Lokalmedien, überregionale Medien, Journalistenanrufe aus Israel oder Italien. Ein Boulevardreporter fragt, ob der WEISSE RING ihm nicht Zugang zu einer Intensivstation verschaffen könne, er möchte ein schwerverletztes Opfer fotografieren.

Linke, Jahrgang 1954, war früher ebenfalls bei der Kriminalpolizei. Sie hatte mit Raub und Erpressung zu tun, mit Mord und Totschlag, später wurde sie die Opferschutzbeauftragte des Landeskriminalamts. Schon aus der Polizeiarbeit kennt sie Sabine Hartwig, seit 2012 ist sie ihre Stellvertreterin beim WEISSEN RING. Diese Dimension ist dennoch neu für sie. Bis heute betreut Martina Linke Opfer des Anschlags auf dem Breitscheidplatz.

Der Anschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin veränderte auch den WEISSEN RING. Foto: Christoph Soeder

2016

Großlage bedeutet auch: Viele Menschen stellen Fragen, viele Menschen geben Antworten. Die Folge kann ein Durcheinander sein, Kompetenzwirrwarr, Gerüchte, Falschinformation. Sabine Hartwig legt ein paar Regeln fest. Die erste richtet sich an ihre drei Mitarbeiterinnen im Landesbüro und lautet: Bitte dokumentiert alles! Alle Erfahrung in so einer Situation zeigt, dass man nachmittags wieder vergessen hat, was vormittags besprochen wurde.

Der Breitscheidplatz liegt im Ortsteil Charlottenburg. Erste Anlaufstelle für Opfer wäre demnach die Außenstelle West I. Aber Hartwig ist klar, dass eine Außenstelle das unmöglich allein schaffen kann. Sie informiert die anderen Berliner Außenstellen. Am Ende werden es 125 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus sechs Landesverbänden des WEISSEN RINGS sein, die Anschlagsopfer betreuen.

Das Telefon in Berlin läutet weiter Sturm. Die zweite Regel, die Sabine Hartwig ausgibt, lautet: Niemand gibt Auskünfte an Journalisten, nur ein festgelegter Personenkreis spricht. Presseanfragen müssen über die Pressestelle der Bundesgeschäftsstelle in Mainz laufen. Medienanfragen können Menschen, die eigentlich anderes zu tun haben, nämlich Verbrechensopfern zu helfen, unter Stress setzen. Andererseits brauchen Opferhelfer die Medien auch. „Tue Gutes und rede darüber“, das ist nicht nur ein Spruch: Opfer und Angehörige müssen wissen, an wen sie sich wenden können, damit ihnen geholfen werden kann. Und auch Spender sollen erfahren, wo ihre Spenden gerade besonders nötig gebraucht werden. Denn Opferhilfe kostet Geld.

Bereits um 9.55 Uhr kommt am 20. Dezember grünes Licht aus Mainz für einen Opferhilfe-Fonds über 50.000 Euro. Die Obergrenze für finanzielle Soforthilfen für die Opfer des Terroranschlags steigt auf 1.000 Euro. „Wir können den Anschlagsopfern helfen“: Diese Nachricht streut Sabine Hartwig in ein breites Netzwerk. Mails gehen raus an die Polizei Berlin, an Landeskriminalamt, Bundeskriminalamt, Generalstaatsanwaltschaft, Generalbundesanwalt.

Gleichzeitig stellen sich die bekannten Fragen. Das Opferentschädigungsgesetz greift nicht, wenn die Tat mit einem Kraftfahrzeug verübt wurde. Auch nicht, wenn ein hasserfüllter islamistischer Terrorist einen Sattelzug als Waffe gegen unschuldige Weihnachtsmarktbesucher einsetzt. Welche Ansprüche haben die Betroffenen stattdessen? Das Landesbüro nimmt Kontakt zur Verkehrsopferhilfe auf, zur Unfallhilfe, zum Landesamt für Gesundheit und Soziales.

Regeln helfen, eine Großlage zu bewältigen. Es gibt aber keine Regel, die dabei hilft, die vielen Opferberichte zu bearbeiten.

2020

„Ich hatte eine junge Frau am Telefon“, erinnert sich Tina Wiedenhoff. „Sie rief für ihren Freund an, der als Ersthelfer am Breitscheidplatz war. Er wollte wissen, ob die Frau überlebt hat, der er geholfen hat. Er selbst hat es nicht geschafft, bei uns anzurufen, er konnte es nicht.“

Wiedenhoff, 55 Jahre alt, arbeitet seit 30 Jahren für den WEISSEN RING, sie ist die Büroleiterin in Berlin. „Der junge Mann hatte stundenlang bei der verletzten Frau gesessen. Ihr Bein war abgerissen. Die Freundin beschrieb mir die Frau ganz genau, sie trug eine weinrote Jacke. Der erste Notarzt ging vorbei. Diese weinrote Jacke, die hat sich mir so eingeprägt. Ich habe mir das die ganze Zeit vorgestellt, wie der junge Mann da neben der Frau mit der weinroten Jacke saß.“

Hat die Frau überlebt? „Ich weiß es nicht. Ich habe hinterher in den Berichten immer nach Hinweisen auf diese Frau gesucht.“ Wiedenhoff fand keine Hinweise.

2016

Sabine Hartwig legt noch etwas fest: Wir brauchen Supervision für unsere Mitarbeiter. Helfen kann bedeuten: da sein, zuhören, mitfühlen. Hilfe kann aber auch materiell sein. Bloß welche materielle Hilfe ist für wen die richtige? Eingeübte Mechanismen können in so einer Situation ins Leere laufen. Oft brauchen Kriminalitätsopfer anwaltliche Unterstützung, der WEISSE RING hilft mit Erstberatungsschecks. Doch zeitnah nach einem Terroranschlag lindern solche Schecks keine Not, wenn der Täter zuerst auf der Flucht ist und wenig später von der Polizei erschossen wird. Der Familie eines toten Terroropfers hilft es auch nichts, wenn der Verein zerstörte Kleidung und Schuhe ersetzt. Aber sie braucht vielleicht Reisekosten. Heilbehandlungen müssen finanziert werden, Finanzengpässe aufgefangen. Jemand muss die Koordination der Hilfen übernehmen. Sabine Hartwig teilt für die Weihnachtstage Sonderschichten ein im Landesbüro.

Ein junger Mann, selbstständig, liegt wochenlang im Koma, die Ärzte operieren ihn wieder und wieder, anschließend geht er für Monate in die Reha. Weihnachtsmarkttrümmer haben ihn getroffen, der Lastwagen hatte sie in die Luft geschleudert. Kopf, Arme, Hüfte, Beine, die linke Körperseite ist schwer verletzt. Wie soll der junge Mann die Miete für sein Büro weiterbezahlen? Zerstört der Anschlag auch seine berufliche Existenz?

Ein anderer Mann liegt ein Dreivierteljahr auf der Intensivstation. Seine Töchter studieren, sie müssen aus Süddeutschland anreisen. Die Ehefrau nimmt sich eine kleine Wohnung in Berlin, um bei ihrem Mann sein zu können. Wer trägt die Kosten? Bringt der Anschlag die Familie in schwere Finanznöte?

Der WEISSE RING hilft dem jungen Mann und der Familie. Ehrenamtliche Hilfe kann für Menschen niederschwellig wirken, die vor staatlicher Unterstützung zurückschrecken. Es gibt aber auch Leute, die lehnen spendenfinanzierte Hilfe ab, mit dem Satz: Andere Menschen haben das Geld nötiger als ich, ich komme schon klar. Wieder andere, darunter Opfer, Angehörige, Augenzeugen, bieten anschließend ihre Mitarbeit als ehrenamtliche Helfer an.

2020

Vier Jahre nach dem Terroranschlag ist der Breitscheidplatz festungsgleich gesichert. Hohe Zäune umringen ihn, schwere Metallpoller ragen aus dem Beton, Polizistensichern den Platz in Einsatzuniform. Der Terroranschlag hat deutschen Weihnachtsmärkten die heimelige Leichtigkeit genommen, den Rest gegeben hat ihnen in diesem Jahr das Corona-Virus: Ein Dutzend Holzbuden stehen wie hingewürfelt über den Platz verteilt, vielleicht doppelt so viele Besucher sind unterwegs.

Auf den Stufen der Gedächtniskirche stehen Blumen, Fotos, Gedenklichter. Die Namen der Getöteten sind in den Beton geschnitten, vor den Stufen zieht sich ein goldener Riss durchs Pflaster. Kurz vor dem Jahrestag werden die Andenken täglich mehr.

