Einfach machen

Erstellt am: Donnerstag, 12. März 2026 von Sabine

Einfach machen

Sarah Wendlandt leitet mit 24 Jahren die Außenstelle Greifswald. Sie ist damit die jüngste Außenstellenleiterin des WEISSEN RINGS. Aber nicht nur das: Auch ihr Team ist jung, denn fast alle sind noch im Studierendenalter.

Sarah Wendlandt studiert Jura in Greifswald. Dort leitet sie auch die Außenstelle des WEISSEN RINGS, mit sechs festen Mitgliedern und zwei Auszubildenden.

Wie kommt das Gute in die Welt? Vielleicht sind die Dinge so einfach, wie es das Beispiel von Sarah Wendlandt nahelegt: Weil sie es von zu Hause aus so kannte, wollte auch sie sich ehrenamtlich engagieren. „Ich lebte damals in Stralsund und war 18 Jahre alt. Ich wollte nicht zu den Vereinen gehen, zu denen alle gehen, sondern suchte etwas außerhalb meiner Peergroup“, sagt sie. „So kam ich 2020 zum WEISSEN RING.“ Braucht es also gar keine großen Erklärungsansätze, sondern nur – wie bei Sarah Wendlandt – ein Vorbild, eine Mutter, die ihr Herz in die Arbeit in einem Hospiz legte und die dazu noch ehrenamtlich Erste-Hilfe-Kurse anbot? Und einen Vater, der sich als Polizist für das Gute einsetzte? Als kleines Kind, berichtet die heute 24 Jahre alte Sarah Wendlandt, habe ihre Mutter an ihr als Dummy oft vorgeführt, wie man Wunden verbindet. Später, mit 18 Jahren, folgte sie dem Beispiel ihrer Mutter und suchte sich ein Ehrenamt.

„Ich habe den Entschluss, den WEISSEN RING zu kontaktieren, damals still und heimlich in meinem Kinderzimmer getroffen“, erzählt Sarah Wendlandt. Sie habe spontan bei der Außenstelle angerufen und gesagt: „Ja, hallo, ich bin Sarah und würde mich gerne ehrenamtlich engagieren.“ Der Außenstellenleiter in Stralsund führte daraufhin ein Gespräch mit ihr. „Er hat geschaut, was ich über den Verein weiß, über die Arbeit des WEISSEN RINGS, und was meine Hintergründe sind. Ich war damals noch 18, und das ist ja sehr jung für solche Themen.“

Wendlandt sagt, sie habe sich über den Verein informiert und gewusst, dass sich der WEISSE RING um Menschen kümmert, die Straftaten erlitten haben. „Vor allem fand ich sehr einprägsam, dass die Hilfe auch unabhängig von Strafanzeigen erfolgt. Dass man auch das polizeiliche Dunkelfeld auffängt.“ Das Telefonat vermittelte dem Außenstellenleiter wie auch ihr einen positiven Eindruck, und die Zusammenarbeit konnte beginnen. „Von dem Zeitpunkt an war ich mit dabei. Ich habe direkt mit den Hospitationen angefangen, war dann auch an der Fallarbeit beteiligt.“

„Ich wollte nicht zu den Vereinen, zu denen alle gehen, sondern suchte etwas außerhalb meiner Peergroup. So kam ich 2020 zum WEISSEN RING.“

Sarah Wendlandt

Bei ihrer ersten Betreuung als Hospitantin war sie gleich mit einem heftigen Fall konfrontiert: Der Mann war als Junge entführt, mehrere Tage gefangen gehalten und unter Drogen gesetzt worden. Er war sexuell missbraucht worden und litt zum Zeitpunkt des Kontakts mit dem WEISSEN RING, rund zwanzig Jahre später, immer noch darunter. Auf Sarah Wendlandt wirkte er immer noch verloren.

Die damals 18 Jahre junge Sarah kam mit dem Gehörten und Erlebten dennoch recht gut klar. „Nach den Hospitationen habe ich mit der Mitarbeiterin noch mal über den Fall gesprochen, wie meine Eindrücke waren. Wir haben gegenseitig geschaut, wie es einem geht.“

Sarah Wendlandt begann ein Studium, blieb aber bald zu Hause, weil die Corona-Pandemie Deutschland auf den Kopf stellte. Sie wechselte das Fach, studierte fortan Jura und zog in die Stadt ihrer Universität, nach Greifswald. An ihrem Engagement hat all das nichts geändert. Mehr noch: Ihr Einsatz nahm erheblich zu. Heute leitet sie die Außenstelle des Vereins in Greifswald und damit ein Team aus sechs festen Mitgliedern und zwei Auszubildenden. Im vergangenen Sommer übernahm sie die Funktion von Korbinian Geiger, einem Rechtsanwalt, der aufgrund seines Berufs nicht mehr genug Zeit dafür aufbringen konnte, allerdings Mitarbeiter blieb. Auch er war als Student in den Verein eingetreten, auch er war damals der Jüngste. Nach
Geiger kristallisierte sich sehr schnell Sarah Wendlandt als Nachfolgerin heraus. Wie sie arbeitet, gefalle ihm: „Sie macht das gewiss besser als ich“, sagt er.

Alle im Team sind ähnlich jung wie die Leiterin selbst

Die Außenstelle in der 65.000-Einwohner-Stadt könnte eine normale Außenstelle sein wie die rund 400 anderen auch. Vielleicht abgesehen davon, dass sie eine Ostsee-Insel zu ihrem Betreuungsgebiet zählt. Was sie aber abhebt, ist das Alter der Mitarbeitenden. Außer Korbinian Geiger sind alle im Team Greifswald ähnlich jung wie die Leiterin, und selbst Geiger würde mit seinen 43 Jahren anderswo wohl noch als jung durchgehen. Die Außenstelle gilt als die jüngste des WEISSEN RINGS.

Häufig vernimmt man in der Vereinsszene in Deutschland die Klage, dass es schwer sei, Nachwuchs zu finden. Die Forschung hat ein Wort dafür geprägt: Vereinssterben. Der Begriff scheint in seiner Dramatik nicht übertrieben zu sein: Eine 2024 erschienene Studie spricht von 8.000 bis 9.000 Vereinen, die pro Jahr aus dem Vereinsregister gelöscht werden. Siri Hummel und Eckhard Priller schreiben in ihrer Studie: „Als Ursachen werden nicht finanzielle Gründe, fehlende Sachmittel oder Räumlichkeiten angeführt, sondern ein Mangel an Mitgliedern und die geringe Bereitschaft, ehrenamtliche Funktionen zu übernehmen oder sich in anderer Form freiwillig zu engagieren.“

„Wenn ich in die Fälle gehe, dann bin ich in einer anderen Rolle, und alles Private blende ich aus.“

Sarah Wendlandt

In Greifswald, der Stadt hoch oben im Norden von Deutschland an der Ostsee, ist das anders. Niemand hat die Entwicklung dort gezielt gefördert, es hat sich in gewisser Weise einfach so ergeben, vielleicht, weil die Bedingungen in einer Universitätsstadt mit vielen gebildeten und jungen Menschen günstig sind.

Sarah Wendlandt gelingt es, empathisch zu sein, ohne das Erfahrene allzu nah an sich heranzulassen. „Wenn ich in die Fälle gehe, dann ist es, als drücke ich einen Knopf. Dann bin ich in einer anderen Rolle, und alles Private blende ich aus. Ist der Fall erledigt, gehe ich nach Hause und bin dann wieder mein privates Ich.“ Nur einmal gelang ihr das nicht. Ein Polizist war im Dienst angegriffen und dabei schwer verletzt worden. Sarah Wendlandt war mit einer Mitarbeiterin bei der Familie vor Ort. Der Mann war zu dem Zeitpunkt im Krankenhaus, weil er erneut operiert werden musste, eine von insgesamt zwanzig Operationen. „Da hing noch so viel persönliches Schicksal mit dran. Seine Frau hat ihren Traumjob aufgegeben, um ihn zu pflegen. Der Zustand war also nicht vorübergehend, sondern er hielt an.“

Verbesserungen für Betroffene

Für Sarah Wendlandt ist es wichtig, für Betroffene Verbesserungen zu erreichen. „Egal, wie häufig man die Betroffenen trifft, man sieht eigentlich immer, dass sie besser aus dem Gespräch rausgehen, als sie reingekommen sind. Das gibt mir unfassbar viel.“ Aus diesem Fall aber zog sie den Schluss, einen ähnlichen Fall nicht mehr zu betreuen. Sie konnte das Erlebte nicht ganz von sich fernhalten. „Ich fand den Fall wohl deshalb recht heftig, weil mein Vater auch im Polizeidienst tätig ist. Ich habe mir vorgestellt, die Frau könnte meine Mutter sein.“ Dieses Schicksal habe ihr noch mal vor Augen geführt, wie sehr Straftaten auch das Schicksal der Angehörigen verändern. Seitdem blickt Sarah Wendlandt auch anders auf True-Crime-Formate. Früher mochte sie die Podcasts und Serien gerne. Heute achtet sie darauf, inwiefern die Opfer und Betroffenen angemessen dargestellt sind oder ob jemand nur Kasse macht mit dem Leid anderer.

Neulich dachte die Außenstellenleiterin über den Begriff „Opfer“ nach. „Für mich persönlich geht das Wort mit einer Stigmatisierung einher. Man hat das Bild einer schwachen Person im Kopf. Aber das sind die Betroffenen einfach nicht. Sie haben die Tat überlebt und sich Hilfe gesucht, das macht sie auch stark. Nur kann sich der Verein nicht einfach von dem Begriff des Opfers trennen.“

Es mag ein Privileg der Jugend sein, Dinge hinterfragen zu dürfen und frischen Wind in einen Verein zu bringen. Dass ihr Team fast komplett im Studierendenalter ist, hat viele Vorteile. Noch dazu studieren fast alle Jura und eine Mitarbeitende Psychologie; die gleiche Lebenssituation verbindet, die Probleme sind ähnlich. Zwar sind nicht alle eng miteinander befreundet, manche aber übernehmen auch neben dem WEISSEN RING etwas gemeinsam.

Gerade für Betroffene neuerer Formen der Kriminalität, etwa im Cyberbereich, mag es wohltuend sein, ein Gegenüber vor sich zu haben, das voll in der technischen Gegenwart lebt. Zugleich ist dieses junge Lebensalter auch eine Herausforderung für die Außenstellenleiterin: Stehen etwa Klausuren an, drohen gleich mehrere Mitarbeitende auszufallen, weil sie lernen müssen.

Die Lotsin

Erstellt am: Donnerstag, 12. März 2026 von Sabine

Die Lotsin

Vanessa Hilário da Ponte engagiert sich seit vier Jahren ehrenamtlich als Beraterin beim Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS. Die Psychologiestudentin ist oft die erste Ansprechpartnerin für Menschen, die Opfer einer Straftat geworden sind. Im Interview spricht die 28-Jährige über emotionale Gespräche, generationsübergreifende Teamarbeit und ihr schwindendes Interesse an True-Crime-Podcasts.

Vanessa Hilário da Ponte hat in der Corona-Zeit beim Opfer- Telefon angefangen.

Es ist klirrend kalt Anfang Januar in Köln-Nippes. Vor einem Café liegen Tannenzweige im Schneematsch. Drinnen duftet es nach Linsen-Daal und frisch gemahlenen Kaffeebohnen. Vanessa Hilário da Ponte lebt hier im Viertel. Momentan hat sie wenig Zeit, es zu genießen, weil sie mitten in der Klausurenphase an der Uni steckt. Sie grüßt freundlich lächelnd mit festem Händedruck, bestellt sich Tee aus frischem Ingwer und sagt, sie sei etwas nervös, weil dies ihr erstes Interview ist.

Wann und wie sind Sie zum WEISSEN RING gekommen?

Ich habe mein Fernstudium der Psychologie in der Corona-Zeit begonnen und nur wenige Kontakte zu Kommilitonen gehabt. Ich hatte Zeit und wollte neben dem Studium etwas Sinnvolles tun, was mich inhaltlich interessiert und was ich später als Psychologin auch anwenden kann. Opferschutz fand ich interessant. Ich bin im Internet auf den WEISSEN RING gestoßen. Der Verein hat damals Ehrenamtliche gesucht, da passte das sehr gut und so habe ich 2022 beim Opfer-Telefon angefangen.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag am Opfer-Telefon?

