Der leise Ermutiger

Erstellt am: Freitag, 17. Juli 2026 von Sabine

Der leise Ermutiger

Er hat die Sozialpolitik in Deutschland als Staatssekretär aus dem Hintergrund mitgestaltet – und übernimmt nun Verantwortung für die Opferhilfe: Rolf Schmachtenberg ist der neue Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Berlin. Der 67-Jährige bringt politische Erfahrung sowie fachliche Tiefe mit und hat ein Ziel: Opfer von Verbrechen stärken und sie sichtbar machen.

Rolf Schmachtenberg ist der neue Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Berlin. Bei der Wahl hat er mit 52 von 52 Stimmen ein eindeutiges Ergebnis erzielt.

Ende April, ein Samstag, 8.57 Uhr. Noch drei Minuten, dann beginnt die Berliner Landestagung des WEISSEN RINGS. Der Saal in dem Tagungshotel ist modern-funktional eingerichtet: Betonoptik, dunkelblau-grüne Wände, großflächige Kunstwerke. Vorne in der ersten Reihe sitzt Rolf Schmachtenberg. Dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte. Vor ihm ein rotes Notizbüchlein, das er immer wieder aufschlagen wird, um mitzuschreiben: konzentriert, präzise, akribisch.

Schmachtenberg ragt heraus. Schon allein körperlich: 1,97 Meter misst er. Doch an diesem Tag sticht er nicht nur wegen seiner Größe hervor: 52 von 52 Stimmen – so ein eindeutiges Ergebnis erzielt er bei seiner Wahl zum Berliner Landesvorsitzenden. Ein Ergebnis, das den 67 Jahre alten Schmachtenberg „freudig überrascht“ hat, wie er sagt. Das Votum sieht er aber auch als Verpflichtung: „Ich muss, wir, der Vorstand, müssen nun auch liefern.“

An dem sonnigen Frühlingstag liegt Abschied in der Luft: Bianca Biwer, die scheidende Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS, sagt den Berliner Ehren- und Hauptamtlichen mit warmen Worten Adieu. Auch Schmachtenbergs Vorgängerin, Manuela Krahl-Röhnisch, lässt die vergangenen vier Jahre als Landesvorsitzende Revue passieren. Es fließen Tränen. Dass aus Wehmut kein tiefes, schwarzes Loch wird, liegt auch an Schmachtenberg. Zum einen verteilt er schnell und fast beiläufig Taschentuchpackungen mit dem Logo des Opferhilfevereins. Zum anderen hat der Berliner Verband mit seinem neuen Vorsitzenden einen Mann mit reichlich Erfahrung für eine Führungsposition gewinnen können.

Schmachtenberg wird 1959 in Aachen geboren. Daher seine Vorliebe für Karl den Großen, sagt er mit einem Augenzwinkern. Doch die nordrhein-westfälische Stadt ist ihm irgendwann zu klein. Er geht zum Mathematikstudium nach Heidelberg und Paris; 1989 promoviert er in Mannheim als Volkswirt. Sein Engagement in der Friedensbewegung prägt ihn politisch und führt ihn nach Berlin. Die Mauer ist gefallen, vieles im Umbruch. Schmachtenberg wird Anfang 1990 Referent der DDR-SPD. Kurze Zeit später tritt er in Pankow den Sozialdemokraten bei – der Beginn einer Laufbahn, die ihn tief in die Sozialpolitik führt, die er dann über Jahrzehnte mitgestalten wird.

Er wird Referent für Arbeit und Soziales in dem dafür zuständigen Ministerium der DDR unter der beliebten und über Parteigrenzen hinweg geachteten SPD-Politikerin Regine Hildebrandt. Ihr folgt er noch im selben Jahr bis Ende 2001 ins brandenburgische Arbeitsministerium. Im Januar 2002 wechselt Schmachtenberg ins Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung. Dort ist er zuerst als Unterabteilungsleiter und später als Abteilungsleiter im Bereich Arbeitsmarktpolitik aktiv, bis er zur Kriegsopferversorgung versetzt wird. Zuletzt ist er von 2018 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2025 als Staatssekretär zusätzlich vor allem für die Politik für Menschen mit Behinderungen sowie die gesetzliche und betriebliche Rente zuständig.

Geduld und ein Plan B

Als Staatssekretär lernt Schmachtenberg 2010 das Opferentschädigungsgesetz kennen. „Mir wurde schnell klar, dass es zwar sehr umfangreiche Versorgungsleistungen vorsieht, aber nichts an schnellen Hilfen, wie sie Opfer von Gewalttaten benötigen.“ Er habe deshalb einen Fachdialog mit seinen Kolleginnen und Kollegen im Bundesarbeitsministerium und externen Fachleuten initiiert, wie das Recht neu aufgestellt werden könnte. Daraus resultiert 14 Jahre später das SGB XIV. Zwischen 2014 und 2018 wird der Gesetzentwurf erarbeitet. Im Anschluss sorgt Schmachtenberg dafür, dass er alle drei gesetzgeberischen Hürden nimmt: Bundeskabinett, Bundestag und vor allem Bundesrat. „Dabei muss man auf der Wegstrecke Kompromisse in alle Richtungen eingehen“, betont er. „Wichtig für den Erfolg war, dass nach intensiven Abstimmungen der WEISSE RING das Vorhaben klar unterstützte. Das war von hohem Wert, um die Bundesländer zur Zustimmung zu bewegen.“

In Prozessen wie diesen empfindet Schmachtenberg Kritik nicht als Angriff, sondern als „hilfreich, solange sie nicht verletzend und zynisch ist“. Gerade in der Politik für Menschen mit Behinderungen habe er gelernt, wie wichtig unterschiedliche Perspektiven seien. „Das ist oft arbeitsintensiv und anstrengend“, sagt er. „Aber die Mühe lohnt sich, wenn man zu besseren Ergebnissen kommen will.“ Politische Prozesse beschreibt Schmachtenberg als ein System aus Hindernissen und Ausweichrouten: Wer beispielsweise ein zustimmungspflichtiges Gesetz durch den Bundesrat bringen wolle, müsse mögliche Widerstände früh erkennen und mitdenken. Es sei gut, immer einen Plan B zu haben, sagt er. Manchmal aber helfe selbst das nicht. Dann brauche es Geduld. Im Extremfall könne es besser sein, ein Vorhaben nicht weiterzuverfolgen und erst einmal abzuwarten

Warum im Jahr 2010 der Schritt in den WEISSEN RING? Schmachtenberg antwortet pragmatisch: „Bei meinem Wechsel von der Arbeits- in die Sozialpolitik fand ich es gut zu wissen, wie die Beratungsarbeit des WEISSEN RINGS funktioniert.“ 2020 macht er die Qualifizierung zum ehrenamtlichen Opferberater. Vier Opferberatungen habe er übernommen, erzählt Schmachtenberg, eigentlich keine dramatischen Fälle, wie er betont. Und doch bleiben sie ihm im Gedächtnis.

„Mein Ziel ist es, dass der WEISSE RING als zentraler Akteur für die Opfer von Kriminalität stärker wahrgenommen wird.“

Rolf Schmachtenberg

„Ich empfand die Arbeit als beeindruckend und sehr fordernd. Man sitzt mit den Opfern zusammen, ist mit ihren Lebensgeschichten konfrontiert, mit dem, was sie erleben mussten, und soll dann einen hilfreichen Beitrag beisteuern.“ Eine anspruchsvolle Aufgabe, die sich zeitlich kaum mit seiner Tätigkeit als Staatssekretär vereinbaren lässt. „Deshalb habe ich einen riesigen Respekt vor denen, die diese ehrenamtliche Arbeit leisten.“

Respekt vor ehrenamtlicher Arbeit

Vielleicht erklärt dies auch das Zögern Schmachtenbergs, den Landesvorsitz von Manuela Krahl-Röhnisch zu übernehmen. Ende 2020 wird er das erste Mal gefragt. Mit Verweis auf seine berufliche Tätigkeit als Staatssekretär lehnt er zunächst ab. „Doch seitdem war die Idee in mir eingepflanzt.“ Nach seinem Ruhestand sei es die Hartnäckigkeit von Krahl-Röhnisch gewesen, die ihn überzeugt hätte, die neue Rolle anzunehmen. Vorbereitet hat er sich darauf lange. Er sei bereits seit einiger Zeit „mitgelaufen“, wie Krahl-Röhnisch erzählt.

Den WEISSEN RING hält Schmachtenberg für den zentralen Akteur, um die Rechte von Opfern zu stärken. „Opfer von Gewalt zu werden, ist furchtbar: Ohnmacht und Scham lähmen, Hilfe fehlt oft oder ist nicht erreichbar.“ Deshalb brauche es den WEISSEN RING, der diese Hilfe anbiete – „ehrenamtlich-fachlich, uneigennützig und unabhängig“. Der Verein sei die Institution, die sich ausschließlich für die Belange der Opfer einsetze. „Und dies will ich mit meinen Kräften unterstützen.“

Ziel müsse es sein, „dass wir es schaffen, mehr Opfer zu ermutigen, Unterstützung anzunehmen und zu sprechen“. Schmachtenberg ist überzeugt: Dies könnte Täter von ihrem Tun abhalten. „Denn das Schweigen der Opfer ist der beste Schutz der Täter“, betont er. Fänden die Opfer hingegen ihre Stimme, werde das Dunkelfeld ein wenig heller. „Wir sind gut in Prävention und Opferberatung, können also einen Beitrag leisten für eine friedvollere Gesellschaft.“

Mit kleinen, kaum sichtbaren Gesten

Schmachtenberg weiß, dass auch innerhalb der Opferhilfeorganisation Veränderungen nötig sind. Zwar feiert der Verein in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen. Doch der „Schwung der Aufbaujahre ist verflogen“, sagt er. Der Verein brauche „mehr Mitglieder, mehr Geld, mehr ehrenamtliche Opferberaterinnen und -berater“. Schmachtenberg betont: „Mein Ziel ist es, dass der WEISSE RING als zentraler Akteur für die Opfer von Kriminalität noch stärker wahrgenommen wird.“

Zurück im Tagungssaal. Schmachtenberg zeigt mit kleinen, kaum sichtbaren Gesten, wie er den Landesverband führen will. Als eine Referentin den versammelten Mitgliedern des WEISSEN RINGS eine Einstiegsfrage stellt, antwortet Schmachtenberg zuerst und bricht so das Eis. Seine Vorstellungsrede beginnt mit einem Scherz: „Sitzen alle gut? Jetzt kommt eine lange Rede.“ Doch sie bleibt kurz und klar, mit einer ehrlichen Standortbestimmung und offen kommunizierten Zielen. Sie ist auch persönlich, nahbar: Wohnhaft in Moabit, verheiratet, „drei oder fünf erwachsene Kinder. Je nach Zählweise.“. Sein Ehemann hat zwei Kinder mit in die Ehe gebracht, Schmachtenberg einen Sohn. Und dieser hat wiederum zwei Halbgeschwister. Eine nicht alltägliche Familie, Schmachtenberg erzählt davon fast beiläufig. Mit dem jüngeren seiner Söhne war Schmachtenberg kürzlich einen Monat in Indien unterwegs, der Heimat seines Ehemanns. Deshalb, sagt Schmachtenberg, „essen wir in der Regel zu Hause auch indisch“.

Im Ruhestand weiter politisch

Im Ruhestand bleibt Schmachtenberg politisch. Mit einem Augenzwinkern nennt er sich einen „freien Radikalen“, weil er sich vor allem beim Thema Alterssicherung weiter einbringt. Nicht als Strippenzieher hinter den Kulissen, sondern als Mahner und Mutmacher. Er schreibt Essays, in denen er zum Beispiel vor den Stimmen warnt, die das aktuelle Rentensystem am Ende sehen, und macht Gegenvorschläge. Er hat eine Beratungsfirma beim Finanzamt angemeldet, über die er Vorträge im Bereich der Sozialpolitik hält. Ein Nachklapp zu seinem Berufsleben sei das. Doch mit seiner Wahl zum Berliner Landesvorsitzenden des WEISSEN RINGS schlägt er nun ein neues Kapitel auf: „Jetzt habe ich ein neues Mandat und eine neue Aufgabe.“ Klar ist: Die ersten Seiten seines roten Notizbuches sind gefüllt. Viele weitere werden folgen. Für die Opfer von Kriminalität und Gewalt.

„Der gemeinsame Nenner bleibt“

Erstellt am: Mittwoch, 15. Juli 2026 von Sabine

„Der gemeinsame Nenner bleibt“

Benedikt Wemmer ist seit 2013 beim WEISSEN RING, in den vergangenen vier Jahren auch als Sprecher der Jungen Mitarbeitenden im Bundesvorstand. Jetzt ist er 36 und blickt im Jubiläumsjahr zuversichtlich auf die Herausforderungen der Zukunft.

Benedikt Wemmer kümmert sich vor allem um Prävention und Öffentlichkeitsarbeit.

Während des Interview-Spaziergangs in Münster geht es am Haus des Mannes vorbei, der 2018 einen Kleinbus auf die voll besetzte Terrasse einer Gaststätte in der Innenstadt lenkte, vier Menschen tötete und Dutzende schwer verletzte. Benedikt Wemmer hat damals in der Außenstelle Münster viele Opfer betreut.

Wie haben Sie 2018 von der Amokfahrt erfahren?