Sabine Hartwig, 70 Jahre alt, ist seit 2009 Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande. Foto: Karsten Krogmann

Im Landesbüro nennt Sabine Hartwig ein weiteres wichtiges Stichwort zur Opferhilfe nach Ereignissen dieser Dimension: Nachsorge. Opferhilfe endet nicht mit einem Stichtag. Hier im Landesbüro gab es im Juni 2017 ein Hinterbliebenen-Treffen. Im März 2019 folgte ein Verletzten-Treffen. Einige Zitate von Verletzten:

„Der Austausch im privaten Raum, ohne Politiker, war hervorragend.“

„Ich habe meine eigenen Beeinträchtigungen erst jetzt richtig erkannt und weiß jetzt, dass ich ein Trauma erlitten habe.“

„Das Kennenlernen von Gleichgesinnten war ein großer Gewinn.“

„Der Abend im Friedrichstadtpalast war eine Bombe.“ Der WEISSE RING hatte zu einem Kontrastprogramm zu den aufwühlenden Gesprächen eingeladen: eine Revue im berühmten Friedrichstadtpalast.

Es gibt positive Geschichten zu erzählen. Der junge Mann, selbstständig, der sein Büro behalten wollte, ist wieder arbeitsfähig, sein Büro läuft gut. Der andere Mann, der so lange im Koma lag, kann kurze Strecken wieder laufen. Eine Familie, allesamt in Therapie, berichtet, wie eng sie zusammengerückt sind durch die traumatische Erfahrung. Die bei dem Anschlag schwerverletzte Tochter hat ein Kind bekommen.

2016

Sabine Hartwig und Martina Linke, beide Referentinnen in der WEISSER RING Akademie, dem Ausbildungszentrum des Vereins, fragen sich: Was wäre, wenn so etwas woanders passiert wäre? In einer Kleinstadt zum Beispiel, wo es nicht so viele Mitarbeiter gibt und kein großes Landesbüro? Müssen wir nicht damit rechnen, dass so etwas wieder geschieht? Wir müssen vorbereitet sein. Wir brauchen Leitlinien, wir brauchen ein Ausbildungsprogramm, wir brauchen ein Netz von Koordinatoren für solche Ereignisse.

2020

Fünf Mal fand inzwischen das Wochenendseminar „Großereignisse“ der WEISSER RING Akademie statt, zuletzt im September 2020 in Fulda, Sabine Hartwig war natürlich wieder dabei. Die Teilnehmer kamen aus Thüringen, Hamburg oder Bayern, Referenten aus der Bundesgeschäftsstelle und von außerhalb trugen vor. Sie sprachenüber den Aufbau eines Lagezentrums, korrekte Dokumentation, über Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit, rechtliche Fragen und über die Nachsorge. Dutzende ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des WEISSEN RINGS haben das Seminar mittlerweile durchlaufen, jeder Landesverband hat inzwischen einen Koordinator für Großereignisse benannt.

Martina Linke, 66 Jahre alt, betreut noch heute Opfer des Anschlags auf dem Breitscheidplatz. Foto: Karsten Krogmann

„Wir sind vorbereitet“, sagt Sabine Hartwig.

Dezember 2020, im Berliner Landesbüro klingelt das Telefon, es rufen wieder Journalisten an. Sie suchen Kontakt zu Überlebenden des Anschlags am Breitscheidplatz für ihre Jahrestags-Berichterstattung. Sabine Hartwig kann ihnen nicht helfen. Seit dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt musste der WEISSE RING bereits fünf Mal die neu geschaffenen Leitlinien für Großereignisse anwenden:

  • Am 7. April lenkte ein Mann in Münster, Westfalen, einen Kleinbus in eine Gruppe Menschen. Vier Menschen starben, mehr als 20 wurden verletzt.
  • Am 9. Oktober 2019 versuchte ein Mann in Halle, Sachsen-Anhalt, in die Synagoge einzudringen, um Juden zu töten. Er ermordete zwei Menschen, zwei weitere verletzte er auf der Flucht schwer, Dutzende Menschen erlitten Traumata.
  • Am 19. Februar 2020 erschoss ein Mann in Hanau, Hessen, neun Menschen mit Migrationshintergrund in und vor Shisha-Bars. Anschließend tötete er in seinem Elternhaus zuerst seine Mutter und dann sich selbst.
  • Am 24. Februar 2020 fuhr ein Mann in Volkmarsen, Hessen, mit seinem Auto in eine Zuschauergruppe beim Rosenmontagsumzug. Mehr als 150 Menschen wurden verletzt.
  • Zuletzt kam es am 1. Dezember 2020 in Trier, Rheinland-Pfalz, zu einer Amokfahrt. Ein Mann tötete mit seinem Wagen fünf Menschen, 24 weitere verletzte er.

„Gut ist es, nicht hilflos daneben zu stehen“

Erstellt am: Montag, 8. März 2021 von Sabine

„Gut ist es, nicht hilflos daneben zu stehen“

Maja Metzger ist Außenstellenleiterin des WEISSEN RINGS in Halle. Nach dem Terroranschlag im November 2019 betreuten sie und ihre Kollegen Opfer und Angehörige. Wie hat sich die Stadt seither verändert?

Maja Metzger, 51 Jahre alt, kam 2017 zum WEISSEN RING.

Es ist nicht der schlechteste Zeitpunkt, als Maja Metzger im Jahr 2017 angesprochen wird. Ob sie sich vorstellen könne, beim WEISSEN RING mitzuarbeiten in Halle an der Saale. 47 Jahre ist sie damals alt. Der Sohn alt genug, es gibt etwas Platz in ihrem Leben, und sie sagt, dass sie sich das mal anschauen werde. Sich sinnvoll einzubringen, Menschen zu helfen, das höre sich alles ja nicht schlecht an.

Es war auch der Grund, warum sie damals, 1988, noch zu DDR-Zeiten, angefangen hatte, Jura zu studieren – in Leipzig, das lag näher an ihrem Elternhaus im Erzgebirge. Es gab damals in der DDR nur zwei Standorte, an denen man Jura studieren konnte, Leipzig und Halle. Dass sie dann später doch nach Halle kam, lag an der Liebe: Sie lernte in Leipzig ihren späteren Mann kennen. 1993 wurde sie in Halle Rechtsanwältin mit dem Schwerpunkt Familie und Soziales – dann war erst einmal das eigene Leben dran.

So sind es jetzt auch schon wieder 20 Jahre in dieser Stadt, die laut Frau Metzger „die graue Diva“ genannt wird, was verwundert, wenn man sie durchstreift. Das liege vielleicht daran, dass früher, in der DDR, die Leuna- und die Buna-Werke nicht weit entfernt lagen. Riesige Chemiekombinate zu Zeiten, als „Schadstoffemissionen“ zwar zu riechen und an den Häuserfassaden zu sehen waren, das Wort dafür aber noch nicht existierte. Was einzig und allein zählte, war die Produktion.

Viel Arbeit und viel Verantwortung

Zwanzig Jahre sind eine Zeit, in der man sich gut an die Stadt gewöhnen kann, in der man lebt. Heute ist Metzger Lokalpatriotin, sie geht, nein ging gerne zum Halleschen FC, was mehr mit Liebe zu tun haben muss als mit Fußball. Und sie hat zwei Päckchen Halloren-Kugeln mitgebracht zum Gesprächstermin, eine zuckersüße Spezialität aus Halle. Das verrät auch etwas über den Menschen Maja Metzger.

Sie schaut sich 2017 den WEISSEN RING an, und vielleicht ist es ein Wink des Schicksals, dass das Grundseminar im Augustinerkloster in Erfurt stattfindet. Eine „tolle Erfahrung“ sei das gewesen. Und wie sie das so erzählt, da strahlen ihre Augen, und die Stimme, die im Gespräch sonst eher zurückhaltend und ruhig, fast vorsichtig klingt, hebt sich um eine Nuance.

Irgendwann während des Gesprächs wird Frau Metzger sagen, dass sie nicht gerne im Mittelpunkt stehe, und so tritt sie auch auf – im positiven Sinn zurückhaltend. Das kommt ihr zugute, speziell bei der Arbeit, die in der ersten Zeit beim WEISSEN RING auf sie wartet. „Ich hatte das nicht erwartet, aber sehr viele der Fälle hatten einen sexuellen Hintergrund.“ Missbrauch, Vergewaltigungen, das werden ihre vorrangigen Beratungsfälle. Letztlich – und das ist ja auch logisch – war schon bei ihrer Anwerbung die Intention: Eine gestandene Frau, lebenserfahren, ist für die meist weiblichen Opfer die angenehmere Ansprechpartnerin. „Es ist viel Arbeit und viel Verantwortung“, sagt sie. „Und es ist eine dankbare Arbeit, in der man sieht, was man bewirken kann.“

Fassungslosigkeit nach den Schüssen

2018 wird sie Außenstellenleiterin in Halle. So hätte es weitergehen können mit dieser wichtigen Arbeit, mit der Verantwortung. Aber dann kommt etwas über Halle, was sich niemand hatte vorstellen können. Am 9. Oktober 2019 in der Mittagszeit. Frau Metzger geht an diesem Tag aus ihrem Büro in der Innenstadt zur Post, ob sie etwas aufgegeben oder abgeholt hat, weiß sie gar nicht mehr. Aber was sie noch weiß, ist, dass, als sie wieder im Büro ist und auf ihr Handy schaut, an die 50 Nachrichten darauf sind. Wo sie sei, ob es ihr gut gehe, solche Sachen. Sie schaut in den Rechner und liest dann etwas von Schüssen in der Hallenser Innenstadt, von einer unklaren Anzahl an Verdächtigen.

