Wie Traumaambulanzen besonderen Bedarfsgruppen helfen

Erstellt am: Freitag, 27. März 2026 von Al-Khanak

Die Geschäftsführerin des WEISSEN RINGS, Bianca Biwer, begrüßt die Teilnehmenden der vierten Fachtagung Traumaambulanz der Opferhilfeorganisation. / Fotos: Kays Al-Khanak

Datum: 27.03.2026

Wie Traumaambulanzen besonderen Bedarfsgruppen helfen

Traumaambulanzen sollen Opfern von Straftaten schnell psychotherapeutische Hilfe bieten. Doch lange Verfahren, fehlende Angebote für Kinder und Jugendliche sowie mangelnde Vernetzung bremsen die Versorgung. Auf einer Fachtagung des WEISSEN RINGS in Mainz diskutierten Expertinnen und Experten über Herausforderungen, neue Ansätze und besondere Bedarfsgruppen.

Wer Opfer einer Straftat geworden ist, braucht oft schnell psychotherapeutische Hilfe, um das Erlebte zu verarbeiten. Traumaambulanzen spielen dabei eine wichtige Rolle. Der WEISSE RING veranstaltet regelmäßig Tagungen für das Fachpersonal dieser Einrichtungen. Ziel ist es, die Versorgung der Betroffenen zu verbessern und die Expertinnen und Experten weiter zu vernetzen, betont der Psychologe beim WEISSEN RING und Hauptorganisator der Tagung, Florian Wedell. An zwei Tagen fand nun die vierte Tagung für Traumaambulanzen in Mainz unter dem Motto „Besondere Bedarfsgruppen“ statt. Die Geschäftsführerin der Opferhilfeorganisation, Bianca Biwer, betonte, der Fokus liege auf den Personengruppen, die in der öffentlichen Debatte oft kaum beachtet werden: zum Beispiel Opfer von queerfeindlicher Gewalt oder Menschenhandel. Es sei wichtig, diese Entwicklungen aufzugreifen und öffentlich zu machen.

Traumaambulanzen sind Teil des 2024 in Kraft getretenen Sozialen Entschädigungsgesetzes (SGB XIV). Sie sollen Betroffenen von Kriminalität einen schnellen Zugang zu psychotherapeutischen Angeboten bieten. Ziel ist es, die Betroffenen zu stabilisieren, ihre Symptome einzuordnen und ihnen dabei zu helfen, das Geschehene zu verarbeiten. Das Angebot soll lange Wartezeiten auf einen regulären Psychotherapieplatz überbrücken.

Traumaambulanzen als wichtiger Bestandteil der Versorgungsstrukturen

Moderator der Tagung mit rund 80 Teilnehmenden war Prof. Ingo Schäfer von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und aktiv beim WEISSEN RING. Er sagte, die Tagung sende das „wichtige Signal“ aus, „dass Traumaambulanzen ein wichtiger Teil der Versorgungsstrukturen geworden sind“. Der WEISSE RING habe die Entwicklung nicht nur jahrelang begleitet, sondern maßgeblich mit angestoßen. Dass die diesjährige Fachtagung besondere Betroffenengruppen in den Fokus nehme, trage dem Alltag in den Traumaambulanzen Rechnung: Die Folgen von traumatischen Erfahrungen seien oft unterschiedlich, deshalb müssten auch die Ambulanzen zielgruppenspezifisch arbeiten.

Detlef Placzek ist der Opferbeauftragte des Landes Rheinland-Pfalz. Er sagte, akut traumatisierte Menschen bräuchten einen frühzeitigen Zugang zur psychotherapeutischen Betreuung. Die Frühintervention in den Traumaambulanzen helfe, posttraumatische Folgen zu reduzieren. Problematisch sei jedoch, dass die Verfahrensdauer nach dem SGB XIV oft zu lang sei. „Antragsteller warten über ein Jahr auf Entschädigung“, sagte Placzek. Dabei könnten manche Verfahrensschritte „erheblich beschleunigt werden“. Ein weiteres Problem sieht er in dem Mangel an speziellen Traumaambulanzen für Kinder und Jugendliche. Die Folge: Weite Wege schreckten die Familien ab und verhinderten eine nötige Traumatherapie.

Nordrhein-Westfalen als Vorreiter

Über die Entwicklung vom Opferentschädigungsgesetz (OEG) hin zum SGB XIV und die Traumaambulanzen sprach der Rechtsanwalt Reinhard Heckmann, Fachbeiratsmitglied des WEISSEN RINGS. Er hatte in Nordrhein-Westfalen die rechtlichen Grundlagen der vertraglichen Traumaambulanzen für Gewaltopfer entwickelt. Das Bundesland gilt als Vorreiter für diese Einrichtungen, seitdem hier bereits 1999 die Idee aufkam, mit den Einrichtungen eine direkt verfügbare Leistungsform zu schaffen.

Tagungs-Organisator Florian Wedell (l.) im Gespräch mit Reinhard Heckmann, der in Nordrhein-Westfalen die rechtlichen Grundlagen der vertraglichen Traumaambulanzen für Gewaltopfer entwickelt hat.

Heckmann betonte: „Der WEISSE RING hatte erheblich Druck bei anderen Bundesländern gemacht, sich dem Weg von Nordrhein-Westfalen anzuschließen. Ich wüsste nicht, ob es bundesweit Traumaambulanzen geben würde, wenn der WEISSE RING sich nicht dermaßen engagiert hätte.“ Er plädierte dazu, dass die zuständigen Sachbearbeiter die Entscheidungen über die Anträge „mutig mit Augenmaß“ treffen sollten. Dass es Kritik am SGB XIV gibt, betonte die Geschäftsführerin des WEISSEN RINGS, Bianca Biwer, in der anschließenden Diskussionsrunde. „Die rechtliche Grundlage ist nicht das Problem, eher die Umsetzung. Wir wissen, dass manche Dinge nicht ausgeführt werden, wie es das Gesetz wollte und wie es Betroffenen helfen würde.“

Dr. Julia Schellong sagte in ihrem Vortrag, dass die 2024 in Kraft getretene Traumaambulanz-Verordnung neben qualitativen Standards auch eine stärkere Vernetzung der Einrichtungen vorschreibt. Allerdings mangele es bislang an wissenschaftlicher Begleitung und Evaluation dieser Strukturen. Dabei sei es wichtig zu wissen, mit welchen Partnern Traumaambulanzen kooperieren, wie die Zusammenarbeit mit Akteuren aus Gesundheitswesen, Sozialsektor und Justiz gestaltet ist und welche Faktoren die Vernetzung fördern oder hemmen.

Dies sei ein entscheidender Punkt, betonte Schellong: „Traumaambulanzen können ohne Vernetzung nicht arbeiten.“ Deshalb spielt das Forschungsprojekt „CONNECTION“ eine wichtige Rolle. Hier wird untersucht, wie sich Traumaambulanzen in Deutschland strukturell und inhaltlich weiterentwickelt haben. Erforscht werden soll, welche Faktoren den Aufbau von Traumaambulanzen unterstützt haben, wie gut dort die Abläufe und Strukturen organisiert sind und wie die Versorgung von Menschen verbessert werden kann, die künftig Anspruch auf Leistungen haben und besondere Unterstützung benötigen – wie Betroffene von Menschenhandel oder schwerem Stalking.

Fokus auf queerfeindliche Hasskriminalität

Queerfeindliche Hasskriminalität stellt für LSBTIQ*-Personen eine doppelte Belastung dar: Neben der konkreten Gefahr für die körperliche Unversehrtheit wirkt sie oft auch langfristig psychisch nach. Das Vertrauen in Institutionen, soziale Strukturen und das eigene Sicherheitsgefühl werde erschüttert, sagte Diana Gläßer von der Ansprechstelle LSBTI* der Polizei Rheinland-Pfalz. Sie gab Einblicke in aktuelle Entwicklungen, Fallzahlen und Erscheinungsformen dieser Gewalt. Ergebnisse aus Umfragen verdeutlichten, wie Diskriminierung und Gewalterfahrungen spezifische Dynamiken von Traumatisierung auslösen können und wie anschlussfähig queerfeindliche Narrative in der Gesellschaft seien.

Gläßer appellierte, die Lebensrealitäten und Bedürfnisse von LSBTIQ*-Personen besser zu verstehen und zeigte Handlungsmöglichkeiten für den professionellen Umgang auf. Beispielsweise brauche es Unterstützungsstrukturen und Kooperationswege, um Betroffene nachhaltig und empowernd beraten zu können. Zudem plädierte sie für eine queersensible Sprache, um Vertrauen aufzubauen. Zum Beispiel sollte man statt „Bevor sie zur Frau wurde“ lieber „Vor der Transition“ sagen. Dies gelte auch für Medien. Dort sei zum Beispiel immer wieder zu lesen, dass jemand angegriffen worden sei, weil er queer ist. Stattdessen sei das Opfer attackiert worden, weil der Täter queerfeindlich ist.

Wie der WEISSE RING bei Großeinsatzlagen agiert

Wie der WEISSE RING bei Amokläufen oder terroristischen Anschlägen agiert, schilderte Jana Friedrich in ihrem Vortrag. Sie ist bei der Opferhilfeorganisation Koordinatorin für Großschadensereignisse. Vor allem der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz 2016 sei ein Einschnitt für den Verein gewesen. Danach seien beim WEISSEN RING klare Strukturen wie Leitfäden, Zuständigkeiten oder Ausbildungsmöglichkeiten für Ehrenamtliche geschaffen sowie Hilfsmöglichkeiten erweitert worden.

Was das konkret bedeutet, schilderte Friedrich am Beispiel der Amokfahrt auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg 2024. Bis Ende vergangenen Jahres hatte der WEISSE RING 475 Opfer aus ganz Deutschland betreut; bis heute bestehe zu einigen Betroffenen noch immer Kontakt. Ausgezahlt werden konnten Hilfen in Höhe von mehr als 480.000 Euro. Dabei handelte es sich unter anderem um Beratungsschecks, Soforthilfen und Maßnahmen zur Stabilisierung der Betroffenen.

Behandlung von anhaltender Trauerstörung im Fokus

Wie sich traumatische Verluste auf Menschen auswirken und welche Behandlungsansätze es für Hinterbliebene nach Gewalttaten gibt, erläuterte die Psychologin Prof. Franziska Lechner-Meichsner. Sie sagte, nach dem gewaltsamen Tod eines nahestehenden Menschen entwickelten viele Betroffene psychische Probleme. Häufig handele es sich um eine anhaltende Trauerstörung (ATS), oft auch zusammen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder einer Depression.

Prof. Franziska Lechner-Meichsner spricht über Auswirkungen traumatischer Verluste und Behandlungsansätze für Hinterbliebene nach Gewalttaten.

Wichtig sei es, Betroffene früh zu erkennen und ihnen eine passende, trauerspezifische Behandlung anzubieten. So könne verhindert werden, dass sich die Beschwerden verfestigen. Besonders hilfreich seien verhaltenstherapeutische Behandlungen, zum Beispiel, indem sich Betroffene ihren Ängsten langsam stellen, negative Gedanken hinterfragen und wieder mehr aktiv am Leben teilnehmen. Diese Methoden zeigten gute Erfolge.

Kinder und Jugendliche als besondere Bedarfsgruppe

Zu den besonderen Bedarfsgruppen, mit denen sich die Tagung beschäftigte, gehören Kinder und Jugendliche. In einem Workshop klärte Hannah Reinicke, Therapeutin in der Traumaambulanz am Universitätsklinikum Ulm, zunächst über emotionale Kindesmisshandlung und Vernachlässigung auf. Reinicke nannte eine Reihe von Risikofaktoren für Gewalt, auf Elternseite zum Beispiel eine geringe Impulskontrolle, Überforderung, Stress oder konflikthafte Trennungen. Die möglichen Folgen der Misshandlung könnten bis ins Erwachsenenalter andauern und seien ähnlich gravierend wie bei einem sexuellen Missbrauch, so Reinicke. Sie sprach zum Beispiel von Rückzug und Passivität, einem geringeren Selbstwertgefühl, schlechteren Schulleistungen sowie von einem deutlich erhöhten Risiko etwa für Depressionen, Angst- und Essstörungen und Suizidalität. Umso wichtiger seien zeitnahe, gezielte Hilfen.

Mit der Kindertraumaambulanz und dem Childhood-Haus stellte Andrea Dixius, Leitende Psychologin an den Saarbrücker SHG Kliniken, neue Wege vor, die sich in der Praxis als wirksam erwiesen haben. Die Ambulanz – eine von wenigen spezialisierten – biete eine „frühzeitige Akutbehandlung“. Und zwar durch ein Team mit Fachexpertise für Kinder und Jugendliche und auf diese zugeschnittene Methoden wie „START-Kids“ und KIDNET. Erstere fördert die Stressresilienz und die Regulation von Emotionen bei Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren, bei letzterer handelt es sich um eine auf Kinder angepasste narrative Expositionstherapie gegen Posttraumatische Belastungsstörung.

Einblick ins Childhood-Haus

Eine Besonderheit des Childhood-Hauses ist laut Dixius, dass dort unter einem Dach „alle Hilfen für betroffene Kinder“ zu finden sind. Das Haus ermögliche ein gemeinsames Arbeiten verschiedener Disziplinen, eine „Beziehungskontinuität in der Versorgung“. Durch die Kooperation mit Polizei und Justiz seien auch Vernehmungen in einer kindgerechten Umgebung möglich.

Rund 80 Fachleute aus ganz Deutschland informieren sich bei der Fachtagung über aktuelle Entwicklungen und spezifische Bedarfe bei Traumaambulanzen. / Fotos: Kays Al-Khanak

In der anschließenden Diskussion äußerten mehrere Teilnehmerinnen, dass die Art, wie Versorgungsämter mit psychischer Gewalt umgehen, teils problematisch sei, möglicherweise aus Unsicherheit. „Je mehr Fälle wir einreichen, desto strenger sind sie und lehnen ab.“ Oft finde man einen Weg, den Anspruch mit einem Widerspruch durchzusetzen, doch das koste Zeit und Kraft. Sophia Härtel, Rechtsreferentin beim Bundesweiten Koordinierungskreis gegen Menschenhandel (KOK), appellierte, Anträge zu stellen und notfalls zu klagen: „Wir brauchen hier eine gute Rechtsprechung.“

Spannungsfeld zwischen Ermittlungen und notwendiger Therapie

Wie das Universitätsklinikum Würzburg mit dem „traumatherapeutischen Dilemma“ im Strafverfahren umgeht, erläuterte Dr. Marion Schowalter, Leiterin der dortigen Traumaambulanz. Schowalter beschrieb das nach einer Straftat bestehende Spannungsfeld zwischen Ermittlungen und der notwendigen Therapie. Diese könne, so die Befürchtung, zu Zweifeln an der Glaubhaftigkeit der Betroffenen als Zeuginnen und Zeugen führen – sei jedoch notwendig, um Symptome zu lindern und eine Chronifizierung zu verhindern.

Laut SGB XIV haben Opfer einen gesetzlichen Anspruch auf Therapie, betonte Schowalter. Und es gebe keine Hinweise darauf, dass eine traumafokussierte Psychotherapie das Risiko für verfälschte Erinnerungen steigere. Studien deuteten darauf hin, dass Betroffene sich dann sogar an mehr korrekte Details erinnern können. Das Würzburger Modell setzt auf eine „frühe Vernetzung von Traumaambulanz, Polizei und Justiz“, mit klaren Abläufen, Absprachen und Transparenz beim Vorgehen, erklärte die Psychotherapeutin. Das Modell beinhaltet sowohl eine frühe intensive Vernehmung als auch eine frühe traumaspezifische Intervention, die nachweislich sehr wirksam sei. Wenn nötig, sagen Therapeutinnen und Therapeuten vor Gericht aus. Hierfür wird auch ein „Gerichtscoaching“ angeboten. „Eine Nicht-Behandlung von Traumaopfern ist nicht mehr zu rechtfertigen“; sagte Schowalter.

Während der Abschlussrunde lobte eine Teilnehmerin die Fachvorträge und den Austausch und bemängelte, dass es keinen Bundesverband für Traumaambulanzen gibt. Umso wichtiger sei die Tagung als Forum. „Das schreit nach einer Wiederholung“, sagte Moderator Prof. Dr. Ingo Schäfer.

„Liebesbetrüger“ erbeuten mindestens 50 Millionen Euro

Erstellt am: Dienstag, 24. März 2026 von Sabine

Datum: 24.03.2026

„Liebesbetrüger“ erbeuten mindestens 50 Millionen Euro

Durch Love-Scam haben Betroffene in Deutschland im Jahr 2024 mindestens 50 Millionen Euro verloren. Das geht aus einer Umfrage des WEISSER RING Magazins bei allen 16 Landeskriminalämtern hervor.

Love-Scam ist der Heiratsschwindel des digitalen Zeitalters: Betrüger bauen auf Dating-Plattformen, in sozialen Netzwerken oder per E-Mail Vertrauen auf, sprechen von Gefühlen, spielen dann eine Notlage vor und drängen ihre Opfer zu Überweisungen. Der Länderumfrage zufolge betrug der Schaden durch Love-Scams im Jahr 2024 allein in Baden-Württemberg rund 18 Millionen Euro. Sachsen-Anhalt meldete für das Jahr Verluste in Höhe von insgesamt 1,6 Millionen Euro, im Jahr 2020 waren es noch knapp 786.000 Euro. In Mecklenburg-Vorpommern wuchs der registrierte Schaden von rund 330.000 Euro im Jahr 2022 auf mehr als 2,1 Millionen Euro in 2024. Online-Liebesbetrug war in dem Bundesland die ertragreichste Masche aller polizeilich registrierten Trickbetrügereien.