Ich war an diesem Samstag zu Hause, als die Tickermeldung kam. Mir war schnell bewusst, dass das ein Fall war, bei dem man alles stehen und liegen lässt. Wir hatten uns beim WEISSEN RING nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz 2016 Gedanken gemacht, wie wir mit solchen Großereignissen umgehen. Ich habe damals direkt den Landesvorsitzenden kontaktiert und gesagt: Ich glaube, wir haben so einen Fall. In der Außenstelle Münster lief es dann sehr gut dafür, dass wir noch nicht solche professionalisierten Strukturen für Großlagen hatten wie heute. Wir haben damals Schwerverletzte, Angehörige und traumatisierte Augenzeugen betreut. Der WEISSE RING hat 25.000 Euro an Soforthilfen ausgezahlt – unter anderem für Reisekosten, um Angehörige in Münsteraner Krankenhäusern zu besuchen, oder um Notlagen durch Verdienstausfall abzumildern.

Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Die Menschen sind mir alle in Erinnerung geblieben, weil es eine Besonderheit war. Was mich nachhaltig beeindruckt hat, war ein betroffenes Paar, das in Münster Urlaub gemacht hat. Die Frau war schwer verletzt, der Mann leicht. Die beiden waren schon lange ein Paar und haben in Münster im Krankenhaus spontan geheiratet – nur mit Ersthelfern und allen, die ihnen diese schlimme Zeit erleichtert haben. Sie wollten nicht jedes Mal zusammenzucken, wenn sie den Münster-Tatort sehen. Stattdessen haben sie die Stadt mit etwas sehr Positivem verknüpft. Das war ein sehr schöner und gleichzeitig beeindruckender Moment. Davon ein Teil zu sein, war etwas ganz Besonderes.

„Ich bin offen und werde mich weiter im Verein einbringen. Mir geht es aber nicht um Posten, sondern darum, etwas zu bewirken.“

Benedikt Wemmer

Über die Freiwilligenagentur war Wemmer 2013 auf den WEISSEN RING gestoßen. Nachdem er in den ersten Jahren Opferfälle begleitete, ist er heute vor allem in der Prävention und Öffentlichkeitsarbeit tätig. Das Ehrenamt ist für den verheirateten Vater zweier Töchter ein guter Ausgleich zum Berater-Job. Der Jurist arbeitet für eine Kanzlei, die auf Zoll- und Außenhandelsrecht spezialisiert ist.

Sie haben sich bei den Jungen Mitarbeitenden engagiert, sind als Sprecher in den Bundesvorstand gewählt worden. Jetzt sind Sie 36 und demnach kein junger Mitarbeiter mehr. Wie geht es weiter?

Es ist seit zwei Jahrzehnten gelebte Praxis, dass die Jungen Mitarbeitenden einen Sprecher im Bundesvorstand haben. Das habe ich in den vergangenen vier Jahren gemacht und es hat mir großen Spaß bereitet. Jetzt mache ich gerne Platz, damit jemand Neues die Interessen der Jungen Mitarbeitenden vertreten und neue Impulse setzen kann. Ich bin mit 36 in einer anderen Lebenswirklichkeit angekommen, habe Familie und stehe im Berufsleben. Ich bin offen und werde mich weiter im Verein einbringen. Mir geht es aber nicht um Posten, sondern darum, etwas zu bewirken.

Was macht für Sie den WEISSEN RING aus?

Es ist schon verrückt, was für ein bunter Haufen wir sind. Bei Veranstaltungen des WEISSEN RINGS fragt man sich schon, mit welchem anderen Thema man diesen Personenkreis zusammenbringen könnte. Es sind sehr unterschiedliche Menschen, aber da ist dieser gemeinsame Nenner: das Gefühl, dass es da eine Ungerechtigkeit gibt und Betroffene nicht ausreichend unterstützt werden. Und gleichzeitig hat man für sich erkannt, etwas für die Opfer tun zu wollen. Das verbindet.

Das Vereinsleben ist im Umbruch, viele Vereine haben Nachwuchssorgen. Wie ist der WEISSE RING da aus Ihrer Sicht aufgestellt?

Im Vergleich zu anderen stehen wir relativ gut da. Rund ein Viertel aller Ehrenamtlichen sind junge Mitarbeitende, also unter 35. Das ist, glaube ich, für eine NGO, die nicht Freiwillige Feuerwehr oder THW heißt, ziemlich einzigartig. Das kommt aber nicht von ungefähr: Wir fördern seit zwei Jahrzehnten das Thema junge Mitarbeitende strukturell. Es gibt jährliche Netzwerktreffen; die Landesverbände ernennen Jugendbeauftragte. Und der Verein
unterstützt immer wieder Aktionen und Kampagnen der Jungen Mitarbeitenden zu Themen wie „Sicherer Heimweg“ oder „K.-o.-Tropfen“. Das ist der Grund für viele Werdegänge im Verein, auch meinen eigenen, dass junge Leute hier nicht an eine gläserne Decke stoßen. Ich glaube, diese Arbeit trägt Früchte und ist für mich immer auch ein Lichtblick in Sachen Zukunftsfähigkeit.

In diesem Jahr feiert der Verein sein 50-jähriges Bestehen. Man spürt, dass die Zeichen auf Umbruch stehen. Wie blicken Sie auf die Zukunft?

Ich sehe das positiv. Es ist jetzt genau die richtige Zeit, Dinge anzupacken. Wir werden uns in den kommenden Jahren in gewisser Weise neu erfinden, neue Ansätze finden und vielleicht auch ein paar finanzielle und organisatorische Dinge hinterfragen müssen. Aber wir sollten uns im ehrenamtlichen Kontext von der allgemeinen schlechten gesellschaftlichen Stimmung nicht runterziehen lassen. Wir haben immer unseren gemeinsamen Nenner, der bleibt. Den hat es am Anfang gebraucht und den braucht es jetzt. Ich bin mir sicher, dass der WEISSE RING auch in 50 Jahren noch an der Seite der Opfer stehen wird.

Die empathische Kämpferin

Erstellt am: Donnerstag, 2. Juli 2026 von Sabine

Die empathische Kämpferin

Wir sind tieftraurig, dass Manuela Söller-Winkler am 24. Juni während eines Klinikaufenthalts verstorben ist. Für dieses Porträt gab sie uns im Mai ein Interview. Nach Rücksprache mit ihrem Ehemann Achim Winkler, der bis zuletzt an ihrer Seite war, haben wir entschieden, den Text, den sie gelesen hatte, zu veröffentlichen. Um Manuela Söller-Winkler und ihre Verdienste zu würdigen und ihre wichtigen Botschaften weiterzugeben.

An einem Frühlingsabend in Mainz hatte Manuela Söller-Winkler schon einen ganzen Tag mit Vorstellungsgesprächen hinter sich: In der Bundesgeschäftsstelle des WEISSEN RINGS ging es um die Nachfolge von Geschäftsführerin Bianca Biwer, die zum Festspielhaus Baden-Baden wechselt. Söller-Winkler, eine Strategin mit Menschenkenntnis, traf in der Findungskommission eine Vorauswahl für den Bundesvorstand. Die 64-Jährige war Landesvorsitzende in Schleswig-Holstein und Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstandes, wo wichtige Vereinsbeschlüsse gefasst werden. Sie saß an einem Tisch im Konferenzraum Rhein. Auf der Stellwand hinter ihr  waren viele Menschen abgebildet, die einen Ring formen, um den Slogan „Jeder kann Opfer werden. Wir sind an Ihrer Seite“. Söller-Winkler trug eine pinkfarbene Bluse und eine Kurzhaarfrisur. Und strahlte, trotz der langen Termine. Zu den Gesprächen „darf ich mich nicht äußern“, sagte sie freundlich, aber bestimmt. Es war das einzige Mal, dass sie wortkarg blieb.

Ein riesiger Verlust

Der WEISSE RING trauert um Manuela Söller-Winkler. Wir waren sehr froh, als sie nach ihrer schweren Erkrankung zurückkehrte. Mit viel Energie, Klugheit, Humor und großen rhetorischen Fähigkeiten hat sie wieder viele Themen vorangetrieben, immer verbindlich und menschlich. Umso trauriger sind wir über ihren Tod.

Sie wird uns unfassbar fehlen, als wichtiges Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstands, verdiente Landesvorsitzende und wertvolle Ansprechpartnerin für die Akademie, als Vorsitzende des Fachbeirats Aus- und Weiterbildung. Manuela Söller-Winkler hat in allen Bereichen maßgebliche, bleibende Akzente gesetzt. Aber auch als Mensch, bei dem man sich schnell wohlgefühlt hat, hinterlässt sie eine riesige Lücke. Unsere herzliche Anteilnahme gilt ihrer Familie.

Kürzlich war Manuela Söller-Winkler als Landeschefin wiedergewählt worden. Als der damalige Vize-Bundesvorsitzende Jörg Ziercke die Juristin 2018 bat, das Amt zu übernehmen, war der Landesverband in einer schwierigen Situation: Ein Ehrenamtlicher soll hilfesuchende Frauen sexuell belästigt haben. Der Verein zog Konsequenzen, führte unter anderem eine Beschwerdestelle und das „Sechs-Augen-Prinzip“ bei Erstgesprächen ein. Doch die Krise war noch zu spüren, das Ansehen erschüttert, der Vorstand weg.

„Das schreckte mich nicht ab. Herausforderungen liebe ich“, erinnerte sich Manuela Söller-Winkler. Im Hinblick auf den Neuanfang „leuchtete mir ein, dass sie nach einer Frau suchten, die vertrauenswürdig und hier verankert ist“. Das traf auf Söller-Winkler zu, die bis 2017 Staatssekretärin im Ministerium für Inneres und Bundesangelegenheiten des Landes Schleswig-Holstein war.

Sie habe der Gesellschaft „im klassischen Sinne etwas zurückgeben“ wollen und sich gedacht: „Das ist es doch.“ Beruflich hatte sie viel mit Sicherheitsthemen zu tun, sich fortan auf den Opferschutz konzentrieren zu können „passte sehr gut“, zumal sie die Arbeit bereits geschätzt habe: „Wir fangen Menschen auf, begleiten sie, lotsen sie zu spezialisierten Hilfsangeboten.“ Die neue Landesvorsitzende änderte einiges: „Von Beginn an habe ich gesagt, dass ich eine enge Kommunikation mit meinen Außenstellenleitungen möchte. Um zu wissen, wie sie ihre Arbeit wahrnehmen. Es ist wichtig, dass wir den gleichen Wertekanon haben.“ Sie ging „in die Fläche“, bot sich aktiv als Gesprächspartnerin an. Manche waren skeptisch, fragten: Muss das sein? Will sie uns kontrollieren? Söller-Winkler erklärte, es sei ihr um einen intensiven Austausch gegangen, auch bei Problemen, um diese früh erkennen zu können. Sie trug zu einem Kulturwandel bei: „Mittlerweile kommen die Leute offen auf mich zu, üben auch Kritik.“

So wie bei einem aktuellen Thema: In einem Pilotprojekt in ausgewählten Bundesländern testet der WEISSE RING, ob es sinnvoll ist, den Scheck für eine anwaltliche Erstberatung durch ein anderes Verfahren zu ersetzen: Opfer werden dabei von einem hauptamtlichen Juristen oder einer Juristin des Vereins, die auf Opferrechte spezialisiert sind, beraten – statt wie bisher von externen Anwälten in der Umgebung. Nach der Testphase wird entschieden, ob das Modell ausgebaut wird.

Ein Teil der Ehrenamtlichen ist dagegen. Söller-Winkler warb für eine differenzierte Sichtweise: „Es handelt sich nicht nur um eine Sparmaßnahme. Der Aufbau einer eigenen Beratung kann ein Qualitätssprung sein. Gerade auf dem Land ist es schwierig, genügend gute Opferanwälte zu finden.“

Keine Angst vor unbequemen Themen

Eines von Söller-Winklers Prinzipien: „Debatte kann anstrengend sein, lohnt sich aber.“ Um überzeugen zu können, braucht es neben Einfühlungsvermögen inhaltliche Tiefe – das wusste Söller-Winkler aus ihrer beruflichen Laufbahn. Während ihrer Zeit im Innenministerium waren viele schwierige Themen an der Tagesordnung. Etwa, als um 2015 viele Geflüchtete kamen: „Wir sind in die Kommunen gefahren, wo eine Unterkunft gebaut wurde, und warben um Akzeptanz.“ Teilweise war dabei Polizeischutz notwendig. In kurzer Zeit entstanden mehr als zehn zusätzliche Unterkünfte, um den Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben. Auch für Söller-Winkler war es eine sehr schwierige, anstrengende, „aber gute Zeit“, weil sie helfen konnte.