Sie ist fassungslos, sucht weiter nach Informationen, irgendwann steht da etwas von einem jungen Mann, der in einem Dönerladen erschossen worden sei. Und ihr Sohn? Der ist doch auch ein junger Mann? Der isst doch auch gerne Döner? Sie lässt die Jalousien herunter und bleibt, wie öffentlich dazu aufgerufen, in ihrem Büro.

Am 9. Oktober 2019 erschießt in Halle ein 27-jähriger Mann einen anderen vor einem Dönerladen: Ein Terroranschlag, der die Stadt veränderte.

Zwei Menschen sterben

Der Terror kommt an diesem Tag nach Halle in Form eines 27-jährigen Mannes, der bei seiner Mutter im Kinderzimmer lebt und der von dort aus eine Revolution starten will – gegen Muslime, Frauen und vor allem gegen Juden. Die Tat ist hinreichend an anderer Stelle beschrieben, ausgeführt mit selbstgebauten Waffen, die Baupläne dazu stammen aus dem Netz. Daher kommen auch sein ganzes kaputtes Weltbild und sein Hass – einen anderen Zugang zur Welt als seinen Computer hatte er nicht.

Zwei Menschen sterben an dem Tag, hätten seine selbstgebauten Waffen nicht so oft geklemmt, wäre die Zahl der Opfer deutlich höher gewesen. In sein eigentliches Ziel, die Hallenser Synagoge, kann er nicht vordringen. Er erschießt eine 40-jährige Frau vor der Synagoge, kurz darauf einen Mann in einem Dönerladen. Ein Ehepaar außerhalb von Halle wird auf der Flucht des Täters von ihm angeschossen. Neun versuchte Morde werden ihm später vor Gericht vorgeworfen, er wird zu lebenslänglicher Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Terrorattacken wie diese werden in Präventions- und Notfallplänen als Großschadensereignisse eingestuft. „Pläne, wie damit umzugehen ist, haben wir ja in der Schublade“, sagt Frau Metzger heute. Bis zu diesem Tag im Oktober 2019 hatte sie aber keine Vorstellung davon, was ein solches „Großschadensereignis“ alles auslösen kann.

Am nächsten Morgen kommen die Mitarbeiter des WEISSEN RINGS in der Außenstelle zusammen, die gleichzeitig auch das Landesbüro ist. Hier, vor der Glasscheibe, stand am Tag des Anschlags noch ein Polizist mit einer Maschinenpistole.

Eine Stadt im Ausnahmezustand

Maja Metzger trägt das Mobiltelefon bei sich, an dem sich Opfer melden können. Zunächst rufen viele Eltern an, die ihre Kinder nicht erreichen können – Halle ist eine Studentenstadt. Dazwischen Menschen aus der Stadt, die einfach mal reden wollen, über Ängste oder Sorgen. „So ein Angriff aus dem Nichts erschüttert Menschen in ihren Grundfesten“, sagt Frau Metzger. Die übliche Sorglosigkeit, die so alltäglich ist, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen, ist von heute auf morgen weg. An ihre Stelle tritt das Gefühl: „Ich kann auf die Straße gehen und komme vielleicht nicht wieder nach Hause.“ Das mache etwas mit den Menschen, ob sie Zeuge wurden oder nicht.

So etwas sei auch nach ein paar Wochen oder Monaten nicht vorbei: „Der Ausnahmezustand hat hier schon ein halbes Jahr gedauert, viele wollten das erst einmal mit sich selbst ausmachen.“ Dann hätten sie sich doch gemeldet, telefonisch. Oder sie kamen einfach vorbei.

Insgesamt werden 36 Opfer betreut, auch Angehörige von Opfern. Der Außenstelle Halle kommen damals zwei Dinge zugute: Einerseits, dass ihr Sitz in der Innenstadt auch der Sitz des Landesverbandes ist. So gib es eine Anlaufstelle, einen großen Raum, einen kleinen Raum, Platz für die Arbeit, die getan werden muss. „Einen Raum, in dem wir uns besprechen können und wo das Besprochene bleiben kann.“

An der Synagoge von Halle hängt eine Gedenktafel für die Todes- und alle weiteren Opfer des antisemitischen Terroranschlags.

Andererseits haben sie in einer Studentenstadt wie Halle, viele ehrenamtliche Helfer. Wer Metzger heute fragt, was eine Außenstelle aus einem Ereignis wie diesem lernen kann, erhält zur Antwort, dass das, was getan werden muss, auf möglichst viele Schultern verteilt werden müsse. Und was sie selbst gelernt hat? „Dass es gut ist, etwas tun zu können und nicht hilflos daneben zu stehen.“

Die Stadt verändert sich nach dem Anschlag, in den Tagen danach ist das am meisten zu spüren. Menschen rücken näher zusammen, sprechen oder schweigen gemeinsam. Die Zusammenarbeit des WEISSEN RINGS mit den Behörden sei damals enger geworden. Spenden, die in der Stadt gesammelt werden, gehen an die Opferhilfeorganisation und werden weitergereicht: rund 31.000 Euro. Ein Ehepaar, niedergeschossen vom Täter, wird vor Gericht aussagen, dass die einzige Institution, die ihm die ganze Zeit zur Seite gestanden habe, der WEISSE RING war.

Verlust der Sorglosigkeit

Und dennoch: Die Hilfe, das Näherrücken, der Zusammenhalt danach können nichts ungeschehen machen: nicht die Toten, nicht die Verletzten, nicht die Geschockten und die Traumatisierten. Ebenso wenig den Verlust der Sorglosigkeit und den Hass, der sich damals Bahn bricht und bis heute noch bisweilen nachwirkt: Der Täter filmt damals seine Taten und stellt sie live ins Netz. Auch Frau Metzger, die das Geschehen damals selber gar nicht miterlebt, wird es später doch noch sehen: Dieses Video wird ihr kommentarlos auf WhatsApp zugeschickt, fünf, sechs Mal kommt es bei ihr an. Wie oft es wohl andere bekommen haben?

Heute, im Frühjahr 2021, sitzt Frau Metzger in der Außenstelle Halle, der Ausnahmezustand ist vorbei, an den Tatorten erinnern Tafeln an die Tat, hier und da in der Stadt steht „Niemals vergessen Kevin und Jana“ auf Stromkästen gesprüht. Das Unfassbare ist und bleibt unfassbar. Und es lässt so viele andere Dinge kleiner wirken: Dass wegen der Pandemie die Friseure geschlossen sind, ist für Maja Metzger zum Beispiel ziemlich irrelevant. Dass sie nicht zum Halleschen FC kann, stört sie dann doch schon ein bisschen mehr – aber nur ein bisschen. Es gibt, das hat die Zeit gezeigt, wirklich Schlimmeres.

Meister im Wiederaufstehen

Erstellt am: Mittwoch, 3. März 2021 von Sabine

Meister im Wiederaufstehen

Eine krumme Wirbelsäule, ein Herzinfarkt, kein Zugang zum Traumjob – Christoph Fuchs hat in seinem Leben einiges einstecken müssen. Unterkriegen ließ er sich nie, jetzt hilft er anderen Menschen.

Christoph Fuchs, 72 Jahre alt und ist seit elf Jahren beim WEISSEN RING.

Müsste man Christoph Fuchs in einer einzigen Anekdote beschreiben, sie ginge wohl so: Wenige Tage nach einer Operation am Kiefer sitzt er auf dem Heimtrainer in dem Fitnessraum, den er sich in seinem Haus in Lenggries eingerichtet hat. Seine „Alexa“ spielt Bruce Springsteen und Truck Stop, die hört er am liebsten. Ob er sich trotz der OP in nächster Zeit ein Treffen vorstellen könne, für das Interview, fragt man vorsichtig am Telefon. Seine Antwort kommt prompt: „Von mir aus gleich morgen.“

Wenn Fuchs die Treppe im Evangelischen Gemeindehaus in Bad Tölz hochspringt, vergisst man, dass er 72 Jahre alt ist. Seit elf Jahren ist er beim WEISSEN RING und fast genauso lang stellvertretender Leiter der Außenstelle Bad Tölz-Wolfratshausen.