Fallzahlen und Schadenssummen steigen

Auch die Fallzahlen steigen: In Sachsen-Anhalt hat sich die Zahl der erfassten Love-Scams seit 2020 mehr als verdoppelt, von 71 auf 153. In Berlin gab es 2024 insgesamt 433 angezeigte Taten mit einem gemeldeten Schaden von rund 5,62 Millionen Euro, ein Jahr später waren es 560 Fälle mit einem Schaden von 5,68 Millionen Euro. In Hessen stieg die Zahl von 34 im Jahr 2019 auf 52 im Jahr 2024. Zahlen für 2025 liegen noch nicht vor.

Die fortschreitende Digitalisierung führt dazu, dass sich immer größere Teile des sozialen Lebens in den digitalen Raum verlagern, wo die Täter ihre Opfer suchen. Künstliche Intelligenz ermöglicht es ihnen, unzählige Konversationen gleichzeitig zu führen, die sprachlich glaubwürdiger wirken als früher. Das LKA Berlin schreibt zudem, dass verstärkte Prävention und Aufklärung über die Betrugsmasche die Anzeigenbereitschaft von Betroffenen gesteigert haben könnte.

Bis auf Bayern, Bremen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und das Saarland haben alle Landeskriminalämter Daten bereitgestellt. Die Zahlen geben Hinweise auf die Dimension von Love-Scam. Allerdings sind sie nicht als abschließend zu werten. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) nimmt keine detaillierte Aufschlüsselung nach dem Modus Operandi vor. Manche Polizeibehörden markieren intern Fallmerkmale, andere nicht. Darüber hinaus ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, da Scham viele Opfer davon abhält, Anzeige zu erstatten.

Schwerpunkt zu Cyberkriminalität

Die Umfrage ist Teil der Titelgeschichte der neuen Ausgabe des WEISSER RING Magazins, die Ende März erscheint. Der Schwerpunkt befasst sich mit Cyberkriminalität. Christian Rossow, Professor für IT-Sicherheit und leitender Wissenschaftler am CISPA Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit, sagte dem Magazin: „Wir beobachten seit Jahren eine zunehmende Professionalisierung und Spezialisierung der Cyberkriminalität. Angriffe sind weniger zufällig, sondern zunehmend zielgerichtet, wirtschaftlich motiviert und arbeitsteilig organisiert.“ Wie das BKA auf Anfrage mitteilte, bleibt Ransomware „die prägende Bedrohung im Cyberraum und verursacht weiterhin erhebliche Schäden bei Unternehmen und Privatpersonen.“ Ransomware verschlüsselt Dateien oder sperrt den ganzen Rechner. Die Täter fordern anschließend Geld, damit Betroffene wieder an ihre Daten kommen. Jeden Tag werden in Deutschland zwei bis drei schwere Ransomware-Angriffe angezeigt. Sie können Unternehmen in ihrer Existenz bedrohen, die öffentliche Verwaltung lahmlegen oder die Patientenversorgung in Kliniken gefährden.

Auch digitaler Anlagebetrug nimmt zu

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht warnt darüber hinaus eindringlich vor Anlagebetrug über WhatsApp und Telegram: „Wir sehen vor allem im Onlinebetrug eine Zunahme über Messengerdienste“, sagte ein Sprecher der Behörde. Kriminelle locken mit Anzeigen auf Plattformen in WhatsApp- und Telegram-Gruppen – mit Versprechen von kostenlosen Aktienempfehlungen und Börsenwissen. Über Fake-Apps, auf denen Kurs-Charts blinken, gaukeln sie dann hohe Gewinne vor und animieren Opfer zu weiteren Investitionen.

Professionell wirkende Fake Shops locken derweil mit Sonderangeboten und drängen zur Vorkasse. „Geliefert wird dann entweder gar nicht oder nicht in der versprochenen Qualität“, sagte Dennis Romberg, der das Team Marktbeobachtung Digitales beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) leitet. Zwischen Januar und November 2025 wurden in den Verbraucherzentralen mehr als 20.000 Beschwerden zum Thema Betrug erfasst – ein Plus von 42 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Während die Bedrohungen im digitalen Raum rasant zunehmen, stellt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) eine „wachsende digitale Sorglosigkeit“ fest. Vielen Menschen fehle aufgrund einer Art Gewöhnung das Bewusstsein, dass sie attraktive Ziele für Cyberangriffe sind. „Damit werden sie für Angreifer zur leichten Beute“, warnt Nora Kluger vom BSI.

Künstliche Intelligenz verschärft Gefahr

Gleichzeitig nutzen Cyberkriminelle inzwischen ein mächtiges Werkzeug: Künstliche Intelligenz (KI). Mit generativer KI werden nach Angaben des BSI zum Beispiel Anleitungen erstellt, wie ein Ziel besonders gut angegriffen werden kann oder wie man Schadsoftware optimiert, damit sie von Virenscannern weniger leicht erkannt wird. Und seit der Einführung von ChatGPT und anderen generativen KI-Werkzeugen sind die Zeiten vorbei, in denen man Phishing-Mails an ihrer fehlerhaften Sprache erkennen konnte.

Jana Ringwald, Oberstaatsanwältin bei der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main, sagte: „Attacken kosten Unternehmen unglaublich viel Geld. Am teuersten sind nicht mal die Erpressungssummen, sondern die Folgekosten: Der Betrieb steht länger still, eventuell muss eine neue Server-Struktur her, und wenn Kundendaten betroffen sind, drohen Schadenersatz und ein großer Vertrauensverlust.“ Im Gegensatz zu den finanziellen Folgen würden die psychologischen kaum diskutiert: „Geschäftsführer berichten nach einem Cyberangriff oft, es sei das Schlimmste, was sie je erlebt hätten, auch weil sie das Ereignis nicht ,greifen‘ können. Jemand hat einen Anhang angeklickt und jetzt steht alles still. Dazu die Ungewissheit bei allen: Wie schlimm ist es?“

Internationale Tätergruppen gehen anonym und arbeitsteilig vor

Oberstaatsanwältin Ringwald berichtete, dass sich die Täter „einander gar nicht genau kennen wollen und auch nicht müssen“. Sie nutzen mehrere verschlüsselte Kommunikationsformen. Es handelt sich um lose, internationale Verbünde: „Cyberkriminalität kennt keine Grenzen.“ Diese anonymen, professionellen und dezentralen Zusammenschlüsse auf Zeit stellen Ermittelnde vor große Herausforderungen: Es ist schwierig zu sagen, wer zu welchem Zeitpunkt welche Tat begangen hat. Und: Datendelikte wie Computersabotage oder Datenhehlerei können großen Schaden anrichten. Sie gelten aber als weniger schwer. Das bleibt nicht ohne Folgen: Denn ob man einen Server überwachen darf, hängt von der Schwere des Delikts ab. „Daher“, erklärte Ringwald, „können wir oft nur dann den gesamten ,Instrumentenkasten‘ der Strafprozessordnung nutzen, wenn der Fall Elemente des Betrugs oder der Erpressung aufweist oder eine kriminelle Vereinigung vorliegt.“

Trotz der Hürden schaffen es Ermittlungsbehörden, Cyberkriminellen empfindliche Schläge zu versetzen – wie im November 2025, als Deutschland und internationale Partner erfolgreich gegen zwei besonders gefährliche Schadsoftware-Varianten vorgegangen sind. Neben dem BKA war auch das ZIT beteiligt. „Auch wir warten auf den menschlichen Fehler“, erzählte Ringwald. Etwa, dass eine Verschlüsselung nicht funktioniert, ein Täter zu viele Informationen über sich preisgibt. „Wir versuchen, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Wichtig ist auch, im Darknet ,Streife‘ zu fahren und sich anzuschauen, was für Täter gerade relevant ist, welche Dienstleistungen, Foren oder Tools es gibt.“ Ein bedeutender Ansatzpunkt sei, Zahlungsströme zu verfolgen. „Kryptowährungen bieten nur eine Pseudo-Anonymität. Wir können bei Providern Anfragen stellen.“ Teilweise profitieren deutsche Ermittler von Hinweisen aus dem Ausland. Informationsaustausch und zentrale Ermittlungen
seien entscheidend.

Expertin fordert „Denken in Daten“ bei Ermittlungsbehörden

Um Angriffe besser bekämpfen zu können, braucht es laut Ringwald ein Umdenken: „Unser Leben ist fast komplett digital. Deshalb müssen wir im Netz Sorgfalt an den Tag legen, sparsam mit unseren Daten umgehen und in Sicherheit investieren, zum Beispiel in Backup-Systeme, auf denen wir unsere Daten ein zweites Mal ablegen können, damit sie nicht verloren sind, wenn wir gehackt wurden.“ Firmen sollten vom Ernstfall ausgehen und sich dafür aufstellen. Ringwald fordert ein verstärktes „Denken in Daten“ in den Behörden: „Das bedeutet, dass die Ermittelnden, auch bei konventionellen Delikten, gleich klären lassen: Wie verlief die digitale Kommunikation? Gibt es Kryptowährungsspuren? Welche Provider sind beteiligt? Das muss schnell gehen.“

Forschung im Fadenkreuz

Erstellt am: Dienstag, 24. März 2026 von Sabine

Forschung im Fadenkreuz

Hassmails, Diffamierung, Morddrohungen: Angriffe auf Forschende sind kein neues Phänomen, bekommen aber durch soziale Medien und digitale Filterblasen eine neue Dynamik. Fachleute fordern deshalb verbindliche Schutzkonzepte, niedrigschwellige Beratung und klare Zuständigkeiten an Hochschulen.

Als die Attacken begannen, hatte Marion Näser-Lather Angst, dass ihre Karriere als Wissenschaftlerin enden könnte, bevor sie begonnen hatte. Vor rund zehn Jahren war sie noch keine Professorin, sondern Postdoktorandin. Als empirische Kulturwissenschaftlerin arbeitete sie an der Philipps-Universität Marburg in einem großen Forschungsprojekt mit, das der Frage nachging, ob Antifeminismus als Krisenphänomen das Potenzial hat, Gesellschaften zu spalten. Von Anfang an hätten vor allem Blogs aus dem rechten Spektrum versucht, das Projekt und die Beteiligten in Misskredit zu bringen, erinnert sich Näser-Lather. Für sie sei es eine schwere Zeit gewesen: „Ich habe mich alleingelassen gefühlt.“

Angriffe auf die Wissenschaft sind kein auf Deutschland begrenztes Phänomen, wie sich aktuell insbesondere in den USA zeigt. Und sie sind nicht neu: Der Astronom Giordano Bruno starb 1600 nach jahrelanger Kerkerhaft und einem kirchlichen Inquisitionsprozess auf dem Scheiterhaufen, weil seine Erkenntnisse der Obrigkeit widersprachen. Edward Jenner, dessen Schutzimpfung half, die Pocken einzudämmen, sah sich ab 1796 massiver Kritik von Impfgegnern, kirchlichen Kreisen und Kollegen ausgesetzt. Magnus Hirschfeld wurde wegen seines Eintretens für queere und trans Menschen Ziel völkischer und nationalsozialistischer Angriffe.

Neu sind vielmehr die Reichweite und Dynamik der Angriffe: Digitale Filterblasen und Plattformen haben ihnen zusätzliche Wucht verliehen. Wie verbreitet das Phänomen ist, zeigt die erste bundesweite repräsentative Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) aus dem Jahr 2024.

Neu sind die Reichweite und Dynamik der Angriffe

An der Onlinebefragung nahmen rund 2.600 Forschende aus allen Fachrichtungen und Karrierestufen teil. Sieben von zehn Befragten gaben an, Wissenschaftsfeindlichkeit habe in den vergangenen Jahren zugenommen. Besonders häufig geraten demnach Forschende aus den Geistes- und Naturwissenschaften unter Druck. In den Lebenswissenschaften – etwa Medizin oder Biologie – kommt es überdurchschnittlich oft zu schweren Angriffen wie Drohungen. Fast jede zweite befragte Person gab an, Ziel von Angriffen gewesen zu sein. Am häufigsten erleben Forschende, dass ihre Kompetenz infrage gestellt, ihre Arbeit abgewertet oder sie in öffentlichen Debatten – vor allem in sozialen Medien – gezielt angegriffen werden.

Dezember 2025

Marburg/Hessen: An der Philipps-Universität in Marburg werden auf zwei Herrentoiletten Morddrohungen gegen eine Wissenschaftlerin hinterlassen. Die Hochschulleitung reagiert schnell, beseitigt die Drohungen und schaltet die Ermittlungsbehörden ein.

Was diese Zahlen konkret bedeuten, zeigt der Fall von Näser-Lather, die mittlerweile als Professorin an der Universität Innsbruck tätig ist. Zwischen 2017 und 2020 arbeitete sie an der Universität Marburg im interdisziplinären Forschungsprojekt „Reverse“, das sich mit den Akteuren von Antifeminismus, ihrem Diskurs und den Adressaten ihrer Botschaften beschäftigte. Bereits als die Uni in einer Pressemitteilung bekanntgab, dass das Projekt rund eine Million Euro Fördermittel vom Bund erhalten sollte, hätten die Angriffe begonnen, berichtet Näser-Lather. Vor allem Blogbeiträge aus dem rechten und „alternativen“ Spektrum hätten die Fördersumme skandalisiert und dem Forschungsvorhaben von Beginn an unterstellt, unwissenschaftlich zu sein.

„Gewaltandrohungen gegen ein Hochschulmitglied sind verwerflich. Sie sind nicht nur ein Angriff auf einen Menschen, sondern auf unsere gesamte Universitätsgemeinschaft und auf die Freiheit der Wissenschaft.“

Thomas Nauss

Der Leiterin des Projekts, Annette Henninger, sei vorgeworfen worden, sie habe ihre Professur durch Korruption erlangt. Näser-Lather selbst sei als „Schachfigur der Amadeu Antonio Stiftung“ diffamiert worden. Zudem sei das Gerücht verbreitet worden, sie sei gezielt eingesetzt worden, um die Betreiberin eines der Blogs zu diskreditieren. Diese reichte – erfolglos – Klage ein, nachdem Näser-Lather das Portal als Teil rechtspopulistischer und rechter Netzwerke eingeordnet hatte.

Wie real diese Eskalationsstufe ist, zeigt ein aktueller Fall aus Marburg

Der Fall Näser-Lather bestätigt die Ergebnisse der DZHW-Studie: Häufig bleibt es nicht bei Spott oder Trolling. Forschende berichten von Hate Speech, Einschüchterungen und Drohungen. In einzelnen Fällen kommt es auch zu Gewaltandrohungen. Solche schweren Angriffe sind seltener als verbale Herabsetzungen, machen aber dennoch rund ein Sechstel aller gemeldeten Vorfälle aus.

Wie real diese Eskalationsstufe ist, zeigt ein aktueller Fall aus Marburg. In zwei Gebäuden der Philipps-Universität wurden Mitte Dezember 2025 auf Herrentoiletten Morddrohungen gegen eine Wissenschaftlerin hinterlassen. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln gegen unbekannt. In einer Stellungnahme teilte Uni-Präsident Thomas Nauss mit, es habe in den vergangenen Jahren wiederholt „wissenschaftsfeindliche und antifeministische Angriffe“ gegeben. Mit den „dehumanisierenden Morddrohungen gegen eine Wissenschaftlerin“ sei nun eine neue Eskalationsstufe erreicht. Solche Drohungen seien „nicht nur ein Angriff auf einen Menschen, sondern auf die gesamte Universitätsgemeinschaft und auf die Freiheit der Wissenschaft“.

Gegenüber dem WEISSER RING Magazin sagt eine Sprecherin der Universität, die Hochschulleitung habe schnell reagiert: Die Drohungen seien entfernt, Ermittlungsbehörden eingeschaltet worden. Zum genauen Inhalt der Drohungen, zur betroffenen Person und zu konkreten Sicherheitsmaßnahmen äußert sie sich nicht. Es habe jedoch interne und externe Unterstützungsangebote gegeben.

Grundsätzlich sieht die Universität Marburg digitale Gewalt und Hate Speech als wachsendes Problem. Sie positioniere sich öffentlich gegen Wissenschaftsfeindlichkeit, erfasse Vorfälle systematisch und biete anonyme Meldemöglichkeiten sowie Informationen zum Umgang mit Bedrohungen an, sagt die Sprecherin. Präventiv setze die Hochschule auf Schulungen, Antidiskriminierungsarbeit und Kooperationen mit externen Partnern wie Scicomm-Support, dem WEISSEN RING oder Beratungsstellen gegen Hass und Hetze.

Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung:

45 %

der Befragten geben an, mindestens eine Form von Wissenschaftsfeindlichkeit erlebt zu haben.

10 %

der Angriffe sind schwer. Darunter fallen zum Beispiel Vandalismus oder Todesdrohungen.

51 %

sind Geisteswissenschaften stärker von Anfeindungen betroffen als andere Fächer.

Digitale Gewalt und Hate Speech als wachsendes Problem

Auch Friedemann Weber hat Morddrohungen erhalten. Er ist Leiter des Instituts für Virologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen und forscht seit dem ersten SARS-Studie Ausbruch zu Coronaviren. Angriffe von Impfgegnern seien für ihn nichts Neues, sagt Weber. Doch zu Beginn der Corona-Pandemie hätten die Drohungen deutlich zugenommen. Eine Morddrohung per E-Mail meldete er der Universität und der Polizei, ohne dass der Urheber ermittelt werden konnte. In einem anderen Fall habe ein Anrufer nacheinander allen Mitarbeitenden des Instituts telefonisch mit einem Messerangriff gedroht, woraufhin die Telefonnummer abgeschaltet worden sei. Dass seine Mitarbeitenden mit solchen Drohungen konfrontiert waren, habe er als „schlimm“ empfunden. Ihn selbst hätten sie weder abgeschreckt noch nachhaltig beeindruckt. Unterstützung habe er unter anderem bei HateAid und einer befreundeten Anwältin erhalten. Gleichzeitig, betont Weber, seien die meisten Rückmeldungen ernsthafte Nachfragen und positive Reaktionen gewesen. Das bestärke ihn in der Ansicht, dass die Mehrheit der Menschen vernünftig sei.