Ja klar, ich saß im Homeoffice am Schreibtisch und hatte schon eine Stunde vor meiner Schicht Herzrasen. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt. Das weiß ich bis heute nicht. Jedes Mal gibt es mindestens einen Fall, den ich noch nie hatte.

Wie bereitet der WEISSE RING Ehrenamtliche auf diese anspruchsvolle Aufgabe vor?

Es gibt eine zweiwöchige Ausbildung. Da wird die Theorie vermittelt durch Vorträge von Juristen, Psychologen und anderen Experten. Im Praxisteil haben wir Telefonate mit Schauspielern geübt. Es gab Probeanrufe zu Themen, die uns am Opfer-Telefon begegnen. Die sind so realistisch, dass man alles um sich herum ausblendet und das Gefühl hat, das ist echt. Da sind Tränen geflossen.

Sind auch bei echten Telefonaten schon mal Tränen geflossen?

Einmal habe ich nach einem Telefonat geweint. Das war eine Anruferin, die am Abend zuvor vergewaltigt wurde. Und ich war der erste Mensch, dem sie davon erzählt hat. Sie war sehr aufgewühlt und hat bitterlich geweint. Ich glaube, es ging mir so nah, weil ich mich mit ihr identifizieren konnte. Sie war ungefähr so alt wie ich und hat ebenfalls studiert. Ich hatte hinterher aber das gute Gefühl, dass ich sie beruhigen und ihr wirklich weiterhelfen konnte.

„Viele Opfer geben sich eine Mitschuld an der Gewalttat. Wir machen ihnen klar, dass allein der Täter dafür verantwortlich ist.“

Vanessa Hilário da Ponte

Mittlerweile ist Vanessa Hilário da Ponte selbst in der Auswahlkommission für das Opfer-Telefon und hilft, neue Beraterinnen und Berater auszusuchen. Geboren und aufgewachsen ist die 28-Jährige in Dortmund. Neben dem Psychologiestudium hat sie unter anderem Praktika auf einer psychiatrischen Station für akute Psychosen und in der Kinderschutzambulanz gemacht sowie als studentische Hilfskraft zu Resilienz bei Depressionen, bipolaren Störungen und ADHS geforscht.

Ihren Bachelor in Psychologie haben Sie abgeschlossen – für Ihren Master haben Sie den Schwerpunkt Rechtspsychologie gewählt. Warum gerade diese Fachrichtung?

Das ist ein sehr spannender Bereich, darunter fallen Gutachten im Bereich der Aussagepsychologie und Schuldfähigkeit. Ich kann mir sehr gut vorstellen, später auch als Gutachterin tätig zu werden.

Beißt sich das nicht mit dem Opferschutz, wenn Sie Gutachten über Täter erstellen?

Wenn man objektiv genug an die Sache rangeht, dann nicht. Mit Tätern zu arbeiten, auch bei der Frage nach ihrer Schuldfähigkeit, ist wichtige Prävention und trägt zum Schutz der Gesellschaft bei.

Welche Delikte begegnen Ihnen am Opfer-Telefon am häufigsten?

Vergewaltigung, häusliche Gewalt und Stalking. Was wir allerdings auch häufig erleben, sind Menschen mit psychischen Erkrankungen, die nur denken, dass sie Opfer von Straftaten geworden sind. Damit umzugehen, es zu erkennen, ist eine große Herausforderung.

Rund 100 Menschen sind bundesweit am Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS tätig. Von 7 bis 22 Uhr ist das Opfer-Telefon erreichbar, die Schichten der Ehrenamtlichen dauern jeweils drei Stunden. Rund acht bis neun Anrufe gehen pro Schicht bei Vanessa Hilário da Ponte ein, neun Minuten dauert ein durchschnittliches Gespräch. Pro Tag zählte das Opfer- Telefon insgesamt rund 60 Gespräche im Jahr 2024.

Gab es Telefonate, die Ihnen besonders nahegehen?

Sehr bewegt hat mich das Gespräch mit einer Frau, die Zeugin eines Mordes und Opfer von Stalking durch denselben Täter war. Die Frau hatte Todesangst. Sie wollte sich das gern von der Seele reden. Am Ende des rund einstündigen Telefonats
sagte sie: ‚Ich werde dieses Gespräch niemals in meinem Leben vergessen.‘ Solche Worte berühren mich tief.

Sind es diese Reaktionen, die das ehrenamtliche Engagement für Sie so erfüllend machen?

Es fühlt sich gut an, wenn ich jemanden in einer schwierigen Situation unterstützen konnte. Wenn jemand sagt: „Danke, dass Sie da waren“ oder „Jetzt weiß ich, was ich tun kann“, dann spüre ich, wie notwendig, wertvoll und erfüllend unsere Arbeit ist.

Vanessa Hiláro da Ponte kommt in jedem Opfer-Telefon-Dienst mit mindestens einem Fall in Berührung, den sie so vorher noch nie hatte.

Im September 2025 war Vanessa Hilário da Ponte mit Ehrenamtlichen aus ganz Deutschland beim Sommerfest des Bundespräsidenten in Berlin. Portugal war Partnerland – was für Vanessa Hilário da Ponte ein Bonus war, denn ihre Mutter wurde in Portugal geboren. Als Begleiterin ihrer Tochter konnte sie im Garten des Bundespräsidenten sogar mit dem portugiesischen Staatspräsidenten Marcelo Rebelo de Sousa sprechen und ein gemeinsames Foto machen. „Das war ein wundervolles Fest, sehr wertschätzend“, erzählt die 28-Jährige.

Wie helfen Sie den Opfern konkret?

Oft sind wir die ersten Menschen, denen sich die Betroffenen offenbaren. Wir fangen sie auf und hören ihnen zu. Wir haben eine Lotsenfunktion, können Wege aufzeigen und auf weitere Hilfsangebote hinweisen. Vergewaltigungsopfer wissen zum Beispiel häufig nicht, dass es die Möglichkeit der anonymem Spurensicherung gibt. Viele Opfer geben sich eine Mitschuld an der Gewalttat. Wir machen ihnen klar, dass allein der Täter dafür verantwortlich ist. Wir arbeiten eng mit den Außenstellen des WEISSEN RINGS zusammen, verweisen die Betroffenen an die entsprechenden Ansprechpartner vor Ort und telefonieren in ganz speziellen Fällen mit den Mitarbeitenden in den Außenstellen. Ich habe größten Respekt vor der Arbeit dort. Die Betroffenen vor sich sitzen zu haben, stelle ich mir emotional noch herausfordernder vor. Bei Bedarf verweisen wir auch auf spezialisierte Unterstützungsangebote. Dabei steht der Wille des Opfers immer im Mittelpunkt.

Blicken Sie durch die ehrenamtliche Arbeit anders auf die Welt?

Ich habe früher sehr viele True-Crime-Podcasts gehört. Das hat sich mit meiner Arbeit am Opfer-Telefon geändert. Mein Bedarf an True Crime ist spürbar gesunken. Heute lege ich großen Wert auf Opfersensibilität und Sachlichkeit bei True-Crime-Formaten. Wenn überhaupt, dann höre ich jetzt sachliche Podcasts wie den von „Aktenzeichen XY“.

Bei einem Spaziergang durch ihr Viertel erzählt sie noch, dass sie neben dem Studium und der ehrenamtlichen Arbeit beim WEISSEN RING viel Sport treibt. Momentan besonders gern auf dem Spinning-Rad und beim Pilates. In der Klausurphase arbeitet sie nur alle zwei Wochen beim Opfer-Telefon. Ansonsten ist sie jede Woche Ansprechpartnerin für Betroffene von Straftaten.

Das Ehrenamt beim Opfer-Telefon ist emotional herausfordernd. Reicht Sport als Ausgleich?

Ich kann mich da sehr gut abgrenzen. Und wenn uns ein Fall belastet, können wir das in der Supervision aufarbeiten. Auch die regelmäßigen Teamtreffen sind hilfreich. Wir gehen einfühlsam miteinander um, egal ob jung oder alt. Erfahrene Kolleginnen und Kollegen stehen uns immer mit Rat und Tat zur Seite. Obwohl wir inzwischen mehr als 100 Leute sind, ist es familiär geblieben. Persönlich habe ich zusätzlich das große Glück, dass ich eine sehr gute Freundin überzeugen konnte, sich ebenfalls beim Opfer-Telefon zu engagieren. Wir wohnen in einer WG, sodass wir uns super austauschen können.

Die unsichtbare Minderheit

Erstellt am: Donnerstag, 12. März 2026 von Sabine

Die unsichtbare Minderheit

Der WEISSE RING kümmert sich auch um gehörlose Kriminalitätsopfer. Aber wie funktioniert die Hilfe konkret? Wie kann der Verein helfen, wenn jemand nicht sagen kann, was passiert ist? Ehrenamtliche aus Kerpen und Hamburg berichten aus der Praxis.

Martin Feist und Bettina Czompel-Feist sind verheiratet und engagieren sich gemeinsam beim WEISSEN RING. Sie betreuen in Nordrhein- Westfalen gehörlose Kriminalitätsopfer und kennen sich in der Gehörlosen-Szene aus.

Die Zahl derer, die Kerpen auf einer Deutschlandkarte finden können, dürfte überschaubar sein, zumindest außerhalb von Nordrhein-Westfalen. Nur wenige Kilometer von Köln entfernt liegt die Stadt mit rund 70.000 Einwohnern im Rhein-Erft-Kreis, recht idyllisch inmitten grüner Felder und Wälder. Die Weihnachtsdeko hängt noch, obwohl es bereits Februar ist, und zwei etwas verloren wirkende Narren irren durch die Gassen der Stadt, auf dem Weg zur nächsten Karnevalsfeier. Hier, im tiefen Westen der Republik, sorgen Bettina Czompel-Feist und Martin Feist dafür, dass die Probleme jener Menschen gehört werden, die selbst nichts hören: Für den WEISSEN RING kümmern sie sich um gehörlose Opfer von Kriminalität.

„Gehörlos sein, das sehen wir nicht“

Der Verein geht damit auf eine Community zu, die ganz besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge braucht. „Denn Gehörlose haben erstmal ein großes Misstrauen gegenüber Hörenden“, sagt Martin Feist. „Das muss man aus ihrer Erfahrung heraus verstehen.“ Die Interaktion mit Hörenden sei oftmals negativ behaftet, das zeige ein einfaches Alltagsbeispiel. „Wenn meine taube Schwiegermutter spazieren geht und ein Radfahrer von hinten kommt, klingelt und sich dann aufregt, weil sie nicht zur Seite geht, dann versteht sie gar nicht, was los ist, und fühlt sich in dem Moment angegriffen“, so der 57-Jährige. „Jeden Mann im Rollstuhl, jede Frau mit Blindenstock erkennen wir sofort. Aber gehörlos sein, das sehen wir nicht.“

Martins Frau Bettina Czompel-Feist ist auch gehörlos und kennt die Schwierigkeiten im Alltag. Die beginnen schon mit der Türklingel – für Hörende das Normalste der Welt. Doch wie soll man wissen, dass jemand vor der Tür steht, wenn man das Läuten nicht hören kann? Die Antwort darauf kann man im Haus der Feists sehen: Betätigt jemand die Klingel, flackern im ganzen Haus Lichtblitze. „Als Kind habe ich zuerst ganz normal gehört, aber mit viereinhalb wurde das Hören immer schlechter. Ich kam dann auf eine Schwerhörigenschule und musste sieben Jahre lang zum Logopäden, um sprechen zu lernen, das war nicht sehr schön für mich“, erinnert sich die 47-Jährige. Mittlerweile trägt Czompel-Feist Cochlea-Implantate, ihre Einschränkung ist ihr dadurch kaum noch anzumerken. Die elektronischen Prothesen stimulieren den Hörnerv direkt und ermöglichen damit das Hören. Dennoch können die Implantate das natürliche Gehör nicht ersetzen, sagt Martin Feist. „In einer ruhigen Umgebung sind Hören und Verstehen kein Problem. Das ändert sich aber bereits, wenn alle Kinder hier sind und schnell mit mir reden. Dann bekommt sie streckenweise nichts mehr mit, dann wird es zu schnell, zu viel, zu laut, zu undeutlich.“

Martin Feist weist darauf hin, dass es wichtig ist, Gehörlosen auch Dinge zu erklären, die für Hörende selbstverständlich sind.