Wegen der Corona-Pandemie trifft er Opfer nun oft im „Grünen Zimmer“, in dem auch dieses Gespräch stattfindet. Grün ist hier nichts. Vor einer weißen Wand ist ein Stuhlkreis aufgestellt, in einem Regal liegen Broschüren aus. Zum Verein kam Fuchs nach seiner vorzeitigen Pensionierung als Kämmerer. „Langweilig war mir nie“, sagt er. Jeden Tag treibt er eine Stunde Sport, geht oft in die Berge, immer die gleiche Runde – „die Aussicht kenn ich ja schon“. Fuchs lacht, dass sich sein Schnauzbart hebt. Er gestikuliert ausladend, hält kaum einen Moment still und natürlich muss man das auf sein Gemüt übertragen: Andere genießen ihren Ruhestand, Fuchs suchte eine Aufgabe, ein Ehrenamt, bei dem er Menschen helfen kann.

Traumberuf Polizist

In einem Bericht im „Tölzer Kurier“ las er, dass der WEISSE RING ehrenamtliche Mitarbeiter sucht, und meldete sich bei der Außenstelle. Als Jugendlicher wollte Fuchs, der in Wackersberg im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen aufgewachsen ist, Polizist werden. „Ich kann nicht dabei zusehen, wenn jemand leidet“, erklärt er, „egal ob Mensch oder Tier.“ Er erinnert sich an einen Mitschüler, der einen lebenden Frosch an einen Zaun genagelt hat – „Das vergesse ich nie, so brutal war das.“ Vor einer Weile ist ihm eine Katze zugelaufen. „Meine Frau und ich wollten eigentlich keine mehr, nachdem die letzte überfahren worden ist“, sagt er. Auf der Straße lief das Tier auf ihn zu und wich nicht mehr von seiner Seite. Natürlich nahm er es mit nach Hause.

Bei der Polizei konnte Fuchs seinen Gerechtigkeitssinn nicht ausleben, denn wegen seiner verkrümmten Wirbelsäule wurde seine Bewerbung abgelehnt. Dabei war er schon damals ein guter Sportler und boxte viel. Sein Orthopäde bescheinigte ihm in einem Gutachten, dass er einsatzfähig ist. Damit bewarb er sich wieder, doch bei der Polizei ließ man sich seine Röntgenaufnahmen zeigen. „Da war ich wieder genauso weit“, sagt Fuchs und lacht laut.

„Da muss man durch“

Er ist, das merkt man schon nach wenigen Minuten Gespräch, ein Meister im Wiederaufstehen. Sein Schwerbehindertenausweis bescheinigt ihm 90 Prozent Behinderungsgrad, wegen seiner krummen Wirbelsäule musste er frühzeitig in den Ruhestand gehen. Seit einem Herzinfarkt hat er acht Stents. „Damals haben sie mich ins Krankenhaus nach München geflogen, ich wär bald gestorben.“ Fuchs ergänzt sofort: „Ich nehme meine Medikamente und spür so gut wie nichts – mir gehts prächtig.“

Im März 2020 fiel er beim Obstbaumschneiden auf die Aluleiter und brach sich den Oberkiefer, das Jochbein und den Augenbogen. Unerhört, wenn es nach Fuchs geht: „Ich bin schon so oft runtergefallen, mir ist nie was passiert“, sagt er trocken. Damals wurde er zwei Mal operiert, konnte lange nichts essen, sogar die Suppe brannte im Mund. O-Ton Christoph Fuchs: „Da muss man durch.“ Vor ein paar Tagen wurden die Schrauben im Kiefer entfernt, seine Wange ist noch leicht geschwollen.

Nach den Absagen von der Polizei machte Fuchs eine Ausbildung beim Landratsamt. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er im Rathaus in Lenggries. Bei seiner Arbeit für den WEISSEN RING hilft ihm das: Anträge an die Versicherung, Briefe an Ämter und Anwälte zu formulieren fällt ihm leicht – „und wenn ich etwas nicht weiß, mach ich mich im Internet schlau“.

Ein Stück weit Gerechtigkeit

Wie bei dem Ehepaar aus Bad Tölz, das im vergangenen Herbst von ihrem Sohn niedergestochen wurde. „Der junge Mann war auf Drogen und geistig verwirrt“, sagt Fuchs. Das Paar lag lange mit Stichverletzungen im Krankenhaus, hat psychische und finanzielle Probleme. Fuchs half bei der Suche nach einem Therapieplatz und trieb über Stiftungen Geld für die beiden auf.

Mit seinem Traumberuf mag es nicht geklappt haben, beim WEISSEN RING lebt Fuchs ihn trotzdem. „Wir haben ja meistens mit Menschen zu tun, denen Unrecht geschehen ist“, sagt er, „und sorgen für ein Stück weit Gerechtigkeit.“ Wenn ein Opfer bei betrügerischen Gewinnspielen kündigt und Drohbriefe erhält, antwortet Fuchs in seinem Namen. „Wenn die merken, da kennt sich jemand mit dem Rechtlichen aus, ist ganz schnell Schluss damit.“ Man hört durchaus Stolz in seinen Worten. „Solche Leute mag ich dann schon in die Schranken weisen.“

Bis vor kurzem schrieb er einmal im Monat die Kolumne „Aber sicher“ für den „Tölzer Kurier“, in der er anonymisiert von seinen Fällen berichtet: von Trickbetrügern und Kaffeefahrten, von Einbrüchen, häuslicher Gewalt, K.-o.-Tropfen und Cybermobbing. Im Bierzelt in Lenggries rannte einmal eine fremde Frau auf ihn zu. „Ich dachte, was ist jetzt los?“, erzählt Fuchs. „Da sagte sie, dass ihr ein fremder Mann an der Haustür eine dubiose Versicherung aufschwatzen wollte – aber wegen meines Berichts war sie vorsichtig.“

100 Kolumnen geschrieben

Im Laufe der Jahre bekam er viele Rückmeldungen von dankbaren Lesern. Genau 100 Kolumnen hat er geschrieben, ehrenamtlich. „Bevor jemand fragt, ob ich nicht lieber aufhören will, wollte ich lieber selbst aufhören“, erklärt er. Nur einen einzigen Monat erschien die Kolumne nicht – als er mit dem Herzinfarkt im Krankenhaus lag. „Meine Frau bremst mich immer ein bisschen.“ Fuchs grinst. „Ich mache normal nicht so lange Pause.“

Seine Frau hat sich daran gewöhnt, dass ihr Mann auch im Ruhestand beinahe jeden Tag einen Termin hat. Er nimmt sich Zeit, hört zu, was das Opfer zu sagen hat, besucht es auch mehrmals – „Da gibts für mich keine Grenzen!“ Gerade ältere Menschen erzählen ihm oft ihre ganze Lebensgeschichte und kramen Urlaubsfotos hervor. „Einmal hat mir eine 80-jährige Dame zwei Topflappen geschenkt, die sie in ihrer Jugend gehäkelt hat – können Sie sich vorstellen, wie alt die waren!“

Ein anderes Mal bekam er einen angetrunkenen Piccolo überreicht. Sein Schnauzbart bebt. Es gibt auch Opfer, denen er nicht helfen kann. Frauen, die häusliche Gewalt erleben und trotzdem immer wieder zu ihren Partnern zurückkehren. Diese Fälle beschäftigen ihn länger. Genauso wie die Familie, die im Nachbarort ausgeraubt wurde und sich nicht einmal mehr etwas zu Essen kaufen konnte. „Es war Winter, es hat geschneit und ich bin mit dem Auto gerutscht“, erinnert sich Fuchs, „aber ich musste da hin und ihnen Bargeld bringen, damit sie übers Wochenende kommen.“

Anders als bei der Polizei kann Fuchs den Opfern bis zur Gerichtsverhandlung und darüber hinaus beistehen. Wie wichtig das ist, merkt er während jeder Verhandlung im Amtsgericht in Wolfratshausen. Dort sitzen die Opfer im Zeugenstand nur zwei Meter vom Angeklagten entfernt. Damit sie dem Täter nicht in die Augen sehen müssen, setzt sich Fuchs dazwischen. Auf dem Fensterbrett im „Grünen Zimmer“ liegt ein Stein mit der Aufschrift „Alles wird gut“. Christoph Fuchs tut alles dafür.

„Fragen Sie doch mal den Herrn Zeck“

Erstellt am: Mittwoch, 3. März 2021 von Sabine

„Fragen Sie doch mal den Herrn Zeck“

Im Saarland sind die Wege kurz. Ein Mann wie Jürgen Felix Zeck – einst Polizist, Dozent, Autor, Berater, jetzt Außenstellenleiter beim WEISSEN RING – kennt immer jemanden, der jemanden kennt und helfen kann.