Insgesamt sei er „glimpflich davongekommen“, sagt Weber – vor allem im Vergleich zu Christian Drosten. Der bundesweit bekannte Virologe wird bis heute massiv angegriffen. Vor allem die AfD versucht ihn politisch vorzuführen. Er hatte die Pandemie wie kaum ein anderer verständlich erklärt, insbesondere im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“. Damals, sagt Weber, habe er den Eindruck gehabt, Drosten stehe weitgehend allein. Gerade aus den eigenen Reihen hätte es mehr Unterstützung geben müssen.

Juni 2022

Wesenberg/Mecklenburg-Vorpommern: Der Virologe Christian Drosten wird auf einem Campingplatz verbal angegriffen und als „Massenmörder“ und „Verbrecher“ beschimpft. Zwei Jahre später werden die Täter – ein Mann und seine Ehefrau – zu Geldstrafen verurteilt.

Näser-Lather berichtet, sie habe sich während der Angriffe von ihrem Team und den Fachgesellschaften unterstützt gefühlt. Vonseiten der Universität hätte sie sich jedoch mehr juristische und psychologische Hilfe gewünscht. Heute gebe es Anlaufstellen wie Scicomm, die Forschenden gezielt zur Seite stehen. „Wenn es Scicomm damals schon gegeben hätte, wäre ich wirklich froh gewesen“, sagt sie. Der Scicomm-Support ist die Anlaufstelle bei Angriffen auf Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation. Sie entstand im Herbst 2021, nachdem Anfeindungen gegen Forschende und Hochschulen deutlich zugenommen hatten, ohne dass es dafür spezialisierte Hilfsangebote gab. Als Kontaktstelle für Deutschland, Österreich und die Schweiz berät Scicomm in ganz verschiedenen Fällen, von Hasskommentaren in sozialen Medien bis hin zu akuten Bedrohungslagen, und schult Forschende sowie Forschungseinrichtungen. Initiiert vom Bundesverband Hochschulkommunikation und mit „Wissenschaft im Dialog“ aufgebaut, nahm Scicomm 2023 seine Arbeit auf. Seit dem vergangenen Jahr ist die Organisation als gemeinnütziger Verein eigenständig und wird aus Fördermitteln von vier Stiftungen sowie aus dem Bundeshaushalt finanziert. Für Betroffene ist das Angebot kostenfrei.

Viele Betroffene erleben Angst, Stress oder ziehen sich aus der Öffentlichkeit zurück

Nach Beobachtung von Scicomm haben Angriffe oft ihren Ausgangspunkt in öffentlichen Auftritten von Forschenden, insbesondere zu kontroversen Themen. Aussagen, erklärt ein Scicomm-Sprecher, würden aus dem Zusammenhang gerissen, verzerrt weiterverbreitet und von populistischen oder interessengeleiteten Akteuren instrumentalisiert. Die Anfeindungen reichten vom Infragestellen wissenschaftlicher Kompetenz bis hin zu Drohungen und Gewalt. Die Folgen für die Betroffenen seien gravierend: Viele erlebten Angst, Stress oder zögen sich aus der Öffentlichkeit zurück. Damit gerieten nicht nur einzelne Karrieren, sondern auch Wissenschaftsfreiheit und demokratische Meinungsbildung unter Druck. Scicomm fordert deshalb, Angriffe auf die Wissenschaft ernst zu nehmen, Schutzstrukturen auszubauen und für die Freiheit von Forschung und Lehre einzustehen.

„Vor allem aus dem rechten und rechtspopulistischen Spektrum sind es gezielte Strategien, um Diskurshegemonie zu erlangen und das Spektrum des Sagbaren ständig zu erweitern.“

Marion Näser-Lather

Die Folgen der Anfeindungen sind nach Angaben des Scicomm-Sprechers vielfältig, etwa orchestrierte Kampagnen oder individuelle Bedrohungssituationen bei öffentlichen Veranstaltungen. Aus der praktischen, aber nicht repräsentativen Erfahrung im Scicomm-Support ließen sich drei Schwerpunkte bei den Verursachern der Angriffe identifizieren: Einzelpersonen, die die Tragweite ihres Handels nicht einschätzen könnten. Menschen, die sich in der Regel untereinander nicht kennen, aber durch gemeinsame Überzeugungen wie das Leugnen des Klimawandels verbunden seien. Und Gruppen, die gezielt versuchten, wissenschaftliche Stimmen zum Schweigen zu bringen, um eigene Interessen durchzusetzen.

Als Beispiel nennt Scicomm Angriffe, die von „tendenziösen oder rechtspopulistischen Medien oder Blogs für die eigene Berichterstattung“ genutzt werden. Häufig würden dafür Aussagen verzerrt oder aus dem Zusammenhang gerissen, „um Stimmung zu machen und Reichweite zu generieren“.

Für Marion Näser-Lather sind die Angriffe, die sie erlebt hat, Ausdruck einer allgemeinen Zunahme von Wissenschaftsfeindlichkeit. Besonders betroffen seien Disziplinen, deren Forschung „geeignet ist, Menschen zu verunsichern oder ihre Art zu leben infrage zu stellen“. Hinzu kämen gesellschaftliche Polarisierung, Fake News und abgeschottete Öffentlichkeiten. Vor allem aus dem rechten und rechtspopulistischen Spektrum erkennt sie gezielte Strategien, „Diskurshegemonie zu erlangen“ und das „Spektrum des Sagbaren ständig zu erweitern“. Als Beispiel nennt die Forscherin „menschenfeindliche Positionen“, die sukzessive normalisiert werden sollen. Dies betreffe nicht nur die Wissenschaft, sondern zunehmend auch Medien und Kultur.

Forscherin empfiehlt, auf gezielte Provokationen nicht einzugehen

Jungen Forschenden empfiehlt Marion Näser-Lather, sich mit Blick auf die eigene Resilienz der Risiken bewusst zu sein, zugleich aber ihre öffentliche Stimme nicht zu verlieren. Sie sollten zudem auf öffentliche Reaktionen auf ihre Aussagen vorbereitet sein. Entscheidend seien frühzeitig entwickelte Schutzkonzepte, rechtliche und psychologische Unterstützung sowie kollegiale Solidarität für die Betroffenen. Besonders wichtig sei es, auf gezielte Provokationen nicht einzugehen: „Denen geht es nicht um Dialog“, sagt sie. Jede Reaktion werde erneut „dekontextualisiert und verzerrt“.

„Liebesbetrüger“ erbeuten mindestens 50 Millionen Euro

Erstellt am: Dienstag, 24. März 2026 von Sabine

„Liebesbetrüger“ erbeuten mindestens 50 Millionen Euro

Durch Love-Scam („Liebesbetrug“) haben Betroffene in Deutschland im Jahr 2024 mindestens 50 Millionen Euro verloren. Das ergab eine Umfrage des WEISSER RING Magazins bei allen 16 Landeskriminalämtern.

Die Zahlen sind aus dem Jahr 2024. *Bayern, Bremen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und das Saarland konnten keine Daten vorlegen. Quelle: Umfrage des WEISSER RING Magazins bei allen 16 Landeskriminalämtern.

Love-Scams sind der Heiratsschwindel des digitalen Zeitalters: Betrüger suchen ihre Opfer vor allem auf Dating-Plattformen, in sozialen Netzwerken oder per E-Mail. Über Nachrichten bauen sie wochen- oder monatelang Vertrauen auf, sprechen von Gefühlen, spielen dann eine Notlage vor und drängen auf Überweisungen oder Geschenkkarten.

Mit dieser Masche erbeuten sie viele Millionen Euro, wie die Länderumfrage zeigt. Demnach betrug der Schaden durch Love-Scams allein in Baden-Württemberg im Jahr 2024 rund 18 Millionen Euro. Sachsen-Anhalt meldet für das Jahr Verluste in Höhe von insgesamt 1,6 Millionen Euro, im Jahr 2020 waren es noch knapp 786.000 Euro. In Mecklenburg-Vorpommern wuchs der Schaden von rund 330.000 Euro im Jahr 2022 auf mehr als 2,1 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Online-Liebesbetrug war in dem Bundesland die ertragreichste Masche aller polizeilich registrierten Trickbetrügereien, die in der Summe einen Schaden von 6,5 Millionen Euro verursachten.

Info

Das Phänomen Love-Scam wird in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) nicht gesondert erfasst, sondern findet sich in der Regel als Variante im Bereich der allgemeinen Betrugsdelikte im Strafgesetzbuch (StGB) nach § 263.

Auch die Fallzahlen steigen: In Sachsen-Anhalt hat sich die Zahl der erfassten Love-Scams seit 2020 mehr als verdoppelt, von 71 auf 153. In Berlin gab es 2024 insgesamt 433 angezeigte Taten mit einem gemeldeten Schaden von Rund 5,62 Millionen Euro, ein Jahr später waren es 560 Fälle mit einem Schaden von 5,68 Millionen Euro. In Hessen stieg die Zahl von 34 im Jahr 2019 auf 52 im Jahr 2024. Mögliche Erklärungen: Die fortschreitende Digitalisierung führt dazu, dass sich immer größere Teile des sozialen Lebens in den digitalen Raum verlagern, wo die Täter ihre Opfer suchen. KI-Bots ermöglichen es den Tätern, unzählige Konversationen gleichzeitig zu führen, die sprachlich glaubwürdiger wirken als früher. Das LKA Berlin schreibt, dass verstärkte Prävention und Aufklärung über die Betrugsmasche die Anzeigenbereitschaft von Betroffenen gesteigert haben könnte.

Pro Fall entsteht Betroffenen in Nordrhein-Westfalen nach LKA-Angaben häufig ein finanzieller Schaden im vier- bis sechsstelligen Bereich. Das LKA Sachsen-Anhalt beobachtet, dass die Opfer vorrangig weiblichen Geschlechts und älter als 40 Jahre waren. Doch auch Männer sind vor der Betrugsmasche nicht gefeit: In Baden-Württemberg meldete die Kreispolizeibehörde in Aalen im Januar 2025, dass ein Mann einer angeblichen Notfallärztin eines Militärcamps im Jemen insgesamt rund 2,3 Millionen Euro überwiesen hat. Der Mann hatte die angebliche Geliebte auf einer Dating-Plattform kennengelernt.

Bis auf Bayern, Bremen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und das Saarland haben alle Landeskriminalämter dem WEISSER RING Magazin Daten bereitgestellt. Die Zahlen stammen hauptsächlich aus der Eingangsstatistik der polizeilichen Auskunftssysteme. Sie geben Hinweise auf die Dimension von Love-Scam in Deutschland und die Entwicklung in den vergangenen Jahren. Allerdings sind sie nicht als abschließend zu werten. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) nimmt keine detaillierte Aufschlüsselung nach dem Modus Operandi vor: Love-Scams fallen in der Regel unter Betrugsstraftaten nach § 263 StGB. Manche Polizeibehörden markieren intern Fallmerkmale oder Betrugsmaschen, andere nicht. Darüber hinaus ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, da Scham oder Angst vor Blamage viele Opfer davon abhält, Anzeige zu erstatten. Das LKA Hamburg schreibt: „Nicht selten werden Taten erst durch die Initiative von Bekannten oder nahen Verwandten bekannt und angezeigt.

Der Traum vom großen Geld

Erstellt am: Dienstag, 24. März 2026 von Sabine

Der Traum vom großen Geld

Eine vermeintlich lukrative Investition stellt sich als perfide Betrugsmasche heraus. Auch der WEISSE RING hat immer öfter mit Opfern von Cyberbetrug zu tun.

Zu Beginn zahlen Kryptobetrüger schon mal kleine Gewinne aus, um sich Vertrauen zu erschleichen.

Der Finanzberater nennt sich „Oliver Gibson“. Sein Profilfoto auf WhatsApp zeigt einen jungen Mann in einem blauen Jackett, er blättert in einem Buch. Im Oktober 2024 macht er Tahir Aboumri (Name geändert) ein verlockendes Angebot: Wenn er 250 Euro in eine Kryptowährung investiere, werde sich das Geld innerhalb kürzester Zeit vervielfachen. Ein kleiner Betrag reiche; die Gewinnspanne sei unendlich.

Ein Arbeitskollege hatte dem 53-Jährigen von dem Angebot erzählt. Aboumri arbeitet in einer Asylbewerberunterkunft in Osnabrück im Sicherheitsdienst. Er ist im Irak aufgewachsen und lebt seit 2002 in Deutschland. Mit seiner Frau hat er einen siebenjährigen Sohn. „Das Geld hätte unsere Familie gut gebrauchen können“, sagt er. „Wahrscheinlich war ich deshalb so gutgläubig.“

An einem Montag im November will Aboumri dem WEISSER RING Magazin in einem Videotelefonat erzählen, was ihm widerfahren ist. Nervös schiebt er seine Brille auf dem Nasenrücken hoch. Er räuspert sich und blättert immer wieder in seinen Unterlagen, bevor er antwortet. Tahir Aboumri will, das sei ihm ein Anliegen, die Zusammenhänge und Zahlen korrekt wiedergeben.

Die Gewinne werden Aboumri in der fingierten Krypto-Börse angezeigt

Im Herbst 2024 eröffnen Aboumri und seine Frau unter der Anleitung des vermeintlichen Finanzberaters ein Wallet, ein Konto auf einer Börse, auf der man mit Kryptowährungen handeln kann. Diese digitalen Währungen funktionieren unabhängig von Banken und werden über spezielle Plattformen verwaltet. Aboumri und seine Frau legen insgesamt 250 Euro in Ethereum (ETH) an.

Am Anfang läuft scheinbar alles nach Plan. „Herr Gibson“ informiert Aboumri fleißig und sogar unaufgefordert per Mail über erste Gewinne, rund 300 Euro sind es im ersten Monat – der Einsatz hat sich mehr als verdoppelt. Seine Frau und er sind so begeistert, dass sie sofort mehr investieren wollen. Zunächst kratzen sie ihre Ersparnisse zusammen und überweisen 5.000 Euro. „In drei Tagen hat sich der Wert mehr als verdreifacht“, erinnert sich Aboumri. 17.000 Euro, so hat es Gibson geschrieben.

„Das Geld hätte unsere Familie gut gebrauchen können. Wahrscheinlich war ich deshalb so gutgläubig.“

Also macht Aboumri weiter, leiht sich später auch Geld von Verwandten. Wo kann man schließlich so schnell und so leicht etwas verdienen? Aboumri beteuert, er habe zu keinem Zeitpunkt an der Aufrichtigkeit von Gibson gezweifelt. Regelmäßig informiert ihn der angebliche Finanzberater über seine Gewinne, in Mails, die vorgeblich im Namen und mit dem Logo der bekannten, real existierenden Krypto-Börse verschickt worden sind. Nach ein paar Monaten informiert Gibson Aboumri, dass er rund 140.000 US-Dollar Gewinn gemacht habe, später folgt eine weitere Nachricht: Der Gewinn sei nun sogar auf 230.000 Dollar gestiegen. Monate später entpuppt sich die Investition als perfider Betrug.

Heute weiß Aboumri: Die Masche läuft immer ähnlich. Jemand, der sich als Finanzberater oder Broker ausgibt, kontaktiert potenzielle Opfer per E-Mail und in den sozialen Netzwerken, leitet sie danach telefonisch und per Messenger an. Gemeinsam richten sie mit den Opfern ein Wallet ein, das sie dann manipulieren. So auch bei Aboumri: Wenn er sich einloggte, wurden ihm Gewinne angezeigt, die nie existierten. Die Betrüger hatten außerdem Zugriff auf seine Bankdaten.

Tatorte 2.0

KI treibt digitale Angriffe in die Höhe: Von modernem Heiratsschwindel bis raffiniertem Datendiebstahl.

Die Einstiegsinvestition ist in der Regel niedrig, manchmal zahlen die Betrüger sogar einen ersten kleineren Gewinnbetrag an die Opfer aus. So bauen sie ein Vertrauensverhältnis auf und kommen dabei häufig an personenbezogene Daten wie Personalausweise oder Kontodaten. Sie kundschaften aus, wie viel Geld von möglichen Opfern zu holen ist, ob jemand ein Haus als Sicherheit besitzt oder wie kreditwürdig er ist. Mit fiktiven Kontoständen und angeblichen Kurssteigerungen bringen sie ihre Opfer dazu, immer mehr Geld zu investieren. Ihr Vorgehen ist professionell und geschickt, die Kommunikation erfolgt direkt, mit persönlichen „Betreuern“, über Messengerdienste und oft mit Telefonnummern aus Deutschland, was zusätzlich Sicherheit vorgaukeln soll. Oft schalten die Betrüger Werbeanzeigen mit Fotos von Prominenten, in Aboumris Fall mit einem Bild vom angeblichen Markenbotschafter Günther Jauch.

Bald sind alle Ersparnisse aufgebraucht

Als sich Aboumri zum ersten Mal seinen Gewinn auszahlen lassen will, halten ihn die Betrüger hin. Sie fordern ihn auf, zunächst noch mehr Geld zu überweisen: für Provisionen und diverse Gebühren. Knapp 5.000 Euro soll er zahlen, um ein Konto zu eröffnen, auf dem die Auszahlung ausschließlich möglich sein soll. 10.000 Euro würden als „Handelsabgabe an die Unabhängige Brokervereinigung“ benötigt. Die angeblichen Gewinne sind immer wieder an weitere Zahlungen geknüpft.