Beim WEISSEN RING nahm Manuela Söller-Winkler bald auch am Forum der Landesvorsitzenden teil: „Hier habe ich damals realisiert, welch ausgeprägte Männerwelt das war.“ Irritiert habe sie auch, dass es oft Zustimmung oder Schweigen gegeben habe. „Mittlerweile haben wir eine viel bessere Diskussionskultur“, betonte Söller-Winkler. „Das liegt nicht nur, aber auch daran, dass wir gemischter und weiblicher geworden sind.“

Die gebürtige Bonnerin hatte keine Angst, „unbequeme“ Themen anzusprechen: „Mir fällt es schwer, den Mund zu halten, wenn mir etwas nicht gefällt oder ich es gar für falsch halte. Ich finde es wichtig, Dinge beim Namen zu nennen.“ So kritisierte sie vor Jahren, dass der Wirtschaftsprüfer länger nicht gewechselt worden war. Söller-Winkler hinterfragte auch sich selbst: „Manchmal überlege ich im Nachhinein, ob ich diplomatisch genug oder doch zu tough war und jemanden ,überrollt‘ habe.“ In Schleswig-Holstein arbeiteten Söller-Winklers Stellvertreter Harald Rothe und Pressesprecher Joachim Brandt eng mit ihr zusammen. Sie beschreiben die Landesvorsitzende als kommunikativ und zupackend. Eine Frau, die „wusste, was sie wollte, und gleichzeitig empathisch war“. Für die frühere Bundesgeschäftsführerin Bianca Biwer war Manuela Söller-Winkler eine „echte Führungsperson“ mit Fachkompetenz, die zuhörte und Verantwortung übernahm, auch in Krisen. Sie „hatte ein großes Herz, den Blick für das große Ganze und Haltung“. So habe sie geholfen, den Unvereinbarkeitsbeschluss, der den Verein vor Extremisten und Rassisten schützen soll, zu formulieren.

Söller-Winkler war auch Vorsitzende des Fachbeirats für Aus- und Fortbildung: „Wir bieten sehr gute Seminare an“, lobte sie und appellierte: „Leute und Mitstreiter, bleibt dran und ruht euch nicht auf Seminaren aus, die ihr vor Jahren gemacht habt. Wir schulden es den Opfern, ihnen nach den aktuellen Erkenntnissen und Möglichkeiten zu helfen.“ Das Thema Cyberkriminalität zum Beispiel werde immer wichtiger: „Wir müssen uns darin fortbilden. Die Rahmenbedingungen für Polizei und Justiz sind schwierig, die Dunkelziffer hoch.“

Söller-Winkler forderte eine „noch stärkere Innovationsbereitschaft“ im Verein. Die digitale Außenstelle sei „aus dem Mangel geboren, weil wir weniger Ehrenamtliche als früher haben. Sie bietet aber auch Chancen, etwa beim Erreichen jüngerer Betroffener“.

Ausdrücke wie „dranbleiben“ und „hinterfragen“ verwendete Söller-Winkler oft: „Vieles von dem, was wir in den vergangenen 50 Jahren gemacht haben, ist großartig, aber wir müssen uns hinterfragen und einiges verändern, um auch noch in 50 Jahren stark zu sein.“ Söller-Winkler war eine Kämpferin. Während ihrer Krebserkrankung habe ihr eines geholfen: „Die vielen mutmachenden Nachrichten von Menschen aus dem Verein haben mich in der besonders schweren Zeit getragen. Und später habe ich mich unheimlich gefreut, mich wieder engagieren zu können.“

Einfach machen

Erstellt am: Donnerstag, 12. März 2026 von Sabine

Einfach machen

Sarah Wendlandt leitet mit 24 Jahren die Außenstelle Greifswald. Sie ist damit die jüngste Außenstellenleiterin des WEISSEN RINGS. Aber nicht nur das: Auch ihr Team ist jung, denn fast alle sind noch im Studierendenalter.

Sarah Wendlandt studiert Jura in Greifswald. Dort leitet sie auch die Außenstelle des WEISSEN RINGS, mit sechs festen Mitgliedern und zwei Auszubildenden.

Wie kommt das Gute in die Welt? Vielleicht sind die Dinge so einfach, wie es das Beispiel von Sarah Wendlandt nahelegt: Weil sie es von zu Hause aus so kannte, wollte auch sie sich ehrenamtlich engagieren. „Ich lebte damals in Stralsund und war 18 Jahre alt. Ich wollte nicht zu den Vereinen gehen, zu denen alle gehen, sondern suchte etwas außerhalb meiner Peergroup“, sagt sie. „So kam ich 2020 zum WEISSEN RING.“ Braucht es also gar keine großen Erklärungsansätze, sondern nur – wie bei Sarah Wendlandt – ein Vorbild, eine Mutter, die ihr Herz in die Arbeit in einem Hospiz legte und die dazu noch ehrenamtlich Erste-Hilfe-Kurse anbot? Und einen Vater, der sich als Polizist für das Gute einsetzte? Als kleines Kind, berichtet die heute 24 Jahre alte Sarah Wendlandt, habe ihre Mutter an ihr als Dummy oft vorgeführt, wie man Wunden verbindet. Später, mit 18 Jahren, folgte sie dem Beispiel ihrer Mutter und suchte sich ein Ehrenamt.

„Ich habe den Entschluss, den WEISSEN RING zu kontaktieren, damals still und heimlich in meinem Kinderzimmer getroffen“, erzählt Sarah Wendlandt. Sie habe spontan bei der Außenstelle angerufen und gesagt: „Ja, hallo, ich bin Sarah und würde mich gerne ehrenamtlich engagieren.“ Der Außenstellenleiter in Stralsund führte daraufhin ein Gespräch mit ihr. „Er hat geschaut, was ich über den Verein weiß, über die Arbeit des WEISSEN RINGS, und was meine Hintergründe sind. Ich war damals noch 18, und das ist ja sehr jung für solche Themen.“

Wendlandt sagt, sie habe sich über den Verein informiert und gewusst, dass sich der WEISSE RING um Menschen kümmert, die Straftaten erlitten haben. „Vor allem fand ich sehr einprägsam, dass die Hilfe auch unabhängig von Strafanzeigen erfolgt. Dass man auch das polizeiliche Dunkelfeld auffängt.“ Das Telefonat vermittelte dem Außenstellenleiter wie auch ihr einen positiven Eindruck, und die Zusammenarbeit konnte beginnen. „Von dem Zeitpunkt an war ich mit dabei. Ich habe direkt mit den Hospitationen angefangen, war dann auch an der Fallarbeit beteiligt.“

„Ich wollte nicht zu den Vereinen, zu denen alle gehen, sondern suchte etwas außerhalb meiner Peergroup. So kam ich 2020 zum WEISSEN RING.“

Sarah Wendlandt

Bei ihrer ersten Betreuung als Hospitantin war sie gleich mit einem heftigen Fall konfrontiert: Der Mann war als Junge entführt, mehrere Tage gefangen gehalten und unter Drogen gesetzt worden. Er war sexuell missbraucht worden und litt zum Zeitpunkt des Kontakts mit dem WEISSEN RING, rund zwanzig Jahre später, immer noch darunter. Auf Sarah Wendlandt wirkte er immer noch verloren.

Die damals 18 Jahre junge Sarah kam mit dem Gehörten und Erlebten dennoch recht gut klar. „Nach den Hospitationen habe ich mit der Mitarbeiterin noch mal über den Fall gesprochen, wie meine Eindrücke waren. Wir haben gegenseitig geschaut, wie es einem geht.“

Sarah Wendlandt begann ein Studium, blieb aber bald zu Hause, weil die Corona-Pandemie Deutschland auf den Kopf stellte. Sie wechselte das Fach, studierte fortan Jura und zog in die Stadt ihrer Universität, nach Greifswald. An ihrem Engagement hat all das nichts geändert. Mehr noch: Ihr Einsatz nahm erheblich zu. Heute leitet sie die Außenstelle des Vereins in Greifswald und damit ein Team aus sechs festen Mitgliedern und zwei Auszubildenden. Im vergangenen Sommer übernahm sie die Funktion von Korbinian Geiger, einem Rechtsanwalt, der aufgrund seines Berufs nicht mehr genug Zeit dafür aufbringen konnte, allerdings Mitarbeiter blieb. Auch er war als Student in den Verein eingetreten, auch er war damals der Jüngste. Nach
Geiger kristallisierte sich sehr schnell Sarah Wendlandt als Nachfolgerin heraus. Wie sie arbeitet, gefalle ihm: „Sie macht das gewiss besser als ich“, sagt er.

Alle im Team sind ähnlich jung wie die Leiterin selbst

Die Außenstelle in der 65.000-Einwohner-Stadt könnte eine normale Außenstelle sein wie die rund 400 anderen auch. Vielleicht abgesehen davon, dass sie eine Ostsee-Insel zu ihrem Betreuungsgebiet zählt. Was sie aber abhebt, ist das Alter der Mitarbeitenden. Außer Korbinian Geiger sind alle im Team Greifswald ähnlich jung wie die Leiterin, und selbst Geiger würde mit seinen 43 Jahren anderswo wohl noch als jung durchgehen. Die Außenstelle gilt als die jüngste des WEISSEN RINGS.

Häufig vernimmt man in der Vereinsszene in Deutschland die Klage, dass es schwer sei, Nachwuchs zu finden. Die Forschung hat ein Wort dafür geprägt: Vereinssterben. Der Begriff scheint in seiner Dramatik nicht übertrieben zu sein: Eine 2024 erschienene Studie spricht von 8.000 bis 9.000 Vereinen, die pro Jahr aus dem Vereinsregister gelöscht werden. Siri Hummel und Eckhard Priller schreiben in ihrer Studie: „Als Ursachen werden nicht finanzielle Gründe, fehlende Sachmittel oder Räumlichkeiten angeführt, sondern ein Mangel an Mitgliedern und die geringe Bereitschaft, ehrenamtliche Funktionen zu übernehmen oder sich in anderer Form freiwillig zu engagieren.“

„Wenn ich in die Fälle gehe, dann bin ich in einer anderen Rolle, und alles Private blende ich aus.“

Sarah Wendlandt

In Greifswald, der Stadt hoch oben im Norden von Deutschland an der Ostsee, ist das anders. Niemand hat die Entwicklung dort gezielt gefördert, es hat sich in gewisser Weise einfach so ergeben, vielleicht, weil die Bedingungen in einer Universitätsstadt mit vielen gebildeten und jungen Menschen günstig sind.

Sarah Wendlandt gelingt es, empathisch zu sein, ohne das Erfahrene allzu nah an sich heranzulassen. „Wenn ich in die Fälle gehe, dann ist es, als drücke ich einen Knopf. Dann bin ich in einer anderen Rolle, und alles Private blende ich aus. Ist der Fall erledigt, gehe ich nach Hause und bin dann wieder mein privates Ich.“ Nur einmal gelang ihr das nicht. Ein Polizist war im Dienst angegriffen und dabei schwer verletzt worden. Sarah Wendlandt war mit einer Mitarbeiterin bei der Familie vor Ort. Der Mann war zu dem Zeitpunkt im Krankenhaus, weil er erneut operiert werden musste, eine von insgesamt zwanzig Operationen. „Da hing noch so viel persönliches Schicksal mit dran. Seine Frau hat ihren Traumjob aufgegeben, um ihn zu pflegen. Der Zustand war also nicht vorübergehend, sondern er hielt an.“

Verbesserungen für Betroffene

Für Sarah Wendlandt ist es wichtig, für Betroffene Verbesserungen zu erreichen. „Egal, wie häufig man die Betroffenen trifft, man sieht eigentlich immer, dass sie besser aus dem Gespräch rausgehen, als sie reingekommen sind. Das gibt mir unfassbar viel.“ Aus diesem Fall aber zog sie den Schluss, einen ähnlichen Fall nicht mehr zu betreuen. Sie konnte das Erlebte nicht ganz von sich fernhalten. „Ich fand den Fall wohl deshalb recht heftig, weil mein Vater auch im Polizeidienst tätig ist. Ich habe mir vorgestellt, die Frau könnte meine Mutter sein.“ Dieses Schicksal habe ihr noch mal vor Augen geführt, wie sehr Straftaten auch das Schicksal der Angehörigen verändern. Seitdem blickt Sarah Wendlandt auch anders auf True-Crime-Formate. Früher mochte sie die Podcasts und Serien gerne. Heute achtet sie darauf, inwiefern die Opfer und Betroffenen angemessen dargestellt sind oder ob jemand nur Kasse macht mit dem Leid anderer.

Neulich dachte die Außenstellenleiterin über den Begriff „Opfer“ nach. „Für mich persönlich geht das Wort mit einer Stigmatisierung einher. Man hat das Bild einer schwachen Person im Kopf. Aber das sind die Betroffenen einfach nicht. Sie haben die Tat überlebt und sich Hilfe gesucht, das macht sie auch stark. Nur kann sich der Verein nicht einfach von dem Begriff des Opfers trennen.“

Es mag ein Privileg der Jugend sein, Dinge hinterfragen zu dürfen und frischen Wind in einen Verein zu bringen. Dass ihr Team fast komplett im Studierendenalter ist, hat viele Vorteile. Noch dazu studieren fast alle Jura und eine Mitarbeitende Psychologie; die gleiche Lebenssituation verbindet, die Probleme sind ähnlich. Zwar sind nicht alle eng miteinander befreundet, manche aber übernehmen auch neben dem WEISSEN RING etwas gemeinsam.

Gerade für Betroffene neuerer Formen der Kriminalität, etwa im Cyberbereich, mag es wohltuend sein, ein Gegenüber vor sich zu haben, das voll in der technischen Gegenwart lebt. Zugleich ist dieses junge Lebensalter auch eine Herausforderung für die Außenstellenleiterin: Stehen etwa Klausuren an, drohen gleich mehrere Mitarbeitende auszufallen, weil sie lernen müssen.

Die Lotsin

Erstellt am: Donnerstag, 12. März 2026 von Sabine

Die Lotsin

Vanessa Hilário da Ponte engagiert sich seit vier Jahren ehrenamtlich als Beraterin beim Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS. Die Psychologiestudentin ist oft die erste Ansprechpartnerin für Menschen, die Opfer einer Straftat geworden sind. Im Interview spricht die 28-Jährige über emotionale Gespräche, generationsübergreifende Teamarbeit und ihr schwindendes Interesse an True-Crime-Podcasts.