Jürgen Felix Zeck ist seit elf Jahren Mitarbeiter des WEISSEN RINGS.

Als die Apothekerin an diesem Morgen im September 2020 die Ladentür aufschließt, tritt sie schnell wieder einen Schritt zurück: Ihr schlägt ein Gestank entgegen, wie sie ihn noch nie gerochen hat. „Wie Erbrochenes“, so beschreibt sie ihn später, „bestialisch“. Angewidert macht sich die 61-Jährige mit ihren Mitarbeitern auf die Suche nach der Quelle des Gestanks. Im Keller werden sie fündig: Durch einen Lichtschacht hat jemand Buttersäure in die Apotheke gekippt.

Apotheken sind saubere Orte, so sollte auch ihr Geruch sein: rein, gesund, fast ein bisschen steril. Der Gestank muss also verschwinden. Bloß wie? Die Apothekerin recherchiert im Internet. Sie meldet den Buttersäureanschlag der Polizei. Sie ruft alle Behörden an, die „Umwelt“ oder „Chemie“ im Namen tragen. Wie sie den Buttersäuregestank wieder loswird, erfährt sie nicht. Bis ihr irgendwann jemand rät: „Fragen Sie doch mal den Herrn Zeck.“

Der Herr Zeck wartet am Stummdenkmal, das steht vor der Stummstraße auf dem Stummplatz im Zentrum von Neunkirchen, Saar. Er trägt Mantel und Mütze gegen die Kälte, unter der Mütze lugt sein Zopf hervor, im Gesicht setzt ein freundliches Lächeln seinen eindrucksvollen Schnurrbart in Bewegung. Jürgen Felix Zeck, 71 Jahre alt, steht nicht zufällig beim alten Freiherrn von Stumm, ehedem Politiker und Montanindustrieller. Erstens ist das Denkmal für stadtfremde Besucher leicht zu finden, zweitens kann Zeck hier ein bisschen Stadt- und Saargeschichte an den Mann bringen: Neunkirchen, mit kaum 48.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt des Saarlands, ist eine ehemalige Montanstadt. „Mit der Hütte groß geworden, mit der Hütte gestorben“, so sagt es Zeck. Hinter dem Stummdenkmal ragt das Gerippe der Eisenhütte auf, geschlossen 1982.

Eine Stadt im Wandel

Zecks Großvater war Bergmann, der Enkel ging einen anderen Weg, zum Glück, die letzte Kohlengrube schloss 1968: Jürgen Felix Zeck wurde Polizist. Zecks eindrucksvoller Schnurrbart setzt sich fröhlich in Bewegung: „Ich habe Ihnen etwas mitgebracht“, verkündet er, „ein Saarländisches Bergmannsfrühstück.“ Früher aß man das in der Bergmannskneipe, sagt Zeck, am Stummplatz gab es jede Menge davon, aber mit den Bergleuten sind auch die Bergmannskneipen verschwunden.

Die Stadt hat sich verändert. Nach der Eisenhütte kam ein Einkaufszentrum: Das riesige Saarpark-Center steht am Rande des Stummplatzes, Ende der 80er-Jahre war es eine Attraktion. Aber Einkaufszentren haben es schwer in diesen Zeiten, wegen des Online-Handels, wegen Corona. Menschen sind weggezogen aus Neunkirchen, andere gekommen. Geblieben ist die Kriminalität, die braucht nämlich keine Orte, sondern Menschen, und für die Kriminalitätsopfer, die ebenfalls bleiben, braucht man Opferhelfer.

Der WEISSE RING blieb in Neunkirchen, und Jürgen Felix Zeck, seit elf Jahren Mitarbeiter, hält nun häufiger Vorträge für muslimische Frauen, sein Thema: „Häusliche Gewalt bei Migranten“.

„Man kennt sich hier“

Die Apotheke mit dem Buttersäureanschlag liegt nicht weit entfernt vom Stummplatz. Eigentlich liegt nichts weit entfernt in Neunkirchen, im ganzen Saarland nicht, „man kennt sich hier“, sagt Zeck. Er lächelt, er erinnert sich an einen Vortrag in Berlin, wo er beiläufig berichtete, wie der zuständige Minister ein Problem löste, das Zeck ihm angetragen hatte. „Wie, du hast direkten Zugang zum Minister?“, staunten die Berliner. „Das ist das Saarland“, antwortete Zeck, „man kennt sich.“

„Du, ich brauche da jemanden“, so sprach der Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS, Gerhard Müllenbach, 2012 den Herrn Zeck an. Seitdem ist Zeck stellvertretender Landesvorsitzender.

Eine andere Geschichte: Ein Schausteller stand vor Gericht, die Sache war nicht allzu schlimm, die Richterin verzichtete auf eine Strafe. Stattdessen verpflichtete sie den Schausteller, sein Karussell einen Tag lang kostenlos für Kinder aufzubauen. Die Frage war bloß: Wo bekommen wir die Kinder her, wer kümmert sich um den kostenlosen Karusselltag? Man fragte den Herrn Zeck. Der sprach Schulen für seh- und hörgeschädigte Kinder an, die Begeisterung war groß. Am letzten Schultag vor den Ferien fuhren 200 jauchzende Kinder, die sonst selten Gelegenheit dazu haben, Karussell. Und am Abend schlug der Schausteller dem WEISSEN RING vor, so etwas doch jährlich zu organisieren.

Spitzname „Umweltpapst“

„Herr Zeck, Herr Zeck … den kenn ich doch von einem Vortrag“, sagt die Apothekerin, als man ihr den Namen nennt. Als sie dann mit Zeck spricht und vom Buttersäuregestank berichtet, sagt er: „Warten Sie mal, ich kenne da jemanden.“ Er setzt sich ans Telefon.

41 Jahre lang war Jürgen Felix Zeck bei der Kriminalpolizei. Zunächst war er für Todesermittlungssachen zuständig, für Brände, Explosionen, Sexualdelikte. Anfang der 80er-Jahre kam dann das Thema Umweltkriminalität auf. „Da kannte sich keiner aus“, sagt Zeck. Auch er kannte sich nicht aus, aber er las sich ein, tiefer und tiefer. Er kümmerte sich um das Fischsterben in Prims und Saar, um illegale Abfallentsorgung in der Altölverbrennungsanlage, er bekam den Spitznamen „Umweltpapst“, wurde in Ausschüsse geladen und zu internationalen Tagungen.

Als wäre das nicht genug, lehrte er an der Polizeischule und an der Fachhochschule, schrieb Zeitschriftenartikel und Fachbücher, beriet die Politik zum Thema Opferschutz.

„Niemand ist allein“

Nach seiner Zeit bei der Polizei lässt ihn der Opferschutz nicht los: Er engagiert sich beim WEISSEN RING. Rund 70 Opferfälle bearbeitet die Außenstelle jährlich, lange mit 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, aktuell sind es sieben. Darüber hinaus organisiert der Außenstellenleiter nicht nur Karussellfahrten – er hält Vorträge, sitzt in Arbeitskreisen und an Runden Tischen, macht Öffentlichkeitsarbeit. Der Saarländische Rundfunk möchte ein Interview führen zum Thema „Häusliche Gewalt“? Zeck fährt ins Studio und ist um 19 Uhr live auf Sendung. Die Tageszeitung braucht einen Artikel zum gleichen Thema? Zeck setzt sich an den Computer und schreibt einen Text, den die Zeitung unverändert abdruckt. Eine Frau ruft ihn an; sie hatte einen Verkehrsunfall und gerät dadurch in finanzielle Nöte? Der WEISSE RING könne nicht helfen, bedauert Zeck, „aber warten Sie mal, ich rufe mal ein paar Leute an“. Im Grunde, so Zeck, sei das hier eigentlich ein Vollzeitjob, aber seine Frau mache das zum Glück mit.

Was Zeck wichtig ist: Opfer ist nicht gleich Opfer. Oft werden Menschen ganz anders zum Opfer, als man sich das gemeinhin so vorstellt. Aber helfen muss man immer. Natronlauge! Das ist die Lösung! Zeck hat es herausgefunden in seinen Telefonaten. Natronlauge kann Buttersäure neutralisieren. Tatsächlich gelingt es der Apothekerin mit einem Handwerksteam und einigem finanziellen Aufwand, den Gestank endlich loszuwerden.

„Wer glaubt, er ist allein, der irrt“, sagt Zeck. „Der WEISSE RING ist da, wenn man ihn braucht.“ Das saarländische Bergmannsfrühstück, Jürgen Felix Zeck überreicht eine hübsche Frischhaltetasche: Lyoner, Weck, Bier. „Den ganzen Tag unterwegs … Sie haben doch bestimmt Hunger, oder?“ Die Bergmannskneipen mögen verschwunden sein, aber Zeck kennt einen guten Fleischer und einen guten Bäcker. „Mit dem Bier war es schwieriger“, sagt er, die örtlichen Brauereien seien ja fast alle weg, aber Karlsberg, das gehe immer. „Guten Appetit“, wünscht er zum Abschied, die Freude lässt seinen Schnurrbart beben.