Cyberkriminalität hat viele Facetten. Illustration: Ari Liloan

Sobald Aboumri zögert, drohen die Betrüger ihm mit einem Geldwäscheverfahren und hohen Strafen, die sie allerdings abwenden könnten, wenn er weitere 26.000 Euro zahle – von seinem Gewinn, auf den er aber noch keinen Zugriff hat. Darum soll er auch diesen Betrag vorstrecken. Aboumri zahlt weiter, solange er kann, um an den ersehnten Gewinn zu kommen. Irgendwann hat er nicht nur seine Ersparnisse aufgebraucht, sondern zudem hohe Schulden. Er hat Kredite bei zwei Banken aufgenommen, dazu kommen private Darlehen von seiner Schwiegermutter, seinem Schwager und seinem Bruder. „Ich dachte, so komme ich endlich an mein Geld“, sagt er. Als er Anfang 2025 kein Geld mehr auftreiben kann, verschärfen die Betrüger ihren Ton, beginnen, ihm zu drohen. „Da habe ich zum ersten Mal Angst bekommen“, sagt Aboumri. Er blockiert die Anrufe und Nachrichten des angeblichen Finanzberaters und geht zur Polizei.

Der Betrug mit Kryptowährungen ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Experten zufolge sollen allein 2024 weltweit Schäden in Höhe von mehr als acht Milliarden Euro entstanden sein. Oft sind es Menschen, die unter finanziellem Druck stehen, die sich schnell und unkompliziert etwas dazuverdienen wollen. Viele verlieren dabei ihr gesamtes Erspartes oder verschulden sich. Es kann jeden erwischen. Aboumri hatte in seiner Heimat sogar als Informatiker gearbeitet. „Bis zum Ende habe ich Herrn Gibson geglaubt“, sagt er. „Dabei war alles gelogen.“ Rückblickend bezeichnet er sein Verhalten als „naiv“ und „gierig“.

Mehr als 100.000 Euro hat Tahir Aboumri verloren. Kontoauszüge und E-Mails hat er akribisch gespeichert (sie liegen der Redaktion vor), doch als er im März 2025 Anzeige bei der Polizei Osnabrück erstattet, macht man ihm wenig Hoffnung. Die Aussichten, das Geld zurückzubekommen, seien gering, sagen ihm die Beamten direkt. „Für mich war das ein Schock“, sagt er.

Die Schulden wird Aboumri noch viele Jahre abzahlen müssen

Heute habe er seine Lage akzeptiert, sagt Aboumri. „Ich muss mit meinem Fehler leben, aber für mich und meine Familie ist das ein schwerer Schlag. Wir kämpfen seither mit großen finanziellen und psychischen Belastungen.“ Die erste Zeit habe er nicht schlafen können, sein Sohn habe stark abgenommen. Das Geld ist knapp, vor allem am Ende des Monats. Die Anwälte, die er anschrieb, gaben ihm wie die Polizei zu verstehen, dass er sein Geld nicht zurückbekommen werde. Wollte er es versuchen, kämen weitere Anwaltskosten auf ihn zu, die er nicht tragen könne.

Aboumri ist der Hauptverdiener in der Familie, er arbeitet zwölf Stunden am Tag für rund 2.700 Euro netto im Monat. Davon tilgt er monatlich knapp 500 Euro Kreditschulden bei den Banken, seinen Verwandten zahlt er alle zwei Monate niedrige vierstellige Beträge zurück. Er überlegt, Privatinsolvenz anzumelden.

Im Juni teilte ihm die Staatsanwaltschaft Osnabrück mit, dass sie das Verfahren eingestellt habe. Es sei „nicht möglich“, heißt es in dem Schreiben, die Täter zu ermitteln, weil diese erfundene oder missbräuchlich verwendete Echtdaten benutzt hätten. „Damit muss ich jetzt leben“, sagt Aboumri. Viele Opfer von Kryptowährungsbetrug schweigen, aus Scham darüber, dass sie auf eine Betrugsmasche hereingefallen sind, dass sie unbedacht gehandelt haben, wie auch Abroumi einräumt.

Doch er möchte seine Geschichte öffentlich machen, „um andere Bürgerinnen und Bürger zu warnen und darauf hinzuweisen“, sagt er. „Und um die Behörden zu sensibilisieren, dass sie mehr für die Unterstützung der Opfer und die Verfolgung von Tätern tun sollten.“

Die wichtigsten Tipps zur Prävention

Verwenden Sie starke, einzigartige Passwörter sowie einen Passwortmanager oder Passkeys; für besonders sensible Konten empfiehlt sich eine Zwei-Faktor-Authentifizierung.

Bewegen Sie sich nur auf sicheren Seiten, achten Sie auf das „s“ in https://. Teilen Sie keine sensiblen Inhalte und gehen Sie sparsam mit persönlichen Informationen um.

Seien Sie misstrauisch bei unbekannten Absendern und Kontaktanfragen.

Überprüfen Sie den Absender beim Öffnen von E-Mail-Anhängen und Links. Vermeiden Sie öffentliche WLAN-Netze.

Schließen Sie Sicherheitslücken durch regelmäßige Software-Updates und nutzen Sie eine Firewall.

Wenn schon etwas passiert ist: Ändern Sie alle Passwörter Ihrer Online-Konten, insbesondere des betroffenen Accounts.

Sperren Sie alle betroffenen Bankkonten und -karten. Versuchen Sie, getätigte Überweisungen zu stoppen.

Sichern Sie Beweise wie Chatverläufe, E-Mails und Transaktionsnachweise. Für möglichst rechtssichere Screenshots gibt es hilfreiche Tipps von unserem Netzwerkpartner HateAid: https://hateaid.org/rechtssichere-screenshots/

Erstatten Sie Anzeige bei der Polizei. Nehmen Sie, wenn nötig, professionelle Hilfe in Anspruch wie z. B. IT-Sicherheitsexpertise, juristische oder psychologische Unterstützung.

Zusammengestellt von Anne Werner und Céline Sturm, Referentinnen der Kriminalprävention des WEISSEN RINGS

Tatorte 2.0

Erstellt am: Dienstag, 24. März 2026 von Sabine

Tatorte 2.0

Hinter Angriffen in der digitalen Welt stecken oft hochspezialisierte Kriminelle. Die Gefahren sind vielfältig. Doch jeder kann sich schützen, und Ermittlungsbehörden schaffen es regelmäßig, der neuen Organisierten Kriminalität empfindliche Schläge zu versetzen. Allerdings verschärft KI die Gefahr durch Cyberattacken. Fachleute fordern, den Kampf dagegen und die Prävention deutlich zu verstärken.

Cyberkriminelle können auf einen prall gefüllten Werkzeugkasten zurückgreifen. Und je digitaler die Gesellschaft wird, desto ausgefeilter werden die Methoden.

Szenen aus dem Landgericht Oldenburg

Sie war Unternehmerin und Kommunalpolitikerin, hatte ein eigenes Haus und ein gutes Verhältnis zu ihrem Sohn, engagierte sich als Schöffin. Jetzt sitzt die 77-Jährige auf dem Zeugenstuhl im großen, holzvertäfelten Saal des Landgerichts Oldenburg und sagt: „Ich habe nix mehr.“ Und: „Ich habe daran gedacht, mir das Leben zu nehmen.“ Sie spricht hektisch, springt während ihrer Aussage gedanklich hin und her, seufzt. Alles begann damit, dass „der Markus Söder“ ihr erst auf Facebook und dann über WhatsApp schrieb – so, wie es andere bayerische Politiker zuvor tatsächlich getan hätten. Sie tauschte sich mit dem angeblichen Söder länger aus, auch über Politik. Irgendwann bat er sie, Geld nach Ghana zu schicken, um damit, so der Vorwand, einen hohen Betrag auf einem Konto sichern und in die USA transferieren zu können. Zwar sei er reich, doch seine Ehefrau dürfe nichts davon mitbekommen. Deshalb die Bitte.

Insgesamt überwies sie so viel, dass sie schließlich ihr Haus verlor. Alles habe zusammengepasst: „Es gab so viele Parallelen zu Söder. Ich bin überhaupt nicht mehr da rausgekommen.“ Dass sie sogar Einlagen aus der Firma zog,  brachte ihr nicht nur eine Verurteilung ein, sondern zerstörte auch das Verhältnis zu ihrem Sohn, der ebenfalls in dem Unternehmen aktiv war. Ihre Schulden beziffert sie auf etwa eine halbe Million Euro.

Links und rechts von ihr sitzen die Angeklagten und nehmen die ins Englische übersetzten Worte der 77-Jährigen, wenn überhaupt, meistens regungslos und manchmal kopfschüttelnd zur Kenntnis. Den 43 bis 49 Jahre alten Männern, die Kapuzenpullover tragen, werden insbesondere Betrug, Geldwäsche und die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen, der nigerianischen Bruderschaft „Black Axe“. Diese begann als studentische Bewegung gegen Unterdrückung, wird aber mittlerweile als mafiöse Organisation eingestuft. Die Angeklagten sollen zahlreiche Opfer im In- und Ausland vor allem von Bremen und Delmenhorst aus unter anderem mit Love-Scams ausgenommen haben.

Kapitel I: Der Werkzeugkasten

Ob sie einen Staat attackieren, ein mittelständisches Unternehmen oder Büroangestellte: Cyberkriminelle greifen in einen vollen Werkzeugkasten mit manipulierten Inhalten und psychologischen Tricks. „Wir beobachten seit Jahren eine zunehmende Professionalisierung und Spezialisierung der Cyberkriminalität. Angriffe sind weniger zufällig, sondern zunehmend zielgerichtet, wirtschaftlich motiviert und arbeitsteilig organisiert“, sagt Christian Rossow, Professor für IT-Sicherheit und leitender Wissenschaftler am CISPA Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit. Ransomware bleibe „die prägende Bedrohung im Cyberraum und verursacht weiterhin erhebliche Schäden bei  Unternehmen und Privatpersonen“, erklärt ein Sprecher des Bundeskriminalamtes (BKA) auf Anfrage des WEISSER RING Magazins. Ransomware ist Erpressersoftware: Sie verschlüsselt Dateien oder sperrt den ganzen Rechner. Die Täter fordern anschließend Geld, damit Betroffene wieder an ihre Daten kommen. Jeden Tag werden in Deutschland zwei bis drei schwere Ransomware-Angriffe angezeigt. Sie können Unternehmen in ihrer Existenz bedrohen, die öffentliche Verwaltung lahmlegen oder die Patientenversorgung in Kliniken gefährden. In einer Umfrage des Branchenverbandes Bitkom gab 2025 mehr als jedes dritte Unternehmen an, in den vergangenen zwölf Monaten Opfer einer Ransomware-Attacke gewesen zu sein. Rund 80 Prozent der Angriffe richteten sich gegen kleine und mittlere Unternehmen. Jedes siebte zahlte Lösegeld, in Einzelfällen eine Million Euro und mehr. Der wirtschaftliche Schaden durch Cyberattacken in Deutschland betrug laut Bitkom im Jahr 2025 erstmals mehr als 200 Milliarden Euro.

„Wir beobachten seit Jahren eine zunehmende Professionalisierung und Spezialisierung der Cyberkriminalität.“

Prof. Christian Rossow

Häufig beginnen solche Angriffe mit einer E-Mail im Postfach. „Phishing ist und bleibt die größte Bedrohung für uns alle“, sagt Nora Kluger, Expertin für digitalen Verbraucherschutz beim Bundesamt für Sicherheit in der  Informationstechnik (BSI). Phishing meint unter anderem das „Abfischen“ von Passwörtern und Zugangsdaten zu Bankkonten, Firmennetzwerken, Online-Shops, Streaming-Diensten sowie von Kreditkartendaten. Täter locken mit manipulierten Webseiten, gefälschten E-Mails oder SMS und bringen Opfer dazu, ihre persönlichen Daten preiszugeben. Oder sie installieren sogenannte „Info-Stealer“ auf den Geräten der Betroffenen. Das sind Schadprogramme, die heimlich Passwörter, Kreditkartendaten oder Krypto-Wallets aus Browsern und Apps abgreifen.

Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hat seit Dezember 2010 einen „Phishing-Radar“. Mittlerweile werden dort täglich mehr als 1.000 verdächtige E-Mails gesammelt und ausgewertet, zum Start waren es knapp 20 E-Mails. „Es gibt unzählige gefährliche Betrugsmethoden“, sagt Dr. Ralf Scherfling, Referent bei der Verbraucherzentrale. Regelmäßig missbrauchen Verbrecher die Namen von Zahlungsdienstleistern wie PayPal und von Onlinehändlern wie Amazon. Ebenfalls gerne genommen: Telekommunikationsfirmen, Paketdienste, Banken, Streamingdienste.

Love-Scam

22. Januar 2026 / Kassel, Hessen: Eine Frau wird in Kassel mit einem Liebesbetrug um rund 14.000 Euro gebracht. Bei einer Seniorin bleibt es beim Versuch: Eine Internetbekanntschaft hat sich als reicher Mann im Ausland ausgegeben, sich ihr Vertrauen erschlichen und Geld verlangt. Sie alarmiert die Polizei.

Die Betrüger gehen auch inhaltlich mit der Zeit. „Seit Jahren erleben wir, dass mit aktuellen Themen immer wieder neue Betrugsmaschen aufkommen“, sagt Scherfling. Als die Energiepreise explodierten, tauchten Phishing-Mails zu angeblichen Entlastungspaketen auf. Mit Beginn des Ukraine-Kriegs versuchten Kriminelle, mit Spendenaufrufen Zahlungsdaten abzugreifen. Mit dem Aufkommen der QR-Codes entstand „Quishing“: Betrüger verteilen QR-Codes – auf vermeintlich amtlichen Schreiben, auf Strafzetteln oder sie überkleben die echten QR-Codes an Parkautomaten. Wer sie scannt, landet auf einer betrügerischen Webseite und soll Gebühren zahlen oder persönliche Daten eingeben.

Oft hacken Cyberkriminelle nicht die Computer, sondern die Köpfe. Sie arbeiten mit Druck und Tricks und nutzen menschliche Eigenschaften wie Vertrauen, Hilfsbereitschaft oder Angst vor Autoritäten aus. Sie bringen ihre Opfer dazu, Sicherheitsmaßnahmen zu umgehen, sensible Informationen freiwillig preiszugeben und Geld zu überweisen. Social Engineering heißt diese Manipulation. „Das zentrale Merkmal dieser Angriffe ist die Täuschung über die Identität und die Absicht des Täters“, erklärt Nora Kluger vom BSI. So geben sich Angreifer als Techniker oder Mitarbeiter eines bekannten Unternehmens aus. Sie verleiten ihre Opfer dazu, Anmelde- oder Kontoinformationen preiszugeben oder eine präparierte Webseite zu besuchen.

Während beim Phishing oft Zeitdruck im Vordergrund steht, gehen Cyberkriminelle bei sogenannten Love-Scams mit bedächtiger Raffinesse vor. Sie durchstreifen Dating- und Social-Media-Plattformen, um ihre Angriffsziele zu finden. Locken diese in private Messenger-Chats und weben über Wochen oder gar Monate hinweg ein Netz aus Illusionen. Diese Masche spielt mit einem zutiefst menschlichen Gefühl: der Hoffnung auf die große Liebe. Zunächst bauen die Betrüger eine scheinbare Nähe auf, um schließlich um Geld zu bitten – sei es als Darlehen, Investition oder als vorgestreckte Reisekosten für das erste Treffen.

Die Masche beschränkt sich nicht auf die Liebe. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht warnt eindringlich und zunehmend vor Anlagebetrug (Finance-Scam) über WhatsApp und Telegram.

„Sie wird nie wieder die Alte sein“

Eine Tochter erzählt, wie ihre Mutter Opfer eines Telefonbetrugs wurde – und wie das Verbrechen ihr Leben veränderte.

„Ich erinnere mich noch gut an den Morgen nach dem betrügerischen Anruf bei meiner Mutter. Es war der 29. Oktober 2025. Ich hatte mich gerade für einen Termin bei der Führerscheinstelle fertig gemacht, als mir meine  Schwester auf WhatsApp schrieb. Sie fragte, was bei mir los sei. Unsere Mutter habe ihr erzählt, ich hätte einen Unfall gehabt. Nein, antwortete ich ihr, bei mir ist alles in Ordnung!

Ich meldete mich bei meiner Mutter, die mir dann die ganze Geschichte erzählte. Ein Arzt habe sie angerufen und gesagt, ich hätte gerade ein 13-jähriges Mädchen überfahren, das jetzt tot sei. Jemand von der Staatsanwaltschaft sei schon da, ich müsse sofort ins Gefängnis. Meine Mutter hat gefragt, ob sie mich sprechen könne. Genau damit fing das Drama an. Sie dachte, sie spreche tatsächlich mit mir! Ich vermute, die Stimme war KI-generiert.

Eine weinerliche Frauenstimme sagte: ‚Mama, hilf mir!‘. Es sei etwas ganz Schlimmes passiert. Meine Mutter solle den Betrag zahlen, sie habe das Geld doch zu Hause. Sie hatte gerade für die Enkelkinder zu Weihnachten einen höheren Betrag abgehoben. Neben dieser Stimme, die meiner scheinbar glich, hatten die Betrüger also auch genau das richtige Zeitfenster erwischt, in dem tatsächlich Geld zu Hause war. Das ist uns zum Verhängnis geworden. Meine Mutter hat ihre Adresse rausgegeben und einem fremden Mann mit Maske eine höhere, fünfstellige Summe in einer Geldkassette gegeben.

Sie hätte alles für mich gegeben.

Meine Mutter stand unter Schock. Sie habe immer nur dieses tote Kind vor ihren Augen gesehen. Das war für sie das Schrecklichste überhaupt. Meine Mutter ist über 80 Jahre alt, lebt allein im betreuten Wohnen. Ich kümmere mich um sie.

‚Wenn meine Tochter jetzt ins Gefängnis muss, wer soll mich dann pflegen?‘ Auch solche Fragen sind ihr durch ihren Kopf gegangen. Insgesamt dauerte das betrügerische Telefonat eine Stunde und 56 Minuten, das muss man sich mal vorstellen! Das Geld ist weg, da bin ich mir sicher. Wir haben natürlich Anzeige erstattet, aber von der Polizei haben wir bisher nichts gehört.