Eine andere Welt

Dass die Welt um sie herum nicht für sie gemacht ist, bleibt vielen Gehörlosen stets im Bewusstsein. Diese Hürde muss sich auch vergegenwärtigen, wer im Opferschutz mit dieser oft unsichtbaren Minderheit zu tun hat. „Nur“ die Sprache zu lernen, reiche nicht aus, wie Martin Feist mit einem Vergleich deutlich macht: „Wenn Menschen einen Japanisch-Kurs machen, können sie auch nicht direkt japanische Opfer beraten. Ich kann sie dann ein Stück weit mehr verstehen, bekomme vielleicht auch ein bisschen mehr Vertrauen. Aber ohne Dolmetscher geht da nichts.“

Diese Rolle übernimmt in dieser besonderen Konstellation in Kerpen Martin Feists Frau. Sie ist mittlerweile seit gut fünf Jahren ehrenamtliche Mitarbeiterin des WEISSEN RINGS. „Ein Glücksgriff für den Verein“, schmunzelt Feist. Er selbst ist vor etwa zehn Jahren beigetreten. Ungefähr zu dieser Zeit startete auch die Gehörlosen-Hilfe im Verein. Mittlerweile haben sie ungefähr fünf bis sechs Fälle im Jahr. „Wir haben es mit Diebstahl, Rufmord, Betrug, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, eigentlich mit der ganzen Bandbreite zu tun“, sagt er.

„Gehörlose sind sehr offen und direkt. Man muss mit ihnen also auch offen und direkt sprechen.“

Bettina Czompel-Feist

Ganz konkrete Unterschiede in der Opferschutzarbeit mit Hörenden gibt es beispielsweise in der Art und Weise, wie kommuniziert wird. „Gehörlose sind sehr offen und direkt“, sagt Bettina Czompel-Feist. „Man muss mit ihnen also auch offen und direkt sprechen.“ Ihr Mann fügt hinzu: „Gehörlose sind nicht unhöflich, sie sagen einfach, was sie wollen. Da gibt es kein ‚Schönschminken‘.“ Dies gelte auch für Themen, die in der Mehrheitsgesellschaft oft als heikel und mit sozialen Tabus belastet gelten, etwa körperliche Merkmale: „Wenn einer mal 20 Kilo zugelegt hat, wird gesagt: ‚Du bist dick geworden.‘ Fertig.“ Auch in der Opferhilfe bedeute diese Direktheit, dass man möglichst klar und schnörkellos kommunizieren muss: „Es braucht eine ganz klare Ansage. Das ist ein völlig anderer Ansatz als das, was viele Opferschützer gewohnt sind“, sagt Feist. Außerdem sei es wichtig, Gehörlosen auch Dinge zu erklären, die für uns selbstverständlich sind – etwa wenn man sich beim Sprechen abwendet. Gehörlose dürfen nie das Gefühl bekommen, man mache sich hinter ihrem Rücken über sie lustig.“

Man dürfe auch nicht den Fehler machen und alle „in einen Topf“ werfen. „Es gibt die Menschen, die komplett gehörlos sind und die das auch sein wollen. Dann gibt es welche, die noch einen Rest Hörvermögen haben und versuchen, in der hörenden Welt unterwegs zu sein. Und dann gibt es noch die, die schon etwas dagegen getan haben, so wie meine Frau. Sie tragen Implantate und gelten in der Gehörlosen-Community auch gar nicht so richtig als gehörlos“, sagt er. Man müsse zudem unterscheiden zwischen Menschen, die früher mal gehört haben, und jenen, die nie gehört haben. „Das grammatikalische Verstehen, das Hörverstehen und das Verständnis von komplexen Zusammenhängen ist ein völlig anderes.“

Bettina Czompel-Feist ist selbst gehörlos. Mit viereinhalb Jahren wurde ihr Gehör immer schlechter. Heute trägt sie Cochlea- Implantate, die Einschränkung ist ihr kaum anzumerken.

Wie wichtig es ist, die Lebensrealitäten der Gehörlosen zu kennen, wenn man gehörlosen Opfern von Kriminalität helfen will, merkten auch die ehrenamtlichen Mitarbeitenden Cornelia Haverkampf und Werner Springer. Die beiden Hamburger hatten vor ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit keinerlei Bezug zur Gehörlosen-Community. Das änderte sich, als sie 2017 ihre ersten Seminare zum Thema besuchten. „Wir waren dann beim Gehörlosenverband in Hamburg und haben den WEISSEN RING vorgestellt. Das führte aber nicht wirklich zum Erfolg. Erst als sich eine Gehörlose meldete und nach ihrer Betreuung Werbung für uns machte, ging es bei uns in Hamburg nach und nach los. Mittlerweile haben wir vier, fünf Fälle im Jahr“, erzählt die 68-Jährige.

Jeder kennt jeden

Etwa 80.000 Gehörlose gibt es laut dem Deutschen Gehörlosen-Bund in Deutschland. Das heißt, rund ein Mensch von tausend ist betroffen. Die Community ist gut verknüpft, sie tauscht sich viel aus. „Sie haben viel Angst vor Tratsch, auch innerhalb der Community.“ Die Opferhelferin vermutet, dass viele sich auch deswegen schwerer Hilfe suchen, wenn etwas passiert. Laut Gehörlosenverband Hamburg leben in der Hansestadt rund 2.000 Gehörlose. Jeder kenne jeden, „wie ein Dorf“. Informationen verbreiten sich wie ein Lauffeuer, nicht nur in Hamburg, sondern auch bundesweit, durch Messengerdienste und die sozialen Medien. „Daher kommen Betroffene auch gerne ins Landesbüro, das ist ein neutraler Ort. Im Café hätten viele zu viel Angst, gesehen zu werden“, so Haverkampf. Hinzu kommt: Im Gegensatz zu einem leisen Gespräch ist eine Unterhaltung in Gebärdensprache im öffentlichen Raum für andere Gehörlose leicht „mitlesbar“. Ohne einen Dolmetscher funktioniere die Opferarbeit aber nicht.

Cornelia Haverkampf betreut in Hamburg gehörlose Kriminalitätsopfer. Sie vermutet, dass sich viele, aus Angst vor Tratsch, schwerer Hilfe suchen, wenn etwas passiert.

Das macht die Terminfindung manchmal schwierig. „Wir fragen immer: ‚Haben Sie einen Dolmetscher Ihres Vertrauens?‘ Das sind ja intimste Geschichten, die sie erzählen, und die meisten haben einen Dolmetscher oder eine Dolmetscherin, mit dem oder der sie regelmäßig unterwegs sind. Aber auch der oder die muss Zeit haben. Da gehen schon mal zwei, drei Wochen ins Land, bis ein Termin steht. Und wenn der dann vereinbart ist und sie kommen, muss man sich ganz auf sie einstellen. Wenn man das auch so spiegelt und sagt: ‚Ich nehme dich so, wie du bist. Jetzt bist du hier und das ist gut‘, dann läuft das eigentlich immer gut“, sagt die Ehrenamtliche. Mittlerweile haben die Hamburger auch eine Liste an Dolmetschern, die sie direkt anrufen können.

„Wir können etwas erreichen, aber in kleinen Schritten“

Cornelia Haverkampf, Werner Springer, Martin Feist und Bettina Czompel-Feist – sie gehören zu den im Moment noch wenigen Ehrenamtlichen, die sich beim WEISSEN RING um gehörlose Opfer kümmern. Sie leisten damit einen wichtigen Dienst, den der Verein nicht überall anbieten kann. Darum warnt Martin Feist auch davor, den WEISSEN RING proaktiv in der Szene zu bewerben. „Denn wir könnten uns in kürzester Zeit selbst alles kaputtmachen“, sagt er. Besser sei es, nur die Fälle anzunehmen, die reinkommen. „Ich glaube, dass wir was erreichen können, aber eben in kleinen Schritten.“

Ein Anruf bei… Elke Hannack

Erstellt am: Dienstag, 10. Februar 2026 von Sabine

Ein Anruf bei… Elke Hannack

Elke Hannack kämpft seit Jahren gegen Angriffe auf Menschen im Dienst der Gesellschaft. Im Interview mit dem WEISSER RING Magazin spricht sie über besonders gefährdete Gruppen, mangelnde Unterstützung für Betroffene durch Vorgesetzte und den Ruf nach härteren Strafen.

DGB/Simone M. Neumann

Elke Hannack ist seit 2013 stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Zu ihren thematischen Schwerpunkten zählen Beamte und öffentlicher Dienst, Bildungsarbeit und Gleichstellungspolitik. Hannack setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte von Beschäftigten ein. Neben ihrem Studium war sie im Handel tätig und gründete dort schnell einen Betriebsrat.

Vor wenigen Monaten, an Silvester, sind in mehreren deutschen Großstädten zahlreiche Rettungskräfte und Polizisten angegriffen worden. Und erst kürzlich wurde der Zugbegleiter Serkan C. bei einer Ticketkontrolle in Rheinland-Pfalz so schwer angegriffen, dass er starb. Wie stark sind Beschäftigte des öffentlichen und privatisierten Dienstes gefährdet und was hat sich in den vergangenen Jahren verändert?

Der Vorfall im Kreis Kaiserslautern ist furchtbar. Das war keine „besondere Lage“, kein Großeinsatz – sondern eine Alltagssituation. Und genau das macht es so alarmierend: Wenn selbst Routinehandlungen wie Fahrkartenkontrollen eskalieren, dann ist das ein Warnsignal für uns als Gesellschaft. Mit der Aktion „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch“ machen wir seit Jahren darauf aufmerksam, dass sich die Lage immer weiter verschärft. Auch wenn es nicht tagtäglich zu solchen schweren Gewalttaten kommt: Viele Beschäftigte im Dienst der Gesellschaft erleben in ihrem Arbeitsalltag verbale oder körperliche Aggressionen. Wir beobachten eine Verrohung, in der die eigenen Interessen überwiegen und die kleinste Unwucht im Alltag zu einer maximalen Entladung führen kann, Konflikte mitunter sofort mit ausfallender Sprache oder sogar mit Fäusten ausgetragen werden. Da haben wir viele Beispiele etwa aus Ordnungsämtern, auch in Berlin: Als Kolleginnen und Kollegen Autofahrer antrafen, deren Parkdauer schon abgelaufen war, und ihnen ein Knöllchen gaben, wurden sie weggeschubst und gestoßen, haben körperliche Verletzungen davongetragen. Die Hemmschwelle sinkt, so dass Leute Hassparolen verbreiten oder handgreiflich werden, insbesondere gegen Personen, die für staatliche Institutionen arbeiten.

Gibt es neben den Beschäftigten im Ordnungswesen weitere Gruppen, die besonders bedroht sind?

Gefährliche Konflikte können vor allem bei Entscheidungen entstehen, die sich persönlich auf Bürgerinnen auswirken. Unverständnis entlädt sich leider oft stellvertretend gegen die Person, die eine Entscheidung übermitteln, erklären oder durchsetzen muss. Beschäftigte mit direktem Kundenkontakt sind naturgemäß stärker gefährdet: in Jobcentern oder Bürgerämtern, in Schulen, Krankenhäusern, bei Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdiensten, im Nahverkehr. Von digitaler Gewalt sind insbesondere Beschäftigte in höheren Verwaltungspositionen betroffen, wie wir im Rahmen einer repräsentativen Forsa-Umfrage herausgefunden haben. Es gibt Übergriffe, die fast die gesamte Republik mitbekommt, so wie an Silvester, als Rettungskräfte massiv attackiert, mit Feuerwerkskörpern beschossen wurden. Medien haben über eine ganze Reihe von Messerangriffen in Jobcentern berichtet. Vieles geht aber an der Öffentlichkeit vorbei, die alltäglichen Attacken, etwa wenn Busfahrerinnen und Busfahrer angepöbelt oder körperlich angegangen werden, wenn sie nicht pünktlich an der Haltestelle sind.