Lecker wars.

Klaus Hübner

Erstellt am: Samstag, 30. Januar 2021 von Sabine

Klaus Hübner

Klaus Hübner war Gründungsmitglied des WEISSEN RINGS. Er war aber auch Arbeiter, Polizist, Gewerkschafter und Bundestagsabgeordneter. Nun ist er im Alter von 96 Jahren verstorben. Ein Nachruf.

Gründungsmitglied Klaus Hübner, Foto: Matthias Haslauer

* 19. Juni 1924 | ✝ 30. Januar 2021

Klaus Hübners Leben war eines dieser Leben, vor dem man staunend steht angesichts dessen, was da alles in dieses Leben hineinpasste: Arbeiter, Polizist, Gewerkschafter, Bundestagsabgeordneter war er, Polizeipräsident der damaligen Westberliner Polizei und Gründungsmitglied des WEISSEN RINGS. Und Ehemann, das natürlich auch.
63 Jahre lang.

Ihr Mann, sagt Waltraud Hübner heute, sei immer ein sehr sozialer Mensch gewesen, der „für die Belange der anderen immer ein offenes Ohr hatte“. Hübner, 1924 in Berlin geboren, 1949 in den Polizeidienst eingetreten, entschied sich dann folgerichtig für die SPD, wurde der erste Geschäftsführer der Gewerkschaft der Polizei, wurde Bundestagsabgeordneter, dann – überraschend für viele – 1969 Polizeipräsident in Berlin. Keine ruhige Zeit, weder für das Land noch für die Stadt und damit auch nicht für Hübner. Die Studentenunruhen waren auf ihrem Höhepunkt, und dann kommt da einer wie Hübner und spricht, damals ein Novum, von Deeskalation – sagt einen Satz wie: „Eine Straßenschlacht, die die Polizei gewinnt, hat die Demokratie verloren.“

Als ihr Mann ihr vom WEISSEN RING erzählte, dieser damals komplett neuen Idee, sich um die Opfer von Verbrechen mehr zu kümmern, da, sagt sie, „war ich nicht gerade begeistert, er hatte ja schon so genug zu tun“. Klaus Hübner selbst hat dem WEISSEN RING erzählt, wie das 1976 war, als Eduard Zimmermann auf ihn zukam: „Eines Tages kam er und fragte, ob und wie man Verbrechensopfern helfen könnte. So wurde die Idee vom WEISSEN RING geboren. Der Verein entstand aus dem Wollen, etwas für eine Gesellschaftsschicht zu tun, die wir als vernachlässigt empfanden.“ Die Gründungsphase habe damals von dem Bedürfnis vieler gelebt, anderen zu helfen.

Eine Idee, die Früchte trug

Ein Selbstzünder sei die Idee gewesen, so Klaus Hübner im Rückblick, aber auch ein „Selbstzünder muss immer Sauerstoff haben“. Den gab Hübner ihm in Berlin, wurde „Regionalbeauftragter“, was sich heute Landesvorsitzender nennt. Er schuf Raum für die erste Geschäftsstelle auf dem Berliner Polizeigelände und sah dann selber, wie der Verein, den er maßgeblich mitbegründet hatte, wuchs und Früchte trug – auch in seiner Stadt. 1986 zum Beispiel, als es einen Bombenanschlag auf die Berliner Diskothek „La Belle“ gab, drei Menschen verstarben und über 100 zum Teil schwerst verletzt wurden. Noch in der Nacht seien die Helfer des WEISSEN RINGS ausgeschwärmt, hätten geholfen. Klaus Hübner erzählte auch diese Erinnerung: „Für die Ehefrau eines verletzten amerikanischen Soldaten, bei dem absehbar war, dass er den Anschlag nicht überleben würde, haben wir den Flug aus den USA nach Deutschland bezahlt, damit sie ihren Ehemann noch einmal lebend sehen kann – was auch gelang.“

Hübner hatte, sagt seine Frau, eigentlich keine zeitaufwendigen Hobbys – Sport schon, Karate, Tennis oder Volleyball mit den Kollegen. Und gelesen habe er so ziemlich alles: „Was gedruckt war, wurde gelesen.“ Für mehr sei gar keine Zeit gewesen. 16 Jahre lang blieb Hübner im Amt des Polizeipräsidenten, dann bat er 1987 um seine Abwahl. Waltraud Hübner sagt heute, dass ihr Mann damals den WEISSEN RING mitbegründet habe, sei eine seiner besten Entscheidungen gewesen. „Und eine ziemliche Leistung.“ Wenn man heute sehe, zu was sich der WEISSE RING entwickelt hat, könne man erahnen, wie notwendig seine Gründung vor nun 45 Jahren gewesen sei.

Zuletzt kam Klaus Hübner in ein Berliner Krankenhaus. Als seine Frau den Schrank im Zimmer öffnete, sagte sie zu ihrem Mann: „Schau mal hier.“ Im Schrank hing eine Aufforderung, auf die eigenen Dinge zu achten und es Dieben nicht zu leicht zu machen. Ein Präventionstipp des Vereins, den Hübner mit aus dem Boden gestampft hat. „Das war das letzte Mal, dass er den WEISSEN RING gesehen hat“, sagt Waltraud Hübner heute. Klaus Hübner starb im Alter von 96 Jahren in Berlin.

Der Fußgänger

Erstellt am: Donnerstag, 10. Dezember 2020 von Sabine

Der Fußgänger

Seit mehr als 40 Jahren legt sich Hans A. Möller für den WEISSEN RING in Schleswig-Holstein ins Zeug. Denn Einsatz für den Opferschutz, das heißt für ihn vor allem: laufen und laufen und laufen.

„Ich war sofort überzeugt.“, sagte Hans A. Möller, Foto: Karsten Krogmann

Angenommen, man wollte Hans A. Möller jemandem beschreiben, der ihn nicht kennt: Welches Möllermerkmal würde man zuerst nennen? Den tadellosen Anzug, den er trägt, dunkelblau mit hellblauer Streifenkrawatte, im Knopfloch die Uhrenkette und am Revers den Bandsteg, Hinweis auf sein Bundesverdienstkreuz? Das Lachen, kräftig, ehrlich und spontan, das sofort gute Laune macht? Oder genügten diese drei Wörter: allzeit bestens vorbereitet?

„Kommen Sie“, sagt Möller, „ich zeige Ihnen erst einmal das Haus. Immerhin war das hier 20 Jahre die Außenstelle des WEISSEN RINGS.“ Er lacht das Möllerlachen und geht flink voran, treppauf und wieder treppab bis in den Keller, und natürlich zeigt er unterwegs kein Haus, sondern sich selbst: Hans A. Möller aus Rendsburg, Schleswig-Holstein, 84 Jahre alt, davon 40 beim WEISSEN RING.

Im Haus hängen Bilder an der Wand. Das Elternhaus in Süderbrarup, „Sägewerk, Torfwerk, Fuhrbetrieb, Landwirtschaft in einem“, erklärt Möller. Seine Ehefrau Heidi, verstorben 2015 nach 56 gemeinsamen Jahren, „so eine liebe Frau, ich habe ein Riesenglück gehabt.“ Die Fotoecke mit den WEISSER RING-Momenten: wechselnder Bundesvorstand, wechselnder Landesvorstand, dazwischen Hans A. Möller, der immer blieb.

„Sofort überzeugt“

Vor allem aber zeigt das Möllerhaus, dass dieser Mann nichts, aber auch gar nichts bereit ist dem Zufall zu überlassen. Oben im Büro stehen zwei Computer, zwei Bildschirme, zwei Tastaturen („voll funktionsfähig, falls einer ausfällt“). Im Schlafzimmerschrank hat er das Pflegefach seiner Frau neu sortiert („für mich, falls ich gepflegt werden muss“). Und in der Diele parkt neben der Eingangstür ein weinroter Krankenhaus-Notfallkoffer, er hatte ihn einst für seine Frau gepackt („jetzt ist das meiner“). Eine Inhaltsliste liegt bei: 1. Patientenverfügung, 2. Medikamentenplan, Schnellhefter für die Krankenhausunterlagen, 4. zwei Schlafanzüge, 5. drei Unterhemden, so geht es weiter mit Krankenhausnotwendigkeiten bis Punkt 18.

