Nichtstun ist schlimmer

Erstellt am: Dienstag, 23. September 2025 von Sabine

Nichtstun ist schlimmer

Seine Karriere bis an die Spitze der Bremer Polizei sei ihm „eher so passiert“, sagt Jürgen Osmers. Umso strategischer plante er seinen Ruhestand – und kam so zum WEISSEN RING.

Jürgen Osmers

Jürgen Osmers im Bürgerpark Bremen. Der 64-jährige pensionierte Polizist kam erst zur Rente zum WEISSEN RING.

„Komm“, sagt er, „wir gehen ein Stück.“ Bürgerpark Bremen, Jürgen Osmers läuft los: in der Hand den Drogeriemarkt-Regenschirm, wir sind hier in Norddeutschland, auf dem Kopf die Werder-Kappe, wir sind in Bremen. Auf den Bürgerparkwegen gehen lächelnde Menschen mit angeleinten Alpakas spazieren, etwas später kommt uns eine Gruppe mit Eseln entgegen. Osmers wohnt hier ganz in der Nähe, im Park geht er joggen, und manchmal dreht er abends noch eine Extrarunde, jetzt lächelt er auch: „Ich muss ja gucken, ob alle Tiere wieder an ihrem Platz sind.“ Er nimmt Kurs auf ein kleines Gehege in der Parkmitte, neben Alpakas und Eseln leben dort Ziegen, Schafe und Bentheimer Schweine.

Osmers, ein drahtiger Mann von 64 Jahren, ist immer in Bewegung. Laufen, Schwimmen, Inlineskaten, früher außerdem Turmspringen und Squash. Vielleicht ist er auch deshalb zur Polizei gekommen damals, ganz genau weiß er es nicht, geplant hatte er nichts. „Das ist mir eher alles so passiert“, sagt er, er meint das Leben und die Karriere. Eigentlich habe er „etwas Kaufmännisches“ machen wollen, wie man das eben so macht in der alten Kaufmannsstadt Bremen. Aber dann seien die Kaufmannslehrstellen knapp gewesen, die Polizei bot Abwechslung und Sport und die Möglichkeit, mit der Ausbildung den anstehenden Wehrdienst gleich mit zu erledigen. So kam Jürgen Osmers zur Polizei, genauer: in den Streifendienst nach Osterholz-Tenever. Hochhaussiedlung, sozialer Brennpunkt, oder wie Osmers es nennt: „Klein-Manhattan“.

Er lernte, dass er mit Sprache und Zugewandtheit Menschen erreichen kann

Er verlangsamt den Schritt, wird kurz nachdenklich. „Man taucht ins pralle Leben ab“, erinnert er sich an seine Einsätze dort. Drogenmissbrauch, häusliche Gewalt, überhaupt die Gewalt. Er lernte, dass er mit Sprache und Zugewandtheit Menschen erreichen kann. Und dass nach einem Verbrechen, wenn die Polizei den Fall zu den Akten gelegt hat, für die betroffenen Menschen trotzdem eine Lücke bleibt. An den WEISSEN RING dachte er damals noch nicht.

Das Leben passierte ihm weiter. Spezialeinsatzkommando. Studium. Gehobener Dienst. Kriminalpolizei. Höherer Dienst. Osmers zog die Uniform aus, übernahm Leitungsposten. Staatsschutz. Ausbildung beim FBI in Quantico, USA. Organisierte Drogenkriminalität. Landeskriminalamt (LKA), am Ende war er dessen Chef. „Es klingt platt“, sagt er, „aber: Das war, trotz vieler Belastungen und auch vieler unschöner Erfahrungen, in der Summe total interessant, befriedigend und bereichernd. 43 Jahre lang.“

2022 stand der Pensionseintritt an, und so ungeplant ihm das Berufsleben passiert ist, so planvoll ging er den Ruhestand an, sozusagen mit Polizeimethoden. Er ermittelte, recherchierte. Surfte im Internet, las Broschüren. Er ging zu Veranstaltungen, sprach mit Menschen. So kam er zum WEISSEN RING, Landesverband Bremen. 60 Ehrenamtliche, darunter zwei aus dem Polizeidienst, Osmers nun als einer der beiden.

Das Leben passierte ihm weiter. Spezialeinsatzkommando. Studium. Gehobener Dienst

Als Jürgen Osmers sein Ehrenamt plante, wandte er auch das Ausschlussprinzip an. Ein Vorstandsamt wollte er erst mal nicht, Verantwortung hatte er lange genug getragen. In die Betreuung der Opfer wollte er auch nicht unbedingt, solche Gespräche hatte der Familienvater zu häufig geführt. „Da nimmt man so einiges Belastendes mit nach Hause“, erinnert er sich.

Der Bremer Landesvorsitzende, Hans-Jürgen Zacharias, schlug ihm die Öffentlichkeitsarbeit vor. Medienarbeit, Journalistengespräche, das kannte er ja als LKA-Chef. Und die Idee, gleich die komplette  Bandbreite des WEISSEN RINGS vertreten zu sollen, reizte ihn.

„Es klingt platt, aber: Das war, trotz vieler Belastungen und auch vieler unschöner Erfahrungen, in der Summe total interessant, befriedigend und bereichernd. 43 Jahre lang.“

Jürgen Osmers

Hier in der Turnhalle ist man beim „Du“, für Bedrohungssituationen empfiehlt er das „Sie“

„Guten Morgen!“ Zwei Wochen später steht Osmers an einem Wochenende in einer Sporthalle an der Weser, von hier sind es nur wenige Gehminuten zum gewaltigen U-Boot-Bunker „Valentin“ im Bremer Norden. Osmers trägt seine Ruhestands-Uniform: ein weißes Poloshirt mit dem blauen Aufdruck „WEISSER RING“. Vor ihm sitzen 25 Seniorinnen und Senioren auf Turnbänken, sie wollen heute Selbstbehauptung lernen. Osmers setzt sich in Bewegung, er steuert auf Jörg zu, einen Schauspieler und Trainer, bedrängt ihn, rempelt ihn an, berührt ihn. Jetzt mal alle, wie wehrt ihr euch da?

Die Teilnehmer rauschen und drängen durcheinander. „Ich sage Nein!“, ruft jemand. „Stopp!“, empfiehlt ein anderer. „Fassen Sie mich nicht an!“, schlägt eine Dritte vor.

Osmers gibt Tipps. „Sprecht die bedrohte Person an“, rät er. „Brauchen Sie Hilfe?“ Hier in der Turnhalle ist man beim „Du“, für Bedrohungssituationen empfiehlt er das „Sie“. „So erkennen Außenstehende, man ist sich fremd“, sagt er. Es ist das dritte Selbstbehauptungsseminar des WEISSEN RINGS in Bremen, die Warteliste ist lang. Zum zweiten hatte Osmers Radio Bremen eingeladen, der Beitrag lief vor Kurzem im Fernsehen.

„Öffentlichkeitsarbeit ist das Vehikel für die eigentliche Arbeit: für die Opferhilfe“, sagt er. „Die Opferhelfer stehen ja aus gutem Grund nicht in der Öffentlichkeit.“ Er sieht es als seinen Job an, den WEISSEN RING sichtbar zu halten, ebenso die Kriminalitätsopfer. „Es ist eine wichtige Funktion, völlig unabhängig den Betroffenen eine Stimme zu geben. Das macht keine Partei.“

Workshop Selbstbehauptungskurs

In einer Turnhalle gibt Jürgen Osmers einen Workshop und zeigt den Teilnehmenden, was sie gegen Belästigung in der Bahn oder im Zug machen können.

In der Turnhalle stehen zehn Stühle, dazwischen ein schmaler Gang. „Unsere Straßenbahn“, sagt Osmers. „Wer macht mit?“ Zögern bei den Teilnehmern. „Für so wenige Leute fährt die Bahn nicht…“ Beate, eine Kollegin vom WEISSEN RING, setzt sich. Jörg fläzt sich neben sie, streicht ihr durchs Haar. Jetzt wieder alle, was kann sie tun, was können andere Fahrgäste tun? „Fassen Sie mich nicht an!“ Leute  direkt ansprechen, mahnt Osmers, die Stimme einsetzen, „dann weiß der ganze Zug: Da braucht jemand Hilfe!“

„Viele haben Angst, etwas Falsches zu tun. Aber Nichtstun, das ist schlimm.“ Es klingt ein bisschen doppelsinnig, wenn er das sagt.

Ihm sei immer klar gewesen, dass sein Ruhestand kein ruhiger werden würde, sagte er vorher beim Gang durch den Bürgerpark. Geschickt greift Osmers die politischen Vereinsthemen auf und übersetzt sie für Bremen: Er tritt im regionalen Fernsehen auf und spricht mit dem „Weser-Kurier“, der Zeitung vor Ort: über die elektronische Fußfessel als Schutz für Frauen vor gewalttätigen Partnern, über die Belastungen durch True-Crime-Filme für Opferangehörige.

Im Bürgerpark ziehen dunkle Wolken auf. Osmers lässt den Schirm zu und steuert die nahe „Meierei“ an, dort gibt es ein Dach und eine gute Marzipantorte. Er ist zufrieden mit seinem Ruhestandsleben
als Medienmann des WEISSEN RINGS in Bremen. „Damals musste ich immer bei kritischen Themen Rede und Antwort stehen“, sagt der ehemalige LKA-Chef. Er lächelt: „Jetzt darf ich eine richtig gute Sache verkaufen.“

„Ich war wie in einer Schockstarre“

Erstellt am: Dienstag, 1. Juli 2025 von Gregor

„Ich war wie in einer Schockstarre“

In Ludwigshafen tötete ein psychisch kranker Geflüchteter 2022 zwei Männer und verletzte einen weiteren Mann schwer. Nach der Tat wurde seine frühere Partnerin so massiv angefeindet, dass sie mehrfach umziehen musste. Das WEISSER RING Magazin hat die Frau zum Gespräch getroffen.

Foto: NÓI CREW

Eines sei ihr besonders wichtig, hat Ayana Ibrahimi (Name geändert) vor dem Treffen betont: Ihr neuer Wohnort dürfe auf keinen Fall bekannt werden. Das Gespräch findet in einem weitläufigen Park statt, an einem sonnigen Tag, an dem viele Menschen unterwegs sind. Ibrahimi ist pünktlich, nimmt auf einer Bank Platz. Während sie die Fragen beantwortet, schaut Ibrahimi oft kurz auf die Leute, die vorbeigehen.