Die Illustration zeigt einen Feuerwehrhelm mit zerbrochenem Schutzvisier.

Retter in Not

Angriffe auf Einsatzkräfte sind ein großes Problem. Wie sollte unsere Gesellschaft ­darauf reagieren? Eine Analyse der Situation.

Welche Ursachen sehen Sie für diese Verrohung?

Die Ursachen sind vielfältig: gesellschaftliche Spannungen, persönliche Notlagen, Frustration, Überforderung, psychische Ausnahmesituationen. Die überwiegend männlichen Täter kommen aus allen gesellschaftlichen Gruppen. Die negative Entwicklung wird durch die sozialen Medien und das Niedermachen auf Plattformen befördert. Darüber hinaus stellen wir einen schleichenden Vertrauensverlust in die Politik und den öffentlichen Dienst fest, dessen Leistungen kleingespart wurden. Bei Übergriffen wird an den Stellvertretern des Staates Frust abgelassen, sagen uns die Betroffenen.

Welche Folgen haben die Angriffe für die Opfer?

Die Auswirkungen sind individuell und vielschichtig. Körperliche Verletzungen sind sichtbar, die der Seele dagegen kaum. Gerade seelische Verletzungen können gravierende Langzeitfolgen haben. Da passt es dann auch nicht, dass Betroffene von ihren Vorgesetzen häufig zu hören bekommen, sie sollten sich nicht so anstellen. Auch diese Verletzungen können zu Belastungsstörungen führen. Betroffene können langfristig ausfallen oder schließlich gezwungen sein, ihre Arbeit aufzugeben. Irgendwann hat jeder seine Belastungsgrenze erreicht. Viele Gewaltopfer arbeiten weiter, ziehen sich jedoch innerlich zurück, verlieren Vertrauen in ihre Mitmenschen und werden skeptischer im Kontakt mit Bürgerinnen und Kundinnen. Das belegen Ergebnisse aus unseren Befragungen.

Was raten Sie Betroffenen?

Jeder Vorfall sollte den Vorgesetzen gemeldet werden. Das sollte niemand mit sich alleine ausmachen – nehmt die Unterstützungsangebote wahr, wo es sie gibt! Gespräche mit den Kolleginnen, Personalräten, eine professionelle Nachsorge: All das kann helfen, das Erlebte einzuordnen und gesund zu bleiben. Eines möchte ich ausdrücklich sagen: Die Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen in den Dienststellen stehen in der Pflicht. Sie sollten Unterstützung nicht nur ermöglichen, sondern proaktiv anbieten. Für die Betroffenen ist die erste große Hürde nämlich oft, nach Hilfe fragen zu müssen.

Wie ist es um die Bereitschaft der Betroffenen bestellt, über Gewalt zu sprechen und sich Hilfe zu holen?

Die Bereitschaft wächst, das ist die gute Nachricht. Immer häufiger vertrauen sich Betroffene zumindest den Kolleginnen und Kollegen oder ihrem persönlichen Umfeld an. Aber es suchen noch nicht genug Angegriffene das Gespräch mit den Vorgesetzten und erstatten Anzeige. Zu den Ursachen zählen Sorge vor Stigmatisierung, Scheu vor bürokratischem Aufwand und Loyalität gegenüber der Dienststelle, die womöglich kein Interesse an einem Verfahren hat. Umso wichtiger sind vertrauliche und unkomplizierte Hilfsangebote.

"Der Vorfall im Kreis Kaiserslautern ist furchtbar. Das war keine ,besondere Lage‘, kein Großeinsatz – sondern eine Alltagssituation. Und genau das macht es so alarmierend: Wenn selbst Routinehandlungen wie Fahrkartenkontrollen eskalieren, dann ist das ein Warnsignal für uns als Gesellschaft."

Elke Hannack
Werden Betroffene von ihren Arbeitgebern, aber auch von Polizei und Justiz genug unterstützt?

Unter den Arbeitgebern gibt es durchaus engagierte Beispiele für Hilfsangebote, etwa bei der Stadtverwaltung Köln, aber auch in kleineren Kommunen. Insgesamt ist der Handlungsbedarf weiterhin groß. Gerade bei der Nachsorge, weil viele Dienststellen überhaupt kein Konzept dafür haben, genauso wenig wie für Prävention. Und wenn es Hilfsmöglichkeiten gibt, sind sie vielen Beschäftigten gar nicht bekannt. Vielerorts fehlen noch immer klare Meldewege für den Fall der Fälle und ein niedrigschwelliger Zugang zu Unterstützung. Diese sollte unabhängig davon erfolgen, ob ein Vorfall aktenkundig wird oder nicht. Was Polizei und Justiz angeht: Bevor diese Institutionen eingreifen können, muss ein Vorfall angezeigt werden – was aus unserer Sicht immer geschehen sollte. Weil hier die Betroffenen aktiv werden müssen, brauchen sie Rückendeckung von ihrer Dienststelle, die den Rechtsweg mit ihnen gehen sollte. Leider erleben wir häufig, dass Vorgesetzte sagen: „Ach, komm, das war nicht so schlimm. Eine Anzeige bei der Justiz und der Berufsgenossenschaft ist doch nicht notwendig.“ Erschwerend kommt hinzu, dass unsere Strafgerichte absolut überlastet sind und solche Gewalttaten teilweise erst Jahre später verhandelt werden. Hier braucht es dringend mehr Personal. Häufig werden Verfahren aufgrund eines angeblich mangelnden öffentlichen Interesses auch eingestellt.

Welche Verantwortung trägt der öffentliche Dienst insgesamt?

In den vergangenen Jahrzehnten wurden viele Stellen im öffentlichen Dienst gestrichen, heute gibt es vielerorts Fachkräfte- und Nachwuchsmangel. Oft dauert es Jahre, bis eine Stelle neu besetzt ist. Solange müssen die verbliebenen Kolleginnen und Kollegen zusätzliche Arbeit erledigen – was zu einem enormen Stress führt. Der Ruf des öffentlichen Dienstes als Arbeitgeber hat sich verschlechtert. Hier gilt es, gegenzusteuern. Wir brauchen gute Arbeitsbedingungen, um das Konfliktpotenzial zu senken, und mehr Schutz der eigenen Beschäftigten. Und der beginnt mit einer starken Haltung: Gewalt gegen Beschäftigte darf weder relativiert noch normalisiert werden. Gleichzeitig müssen Maßnahmen zum Schutz auf die jeweilige Dienststelle zugeschnitten sein, die natürlich auch ausreichend Personal wie technische Ressourcen braucht. Klare Zuständigkeiten im Ernstfall sind wichtig, eine Kultur des Hinschauens und Zuhörens, und, um noch ein konkretes Beispiel zu nennen, mehr Deeskalationsschulungen.

Sehen Sie weitere Lücken beim Schutz und bei den Konsequenzen?

Ja, insbesondere bei der Erfassung von Vorfällen. Aktuell werden lediglich Übergriffe auf Polizei, Rettung, Feuerwehr sowie auf Beschäftigte der Bahn umfassend erfasst. Alle anderen Berufsgruppen fallen hinten runter. Dadurch wird der Handlungsdruck verringert, und die Politik kann sich einen schlanken Fuß machen. Es ist wichtig, alle Vorfälle zu erfassen, bundesweit und in allen Branchen, auch weil sich daraus wichtige Lehren für individuelle Schutzkonzepte ziehen lassen.

Nach den Übergriffen an Silvester ist wieder der Ruf nach schnelleren Verfahren und härteren Strafen laut geworden. Wie schätzen Sie die Forderungen ein?

Dass Fälle durchaus zügig vor Gericht gebracht werden können, zeigt beispielsweise eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft in Nordrhein-Westfalen, die sich auf Gewalt gegen Beschäftigte des öffentlichen Dienstes und des privatisierten Sektors konzentriert. Betroffene können also schnell zu ihrem Recht kommen, wenn der Wille da ist. Wichtiger als die Höhe der Strafe ist, dass Taten verurteilt, Verfahren nicht rasch eingestellt werden. Letzteres ist immer ein fatales Signal an Betroffene. Sie können dann zu dem Schluss kommen: Die Anzeige war der falsche Weg. Der Staat hat mich im Stich gelassen.

Transparenzhinweis:
Der DGB und der WEISSE RING kooperieren seit 2020 beim Projekt „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch“. Dazu gehören die bundesweite kostenfreie und anonyme Hilfe-Hotline, die unter 0800 116 006 0 erreichbar ist, sowie Aus- und Weiterbildungsangebote für Führungskräfte und Beschäftigte. Die Anrufzahlen beim Hilfetelefon liegen aktuell im niedrigen dreistelligen Bereich. Betroffene werden hier beraten, etwa im Hinblick auf eine mögliche Anzeige und weitergehende Hilfsangebote. Die Ratsuchenden kommen aus allen Branchen. Die Gewalt reicht von Beleidigungen bis hin zu schweren körperlichen Attacken. Weiterer Kooperationspartner bei „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch“ ist HateAid.

“Wir sind wieder da!“

Erstellt am: Dienstag, 23. Dezember 2025 von Sabine

“Wir sind wieder da!“

Jahrelang gab es keine Außenstelle des WEISSEN RINGS im Kreis Ludwigsburg. Bis Sonja Beurer und Tanja Leonhard kamen. Sie bauten hier wieder ein starkes Team an Helfenden auf.

Sonja Breuer (links) und Tanja Leonhard leiten die neue Außenstelle des WEISSEN RINGS in Ludwigsburg bei Stuttgart.

„Wir haben uns nicht gesucht, aber wirklich gefunden“, sagt Tanja Leonhard und schaut mit einem warmen Lächeln zu Sonja Beurer hinüber. Diese sitzt am Besprechungstisch neben ihr und stimmt gleich zu: „Ich sage immer, wir sind wie eine kleine Familie. Es passt einfach menschlich unheimlich gut.“ Das sei auch wichtig,  wenn man so etwas zusammen mache, fügt sie hinzu, „denn das kann schon sehr intensiv sein.“

Beurer leitet seit Mai 2025 die Außenstelle des WEISSEN RINGS in Ludwigsburg, Leonhard ist ihre Stellvertreterin. Die Stadt liegt rund 15 Kilometer nördlich
von Stuttgart. Der von der Stelle betreute dazugehörige Landkreis zählt mehr als eine halbe Million Einwohnerinnen und Einwohner. Wer den beiden zuhört, wie sie von ihrer Opferarbeit berichten, kann sich kaum vorstellen, dass es hier über zwei Jahre lang keine eigene Außenstelle gab. „Im Schnitt kommen pro Woche drei Fälle bei uns an“, erklärt Beurer, „zu Stoßzeiten wie nach Weihnachten deutlich mehr.”

Mehr als zwei Jahre ohne direkte Anlaufstelle

„Etwa 75 Prozent unserer Fälle sind häusliche oder partnerschaftliche Gewalt – körperlich, psychisch, sexuell oder auch finanziell“, fügt Leonhard hinzu. In letzter Zeit hätten sie es auch vermehrt mit Cyberkriminalität oder Anlagebetrug zu tun. „Da geht es teilweise um richtig hohe Summen. Ansonsten ist alles dabei – Körperverletzung, Stalking, Bedrohung … im Grunde das ganze Spektrum.“ Nachdem die Außenstelle einige Jahre nicht mehr besetzt war, hatte der Stuttgarter WEISSE RING die  Ludwigsburger Fälle mitbetreut. „Das haben die Stuttgarter Kollegen gut gemacht, allen voran Stefan Kulle als unser Mentor“, sagt Beurer. „Aber Stuttgart hat ja selbst
viele Fälle. So intensiv, wie wir das jetzt machen, konnten sie das nicht leisten.“

Leiterin Beurer ist 70 Jahre alt, wohnt selbst im Kreis Ludwigsburg und war fünfzig Jahre bei der Stadt Stuttgart in der Verwaltung beschäftigt. Sie stieß im Frühjahr 2024 zum WEISSEN RING. „Ich habe eigentlich mein ganzes Leben lang ehrenamtlich etwas gemacht“, erzählt sie. Sie engagierte sich in Vereinen, führte mit ihrem ersten Mann
eine Künstlerkneipe und half später im Hospiz. Mit ihrem zweiten Mann hatte sie vier Kinder – und nahm noch sieben Pflegekinder auf. „Als die Kinder aus dem Haus waren und die Rentenzeit kam, wollte ich wieder etwas tun.“

In der Zeitung las sie vom WEISSEN RING. „Ich habe mich beworben, und schon nach der ersten Hospitation dachte ich: Das ist meins“, erinnert sie sich. „Ich habe gemerkt, wie traumatisiert die Opfer sind, wie sehr sie Hilfe suchen, wie dankbar sie sind, dass man ihnen zuhört und glaubt.“

Sonja Breuer wohnt selbst im Kreis Ludwigsburg, arbeitete 50 Jahre bei der Stadtverwaltung und hat sich schon immer ehrenamtlich engagiert.