Einmal allerdings war Möller, Banker und Revisor, tatsächlich unvorbereitet. 41 Jahre ist das her, Möller spielte damals regelmäßig Skat in Rendsburg, als er am Jackett eines Skatbruders eine Nadel entdeckte mit einem ihm unbekannten Logo. „WEISSER RING?“, fragte Möller. „Was ist das?“ Der Skatbruder erklärte es ihm, Möller war „sofort überzeugt“, wie er sich erinnert. Wenig später unterschrieb er eine Beitrittserklärung, Mitgliedsnummer 8986, Name, Adresse, hinter dem Satz „Ich kann mich in meiner Freizeit für den Verein aktiv betätigen“ setzte er brav das Kreuz bei „Ja“. Zum 1. Januar 1980 wurde er Mitglied, kaum sechs Monate später sollte er die Leitung der Außenstelle Rendsburg übernehmen. Sein Skatbruder hatte auswärts eine Rektorenstelle angenommen und braucht einen Nachfolger. „Warum ich?“, fragte Möller. „Weil du der Einzige bist, der auf dem Antrag ,Ja‘ angekreuzt hat“, antwortete der Skatbruder.

Möller lacht sein Möllerlachen. „Schreiben Sie seinen Namen ruhig auf, viele wissen gar nicht mehr, dass er der erste Außenstellenleiter hier war“, sagt er: „Adolf-Walter Paschke.“

„Außenstellenleiter“, das klingt nach Team und Unterstützung, und tatsächlich findet man auf der Homepage der Außenstelle Rendsburg heute die Namen von 16 Ehrenamtlichen. Damals aber war Möller allein. „Ich hatte kein Handy, ich hatte kein Fax, ich hatte kein Auto. Was ich hatte, waren ein Telefon und zwei gut besohlte Schuhe.“ Möller lief in die Schulen, um vom WEISSEN RING zu erzählen, ins Rathaus, zur Polizei. Er schickte Berichte über den WEISSEN RING an die Zeitung. Wenn die Zeitung einen Bericht veröffentlicht hatte, legte er die Zeitung neben sein Manuskript und verglich Wort für Wort. Was hatte die Redaktion verändert? Wie wollte sie die Berichte wohl haben? Bald druckte die Zeitung seine Texte unverändert ab.

In der Zeitung suchte Möller auch nach Menschen, die seine Hilfe brauchten, der WEISSE RING war ja trotz der Möllerarbeit noch nicht sehr bekannt in Schleswig-Holstein. Weil in den Berichten über Straftaten natürlich keine Adressen von Opfern standen, bat Möller die Redaktion, Kontakt herzustellen. Wenn das klappte, lief er los.

Erschüttern kann ihn nichts mehr

40 Jahre später läuft Hans A. Möller immer noch täglich durch Rendsburg, über den Paradeplatz zum Beispiel zum Nord-Ostsee-Kanal und von dort weiter zum Friedhof Neuwerk, wo seine Frau ruht. Wenn er Besuch hat, so wie heute, führt er ihn unterwegs durch den Fußgängertunnel unterm Kanal und wieder zurück. „Wussten Sie, dass dies eine der meistbefahrenen künstlichen Wasserstraßen der Welt ist? Befahrener als der Panamakanal und der Suezkanal!“ Von der Restaurantterrasse am Kanal aus lässt sich wunderbar den Containerschiffen zuschauen, Möller lädt zu Schnitzel ein. „Ich hab’ Gutscheine geschenkt bekommen, die kann ich allein gar nicht wegessen“, sagt er und lacht.

Erschüttern könne ihn nichts mehr, sagt Möller beim Essen und zählt auf. Sein Sohn: seit fast 20 Jahren schwerbehindert. Seine Frau: dement, jahrelang bettlägerig, schließlich der Abschied. „Das war schlimm für mich“, sagt Möller, „aber ich konnte mich darauf vorbereiten.“ Er blickt nicht bitter zurück, nicht einmal traurig; seine Erinnerungen sind fröhlich und voller Leben, immer wieder unterbricht Möllerlachen seine Geschichten.

Vereinsgründer Eduard Zimmermann und Hans A. Möller im Gespräch ∙ Foto: privat

Hunderte Opferfälle betreut

Und die Opferfälle? Hunderte muss er doch betreut haben in all den Jahren! „Ja“, sagt Möller, „die waren schon schlimm manchmal.“ Der getötete Zehnjährige. Die Frau, die der Mann mit Salzsäure überschüttet hatte. Der Wirt seines Stammlokals, den ein Betrunkener die Treppe heruntergeworfen hatte und der nicht mehr arbeiten konnte. Möller half dem Wirt später privat weiter, stritt mit Berufsgenossenschaft, Banken, Versicherungen und erkämpfte Tausende Euro für den Mann. „Man kann viel erreichen“, sagt er. „Aber das Erste und Wichtigste, was man können muss, ist zuhören.“

Den Opfern sagte er oft: „Schreiben Sie es auf! Schreiben Sie es sich von der Seele!“ Möller selbst schreibt alles auf, seitenlang dokumentiert er sein Leben, seine Arbeit, sein Ehrenamt. Anfangs schickte er monatliche Berichte nach Mainz, die Auskunft gaben über seine Außenstellenleitertätigkeit.

Heute übernimmt er Opferfälle nur noch „auf ausdrücklichen Wunsch“, wie er sagt. Lieber nutzt er seine zweite Begabung neben dem Zuhören, das ist das Hinsehen: Er liest die Finanzberichte des Vereins gegen, das Jahrbuch, das Mitarbeiterhandbuch, Korrekturen und Verbesserungsvorschläge meldet er der Bundesgeschäftsstelle in Mainz. „Ich möchte nicht wissen, wie oft die anfangs in Mainz gesagt haben: ,Der Möller schon wieder!‘“ Möllerlachen. Heute sagt das keiner mehr. Zum 40. Jubiläum hat ihm der WEISSE RING 21 Videogrüße geschickt, wegen Corona musste der offizielle Festakt ja ausfallen:

„Das, was Herr Möller schreibt, stimmt. Wenn Sie uns auf was hinweisen, wenn wir was übersehen haben, dann haben Sie immer Recht. Das kann ich an dieser Stelle offen und offiziell bestätigen.“

Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS

„Nie habe ich Sie auch nur im Ansatz missgelaunt, müde oder gar erschöpft erlebt. Sie scheinen über eine unendliche Quelle an Kraft und Zuversicht zu verfügen.“

Manuela Söller-Winkler, Landesvorsitzende Schleswig-Holstein

„Er ist ein geselliger Mensch. Ich denke an gemeinsame Stunden im Bierkeller in Malente oder anlässlich der Bundesdelegiertenversammlung. Anzumerken ist aber auch, Hans war am Abend und in der Nacht der Letzte. Doch am nächsten Morgen war er der Erste. Und die Kassenabrechnung hatte er auch schon erledigt.“

Uwe Rath, Ex-Außenstellenleiter Rendsburg-Eckernförde

Ein Bundesverdienstkreuz für Möller

1979 war Rendsburg die 81. Außenstelle des WEISSEN RINGS. Heute gibt es knapp 400 Außenstellen. 120 hauptamtliche Mitarbeiter arbeiten rund 2.900 Ehrenamtlichen zu. Manche Mitarbeiter sagen, dem Verein sei das Spontane, das Unbürokratische der frühen Jahre unterwegs abhandengekommen. Möller findet das gut. Die Sicherung der Gemeinnützigkeit durch Vorschriften und Leitlinien, die Bedürftigkeitsprüfung in Mainz, die Mitarbeiterschulung durch die vereinseigene Akademie, „die Gesetze haben sich geändert, ich halte das auch für richtig“. Wenn der Verein sich weiterentwickelt, entwickelt Möller sich halt mit. „Ich habe jetzt einen Internetzugang beantragt“, sagt er, „zum ersten Mal im Leben, mit 84.“

„Wir sind Ihnen unendlich dankbar, dass Sie sich so in die Themen reinknien und dabei auch noch Spaß haben.“

Brigitte Meise, Leiterin des Landesbüros Schleswig-Holstein

Was muss man noch wissen über Hans A. Möller? Dass ihm 1993 der Bundespräsident das Bundesverdienstkreuz am Bande verlieh? Dass er 2010 den Deutschen Bürgerpreis bekommen hat? Dass der WEISSE RING für ihn 2020 die bundesweit erste Ehrennadel in Gold anfertigen ließ? Vielleicht ist das hier wichtiger: In den nächsten Tagen bekommt er wieder einmal Besuch aus Mainz, die Finanzchefs haben sich angemeldet, sie wollen mit ihm über den Jahresbericht sprechen. Möller lacht das Möllerlachen und verspricht: „Ich bin vorbereitet!“

Die Sammlerin

Erstellt am: Donnerstag, 10. Dezember 2020 von Sabine

Die Sammlerin

Silvia Niedermeier fällt es leicht, andere zu begeistern – auch für die Unterstützung des WEISSEN RINGS in Bayern. 2020 hat sie so viel Spenden für den Verein gesammelt wie nie zuvor.