Wie geht es Ihnen heute?

Mir geht es so weit gut. Ich lebe nicht mehr in der „Gefahrenzone“, sondern in einer anderen Stadt. Ich fühle mich hier sicherer, habe aber noch mit dem Trauma zu kämpfen. Das zeigt sich zum Beispiel, wenn ich jemanden sehe, der nicht bei Sinnen ist, vielleicht Drogen genommen hat und unberechenbar wirkt. Dann denke ich, jetzt kann alles passieren, und bekomme manchmal Panikattacken. In Ludwigshafen hat mich alles an die Tat erinnert, die Straßen, die Wohnung, der Tatort. Das hat mich aufgewühlt und mir Angst gemacht. Ich habe fünf Jahre in Ludwigshafen gelebt und die Stadt und viele Menschen gemocht. Doch schon kurz nach dem Attentat wusste ich, dass wir wegmüssen. Es ging um unsere Sicherheit. Für meine Kinder war es besonders schlimm. Sie wurden entwurzelt, haben geweint und in der neuen Umgebung lange gebraucht, um sich einzugliedern und Vertrauenspersonen zu finden. Sie mussten für etwas bezahlen, das sie nicht getan hatten.

Ihr früherer Partner hat in der Nähe Ihrer Wohnung im Stadtteil Oggersheim zwei Handwerker mit einem Messer getötet, einem der Männer den Arm abgetrennt und auf Ihren Balkon geworfen. Danach wurden Sie angefeindet. Welche Erfahrungen haben Sie in dieser Zeit gemacht?

Ich habe Trauer und Leere gefühlt. Und Wut auf mich. Nachbarn sagten nicht mehr „Hallo“, guckten weg, wenn sie mich sahen. Wahrscheinlich, weil sie die Tat mit mir verbunden und mir eine Mitschuld gegeben haben.

Psychisch kranke und Gewalt

Psyche & Gewalt

Sind psychisch kranke Menschen gefährlicher als andere? Das WEISSER RING Magazin hat nach Antworten gesucht.

Ibrahimi weint und bittet um Verzeihung: Sie sei nah am Wasser gebaut. Die Frau, die vor einigen Jahren aus Afrika flüchtete, möchte die Ereignisse aus ihrer Perspektive schildern, auch weil dies bislang zu kurz gekommen sei, ringt aber nach wie vor mit dem, was passiert ist.

Als ich in einer Statusmeldung auf meinem Handy mit der Farbe Schwarz zum Ausdruck bringen wollte, dass ich auch traurig bin, Anteil nehme und an die Hinterbliebenen denke, antwortete mir eine Bekannte, ich könne mir das sonst wo hinstecken. Und das war noch harmlos. Andere sagten, ich müsse mit Racheaktionen rechnen, auch von Rechtsextremen, und damit, dass jemand in unsere Wohnung einsteigt. Irgendwann hatte ich panische Angst.

Auch aus dem Umfeld der Opfer soll es Kritik an Ihnen gegeben haben. Und im Netz wurde gegen Sie gehetzt.

Wenn Angehörige Vorwürfe machen, nehme ich es ihnen nicht übel. Der Verlust, den sie haben … Das tut mir unheimlich leid. Als Mutter kann ich mir vorstellen, wie groß ihre Trauer ist. Ich habe in den Monaten vor den Morden aber mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass der Täter gefährlich ist. Vieles, was online über mich geschrieben wurde, habe ich aus Selbstschutz nicht gelesen. Eigentlich hätte ich damals mentale Unterstützung gebraucht. Ich war wie in einer Schockstarre und wollte mit jemandem darüber sprechen. Aber kaum jemand wollte etwas mit mir zu tun haben. Bis auf ein, zwei Freunde, die zu mir hielten.

Foto: NÓI CREW

Zu Ihrer Lage beigetragen hat die Berichterstattung. Zum einen war in Beiträgen die auf Ihrem Wohnhaus stehende Adresse zu sehen und ihr Name nicht richtig anonymisiert. Zum anderen konnte man den Eindruck gewinnen, Sie seien auch schuld an der Tat. Es hieß unter anderem, Sie hätten dem Attentäter den Zugang zu Ihrer Wohnung und den Umgang mit den Kindern verwehrt. Wie sind die Medien mit Ihnen umgegangen?

Einige Inhalte waren falsch, andere Halbwahrheiten. Damit wurde ein falsches Bild erzeugt. Wir waren getrennt – und er ist nicht der Vater meiner Kinder. Wenige Stunden nach der Tat waren Kameras vor meinem Fenster und in der Umgebung, Fotografen versteckten sich im Gebüsch. Bis heute triggert es mich, wenn jemand eine Handykamera in meine Richtung hält. Ich denke dann: Ist das jemand von der Presse, der mich erkannt hat? Reporter befragten Nachbarn und klopften immer wieder an meine Tür. Sie fragten nach einem Interview, obwohl ich total fertig war. Ich fühlte mich verfolgt, konnte nicht raus.

Haben Sie damals darüber nachgedacht, Kontakt zu den Medien aufzunehmen oder sogar gegen Inhalte vorzugehen?

Nein. Dazu hätte ich auch nicht genug Kraft und Geld gehabt. Außerdem stand für mich die Angst davor, dass uns jemand angreifen könnte, im Vordergrund. Ich wünsche mir, dass Medien in solchen Fällen die Privatsphäre respektieren und nichts Falsches berichten. Dass sie nicht so auf die schnellste und „beste“ Schlagzeile aus sind, sondern menschlich handeln und einen nicht unter Druck setzen.

Wie sind Sie aus der Situation herausgekommen?

Am zweiten Tag nach der Tat habe ich die Polizei angerufen und gesagt, ich kann hier nicht mehr bleiben. Auf dem Balkon waren noch Blutflecken. Die Polizei versuchte, mich zu beruhigen: Die Gefahr sei vorbei, er sei nicht mehr da. Als ich klarmachte, weshalb ich wegmuss, stellten sie den Kontakt zum WEISSEN RING her. Dieser half mir erst, ein Hotel in der Nähe zu finden. Dort hatte ich auch nicht genug Abstand. Dann bekam ich Unterstützung beim Umzug.

Laut der Kriminologin und Rechtswissenschaftlerin Britta Bannenberg, die an der Universität Gießen zu Amok, Terror und Tötungsdelikten forscht, sind vor solchen Taten oft Warnsignale zu erkennen. Wie war das in diesem Fall?

Es gab Polizeieinsätze und Signale, die Fachleute hätten sehen müssen. Ich habe darauf hingewiesen, dass er eine Gefahr ist, doch er wurde nicht in die Psychiatrie zwangseingewiesen und behandelt. Er konnte aggressiv werden, hatte Wahnvorstellungen und trug häufig ein Messer bei sich. Ich dachte, dass er auf mich fixiert ist, wusste nicht, dass er anderen etwas antun würde. Die Polizei, die ich gerufen habe, hat mir zugehört und auch gehandelt, aber teilweise gesagt, ihre Möglichkeiten seien aus gesetzlichen Gründen begrenzt. Wobei ich den Beamten keine Vorwürfe machen möchte. Sie haben mich ernstgenommen und aufgefordert, mich zu melden, wenn ich ihn wiedersehe. Einige Wochen vor der Tat habe ich nach einem langen Hin und Her entschieden, Schluss zu machen, um mich und meine Kinder zu schützen. Als ich merkte, dass er einen Kontaktabbruch nicht akzeptiert, habe ich weiter mit ihm kommuniziert und mich mit ihm getroffen. Ich wollte das aber auf keinen Fall in der Wohnung machen, weil ich dachte, hier ist die Gefahr für uns am größten. In den Jahren davor habe ich immer wieder versucht, ihn dazu zu bringen, sich psychiatrisch behandeln zu lassen. Aber er hat das verweigert.

Eines der Alarmzeichen kam eine Woche vor dem Attentat. Wie im Prozess berichtet wurde, hatten Sie eine Bedrohungslage gemeldet, aus Angst, Ihr Ex-Partner könnte Sie töten. Sie erzählten demnach auch von den Wahnvorstellungen. Der Kommunale Vollzugsdienst schritt ein, woraufhin der Mann psychiatrisch begutachtet wurde. Die erste Ärztin äußerte einen Verdacht auf eine Psychose, doch die zuständige Klinik kam zu einer anderen Einschätzung und ließ ihn schließlich gehen.

Das verstehe ich nicht. Man hätte ihn sich länger anschauen müssen. Wenige Tage vor der Tat war er in meine Wohnung eingedrungen und hatte einen Schlüssel mitgenommen. Kurze Zeit später trafen wir uns in der Nähe, weil er ihn mir wiedergeben wollte. Er wollte dann eine Aussprache, aber ich nicht. Wir stritten, er lief mir hinterher und wurde lauter, aggressiver. Ich rief die Polizei. Er wurde schließlich fixiert.

 

"Es geht nicht darum, die Erkrankten zu bestrafen, sondern ihnen zu helfen und andere zu schützen. Vielleicht müssen dafür Gesetze geändert werden."

Ayana Ibrahimi (Name geändert)
Weil er Sie schlug und würgte, war der Attentäter schon vorher verurteilt worden und musste für drei Monate in Haft.

Ja, das war nach einem weiteren Fall von Gewalt. Ich glaube, im Gefängnis ist seine Schizophrenie schlimmer geworden. Er fühlte sich und uns verfolgt, auch vom deutschen Staat. Er erzählte, im Gefängnis sei er mit Schlafentzug und Ungeziefer, das nachts rausgelassen worden sei, gefoltert worden. Nach der Entlassung hatte er abends Schübe, redete wirres Zeug, was ich manchmal auf Video dokumentiert habe. Ich denke, psychisch war er familiär vorbelastet. Die Krankheit wurde bereits in Somalia nicht therapiert. Das geschieht dort selten, statt auf medizinische wird meistens auf „spirituelle“ Behandlung gesetzt, die nichts bringt.