Zeitungsartikel weckt Interesse

Auch Tanja Leonhard ist seit dem Frühjahr 2024 beim WEISSEN RING aktiv. „Ich glaube, wir alle beim WEISSEN RING haben ein gepflegtes Helfersyndrom – im positiven Sinne“, sagt die 56-Jährige. Zuvor war sie 25 Jahre bei Mercedes-Benz im Marketing und auch ehrenamtlich aktiv – etwa, als 2015 in ihrem kleinen Wohnort über 200 Geflüchtete untergebracht wurden. Da habe sie dort den Sprachunterricht mit aufgebaut und selbst unterrichtet. Später half sie bei der Tafel – bis sie durch einen Zeitungsartikel zum WEISSEN RING fand.

Beide starteten zunächst in Stuttgart. Dort durchliefen sie Schulungen an der Akademie des WEISSEN RINGS und Hospitationen – also erste Einsätze an der Seite erfahrener Helfender, bei denen sie die Arbeit mit Betroffenen unmittelbar miterlebten. „Ich hatte gleich bei der ersten Hospitation so einen Hammerfall mit sieben Betroffenen nach einer Messerstecherei“, erinnert sich Beurer. „Aber das hat mich eher bestärkt, und ich wusste: Das ist mein Thema.“

Obwohl beide ungefähr zur selben Zeit beim WEISSEN RING anfingen, begegneten sie sich zunächst nicht. Erst im Herbst 2024 lernten sie sich kennen – nachdem sie ernannt worden waren, also nach abgeschlossenen Grundkursen und Hospitationen offiziell als ehrenamtliche Mitarbeiterinnen bestätigt wurden. Damals lud der Stuttgarter Mitarbeiter Stefan Kulle, der beide ausgebildet hatte, sie zu einem Treffen der Stuttgarter Außenstelle ein, bei dem man das dortige Polizeipräsidium und Polizeimuseum besuchte. „Da haben wir uns kennengelernt – dass es zwischen uns beiden so gut matcht, wurde aber erst später klar“, erinnert sich Leonhard. Schon kurz darauf stimmten sie sich immer häufiger ab, denn im Stuttgarter Team übernahmen beide nach und nach erste eigene Fälle im Kreis Ludwigsburg.

„Das ist genau das, was ich die nächsten zehn Jahre noch machen möchte.“

Sonja Beurer

Das Landesbüro hatte zuvor mehrfach erfolglos versucht, eine neue Leitung für die Außenstelle in Ludwigsburg zu finden. Ehrenamtliche vor Ort wollten zwar helfen, scheuten jedoch die administrative Verantwortung. So ging es auch Leonhard, als das Landesbüro sie nach ihrer Ernennung wegen ihres großen Engagements fragte, ob sie sich die Übernahme der brachliegenden Außenstelle vorstellen könne. „Ich habe das verneint, ich will Opferarbeit machen“, erzählt sie augenzwinkernd. Beurer  hingegen war für die Rolle offen. Als auch sie gefragt wurde, entschied sie sich, die Leitung zu übernehmen – hoffte jedoch auf Unterstützung. Schließlich fragte sie Leonhard, ob sie ihre Stellvertreterin werden wolle. Um die Büroarbeit müsse sie sich keine Sorgen machen: „Nach fünfzig Jahren beim Amt mache ich das mit links“, habe Beurer ihr gesagt. „Wenn das so ist, dachte ich, dann ja“, erzählt Leonhard. Damit war die Teamleitung komplett. Ab Mai 2025 ging es offiziell los.

Mitstreitende gewinnen, auf sich aufmerksam machen

„Ich habe es bis jetzt nicht bereut“, sagt Beurer über ihre Rolle als Leiterin. „Ich sage mal: Das ist genau das, was ich die nächsten zehn Jahre noch machen möchte.“ Leonhard ergänzt: „Ich fand’s beeindruckend, wie strukturiert Sonja das anging.“ Die beiden passten nicht nur menschlich hervorragend zusammen, sondern auch in ihrer Arbeitsteilung und Organisation. Unterstützung erhielten sie dabei fortlaufend von der Zentrale in Mainz und vom Landesbüro in Stuttgart, das sie eng dabei  begleitete, die Außenstelle neu aufzubauen. Von Beginn an ging es etwa darum, auf sich aufmerksam zu machen. „Wir haben uns gesagt: Wir müssen uns vernetzen – sonst wissen die relevanten Stellen gar nicht, dass es uns gibt“, erzählt Leonhard weiter. „Wir waren bei der Traumaambulanz, wohin wir oft Opfer schicken, beim Versorgungsamt, bei der Polizei, beim Jugendamt – und überall haben wir gesagt: ‚Wir sind wieder da!‘“ Sie hätten bei solchen Terminen schnell gemerkt, wie dankbar
man ist, dass es die Außenstelle wieder gibt. „Viele sagten: ‚Wir haben gar nicht gewusst, an wen wir uns wenden können‘“, berichtet Leonhard. Die Mühe zu Beginn hat sich gelohnt. „Inzwischen kommen auch Anfragen, ob wir Vorträge halten oder bei Präventionsveranstaltungen mitmachen – das zeigt, dass wir im Kreis angekommen sind“, sagt sie.

Auch Tanja Leonhard war ehrenamtliches Arbeiten immer wichtig. Bevor sie zum WEISSEN RING kam, war sie in der Flüchtlingshilfe und bei der Tafel aktiv.

So seien sie Schritt für Schritt in die Rolle der Außenstellenleiterinnen hineingewachsen. „Am Anfang war’s ein Sprung ins kalte Wasser, aber das hat uns zusammengeschweißt“, sagt Leonhard. „Ich weiß noch genau, wie es war, als das Telefon klingelte und die ersten richtigen Fälle kamen – da war klar: Der Bedarf ist groß“, erinnert sie sich. Das war in den ersten Wochen, kurz nachdem die offizielle neue Hilfenummer für den Landkreis freigeschaltet worden war. Den Telefondienst teilen sich beide im 14-Tage-Rhythmus.

Wie viele Ehrenamtliche mussten sie, wie sie erzählen, sich manchmal selbst bremsen. Gerade in der Anfangszeit seien sie schnell an ihre Grenzen gekommen. „Wir waren voller Elan und haben gemerkt, dass wir uns zu sehr hineinziehen lassen“, erzählt Leonhard. „Da mussten wir irgendwann die Reißleine ziehen“, sagt sie.

Mit dem Fundament wächst auch das Team

Auch Beurer hat in den ersten Wochen und Monaten manchmal mit sich, der Opferarbeit und der Verantwortung einer Außenstelle gehadert: „Am Anfang habe ich mir oft gedacht: Habe ich das jetzt richtig gemacht?“, erinnert sie sich. „Irgendwann habe ich mir gesagt: Wir machen nichts falsch. Wir machen es so, wie wir können – und das ist gut so. Wir sind keine Therapeuten, keine Juristen. Wir hören zu, wir begleiten, wir helfen, soweit es in unserer Möglichkeit liegt.“ Diese Einstellung vermittelt Beurer auch dem Team, das es mittlerweile in der Außenstelle gibt. Sie verteilt die anstehenden Fälle behutsam. Helfen soll die Ehrenamtlichen auf keinen Fall überfordern.

Mit der Zeit wurden beide in ihrer Aufgabe sicherer und fanden ab einem bestimmten Punkt auch Zeit, sich um Öffentlichkeitsarbeit zu kümmern: „Wir gehen auf Gesundheitstage, Seniorennachmittage, Gemeindefeste und erzählen dort, was der WEISSE RING macht. Viele wissen das gar nicht“, sagt Beurer. Nach und nach seien so auch neue Interessierte dazugekommen, die bei der Außenstelle mitarbeiten wollten. Besonders nach einem Bericht über die beiden in der Lokalzeitung. Alle  Interessierten kommen erst mal zum Kennenlerngespräch, dann zu Hospitationen mit, um zu sehen, ob die Aufgabe auch passt, so Beurer. „Mittlerweile sind wir sechs
Aktive, zwei ,in Hospitation‘ und aktuell dazu noch drei weitere Interessierte. Das ist für eine neue Außenstelle richtig gut.“ Das Team sei vom Alter her bunt gemischt – von 19 bis 70. „Das ist total spannend“, schwärmt sie weiter, „wir haben alles dabei: Polizei, Therapeutin, Studentin, jemanden vom Jobcenter. Diese Mischung ist Gold wert.“

Das Team treffe sich regelmäßig – das ist den beiden wichtig. „Es geht nicht nur um Fallbesprechungen, sondern auch um Austausch, damit man nicht allein bleibt mit schwierigen Themen“, unterstreicht Leiterin Beurer. Sie organisiere die Treffen, die stets in einem Restaurant stattfinden, das einen Nebenraum hat, damit sie Vertrauliches besprechen können. „Da herrscht immer eine gute Stimmung, irgendwie passen wir alle wirklich gut zusammen“, betont auch Leonhard. Manchmal lade Beurer auch Gäste ein – vom Versorgungsamt oder von Frauenorganisationen etwa – „damit das Team auch fachlich etwas mitnimmt“.

„Wir haben alles dabei: Polizei, Therapeutin, Studentin, jemanden vom Jobcenter. Diese Mischung ist Gold wert.“

Tanja Leonhard

Auch wenn es an Fällen und engagierten Mitarbeitenden nicht mangelt, hat die Außenstelle noch mit ein paar Startschwierigkeiten zu kämpfen. Vor allem fehlt es an eigenen Räumen. Die früher genutzten Büros gibt es nicht mehr, derzeit dürfen sie für Gespräche und Treffen die Räume einer sozialen Einrichtung nutzen, die Menschen mit Behinderung beim Einstieg ins Arbeitsleben unterstützt. Wenn dort kein Platz frei ist, weichen sie aus. „Manchmal stellt uns die Stadt kurzfristig etwas zur Verfügung“, sagt Beurer. Flexibilität sei kein Problem, doch ein fester, neutraler Ort „wäre auf Dauer besser – vor allem für vertrauliche Gespräche“. Vielleicht klappe es mit einem Raum im Rathaus dauerhaft. Da seien sie gerade dran. Wer die beiden trifft, hat keinen Zweifel: Nach allem, was sie in nur wenigen Monaten in Ludwigsburg aufgebaut und wie viele Menschen sie schon zur Mitwirkung motiviert haben, werden sie auch das schaffen.

Die Kämpferin

Erstellt am: Dienstag, 23. Dezember 2025 von Sabine

Die Kämpferin

Lena Weilbacher ist seit 2024 stellvertretende Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Niedersachsen. Im Interview erzählt die 31-jährige Rechtsreferendarin, was für die Zukunft des Opferschutzes wichtig ist – und warum sie als Anwältin keine Strafverteidigung mehr machen könnte.

Die Nordhessin Lena Weilbacher hatte schon früh einen Gerechtigkeitssinn. Heute ist sie Rechtsreferendarin.