Vanessa Hilário da Ponte hat in der Corona-Zeit beim Opfer- Telefon angefangen.

Es ist klirrend kalt Anfang Januar in Köln-Nippes. Vor einem Café liegen Tannenzweige im Schneematsch. Drinnen duftet es nach Linsen-Daal und frisch gemahlenen Kaffeebohnen. Vanessa Hilário da Ponte lebt hier im Viertel. Momentan hat sie wenig Zeit, es zu genießen, weil sie mitten in der Klausurenphase an der Uni steckt. Sie grüßt freundlich lächelnd mit festem Händedruck, bestellt sich Tee aus frischem Ingwer und sagt, sie sei etwas nervös, weil dies ihr erstes Interview ist.

Wann und wie sind Sie zum WEISSEN RING gekommen?

Ich habe mein Fernstudium der Psychologie in der Corona-Zeit begonnen und nur wenige Kontakte zu Kommilitonen gehabt. Ich hatte Zeit und wollte neben dem Studium etwas Sinnvolles tun, was mich inhaltlich interessiert und was ich später als Psychologin auch anwenden kann. Opferschutz fand ich interessant. Ich bin im Internet auf den WEISSEN RING gestoßen. Der Verein hat damals Ehrenamtliche gesucht, da passte das sehr gut und so habe ich 2022 beim Opfer-Telefon angefangen.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag am Opfer-Telefon?

Ja klar, ich saß im Homeoffice am Schreibtisch und hatte schon eine Stunde vor meiner Schicht Herzrasen. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt. Das weiß ich bis heute nicht. Jedes Mal gibt es mindestens einen Fall, den ich noch nie hatte.

Wie bereitet der WEISSE RING Ehrenamtliche auf diese anspruchsvolle Aufgabe vor?

Es gibt eine zweiwöchige Ausbildung. Da wird die Theorie vermittelt durch Vorträge von Juristen, Psychologen und anderen Experten. Im Praxisteil haben wir Telefonate mit Schauspielern geübt. Es gab Probeanrufe zu Themen, die uns am Opfer-Telefon begegnen. Die sind so realistisch, dass man alles um sich herum ausblendet und das Gefühl hat, das ist echt. Da sind Tränen geflossen.

Sind auch bei echten Telefonaten schon mal Tränen geflossen?

Einmal habe ich nach einem Telefonat geweint. Das war eine Anruferin, die am Abend zuvor vergewaltigt wurde. Und ich war der erste Mensch, dem sie davon erzählt hat. Sie war sehr aufgewühlt und hat bitterlich geweint. Ich glaube, es ging mir so nah, weil ich mich mit ihr identifizieren konnte. Sie war ungefähr so alt wie ich und hat ebenfalls studiert. Ich hatte hinterher aber das gute Gefühl, dass ich sie beruhigen und ihr wirklich weiterhelfen konnte.

„Viele Opfer geben sich eine Mitschuld an der Gewalttat. Wir machen ihnen klar, dass allein der Täter dafür verantwortlich ist.“

Vanessa Hilário da Ponte

Mittlerweile ist Vanessa Hilário da Ponte selbst in der Auswahlkommission für das Opfer-Telefon und hilft, neue Beraterinnen und Berater auszusuchen. Geboren und aufgewachsen ist die 28-Jährige in Dortmund. Neben dem Psychologiestudium hat sie unter anderem Praktika auf einer psychiatrischen Station für akute Psychosen und in der Kinderschutzambulanz gemacht sowie als studentische Hilfskraft zu Resilienz bei Depressionen, bipolaren Störungen und ADHS geforscht.

Ihren Bachelor in Psychologie haben Sie abgeschlossen – für Ihren Master haben Sie den Schwerpunkt Rechtspsychologie gewählt. Warum gerade diese Fachrichtung?

Das ist ein sehr spannender Bereich, darunter fallen Gutachten im Bereich der Aussagepsychologie und Schuldfähigkeit. Ich kann mir sehr gut vorstellen, später auch als Gutachterin tätig zu werden.

Beißt sich das nicht mit dem Opferschutz, wenn Sie Gutachten über Täter erstellen?

Wenn man objektiv genug an die Sache rangeht, dann nicht. Mit Tätern zu arbeiten, auch bei der Frage nach ihrer Schuldfähigkeit, ist wichtige Prävention und trägt zum Schutz der Gesellschaft bei.

Welche Delikte begegnen Ihnen am Opfer-Telefon am häufigsten?

Vergewaltigung, häusliche Gewalt und Stalking. Was wir allerdings auch häufig erleben, sind Menschen mit psychischen Erkrankungen, die nur denken, dass sie Opfer von Straftaten geworden sind. Damit umzugehen, es zu erkennen, ist eine große Herausforderung.

Rund 100 Menschen sind bundesweit am Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS tätig. Von 7 bis 22 Uhr ist das Opfer-Telefon erreichbar, die Schichten der Ehrenamtlichen dauern jeweils drei Stunden. Rund acht bis neun Anrufe gehen pro Schicht bei Vanessa Hilário da Ponte ein, neun Minuten dauert ein durchschnittliches Gespräch. Pro Tag zählte das Opfer- Telefon insgesamt rund 60 Gespräche im Jahr 2024.

Gab es Telefonate, die Ihnen besonders nahegehen?

Sehr bewegt hat mich das Gespräch mit einer Frau, die Zeugin eines Mordes und Opfer von Stalking durch denselben Täter war. Die Frau hatte Todesangst. Sie wollte sich das gern von der Seele reden. Am Ende des rund einstündigen Telefonats
sagte sie: ‚Ich werde dieses Gespräch niemals in meinem Leben vergessen.‘ Solche Worte berühren mich tief.

Sind es diese Reaktionen, die das ehrenamtliche Engagement für Sie so erfüllend machen?

Es fühlt sich gut an, wenn ich jemanden in einer schwierigen Situation unterstützen konnte. Wenn jemand sagt: „Danke, dass Sie da waren“ oder „Jetzt weiß ich, was ich tun kann“, dann spüre ich, wie notwendig, wertvoll und erfüllend unsere Arbeit ist.

Vanessa Hiláro da Ponte kommt in jedem Opfer-Telefon-Dienst mit mindestens einem Fall in Berührung, den sie so vorher noch nie hatte.

Im September 2025 war Vanessa Hilário da Ponte mit Ehrenamtlichen aus ganz Deutschland beim Sommerfest des Bundespräsidenten in Berlin. Portugal war Partnerland – was für Vanessa Hilário da Ponte ein Bonus war, denn ihre Mutter wurde in Portugal geboren. Als Begleiterin ihrer Tochter konnte sie im Garten des Bundespräsidenten sogar mit dem portugiesischen Staatspräsidenten Marcelo Rebelo de Sousa sprechen und ein gemeinsames Foto machen. „Das war ein wundervolles Fest, sehr wertschätzend“, erzählt die 28-Jährige.

Wie helfen Sie den Opfern konkret?

Oft sind wir die ersten Menschen, denen sich die Betroffenen offenbaren. Wir fangen sie auf und hören ihnen zu. Wir haben eine Lotsenfunktion, können Wege aufzeigen und auf weitere Hilfsangebote hinweisen. Vergewaltigungsopfer wissen zum Beispiel häufig nicht, dass es die Möglichkeit der anonymem Spurensicherung gibt. Viele Opfer geben sich eine Mitschuld an der Gewalttat. Wir machen ihnen klar, dass allein der Täter dafür verantwortlich ist. Wir arbeiten eng mit den Außenstellen des WEISSEN RINGS zusammen, verweisen die Betroffenen an die entsprechenden Ansprechpartner vor Ort und telefonieren in ganz speziellen Fällen mit den Mitarbeitenden in den Außenstellen. Ich habe größten Respekt vor der Arbeit dort. Die Betroffenen vor sich sitzen zu haben, stelle ich mir emotional noch herausfordernder vor. Bei Bedarf verweisen wir auch auf spezialisierte Unterstützungsangebote. Dabei steht der Wille des Opfers immer im Mittelpunkt.

Blicken Sie durch die ehrenamtliche Arbeit anders auf die Welt?

Ich habe früher sehr viele True-Crime-Podcasts gehört. Das hat sich mit meiner Arbeit am Opfer-Telefon geändert. Mein Bedarf an True Crime ist spürbar gesunken. Heute lege ich großen Wert auf Opfersensibilität und Sachlichkeit bei True-Crime-Formaten. Wenn überhaupt, dann höre ich jetzt sachliche Podcasts wie den von „Aktenzeichen XY“.

Bei einem Spaziergang durch ihr Viertel erzählt sie noch, dass sie neben dem Studium und der ehrenamtlichen Arbeit beim WEISSEN RING viel Sport treibt. Momentan besonders gern auf dem Spinning-Rad und beim Pilates. In der Klausurphase arbeitet sie nur alle zwei Wochen beim Opfer-Telefon. Ansonsten ist sie jede Woche Ansprechpartnerin für Betroffene von Straftaten.

Das Ehrenamt beim Opfer-Telefon ist emotional herausfordernd. Reicht Sport als Ausgleich?

Ich kann mich da sehr gut abgrenzen. Und wenn uns ein Fall belastet, können wir das in der Supervision aufarbeiten. Auch die regelmäßigen Teamtreffen sind hilfreich. Wir gehen einfühlsam miteinander um, egal ob jung oder alt. Erfahrene Kolleginnen und Kollegen stehen uns immer mit Rat und Tat zur Seite. Obwohl wir inzwischen mehr als 100 Leute sind, ist es familiär geblieben. Persönlich habe ich zusätzlich das große Glück, dass ich eine sehr gute Freundin überzeugen konnte, sich ebenfalls beim Opfer-Telefon zu engagieren. Wir wohnen in einer WG, sodass wir uns super austauschen können.

Die unsichtbare Minderheit

Erstellt am: Donnerstag, 12. März 2026 von Sabine

Die unsichtbare Minderheit

Der WEISSE RING kümmert sich auch um gehörlose Kriminalitätsopfer. Aber wie funktioniert die Hilfe konkret? Wie kann der Verein helfen, wenn jemand nicht sagen kann, was passiert ist? Ehrenamtliche aus Kerpen und Hamburg berichten aus der Praxis.

Martin Feist und Bettina Czompel-Feist sind verheiratet und engagieren sich gemeinsam beim WEISSEN RING. Sie betreuen in Nordrhein- Westfalen gehörlose Kriminalitätsopfer und kennen sich in der Gehörlosen-Szene aus.

Die Zahl derer, die Kerpen auf einer Deutschlandkarte finden können, dürfte überschaubar sein, zumindest außerhalb von Nordrhein-Westfalen. Nur wenige Kilometer von Köln entfernt liegt die Stadt mit rund 70.000 Einwohnern im Rhein-Erft-Kreis, recht idyllisch inmitten grüner Felder und Wälder. Die Weihnachtsdeko hängt noch, obwohl es bereits Februar ist, und zwei etwas verloren wirkende Narren irren durch die Gassen der Stadt, auf dem Weg zur nächsten Karnevalsfeier. Hier, im tiefen Westen der Republik, sorgen Bettina Czompel-Feist und Martin Feist dafür, dass die Probleme jener Menschen gehört werden, die selbst nichts hören: Für den WEISSEN RING kümmern sie sich um gehörlose Opfer von Kriminalität.

„Gehörlos sein, das sehen wir nicht“

Der Verein geht damit auf eine Community zu, die ganz besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge braucht. „Denn Gehörlose haben erstmal ein großes Misstrauen gegenüber Hörenden“, sagt Martin Feist. „Das muss man aus ihrer Erfahrung heraus verstehen.“ Die Interaktion mit Hörenden sei oftmals negativ behaftet, das zeige ein einfaches Alltagsbeispiel. „Wenn meine taube Schwiegermutter spazieren geht und ein Radfahrer von hinten kommt, klingelt und sich dann aufregt, weil sie nicht zur Seite geht, dann versteht sie gar nicht, was los ist, und fühlt sich in dem Moment angegriffen“, so der 57-Jährige. „Jeden Mann im Rollstuhl, jede Frau mit Blindenstock erkennen wir sofort. Aber gehörlos sein, das sehen wir nicht.“

Martins Frau Bettina Czompel-Feist ist auch gehörlos und kennt die Schwierigkeiten im Alltag. Die beginnen schon mit der Türklingel – für Hörende das Normalste der Welt. Doch wie soll man wissen, dass jemand vor der Tür steht, wenn man das Läuten nicht hören kann? Die Antwort darauf kann man im Haus der Feists sehen: Betätigt jemand die Klingel, flackern im ganzen Haus Lichtblitze. „Als Kind habe ich zuerst ganz normal gehört, aber mit viereinhalb wurde das Hören immer schlechter. Ich kam dann auf eine Schwerhörigenschule und musste sieben Jahre lang zum Logopäden, um sprechen zu lernen, das war nicht sehr schön für mich“, erinnert sich die 47-Jährige. Mittlerweile trägt Czompel-Feist Cochlea-Implantate, ihre Einschränkung ist ihr dadurch kaum noch anzumerken. Die elektronischen Prothesen stimulieren den Hörnerv direkt und ermöglichen damit das Hören. Dennoch können die Implantate das natürliche Gehör nicht ersetzen, sagt Martin Feist. „In einer ruhigen Umgebung sind Hören und Verstehen kein Problem. Das ändert sich aber bereits, wenn alle Kinder hier sind und schnell mit mir reden. Dann bekommt sie streckenweise nichts mehr mit, dann wird es zu schnell, zu viel, zu laut, zu undeutlich.“

Martin Feist weist darauf hin, dass es wichtig ist, Gehörlosen auch Dinge zu erklären, die für Hörende selbstverständlich sind.