Silvia Niedermeier, ehrenamtliche Mitarbeiterin des WEISSEN RINGS.

Silvia Niedermeiers Arbeit ist im Laufe der Jahre nicht einfacher geworden. Seit 1996 leitet sie die Freisinger Außenstelle des WEISSEN RINGS in Bayern. „Wie viele Vereine spüren auch wir einen Mitgliederschwund“, sagt sie bei einem Spaziergang durch Moosburg. Bußgeldzahlungen, die regelmäßig an den WEISSEN RING gehen, sind im Lauf der Jahre weniger geworden. „Es gibt immer mehr gemeinnützige Vereine, die natürlich auch Unterstützung brauchen.“ Trotzdem hat Silvia Niedermeier im vergangenen Jahr für den WEISSEN RING 21.000 Euro Spenden gesammelt, so viel wie noch nie zuvor.

Am Anfang, erinnert sich Silvia Niedermeier, kamen im Jahr zwischen 1.000 oder 2.000 Euro zusammen, in einem Jahr sogar nur ein paar hundert Euro private Spenden. „Damals kannte niemand in der Gegend den WEISSEN RING“, sagt sie. Niedermeier und ihr Team stellten sich bei der Polizei vor, bei Hilfsorganisationen wie dem Frauenhaus in Freising, bei der Diakonie, Caritas und der Katholischen Fürsorge und in Zeitungsredaktionen und verteilten Flyer. Bei Veranstaltungen wie der Ehrenamtsbörse in Freising standen sie am Infostand und klärten über die Aufgaben des Vereins auf. Sie begannen, Vorträge an Schulen zu halten, in Seniorenheimen, Pfarrämtern und Vereinen. „Wir haben damals Pionierarbeit geleistet“, erzählt Silvia Niedermeier, die immer „wir“ sagt, wenn sie von ihrer Arbeit spricht. „Ich bin keine Einzelkämpferin“, erklärt sie.

Zum WEISSEN RING kam Niedermeier, als die Zentrale 1995 in einer Zeitungsannonce Ehrenamtliche suchte, die vor Ort eine Außenstelle aufbauen. Den Verein kannte sie bereits durch die Arbeit ihres Mannes bei der Polizei. „Die Beamten leisten in erster Linie Täterarbeit“, sagt Niedermeier. „Um die Betroffen hat sich damals fast niemand gekümmert.“

Die Grenzen der Belastbarkeit

Mit sechs weiteren Ehrenamtlichen betreut sie seitdem Opfer von Kriminalität im Landkreis Freising. Knapp 180.000 Einwohner leben in 24 Gemeinden, darunter die Städte Moosburg, Freising und der Flughafen in Hallbergmoos. Opfer von Straftaten melden sich direkt bei Niedermeier, manchmal stellt die Polizei den Kontakt her. Die Ehrenamtlichen vom WEISSEN RING begleiten Opfer oft über Wochen oder Monate. „Manchmal geht es an die Grenze der Belastbarkeit“, sagt Niedermeier, besonders wenn Kinder oder Jugendliche betroffen sind, es um sexuelle Gewalt geht, brutale Raubüberfälle oder Straftaten gegen Senioren.

Fragt man nach ihrem härtesten Fall, antwortet sie: „Da waren ein paar.“ Mit am schwersten sei 2002 der Amoklauf an der Wirtschaftsschule in Freising gewesen. Die ersten Monate konnte sie nach Gerichtsterminen und Treffen mit Opfern schwer abschalten, erinnert sich Niedermeier. Innerhalb ihrer Familie spricht sie nicht über die Arbeit für den WEISSEN RING, um sie nicht zu belasten, und wegen der sensiblen Informationen über Opfer und Täter. Umso wichtiger sind für sie die Gespräche im Team. Einmal im Monat treffen sich alle Ehrenamtlichen im Landkreis und sprechen über Organisatorisches, aber auch über Fälle, die sie belasten.

Tausend Opfer

Meistens betreut Niedermeier mehrere Opfer parallel. 2018 hat sie außerdem ein Netzwerk aus verschiedenen Hilfsorganisationen vor Ort mitgegründet, die in Zukunft bei Großlagen zusammenarbeiten. In ruhigeren Wochen kümmert sie sich um Abrechnungen, Berichte für die Bundesgeschäftsstelle und Öffentlichkeitsarbeit, doch ruhige Wochen sind selten.

In den fast 25 Jahren, die sie im Amt ist, hat Silvia Niedermeier hunderte Opfer betreut, „vielleicht auch mehr als tausend“, sagt sie. „Wenn ich etwas erreichen will, muss ich auf die Menschen zugehen und berichten.“ Schon in ihrem früheren Beruf als Personalerin bei einer Bank hatte sie immer mit Menschen zu tun, es fällt ihr leicht, andere zu begeistern und sich, wenn nötig, bei Institutionen und Anwälten durchzusetzen. Gleichzeitig ist sie sensibel, kann gut zuhören, auch im Gespräch ist sie zugewandt und ehrlich interessiert. Obwohl sie lieber selbst anpackt, weiß sie, dass es sich lohnt, über ihre Erfolge und die ihres Teams zu sprechen – weil es den Opfern zugutekommt, und das ist, was für sie zählt.

„Wenn die Polizei vor Ort Opfern empfiehlt, sich bei uns zu melden, wissen sie, dass das nicht untergeht. Dass wir uns wirklich kümmern.“

Silvia Niedermeier

Im Landkreis bekannt

Regelmäßig besucht Silvia Niedermeier die Lokalredaktionen der Moosburger Zeitung und des Freisinger Tagblatts und berichtet anonym über Fälle aus der Region, hält Kontakt zu Redaktionsleitungen und Redakteure und Redakteurinnen. Der WEISSE RING bekommt jedes Jahr einen Teil der Spenden, die die Zeitungen zu Weihnachten für Menschen in Not sammeln.

Auch mit lokalen Vereinen wie dem Frauentreff Freising und Tante Emma e. V. in Moosburg, der Menschen in schwierigen Verhältnissen ehrenamtlich berät, ist man im Austausch. In Aktion überzeugen Niedermeier und ihr Team. Richter sehen, wie sie sich um Betroffene kümmern, und lassen dem Verein einen Teil der Bußgeldeinnahmen zukommen, die sie an gemeinnützige Vereine verteilen dürfen.

Mit Tante Emma e. V. verbindet sie auch ein gemeinsamer Fall, seitdem spendet der Verein regelmäßig an den WEISSEN RING. Im ganzen Landkreis kennt und schätzt man ihre Arbeit. „Wenn die Polizei vor Ort Opfern empfiehlt, sich bei uns zu melden, wissen sie, dass das nicht untergeht“, sagt sie. „Dass wir uns wirklich kümmern.“ Die Polizei Moosburg veranstaltet jedes Jahr einen Weihnachtsbasar, die Hälfte der Einnahmen geht an den WEISSEN RING.

„Niemand ist gern Opfer und soll auch nicht ein Leben lang Opfer bleiben.“

Silvia Niedermeier

Corona erschwert die Arbeit

Spendengelder werden an Opfer als wirtschaftliche Hilfe ausbezahlt, für Familien mit Kindern auch als Ferienhilfe, außerdem für Anwälte, Verfahrenskosten und Therapien eingesetzt. Ein Büro hat die Außenstelle nicht. „Das Geld soll zu 100 Prozent den Opfern zugutekommen“, sagt Niedermeier. „Das ist auch der Grund, warum ich mich hier schon so lange engagiere.“ Die schönsten Momente sind für Silvia Niedermeier, wenn sie spürt, dass ein Opfer, oft nach der Gerichtsverhandlung, wieder Zuversicht gewinnt. „Wenn sie wieder ins Berufsleben einsteigen, nach vorne schauen, wieder Vertrauen in sich selbst fassen“, sagt sie. „Niemand ist gern Opfer und soll auch nicht ein Leben lang Opfer bleiben.“

Corona hat Silvia Niedermeiers Arbeit einmal mehr erschwert. Eine Weile lang konnte sie Opfer nur telefonisch betreuen, im Sommer, als die Kontaktbeschränkungen gelockert wurden, traf sie manche auf einen Spaziergang statt zu Hause. Pandemiebedingt sind auch die Spenden in diesem Jahr zurückgegangen. Veranstaltungen und Vorträge mussten abgesagt werden, gegen Jahresende bringen normalerweise die Weihnachtsmärkte in der Region Spenden ein. In welchem Rahmen sie dieses Jahr stattfinden können, ist ungewiss. Silvia Niedermeier hofft auf die Spendenaktionen von
Vereinen und in den Zeitungen in der Vorweihnachtszeit.