Was muss Ihrer Ansicht nach geschehen, damit solche Taten eher verhindert werden können? Wenn Menschen psychisch krank und gefährlich sind, ist schnelles Handeln gefragt.

Das Thema wird noch nicht ernst genug genommen. Es wäre gut, wenn Polizei, Psychiatrie und andere Stellen in solchen Fällen mehr kooperieren würden. Und wenn Ärzte noch genauer, länger hinschauen würden, damit Leute, bei denen es notwendig ist, zwangseingewiesen werden können. Freiheit ist wichtig, aber sie hört dort auf, wo andere geschädigt werden können. Es geht nicht darum, die Erkrankten zu bestrafen, sondern ihnen zu helfen und andere zu schützen. Vielleicht müssen dafür Gesetze geändert werden.

Das Attentat

Am 18. Oktober 2022 erstach Liban M. in Ludwigshafen-Oggersheim zwei Handwerker. Einem von ihnen trennte er den Arm ab und warf ihn auf den Balkon seiner Ex-Partnerin. Kurze Zeit später wählte diese den Notruf. In den Tagen zuvor habe er ein „Geschenk“ auf dem Balkon angekündigt, doch sie habe nicht mit einer solchen Tat gerechnet, sagte sie aus. Nachdem er die Maler getötet hatte, verletzte M. in einem Markt einen weiteren Mann lebensgefährlich. Polizisten schossen ihn nieder. Dem forensischen Gutachter sagte er später, er habe bewusst deutsche Männer angegriffen und sei überzeugt gewesen, sie wollten „seiner Familie“ etwas antun. Im Mai 2023 sprach das Landgericht Frankenthal den Somalier frei, weil er zur Tatzeit wegen einer paranoiden Schizophrenie schuldunfähig war. Er wurde im Maßregelvollzug untergebracht und ist offenbar weiter gefährlich. Anfang Februar soll er einen Mitpatienten mit einem Messer angegriffen haben.

Dass neben direkt Betroffenen auch die Ex-Partnerin des Täters Geld von einem Spendenkonto erhielt, das die Stadt eingerichtet hatte, sorgte für Kritik. Die Stadt begründete die Entscheidung damit, dass die Frau ebenfalls Opfer sei. Der WEISSE RING unterstützte diese Haltung. Letzten Endes bestand ein Drittel der Spender auf einer Neuverteilung, sodass die Hinterbliebenen 640 Euro zusätzlich erhielten.

Haben Sie eine Therapie gemacht, um das Erlebte besser verarbeiten zu können?

Nein. Ich habe gesucht, doch es war schwierig, die richtige Therapie zu finden. Gespräche in der Gruppe kamen für mich nicht infrage. Später habe ich nicht mehr nachgefragt, sondern pflanzliche Medikamente genommen und versucht, die Ängste, die in Schüben kamen, selbst in den Griff zu kriegen. Was wünschen Sie sich für die Zukunft, und was gibt Ihnen Kraft? Meine Kinder. Und das Wissen, dass man das, was passiert ist, nicht ändern kann. Vergessen werden wir es nicht, aber wir können versuchen, so gut wie möglich damit umzugehen. Ich hoffe, dass ich bald wieder in meinem Beruf arbeiten kann und meine Kinder ihren Weg gehen.

Transparenzhinweis:
Der WEISSE RING hat die frühere Partnerin des Täters unterstützt, unter anderem mit Geld für den Umzug und den Rechtsbeistand.

„Zu sehen, wie unsere Tochter läuft, spielt und lacht, hilft uns“

Erstellt am: Samstag, 21. Juni 2025 von Gregor

„Zu sehen, wie unsere Tochter läuft, spielt und lacht, hilft uns“

Der Vater des Kleinkindes, das bei der Messerattacke von Aschaffenburg schwer verletzt wurde, spricht im Exklusiv-Interview mit dem WEISSER RING Magazin über die schwere Zeit nach der Tat, die Debatte darüber und Lichtblicke, die ihm Zuversicht geben.

Messerattacke von Aschaffenburg: Menschen haben am Tatort Kuscheltiere und Blumen hingelegt.

Messerattacke von Aschaffenburg: Dutzende Kuscheltiere wurden zum Gedenken an die Opfer am Tatort niedergelegt.

Das zweijährige Mädchen saß in einem Bollerwagen im Aschaffenburger Park Schöntal, als der Angreifer, ein Geflüchteter aus Afghanistan, kam. Es überlebte schwerverletzt. Ein zweijähriger Junge und ein 41-jähriger Mann, der helfend eingeschritten war, wurden getötet. Vier Monate nach der Tat hat sich der Vater des Mädchens, der 2013 aus Syrien nach Deutschland flüchtete, zu einem Interview bereiterklärt. Er antwortet ruhig und reflektiert, ohne Wut.

Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie heute, fast vier Monate nach dem Attentat von Aschaffenburg?

Was passiert ist, kommt immer wieder hoch. Als wir an dem Tag erfahren hatten, dass unsere Tochter attackiert wurde, war das ein Schock. Wir haben nur noch an sie gedacht und eine unfassbare Angst gehabt. Zu erfahren, dass sie überlebt, war eine riesige Erleichterung. Ich bin psychisch relativ stabil, während es meiner Frau nicht so gut geht. Sie ist schwanger und macht sich Sorgen. Es geht emotional hoch und runter, aber wir werden medizinisch und psychologisch sehr gut betreut.

Wie geht es der Kleinen?

Kinder können solche Ereignisse manchmal schneller verarbeiten als Erwachsene. Unsere Tochter hatte am Anfang Angst und konnte nicht schlafen. Jetzt ist sie manchmal etwas zornig, was mit dem Angriff zusammenhängen könnte. Aber insgesamt geht es ihr gut, auch körperlich ist sie fit. Sie hat Energie, spielt wieder, auch mit anderen Kindern, und geht in die Krippe, allerdings in eine andere, damit sie weniger an die Tat erinnert wird. Bei dem Wechsel hat uns Oberbürgermeister Jürgen Herzing geholfen. Wir gehen alle regelmäßig zur Therapie in die Trauma-Ambulanz, was uns hilft.

Was gibt Ihnen Kraft?

Es hilft uns, unsere Tochter anzuschauen. Zu sehen, wie sie läuft, wie sie spielt, wie sie lacht. Sie ist ein sehr aufgewecktes, lebhaftes Mädchen. Ich bin häufiger zu Hause und für meine Frau da. Um zu entspannen, gehen wir zum Beispiel spazieren, in der Stadt oder im Wald. Uns hilft auch die große Solidarität, die wir nach wie vor erleben. Nachbarn, Freunde, Bekannte und viele andere Menschen helfen uns. Sehr viele Leute sind nach der Tat zum stillen Gedenken gekommen, haben gespendet und viel Mitgefühl gezeigt. Wir fühlen uns sehr gut aufgehoben.

Wie versuchen Sie, mit dem Ereignis umzugehen?

Im Leben passiert viel Schönes, aber auch Schreckliches. Wir versuchen, nach vorne zu schauen, und sagen uns: Wenn wir nichts machen, uns zu Hause einsperren würden und Angst hätten, hätte der Täter gewonnen.

Den Kontakt zum Vater hat Rainer Buss, Vize-Leiter der Außenstelle des WEISSEN RINGS in Aschaffenburg, hergestellt. Er unterstützt die Familie seit der Tat und hat für das Gespräch sein Arbeitszimmer zur Verfügung gestellt.

Ein 41-Jähriger hat sich dem Täter entgegengestellt und wurde ermordet. Was denken Sie über ihn?

Er ist immer in meinem Kopf. Der Mann kannte die Kinder nicht und hat trotzdem mutig eingegriffen und sie geschützt. Auch an den zweijährigen Jungen, der ermordet wurde, denke ich. Wenn ich meine Tochter in die Krippe gebracht oder dort abgeholt habe, habe ich ihn oft gesehen. Es tut mir sehr leid für alle Angehörigen. Für das, was sie durchmachen, gibt es keine Worte.

Schon kurz nach der Tat haben vor allem rechte Akteure und Parteien versucht, die Tat für ihre Zwecke zu benutzen und Ressentiments gegen Geflüchtete geschürt. Die AfD und ihr faschistischer Landeschef aus Thüringen, Björn Höcke, riefen zu einem Gedenken in Aschaffenburg auf. Was halten Sie davon?

Das war schrecklich. Ich bin in der Zeit im Krankenhaus geblieben und habe am Bett meiner Tochter um sie gebangt. Alles andere hat mich nicht interessiert, aber ich habe die Debatte mitbekommen. Dass Leute wie Höcke versuchen würden, die Tat auszunutzen, ihr „Geschäft“ damit zu machen, war zu erwarten. Es ist ganz einfach: Selbstverständlich gibt es Menschen unter Geflüchteten, die Gutes tun, und solche, die Schlechtes tun, genauso wie zum Beispiel unter Deutschen oder Afrikanern. Tragisch ist: Wir sind vor dem Krieg nach Deutschland geflüchtet, und dann werden wir hier Opfer einer grausamen Attacke. Doch so ein Verbrechen hätte uns auch woanders treffen können.

Kritiker sagen, die Tat hätte verhindert werden können. Der Attentäter war vorher schon oft auffällig und gewalttätig geworden.

Man ärgert sich natürlich darüber, auch weil der Täter als gefährlich bekannt war und Deutschland eigentlich hätte verlassen sollen. Aber es ist nicht mehr zu ändern. Ich hoffe, dass der Angreifer nicht mehr freikommt.

„Die Stadt ist meine Heimat. Klein, aber fein, man kennt sich. Wir haben hier schnell Leute kennengelernt, unser Freundes und Bekanntenkreis ist groß.“

Vater des angegriffenen Mädchens
Messerattacke von Aschaffenburg: Der Park Schöntal liegt mitten in Aschaffenburg. Nach dem Messerangriff entstand am Tatort eine provisorische Gedenkstätte.

Der Park Schöntal liegt mitten in Aschaffenburg. Nach dem Messerangriff entstand am Tatort eine provisorische Gedenkstätte.

Wurde Ihre Familie nach der Messerattacke immer gut unterstützt? Oder gab es auch Fehler oder Versäumnisse?