Eine andere Welt

Dass die Welt um sie herum nicht für sie gemacht ist, bleibt vielen Gehörlosen stets im Bewusstsein. Diese Hürde muss sich auch vergegenwärtigen, wer im Opferschutz mit dieser oft unsichtbaren Minderheit zu tun hat. „Nur“ die Sprache zu lernen, reiche nicht aus, wie Martin Feist mit einem Vergleich deutlich macht: „Wenn Menschen einen Japanisch-Kurs machen, können sie auch nicht direkt japanische Opfer beraten. Ich kann sie dann ein Stück weit mehr verstehen, bekomme vielleicht auch ein bisschen mehr Vertrauen. Aber ohne Dolmetscher geht da nichts.“

Diese Rolle übernimmt in dieser besonderen Konstellation in Kerpen Martin Feists Frau. Sie ist mittlerweile seit gut fünf Jahren ehrenamtliche Mitarbeiterin des WEISSEN RINGS. „Ein Glücksgriff für den Verein“, schmunzelt Feist. Er selbst ist vor etwa zehn Jahren beigetreten. Ungefähr zu dieser Zeit startete auch die Gehörlosen-Hilfe im Verein. Mittlerweile haben sie ungefähr fünf bis sechs Fälle im Jahr. „Wir haben es mit Diebstahl, Rufmord, Betrug, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, eigentlich mit der ganzen Bandbreite zu tun“, sagt er.

„Gehörlose sind sehr offen und direkt. Man muss mit ihnen also auch offen und direkt sprechen.“

Bettina Czompel-Feist

Ganz konkrete Unterschiede in der Opferschutzarbeit mit Hörenden gibt es beispielsweise in der Art und Weise, wie kommuniziert wird. „Gehörlose sind sehr offen und direkt“, sagt Bettina Czompel-Feist. „Man muss mit ihnen also auch offen und direkt sprechen.“ Ihr Mann fügt hinzu: „Gehörlose sind nicht unhöflich, sie sagen einfach, was sie wollen. Da gibt es kein ‚Schönschminken‘.“ Dies gelte auch für Themen, die in der Mehrheitsgesellschaft oft als heikel und mit sozialen Tabus belastet gelten, etwa körperliche Merkmale: „Wenn einer mal 20 Kilo zugelegt hat, wird gesagt: ‚Du bist dick geworden.‘ Fertig.“ Auch in der Opferhilfe bedeute diese Direktheit, dass man möglichst klar und schnörkellos kommunizieren muss: „Es braucht eine ganz klare Ansage. Das ist ein völlig anderer Ansatz als das, was viele Opferschützer gewohnt sind“, sagt Feist. Außerdem sei es wichtig, Gehörlosen auch Dinge zu erklären, die für uns selbstverständlich sind – etwa wenn man sich beim Sprechen abwendet. Gehörlose dürfen nie das Gefühl bekommen, man mache sich hinter ihrem Rücken über sie lustig.“

Man dürfe auch nicht den Fehler machen und alle „in einen Topf“ werfen. „Es gibt die Menschen, die komplett gehörlos sind und die das auch sein wollen. Dann gibt es welche, die noch einen Rest Hörvermögen haben und versuchen, in der hörenden Welt unterwegs zu sein. Und dann gibt es noch die, die schon etwas dagegen getan haben, so wie meine Frau. Sie tragen Implantate und gelten in der Gehörlosen-Community auch gar nicht so richtig als gehörlos“, sagt er. Man müsse zudem unterscheiden zwischen Menschen, die früher mal gehört haben, und jenen, die nie gehört haben. „Das grammatikalische Verstehen, das Hörverstehen und das Verständnis von komplexen Zusammenhängen ist ein völlig anderes.“

Bettina Czompel-Feist ist selbst gehörlos. Mit viereinhalb Jahren wurde ihr Gehör immer schlechter. Heute trägt sie Cochlea- Implantate, die Einschränkung ist ihr kaum anzumerken.

Wie wichtig es ist, die Lebensrealitäten der Gehörlosen zu kennen, wenn man gehörlosen Opfern von Kriminalität helfen will, merkten auch die ehrenamtlichen Mitarbeitenden Cornelia Haverkampf und Werner Springer. Die beiden Hamburger hatten vor ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit keinerlei Bezug zur Gehörlosen-Community. Das änderte sich, als sie 2017 ihre ersten Seminare zum Thema besuchten. „Wir waren dann beim Gehörlosenverband in Hamburg und haben den WEISSEN RING vorgestellt. Das führte aber nicht wirklich zum Erfolg. Erst als sich eine Gehörlose meldete und nach ihrer Betreuung Werbung für uns machte, ging es bei uns in Hamburg nach und nach los. Mittlerweile haben wir vier, fünf Fälle im Jahr“, erzählt die 68-Jährige.

Jeder kennt jeden

Etwa 80.000 Gehörlose gibt es laut dem Deutschen Gehörlosen-Bund in Deutschland. Das heißt, rund ein Mensch von tausend ist betroffen. Die Community ist gut verknüpft, sie tauscht sich viel aus. „Sie haben viel Angst vor Tratsch, auch innerhalb der Community.“ Die Opferhelferin vermutet, dass viele sich auch deswegen schwerer Hilfe suchen, wenn etwas passiert. Laut Gehörlosenverband Hamburg leben in der Hansestadt rund 2.000 Gehörlose. Jeder kenne jeden, „wie ein Dorf“. Informationen verbreiten sich wie ein Lauffeuer, nicht nur in Hamburg, sondern auch bundesweit, durch Messengerdienste und die sozialen Medien. „Daher kommen Betroffene auch gerne ins Landesbüro, das ist ein neutraler Ort. Im Café hätten viele zu viel Angst, gesehen zu werden“, so Haverkampf. Hinzu kommt: Im Gegensatz zu einem leisen Gespräch ist eine Unterhaltung in Gebärdensprache im öffentlichen Raum für andere Gehörlose leicht „mitlesbar“. Ohne einen Dolmetscher funktioniere die Opferarbeit aber nicht.

Cornelia Haverkampf betreut in Hamburg gehörlose Kriminalitätsopfer. Sie vermutet, dass sich viele, aus Angst vor Tratsch, schwerer Hilfe suchen, wenn etwas passiert.

Das macht die Terminfindung manchmal schwierig. „Wir fragen immer: ‚Haben Sie einen Dolmetscher Ihres Vertrauens?‘ Das sind ja intimste Geschichten, die sie erzählen, und die meisten haben einen Dolmetscher oder eine Dolmetscherin, mit dem oder der sie regelmäßig unterwegs sind. Aber auch der oder die muss Zeit haben. Da gehen schon mal zwei, drei Wochen ins Land, bis ein Termin steht. Und wenn der dann vereinbart ist und sie kommen, muss man sich ganz auf sie einstellen. Wenn man das auch so spiegelt und sagt: ‚Ich nehme dich so, wie du bist. Jetzt bist du hier und das ist gut‘, dann läuft das eigentlich immer gut“, sagt die Ehrenamtliche. Mittlerweile haben die Hamburger auch eine Liste an Dolmetschern, die sie direkt anrufen können.

„Wir können etwas erreichen, aber in kleinen Schritten“

Cornelia Haverkampf, Werner Springer, Martin Feist und Bettina Czompel-Feist – sie gehören zu den im Moment noch wenigen Ehrenamtlichen, die sich beim WEISSEN RING um gehörlose Opfer kümmern. Sie leisten damit einen wichtigen Dienst, den der Verein nicht überall anbieten kann. Darum warnt Martin Feist auch davor, den WEISSEN RING proaktiv in der Szene zu bewerben. „Denn wir könnten uns in kürzester Zeit selbst alles kaputtmachen“, sagt er. Besser sei es, nur die Fälle anzunehmen, die reinkommen. „Ich glaube, dass wir was erreichen können, aber eben in kleinen Schritten.“

Ein Anruf bei… Elke Hannack

Erstellt am: Dienstag, 10. Februar 2026 von Sabine

Ein Anruf bei… Elke Hannack

Elke Hannack kämpft seit Jahren gegen Angriffe auf Menschen im Dienst der Gesellschaft. Im Interview mit dem WEISSER RING Magazin spricht sie über besonders gefährdete Gruppen, mangelnde Unterstützung für Betroffene durch Vorgesetzte und den Ruf nach härteren Strafen.

DGB/Simone M. Neumann

Elke Hannack ist seit 2013 stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Zu ihren thematischen Schwerpunkten zählen Beamte und öffentlicher Dienst, Bildungsarbeit und Gleichstellungspolitik. Hannack setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte von Beschäftigten ein. Neben ihrem Studium war sie im Handel tätig und gründete dort schnell einen Betriebsrat.

Vor wenigen Monaten, an Silvester, sind in mehreren deutschen Großstädten zahlreiche Rettungskräfte und Polizisten angegriffen worden. Und erst kürzlich wurde der Zugbegleiter Serkan C. bei einer Ticketkontrolle in Rheinland-Pfalz so schwer angegriffen, dass er starb. Wie stark sind Beschäftigte des öffentlichen und privatisierten Dienstes gefährdet und was hat sich in den vergangenen Jahren verändert?

Der Vorfall im Kreis Kaiserslautern ist furchtbar. Das war keine „besondere Lage“, kein Großeinsatz – sondern eine Alltagssituation. Und genau das macht es so alarmierend: Wenn selbst Routinehandlungen wie Fahrkartenkontrollen eskalieren, dann ist das ein Warnsignal für uns als Gesellschaft. Mit der Aktion „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch“ machen wir seit Jahren darauf aufmerksam, dass sich die Lage immer weiter verschärft. Auch wenn es nicht tagtäglich zu solchen schweren Gewalttaten kommt: Viele Beschäftigte im Dienst der Gesellschaft erleben in ihrem Arbeitsalltag verbale oder körperliche Aggressionen. Wir beobachten eine Verrohung, in der die eigenen Interessen überwiegen und die kleinste Unwucht im Alltag zu einer maximalen Entladung führen kann, Konflikte mitunter sofort mit ausfallender Sprache oder sogar mit Fäusten ausgetragen werden. Da haben wir viele Beispiele etwa aus Ordnungsämtern, auch in Berlin: Als Kolleginnen und Kollegen Autofahrer antrafen, deren Parkdauer schon abgelaufen war, und ihnen ein Knöllchen gaben, wurden sie weggeschubst und gestoßen, haben körperliche Verletzungen davongetragen. Die Hemmschwelle sinkt, so dass Leute Hassparolen verbreiten oder handgreiflich werden, insbesondere gegen Personen, die für staatliche Institutionen arbeiten.

Gibt es neben den Beschäftigten im Ordnungswesen weitere Gruppen, die besonders bedroht sind?

Gefährliche Konflikte können vor allem bei Entscheidungen entstehen, die sich persönlich auf Bürgerinnen auswirken. Unverständnis entlädt sich leider oft stellvertretend gegen die Person, die eine Entscheidung übermitteln, erklären oder durchsetzen muss. Beschäftigte mit direktem Kundenkontakt sind naturgemäß stärker gefährdet: in Jobcentern oder Bürgerämtern, in Schulen, Krankenhäusern, bei Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdiensten, im Nahverkehr. Von digitaler Gewalt sind insbesondere Beschäftigte in höheren Verwaltungspositionen betroffen, wie wir im Rahmen einer repräsentativen Forsa-Umfrage herausgefunden haben. Es gibt Übergriffe, die fast die gesamte Republik mitbekommt, so wie an Silvester, als Rettungskräfte massiv attackiert, mit Feuerwerkskörpern beschossen wurden. Medien haben über eine ganze Reihe von Messerangriffen in Jobcentern berichtet. Vieles geht aber an der Öffentlichkeit vorbei, die alltäglichen Attacken, etwa wenn Busfahrerinnen und Busfahrer angepöbelt oder körperlich angegangen werden, wenn sie nicht pünktlich an der Haltestelle sind.

Die Illustration zeigt einen Feuerwehrhelm mit zerbrochenem Schutzvisier.

Retter in Not

Angriffe auf Einsatzkräfte sind ein großes Problem. Wie sollte unsere Gesellschaft ­darauf reagieren? Eine Analyse der Situation.

Welche Ursachen sehen Sie für diese Verrohung?

Die Ursachen sind vielfältig: gesellschaftliche Spannungen, persönliche Notlagen, Frustration, Überforderung, psychische Ausnahmesituationen. Die überwiegend männlichen Täter kommen aus allen gesellschaftlichen Gruppen. Die negative Entwicklung wird durch die sozialen Medien und das Niedermachen auf Plattformen befördert. Darüber hinaus stellen wir einen schleichenden Vertrauensverlust in die Politik und den öffentlichen Dienst fest, dessen Leistungen kleingespart wurden. Bei Übergriffen wird an den Stellvertretern des Staates Frust abgelassen, sagen uns die Betroffenen.

Welche Folgen haben die Angriffe für die Opfer?

