Sobald Aboumri zögert, drohen die Betrüger ihm mit einem Geldwäscheverfahren und hohen Strafen, die sie allerdings abwenden könnten, wenn er weitere 26.000 Euro zahle – von seinem Gewinn, auf den er aber noch keinen Zugriff hat. Darum soll er auch diesen Betrag vorstrecken. Aboumri zahlt weiter, solange er kann, um an den ersehnten Gewinn zu kommen. Irgendwann hat er nicht nur seine Ersparnisse aufgebraucht, sondern zudem hohe Schulden. Er hat Kredite bei zwei Banken aufgenommen, dazu kommen private Darlehen von seiner Schwiegermutter, seinem Schwager und seinem Bruder. „Ich dachte, so komme ich endlich an mein Geld“, sagt er. Als er Anfang 2025 kein Geld mehr auftreiben kann, verschärfen die Betrüger ihren Ton, beginnen, ihm zu drohen. „Da habe ich zum ersten Mal Angst bekommen“, sagt Aboumri. Er blockiert die Anrufe und Nachrichten des angeblichen Finanzberaters und geht zur Polizei.
Der Betrug mit Kryptowährungen ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Experten zufolge sollen allein 2024 weltweit Schäden in Höhe von mehr als acht Milliarden Euro entstanden sein. Oft sind es Menschen, die unter finanziellem Druck stehen, die sich schnell und unkompliziert etwas dazuverdienen wollen. Viele verlieren dabei ihr gesamtes Erspartes oder verschulden sich. Es kann jeden erwischen. Aboumri hatte in seiner Heimat sogar als Informatiker gearbeitet. „Bis zum Ende habe ich Herrn Gibson geglaubt“, sagt er. „Dabei war alles gelogen.“ Rückblickend bezeichnet er sein Verhalten als „naiv“ und „gierig“.
Mehr als 100.000 Euro hat Tahir Aboumri verloren. Kontoauszüge und E-Mails hat er akribisch gespeichert (sie liegen der Redaktion vor), doch als er im März 2025 Anzeige bei der Polizei Osnabrück erstattet, macht man ihm wenig Hoffnung. Die Aussichten, das Geld zurückzubekommen, seien gering, sagen ihm die Beamten direkt. „Für mich war das ein Schock“, sagt er.
Die Schulden wird Aboumri noch viele Jahre abzahlen müssen
Heute habe er seine Lage akzeptiert, sagt Aboumri. „Ich muss mit meinem Fehler leben, aber für mich und meine Familie ist das ein schwerer Schlag. Wir kämpfen seither mit großen finanziellen und psychischen Belastungen.“ Die erste Zeit habe er nicht schlafen können, sein Sohn habe stark abgenommen. Das Geld ist knapp, vor allem am Ende des Monats. Die Anwälte, die er anschrieb, gaben ihm wie die Polizei zu verstehen, dass er sein Geld nicht zurückbekommen werde. Wollte er es versuchen, kämen weitere Anwaltskosten auf ihn zu, die er nicht tragen könne.
Aboumri ist der Hauptverdiener in der Familie, er arbeitet zwölf Stunden am Tag für rund 2.700 Euro netto im Monat. Davon tilgt er monatlich knapp 500 Euro Kreditschulden bei den Banken, seinen Verwandten zahlt er alle zwei Monate niedrige vierstellige Beträge zurück. Er überlegt, Privatinsolvenz anzumelden.
Im Juni teilte ihm die Staatsanwaltschaft Osnabrück mit, dass sie das Verfahren eingestellt habe. Es sei „nicht möglich“, heißt es in dem Schreiben, die Täter zu ermitteln, weil diese erfundene oder missbräuchlich verwendete Echtdaten benutzt hätten. „Damit muss ich jetzt leben“, sagt Aboumri. Viele Opfer von Kryptowährungsbetrug schweigen, aus Scham darüber, dass sie auf eine Betrugsmasche hereingefallen sind, dass sie unbedacht gehandelt haben, wie auch Abroumi einräumt.
Doch er möchte seine Geschichte öffentlich machen, „um andere Bürgerinnen und Bürger zu warnen und darauf hinzuweisen“, sagt er. „Und um die Behörden zu sensibilisieren, dass sie mehr für die Unterstützung der Opfer und die Verfolgung von Tätern tun sollten.“