Meine Mutter wird nie wieder die Alte sein. Körperlich nicht und psychisch auf gar keinen Fall. Sie ist leise geworden, zurückgezogener. Bei ihr ist durch diese Tat eine Welt zusammengebrochen. Diesen Schaden in der Seele bekomme ich nie wieder geradegerückt. Mir ist es eine Herzensangelegenheit, andere nun über solche Betrugsmaschen aufzuklären und eventuell davor zu schützen.“

„Wir sehen vor allem im Onlinebetrug eine Zunahme über Messengerdienste“, sagt ein Sprecher der Behörde. Dieser ist kein lizenzierter Anbieter bekannt, der sich über Gruppenchats an Anleger wendet. Kriminelle locken mit Anzeigen auf Plattformen in WhatsApp- und Telegram-Gruppen – mit Versprechen von kostenlosen Aktienempfehlungen und Börsenwissen. Manchmal zahlen sie kleine Gewinne aus, um sich Vertrauen zu erschleichen. Über Fake-Apps, auf denen Kurs-Charts blinken, gaukeln sie dann hohe Gewinne vor und animieren Opfer zu weiteren Investitionen.

Auch Jahre nach dem Schock sind Betrogene nicht sicher. Beim „Recovery-Scam“ melden sich Täter mit der Behauptung, das verlorene Geld sei gefunden oder sichergestellt worden. Bevor es zurückfließe, seien „Steuern“ oder „Gebühren“ fällig. Wer sich darauf einlässt, verliert abermals Geld.

Professionell wirkende Fake Shops locken derweil mit Sonderangeboten und drängen zur Vorkasse. „Geliefert wird dann entweder gar nicht oder nicht in der versprochenen Qualität“, sagt Dennis Romberg, der das Team Marktbeobachtung Digitales beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) leitet.

„Seit Jahren erleben wir, dass mit aktuellen Themen immer wieder neue Betrugsmaschen aufkommen.“

Dr. Ralf Scherfling

Die Kriminellen setzen auf Geiz und Gier

Zwischen Januar und November 2025 wurden in den Verbraucherzentralen mehr als 20.000 Beschwerden zum Thema Betrug erfasst – ein Plus von 42 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In der Datenbank des Fakeshop-Finders, einem Tool der Verbraucherzentrale NRW zur Prüfung von Onlineshops, stehen rund 100.000 identifizierte Fake Shops. Oft bieten sie genau das an, was Leute gerade suchen: im Frühling Gartengeräte, im Herbst Winterreifen. Ihre Kundschaft erreichen die Betrüger über Anzeigen auf Social Media oder in Suchmaschinen: „Die Fakeshops werben auf den großen Plattformen“, sagt Romberg. Der Digital Services Act verpflichtet diese dazu, Risiken ihres Geschäftsmodells zu erkennen und zu verringern. „Das funktioniert jedoch hinten und vorne nicht.“ Die Verbraucherzentralen melden solche Fake-Shop-Anzeigen als vertrauenswürdiger Hinweisgeber („Trusted Flagger“) offiziell bei Google, Meta und Co. Doch, so stellt Romberg fest: „Oft bleibt es bei einer Eingangsbestätigung.“

Phishing

20. Januar 2026 / Lengerich, Nordrhein-Westfalen: Zwei Frauen verlieren bei Verkäufen über Onlineportale Geld. Die Täter nutzen für die Abbuchungen gefälschte Bestätigungs-Mails und manipulierte Seiten. Die Frauen geben persönliche Daten und einen „Code“ ein, der sich als unberechtigter Abbuchungsbetrag entpuppt.

Kapitel II: Der Einsatz von KI

Während die Bedrohungen im digitalen Raum rasant zunehmen, stellt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) eine „wachsende digitale Sorglosigkeit“ fest. Vielen Menschen fehle aufgrund einer Art Gewöhnung das Bewusstsein, dass sie durchaus attraktive Ziele für Cyberangriffe sind. „Damit werden sie für Angreifer zur leichten Beute“, warnt Nora Kluger vom BSI. Gleichzeitig nutzen Cyberkriminelle inzwischen ein äußerst mächtiges Werkzeug: Künstliche Intelligenz (KI). „KI wird bereits jetzt eingesetzt, um Angriffsoperationen noch gezielter, effizienter und schwerer zuordenbar zu machen“, heißt es in den „Cyber Insights“ des Bundesamtes für Verfassungsschutz. „Deepfakes, automatisierte Phishing-Kampagnen und selbstlernende Schadsoftware sind nur einige Beispiele für neue Cybertools.“ Auch das Bundeskriminalamt (BKA) weist in seinem aktuellen Lagebild Cybercrime darauf hin, dass KI zunehmend zum Einsatz kommt. Die Polizei in NRW nennt es sogar: „Superkraft für Kriminelle“. Viele dieser digitalen Werkzeuge werden heute als Dienstleistung angeboten, etwa in Form von speziell trainierten KI-Anwendungen, die im Darknet gehandelt werden. „Auf diese Weise können auch weniger technisch versierte Täter komplexe Angriffe durchführen, indem sie einzelne Bausteine – Schadsoftware, Infrastruktur, Zugangsdaten – anmieten oder kaufen“, berichtet Markus Niesczery, Sprecher beim LKA in Nordrhein-Westfalen.

Mit generativer KI werden nach Angaben des BSI zum Beispiel Anleitungen erstellt, wie ein Ziel besonders gut angegriffen werden kann oder wie man Schadsoftware optimiert, damit sie von Virenscannern weniger leicht erkannt wird. Und seit der Einführung von ChatGPT und anderen generativen KI-Werkzeugen sind die Zeiten vorbei, in denen man Phishing-Mails an ihrer fehlerhaften Sprache erkennen konnte. Mittlerweile lassen sich in sekundenschnelle nicht nur fehlerfreie, sondern auch auf den Adressaten zugeschnittene Phishing-Mails erstellen – in riesigen Mengen und jeder Sprache. Ebenso können bei Love- und Finance-Scams emotional angepasste Nachrichten verfasst werden, um Chat-Beziehungen zu pflegen.

Fake Shops massenhaft ins Netz zu stellen, wird durch KI immer billiger. „Das sind mittlerweile Wegwerfprodukte, die man zu Tausenden im Darknet kaufen kann. Wir finden deshalb auch Fake Shops, die zu einem Verbund mit Hunderten, manchmal sogar Tausenden gehören, die alle von ein und demselben Betreiber stammen“, schildert Oliver Havlat, Leiter des Fakeshop-Finder-Projekts bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Durch KI lassen sich gefälschte Bilder von Produkten, vermeintlichen „Shop-Teams“ oder Ladengeschäften schnell erzeugen.

Anlagebetrug

13. Januar 2026 / Oberbergischer Kreis, Nordrhein-Westfalen: Eine 64-Jährige verliert eine hohe sechsstellige Summe an Betrüger. Nach Eintritt in eine scheinbar seriöse WhatsApp-Anlagegruppe investiert sie zunächst kleine Beträge in Krypto-Währungen, am 6. Januar einen mittleren sechsstelligen Betrag. Am 7. Januar ist ihr Krypto-Wallet auf null.

Täuschend echte Simulationen

Täter nutzen KI-Systeme, um Bilder, Stimmen oder Videos existierender Personen zu imitieren, sie verwenden Material aus sozialen Medien. Mit den gestohlenen Identitäten durchlaufen sie das Video-Ident-Verfahren, eröffnen Konten, schließen Verträge ab oder beantragen Kreditkarten, um Waren auf Kosten der Geschädigten zu kaufen. „Wir gehen davon aus, dass die Anzahl glaubwürdiger Täuschungen durch generative KI ansteigt“, sagt Nora Kluger.

Tonaufnahmen gewinnen für Cyberkriminelle an Bedeutung. Personalisierte Deepfakes von Stars, die mit vermeintlichen persönlichen Treffen bei Fans werben, gehören bereits zum Repertoire. Über Social-Media-Accounts und  andere öffentliche Profile kundschaften Verbrecher die Vorlieben potenzieller Opfer aus. Die Bundesnetzagentur berichtet zudem von Einzelfällen, in denen synthetische Stimmen für eine Betrugsmasche genutzt wurden, die „CEO Fraud“ oder „Fake President“ genannt wird. Dabei bauen die Täter mit der „echten“ Stimme des Chefs telefonisch Druck auf, um Mitarbeiter dazu zu drängen, Firmengeld zu überweisen.

„KI wird bereits jetzt eingesetzt, um Angriffsoperationen noch gezielter, effizienter und schwerer zuordenbar zu machen.“

Bundesamt für Verfassungsschutz

Der KI-Einsatz durch Betrüger schlägt sich auch in den Zahlen von Versicherungen nieder: Nach einer Hochrechnung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft werden die Schäden in der  Vertrauensschadenversicherung – die Unternehmen unter anderem nach Betrugsfällen entschädigt – 2025 auf mehr als 200 Millionen Euro steigen. Im Vergleich zum Vorjahr wäre das ein Anstieg um 20 Prozent. Auch die  Versicherungen selbst sind betroffen: Nach Angaben des BSI ergreifen Versicherungsunternehmen zunehmend Maßnahmen, um sich vor Schäden durch KI-generierte Bilder und Videos zu schützen, die bei Versicherungsbetrug durch gefälschte Schadensmeldungen eingereicht werden. Nach Ansicht des BSI ist das ein deutlicher Hinweis auf eine starke Zunahme KI-generierter Fälschungen.

Kapitel III: Die „alte“ Mafia

In eine Zwickmühle geraten Ermittlerinnen und Ermittler, wenn es ihnen gelingt, Kriminelle abzuhören, die sich sicher fühlen. Das gelang zum Beispiel mit verschlüsselten – und geknackten – Messengern, wie etwa ANOM, über die Gangster Drogendeals im Tonnenbereich organisierten. Es gelang aber auch in einem kleinen Ort in Kalabrien. Ein Boss der ‚Ndrangheta, der kalabrischen Mafia, lebte dort. Sein Clan ist auch in Deutschland aktiv. Der Boss lud über längere Zeit hinweg Leute in seine Kellerbar und soll mit ihnen über den Handel und Schmuggel von Mineralölprodukten, über Diebstähle und Immobiliengeschäfte, über die Rangordnung in seiner Organisation und über  rivalisierende Clans gesprochen haben. Er ahnte wohl kaum, dass es Fahndern gelungen war, Wanzen in dem als sicher geltenden Haus unterzubringen, sonst wäre er bestimmt zurückhaltender gewesen. So aber hörten die Ermittler monatelang mit und erfuhren, dass der Clan und seine Mitglieder offenbar im Cyberraum aktiv sind. Der Erfolg war für sie ein Grund zur Freude und stellte sie gleichzeitig vor Probleme. Zum einen mussten sie einen Weg finden, die Informationen zu nutzen, ohne dass klar wurde, woher diese kamen. Zum anderen verstanden die Ermittler anfangs wohl kaum, wovon der Boss da redete. Das lag nicht nur an Nebengeräuschen und sich überlagernden Stimmen auf den Aufnahmen. Nein, zu neu war das, was er von sich gab, zu speziell. Er klang fast wie ein hochspezialisierter Bankmitarbeiter. Und Kronzeugen, die ihnen das Gehörte hätten übersetzen können, mussten die Ermittler noch finden. Vermutlich auch deshalb kamen manche der Gespräche erst einige Jahre später in Ermittlungsakten wieder zum Vorschein.

Boss: „Schau, wir haben die Plattform bereits … Weißt du, was die Plattform ist? Ein Staat leiht sich Geld … Das ist alles! Der amerikanische Staat, der englische Staat, der deutsche Staat, der marokkanische Staat …“ Gesprächspartner: „Auch privat, auch privat.“ Boss: „Mit einem MT 760 gibt es die Bankgarantie. Mit der kannst du den MT 103 beantragen, dann verlangen sie zur Bestätigung den MT 699. Den 699 muss praktisch deine Korrespondenzbank machen. Nachdem du den 699 gemacht hast, muss deine Gegenbank … die Bank, sagen wir unsere Bank, den MT 760 schicken. Dort bekommt man dann den Swift … (unverständlich) … sobald der Swift da ist, gibt es, sagen wir, Liquidität … grob erklärt … Die Staaten geben ihm dann 15 Prozent auf 100 Millionen im Monat, also 15 Millionen.“

Phishing

13. Januar 2026 / Ulm, Baden-Württemberg: Ein 56-Jähriger bemerkt Störungen an seinem Laptop. Nach einem Pop-up-Hinweis auf seinem Bildschirm ruft er eine angebliche Störungsdienst-Nummer an und erlaubt einem vermeintlichen Software-Mitarbeiter Zugriff auf den Rechner. Danach kommt eine hohe Rechnung.

Die ‚Ndrangheta machte offensichtlich Geld mit Kreditlinien. Diese sollen Banken den Beauftragten des Clans eingeräumt haben, oft ohne Sicherheiten. Abgehörte Gespräche wiesen darauf hin, dass es den Mafiosi gelungen war, Bankfunktionäre für ihre Zwecke zu gewinnen. Jahre später gewannen die Ermittlungsbehörden Kronzeugen, die an den Geschäften beteiligt waren, und fanden heraus, dass im Auftrag des sizilianischen Clans mehrere Teams quer über den Erdball aktiv geworden waren. Dem Clan sei es gelungen, einen Funktionär einer wichtigen Bank für sich zu gewinnen, wie aus Abhörprotokollen hervorging. Er habe garantiert, dass die Finanzgeschäfte funktionierten. Die Verdächtigen nahmen demnach mehrmals auf ihn Bezug. Die Bank weist allerdings jeden Vorwurf in diesem Zusammenhang von sich. Auch Hacker mit Wurzeln in Deutschland seien für den Clan im Einsatz gewesen. Sie hätten unter anderem die Aufgabe gehabt, in die Systeme von Banken einzudringen, ruhende Konten aufzuspüren und die Bankkommunikation zu manipulieren.

Sextortion

12. Januar 2026 / Enzkreis, Baden-Württemberg: Nach Messenger-Kontakt mit einer Frau, welche ihm intime Videos und Fotos gegen Bezahlung gesendet hat, schickt ein 25-Jähriger ein intimes Foto von sich. Unbekannte drohen ihm mit Veröffentlichung und erpressen 1.800 Euro.

Die Staatsanwaltschaft bestätigte die Ermittlungen. Sie hätten sich gegen acht Beschuldigte gerichtet, unter anderem wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung im Ausland. Man warf der Gruppe vor, schwere Straftaten zu planen, unter anderem Geldwäsche. Die Ermittlungen seien aber eingestellt worden, da sich kein hinreichender Tatverdacht ergeben habe. In Italien dagegen liefen die Ermittlungen weiter, um so viele Beschuldigte wie möglich vor Gericht zu stellen, auch einen Hacker, der in Deutschland lebt. Er wird aber nicht ausgeliefert.

Ein berühmter Ansatz von Antimafia-Ermittlern lautet: Follow the money – über den Fluss des Geldes lassen sich die dazugehörigen Kriminellen finden. Die Methode wurde in den 1980er Jahren entwickelt. In Sizilien hatte man als Erstes verstanden, dass die Organisierte Kriminalität längst über Ländergrenzen und Kontinente hinweg agierte. Das Prinzip lässt sich auch umgekehrt denken: Dort, wo viel Geld bewegt wird, wird auch Geld aus Straftaten bewegt. Also findet sich dort die Organisierte Kriminalität. Und wenn im Cyberraum viel Geld bewegt wird, dann sind dort Mafia-Organisationen aktiv, und zwar bei verschiedenen Delikten, etwa Betrug, Datendiebstahl, Spionage.

Scam

6. Januar 2026 / Hagen, Nordrhein-Westfalen: Ein 68-Jähriger überweist mehrere Tausend Euro an einen Unbekannten, der sich in einer App als US-Soldat in Togo ausgibt, eine Beziehung aufbaut und Geld fordert, um den Geschädigten besuchen zu können. Später verlangt er erneut Geld wegen angeblicher Zollprobleme am Flughafen. Daraufhin erstattet der 68-Jährige Anzeige.

Die Geschichte des sizilianischen Clanbosses und weitere Ermittlungsverfahren sprechen dafür, dass alteingesessene italienische Organisationen im Cyberspace aktiv sind. Gilt das auch für andere etablierte Gruppen wie die chinesischen Triaden oder die Russische Organisierte Kriminalität? Der Soziologe Jonathan Lusthaus von der Universität Oxford hat sich die Frage genauer angeschaut. Für seine Studie „Is the Mafia Taking Over Cybercrime?“ hat er in zwanzig Ländern Interviews geführt, 238 insgesamt, mit Strafverfolgungsbehörden, früheren Cyberkriminellen wie auch dem privaten Sektor. Dazu kamen Recherchen vor Ort in Hotspots der digitalen Kriminalität, etwa in Russland, der Ukraine, Rumänien, Nigeria und China. Das Resümee seiner bereits 2018 veröffentlichten Untersuchung: Die Organisierte Kriminalität spiele eine Rolle bei Cyber-Straftaten, sei aber weit davon entfernt, den Bereich zu übernehmen. Manchmal träten Gruppierungen als Investor in dem Bereich auf. Häufiger aber würden sie von Cyberkriminellen bei der Geldwäsche unterstützt. Die häufigste Variante: Mafiosi heuerten für eigene Projekte Experten an und überwachten diese dann bei der Verrichtung der Straftaten im Cyberraum.