In Göttingen gibt der Herbst an diesem Oktobertag alles, gelbe Blätter rieseln im Wind von den Bäumen und rascheln bei jedem Schritt auf dem Weg ins Café Esprit. Lena Weilbacher reicht die Hand zur Begrüßung und bestellt sich einen starken Kaffee mit Milch. Göttingen ist ihre Wahlheimat. Hier hat sie Jura studiert, für ihre Doktorarbeit über den Einfluss des WEISSEN RINGS auf Opferrechte geforscht und im Dezember ihr Rechtsreferendariat begonnen.

Wollten Sie immer Anwältin werden?

Das hat sich schon früh in meiner Schulzeit abgezeichnet. Ich konnte Ungerechtigkeit noch nie ertragen. Als ein Mitschüler mit seiner Familie in den Kosovo abgeschoben werden sollte, bin ich zum Radio gerannt. Es gab Proteste gegen die Abschiebung. Es war sicher nicht allein mein Verdienst, aber am Ende durfte die Familie bleiben. In der Oberstufe wurde ich von einer Mädels-Clique gemobbt und kenne das Gefühl von absoluter Macht und Hilflosigkeit. Ich wollte mich immer wehren können und  anderen Menschen helfen. Es lohnt sich zu kämpfen. Als Anwältin tut man genau das, vor allem Strafverteidigung erschien mir früher sehr spannend und erstrebenswert  zu sein.

Sie sagen früher – jetzt nicht mehr?

Nein. Was ich gefühlt so spannend fand, hat sich mit den ersten Monaten beim WEISSEN RING erledigt. Ich könnte heute nicht mehr aus Überzeugung Strafverteidigerin sein. Ich finde es wichtig und richtig, dass es Kolleginnen und Kollegen gibt, die das aus Überzeugung machen. Aber ich selbst könnte es nicht mehr, weil ich so viele Einzelschicksale miterlebt habe. Weil ich weiß, wie es auf der anderen Seite aussieht und wie es den Betroffenen geht. Um ihnen eine starke Stimme vor Gericht zu geben, konzentriere ich mich vollständig auf die Nebenklage.

„Ich wollte mich immer wehren können und anderen Menschen helfen. Es lohnt sich zu kämpfen.“

Lena Weilbacher

Lena Weilbacher ist in Nordhessen aufgewachsen. Schon als Schülerin hat sie ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei gemacht. Beim Spaziergang durch die Stadt erzählt die 31-Jährige, dass sich ihr Blick auf ein paar unsichere Ecken in der Stadt durch die Arbeit beim WEISSEN RING verändert habe. Sie sei vorsichtiger geworden, ohne Angst zu haben.

Wie sind Sie 2017 auf den WEISSEN RING gekommen?

Durch einen Vortrag des Opferanwalts und heutigen Landesvorsitzenden des WEISSEN RINGS in Niedersachsen, Steffen Hörning. Ich habe damals ein Praktikum im Gericht gemacht und er hat dort erzählt, was der WEISSE RING macht. Mein erster Gedanke war: Das ist eine sinnstiftende Aufgabe, die mich durch das Jura-Studium tragen könnte. Später habe ich Steffen Hörning als Nebenkläger zu Prozessen begleitet. Ab da war klar, dass ich das auch machen wollte.

Sie sind 2020 Jugendbeauftragte geworden, haben die Jugendarbeit mit vorangetrieben. Der Spot #machdichstark kam gut an, läuft bundesweit in den Uni-Kinos.

Die Resonanz war einfach cool und der Spot funktioniert. Das war aber auch viel Arbeit: zwei Drehtage für 90 Sekunden Spot. Mich freut aber vor allen Dingen, dass wir  etwas bewirken. Wir tun das nicht, um ein Video zu machen. Viel wichtiger ist doch, dass der WEISSE RING zukunftssicher ist. Unsere QR-Codes, die auf  Toilettenwänden in Bars, bei Ärzten, in Fitnessstudios kleben, funktionieren auch. Das sehen wir an den Besucherzahlen auf unserer Internetseite. Den Dampf konnten wir reinbringen, weil man uns gelassen hat. Inzwischen wollen sehr viele junge Menschen bei uns mitarbeiten. Als ich anfing, war die einzige andere junge Person im  Team die damalige Jugendbeauftragte. Wir haben den WEISSEN RING in Uni-Vorlesungen vorgestellt, Kugelschreiber in die Ersti-Tüten gepackt, Plakate aufgehängt. Es freut mich, dass sich die Arbeit auszahlt, die wir da reinstecken. Da braucht es Leute, die Gas geben. Aber: Ohne die Erfahrung und Expertise der langjährigen Mitarbeitenden geht das nicht. Gemeinsam ist es leichter. Wir profitieren voneinander.

Am Schwarzen Brett auf dem Zentral-Campus der Uni Göttingen hängt ein Poster des WEISSEN RINGS. Lena Weilbacher geht zielstrebig in einen Hörsaal, greift ums Eck und knipst das Licht an. An der Wand hängt ein Schild: „BITTE NICHT RAUCHEN“. Hier hat sie als Dozentin Studierenden Grundlagen des Strafrechts vermittelt. Für  ihren Kurs erhielt sie im Wintersemester 2022/23 den Fakultätspreis für die beste Leiterin eines Begleitkollegs. Eine Studierende schrieb: „Einfach super, hat mir mega die Angst vor dem Fach genommen.“

Sie vertreten den WEISSEN RING auch öffentlich, bei Podiumsdiskussionen oder in Landtagsausschüssen. Fallen Ihnen solche Auftritte leicht?

Ich bin immer nervös. Aber es ist wichtig, dass wir in Kuratorien, Gremien und Ausschüssen sitzen, unbequem sind und auch mal Stunk machen. Ich saß mit der niedersächsischen Justizministerin zusammen auf einem Podium. Tenor: Es muss mehr Therapieplätze für Täter geben. Da habe ich gesagt, ja klar, das ist sehr wichtig  und Opferarbeit fängt auch beim Täter an. Aber erklären Sie doch mal einem Opfer, das Ihnen gegenübersitzt, warum der Täter jetzt einen Therapieplatz bekommt und  das Opfer ein Jahr warten muss. Wegen dieser Perspektive ist der WEISSE RING so wichtig.

Lena Weilbacher wird mit vielen Schicksalsschlägen konfrontiert. Ihr helfen Gespräche mit ihrem Partner dabei, sie zu verarbeiten.

Sie beraten auch Opfer. Gibt es Fälle, die besonders herausfordernd sind?

Ich bin 2017 nach dem Grundseminar direkt in die Opferarbeit eingestiegen. Besonders herausfordernd ist es, wenn junge Frauen betroffen sind, die einen ähnlichen  Werdegang oder ein ähnliches Alter haben. Ich habe da einen Fall im Kopf, da ist ein junger Mann in Göttingen getötet worden. Ich habe damals die Lebensgefährtin  begleitet. Oder der Fall des sechs Wochen alten Babys im Kinderwagen, das von einem betrunkenen Autofahrer, der auch noch vom Handy abgelenkt wurde, erfasst und  getötet wurde. Da sitzt eine Mama vor dir und ihr Baby ist tot. In solchen Fällen bin ich heilfroh, dass ich einen verständnisvollen Partner habe, mit dem ich mich  austauschen kann, weil er Berufsfeuerwehrmann ist und Rettungsdienst fährt. Wir haben da einen Safe Space für uns, wo wir solche Schicksale – natürlich anonymisiert – besprechen. Das hilft mir sehr.

„Jetzt bin ich hier und versuche, anderen Menschen Mut zu machen und zu helfen.“

Lena Weilbacher
Was macht die Arbeit des WEISSEN RINGS für Sie aus?

Wir füllen eine Lücke, die der Staat lässt. Für mich ist es eigentlich unverständlich, dass Opferhilfe privat organisiert werden muss – ehrenamtlich und spendenfinanziert. Von Menschen, die sagen: wie ungerecht, wir müssen etwas tun. Die ihre Zeit und Ressourcen dafür geben, diese Lücke zu füllen. Wir sind die, die den Opfern den ersten  Halt geben und sie aus dem Gefühl der absoluten Macht- und Hilflosigkeit herausnehmen und sagen: Hey, ich weiß, es fühlt sich so an – aber ganz allein bist du da nicht.  Im Zweifel begleiten wir diese Menschen über Jahre.

Wie hat sich Kriminalität verändert – und was bedeutet das für die Zukunft des Opferschutzes?

Ich bin vermutlich die letzte Generation, die erst mit 18 ein Smartphone bekommen hat. Wenn ich sehe, was in Klassenchats bei Grundschülern los ist, macht mir das  Sorgen. Stalking ist bei uns ein Dauerbrenner, massiv über Social Media. Mit KI-Geschichten wie Deepfakes kommen Dinge auf uns zu, darauf sind wir noch gar nicht  vorbereitet. Es ist wichtig, dass Opferberaterinnen und Opferberater zu digitaler Gewalt geschult sind. Da müssen wir am Ball bleiben, ohne die anderen Themen aus dem  Blick zu verlieren. Kriminalität verändert sich und wir müssen uns mitverändern, sonst gibt es uns irgendwann nicht mehr und die Opfer stehen allein da.

Auf der Wallpromenade, einem beliebten Spazierweg rund um die Innenstadt, erzählt Lena Weilbacher, dass sie gern Punkrock hört, Bands wie Blink-182, und dass sie  regelmäßig zum Krafttraining ins Fitnessstudio geht. Beides sei ein guter Ausgleich für die Opferarbeit. Sie liest gern Thriller, am liebsten die von Simon Beckett.  Vielleicht, ergänzt sie, entwickle man sich im Leben immer zu der Person, die man in schwierigen Momenten selbst gebraucht hätte: „Jetzt bin ich hier und versuche,  anderen Menschen Mut zu machen und zu helfen.“

Der Gestalter

Erstellt am: Mittwoch, 10. Dezember 2025 von Selina

Der Gestalter

Vorträge an Unis, Podcasts mit Influencern, der WEISSE RING auf Bierdeckeln: Marvin Brandes weiß, wie man junge Menschen für Opferschutz interessiert.

Marvin Brandes ist Jugendbeauftragter in Hamburg, aktiv bei den Jungen Mitarbeitenden auf Bundesebene und Host des neuen WR-Podcasts.

November in Hamburg, die Luft ist kalt, der Himmel grau. Kurz vor Beginn der Adventszeit scheint fast alle Farbe aus der Hansestadt gewichen zu sein, und wer an diesen Tagen an der Binnenalster spaziert, tut dies meist dick eingepackt, zum Schutz vor den Temperaturen des Herbstes im Norden. Doch die dunkle Tristesse hat auch gute  Seiten, sie lässt einige Inseln des Lichts besonders hell leuchten. Marvin Leon Brandes arbeitet auf einer dieser Inseln, am Rathausmarkt. Mit Blick auf den gerade im  Aufbau befindlichen Weihnachtsmarkt eröffnet sich eine Welt, in der der Herbstblues keine Chance hat: Lampen und Leuchten in allen Formen und Farben, manche klein und zurückhaltend, andere groß und extravagant wie moderne Skulpturen. Und in ihrer Mitte: ein junger Mann mit kurzen Haaren und strahlenden Augen. Licht ins Leben  anderer Menschen zu bringen, ist sein Beruf – und in gewisser Weise haben ihn die Lampen zum WEISSEN RING gebracht.

Eine Begegnung mit Folgen

Im Jahr 2015 ist Marvin Brandes gerade auf dem Weg zur Möbelfachschule in Köln, als er im Zug einen Mann aus Rheinland-Pfalz trifft. Es ist Dr. Steffen Schemmann,  ein zu diesem Zeitpunkt ehrenamtlicher Mitarbeiter des WEISSEN RINGS in Bad Kreuznach. Die beiden kommen ins Gespräch, Schemmann erzählt ihm von  Deutschlands größter Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer. Der Verein und seine professionelle Struktur wecken sofort Brandes‘ Interesse. „So bin ich zum WEISSEN  RING gekommen. Kaltakquise sozusagen“, erinnert er sich und lacht. Jetzt ist er schon mehr als zehn Jahre dabei und will sich unbedingt nochmal bei Schemmann „für dieses tolle Gespräch und diese Inspiration“ bedanken.