Nein, wir haben keine schlechten Erfahrungen gemacht. Von der Polizei über die Ärzte, den Oberbürgermeister bis zum WEISSEN RING – alle haben sich sehr gut um uns gekümmert. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Ministerpräsident Markus Söder haben uns Briefe geschrieben. Wir können nur Danke sagen.

Sie haben Ihre eigene Fluchtgeschichte bereits angesprochen. Weshalb und wie sind Sie nach Deutschland gekommen?

Nachdem ich angefangen hatte, Literatur zu studieren, wurde die Lage in Syrien immer schlimmer. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Krieg und Armee oder Flucht. Ich war ein Jahr unterwegs, bin über die Türkei, Griechenland und Italien geflüchtet. Es war eine schwierige Zeit. In Deutschland, wo ich Ende 2013 ankam, habe ich erst in Baden-Württemberg gelebt und bin vor acht Jahren nach Aschaffenburg gezogen. Ich habe die Sprache gelernt, eine Ausbildung gemacht und schon in verschiedenen Berufen gearbeitet, unter anderem als Dolmetscher für das Landratsamt. Mittlerweile habe ich die deutsche Staatsangehörigkeit.

Warum haben Sie sich entschieden, in Aschaffenburg zu bleiben?

Die Stadt ist meine Heimat. Klein, aber fein, man kennt sich. Wir haben hier schnell Leute kennengelernt, unser Freundes und Bekanntenkreis ist groß.

Was wünschen Sie sich für Ihre Familie für die Zukunft?

Wir wollen hier friedlich, sicher und gesund leben. Das ist das Wichtigste.

Ein Besuch in Magdeburg

Seit dem Anschlag in Magdeburg melden sich Dutzende Betroffene beim WEISSEN RING. Was bedeutet das für die Mitarbeitenden?

“Opfer hatten früher keine Rechte“

Erstellt am: Montag, 16. Juni 2025 von Sabine

“Opfer hatten früher keine Rechte“

Lothar Pohle war 40 Jahre Kriminalkommissar und hat in vielen Fällen von sexualisierter Gewalt ermittelt. Seit 33 Jahren engagiert er sich beim WEISSEN RING und hat für den Verein in der Lausitz Pionierarbeit geleistet.

Lothar Pohle und seine Frau Monika vom WEISSEN RING.

Lothar Pohle und seine Frau Monika engagieren sich beide intensiv für den Verein.

An diesem kalten Wintertag sieht das Leben von Lothar Pohle gemütlich und beschaulich aus. Er öffnet die Tür zu seinem Haus in der Siedlung Gallinchen, einem Ortsteil von Cottbus. Drinnen brennt das Holz im Kaminofen, es gibt Kaffee und Kekse, Katze Emmi liegt auf dem Kratzbaum und schaut in den Garten. Hier lebt Pohle seit 1997 mit seiner Frau Monika. Lothar Pohle hat eine Maurerlehre gemacht und viel an dem Haus selbst gebaut. Ein Ort, an den man sich zurückziehen und Kraft tanken kann.

Pohles Berufsleben als Kriminalkommissar war alles andere als beschaulich: „Ich habe mich um sexuelle Gewalt gegen Kinder und Frauen und um Kinderpornografie gekümmert“, sagt er. Der Beruf war am Anfang mehr ein Zufall als ein Wunsch. Als studierter Bauingenieur hatte er in der DDR schlechte Konditionen. „Ich habe weniger verdient als die Bauarbeiter und wollte als Brandursachenermittler zur Feuerwehr“, erinnert er sich. Damals rauchte er noch und bekam die Stelle aus gesundheitlichen Gründen nicht, aber bei der Kripo wurde ihm eine angeboten.

Also beginnt er Ende der 1970er-Jahre das Polizeistudium und arbeitet danach 40 Jahre bei der Polizei Cottbus und Land. Über diese Arbeit kam er zum WEISSEN RING. Ein Kollege aus Nordrhein-Westfalen, wo es den Opferhilfeverein schon gab, „hat angeregt, so etwas auch in Cottbus aufzubauen“. Die hier zuständige Staatsanwältin, Martina Eberhart, wurde Außenstellenleiterin in Cottbus-Stadt und holte Pohle ins Team. „Sie ist heute die Dienstälteste, ich komme direkt nach ihr“, sagt er und lacht.

Weshalb Pohle sich für Betroffene engagieren wollte? „Die Verfahren, die ich bearbeitet habe, waren für die Opfer eine Katastrophe.“ Die Frauen hätten bei der Polizei aussagen müssen, bei der Staatsanwaltschaft und noch einmal vor Gericht. Hinzu kamen Verteidiger, die es als ihren Job angesehen hätten, alles, was die Frauen sagen, anzuzweifeln. Die Opfer seien zur damaligen Zeit nur Zeugen gewesen, erklärt Pohle. “Sie hatten keine Rechte, und ich wollte einfach etwas für die Opfer tun, ohne damals zu wissen, wie man das am besten machen kann.“

Im Jahr 1992 wird er Mitglied im WEISSEN RING. Mit Eberhart baut er im Süden Brandenburgs das Netz des Vereins auf. “Wir waren nur wenige Leute und haben trotzdem in zwei Jahren mehrere Außenstellen eröffnet.“ Seit 1997 leitet Pohle auch die Außenstelle Spree-Neiße mit heute neun Mitarbeitenden, vier davon sind Frauen. Seit 2022 ist er Vize-Landesvorsitzender. Der WEISSE RING hat in Brandenburg 19 Außenstellen, was auch ein Verdienst von Lothar Pohle ist.

„Ich bin ein positiver Mensch geblieben. Ich sehe ja auch, dass es Menschen wie uns gibt, die helfen wollen und Guten tun.“

Lothar Pohle

Als Kommissar saß er oft im Gerichtssaal. Deshalb weiß er, wie wichtig die Reformgesetze sind. Sie geben den Opfern mehr Rechte: zum Beispiel der Verletztenbeistand vor Gericht. Oder das Recht auf Informationen: Wann wird der  Täter verurteilt, wann wird er entlassen? Pohles Frau Monika ist ebenfalls im Verein aktiv. Sie war Lehrerin und betreut vor allem Fälle aus dem Frauenhaus.

Pohles frühere Arbeit und jene für den WEISSEN RING überschneiden sich oft. Sexualstraftaten machen bis zu 40 Prozent der Fälle aus, mit denen sich der Verein beschäftigt. Nur häusliche Gewalt kommt noch häufiger vor, dahinter folgen Stalking und Mobbing.

Als Kommissar sah Pohle Menschen sterben

Wenn man Lothar Pohle nach den Fällen befragt, in denen er früher als Kommissar ermittelte, blockt er erst mal ab. “Ich mag es nicht, wenn Gewalt- oder Sexualstraftaten heute zur Unterhaltung verwendet werden.“ Er meint damit vor allem die vielen True-Crime-Formate.

Doch natürlich erinnert Pohle sich noch an vieles. Als Kommissar hat er drei Menschen nach Tötungsdelikten sterben sehen. In einem anderen Fall wurde eine Frau im Fahrstuhl vergewaltigt, später konnten Lothar Pohle und seine Kollegen den Täter verhaften. “Das war immer ein befriedigendes Gefühl, und ich habe es mir nicht nehmen lassen, dem Täter persönlich die Handschellen anzulegen.“ Neben einer gewissen Härte brauche man als Kommissar auch Einfühlungsvermögen. Eine Eigenschaft, die ihm bei seiner ehrenamtlichen Arbeit hilft.

Ein Fall von sexuellem Kindesmissbrauch ließ ihm über Jahre keine Ruhe. Eine 17-Jährige hatte versucht, Suizid zu begehen. Sie erzählte Pohle, ihre Mutter habe sie als Kleinkind an Männer verkauft, die sie missbrauchten. “Aber was kann ein Kind von damals drei bis vier Jahren heute noch wissen?“, fragt er. “Ich konnte keine Täter ermitteln.“ Doch er konnte der Frau dann trotzdem helfen, als Ehrenamtlicher des WEISSEN RINGS. Auch danach hielt sie Kontakt zu ihm, mehr als 20 Jahre lang. “ich war ihr Gesprächspartner am Telefon und habe sie in der psychiatrischen Klinik besucht, wo sie lange Zeit lebte“, erzählt er. Später erfuhr er von ihrer schweren Krankheit, an der sie mit Anfang 40 verstarb. Pohle ging zu ihrer Beerdigung.

Kornelia Fröde will „Menschen wie meiner Mutti helfen“

Beim Sport haben sich ­Kornelia Fröde und Thomas Karius ­kennengelernt, heute betreibt das Paar eine Kampfkunstschule und leitet seit Kurzem die Außenstelle im Burgenlandkreis.

Wie geht er mit all den Erfahrungen um? Er sei ein positiver Mensch geblieben, sagt Pohle. “Ich sehe ja auch, dass es Menschen wie uns gibt, die helfen wollen und Gutes tun.“ Bis heute ist ihm wichtig, sich in seinem Privatleben nicht mit den Fällen zu beschäftigen. “Man muss aus dem Gespräch rausgehen und es abhaken, sonst wird man irre.“ Lange Zeit hat er nach dem richtigen Ausgleich gesucht. Dass es dafür mehr als ein Hobby braucht, beweist seine lange Liste: Mit dem Motorrad durch die Wälder fahren, Angeln, Fußball, Badminton, Volleyball.

Nicht alle Fälle sind so belastend wie der Fall der jungen Frau, und er hat die Möglichkeit, den Opfern zu helfen. Sein Telefon für den WEISSEN RING hat Pohle immer bei sich. Er arbeitet mit der Polizei und der kommunalen Verwaltung zusammen, die Hilfsbedürftige an ihn verweisen. Seine erste Frage laute immer: “Wie kann ich Ihnen helfen?“

Oft fragen Betroffene nach ganz pragmatischer Hilfe, etwa nach einem Einbruch. Dann kann der WEISSE RING zum Beispiel unbürokratisch eine Soforthilfe von 300 Euro auszahlen. Oder Lothar Pohle hilft bei der Suche nach einem Therapieplatz. “Wir haben auch schon mehrmals die Kosten für eine Tatortreinigung übernommen“, sagt er, “auch so kleine Hilfen sind wichtig für die Menschen.“ Entscheidend sei, dass er sie unterstützt, aus ihrer Ratlosigkeit zu kommen. Wenn ihm da gelingt, hat er ein gutes Gefühl. Damals wie heute.