Die Auswirkungen sind individuell und vielschichtig. Körperliche Verletzungen sind sichtbar, die der Seele dagegen kaum. Gerade seelische Verletzungen können gravierende Langzeitfolgen haben. Da passt es dann auch nicht, dass Betroffene von ihren Vorgesetzen häufig zu hören bekommen, sie sollten sich nicht so anstellen. Auch diese Verletzungen können zu Belastungsstörungen führen. Betroffene können langfristig ausfallen oder schließlich gezwungen sein, ihre Arbeit aufzugeben. Irgendwann hat jeder seine Belastungsgrenze erreicht. Viele Gewaltopfer arbeiten weiter, ziehen sich jedoch innerlich zurück, verlieren Vertrauen in ihre Mitmenschen und werden skeptischer im Kontakt mit Bürgerinnen und Kundinnen. Das belegen Ergebnisse aus unseren Befragungen.

Was raten Sie Betroffenen?

Jeder Vorfall sollte den Vorgesetzen gemeldet werden. Das sollte niemand mit sich alleine ausmachen – nehmt die Unterstützungsangebote wahr, wo es sie gibt! Gespräche mit den Kolleginnen, Personalräten, eine professionelle Nachsorge: All das kann helfen, das Erlebte einzuordnen und gesund zu bleiben. Eines möchte ich ausdrücklich sagen: Die Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen in den Dienststellen stehen in der Pflicht. Sie sollten Unterstützung nicht nur ermöglichen, sondern proaktiv anbieten. Für die Betroffenen ist die erste große Hürde nämlich oft, nach Hilfe fragen zu müssen.

Wie ist es um die Bereitschaft der Betroffenen bestellt, über Gewalt zu sprechen und sich Hilfe zu holen?

Die Bereitschaft wächst, das ist die gute Nachricht. Immer häufiger vertrauen sich Betroffene zumindest den Kolleginnen und Kollegen oder ihrem persönlichen Umfeld an. Aber es suchen noch nicht genug Angegriffene das Gespräch mit den Vorgesetzten und erstatten Anzeige. Zu den Ursachen zählen Sorge vor Stigmatisierung, Scheu vor bürokratischem Aufwand und Loyalität gegenüber der Dienststelle, die womöglich kein Interesse an einem Verfahren hat. Umso wichtiger sind vertrauliche und unkomplizierte Hilfsangebote.

"Der Vorfall im Kreis Kaiserslautern ist furchtbar. Das war keine ,besondere Lage‘, kein Großeinsatz – sondern eine Alltagssituation. Und genau das macht es so alarmierend: Wenn selbst Routinehandlungen wie Fahrkartenkontrollen eskalieren, dann ist das ein Warnsignal für uns als Gesellschaft."

Elke Hannack
Werden Betroffene von ihren Arbeitgebern, aber auch von Polizei und Justiz genug unterstützt?

Unter den Arbeitgebern gibt es durchaus engagierte Beispiele für Hilfsangebote, etwa bei der Stadtverwaltung Köln, aber auch in kleineren Kommunen. Insgesamt ist der Handlungsbedarf weiterhin groß. Gerade bei der Nachsorge, weil viele Dienststellen überhaupt kein Konzept dafür haben, genauso wenig wie für Prävention. Und wenn es Hilfsmöglichkeiten gibt, sind sie vielen Beschäftigten gar nicht bekannt. Vielerorts fehlen noch immer klare Meldewege für den Fall der Fälle und ein niedrigschwelliger Zugang zu Unterstützung. Diese sollte unabhängig davon erfolgen, ob ein Vorfall aktenkundig wird oder nicht. Was Polizei und Justiz angeht: Bevor diese Institutionen eingreifen können, muss ein Vorfall angezeigt werden – was aus unserer Sicht immer geschehen sollte. Weil hier die Betroffenen aktiv werden müssen, brauchen sie Rückendeckung von ihrer Dienststelle, die den Rechtsweg mit ihnen gehen sollte. Leider erleben wir häufig, dass Vorgesetzte sagen: „Ach, komm, das war nicht so schlimm. Eine Anzeige bei der Justiz und der Berufsgenossenschaft ist doch nicht notwendig.“ Erschwerend kommt hinzu, dass unsere Strafgerichte absolut überlastet sind und solche Gewalttaten teilweise erst Jahre später verhandelt werden. Hier braucht es dringend mehr Personal. Häufig werden Verfahren aufgrund eines angeblich mangelnden öffentlichen Interesses auch eingestellt.

Welche Verantwortung trägt der öffentliche Dienst insgesamt?

In den vergangenen Jahrzehnten wurden viele Stellen im öffentlichen Dienst gestrichen, heute gibt es vielerorts Fachkräfte- und Nachwuchsmangel. Oft dauert es Jahre, bis eine Stelle neu besetzt ist. Solange müssen die verbliebenen Kolleginnen und Kollegen zusätzliche Arbeit erledigen – was zu einem enormen Stress führt. Der Ruf des öffentlichen Dienstes als Arbeitgeber hat sich verschlechtert. Hier gilt es, gegenzusteuern. Wir brauchen gute Arbeitsbedingungen, um das Konfliktpotenzial zu senken, und mehr Schutz der eigenen Beschäftigten. Und der beginnt mit einer starken Haltung: Gewalt gegen Beschäftigte darf weder relativiert noch normalisiert werden. Gleichzeitig müssen Maßnahmen zum Schutz auf die jeweilige Dienststelle zugeschnitten sein, die natürlich auch ausreichend Personal wie technische Ressourcen braucht. Klare Zuständigkeiten im Ernstfall sind wichtig, eine Kultur des Hinschauens und Zuhörens, und, um noch ein konkretes Beispiel zu nennen, mehr Deeskalationsschulungen.

Sehen Sie weitere Lücken beim Schutz und bei den Konsequenzen?

Ja, insbesondere bei der Erfassung von Vorfällen. Aktuell werden lediglich Übergriffe auf Polizei, Rettung, Feuerwehr sowie auf Beschäftigte der Bahn umfassend erfasst. Alle anderen Berufsgruppen fallen hinten runter. Dadurch wird der Handlungsdruck verringert, und die Politik kann sich einen schlanken Fuß machen. Es ist wichtig, alle Vorfälle zu erfassen, bundesweit und in allen Branchen, auch weil sich daraus wichtige Lehren für individuelle Schutzkonzepte ziehen lassen.

Nach den Übergriffen an Silvester ist wieder der Ruf nach schnelleren Verfahren und härteren Strafen laut geworden. Wie schätzen Sie die Forderungen ein?

Dass Fälle durchaus zügig vor Gericht gebracht werden können, zeigt beispielsweise eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft in Nordrhein-Westfalen, die sich auf Gewalt gegen Beschäftigte des öffentlichen Dienstes und des privatisierten Sektors konzentriert. Betroffene können also schnell zu ihrem Recht kommen, wenn der Wille da ist. Wichtiger als die Höhe der Strafe ist, dass Taten verurteilt, Verfahren nicht rasch eingestellt werden. Letzteres ist immer ein fatales Signal an Betroffene. Sie können dann zu dem Schluss kommen: Die Anzeige war der falsche Weg. Der Staat hat mich im Stich gelassen.

Transparenzhinweis:
Der DGB und der WEISSE RING kooperieren seit 2020 beim Projekt „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch“. Dazu gehören die bundesweite kostenfreie und anonyme Hilfe-Hotline, die unter 0800 116 006 0 erreichbar ist, sowie Aus- und Weiterbildungsangebote für Führungskräfte und Beschäftigte. Die Anrufzahlen beim Hilfetelefon liegen aktuell im niedrigen dreistelligen Bereich. Betroffene werden hier beraten, etwa im Hinblick auf eine mögliche Anzeige und weitergehende Hilfsangebote. Die Ratsuchenden kommen aus allen Branchen. Die Gewalt reicht von Beleidigungen bis hin zu schweren körperlichen Attacken. Weiterer Kooperationspartner bei „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch“ ist HateAid.

“Wir sind wieder da!“

Erstellt am: Dienstag, 23. Dezember 2025 von Sabine

“Wir sind wieder da!“

Jahrelang gab es keine Außenstelle des WEISSEN RINGS im Kreis Ludwigsburg. Bis Sonja Beurer und Tanja Leonhard kamen. Sie bauten hier wieder ein starkes Team an Helfenden auf.

Sonja Breuer (links) und Tanja Leonhard leiten die neue Außenstelle des WEISSEN RINGS in Ludwigsburg bei Stuttgart.

„Wir haben uns nicht gesucht, aber wirklich gefunden“, sagt Tanja Leonhard und schaut mit einem warmen Lächeln zu Sonja Beurer hinüber. Diese sitzt am Besprechungstisch neben ihr und stimmt gleich zu: „Ich sage immer, wir sind wie eine kleine Familie. Es passt einfach menschlich unheimlich gut.“ Das sei auch wichtig,  wenn man so etwas zusammen mache, fügt sie hinzu, „denn das kann schon sehr intensiv sein.“

Beurer leitet seit Mai 2025 die Außenstelle des WEISSEN RINGS in Ludwigsburg, Leonhard ist ihre Stellvertreterin. Die Stadt liegt rund 15 Kilometer nördlich
von Stuttgart. Der von der Stelle betreute dazugehörige Landkreis zählt mehr als eine halbe Million Einwohnerinnen und Einwohner. Wer den beiden zuhört, wie sie von ihrer Opferarbeit berichten, kann sich kaum vorstellen, dass es hier über zwei Jahre lang keine eigene Außenstelle gab. „Im Schnitt kommen pro Woche drei Fälle bei uns an“, erklärt Beurer, „zu Stoßzeiten wie nach Weihnachten deutlich mehr.”

Mehr als zwei Jahre ohne direkte Anlaufstelle

„Etwa 75 Prozent unserer Fälle sind häusliche oder partnerschaftliche Gewalt – körperlich, psychisch, sexuell oder auch finanziell“, fügt Leonhard hinzu. In letzter Zeit hätten sie es auch vermehrt mit Cyberkriminalität oder Anlagebetrug zu tun. „Da geht es teilweise um richtig hohe Summen. Ansonsten ist alles dabei – Körperverletzung, Stalking, Bedrohung … im Grunde das ganze Spektrum.“ Nachdem die Außenstelle einige Jahre nicht mehr besetzt war, hatte der Stuttgarter WEISSE RING die  Ludwigsburger Fälle mitbetreut. „Das haben die Stuttgarter Kollegen gut gemacht, allen voran Stefan Kulle als unser Mentor“, sagt Beurer. „Aber Stuttgart hat ja selbst
viele Fälle. So intensiv, wie wir das jetzt machen, konnten sie das nicht leisten.“

Leiterin Beurer ist 70 Jahre alt, wohnt selbst im Kreis Ludwigsburg und war fünfzig Jahre bei der Stadt Stuttgart in der Verwaltung beschäftigt. Sie stieß im Frühjahr 2024 zum WEISSEN RING. „Ich habe eigentlich mein ganzes Leben lang ehrenamtlich etwas gemacht“, erzählt sie. Sie engagierte sich in Vereinen, führte mit ihrem ersten Mann
eine Künstlerkneipe und half später im Hospiz. Mit ihrem zweiten Mann hatte sie vier Kinder – und nahm noch sieben Pflegekinder auf. „Als die Kinder aus dem Haus waren und die Rentenzeit kam, wollte ich wieder etwas tun.“

In der Zeitung las sie vom WEISSEN RING. „Ich habe mich beworben, und schon nach der ersten Hospitation dachte ich: Das ist meins“, erinnert sie sich. „Ich habe gemerkt, wie traumatisiert die Opfer sind, wie sehr sie Hilfe suchen, wie dankbar sie sind, dass man ihnen zuhört und glaubt.“

Sonja Breuer wohnt selbst im Kreis Ludwigsburg, arbeitete 50 Jahre bei der Stadtverwaltung und hat sich schon immer ehrenamtlich engagiert.

Zeitungsartikel weckt Interesse

Auch Tanja Leonhard ist seit dem Frühjahr 2024 beim WEISSEN RING aktiv. „Ich glaube, wir alle beim WEISSEN RING haben ein gepflegtes Helfersyndrom – im positiven Sinne“, sagt die 56-Jährige. Zuvor war sie 25 Jahre bei Mercedes-Benz im Marketing und auch ehrenamtlich aktiv – etwa, als 2015 in ihrem kleinen Wohnort über 200 Geflüchtete untergebracht wurden. Da habe sie dort den Sprachunterricht mit aufgebaut und selbst unterrichtet. Später half sie bei der Tafel – bis sie durch einen Zeitungsartikel zum WEISSEN RING fand.

Beide starteten zunächst in Stuttgart. Dort durchliefen sie Schulungen an der Akademie des WEISSEN RINGS und Hospitationen – also erste Einsätze an der Seite erfahrener Helfender, bei denen sie die Arbeit mit Betroffenen unmittelbar miterlebten. „Ich hatte gleich bei der ersten Hospitation so einen Hammerfall mit sieben Betroffenen nach einer Messerstecherei“, erinnert sich Beurer. „Aber das hat mich eher bestärkt, und ich wusste: Das ist mein Thema.“

Obwohl beide ungefähr zur selben Zeit beim WEISSEN RING anfingen, begegneten sie sich zunächst nicht. Erst im Herbst 2024 lernten sie sich kennen – nachdem sie ernannt worden waren, also nach abgeschlossenen Grundkursen und Hospitationen offiziell als ehrenamtliche Mitarbeiterinnen bestätigt wurden. Damals lud der Stuttgarter Mitarbeiter Stefan Kulle, der beide ausgebildet hatte, sie zu einem Treffen der Stuttgarter Außenstelle ein, bei dem man das dortige Polizeipräsidium und Polizeimuseum besuchte. „Da haben wir uns kennengelernt – dass es zwischen uns beiden so gut matcht, wurde aber erst später klar“, erinnert sich Leonhard. Schon kurz darauf stimmten sie sich immer häufiger ab, denn im Stuttgarter Team übernahmen beide nach und nach erste eigene Fälle im Kreis Ludwigsburg.