2017 ist Brandes nach Hamburg gezogen, dort kam er mit der Jungen Gruppe des Vereins in Kontakt. „Die Junge Gruppe hier in Hamburg ist so gut vernetzt und versteht  sich so gut, dass da auch Freundschaften daraus entstanden sind“, sagt Brandes.

Lea Gärtner / Foto: Selina Stiegler

Die Visionärin

Noch gehört Lea Gärtner mit ihren 34 Jahren zu den Jungen Mitarbeitenden des WEISSEN RINGS, ist aber schon seit mehr als zehn Jahren im Verein aktiv und mittlerweile stellvertretende Landesvorsitzende in Hessen. Gärtner hat in der Zeit viel bewegt.

Ein starkes Team

Seit 2021 ist er Jugendbeauftragter in der Hansestadt. „Ich mache das zusammen mit Inna Avdeeva und bin froh, dass wir das gemeinsam tun.“ Avdeeva und Brandes  verbindet nicht nur das Amt: „Wir wohnen im selben Stadtteil. Wir sind beide seit zehn Jahren beim WEISSEN RING. Wir haben beide am selben Tag Geburtstag. Wir  haben wirklich viele Überschneidungen und ich glaube, wir ergänzen uns ganz gut.“

Damit der Verein sichtbar ist, planen die Jungen Mitarbeitenden öffentlichkeitswirksame Aktionen. „Wir sind in Hamburg bekannt für unsere sportliche Aktivität und  nehmen mindestens an zwei, drei Läufen im Jahr teil. Wir sind an Universitäten, um den Verein vorzustellen, verteilen im Uni-Kino Goodie-Bags von uns und WEISSER-RING-Bierdeckel in Bars.“

Ein besonderer Podcast

Auf Bundesebene ist er ebenfalls bei den Jungen Mitarbeitenden aktiv. Ein Projekt der Gruppe ist der Podcast „LautStark. (K)ein True-Crime-Podcast“. Das Ziel ist klar:  „Wir wollen Betroffenen eine Stimme geben, deshalb auch der Name. Bei uns steht nicht die Tat im Mittelpunkt, sondern die betroffene Person und wie es danach für sie  weiterging“, so der Ehrenamtler.

Mit Lijana Kaggwa haben sie über das Thema Cybermobbing gesprochen. Die junge Frau war Finalistin bei „Germany’s Next Topmodel“, ist aus der Sendung ausgestiegen und wurde Opfer von Hass, Hetze und Morddrohungen. Außerdem dabei sind unter anderem Model Victoria Jancke, die vergewaltigt worden ist, sowie Philipp Pommer  und Lena Jensen. Die Content Creatoren haben eine große Reichweite auf Social Media und sprechen offen über das Thema Kindesmissbrauch. Beide wurden in ihrer  Jugend selbst Missbrauchsopfer. Mit Prominenten zu sprechen, sei zunächst aufregend gewesen. „Aber das legt sich eigentlich schnell, letztendlich ist das ein Mensch wie jeder andere auch“, so Brandes.

Um den Podcast zu realisieren, haben die jungen Ehrenamtlichen eine AG gegründet. Drei bis fünf Teammitglieder kümmern sich um die Recherche, stellen Anfragen und bereiten Fragenkataloge vor. „Inna und ich haben die Moderation übernommen, weil wir beide ganz gut harmonieren. Zu zweit fühlt man sich auch sicherer und kann sich die Bälle hin und her spielen.“ Auch gelegentliche Schmunzler baut Brandes ein, trotz – oder gerade wegen – des schweren Themas. Nach den jeweiligen Aufnahmen kümmern sich zwei Ehrenamtliche um den Schnitt, in Absprache mit Christian Ahlers, der den Podcast von hauptamtlicher Seite begleitet.

„Bei uns steht nicht die Tat im Mittelpunkt, sondern die betroffene Person und wie es danach weiterging“

Marvin Brandes

„Wir sind da aktuell sehr kosteneffizient unterwegs mit dem Podcast und dadurch, dass Inna und ich hier in Hamburg sind, haben wir keine Anfahrtskosten, können  vieles vor Ort regeln und nutzen unsere Kontakte, zum Beispiel für kostenfreie Studioaufnahmen.“ Als Nächstes soll der Podcast ein Logo und ein Cover bekommen. Für die  Webseite haben die Jungen Mitarbeitenden erste Ideen beim Dialogforum in Göttingen gesammelt. „Das ist ein richtiges Team-Projekt von den Jungen Mitarbeitenden mit Unterstützung aus dem Hauptamt“, freut sich Brandes.

Dahin gehen, wo die Jungen sind

Wer Brandes zuhört, merkt, dass er sich fürs Helfen begeistern kann und Freude am Gespräch mit Menschen mitbringt. Es ist ihm wichtig, seine Erfahrungen zu teilen  und Tipps zu geben, wie man die junge Zielgruppe erreichen kann: „Es ist nach wie vor das persönliche Vorstellen an Unis oder Schulen. Auch mehr mit Influencern  zusammenzuarbeiten, kann ich mir vorstellen.“ Und das, obwohl er selbst kaum soziale Medien nutze. Brandes ist sicher, dass das Engagement beim WEISSEN RING  besonders jungen Ehrenamtlichen etwas zurückgeben kann. „Die Hilfe, die wir geben, ist groß, auch wenn es vielleicht nicht immer materielle Hilfe ist. Das wird mir oft  von den Betroffenen gespiegelt. Das Zwischenmenschliche, das Zuhören, die Gespräche – einfach ein Gefühl der Sicherheit geben: ‚Du bist nicht allein, wir sind da.‘ Das  ist unsere größte Stärke, und das ist sicherlich auch für Neue attraktiv.“

Es braucht Vielfalt in der Opferhilfe

Erstellt am: Montag, 29. September 2025 von Sabine

Es braucht Vielfalt in der Opferhilfe

Paulina Haug unterstützt den WEISSEN RING seit 2022 als Opferberaterin in Konstanz

Paulina Haug

Paulina Haug engagiert sich seit 2022 ehrenamtlich beim WEISSEN RING. Sie begleitet Opfer zu Vernehmungen und Gerichtsterminen. Als Landesjugendbeauftragte organisiert sie Treffen und Projekte der Jungen Gruppe in Baden- Württemberg. Ein besonderer Schwerpunkt liegt hierbei auf den Bereichen Aufklärung und Prävention.

Wie bist Du zum WEISSEN RING gekommen?

Mein Interesse an der Arbeit des Vereins entstand mit dem Beginn meines Jurastudiums. Ich habe schnell festgestellt, dass es im Rahmen der Strafverfolgung hauptsächlich um den Täter geht. Das Opfer bleibt meistens sich selbst überlassen. Es ist nicht einfach, sich mit den ganzen Rechtsnormen und dem Ablauf eines Strafverfahrens zu beschäftigen. Aber genau das ist es, was von Opfern erwartet wird, wenn sie ihre Rechte geltend machen wollen. Ich empfand diesen Zustand als ungerecht und wollte etwas dagegen unternehmen. So bin ich auf den WEISSEN RING gestoßen. Seit Frühjahr 2022 unterstütze ich als Opferberaterin die Außenstelle Konstanz. Außerdem bin ich aktuell eine der Landesjugendbeauftragten in Baden-Württemberg.

Warum ist der Verein auch für junge Menschen interessant?

Er gibt ihnen die Chance, sich in einem etablierten, bundesweit vernetzten Hilfssystem zu engagieren. Man wird nicht nur als Opferhelferin gebraucht, sondern kann auch eigene Perspektiven in die Präventions- oder Öffentlichkeitsarbeit einbringen. Der Verein bietet eine strukturierte Ausbildung, professionelle Begleitung und echte Wertschätzung für das Engagement. Es ist wichtig, dass sich auch junge Menschen beteiligen, weil Vielfalt bei der Opferhilfe essenziell ist. Insbesondere jüngere Opfer fühlen sich eher verstanden, wenn sie auf junge Mitarbeitende treffen.

Gibt es Fälle, die Dich besonders beschäftigt haben?

Ja, meistens sind das Fälle, die eine gewisse Nähe zu meinem eigenen Leben haben, beispielsweise wenn ich Studentinnen berate.

Wie würdest Du Deine Arbeit beim WEISSEN RING in drei Worten beschreiben?

Erfüllend, herausfordernd, nah am Menschen.

Was würdest Du Dir für Kriminalitätsopfer wünschen? Was muss sich aus Deiner Sicht verbessern?

Ich wünsche mir für Kriminalitätsopfer vor allem, dass sie gesehen, gehört und ernst genommen werden, ohne Schuldgefühle und ohne Scham. Sie sollen wissen, dass sie Halt in der Gesellschaft erfahren, nicht allein sind. Ich sehe hier vor allem bei Gerichtsverfahren Verbesserungsbedarf. Sie müssen opfergerechter werden. Außerdem sehe ich im digitalen Raum Nachholbedarf. Cybermobbing, digitale sexualisierte Gewalt und Hasskriminalität betreffen besonders junge Menschen, doch es fehlen oft spezialisierte Anlaufstellen.

Der kühle Kopf

Erstellt am: Montag, 29. September 2025 von Sabine

Der kühle Kopf

Als Fachanwalt für Strafrecht ist Hagen Karisch Opferanwalt, aber er vertritt auch Mörder und Betrüger. Diese gegensätzlichen Perspektiven helfen ihm bei seiner Arbeit für den WEISSEN RING.

Hagen Karisch - Der kühle Kopf

Hagen Karisch in Grimma. Der Familienvater wechselt zwischen Strafverteidiger und Opferbetreuer hin und her.

Für das Interview ist Hagen Karisch schnell aus Leipzig nach Grimma gekommen. Die 40 Kilometer lange Strecke schafft er in 30 Minuten. Nach dem Interview fährt er nach Leipzig zurück, denn dort hat er seine Anwaltskanzlei, die im Zentrum unweit vom Landgericht und der Staatsanwaltschaft liegt. Aber auch in Grimma hatte er Verhandlungen am Amtsgericht. Seit einiger Zeit befindet sich hier eine weitere Niederlassung seiner Kanzlei. Außerdem ist er seit Juli der neue Außenstellenleiter des WEISSEN RINGS im Landkreis Leipzig mit Grimma als bevölkerungsreichster Stadt.

Die Altstadt von Grimma ist sehr schön, sagt Karisch. Auf seinem Weg ins Büro kommt er immer am Marktplatz vorbei. „Nur abends ist hier tote Hose.“ Das ist in Leipzig natürlich anders. Dort hat er viele spektakuläre Fälle verhandelt, über die sogar verschiedene Medien berichtet haben. Er selbst kann sich nicht mehr an alle Details erinnern. In den 32 Jahren als Anwalt hat er einfach zu viele Fälle betreut.

Einen kühlen Kopf bewahren

Einer dieser spektakulären Fälle war der Messerangriff von Chemnitz im August 2018, bei dem ein 35-Jähriger getötet und zwei Menschen schwer verletzt wurden. Karisch vertrat eines der Opfer, das lebensbedrohliche Stichwunden erlitt. Einer der Täter, ein Syrer, wurde zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Der andere mutmaßliche Täter aus dem Irak ist weiter auf freiem Fuß und wird mit Haftbefehl gesucht. Der Fall sorgte auch deshalb lange für Aufsehen, weil es gewalttätige Demonstrationen von rechten Gruppen in der Stadt gab.

Als Opferanwalt musste Karisch trotz der explosiven Stimmung einen kühlen Kopf bewahren. Ihm ging es um die Aufklärung eines Verbrechens und nicht um Politik. Das Opfer, sein Mandant, sollte nicht beeinflusst oder instrumentalisiert werden.

Aus seiner langjährigen Erfahrung weiß er, dass die Opfer zu wenig repräsentiert sind und oft zu kurz kommen – für ihn ein Grund, sich neben seiner Arbeit beim WEISSEN RING zu engagieren. Auch in dem Chemnitzer Fall wurden die Aussagen des Opfers vor Gericht angezweifelt, was dem Betroffenen psychisch schwer zu schaffen machte.