Starke Stimme für die Ausbildung

Erstellt am: Freitag, 13. Juni 2025 von Sabine

Starke Stimme für die Ausbildung

Menschen vor Ort helfen, ihnen persönlich begegnen – das ist es, was Ruth Stöpper seit 42 Jahren an der Arbeit des WEISSEN RINGS schätzt. Seit 1990 leitet sie die Außenstelle Paderborn und ist seit 2002 Vize-Landesvorsitzende in NRW/Westfalen-Lippe. Besonders am Herzen liegt der 71-Jährigen die Aus- und Weiterbildung der Ehrenamtlichen.

Ruth Stöpper aus Paderborn liegt die Aus- und Weiterbildung der Ehrenamtlichen am Herzen

Ruth Stöpper verfügt über eine jahrzehntelange Erfahrung als Lehrerin, auch deshalb ist Aus- und Weiterbildung ihr Spezialgebiet.

Jedes Mal, wenn Ruth Stöpper ihre Wohnung betritt oder Besuch empfängt, schließt sie die Tür von innen ab. Es ist bekannt, dass Sendungen wie „Aktenzeichen XY … ungelöst“ das Sicherheitsgefühl verändern können. Moderator Eduard Zimmermann warnte unermüdlich vor Neppern, Schleppern und Bauernfängern – und gründete  1976 den WEISSEN RING. „Eduard Zimmermann habe ich sogar mal persönlich getroffen bei einer Veranstaltung des WEISSEN RINGS in Mainz“, sagt Stöpper. Aber die Wohnungstür schließe sie aus einem anderen Grund ab: „Ich hatte früher eine Katze, die konnte auf die Türklinke springen. Da habe ich mir das angewöhnt“, sagt die 71-Jährige schmunzelnd.

Ruth Stöpper hat in 42 Jahren beim WEISSEN RING sehr viele Opfer von Straftaten betreut. Menschen, die mit Fäusten, Messern und sogar Säure angegriffen worden  sind. Sie sei vorsichtiger, aufmerksamer im Umgang mit Menschen. Angst habe sie nicht. „Vielleicht habe ich einfach Glück, dass ich eine sehr robuste Psyche habe“, sagt  die pensionierte Hauptschullehrerin. Möglicherweise helfen auch die professionellen Strukturen des Vereins, die Stöpper vor allem bei der Ausbildung mit auf- und ausgebaut hat. Es dürfte kaum Ehrenamtliche im Verein geben, die nicht von ihr ausgebildet worden sind. In 31 Jahren als Referentin im Grundseminar hat sie nur ein einziges Mal gefehlt. „Da bin ich samstags morgens wach geworden und konnte nicht sprechen. Ich war heiser und habe krächzend am Telefon abgesagt.“ Stöpper hört sich sonst ganz anders an: Ihre markante Stimme ist ihr Markenzeichen.

 

“Es gibt Fälle, die vergisst man nicht.“

Ihr erster Einsatz war eine einschneidende Erfahrung: „Es gibt Fälle, die vergisst man nicht“, erzählt Ruth Stöpper. In einem kleinen Ort bei Paderborn war eine Frau von ihrem Ehemann ermordet worden. Sie hinterließ drei Kinder. „Ich habe die Eltern der Getöteten betreut, bei denen die Kinder untergekommen waren. Das war schwierig für mich, ich hatte ja keinerlei Erfahrung“, schildert Stöpper. „Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen: Wir sind allein losgegangen, ohne eine richtige Einarbeitung. Man ist ins kalte Wasser geworfen worden.“ Erschwerend kam hinzu: Die Eltern des Opfers zeigten ihr Bilder von ihrer toten Tochter. Ruth Stöpper  erschrak: „Ich bin mit der Frau zur Grundschule gegangen.“ In solchen Momenten zeige sich, sagt Stöpper rückblickend, wie wichtig es ist, die Ehrenamtlichen fundiert auszubilden.

Ruth Stöpper ließ sich nicht abschrecken und stieg tiefer in die Arbeit des WEISSEN RINGS ein. Im Jahr 1990 übernahm sie die Leitung der Außenstelle Paderborn.  Heute ist sie mit 71 die Älteste im sechsköpfigen Team, der Jüngste ist 33. Manchmal geäußerte Vorbehalte gegen jüngere Ehrenamtler kann sie nicht nachvollziehen: „Wir brauchen junge Leute, auch wenn diese vielleicht beruflich und familiär stärker eingebunden sind und weniger Zeit einbringen können.“ Stöpper ärgert sich, wenn sie einen Satz hört: „Das habe ich immer schon so gemacht und mache das weiter so.“ Sie betont: „Ich bin auch seit mehr als 40 Jahren dabei. Aber wir müssen uns doch
alle immer gemeinsam darum bemühen, auf der Höhe der Zeit zu bleiben.“

„Es ist die Hilfe vor Ort. Für Menschen, denen ich persönlich begegne und die mir gegenübersitzen.“

Ruth Stöpper

Deshalb nutzt Stöpper ihre pädagogische Kompetenz für die Aus- und Weiterbildung beim WEISSEN RING. Seit 2003 zunächst in einer Arbeitsgruppe, dann im zuständigen Fachbeirat, seit 2006 in der Seminarleitung. Das Grundseminar hat sie mit aufgebaut, um bundesweit die gleichen Voraussetzungen zu schaffen. „Unsere Ausbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist wirklich gut. Wir können voller Überzeugung sagen: Wir sind professionell arbeitende Ehrenamtler.“ Zehn bis zwölf Wochenenden im Jahr ist sie bundesweit unterwegs. Bis zu ihrer Pensionierung hat sie Vollzeit als Hauptschullehrerin die Fächer Deutsch, Geschichte, Erdkunde,  Biologie und Kunst unterrichtet. „Ich war sehr gerne Lehrerin.“ Als Stöpper 2006 für ihre ehrenamtliche Tätigkeit das Bundesverdienstkreuz erhielt, hat sie einige ihrer Schülerinnen und Schüler zur Verleihung ins Paderborner Rathaus eingeladen. Sie sollten miterleben, dass Engagement sich lohnt und der Staat es anerkennt.

Kraft gibt ihr das Feedback von Betroffenen

„Die Opferarbeit macht keinen Spaß – aber es ist eine sehr erfüllende Aufgabe.“ Kraft gebe ihr das Feedback von Betroffenen: „Es ist schön, gespiegelt zu bekommen, dass der WEISSE RING in der Gesellschaft so akzeptiert ist und Menschen positive Erfahrungen gemacht haben.“ Entspannen kann Ruth Stöpper am besten, wenn sie reist oder liest. Während die Reisen gern in sonnige Gefilde gehen – nach Ägypten, Italien oder Kuba – fällt ihre Wahl bei Büchern eher auf kühle Krimis aus dem Norden.

Beim Rückblick auf 42 Jahre Opferhilfe sagt Ruth Stöpper: „Ich sehe bei den Mitarbeitenden einen unglaublichen Wandel. Sie stellen viel auf die Beine und haben viele gute Ideen auch im Bereich Prävention.“ Beim Blick in die Zukunft sagt sie: „Das ist jetzt nicht akut, aber irgendwann ist mal Schluss. Ich hoffe, dass ich selbst noch  merke, wenn es an der Zeit ist, aufzuhören.“ Bis dahin wolle sie neugierig bleiben: „Wenn man nicht aufgeschlossen ist, kommt auch nichts Neues mehr dazu im Leben.“

„Verfahren sollten so opfersensibel wie möglich gestaltet werden“

Erstellt am: Donnerstag, 27. März 2025 von Karsten

„Verfahren sollten so opfersensibel wie möglich gestaltet werden“

Dr. Marius Riebel ist beim Wissenschaftspreis Opferschutz mit dem Nachwuchspreis ausgezeichnet worden. Er hat erforscht, wie der Staat besser mit Betroffenen umgehen könnte. Riebel macht viele konkrete Vorschläge, etwa zur Gestaltung von Gerichtsprozessen.

Eine Aussage vor Gericht ist für viele Verletzte besonders belastend. Bild: picture alliance/epd-bild/Heike Lyding

Eine Aussage vor Gericht ist für viele Verletzte besonders belastend. Bild: picture alliance/epd-bild/Heike Lyding

Dr. Marius Riebel, der beim Wissenschaftspreis Opferschutz mit dem Nachwuchspreis geehrt worden ist (mehr zur Preisverleihung findet sich hier), spricht im Interview mit der Redaktion des WEISSEN RINGS darüber, welche Bedürfnisse Opfer im Strafverfahren haben, inwiefern diese berücksichtigt werden – und wo es dringenden Verbesserungsbedarf gibt.

Herr Dr. Riebel, Sie haben sich intensiv mit „Verletzteninteressen im Kontext des staatlichen Umgangs mit Straftaten“ befasst, einem Thema, dem sich die Rechtswissenschaft selten widmet. Wie sind Sie darauf gekommen?

Nach dem ersten Staatsexamen habe ich das Angebot angenommen, an der Universität Leipzig zu arbeiten, um mich tiefer mit rechtswissenschaftlichen Themen auseinandersetzen zu können. Daneben wollte ich etwas Praktisches machen, weshalb ich beim WEISSEN RING als ehrenamtlicher Berater angefangen habe. Oft wollten Betroffene über das anstehende beziehungsweise vergangene Strafverfahren sprechen. Ihr Blick darauf war regelmäßig negativ und mit Ängsten verbunden. Das gab mir den Impuls, dazu zu forschen, welche Erwartungen Betroffene an den Staat und staatliche Verfahren haben.

Was haben Sie mit welchen Methoden untersucht?

Ich habe untersucht, welche Interessen Verletzte haben und inwieweit diese im Strafverfahren, aber auch in anderen staatlichen Verfahren berücksichtigt werden. Dazu habe ich bereits vorliegende empirische Untersuchungen, die Verletzteninteressen herausgearbeitet haben, ausgewertet und die Erkenntnisse mit der derzeitigen Ausgestaltung des Rechts abgeglichen. Dabei habe ich mich zum einen abstrakt mit der Legitimität von Verletztenbelangen auseinandergesetzt. Zum anderen habe ich die bestehenden Rechtsinstitute auf ihr Befriedigungspotenzial hin untersucht und Verbesserungsmöglichkeiten entwickelt.