„Das ist genau das, was ich die nächsten zehn Jahre noch machen möchte.“

Sonja Beurer

Das Landesbüro hatte zuvor mehrfach erfolglos versucht, eine neue Leitung für die Außenstelle in Ludwigsburg zu finden. Ehrenamtliche vor Ort wollten zwar helfen, scheuten jedoch die administrative Verantwortung. So ging es auch Leonhard, als das Landesbüro sie nach ihrer Ernennung wegen ihres großen Engagements fragte, ob sie sich die Übernahme der brachliegenden Außenstelle vorstellen könne. „Ich habe das verneint, ich will Opferarbeit machen“, erzählt sie augenzwinkernd. Beurer  hingegen war für die Rolle offen. Als auch sie gefragt wurde, entschied sie sich, die Leitung zu übernehmen – hoffte jedoch auf Unterstützung. Schließlich fragte sie Leonhard, ob sie ihre Stellvertreterin werden wolle. Um die Büroarbeit müsse sie sich keine Sorgen machen: „Nach fünfzig Jahren beim Amt mache ich das mit links“, habe Beurer ihr gesagt. „Wenn das so ist, dachte ich, dann ja“, erzählt Leonhard. Damit war die Teamleitung komplett. Ab Mai 2025 ging es offiziell los.

Mitstreitende gewinnen, auf sich aufmerksam machen

„Ich habe es bis jetzt nicht bereut“, sagt Beurer über ihre Rolle als Leiterin. „Ich sage mal: Das ist genau das, was ich die nächsten zehn Jahre noch machen möchte.“ Leonhard ergänzt: „Ich fand’s beeindruckend, wie strukturiert Sonja das anging.“ Die beiden passten nicht nur menschlich hervorragend zusammen, sondern auch in ihrer Arbeitsteilung und Organisation. Unterstützung erhielten sie dabei fortlaufend von der Zentrale in Mainz und vom Landesbüro in Stuttgart, das sie eng dabei  begleitete, die Außenstelle neu aufzubauen. Von Beginn an ging es etwa darum, auf sich aufmerksam zu machen. „Wir haben uns gesagt: Wir müssen uns vernetzen – sonst wissen die relevanten Stellen gar nicht, dass es uns gibt“, erzählt Leonhard weiter. „Wir waren bei der Traumaambulanz, wohin wir oft Opfer schicken, beim Versorgungsamt, bei der Polizei, beim Jugendamt – und überall haben wir gesagt: ‚Wir sind wieder da!‘“ Sie hätten bei solchen Terminen schnell gemerkt, wie dankbar
man ist, dass es die Außenstelle wieder gibt. „Viele sagten: ‚Wir haben gar nicht gewusst, an wen wir uns wenden können‘“, berichtet Leonhard. Die Mühe zu Beginn hat sich gelohnt. „Inzwischen kommen auch Anfragen, ob wir Vorträge halten oder bei Präventionsveranstaltungen mitmachen – das zeigt, dass wir im Kreis angekommen sind“, sagt sie.

Auch Tanja Leonhard war ehrenamtliches Arbeiten immer wichtig. Bevor sie zum WEISSEN RING kam, war sie in der Flüchtlingshilfe und bei der Tafel aktiv.

So seien sie Schritt für Schritt in die Rolle der Außenstellenleiterinnen hineingewachsen. „Am Anfang war’s ein Sprung ins kalte Wasser, aber das hat uns zusammengeschweißt“, sagt Leonhard. „Ich weiß noch genau, wie es war, als das Telefon klingelte und die ersten richtigen Fälle kamen – da war klar: Der Bedarf ist groß“, erinnert sie sich. Das war in den ersten Wochen, kurz nachdem die offizielle neue Hilfenummer für den Landkreis freigeschaltet worden war. Den Telefondienst teilen sich beide im 14-Tage-Rhythmus.

Wie viele Ehrenamtliche mussten sie, wie sie erzählen, sich manchmal selbst bremsen. Gerade in der Anfangszeit seien sie schnell an ihre Grenzen gekommen. „Wir waren voller Elan und haben gemerkt, dass wir uns zu sehr hineinziehen lassen“, erzählt Leonhard. „Da mussten wir irgendwann die Reißleine ziehen“, sagt sie.

Mit dem Fundament wächst auch das Team

Auch Beurer hat in den ersten Wochen und Monaten manchmal mit sich, der Opferarbeit und der Verantwortung einer Außenstelle gehadert: „Am Anfang habe ich mir oft gedacht: Habe ich das jetzt richtig gemacht?“, erinnert sie sich. „Irgendwann habe ich mir gesagt: Wir machen nichts falsch. Wir machen es so, wie wir können – und das ist gut so. Wir sind keine Therapeuten, keine Juristen. Wir hören zu, wir begleiten, wir helfen, soweit es in unserer Möglichkeit liegt.“ Diese Einstellung vermittelt Beurer auch dem Team, das es mittlerweile in der Außenstelle gibt. Sie verteilt die anstehenden Fälle behutsam. Helfen soll die Ehrenamtlichen auf keinen Fall überfordern.

Mit der Zeit wurden beide in ihrer Aufgabe sicherer und fanden ab einem bestimmten Punkt auch Zeit, sich um Öffentlichkeitsarbeit zu kümmern: „Wir gehen auf Gesundheitstage, Seniorennachmittage, Gemeindefeste und erzählen dort, was der WEISSE RING macht. Viele wissen das gar nicht“, sagt Beurer. Nach und nach seien so auch neue Interessierte dazugekommen, die bei der Außenstelle mitarbeiten wollten. Besonders nach einem Bericht über die beiden in der Lokalzeitung. Alle  Interessierten kommen erst mal zum Kennenlerngespräch, dann zu Hospitationen mit, um zu sehen, ob die Aufgabe auch passt, so Beurer. „Mittlerweile sind wir sechs
Aktive, zwei ,in Hospitation‘ und aktuell dazu noch drei weitere Interessierte. Das ist für eine neue Außenstelle richtig gut.“ Das Team sei vom Alter her bunt gemischt – von 19 bis 70. „Das ist total spannend“, schwärmt sie weiter, „wir haben alles dabei: Polizei, Therapeutin, Studentin, jemanden vom Jobcenter. Diese Mischung ist Gold wert.“

Das Team treffe sich regelmäßig – das ist den beiden wichtig. „Es geht nicht nur um Fallbesprechungen, sondern auch um Austausch, damit man nicht allein bleibt mit schwierigen Themen“, unterstreicht Leiterin Beurer. Sie organisiere die Treffen, die stets in einem Restaurant stattfinden, das einen Nebenraum hat, damit sie Vertrauliches besprechen können. „Da herrscht immer eine gute Stimmung, irgendwie passen wir alle wirklich gut zusammen“, betont auch Leonhard. Manchmal lade Beurer auch Gäste ein – vom Versorgungsamt oder von Frauenorganisationen etwa – „damit das Team auch fachlich etwas mitnimmt“.

„Wir haben alles dabei: Polizei, Therapeutin, Studentin, jemanden vom Jobcenter. Diese Mischung ist Gold wert.“

Tanja Leonhard

Auch wenn es an Fällen und engagierten Mitarbeitenden nicht mangelt, hat die Außenstelle noch mit ein paar Startschwierigkeiten zu kämpfen. Vor allem fehlt es an eigenen Räumen. Die früher genutzten Büros gibt es nicht mehr, derzeit dürfen sie für Gespräche und Treffen die Räume einer sozialen Einrichtung nutzen, die Menschen mit Behinderung beim Einstieg ins Arbeitsleben unterstützt. Wenn dort kein Platz frei ist, weichen sie aus. „Manchmal stellt uns die Stadt kurzfristig etwas zur Verfügung“, sagt Beurer. Flexibilität sei kein Problem, doch ein fester, neutraler Ort „wäre auf Dauer besser – vor allem für vertrauliche Gespräche“. Vielleicht klappe es mit einem Raum im Rathaus dauerhaft. Da seien sie gerade dran. Wer die beiden trifft, hat keinen Zweifel: Nach allem, was sie in nur wenigen Monaten in Ludwigsburg aufgebaut und wie viele Menschen sie schon zur Mitwirkung motiviert haben, werden sie auch das schaffen.

Die Kämpferin

Erstellt am: Dienstag, 23. Dezember 2025 von Sabine

Die Kämpferin

Lena Weilbacher ist seit 2024 stellvertretende Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Niedersachsen. Im Interview erzählt die 31-jährige Rechtsreferendarin, was für die Zukunft des Opferschutzes wichtig ist – und warum sie als Anwältin keine Strafverteidigung mehr machen könnte.

Die Nordhessin Lena Weilbacher hatte schon früh einen Gerechtigkeitssinn. Heute ist sie Rechtsreferendarin.

In Göttingen gibt der Herbst an diesem Oktobertag alles, gelbe Blätter rieseln im Wind von den Bäumen und rascheln bei jedem Schritt auf dem Weg ins Café Esprit. Lena Weilbacher reicht die Hand zur Begrüßung und bestellt sich einen starken Kaffee mit Milch. Göttingen ist ihre Wahlheimat. Hier hat sie Jura studiert, für ihre Doktorarbeit über den Einfluss des WEISSEN RINGS auf Opferrechte geforscht und im Dezember ihr Rechtsreferendariat begonnen.

Wollten Sie immer Anwältin werden?

Das hat sich schon früh in meiner Schulzeit abgezeichnet. Ich konnte Ungerechtigkeit noch nie ertragen. Als ein Mitschüler mit seiner Familie in den Kosovo abgeschoben werden sollte, bin ich zum Radio gerannt. Es gab Proteste gegen die Abschiebung. Es war sicher nicht allein mein Verdienst, aber am Ende durfte die Familie bleiben. In der Oberstufe wurde ich von einer Mädels-Clique gemobbt und kenne das Gefühl von absoluter Macht und Hilflosigkeit. Ich wollte mich immer wehren können und  anderen Menschen helfen. Es lohnt sich zu kämpfen. Als Anwältin tut man genau das, vor allem Strafverteidigung erschien mir früher sehr spannend und erstrebenswert  zu sein.

Sie sagen früher – jetzt nicht mehr?

Nein. Was ich gefühlt so spannend fand, hat sich mit den ersten Monaten beim WEISSEN RING erledigt. Ich könnte heute nicht mehr aus Überzeugung Strafverteidigerin sein. Ich finde es wichtig und richtig, dass es Kolleginnen und Kollegen gibt, die das aus Überzeugung machen. Aber ich selbst könnte es nicht mehr, weil ich so viele Einzelschicksale miterlebt habe. Weil ich weiß, wie es auf der anderen Seite aussieht und wie es den Betroffenen geht. Um ihnen eine starke Stimme vor Gericht zu geben, konzentriere ich mich vollständig auf die Nebenklage.

„Ich wollte mich immer wehren können und anderen Menschen helfen. Es lohnt sich zu kämpfen.“

Lena Weilbacher

Lena Weilbacher ist in Nordhessen aufgewachsen. Schon als Schülerin hat sie ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei gemacht. Beim Spaziergang durch die Stadt erzählt die 31-Jährige, dass sich ihr Blick auf ein paar unsichere Ecken in der Stadt durch die Arbeit beim WEISSEN RING verändert habe. Sie sei vorsichtiger geworden, ohne Angst zu haben.

Wie sind Sie 2017 auf den WEISSEN RING gekommen?

Durch einen Vortrag des Opferanwalts und heutigen Landesvorsitzenden des WEISSEN RINGS in Niedersachsen, Steffen Hörning. Ich habe damals ein Praktikum im Gericht gemacht und er hat dort erzählt, was der WEISSE RING macht. Mein erster Gedanke war: Das ist eine sinnstiftende Aufgabe, die mich durch das Jura-Studium tragen könnte. Später habe ich Steffen Hörning als Nebenkläger zu Prozessen begleitet. Ab da war klar, dass ich das auch machen wollte.

Sie sind 2020 Jugendbeauftragte geworden, haben die Jugendarbeit mit vorangetrieben. Der Spot #machdichstark kam gut an, läuft bundesweit in den Uni-Kinos.

Die Resonanz war einfach cool und der Spot funktioniert. Das war aber auch viel Arbeit: zwei Drehtage für 90 Sekunden Spot. Mich freut aber vor allen Dingen, dass wir  etwas bewirken. Wir tun das nicht, um ein Video zu machen. Viel wichtiger ist doch, dass der WEISSE RING zukunftssicher ist. Unsere QR-Codes, die auf  Toilettenwänden in Bars, bei Ärzten, in Fitnessstudios kleben, funktionieren auch. Das sehen wir an den Besucherzahlen auf unserer Internetseite. Den Dampf konnten wir reinbringen, weil man uns gelassen hat. Inzwischen wollen sehr viele junge Menschen bei uns mitarbeiten. Als ich anfing, war die einzige andere junge Person im  Team die damalige Jugendbeauftragte. Wir haben den WEISSEN RING in Uni-Vorlesungen vorgestellt, Kugelschreiber in die Ersti-Tüten gepackt, Plakate aufgehängt. Es freut mich, dass sich die Arbeit auszahlt, die wir da reinstecken. Da braucht es Leute, die Gas geben. Aber: Ohne die Erfahrung und Expertise der langjährigen Mitarbeitenden geht das nicht. Gemeinsam ist es leichter. Wir profitieren voneinander.