Den Wunsch, Jura zu studieren, hatte Hagen Karisch bereits mit 18 Jahren, nach einem Praktikum am Bautzener Gericht. Danach stand für ihn fest, dass er mit diesem Beruf Menschen helfen kann und will.

„Ich kenne alle Seiten, und das hilft mir bei meiner Arbeit für den WEISSEN RING ungemein.“

Hagen Karisch

Von 1986 bis 1990 studierte er Rechtswissenschaft in Jena. Direkt nach der Wende gehörte er zu den ersten Studenten der ehemaligen DDR, die nach Bamberg gingen, wo die Sächsische Justiz sie neu ausbilden ließ. Dort machte er sein zweites Staatsexamen und blieb. „Das war eine tolle Zeit“, erinnert er sich, „ich bin mit dem Flugzeug ständig deutschlandweit unterwegs gewesen und hatte spannende Fälle.“

Auf seiner Kanzlei-Website sieht man einen Geigenspieler in einem Orchester. Darauf angesprochen, ob er selbst das Instrument spielt, sagt er lächelnd: „Nein, aber ich spiele die erste Geige.“ Im Jahr 1995 wird er von einer Leipziger Kanzlei abgeworben. „In Leipzig gab es zu der Zeit nur eine Handvoll Anwälte, die sich im Strafrecht auskannten“, sagt er. Durch seine Arbeit als Anwalt im Strafrecht kennt er den WEISSEN RING schon lange. Seit 2012 ist der 60-Jährige als Einzelanwalt selbstständig. So hat er auch schon einen Frauenmörder oder einen älteren Mann verteidigt, der zur Beihilfe wegen Drogenhandels verurteilt wurde und den die Presse „Drogen-Opa“ nannte. „Ich kenne alle Seiten, und das hilft mir bei meiner Arbeit für den WEISSEN RING ungemein“, sagt Karisch. Denn die meisten Fragen der Opfer beziehen sich auf das Strafverfahren, die Ermittlungsarbeit und die Opferrechte.

Im Oktober 2023 kam er als ehrenamtlicher Mitarbeiter zum Opferschutzverein. Nicht einmal zwei Jahre später ist Karisch Außenstellenleiter. Neben der umfangreichen Betreuung der Opfer sieht er seine Hauptaufgabe auch darin, den WEISSEN RING im Landkreis bekannter zu machen. Und dafür braucht es mehr Ehrenamtliche, denn im Moment ist er allein. „Interessenten können sich gern bei mir über die Website vom WEISSEN RING melden“, sagt er.

Ideen und Pläne für die Zukunft hat er: zum Beispiel eine Sprechstunde im Rathaus zweimal im Monat, Präventionskurse an Schulen zu Gefahren wie K.-o.-Tropfen oder in Altenheimen zum Thema Schock-Anrufe.

Bisher hat er etwa 20 Opferfälle betreut. Meist melden sich Frauen, die Opfer von Sexualstraftaten, Raub, Stalking oder Körperverletzung wurden. Manchmal geht es darum, Menschen wieder aufzurichten und ihnen Lebensmut zu geben, ein anderes Mal muss er mit Wut umgehen. „Ich glaube aber, dass ich das gut kann“, sagt Karisch, „ich mag es, Menschen zu führen und zu beraten.“

Aktuell betreut er ein vierjähriges Mädchen, das von seinem Vater sexuell missbraucht wurde. Die Mutter hatte sich Hilfe suchend im Landesbüro gemeldet und wurde an ihn vermittelt. „Ihre Tochter habe ihr erzählt, dass der Papa sie angefasst hätte“, erzählt Karisch. „Bei sexuellem Missbrauch geht es dann schnell darum, dass der Vater kein Umgangsrecht mehr hat, und schon sind wir im rechtlichen Bereich.“

Das vierjährige Mädchen, wurde von der Polizei vernommen. Es wurde eine Videovernehmung gemacht, damit das Kind nur einmal aussagen muss. Seine Arbeit geht jetzt über die für den WEISSEN RING hinaus, denn Karisch vertritt das Mädchen auch im Strafverfahren.

Er selbst hat eine 20-jährige Tochter, die Medizin in Magdeburg studiert. Seine Arbeit als Anwalt im Strafrecht hat ihn geprägt. „Ich weiß einfach, was alles passieren kann, und ich habe meiner Tochter zum Teil brutale Wahrheiten erzählt.“ Trotzdem kann ihn kein Opferfall so leicht aus der Ruhe bringen.

Die Visionärin

Erstellt am: Donnerstag, 25. September 2025 von Sabine

Die Visionärin

Noch gehört Lea Gärtner mit ihren 34 Jahren zu den Jungen Mitarbeitenden des WEISSEN RINGS, ist aber schon seit mehr als zehn Jahren im Verein aktiv und mittlerweile stellvertretende Landesvorsitzende in Hessen. Gärtner hat in der Zeit viel bewegt.

Lea Gärtner / Foto: Selina Stiegler

Lea Gärtner (34) in ihrem Haus in Offenbach. In ihrer Freizeit liest sie gerne, um mit den Gedanken in eine andere Welt zu tauchen.

Es ist einer dieser wechselhaften Sommertage. Noch scheint die Sonne durch die großen Fenster von Lea Gärtners Haus in Offenbach, bald werden jedoch dunkle Wolken aufziehen. Die Temperatur wird
drastisch fallen und literweise Wasser vom Himmel stürzen. Das strahlende Lächeln von Gärtner hingegen wird nicht verschwinden. Sie ist eine fröhliche Person.

Ihr erster Berufswunsch war Springreiterin. „Wie jedes Mädchen, das reitet“, sagt Lea Gärtner und lacht. Bei diesem Berufswunsch blieb es nicht, es kamen weitere hinzu: Ärztin, Anwältin … Heute hat die 34-Jährige einen Doktor in Politikwissenschaft und arbeitet im Bereich generative künstliche Intelligenz (KI). Dass sie einen eher wissenschaftlichen und technischen Weg einschlagen würde, war jedoch zunächst nicht zu erkennen.

„Als ich 14 Jahre alt war, fing ich an, in der Kanzlei meines Nachbarn zu jobben. Später, als es nicht mehr unseriös war, durfte ich sogar ans Telefon gehen“, sagt Gärtner. Lange ging sie diesen Weg weiter, wollte Anwältin werden, im ersten Jura-Semester kam dann aber die Erkenntnis: Es langweilte sie. Also studierte die Offenbacherin Politikwissenschaften.

Unergiebig war die Zeit in der Juristerei aber nicht, da sie dadurch zum WEISSEN RING kam. „Die Kanzlei war auf Familienrecht spezialisiert und da wird es schnell hässlich: Scheidung, Vorwürfe der häuslichen Gewalt und Sorgerechtsstreit. Rechtsanwälte können in ihrem Gebiet helfen, aber Betroffene haben viele Baustellen und da braucht es ebenfalls Leute, die helfen“, sagt Gärtner. Es gab nicht den einen Fall, dessentwegen sie beschloss, zum WEISSEN RING zu gehen. Es war die Masse an Fällen, bei denen sie sich dachte: „Es muss doch was passieren.“

Unvergessliche Fälle

Angefangen hat sie in der Opferbetreuung. Aus dieser Zeit sind ihr vor allem zwei Fälle in Erinnerung geblieben. „Es war zur Weihnachtszeit, wir waren knapp besetzt. Da kam eine Frau auf uns zu, die in der Vergangenheit sexualisierte Gewalt durch ihren Expartner erlebt hatte“, erzählt Gärtner. Nachdem Jahre vergangen waren, stand er wieder in ihrem Treppenhaus. Nicht weil er sie verfolgte, sondern weil er in die Wohnung über ihr zog. „Er konnte sich an die Tat nicht erinnern, es war wohl Alkohol im Spiel. Es gab kein Verfahren und wir hatten nichts gegen ihn in der Hand“, so Gärtner. Sie kontaktieren die Hausverwaltung. „Am Ende zog er nach einem Gespräch mit der Polizei freiwillig aus – das bestärkte mich darin, dass er wirklich nicht wusste, dass das, was er getan hat, sexualisierte
Gewalt war“, sagt Gärtner. Sie selbst habe es sehr ermutigt zu sehen, wie die Betroffene sich in der Zeit entwickelte, Erleichterung verspürte und ihr Leben weiterlebte.

Weniger glücklich denkt Gärtner an den zweiten Fall zurück. Es ging um sexualisierte Gewalt durch einen Zwölfjährigen an seiner fünfjährigen Schwester. Sie erlebte eine enorme Belastung zwischen dem Leid des Opfers, der Verzweiflung der Mutter und ihrer eigenen Hilflosigkeit. Die pragmatische Haltung des Kollegen half kurzfristig. „Ich konnte kurz durchatmen, und wir konnten auf der Sachebene helfen, aber nicht mehr tun. Da wird es niemals ein Happy End geben“, erinnert sich Gärtner, noch heute sichtlich berührt. Trotz Supervision und Gesprächen im Team betreute sie danach keine Fälle mehr, bei denen Kinder die Opfer waren.

„Für uns Junge Mitarbeitende ist das eine Herzensangelegenheit und ein superwichtiges Thema“

Lea Gärtner

Lea Gärtner ist nach mehr als zehn Jahren nicht mehr aus dem Verein wegzudenken. Sie engagiert sich in der Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit. Sie hält Vorträge an Schulen, gibt Medien Interviews und beteiligt sich auch an Social-Media-Formaten wie Instagram-Reels. Mittlerweile ist sie stellvertretende Landesvorsitzende in Hessen. In dieser Funktion bildet sie neue ehrenamtliche Mitarbeitende aus, außerdem ist sie Jugendbeauftragte und betreut die Jungen Mitarbeitenden.

Auch trifft man sie an Infoständen auf großen Veranstaltungen wie dem Christopher Street Day (CSD). Die jährlich stattfindende Demonstration kämpft für die Rechte von Homosexuellen, trans Personen
und queeren Menschen. „Für uns Junge Mitarbeitende ist das eine Herzensangelegenheit und ein superwichtiges Thema“, sagt Gärtner. Der WEISSE RING schreibe sich auf die Fahne, Opfern von Straftaten zu helfen, unabhängig von Religion, Hautfarbe, Geschlecht oder Orientierung. „Dadurch gehört für mich dazu, dass wir auf Menschen, die beispielsweise aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Opfer einer Straftat werden, anders eingehen“, sagt sie. Wird eine homosexuelle oder trans Person angegriffen, dann sei dies ein Angriff auf ihre Identität. „Der WEISSE RING sollte daher geschlechtergerechte Materialien anbieten, bei der Betreuung von Betroffenen auf die richtigen Pronomen achten, unabhängig von unserer persönlichen Meinung. Das ist unsere Aufgabe, und wer das nicht kann, sollte nicht helfen“, macht Lea Gärtner deutlich.

Ihre starken Meinungen und ihr damit einhergehendes Selbstbewusstsein kommen im Gespräch immer wieder durch. Sie muss nicht lange überlegen, um die richtigen Worte zu finden. Man merkt ihr an, wie viel Erfahrung sie im Opferschutz hat und wie lange sie den Werdegang des WEISSEN RINGS begleitet.

Kein Stehenbleiben

„Wir sollten uns als Verein weiterentwickeln, neue und junge Mitarbeitende gewinnen und dürfen nicht stehenbleiben“, fordert Gärtner. Sowohl auf politischer als auch auf technischer Ebene gelte es, eine Balance zu finden zwischen finanziellen Möglichkeiten und dem, was man Ehrenamtlichen an Veränderungen zumuten könne. „Das ist ein spannendes Feld, in dem sich viel bewegen wird“, sagt Gärtner. Ab 35 Jahren darf sie die Jungen Mitarbeitenden nicht mehr betreuen. „Was mich aber weiter im Verein halten wird, ist sowohl die inhaltliche Arbeit als auch die Möglichkeit, mich dort weiterzuentwickeln“, sagt Gärtner. So werde es nie langweilig. Sie blickt positiv in die Vereinszukunft, mit vielen neuen Mitarbeitern. Ihr Ziel: Neue Antworten auf alte Fragen zu finden, um Opfern weiterhin effektiv helfen zu können.