Kapitel IV: Die Folgen

Die Rechnung kam per E-Mail und schien wie beim letzten Mal auszusehen. Also überwies das Unternehmen aus Süddeutschland rund 42.000 Euro an den von ihm beauftragten Baumaschinenhersteller in China – mit dem vorher alles „unproblematisch“ gewesen sei, erinnert sich ein Firmenverantwortlicher im Prozess gegen die fünf mutmaßlichen Mitglieder der Cybercrime-Mafia am Landgericht Oldenburg. Nach ein paar Tagen „wollten wir die Maschinen abholen lassen, aber der Hersteller sagte, es ist kein Geld da. Wir haben sofort die Bank angerufen und versucht, das Geld zurückzuholen. Das ging aber nicht“. Kurz darauf erfuhr er, dass der chinesische Zulieferbetrieb gehackt worden war. Volker Peters vom LKA Niedersachsen, langjähriger Ermittler und jetzt in der Prävention, sagt: „Gerade bei kleinen und mittelständischen Unternehmen kommt es bei Cybersicherheitsvorfällen, insbesondere bei Verschlüsselung, vor, dass sie in ihrer Existenz bedroht sind oder diese sogar verlieren.“ Jana Ringwald ist Oberstaatsanwältin bei der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main. Ebenso wie Peters war sie an spektakulären internationalen Ermittlungen beteiligt. Ringwald sagt: „Attacken kosten Unternehmen unglaublich viel Geld. Am teuersten sind nicht mal die Erpressungssummen, sondern die Folgekosten: Der Betrieb steht länger still, eventuell muss eine neue Server-Struktur her, und wenn Kundendaten betroffen sind, drohen Schadenersatz und ein großer Vertrauensverlust.“ Im Gegensatz zu den finanziellen Folgen würden die psychologischen kaum diskutiert: „Geschäftsführer berichten nach einem Cyberangriff oft, es sei das Schlimmste, was sie je erlebt hätten, auch weil sie das Ereignis nicht ,greifen‘ können. Jemand hat einen Anhang angeklickt und jetzt steht alles still. Dazu die Ungewissheit bei allen: Wie schlimm ist es? Sind Arbeitsplätze gefährdet? Droht die Insolvenz?“

Anlagebetrug

5. Januar 2026 / Augsburg, Bayern: Eine 32-Jährige wird von einem Unbekannten über eine Dating-App kontaktiert und zu Krypto-Investments gedrängt. Von Ende Oktober bis Ende Dezember 2025 nimmt sie dafür einen Kredit im fünfstelligen Bereich auf und überweist das Geld. Danach bricht der Täter den Kontakt ab.

Bei betroffenen Privatleuten können die Konsequenzen „bis zum Suizid“ reichen, etwa wenn Täter drohen, intime private Inhalte zu veröffentlichen, weiß Peters. Unter den Betroffenen, erzählt Ringwald, seien auch Männer Anfang 40 mit Studienabschluss und auf Partnersuche. „Sie werden Opfer von Love-Scam, verlieren mehrere Hunderttausend Euro. Dann können Persönlichkeiten komplett in sich zusammenklappen. So sehr schämen sie sich und leiden darunter, dass jemand ihre ,Schwachstellen‘, Einsamkeit und Sehnsucht nach Liebe, derart ausgenutzt hat.“

Weitere Hinweise auf das Ausmaß der Folgen von Cyberkriminalität für Privatleute gibt eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Sie kombiniert eine repräsentative Dunkelfeldbefragung von 10.000 Einwohnerinnen und Einwohnern in dem Bundesland mit qualitativen Interviews mit Betroffenen. Zu den Forschenden, die an der 2022 veröffentlichten Untersuchung mitgewirkt haben, zählt Philipp Müller. Das wesentliche Ergebnis der Dunkelfeldstudie: „In den vergangenen zwölf Monaten war jeder vierte Befragte von Cybercrime im weiteren Sinne betroffen und jeder siebte von Cybercrime im engeren Sinne“, sagt Müller.

Zu den häufigsten Formen der ersten Kategorie zählten Betrug beim Onlinehandel, Belästigung, vor allem sexuelle, Beleidigungen und Bedrohungen. Bei der zweiten Kategorie ging es hauptsächlich um Hacking von Mail-Konten oder Konten auf sozialen Plattformen, Datendiebstahl und Schadsoftware. Die entstandenen Kosten lagen den Angaben der Betroffenen zufolge zwischen 100 Euro bis 80.000 Euro.

„Attacken kosten Unternehmen unglaublich viel Geld. Am teuersten sind nicht mal die Erpressungssummen, sondern die Folgekosten.“

Oberstaatsanwältin Jana Ringwald

Psychische Folgen traten demnach vor allem bei Hate Speech, Betrug und Belästigung auf. Viele Studienteilnehmer gaben an, sie seien angespannt gewesen, hätten sich hilflos und unsicher gefühlt. Häufig, so Müller, „kam es auch zu Selbstvorwürfen: ,Wie konnte mir das passieren, obwohl mir die Gefahren bekannt sind?‘“ In vielen Fällen hätten sich die Opfer während der Attacke in „vulnerablen Momenten“ befunden, in denen sie gestresst oder müde gewesen seien, so wie ein Opfer, das während eines Arbeitsmeetings unaufmerksam war und auf eine gefälschte WhatsApp-Nachricht hereinfiel.

Interessant ist, dass lediglich ein Siebtel der befragten Betroffenen die Straftaten anzeigte, am ehesten bei Betrug und Diebstahl von Daten. Als Hauptgründe für den Verzicht auf eine Anzeige wurde eine geringe Aussicht auf erfolgreiche Ermittlungen genannt sowie die Ansicht, dass die Tat nicht so gravierend gewesen sei. Die erfolgreichen Attacken hätten offenbar auch ihr Gutes: „Ein großer Teil der Betroffenen aus der Interviewstudie äußerte, jetzt sensibler für Risiken zu sein und zum Beispiel einen Passwort-Manager zu haben.“

Scam

12. Dezember 2025 / Trier, Rheinland-Pfalz: Eine 36-Jährige verliert einen fünfstelligen Betrag an einen Unbekannten. Der hat sich im Facebook-Messenger als „Management“ eines deutschen Schlagersängers ausgegeben. Sie zahlt – unter anderem für einen Privatjet, mit dem der Star angeblich zu einem privaten Treffen eingeflogen werden soll.

Kapitel V: Der Kampf gegen Cybercrime

Der Mann, Anfang 30, der im Landgericht Gießen auf der Anklagebank Platz genommen hat, macht keinen gefährlichen Eindruck: ruhige Stimme, hellblaues Hemd. Er wirkt zurückhaltend und höflich. Eine SEK-Einheit hat sich im und vor dem Gebäude postiert. Das liegt weniger an dem Angeklagten, der bereits ein Teilgeständnis abgelegt hat, sondern vielmehr an dem hochkriminellen Umfeld, für das er agierte. Der Angeklagte war offenbar Administrator des Crimenetworks, des größten deutschsprachigen illegalen Online-Marktplatzes. Es gab dort unter anderem Waffen und Drogen zu kaufen, aber auch Anleitungen für Straftaten. Vor Gericht erzählt der Fachinformatiker, wie es zu einer kriminellen Laufbahn kam: Als junger Mann „beschränkte sich meine Freizeitgestaltung auf Tätigkeiten hinter dem Rechner“. Er sei von einem Forum ins nächste gekommen, habe sich viele Kenntnisse und Fähigkeiten angeeignet und diese später anwenden wollen. Dann sei er immer tiefer reingeraten. Der Angeklagte hatte als Administrator eine wichtige Funktion im Crimenetwork, war aber lediglich ein Rad im Räderwerk.

Volker Peters vom LKA Niedersachsen sagt: „Den klassischen Hacker, der im Keller sitzt und alleine agiert, gibt es nicht mehr.“ Peters verweist auf das Neun-Säulen-Modell des BKA, das die arbeitsteilige Struktur des „Cybercrime-as-a-Service“ beschreibt: Es gibt Programmierer, Techniker, Betreuer für die Infrastruktur sowie Leute, die auf Phishing oder Krypto-Geldwäsche spezialisiert sind. Vor Großangriffen laufen häufig Ausschreibungsverfahren, bei dem sich Spezialisten mit ihrem Nickname und bisherigen „Erfolgen“ bewerben.

Oberstaatsanwältin Ringwald berichtet, dass die Täter „einander gar nicht genau kennen wollen und auch nicht müssen“. Alles geschieht so anonym wie möglich. Sie nutzen mehrere verschlüsselte Kommunikationsformen, um möglichst keine Spur zu hinterlassen. Es handelt sich um lose, internationale Verbünde: „Cyberkriminalität kennt keine Grenzen.“

Anlagebetrug

13. August 2025 / Greifswald, Mecklenburg-Vorpommern: Ein Paar verliert mehr als 75.000 Euro. Täter sprechen die Geschädigten über WhatsApp-Gruppen an und geben sich als Finanzexperten aus. Der Mann verfolgt angebliche
Aktien-Investments in einer „Finanz-App“ und überweist wochenlang Geld auf ausländische Konten. Als die Auszahlungen ausbleiben, fällt der Betrug auf.

Diese anonymen, professionellen und dezentralen Zusammenschlüsse auf Zeit stellen Ermittelnde vor große Herausforderungen: Es ist schwierig zu sagen, wer zu welchem Zeitpunkt welche Tat begangen hat. Und: Datendelikte wie Computersabotage oder Datenhehlerei können großen Schaden anrichten. Sie gelten aber als weniger schwer. Das bleibt nicht ohne Folgen, denn ob man einen Server überwachen darf, hängt von der Schwere des Delikts ab. Daher“, erklärt Ringwald, „können wir oft nur dann den gesamten ,Instrumentenkasten‘ der Strafprozessordnung nutzen, wenn der Fall Elemente des Betrugs oder der Erpressung aufweist oder eine kriminelle Vereinigung vorliegt.“ Trotz der Hürden schaffen es Ermittlungsbehörden, Cyberkriminellen empfindliche Schläge zu versetzen – wie im November 2025, als Deutschland und internationale Partner erfolgreich gegen zwei besonders gefährliche Schadsoftware-Varianten vorgegangen sind. Neben dem BKA war auch das ZIT beteiligt.

Wie das gelingt? „Auch wir warten auf den menschlichen Fehler“, erzählt Ringwald. Etwa, dass eine Verschlüsselung nicht funktioniert, ein Täter zu viele Informationen über sich preisgibt. „Wir versuchen, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Wichtig ist auch, im Darknet ,Streife‘ zu fahren und sich anzuschauen, was für Täter gerade relevant ist, welche Dienstleistungen, Foren oder Tools es gibt.“ Ein bedeutender Ansatzpunkt sei, Zahlungsströme zu verfolgen. „Kryptowährungen bieten nur eine Pseudo-Anonymität. Wir können bei Providern Anfragen stellen.“

Teilweise profitieren deutsche Ermittler von Hinweisen aus dem Ausland. Informationsaustausch und zentrale Ermittlungen seien entscheidend, betont Volker Peters.

„Er hat Süßholz geraspelt ohne Ende“

Eine Frau erzählt, wie sie Opfer eines Love-Scams wurde.

„Wenn ich diese Geschichte erzähle, muss ich eigentlich mit dem Tod meines Mannes anfangen. Er war die Liebe meines Lebens. Danach bin ich in eine Depression gerutscht. Ich habe irgendwann gedacht, ich könnte mein altes Leben weiterführen, wenn ich nur jemanden kennenlerne. Da habe ich den Entschluss gefasst, mich bei einer Dating-Plattform anzumelden.

Im September 2022 hat mich dann dieser Love-Scammer eiskalt erwischt. Er sah so ähnlich aus wie mein Mann und schrieb, er sei auch Witwer. Er hat mir ein Bild vom Grab seiner Frau geschickt, und auch eins von ihr, als sie noch lebte. Er sei Deutsch-Amerikaner, habe eine deutsche Mutter und unterstütze sie gerade ein bisschen. Danach wolle er wieder in die USA, dort habe er eine Firma. Wir haben fast jeden Tag geschrieben, er hat mir auch Sprachnachrichten geschickt. Ich war glücklich.

Bevor ich zu meiner Cousine nach Mallorca geflogen bin, fragte ich ihn, ob wir uns nicht vor dem Abflug treffen wollen. Er sagte, er habe keine Zeit. Ich habe das akzeptiert. Heute würde ich sagen: ‚Du hast kein Interesse an mir. Tschüss.‘ Als ich wieder zurück war, habe ich ihn erneut gefragt, ob wir uns treffen wollen. Aber er hielt mich wieder hin. Nach ein paar Wochen hat er mir geschrieben, er fliege jetzt nach Kambodscha. Er sagte, er wolle dort einen Solarpark bauen.

Da fragte er mich das erste Mal nach Geld. Er sagte, er käme nicht an sein Konto. Ich habe im Internet recherchiert, ob ich ihm mit seiner Bank helfen könnte, aber das ging natürlich nicht. Ich wollte dann erstmal nichts machen. Er erzählte aber, es gehe ihm immer schlechter, er könne sich nicht einmal Lebensmittel kaufen. Ich habe ihm dann 600 Euro überwiesen. Er hat sich dafür bedankt und Süßholz geraspelt ohne Ende: ‚Du bist eine Liebe, ich vermisse dich, ich freue mich schon, wenn wir uns mal sehen‘ – so was eben. Er hat auch Bilder geschickt: vom angefangenen Solarpark oder aus seinem Hotelzimmer in Kambodscha. Das sah total echt aus. Ich habe damals nicht hinterfragt, wie er das Hotel bezahlt, wenn er sich kein Essen leisten kann. Heute denke ich: ‚Wie konnte ich nur …‘

Er hat dann noch mal nach Geld gefragt. Dieses Mal behauptete er, er könne seine Arbeiter nicht bezahlen. Insgesamt habe ich ihm 9.500 Euro überwiesen. Angeblich auf das Konto seiner Mutter. Am Ende hat er gefragt, ob ich in in seine Firma einsteigen möchte. Das war zu viel. ‚Noch mehr Geld gibt es nicht‘, habe ich gesagt. Ich habe meiner Familie von ihm erzählt. Wir sind zur Polizei, aber gehört habe ich von ihr nie wieder. Das Geld ist weg. Ich habe nicht  aufgegeben, nach der Liebe zu suchen. Als ich nach dieser Erfahrung online mutmaßliche Love-Scammer entdeckt habe, habe ich sie direkt der Plattform gemeldet, um andere Frauen davor zu schützen. Leider habe ich aber manche der Profile weiterhin dort gesehen.“

Auch potenzielle Opfer sind nicht machtlos. Peters empfiehlt: „Privatleute sollten hinterfragen, wenn sie digital unterwegs sind, sich informieren, welche Maschen gerade verbreitet sind, und auf Instrumente wie Passwortmanager und Verschlüsselungstechnologien zurückgreifen, um möglichst anonym zu bleiben.“ Firmen könnten etwa große Netzwerke segmentieren, was die Angriffsfläche verkleinert. Laut Ringwald braucht es ein Umdenken: „Unser Leben ist fast komplett digital. Deshalb müssen wir im Netz Sorgfalt an den Tag legen, sparsam mit unseren Daten umgehen und in Sicherheit investieren, zum Beispiel in Backup-Systeme, auf denen wir unsere Daten ein zweites Mal ablegen können, damit sie nicht verloren sind, wenn wir gehackt wurden.“ Firmen sollten vom Ernstfall ausgehen und sich dafür aufstellen.

Doch wie gut ist Deutschland aufgestellt gegen die digitale Bedrohung? Volker Peters und Jana Ringwald sehen eine Reihe von Fortschritten, etwa eine bessere Vernetzung, zentrale Ermittlungen und mehr Personal. Sicherheitsbehörden wie das LKA in Nordrhein-Westfalen setzen zunehmend auf datengetriebene Methoden. KI-gestützte Analysen helfen dabei, große Datenmengen auszuwerten oder Zusammenhänge zwischen Taten herzustellen.

Doch an Spezialisten in den Behörden mangelt es nach wie vor, auch weil die Gehälter in der IT-Branche oft deutlich höher sind. In manchen Bundesländern fehlt es an der notwendigen Technik: Nicht alle haben beispielsweise Tools, mit denen sich der Fluss von Kryptowährungen nachvollziehen lässt. Ringwald fordert ein verstärktes „Denken in Daten“ in den Behörden: „Das bedeutet, dass die Ermittelnden, auch bei konventionellen Delikten, gleich klären lassen: Wie verlief die digitale Kommunikation? Gibt es Kryptowährungsspuren? Welche Provider sind beteiligt? Das muss schnell gehen.“

Anlagebetrug

22. Juli 2025 / Mainz, Rheinland-Pfalz: Ein 53-Jähriger verliert rund 150.000 Euro. Aufmerksam geworden durch eine Social-Media-Anzeige, tritt er einer WhatsApp-Aktiengruppe bei und installiert eine „Handels-App“. Er überweist 50.000 Euro. Nachdem die App ihm ein angeblich auf etwa 200.000 Euro angewachsenes Kapital angezeigt hat, überweist er weitere 100.000 Euro auf ausländische Konten. Die erwarteten Auszahlungen bleiben aus.

Darüber hinaus bestehen weiterhin gesetzliche Lücken. Zwar ist seit 2021 das Betreiben einer illegalen Handelsplattform strafbar, jedoch handelt es sich bei vielen strafbaren digitalen Delikten nach wie vor um Vergehen, nicht um Verbrechen. Entsprechend eingeschränkt sind mögliche Maßnahmen während der Ermittlungen. „Zugespitzt formuliert: Um einen Kaugummidiebstahl aufzuklären, bekommt man auch nicht die Erlaubnis, Überwachungsmaßnahmen zu starten“, erklärt Volker Peters.

Nach Cyberangriffen mangelt es teils an Unterstützung für die Opfer. Manche berichten, sie fühlten sich von der Polizei, die ihnen vermittelt habe, eine Anzeige sei sinnlos, nicht richtig ernstgenommen und betreut. Peters räumt ein, dass es zu „Kommunikationsstörungen“ kommen könne, wenn die Betroffenen auf Beamte träfen, die sich selten mit dem Thema Cyberkriminalität befassen und nicht dafür sensibilisiert sind: „Für Firmen gibt es in jedem Bundesland eine zentrale Ansprechstelle Cybercrime für Wirtschaftsunternehmen, bei Privatpersonen kann es manchmal schwierig werden.“ Deshalb rät er, im Zweifelsfall die Onlinewache der Polizei zu nutzen. Über das Portal gelange das Cybercrime-Anliegen zu Fachbereichen innerhalb der Polizei.