Was haben Sie im Wesentlichen herausgefunden?

Häufig wird davon ausgegangen, dass Verletzte eine möglichst harte Bestrafung wollen. Die Strafe ist für sie tatsächlich ein relevanter Aspekt. Hier geht es aber weniger um eine möglichst harte Sanktion, sondern mehr darum, dass überhaupt eine staatliche Reaktion erfolgt. Damit wird auch eine Form von Anerkennung verbunden. Daneben haben Betroffene materielle und immaterielle Bedürfnisse: Einerseits sollen Kosten – beispielsweise für die medizinische Versorgung oder den Rechtsbeistand – kompensiert werden. Andererseits wünschen Betroffene, dass während des Verfahrens auf sie eingegangen und Rücksicht auf ihre nicht selten bestehenden psychischen Belastungen genommen wird. Im Zuge dessen ist es relevant, dass sie informiert am Verfahren teilhaben und ihre Perspektive aktiv einbringen können.

Welchen Effekt hat das?

Ein solcher Umgang kann dazu beitragen, dass sie das erlittene Unrecht verarbeiten und damit langfristig leben können. Mit Blick auf den Strafprozess konnte ich feststellen, dass es schon eine ganze Reihe von Instrumenten gibt, die eine verletztengerechte Behandlung sicherstellen können. Gleichzeitig werden diese in bestimmten Bereichen aber nicht genug angewendet. Außerdem konnte ich weitere Gestaltungsspielräume herausarbeiten.

Dr. Marius Riebel ist beim Wissenschaftspreis des Bundeskriminalamtes und des WEISSEN RINGS mit dem Nachwuchspreis ausgezeichnet worden.

Welche Instrumente können helfen, die Interessen von Verletzten zu berücksichtigen?

In Untersuchungen wird von Verletzten beispielsweise die Aussage vor Gericht, aber auch die Konfrontation mit der Tatperson als besonders belastend beschrieben. Hier kann bereits heute Videotechnik eingesetzt werden, um derartige Situationen abzumildern und mehrfache Vernehmungen zu verhindern. Auch ein Ausschluss der Öffentlichkeit oder die Entfernung des Angeklagten kann helfen. Außerdem haben Verletzte Aktivrechte – wie beispielsweise die Möglichkeit, sich als Nebenkläger anzuschließen. Darüber hinaus existieren Informationsrechte, wobei das Gesetz das Idealbild eines über seine Rechte voll informierten Verletzten verfolgt. Die Interessen Betroffener haben aber auch Grenzen.

Welche Grenzen gibt es?

Etwa Rechte der Verteidigung oder rechtsstaatliche Prinzipien wie „in dubio pro reo“. All diese Maximen sind richtig und wichtig, können aber dazu führen, dass ein Urteil oder auch eine Einstellungsentscheidung dem Verletzten keine Anerkennung bringt. Umso wichtiger ist es, das Verfahren so opfersensibel wie möglich zu gestalten. Hier besteht aus meiner Sicht ein großes Potenzial in der Kommunikation mit Verletzten. Wenn ein Täter beispielsweise „in dubio pro reo“ freigesprochen wird, sollte dem Verletzten diese Entscheidung umfassend erklärt werden – auch gerichtsseitig. Dies kann die von Verletztenseite gewünschte Anerkennung bringen, Rechtsfrieden schaffen und zudem Vertrauen in den Rechtsstaat stärken.

Mit welchen weiteren Mitteln könnte die Justiz den Bedürfnissen von Betroffenen besser Rechnung tragen?

Es gibt einige Stellschrauben. Um ein paar Details zu nennen: Im Bereich der Nebenklage könnten umfassendere Prozesskostenhilferegelungen geschaffen werden. Außerdem sollte der Kreis der Nebenklageberechtigten überarbeitet werden. Auch das Institut der psychosozialen Prozessbegleitung ist weiter optimierungsbedürftig. Ein großer Wurf könnte allerdings gelingen, indem die juristische Aus- und Fortbildung verbessert würde. Hier spielen Verletztenrechte und Disziplinen wie Viktimologie bisher kaum eine Rolle. Das muss sich ändern.

Inwiefern?

Juristinnen und Juristen sollten sich – zumindest, wenn sie später etwa mit häuslicher oder sexualisierter Gewalt zu tun haben – damit auseinandersetzen, was Straftaten und Verfahren mit Betroffenen machen. Ich plädiere dafür, Qualifikationsstandards zu normieren. Als Vorbild kann dabei das Jugendgerichtsgesetz (JGG) dienen, wo es unter anderem heißt, dass Jugendrichterinnen und Jugendrichter sowie Jugendstaatsanwältinnen und Jugendstaatsanwälte erzieherisch befähigt und in der Jugenderziehung erfahren sein müssen. Paragraph 37 JGG fordert hier spezifische Kenntnisse in bestimmten Bereichen. Über eine vergleichbare Regelung für Beteiligte an für Verletzte besonders belastenden Strafverfahren sollte zumindest diskutiert werden. Abschließend ist es allerdings auch wichtig, den Blick auf andere Verfahren zu weiten. Hier birgt das soziale Entschädigungsrecht (SGB XIV) große Potenziale, die künftig noch weiter genutzt werden sollten.

Transparenzhinweis:
Dr. Marius Riebel befindet sich seit Mai 2024 im Rechtsreferendariat des Freistaates Sachsen im Landgerichtsbezirk Leipzig. Neben seinem beruflichen Engagement ist er seit 2019 aktives Mitglied beim WEISSEN RING. Vor seinem Referendariat war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Leipzig, nach seinem mit Prädikat abgeschlossenen Studium der Rechtswissenschaften mit dem Schwerpunkt Kriminalwissenschaften. Für seine Arbeit zu „Verletzteninteressen im Kontext des staatlichen Umgangs mit Straftaten“ ist er beim Wissenschaftspreis des Bundeskriminalamtes und der WEISSEN RINGS mit dem Nachwuchspreis ausgezeichnet worden.

„Das Gewalthilfegesetz ist ein Fortschritt, aber mit Jubel halten wir uns zurück“

Erstellt am: Donnerstag, 6. März 2025 von Torben

„Das Gewalthilfegesetz ist ein Fortschritt, aber mit Jubel halten wir uns zurück“

Betroffenen von häuslicher Gewalt fehlt es an Hilfsangeboten. Mit dem neuen Gewalthilfegesetz soll sich das ändern. Reicht das aus? Ein Interview mit Dorothea Hecht von der Frauenhauskoordinierung über Vorteile und Lücken des neuen Gesetzes.

Im Kampf gegen Gewalt an Frauen setzt die Koalition unter anderem auf die Einführung der Fußfessel nach dem Vorbild Spaniens. Foto: dpa

Im Kampf gegen Gewalt an Frauen setzt die Koalition unter anderem auf die „spanische Fußfessel“. Foto: dpa

Jeden Tag erleiden Hunderte von Menschen in Deutschland häusliche Gewalt. Nach jüngsten Zahlen des Bundeskriminalamtes sind im Jahr 2023 insgesamt 256.276 Opfer von Partnerschaftsgewalt oder Gewalt gegen Kinder, Eltern oder andere Familienangehörige erfasst worden – 6,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. 70 Prozent der Betroffenen waren weiblich, 75,6 Prozent der Täter männlich.

Es mangelt an Hilfsangeboten. Immer wieder kommt es vor, dass Einrichtungen Betroffenen keinen Platz bieten können. Das neue Gewalthilfegesetz sieht ab 2032 einen Rechtsanspruch auf kostenlosen Schutz und Beratung für Frauen und Kinder vor. Es verpflichtet die Länder, ausreichend Angebote zu schaffen. Dafür bekommen sie vom Bund zwischen 2027 und 2036 insgesamt 2,6 Milliarden Euro. Betroffene können künftig Einrichtungen in ganz Deutschland aufsuchen, egal in welcher Kommune sie leben. Außerdem soll die Prävention ausgeweitet werden, zum Beispiel durch Täterarbeit.

Lesen Sie auch: Istanbul-Konvention: „Gravierende Lücken“

Bei der bundesweit aktiven Frauenhauskoordinierung ist Dorothea Hecht Expertin für rechtliche Fragen. Anlässlich des Internationalen Frauentages hat die Redaktion des WEISSEN RINGS mit ihr über Vorteile und Lücken des neuen Gesetzes gesprochen.

Dorothea Hecht ist Fachanwältin für Familienrecht und bei der Frauenhauskoordinierung Referentin für Recht. Der bundesweit aktive Verein unterstützt Frauenhäuser und Beratungsstellen in fachlicher Hinsicht und bei ihrer politischen Arbeit. (Foto: Frauenhauskoordinierung e.V.)

Frau Hecht, nachdem Bundestag und Bundesrat dem Gewalthilfegesetz vor einigen Wochen zugestimmt hatten, sprach Familienministerin Lisa Paus (Grüne) von einem „historischen Moment“. Teilen Sie diese Sicht?

Die Worte, die Paus gewählt hat, treffen es. Das Hilfesystem bekommt endlich eine solide Grundlage – nach jahrzehntelangen Schwierigkeiten, Frauenhäuser und andere Angebote zu finanzieren. Es handelte sich ja um sogenannte freiwillige Leistungen, die immer abhängig von der Politik und der Haushaltslage waren. Positiv am neuen Gesetz ist zum Beispiel die in konkrete Zahlen gefasste Beteiligung des Bundes.

Laut Paus werden Lücken im Netz der Frauenhäuser und Beratungsstellen geschlossen und die Hilfsangebote deutlich ausgebaut. Wie schätzen Sie die Wirkung des Gesetzes ein?

Es ist ein klarer Fortschritt, aber mit Jubel halten wir uns zurück.

Weshalb?