Am Schwarzen Brett auf dem Zentral-Campus der Uni Göttingen hängt ein Poster des WEISSEN RINGS. Lena Weilbacher geht zielstrebig in einen Hörsaal, greift ums Eck und knipst das Licht an. An der Wand hängt ein Schild: „BITTE NICHT RAUCHEN“. Hier hat sie als Dozentin Studierenden Grundlagen des Strafrechts vermittelt. Für  ihren Kurs erhielt sie im Wintersemester 2022/23 den Fakultätspreis für die beste Leiterin eines Begleitkollegs. Eine Studierende schrieb: „Einfach super, hat mir mega die Angst vor dem Fach genommen.“

Sie vertreten den WEISSEN RING auch öffentlich, bei Podiumsdiskussionen oder in Landtagsausschüssen. Fallen Ihnen solche Auftritte leicht?

Ich bin immer nervös. Aber es ist wichtig, dass wir in Kuratorien, Gremien und Ausschüssen sitzen, unbequem sind und auch mal Stunk machen. Ich saß mit der niedersächsischen Justizministerin zusammen auf einem Podium. Tenor: Es muss mehr Therapieplätze für Täter geben. Da habe ich gesagt, ja klar, das ist sehr wichtig  und Opferarbeit fängt auch beim Täter an. Aber erklären Sie doch mal einem Opfer, das Ihnen gegenübersitzt, warum der Täter jetzt einen Therapieplatz bekommt und  das Opfer ein Jahr warten muss. Wegen dieser Perspektive ist der WEISSE RING so wichtig.

Lena Weilbacher wird mit vielen Schicksalsschlägen konfrontiert. Ihr helfen Gespräche mit ihrem Partner dabei, sie zu verarbeiten.

Sie beraten auch Opfer. Gibt es Fälle, die besonders herausfordernd sind?

Ich bin 2017 nach dem Grundseminar direkt in die Opferarbeit eingestiegen. Besonders herausfordernd ist es, wenn junge Frauen betroffen sind, die einen ähnlichen  Werdegang oder ein ähnliches Alter haben. Ich habe da einen Fall im Kopf, da ist ein junger Mann in Göttingen getötet worden. Ich habe damals die Lebensgefährtin  begleitet. Oder der Fall des sechs Wochen alten Babys im Kinderwagen, das von einem betrunkenen Autofahrer, der auch noch vom Handy abgelenkt wurde, erfasst und  getötet wurde. Da sitzt eine Mama vor dir und ihr Baby ist tot. In solchen Fällen bin ich heilfroh, dass ich einen verständnisvollen Partner habe, mit dem ich mich  austauschen kann, weil er Berufsfeuerwehrmann ist und Rettungsdienst fährt. Wir haben da einen Safe Space für uns, wo wir solche Schicksale – natürlich anonymisiert – besprechen. Das hilft mir sehr.

„Jetzt bin ich hier und versuche, anderen Menschen Mut zu machen und zu helfen.“

Lena Weilbacher
Was macht die Arbeit des WEISSEN RINGS für Sie aus?

Wir füllen eine Lücke, die der Staat lässt. Für mich ist es eigentlich unverständlich, dass Opferhilfe privat organisiert werden muss – ehrenamtlich und spendenfinanziert. Von Menschen, die sagen: wie ungerecht, wir müssen etwas tun. Die ihre Zeit und Ressourcen dafür geben, diese Lücke zu füllen. Wir sind die, die den Opfern den ersten  Halt geben und sie aus dem Gefühl der absoluten Macht- und Hilflosigkeit herausnehmen und sagen: Hey, ich weiß, es fühlt sich so an – aber ganz allein bist du da nicht.  Im Zweifel begleiten wir diese Menschen über Jahre.

Wie hat sich Kriminalität verändert – und was bedeutet das für die Zukunft des Opferschutzes?

Ich bin vermutlich die letzte Generation, die erst mit 18 ein Smartphone bekommen hat. Wenn ich sehe, was in Klassenchats bei Grundschülern los ist, macht mir das  Sorgen. Stalking ist bei uns ein Dauerbrenner, massiv über Social Media. Mit KI-Geschichten wie Deepfakes kommen Dinge auf uns zu, darauf sind wir noch gar nicht  vorbereitet. Es ist wichtig, dass Opferberaterinnen und Opferberater zu digitaler Gewalt geschult sind. Da müssen wir am Ball bleiben, ohne die anderen Themen aus dem  Blick zu verlieren. Kriminalität verändert sich und wir müssen uns mitverändern, sonst gibt es uns irgendwann nicht mehr und die Opfer stehen allein da.

Auf der Wallpromenade, einem beliebten Spazierweg rund um die Innenstadt, erzählt Lena Weilbacher, dass sie gern Punkrock hört, Bands wie Blink-182, und dass sie  regelmäßig zum Krafttraining ins Fitnessstudio geht. Beides sei ein guter Ausgleich für die Opferarbeit. Sie liest gern Thriller, am liebsten die von Simon Beckett.  Vielleicht, ergänzt sie, entwickle man sich im Leben immer zu der Person, die man in schwierigen Momenten selbst gebraucht hätte: „Jetzt bin ich hier und versuche,  anderen Menschen Mut zu machen und zu helfen.“

Der Gestalter

Erstellt am: Mittwoch, 10. Dezember 2025 von Selina

Der Gestalter

Vorträge an Unis, Podcasts mit Influencern, der WEISSE RING auf Bierdeckeln: Marvin Brandes weiß, wie man junge Menschen für Opferschutz interessiert.

Marvin Brandes ist Jugendbeauftragter in Hamburg, aktiv bei den Jungen Mitarbeitenden auf Bundesebene und Host des neuen WR-Podcasts.

November in Hamburg, die Luft ist kalt, der Himmel grau. Kurz vor Beginn der Adventszeit scheint fast alle Farbe aus der Hansestadt gewichen zu sein, und wer an diesen Tagen an der Binnenalster spaziert, tut dies meist dick eingepackt, zum Schutz vor den Temperaturen des Herbstes im Norden. Doch die dunkle Tristesse hat auch gute  Seiten, sie lässt einige Inseln des Lichts besonders hell leuchten. Marvin Leon Brandes arbeitet auf einer dieser Inseln, am Rathausmarkt. Mit Blick auf den gerade im  Aufbau befindlichen Weihnachtsmarkt eröffnet sich eine Welt, in der der Herbstblues keine Chance hat: Lampen und Leuchten in allen Formen und Farben, manche klein und zurückhaltend, andere groß und extravagant wie moderne Skulpturen. Und in ihrer Mitte: ein junger Mann mit kurzen Haaren und strahlenden Augen. Licht ins Leben  anderer Menschen zu bringen, ist sein Beruf – und in gewisser Weise haben ihn die Lampen zum WEISSEN RING gebracht.

Eine Begegnung mit Folgen

Im Jahr 2015 ist Marvin Brandes gerade auf dem Weg zur Möbelfachschule in Köln, als er im Zug einen Mann aus Rheinland-Pfalz trifft. Es ist Dr. Steffen Schemmann,  ein zu diesem Zeitpunkt ehrenamtlicher Mitarbeiter des WEISSEN RINGS in Bad Kreuznach. Die beiden kommen ins Gespräch, Schemmann erzählt ihm von  Deutschlands größter Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer. Der Verein und seine professionelle Struktur wecken sofort Brandes‘ Interesse. „So bin ich zum WEISSEN  RING gekommen. Kaltakquise sozusagen“, erinnert er sich und lacht. Jetzt ist er schon mehr als zehn Jahre dabei und will sich unbedingt nochmal bei Schemmann „für dieses tolle Gespräch und diese Inspiration“ bedanken.

2017 ist Brandes nach Hamburg gezogen, dort kam er mit der Jungen Gruppe des Vereins in Kontakt. „Die Junge Gruppe hier in Hamburg ist so gut vernetzt und versteht  sich so gut, dass da auch Freundschaften daraus entstanden sind“, sagt Brandes.

Lea Gärtner / Foto: Selina Stiegler

Die Visionärin

Noch gehört Lea Gärtner mit ihren 34 Jahren zu den Jungen Mitarbeitenden des WEISSEN RINGS, ist aber schon seit mehr als zehn Jahren im Verein aktiv und mittlerweile stellvertretende Landesvorsitzende in Hessen. Gärtner hat in der Zeit viel bewegt.

Ein starkes Team

Seit 2021 ist er Jugendbeauftragter in der Hansestadt. „Ich mache das zusammen mit Inna Avdeeva und bin froh, dass wir das gemeinsam tun.“ Avdeeva und Brandes  verbindet nicht nur das Amt: „Wir wohnen im selben Stadtteil. Wir sind beide seit zehn Jahren beim WEISSEN RING. Wir haben beide am selben Tag Geburtstag. Wir  haben wirklich viele Überschneidungen und ich glaube, wir ergänzen uns ganz gut.“

Damit der Verein sichtbar ist, planen die Jungen Mitarbeitenden öffentlichkeitswirksame Aktionen. „Wir sind in Hamburg bekannt für unsere sportliche Aktivität und  nehmen mindestens an zwei, drei Läufen im Jahr teil. Wir sind an Universitäten, um den Verein vorzustellen, verteilen im Uni-Kino Goodie-Bags von uns und WEISSER-RING-Bierdeckel in Bars.“

Ein besonderer Podcast

Auf Bundesebene ist er ebenfalls bei den Jungen Mitarbeitenden aktiv. Ein Projekt der Gruppe ist der Podcast „LautStark. (K)ein True-Crime-Podcast“. Das Ziel ist klar:  „Wir wollen Betroffenen eine Stimme geben, deshalb auch der Name. Bei uns steht nicht die Tat im Mittelpunkt, sondern die betroffene Person und wie es danach für sie  weiterging“, so der Ehrenamtler.

Mit Lijana Kaggwa haben sie über das Thema Cybermobbing gesprochen. Die junge Frau war Finalistin bei „Germany’s Next Topmodel“, ist aus der Sendung ausgestiegen und wurde Opfer von Hass, Hetze und Morddrohungen. Außerdem dabei sind unter anderem Model Victoria Jancke, die vergewaltigt worden ist, sowie Philipp Pommer  und Lena Jensen. Die Content Creatoren haben eine große Reichweite auf Social Media und sprechen offen über das Thema Kindesmissbrauch. Beide wurden in ihrer  Jugend selbst Missbrauchsopfer. Mit Prominenten zu sprechen, sei zunächst aufregend gewesen. „Aber das legt sich eigentlich schnell, letztendlich ist das ein Mensch wie jeder andere auch“, so Brandes.

Um den Podcast zu realisieren, haben die jungen Ehrenamtlichen eine AG gegründet. Drei bis fünf Teammitglieder kümmern sich um die Recherche, stellen Anfragen und bereiten Fragenkataloge vor. „Inna und ich haben die Moderation übernommen, weil wir beide ganz gut harmonieren. Zu zweit fühlt man sich auch sicherer und kann sich die Bälle hin und her spielen.“ Auch gelegentliche Schmunzler baut Brandes ein, trotz – oder gerade wegen – des schweren Themas. Nach den jeweiligen Aufnahmen kümmern sich zwei Ehrenamtliche um den Schnitt, in Absprache mit Christian Ahlers, der den Podcast von hauptamtlicher Seite begleitet.

„Bei uns steht nicht die Tat im Mittelpunkt, sondern die betroffene Person und wie es danach weiterging“

Marvin Brandes

„Wir sind da aktuell sehr kosteneffizient unterwegs mit dem Podcast und dadurch, dass Inna und ich hier in Hamburg sind, haben wir keine Anfahrtskosten, können  vieles vor Ort regeln und nutzen unsere Kontakte, zum Beispiel für kostenfreie Studioaufnahmen.“ Als Nächstes soll der Podcast ein Logo und ein Cover bekommen. Für die  Webseite haben die Jungen Mitarbeitenden erste Ideen beim Dialogforum in Göttingen gesammelt. „Das ist ein richtiges Team-Projekt von den Jungen Mitarbeitenden mit Unterstützung aus dem Hauptamt“, freut sich Brandes.

Dahin gehen, wo die Jungen sind

Wer Brandes zuhört, merkt, dass er sich fürs Helfen begeistern kann und Freude am Gespräch mit Menschen mitbringt. Es ist ihm wichtig, seine Erfahrungen zu teilen  und Tipps zu geben, wie man die junge Zielgruppe erreichen kann: „Es ist nach wie vor das persönliche Vorstellen an Unis oder Schulen. Auch mehr mit Influencern  zusammenzuarbeiten, kann ich mir vorstellen.“ Und das, obwohl er selbst kaum soziale Medien nutze. Brandes ist sicher, dass das Engagement beim WEISSEN RING  besonders jungen Ehrenamtlichen etwas zurückgeben kann. „Die Hilfe, die wir geben, ist groß, auch wenn es vielleicht nicht immer materielle Hilfe ist. Das wird mir oft  von den Betroffenen gespiegelt. Das Zwischenmenschliche, das Zuhören, die Gespräche – einfach ein Gefühl der Sicherheit geben: ‚Du bist nicht allein, wir sind da.‘ Das  ist unsere größte Stärke, und das ist sicherlich auch für Neue attraktiv.“