Ringwald gibt zu bedenken: „Kriminelle brauchen nur wenige Minuten, um einen Fakeshop aufzubauen und kaum eine Sekunde, um ihn wieder verschwinden zu lassen. Die Bemühungen im Kampf dagegen sind groß und die Erfolge punktuell auch.“ Aber schon die Masse an Cyberkriminalität führe dazu, dass die Aufklärungsrate nicht so groß sein könne wie gewünscht.

In Südostasien gibt es Scam-Center: professionell organisierte Betrugsfirmen vor allem in Myanmar, Laos und Kambodscha. Dort gehen mehr als 100.000 Menschen täglich dem Online-Betrug nach. Mitunter sind sie selbst Opfer von Menschenhandel.

Im Prozess gegen die mutmaßlichen „Black Axe“-Mitglieder nimmt eine 63-jährige Sekretärin im Zeugenstand Platz. Die Baden-Württembergerin erhielt eine Chatnachricht, angeblich von ihrer Tochter: Ihr Handy sei ins Klo gefallen, deshalb schreibe sie jetzt unter einer anderen Nummer. Am Tag darauf eine dringende Bitte: Eine Online-Überweisung könne nicht warten. Ob ihre Mutter helfen könne? Sie hilft, streckt mehrere Tausend Euro vor, auch „weil ich schon häufiger für sie überwiesen habe“. Die Nachrichten lesen sich so, wie man sich Nachrichten einer jungen Frau in dieser Situation vorstellen würde. „Genau so drückt sie sich aus“, sagt die Sekretärin.

Drei der fünf Angeklagten hatten bei Redaktionsschluss Teilgeständnisse abgelegt. Als letzte Zeugin am dritten Prozesstag sagt eine Polizistin aus. Im Herbst 2024 wurde sie zu einem Amazon-Standort gerufen, nachdem ein Kandidat während eines Bewerbungsverfahrens offenbar „einen falschen Ausweis vorgelegt“ hatte. Im Laufe der Ermittlungen erhärtet sich der Verdacht auf Menschenhandel: Der Bewerber soll das Dokument von einem ihm ähnlich sehenden Mann bekommen haben. Gegen Geld.

Wissenschaft unter Druck

Erstellt am: Donnerstag, 12. März 2026 von Sabine

Wissenschaft unter Druck

Hass, Hetze und digitale Angriffe machen auch vor Hochschulen nicht halt. Bei einer Veranstaltung des Landesverbandes Hochschulkommunikation Baden-Württemberg im Wissenschaftsministerium zeigte der WEISSE RING Wege auf, wie Betroffene geschützt werden und Institutionen handlungsfähig bleiben.

Die Referenten und Organisatoren (v. l.): Jochen Link (WEISSER RING), Linda Schädler (Landesverband Hochschulkommunikation), Kaya Fohmann WEISSER RING), Paulina Haug (WEISSER RING), Michaela Leipersberger-Linder (Landesverband Hochschulkommunikation) und Günther Bubenitschek (WEISSER RING).

In Deutschland muss niemand Angst haben, Missstände öffentlich anzusprechen oder zu kritisieren. Denn die Meinungsfreiheit ist im Grundgesetz verankert. Aber sie hat Grenzen – etwa bei Beleidigung oder Volksverhetzung. Das gilt im echten Leben wie auch in der digitalen Welt. Doch Hass und Hetze haben auch die Wissenschaft erreicht und gefährden nicht nur Studierende, Mitarbeitende und Forschende, sondern den freien wissenschaftlichen Diskurs. Vertreterinnen und Vertreter des WEISSEN RINGS waren im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg in Stuttgart zu Gast. Bei einer Veranstaltung des Landesverbandes Hochschulkommunikation Baden-Württemberg halfen sie in einem Workshop, praxisnahe Ansätze zu erarbeiten, um Betroffene besser zu schützen und als Hochschule handlungsfähig zu bleiben.

Für den WEISSEN RING waren Jochen Link (Leiter der Außenstelle Schwarzwald-Baar-Kreis), die Landesjugendbeauftragten in Baden-Württemberg, Paulina Haug und Kaya Fohmann, sowie der Landespräventionsbeauftragte Günther Bubenitschek vor Ort. Sie ordneten das Thema rechtlich ein und präsentierten Zahlen: So zitierten sie Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, wonach fast die Hälfte der Befragten Anfeindungen gegen sich erlebt hat. Anhand von Beispielen zeigten sie, welche Eskalationsspirale digitale Gewalt nehmen kann: von abwertenden Kommentaren bis hin zu Bedrohungen. Das Team des WEISSEN RINGS empfiehlt Betroffenen, auch bei unklarer strafrechtlicher Relevanz Anzeige zu erstatten, Strafantrag zu stellen oder Meldestellen zu kontaktieren.

Der Netzwerker

Nicht erst helfen, wenn etwas passiert, sondern verhindern, dass es zu Verbrechen kommt. Das treibt Günther Bubenitschek an.

In Workshops erarbeiteten die 40 Teilnehmenden Handlungsstrategien: von der Dokumentation bis hin zu Krisenhandbüchern. Hochschulen können helfen mit festen Ansprechpersonen und dem frühzeitigen Einbinden von externen Partnern wie dem WEISSEN RING, Polizei oder Scicomm-Support, der Anlaufstelle bei Angriffen und unsachlichen Konflikten in der Wissenschaftskommunikation.

Digitale Gewalt bringt nicht nur einzelne Stimmen zum Verstummen. Sie verändert den gesamten Diskurs und ist damit kein individuelles Problem, sondern eine institutionelle Herausforderung. „Digitale Gewalt bedroht nicht nur Einzelne, sie bedroht die Freiheit der Wissenschaft“, betont das Team des WEISSEN RINGS. „Es liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung, dem entschieden entgegenzutreten.“

Studie zeigt großes Dunkelfeld bei Gewalt

Erstellt am: Dienstag, 10. Februar 2026 von Al-Khanak
Gewalt Häusliche Gewalt Partnerschaft Femizid Dunkelfeld

Holger Münch (BKA) sowie die Bundesminister Alexander Dobrindt und Karin Prien (v.l.) präsentieren die Dunkelfeld-Studie über Gewalterfahrungen. Foto: Christian Marquardt/NurPhoto

Datum: 10.02.2026

Studie zeigt großes Dunkelfeld bei Gewalt

Eine neue Dunkelfeldstudie des Bundeskriminalamts im Auftrag der Bundesregierung zeigt, dass viele Gewalttaten nicht angezeigt werden. Besonders betroffen sind Frauen, junge Menschen und queere Personen.

Gewalterfahrungen gehören für viele Menschen in Deutschland zum Alltag, werden aber oftmals nicht angezeigt. Dies zeigt die erste Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ (LeSuBiA) des Bundeskriminalamtes (BKA) im Auftrag der Bundesregierung. Demnach werden Gewalttaten nur in weniger als zehn Prozent der Fälle der Polizei gemeldet; bei psychischer und körperlicher Gewalt in oder nach einer Beziehung sind es sogar unter fünf Prozent.

„Gewalt ist kein Randphänomen, sie betrifft Millionen Menschen in unserem Land“, sagte Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU), die die Studienergebnisse gemeinsam mit Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) vorstellte. Fast jede sechste Person erlebe körperliche Gewalt in der Partnerschaft; 19 von 20 Taten würden aber nicht angezeigt. „Dieses Schweigen ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck von Angst und offenbar fehlenden Zugängen zu Hilfe“, sagte Prien.

Für die Studie wurden rund 15.000 Personen im Alter von 16 bis 85 Jahren zwischen Juli 2023 und Januar 2025 befragt. Im Fokus standen Erfahrungen insbesondere mit Partnerschaftsgewalt, sexualisierter Gewalt, Stalking und Gewalt im digitalen Raum. Zudem machten die Befragten Angaben zu Kontakten mit Polizei, Medizin, Justiz und Opferhilfeangeboten.

Digitale Gewalt trifft vor allem junge Menschen

Die Ergebnisse zeigen, dass Gewalt in Deutschland weit verbreitet ist und viele Formen annimmt. Besonders häufig berichten Betroffene von psychischer Gewalt in (Ex-)Partnerschaften: Knapp die Hälfte der Frauen und 40 Prozent der Männer haben diese mindestens einmal im Leben erlebt. Körperliche Gewalt ist seltener, betraf aber innerhalb der vergangenen fünf Jahre Frauen wie Männer. Sexualisierte Gewalt bleibt ein zentrales Problem: Fast jede zweite Person hat im Laufe ihres Lebens sexuelle Belästigung erfahren, Frauen deutlich häufiger als Männer. Auch Stalking ist demnach weit verbreitet und betrifft mehr als jede fünfte Person im Laufe des Lebens. Digitale Gewalt erleben vor allem junge Menschen: In den vergangenen fünf Jahren war jede fünfte Frau und jeder siebte Mann betroffen, bei 16- bis 17-Jährigen sogar die Mehrheit der jungen Frauen. Besonders stark mit Gewalt konfrontiert sind Personen mit Einwanderungsgeschichte – vor allem Frauen – sowie Angehörige der LSBTIQ*-Community.

Bundesinnenminister Dobrindt kündigte an, den Opferschutz zu stärken. „Es geht darum, die Opfer von Gewalt in den Mittelpunkt zu stellen“, sagte er und verwies unter anderem auf die Einführung der elektronischen Fußfessel nach spanischem Modell. Der WEISSE RING begrüßt diesen Schritt ausdrücklich. Die Opferhilfeorganisation setzt sich seit vielen Jahren für den Einsatz der elektronischen Aufenthaltsüberwachung ein, um Betroffene besser vor weiteren Übergriffen zu schützen.

Mit der LeSuBiA-Studie kommt Deutschland einer zentralen Verpflichtung aus der Istanbul-Konvention nach, die auf die Verhinderung von Gewalt gegen Frauen abzielt. Vorgesehen sind unter anderem umfassender Opferschutz, wirksame Prävention und konsequente Strafverfolgung.

Ein Anruf bei… Elke Hannack

Erstellt am: Dienstag, 10. Februar 2026 von Sabine

Ein Anruf bei… Elke Hannack

Elke Hannack kämpft seit Jahren gegen Angriffe auf Menschen im Dienst der Gesellschaft. Im Interview mit dem WEISSER RING Magazin spricht sie über besonders gefährdete Gruppen, mangelnde Unterstützung für Betroffene durch Vorgesetzte und den Ruf nach härteren Strafen.

DGB/Simone M. Neumann

Elke Hannack ist seit 2013 stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Zu ihren thematischen Schwerpunkten zählen Beamte und öffentlicher Dienst, Bildungsarbeit und Gleichstellungspolitik. Hannack setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte von Beschäftigten ein. Neben ihrem Studium war sie im Handel tätig und gründete dort schnell einen Betriebsrat.

Vor wenigen Monaten, an Silvester, sind in mehreren deutschen Großstädten zahlreiche Rettungskräfte und Polizisten angegriffen worden. Und erst kürzlich wurde der Zugbegleiter Serkan C. bei einer Ticketkontrolle in Rheinland-Pfalz so schwer angegriffen, dass er starb. Wie stark sind Beschäftigte des öffentlichen und privatisierten Dienstes gefährdet und was hat sich in den vergangenen Jahren verändert?

Der Vorfall im Kreis Kaiserslautern ist furchtbar. Das war keine „besondere Lage“, kein Großeinsatz – sondern eine Alltagssituation. Und genau das macht es so alarmierend: Wenn selbst Routinehandlungen wie Fahrkartenkontrollen eskalieren, dann ist das ein Warnsignal für uns als Gesellschaft. Mit der Aktion „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch“ machen wir seit Jahren darauf aufmerksam, dass sich die Lage immer weiter verschärft. Auch wenn es nicht tagtäglich zu solchen schweren Gewalttaten kommt: Viele Beschäftigte im Dienst der Gesellschaft erleben in ihrem Arbeitsalltag verbale oder körperliche Aggressionen. Wir beobachten eine Verrohung, in der die eigenen Interessen überwiegen und die kleinste Unwucht im Alltag zu einer maximalen Entladung führen kann, Konflikte mitunter sofort mit ausfallender Sprache oder sogar mit Fäusten ausgetragen werden. Da haben wir viele Beispiele etwa aus Ordnungsämtern, auch in Berlin: Als Kolleginnen und Kollegen Autofahrer antrafen, deren Parkdauer schon abgelaufen war, und ihnen ein Knöllchen gaben, wurden sie weggeschubst und gestoßen, haben körperliche Verletzungen davongetragen. Die Hemmschwelle sinkt, so dass Leute Hassparolen verbreiten oder handgreiflich werden, insbesondere gegen Personen, die für staatliche Institutionen arbeiten.

Gibt es neben den Beschäftigten im Ordnungswesen weitere Gruppen, die besonders bedroht sind?

Gefährliche Konflikte können vor allem bei Entscheidungen entstehen, die sich persönlich auf Bürgerinnen auswirken. Unverständnis entlädt sich leider oft stellvertretend gegen die Person, die eine Entscheidung übermitteln, erklären oder durchsetzen muss. Beschäftigte mit direktem Kundenkontakt sind naturgemäß stärker gefährdet: in Jobcentern oder Bürgerämtern, in Schulen, Krankenhäusern, bei Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdiensten, im Nahverkehr. Von digitaler Gewalt sind insbesondere Beschäftigte in höheren Verwaltungspositionen betroffen, wie wir im Rahmen einer repräsentativen Forsa-Umfrage herausgefunden haben. Es gibt Übergriffe, die fast die gesamte Republik mitbekommt, so wie an Silvester, als Rettungskräfte massiv attackiert, mit Feuerwerkskörpern beschossen wurden. Medien haben über eine ganze Reihe von Messerangriffen in Jobcentern berichtet. Vieles geht aber an der Öffentlichkeit vorbei, die alltäglichen Attacken, etwa wenn Busfahrerinnen und Busfahrer angepöbelt oder körperlich angegangen werden, wenn sie nicht pünktlich an der Haltestelle sind.

Die Illustration zeigt einen Feuerwehrhelm mit zerbrochenem Schutzvisier.

Retter in Not

Angriffe auf Einsatzkräfte sind ein großes Problem. Wie sollte unsere Gesellschaft ­darauf reagieren? Eine Analyse der Situation.

Welche Ursachen sehen Sie für diese Verrohung?

Die Ursachen sind vielfältig: gesellschaftliche Spannungen, persönliche Notlagen, Frustration, Überforderung, psychische Ausnahmesituationen. Die überwiegend männlichen Täter kommen aus allen gesellschaftlichen Gruppen. Die negative Entwicklung wird durch die sozialen Medien und das Niedermachen auf Plattformen befördert. Darüber hinaus stellen wir einen schleichenden Vertrauensverlust in die Politik und den öffentlichen Dienst fest, dessen Leistungen kleingespart wurden. Bei Übergriffen wird an den Stellvertretern des Staates Frust abgelassen, sagen uns die Betroffenen.

Welche Folgen haben die Angriffe für die Opfer?

Die Auswirkungen sind individuell und vielschichtig. Körperliche Verletzungen sind sichtbar, die der Seele dagegen kaum. Gerade seelische Verletzungen können gravierende Langzeitfolgen haben. Da passt es dann auch nicht, dass Betroffene von ihren Vorgesetzen häufig zu hören bekommen, sie sollten sich nicht so anstellen. Auch diese Verletzungen können zu Belastungsstörungen führen. Betroffene können langfristig ausfallen oder schließlich gezwungen sein, ihre Arbeit aufzugeben. Irgendwann hat jeder seine Belastungsgrenze erreicht. Viele Gewaltopfer arbeiten weiter, ziehen sich jedoch innerlich zurück, verlieren Vertrauen in ihre Mitmenschen und werden skeptischer im Kontakt mit Bürgerinnen und Kundinnen. Das belegen Ergebnisse aus unseren Befragungen.

Was raten Sie Betroffenen?

Jeder Vorfall sollte den Vorgesetzen gemeldet werden. Das sollte niemand mit sich alleine ausmachen – nehmt die Unterstützungsangebote wahr, wo es sie gibt! Gespräche mit den Kolleginnen, Personalräten, eine professionelle Nachsorge: All das kann helfen, das Erlebte einzuordnen und gesund zu bleiben. Eines möchte ich ausdrücklich sagen: Die Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen in den Dienststellen stehen in der Pflicht. Sie sollten Unterstützung nicht nur ermöglichen, sondern proaktiv anbieten. Für die Betroffenen ist die erste große Hürde nämlich oft, nach Hilfe fragen zu müssen.

Wie ist es um die Bereitschaft der Betroffenen bestellt, über Gewalt zu sprechen und sich Hilfe zu holen?

Die Bereitschaft wächst, das ist die gute Nachricht. Immer häufiger vertrauen sich Betroffene zumindest den Kolleginnen und Kollegen oder ihrem persönlichen Umfeld an. Aber es suchen noch nicht genug Angegriffene das Gespräch mit den Vorgesetzten und erstatten Anzeige. Zu den Ursachen zählen Sorge vor Stigmatisierung, Scheu vor bürokratischem Aufwand und Loyalität gegenüber der Dienststelle, die womöglich kein Interesse an einem Verfahren hat. Umso wichtiger sind vertrauliche und unkomplizierte Hilfsangebote.

"Der Vorfall im Kreis Kaiserslautern ist furchtbar. Das war keine ,besondere Lage‘, kein Großeinsatz – sondern eine Alltagssituation. Und genau das macht es so alarmierend: Wenn selbst Routinehandlungen wie Fahrkartenkontrollen eskalieren, dann ist das ein Warnsignal für uns als Gesellschaft."