Ob die bereitgestellten Summen reichen, ist mehr als fraglich. Die auf zehn Jahre gestreckten 2,6 Milliarden Euro vom Bund orientieren sich an den unteren Werten, die in der „Kostenstudie zum Hilfesystem für Betroffene von häuslicher und geschlechtsspezifischer Gewalt“ berechnet wurden. Den laufenden Bedarf der Einrichtungen zu decken, ist schon schwierig. Jetzt kommen – in einer Zeit mit stark gestiegenen Baukosten – hohe Investitionen hinzu, etwa für den Ausbau der Frauenhäuser. Diese müssen Fachexpertise, beispielsweise für die Bauleitung, einkaufen. Fest steht: Die Bundesländer werden sich finanziell mindestens genauso wie der Bund einbringen müssen.

Wo sehen Sie noch Lücken?

In der Frauenhauskoordinierung haben wir in erster Linie betroffene Frauen und Kinder im Blick. Aber auch wir sehen kritisch, dass etwa non-binäre Menschen und trans Menschen im beschlossenen Gewalthilfegesetz nicht mehr anspruchsberechtigt sind. Außerdem gibt es eine Reihe offener Fragen: Was passiert, wenn ein Bundesland seine Pflichten beim Ausbau der Hilfen nicht erfüllt? Welche Sanktionen können verhängt werden, und welche Folgen hätten diese für die Opfer? Und was ist, wenn sich herausstellt, dass der Bedarf noch größer ist als angenommen?

Ebenfalls problematisch ist die zum Teil nicht nachvollziehbare Bürokratie. So wird angefragt, welches Geschlecht die Mitarbeiterinnen in einem Frauenhaus haben. Die geforderte Bestandsanalyse wird dort wertvolle Ressourcen binden, die für Beratung gebraucht werden.

Was halten Sie vom Zeitplan des Gewalthilfegesetzes?

Es dauert noch fast sieben Jahre, bis der Rechtsanspruch greift. Die Frau, die heute in Not ist, aber keinen Platz findet, hat nichts davon. Andererseits müssen erst die notwendigen Strukturen aufgebaut werden. Schon bei der Istanbul-Konvention zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt war Deutschland spät dran. Die Vorgaben der Konvention zu Opferschutz, Prävention und Strafverfolgung wurden bereits 2011 von den ersten 13 Staaten in Istanbul unterzeichnet. Bei uns ist sie erst 2018 in Kraft getreten, und bis zur vollständigen Umsetzung ist der Weg noch weit.

Das Gesetz stellt auch eine bessere Prävention in Aussicht. Etwa durch Infokampagnen und Täterarbeit. Was halten Sie davon?

Dieser Teil ist nicht so konkret formuliert, es besteht kein Rechtsanspruch darauf. Andererseits stellt sich die Frage, ob etwa Kampagnen zu den dringenden Aufgaben des Gewalthilfegesetzes zählen – das nicht überfrachtet werden sollte. Aus unserer Sicht geht es nun erst einmal darum, den Schutz und die Beratung zu fördern und spürbar auszubauen.

Wie ist die aktuelle Situation in den Frauenhäusern?

Wir tragen die Notlage gebetsmühlenartig vor uns her: Gemäß der Istanbul-Konvention brauchen wir etwa 21.000 Frauenhausplätze bundesweit, haben aber nur ungefähr 7.000, so dass hier und jetzt 14.000 fehlen. Mit Hilfe des mittlerweile abgeschlossenen Bundesinvestitionsprogramms „Gemeinsam gegen Gewalt“ wurden zusätzliche Plätze geschaffen, aber lange nicht genug.

Frauenhäuser in Deutschland: Versperrter Ausweg

Wir haben eine Unterversorgung – und einen Fachkräftemangel: Junge, gut ausgebildete Frauen sagen immer häufiger, sie könnten nicht für relativ wenig Geld eine so fordernde Arbeit machen, mit teils schwer traumatisierten Menschen, Schicht- und Bereitschaftsdienst. Es braucht höhere Löhne, um die dringend notwendigen Fachkräfte zu gewinnen.

Hintergrund:

Frauenhäuser finanzieren sich mit Geld vom Land und den Kommunen, hinzu kommen Beteiligungen von Frauen sowie Eigenmittel der Träger, die diese durch Bußgelder und Spenden einnehmen müssen. Letzteres ist aufwendig und unsicher.

So standen deutschlandweit zuletzt etwa 7800 Frauenhausplätze zur Verfügung. Nach der Istanbul-Konvention zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt, zu der sich Deutschland 2018 verpflichtet hat, wären aber 21.500 Plätze nötig.

Die Reaktionen auf das neue Gewalthilfegesetz sind geteilt. Esther Bierbaum von der Zentralen Informationsstelle autonomer Frauenhäuser bezeichnet das neue Gesetz als „Meilenstein“. Noch nie hätten sich Bund, Länder und Kommunen so verbindlich und gemeinsam dem Gewaltschutz angenommen. Das Gesetz stelle klar: „Es braucht mehr Geld, Plätze, Qualität und Prävention.“

So wie bislang könne es nicht weitergehen: „Es ist immer schwierig, die Finanzierung aufrechtzuerhalten. Kolleginnen sind fast täglich damit beschäftigt, hilfesuchende Frauen und Kinder abzuweisen, weil der Platz nicht reicht.“ Das Gewalthilfegesetz lasse hoffen, aber: „Wir sehen auch Lücken.“ Bierbaum verweist darauf, dass etwa non-binäre Menschen nicht genannt werden, ebenso wie Geflüchtete.

Auch bleibe „wirtschaftliche Gewalt“ außen vor – von der viele Schutzsuchende betroffen seien: „Sie dürfen nicht eigenständig über Geld verfügen, müssen Rechenschaft ablegen und bekommen häufig nichts. Stattdessen kommt es zu Streit.“

Transparenzhinweis:
Der WEISSE RING begrüßt das Gewalthilfegesetz, weil es die Versorgung verbessert und der Bund sich finanziell beteiligt. In den meisten Fällen sind Frauen von Gewalt betroffen, ihr Schutz muss dringend ausgebaut werden. Wir kritisieren aber, dass das Gesetz nicht für Männer und Transmenschen gilt. Es ist wichtig, dass alle Betroffenen auf Hilfe zählen können.

Die Ruhe in Person

Erstellt am: Montag, 3. März 2025 von Sabine

Die Ruhe in Person

Petra Klein, 69 Jahre alt, ist niemals nervös. Die frühere Polizistin ist beim WEISSEN RING nicht nur Leiterin der Außenstelle Oldenburg, sie repräsentiert den Verein auch in Europa. Jetzt wurde sie für ihr Engagement geehrt.

Sie gratulierten Petra Klein (Mitte), v. l. n. r.: Barbara Richstein, Rosa Jansen, Jürgen Krogmann und Andreas Sagehorn.

Natürlich hätte man sich die Frage sparen können. Historisches Rathaus zu Oldenburg, großer Sitzungssaal, Gäste aus dem In- und Ausland, in der ersten Reihe sitzt der Oberbürgermeister, in einer samtausgeschlagenen Holzkiste liegt das Bundesverdienstkreuz am Bande bereit. „Bist du nervös, Petra?“ Und Petra lächelt nur milde, so wie sie es immer tut, um mit sanfter Stimme zu antworten: „Nein.“

Petra Klein, 69 Jahre alt, ist niemals nervös. Sie war es nicht bei der Polizei damals, als sie bei Geiselnahmen oder Bedrohungslagen vermittelte. Sie ist es heute nicht, wenn ihr aufgewühlte, verzweifelte Verbrechensopfer gegenübersitzen. Nicht im Bundesvorstand des WEISSEN RINGS, wenn sie bei internen Konflikten moderieren muss, und nicht einmal in Brüssel, wenn sie auf Englisch die Interessen Deutschlands bei Victim Support Europe vertreten soll, dem Dachverband der europäischen Opferhilfsorganisationen. Warum sollte sie also jetzt nervös sein, bei ihrer Feierstunde? Sie freut sich einfach, „ich fühle mich sehr, sehr geehrt“, sagt sie.

„Gesicht des WEISSEN RINGS“ in Oldenburg – und Europa
Oldenburgs Oberbürgermeister Jürgen Krogmann (SPD) hebt das Verdienstkreuz aus der Schachtel und bekennt, er sei hier ja nur der Postbote, „denn verliehen hat es Ihnen der Bundespräsident“. Aber auch er freut sich, denn er kennt die Ausgezeichnete seit vielen Jahren: Als Oberbürgermeister kennt er sie als „Gesicht des WEISSEN RINGS“ in seiner Stadt, als ehemaliger Landtagsabgeordneter kennt er sie als Vertreterin des Opferschutzes in der Politik, als Aufsichtsratsmitglied des Klinikums Oldenburg kennt er sie als intensive Begleiterin der Angehörigen im Fall des Krankenhausmörders Niels Högel, der im örtlichen Klinikum Dutzende Patienten ermordete. Den Orden bekomme sie nun „für die um die Bundesrepublik Deutschland erworbenen besonderen Dienste“.

„Nichts macht man allein, das geht nur mit einer ganz tollen Außenstelle.“

Petra Klein zu den Verdiensten.

Aus Brandenburg ist Barbara Richstein angereist, die Bundesvorsitzende des WEISSEN RINGS. Sie zeichnet den Weg von Petra Klein ins Ehrenamt nach: 2009, nach ihrem Ausscheiden aus dem Polizeidienst, wurde sie ehrenamtliche Mitarbeiterin beim WEISSEN RING, wenige Monate später übernahm sie bereits die Leitung der Außenstelle Oldenburg. Längst ist Oldenburg eine der größten Außenstellen des Vereins in Niedersachsen: 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aktuell, die in weit mehr als 2000 Fällen seit 2009 Kriminalitätsopfer mit fast einer Millionen Euro unterstützen konnten.

„Ein großes Herz“

Außenstellenleitung sei eine Arbeit, die „ein großes Herz“ erfordere, sagt Richstein. Aber damit nicht genug, Petra Klein engagiere sich „weit über die regionale Ebene hinaus“: Seit 2010 ist sie Mitglied des Bundesvorstands des WEISSEN RINGS, inzwischen sogar als stellvertretende Bundesvorsitzende, seit 2021 ist sie Vizepräsidentin von Victim Support Europe.