Elke Hannack
Werden Betroffene von ihren Arbeitgebern, aber auch von Polizei und Justiz genug unterstützt?

Unter den Arbeitgebern gibt es durchaus engagierte Beispiele für Hilfsangebote, etwa bei der Stadtverwaltung Köln, aber auch in kleineren Kommunen. Insgesamt ist der Handlungsbedarf weiterhin groß. Gerade bei der Nachsorge, weil viele Dienststellen überhaupt kein Konzept dafür haben, genauso wenig wie für Prävention. Und wenn es Hilfsmöglichkeiten gibt, sind sie vielen Beschäftigten gar nicht bekannt. Vielerorts fehlen noch immer klare Meldewege für den Fall der Fälle und ein niedrigschwelliger Zugang zu Unterstützung. Diese sollte unabhängig davon erfolgen, ob ein Vorfall aktenkundig wird oder nicht. Was Polizei und Justiz angeht: Bevor diese Institutionen eingreifen können, muss ein Vorfall angezeigt werden – was aus unserer Sicht immer geschehen sollte. Weil hier die Betroffenen aktiv werden müssen, brauchen sie Rückendeckung von ihrer Dienststelle, die den Rechtsweg mit ihnen gehen sollte. Leider erleben wir häufig, dass Vorgesetzte sagen: „Ach, komm, das war nicht so schlimm. Eine Anzeige bei der Justiz und der Berufsgenossenschaft ist doch nicht notwendig.“ Erschwerend kommt hinzu, dass unsere Strafgerichte absolut überlastet sind und solche Gewalttaten teilweise erst Jahre später verhandelt werden. Hier braucht es dringend mehr Personal. Häufig werden Verfahren aufgrund eines angeblich mangelnden öffentlichen Interesses auch eingestellt.

Welche Verantwortung trägt der öffentliche Dienst insgesamt?

In den vergangenen Jahrzehnten wurden viele Stellen im öffentlichen Dienst gestrichen, heute gibt es vielerorts Fachkräfte- und Nachwuchsmangel. Oft dauert es Jahre, bis eine Stelle neu besetzt ist. Solange müssen die verbliebenen Kolleginnen und Kollegen zusätzliche Arbeit erledigen – was zu einem enormen Stress führt. Der Ruf des öffentlichen Dienstes als Arbeitgeber hat sich verschlechtert. Hier gilt es, gegenzusteuern. Wir brauchen gute Arbeitsbedingungen, um das Konfliktpotenzial zu senken, und mehr Schutz der eigenen Beschäftigten. Und der beginnt mit einer starken Haltung: Gewalt gegen Beschäftigte darf weder relativiert noch normalisiert werden. Gleichzeitig müssen Maßnahmen zum Schutz auf die jeweilige Dienststelle zugeschnitten sein, die natürlich auch ausreichend Personal wie technische Ressourcen braucht. Klare Zuständigkeiten im Ernstfall sind wichtig, eine Kultur des Hinschauens und Zuhörens, und, um noch ein konkretes Beispiel zu nennen, mehr Deeskalationsschulungen.

Sehen Sie weitere Lücken beim Schutz und bei den Konsequenzen?

Ja, insbesondere bei der Erfassung von Vorfällen. Aktuell werden lediglich Übergriffe auf Polizei, Rettung, Feuerwehr sowie auf Beschäftigte der Bahn umfassend erfasst. Alle anderen Berufsgruppen fallen hinten runter. Dadurch wird der Handlungsdruck verringert, und die Politik kann sich einen schlanken Fuß machen. Es ist wichtig, alle Vorfälle zu erfassen, bundesweit und in allen Branchen, auch weil sich daraus wichtige Lehren für individuelle Schutzkonzepte ziehen lassen.

Nach den Übergriffen an Silvester ist wieder der Ruf nach schnelleren Verfahren und härteren Strafen laut geworden. Wie schätzen Sie die Forderungen ein?

Dass Fälle durchaus zügig vor Gericht gebracht werden können, zeigt beispielsweise eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft in Nordrhein-Westfalen, die sich auf Gewalt gegen Beschäftigte des öffentlichen Dienstes und des privatisierten Sektors konzentriert. Betroffene können also schnell zu ihrem Recht kommen, wenn der Wille da ist. Wichtiger als die Höhe der Strafe ist, dass Taten verurteilt, Verfahren nicht rasch eingestellt werden. Letzteres ist immer ein fatales Signal an Betroffene. Sie können dann zu dem Schluss kommen: Die Anzeige war der falsche Weg. Der Staat hat mich im Stich gelassen.

Transparenzhinweis:
Der DGB und der WEISSE RING kooperieren seit 2020 beim Projekt „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch“. Dazu gehören die bundesweite kostenfreie und anonyme Hilfe-Hotline, die unter 0800 116 006 0 erreichbar ist, sowie Aus- und Weiterbildungsangebote für Führungskräfte und Beschäftigte. Die Anrufzahlen beim Hilfetelefon liegen aktuell im niedrigen dreistelligen Bereich. Betroffene werden hier beraten, etwa im Hinblick auf eine mögliche Anzeige und weitergehende Hilfsangebote. Die Ratsuchenden kommen aus allen Branchen. Die Gewalt reicht von Beleidigungen bis hin zu schweren körperlichen Attacken. Weiterer Kooperationspartner bei „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch“ ist HateAid.

Hass aus dem Handy vor Gericht

Erstellt am: Dienstag, 23. Dezember 2025 von Sabine

Hass aus dem Handy vor Gericht

Vor mehr als zwei Jahren wurde Jugendamtsmitarbeiter Said in einem TikTok-Video massiv beleidigt. Es gelang nicht, den Clip von der Plattform zu entfernen. Jetzt musste sich der Angreifer vor Gericht verantworten – und Said war als Zeuge geladen.

9.30 Uhr: Noch zwei Stunden bis zur Hauptverhandlung

Said sitzt in einem Café im rheinland-pfälzischen Kusel und trinkt einen doppelten Espresso. Draußen nieselt es, der Himmel ist schaurig grau. „Der Prozess wühlt zwar alles wieder auf, aber es ist auch ein gutes Gefühl, dass ich heute hier als Zeuge aus Sicht eines Betroffenen aussagen darf“, sagt Said. Am Abend zuvor war er mit der Bahn in Frankfurt am Main gestrandet. Erst am frühen Morgen fuhr wieder ein Zug. Er wirkt müde, spricht leise und erzählt, er hätte jetzt gern seinen Hund an seiner Seite. Said ist nicht sein richtiger Name. Er möchte anonym bleiben und hat sogar überlegt, sich für den Prozess zu verkleiden. „Ich möchte nicht von dem Mann erkannt werden. Er weiß nicht, wer ich bin. Oder vielleicht doch? Kennt der mich? Wie wird die Begegnung im Gericht?“ Diese Fragen kehren immer wieder in seinen Kopf zurück.

Said ist kein Einzelfall, wie eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Ende September 2025 ergab. Demnach haben 38 Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Dienst bereits unmittelbar oder mittelbar digitale Gewalt in Form von Beleidigungen, Beschimpfungen oder Bedrohungen erlebt.

Der Prozess ist das Finale einer Odyssee, die für Said im Mai 2023 begann. Ein ihm unbekannter Mann beleidigte den Jugendamtsmitarbeiter auf TikTok, wie das WEISSER RING Magazin berichtete.

Eine Illustration zeigt einen Mann, der erschrocken auf sein Handy schaut.

Hass aus dem Handy

Ein TikTok-Clip wird für den Jugendamtsmitarbeiter Said zum Albtraum. Wieso löscht TikTok es nicht?

„Schwein“ nannte er ihn auf Arabisch, was auch Saids Muttersprache ist, und „Sohn eines Schweins“. Er erwähnte ihn nicht namentlich, aber durch Details aus einem Betreuungsfall war Said eindeutig identifizierbar. Saids Geschichte zeigt: TikTok ist kein rechtsfreier Raum. Wer dort beleidigt, kann strafrechtlich verfolgt werden. Erst recht, wenn Beschäftigte von Behörden angegriffen werden. Der Fall zeigt aber auch, wie Betroffene im Strafprozess zu Statisten werden.

Die Forsa-Umfrage offenbarte, dass 59 Prozent der Mitarbeitenden im öffentlichen Dienst nicht wissen, wie sie bei digitaler Gewalt vorgehen sollen. Auch werden bislang nur sehr wenige Vorfälle angezeigt – lediglich 14 Prozent der Opfer wandten sich an die Polizei.

Saids Arbeitgeber stellte im Juli 2023 wegen des TikTok-Videos einen Strafantrag bei der örtlichen Staatsanwaltschaft wegen Beleidigung. Dann hörte Said lange nichts. Umso größer die Überraschung, als er im Juli 2025 vom Amtsgericht Kusel eine Vorladung als Zeuge erhielt. „Ich habe nicht mehr damit gerechnet, dass dieses Video noch mal Konsequenzen für den Urheber hat“, erinnert sich Said auf dem Weg zum Amtsgericht.

10.30 Uhr: Noch eine Stunde bis zur Hauptverhandlung

Im Wartezimmer des Amtsgerichts hängen historische Aufnahmen des Gerichtsgebäudes, gegenüber zwei moderne Bilder mit geometrischen Formen, in einer Ecke am Fenster steht eine Palme, ein Ast lehnt sich an eine Steckdosenleiste. Said steht am Fenster, nippt an einem Energydrink, geht zu einem Tisch und schaut immer wieder auf sein Tablet, weil er auf eine dienstliche Mail wartet. In wenigen Momenten hat er seine Sachen auf Fensterbank und Tisch verteilt: die Dose, das Smartphone, das Tablet, einen gefalteten Zettelstapel. Said ist nervös. Da übertönt im Flur eine krächzende Stimme das Surren der Neonröhren. Said sagt: „Das ist er.“ Die Stimme aus dem Video würde er immer und überall erkennen.

Verletzende Kommentare auf Social Media und anonyme Drohungen per E-Mail oder Messenger haben für die Betroffenen und den öffentlichen Dienst verheerende Folgen. 67 Prozent der von digitaler Gewalt betroffenen Beschäftigten gaben in der Forsa-Umfrage an, im Umgang mit bestimmten Personengruppen vorsichtiger oder distanzierter geworden zu sein.

Warum der Mann aus dem Video sich überhaupt vor Gericht in Kusel verantworten und Said dafür quer durch Deutschland reisen muss, erklärt Oberamtsanwalt Timo Harth dem WEISSER RING Magazin so: „Bei Straftaten im Internet ist der Wohnort des Beschuldigten maßgeblich. Das hat auch praktische Gründe, denn vielfach handelt es sich um Wiederholungstäter. Da ist es sinnvoll, wenn das eine Staatsanwaltschaft bearbeitet.“ Dass Saids Fall überhaupt vor Gericht kam, lag daran, dass der Beschuldigte Einspruch gegen den Strafbefehl in Höhe von 750 Euro eingelegt hatte.

11.30 Uhr: Die Hauptverhandlung beginnt

Die Gerichtsschreiberin ruft Said mit seinem Vornamen auf, den sie für seinen Nachnamen hält. Kaum betritt er Sitzungssaal 1, schaltet sich der Dolmetscher dazwischen und übersetzt ungefragt die Worte des Richters für ihn ins Arabische. „Ich brauche keinen Dolmetscher“, sagt Said leise und wirkt verloren in dem Stimmengewirr aus Dolmetscher, Staatsanwalt und Richter. Keine drei Meter neben ihm sitzt der Beschuldigte. Es ist die erste leibhaftige Begegnung mit dem Mann, den er nur aus dem TikTok-Video kennt. Der Angeklagte ist kaum wiederzukennen, hat sich für den Prozess in Schale geworfen, trägt einen dunklen Anzug. Said trägt sein T-Shirt locker über der Hose mit der Aufschrift „Habibi“, das arabische Wort für Freund. Er wird als Zeuge wieder in den Warteraum geschickt.

Der Beschuldigte erklärt auf Arabisch, er habe nichts falsch gemacht. Er habe keinen konkreten Namen genannt. Internationales Recht auf freie Meinungsäußerung beinhalte das Recht, andere zu beleidigen – so sieht er das. Der Dolmetscher übersetzt. Richter Klaus Wirbel erklärt ihm ruhig, aber deutlich, dass er sich irrt. Man müsse niemanden namentlich nennen, wenn dieser durch die Umstände klar zu identifizieren sei, und der Betroffene, wenn er es sehe, wisse, dass er gemeint sei. Said ist Sozialarbeiter und holt schutzbedürftige Kinder aus gewalttätigen Familien. Der Mann nannte im Video einige Details über Said und einen seiner Fälle, die ihm offenbar eingeflüstert worden waren. Vermutlich von einem Vater, dessen Kinder Said im Auftrag des Staates in Obhut genommen hatte.

Oberamtsanwalt Timo Harth baut dem Verdächtigen eine goldene Brücke, kündigt seine Zustimmung an, wenn er den Strafbefehl akzeptiert. Bis zum Termin kann der Angeklagte seinen Einspruch zurücknehmen. Hat die Sitzung begonnen, braucht es die Zustimmung der Staatsanwaltschaft. Bleibt diese aus, kann die Strafe am Ende höher ausfallen. Der Dolmetscher übersetzt. Der Mann protestiert. Der Dolmetscher erklärt noch einmal. Da lenkt der Mann ein und nimmt seinen Einspruch zurück. Er akzeptiert 50 Tagessätze à 15 Euro. Damit ist er rechtskräftig wegen Beleidigung verurteilt. Im Führungszeugnis wird der Fall nicht auftauchen, weil es die erste Verurteilung ist. Die Sitzung ist geschlossen.

38 %

der Beschäftigten im öffentlichen Dienst haben bereits digitale Gewalt erlebt.

59 %

der Mitarbeitenden im öffentlichen Dienst wissen nicht, wie sie bei digitaler Gewalt vorgehen sollen.

14 %

der Opfer wandten sich an die Polizei.

Und Said?

Er bekommt als Zeuge im Warteraum von alledem nichts mit. Für seine Aussage hat er sich das T-Shirt doch noch ordentlich in die Hose gesteckt. Der Anzug des Angeklagten hat ihn verunsichert. Als er erneut aufgerufen wird, ist schon alles vorbei. Beim Betreten des Sitzungssaals prallt er im Türrahmen fast mit dem nun rechtskräftig verurteilten Mann zusammen, der gerade den Saal verlässt. Kaum eine halbe Stunde dauerte die strafrechtliche Würdigung der Online-Beleidigung. Die Folgen für Said spielen keine Rolle. Er blickt irritiert zum Richter und zum Oberamtsanwalt. Und verlässt den Saal.

„Dabei hätte ich dem Mann vor Gericht gern etwas gesagt, auch wenn fraglich ist, ob das etwas gebracht hätte“, sagt Said.

Er hätte ihm gesagt, dass so ein Video die Fronten verhärtet zwischen Betroffenen in schwierigen Lebensumständen und Behörden. Er hätte ihn gefragt: Woher nehmen Sie sich das Recht, so über mich zu reden?

Er hätte ihm erklärt, welchen negativen Einfluss das Video eine Zeit lang auf sein Leben hatte. Wie er tagelang nicht schlafen konnte. Wie er, der früher in der Flüchtlingshilfe aktiv und als Interviewpartner in Medien gefragt war, sich mehr und mehr zurückzog – erst aus den sozialen Netzwerken, dann auch aus dem öffentlichen Leben. Aus Sorge, dass aus dem digitalen Hass auch ein Mob im echten Leben werden könnte. „Ich hatte das Gefühl, mich schützen zu müssen“, sagt Said.

61 Prozent der Betroffenen berichteten in der Forsa-Umfrage von emotionalen Belastungen durch die Vorfälle. Bei 40 Prozent wirkten sich die Angriffe negativ auf Arbeitsleistung und Konzentration aus. Bei mehr als einem Viertel (28 Prozent) sei das Vertrauen in digitale Kommunikation erodiert. 13 Prozent hätten darüber nachgedacht, aufgrund des Vorfalls die Arbeitsstelle zu wechseln.

Die Illustration zeigt einen Feuerwehrhelm mit zerbrochenem Schutzvisier.

Retter in Not

Angriffe auf Einsatzkräfte sind ein großes Problem. Wie sollte unsere Gesellschaft ­darauf reagieren? Eine Analyse der Situation.

Said hat zwar den im Video angesprochenen Fall an einen Kollegen abgegeben, aber seinen Job nicht aufgegeben. Mittlerweile ist er verbeamtet. Er spaziert noch eine Weile durch Kusel, doch um diese Zeit hält die Stadt Mittagsruhe, alle Geschäfte sind geschlossen. Er sagt, er wolle jetzt nur noch nach Hause und verabschiedet sich am Bahnhof.

Einige Tage später ruft Said an. Er hat den Tag sacken lassen. „Ich bin wirklich froh, dass der Täter vor Gericht gekommen ist. Aber ich hätte gern als Zeuge gesprochen.“ So habe der Täter eine Bühne erhalten, während er selbst nichts sagen konnte. „Es fühlt sich nicht gut an, ich hätte mir etwas mehr Wertschätzung erhofft“, sagt Said. Über eins aber freut er sich sehr: Das TikTok-Video ist endlich offline.

Transparenzhinweis:
Der Kontakt zu Said kam über den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zustande. Der DGB macht seit 2020 mit seiner Initiative „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch!“ bundesweit auf das Thema Gewalt gegen Beschäftigte aufmerksam und arbeitet dabei auch mit dem WEISSEN RING zusammen. Im September 2023 haben WEISSER RING und DGB ein neues Hilfetelefon für Betroffene gestartet (Rufnummer 0800 116 0060), sie kooperieren mittlerweile mit HateAid für Angebote zur Prävention, Beratung und Unterstützung bei digitaler Gewalt.