Das wissen die Gäste aus den Reihen des WEISSEN RINGS im Ratssaal natürlich alles, nicht aber das, was Andreas Sagehorn, der Präsident der Polizeidirektion Oldenburg, aus 32 Polizeidienstjahren zu berichten hat. Er erinnert an Petra, die Polizistentochter und „Pionierin“, wie er sie nennt. Die in den 70er-Jahren zur Polizei kam, als Frauen dort „eine Seltenheit“ waren. Die dank ihrer Fähigkeit, in allen Lagen ruhig zu bleiben, als erste Frau die Verhandlungsgruppe leitete. Die in den 90er-Jahren, als mehrere Mädchenmorde den Nordwesten Deutschlands erschütterten, die Angehörigen jeweils betreute. „Für sie endete der Job nie damit, die Taten aufzuklären“, so Sagehorn. „Sie hatte immer schon die Opfer im Blick.“

Es gibt noch viel zu tun

Und Petra Klein? Ruhig sitzt sie in der ersten Reihe, lächelt und dankt ihren Gästen. Der Familie. Ganz besonders Ihrem Partner Ferdi (Ferdinand Zuppke). Ihrem „lieben Freund Günni“ (Günter Koschig). Und wo sie mit den beiden schon wieder beim WEISSEN RING angekommen ist: Bianca Biwer, der aus Mainz angereisten Bundesgeschäftsführerin des Vereins, und nochmals „ihrer“ Außenstelle.

„Was für ein unglaublicher Erfolg“, lob Rosa Jansen, Präsidentin VSE, die aus den Niederlanden zur Feierstunde nach Oldenburg kam. Aber sie sagt auch: „Wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns.“ Deshalb sei sie froh, dass Petra keinerlei Interesse zeige, aufzuhören. „Wir brauchen dich wirklich!“

Eine Herzensangelegenheit

Erstellt am: Donnerstag, 28. November 2024 von Sabine

Eine Herzensangelegenheit

Mehr als 25 Jahre saß Barbara Richstein als Abgeordnete im Brandenburger Landtag, fast genauso lange ist sie Mitglied im WEISSEN RING. Im September 2024 wählten die Delegierten des Vereins sie zur neuen Bundesvorsitzenden. Was möchte sie in den kommenden zwei Jahren als oberste Opferschützerin bewegen? Ein Treffen in Berlin.

„Wir sind ein gutes Team“: Barbara Richstein mit Vorstandskollegen bei der Bundesdelegiertenversammlung 2024 in Frankfurt am Main.

An einem kühlen Oktobernachmittag tuckern Ausflugsdampfer auf der Spree durchs politische Berlin, Hauptstadttouristen machen Fotos vom Bundeskanzleramt. Am Ufer gegenüber liegt der „Zollpackhof“. Der Biergarten des Lokals ist verwaist, auf den Tischen sammelt sich buntes Herbstlaub. Der Internetseite des Restaurants zufolge befand sich hier um 1700 das erste Ausflugslokal Berlins. Heute werben die Betreiber mit der Berliner Tradition und schenken zwischen holzvertäfelten Wänden und blau-weißen Tischtüchern bayerisches Bier aus.

Barbara Richstein, 59 Jahre alt, Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Brandenburg und seit knapp vier Wochen zudem neue Bundesvorsitzende des Vereins, hat den Treffpunkt aber nicht wegen der krachledernen Gemütlichkeit vorgeschlagen, sondern wegen der verkehrsgünstigen Lage in Berlin-Mitte.

Sie öffnet ihre Aktentasche und legt einen Stapel Papier aufs Tischtuch. Das, sagt sie, habe sie neulich beim Ausräumen in ihrem Büro gefunden: Kopien von Presseartikeln, erschienen im Jahr 2002, als Richstein Justizministerin in Brandenburg wurde. „Der Opferschutz soll verstärkt werden“, schrieb die „Lausitzer Rundschau“, der „Tagesspiegel“ zitierte groß: „Ein verstärkter Opferschutz liegt mir besonders am Herzen“. Barbara Richstein lächelt. „An der Aussage hat sich nichts verändert“, sagt sie heute, 22 Jahre später.

Seit 1999 saß die CDU-Politikerin aus Falkensee am Rande Berlins im Brandenburgischen Landtag, zuletzt als Vizepräsidentin des Potsdamer Hauses. Zur Landtagswahl im September 2024 ist die 59-Jährige nicht mehr angetreten. Nach 25 Jahren im Landtag ist für Richstein also Schluss in der Politik, oder wie sie sagt: „Ein neuer Lebensabschnitt beginnt.“

Barbara Richstein ist seit 2002 Mitglied im WEISSEN RING.

Lassen Sie uns raten, Frau Richstein: Sie sind mit dem Fahrrad da?

Nein. (Sie lacht.) Mit der Bahn, der Hauptbahnhof ist ja nur ein paar Hundert Meter entfernt von hier.

Bei Ihrer Vorstellung vor der Wahl zur Bundesvorsitzenden des WEISSEN RINGS wurde das augenzwinkernd als ausdrücklicher Vorteil der Kandidatin Richstein angepriesen: Sie könnten künftig jederzeit mit dem Fahrrad in die Hauptstadt radeln, um dort öffentliche Termine wahrzunehmen und Netzwerke zu knüpfen.

Das stimmt. Aber wissen Sie auch, woher die Fahrrad-Anspielung kam?

Nein. Verraten Sie es uns?

Im Sommer war ich mit einer Freundin auf einer Fahrradtour, so wie in jedem Jahr. Genau in diese Zeit fiel aber die digitale Sitzung des Geschäftsführenden Bundesvorstands des WEISSEN RINGS, bei der bekannt gegeben werden sollte, dass ich kandidieren werde. Eigentlich wollten wir bis zu der Sitzung eine Gaststätte erreicht haben, das hat aber nicht geklappt. So habe ich mich dann mit Fahrradhelm eingewählt. Unglücklicherweise war das in der Nähe von Wacken, wo gerade der erste Tag des berühmten Heavy-Metal-Festivals gefeiert wurde und die Musik entsprechend dröhnte. (Sie lacht.) Aber es hat dann ja doch alles geklappt.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie als Bundesvorsitzende kandidiert haben? Zunächst waren Sie als Versammlungsleiterin nominiert, nicht als Kandidatin für die Vereinsführung …

Das kam auch überraschend für mich. Patrick Liesching, der die vergangenen beiden Jahre der Bundesvorsitzende war, hat mich im Sommer in einem persönlichen Gespräch gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, seine Aufgaben zu übernehmen. Ich empfand und empfinde es als eine große Auszeichnung, überhaupt gefragt zu werden, und es passte gut zusammen mit dem Ende eines Lebensabschnitts: Vor zwei Jahren hatte ich entschieden, dass ich nach 25 Jahren aus der Landespolitik ausscheide und mich neuen Aufgaben widmen möchte.

Allerdings bin ich auch Aufsichtsrätin beim Deutschen Leichtathletikverband. Deshalb musste ich erst mal abklären, ob meine Engagements für beide Seiten okay sind. Das passte, und das freut mich sehr, denn der WEISSE RING liegt mir schon seit über 20 Jahren am Herzen.

Was ändert sich im WEISSEN RING mit Barbara Richstein als Bundesvorsitzender?

Ich glaube, ich kann wunderbar anknüpfen an die gute Arbeit, die Patrick Liesching in den vergangenen beiden Jahren geleistet hat. Ich bin sehr glücklich, dass wir ihn überzeugen konnten, als Stellvertreter weiter dem Geschäftsführenden Bundesvorstand anzugehören.

Wir sind ein gutes Team in dem Gremium, und die Zusammenarbeit ist einfach schön. Ich werde das Rad auch nicht neu erfinden: „Digitale Gewalt“ wird uns weiter beschäftigen, das war 2024 das Jahresthema des WEISSEN RINGS, und das wird es auch im kommenden Jahr sein. Die Maschen der Betrüger im Digitalen werden immer raffinierter, deshalb ist Prävention in diesem Bereich so wichtig.

Der WEISSE RING hat aber auch viele andere Dinge angestoßen. Dazu gehört unser Anliegen, dass die Fußfessel-Überwachung nach dem spanischen Modell auch in Deutschland eingeführt wird, um Opfer häuslicher Gewalt besser zu schützen.

Haben Sie Hoffnung, dass das spanische Modell zeitnah kommt?

Um ganz ehrlich zu sein: In dieser Legislaturperiode, in der keiner weiß, wie lange die überhaupt noch bestehen wird, glaube ich da eher nicht dran.

Was Barbara Richstein zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen kann: Zwei Wochen nach unserem Gespräch wird Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) seinen Finanzminister Christian Lindner (FDP) entlassen – das Ende der Ampelkoalition. Auch FDP-Justizminister Marco Buschmann, der einer bundesrechtlichen Fußfessel-Regelung ablehnend gegenüberstand, tritt zurück. Neuwahlen sollen Ende Februar stattfinden.

Ich habe aber die Hoffnung, dass eine neue Bundesregierung das spanische Modell in der kommenden Legislaturperiode auf den Weg bringt. Das wird auch Zeit, denn jeder Tag ohne die Verschärfung des Gewaltschutzgesetzes ist für die Betroffenen einer zu viel.

,,Wir müssen noch lauter werden und die Probleme im Opferschutz klar als solche benennen, den Finger in die Wunde legen."

Barbara Richstein
Im Frühjahr 2024 haben Sie, damals noch als designierte Versammlungsleiterin, einen Fragebogen für unser Magazin ausgefüllt. Darin sagten Sie, der WEISSE RING müsse insbesondere in den neuen Bundesländern noch bekannter werden. Wie wollen Sie das als Bundesvorsitzende anstellen?

Der WEISSE RING war in der Vergangenheit sehr westdeutsch orientiert. Das fängt bei den Gremienbesetzungen an und reicht bis zu Seminarinhalten, in denen die meisten Fallbeispiele aus den alten Bundesländern stammen.

Generell ist Diversität wichtig, auf allen Ebenen. Und natürlich eine gute Öffentlichkeitsarbeit. Wir müssen noch lauter werden und die Probleme im Opferschutz klar als solche benennen, den Finger in die Wunde legen. Dass das klappen kann, zeigen die zahlreichen Reaktionen zu unserem Einsatz für das spanische Modell bei der Fußfessel.

Der Verein muss aber nicht nur in Ostdeutschland bekannter werden, sondern bundesweit – vor allem bei den jüngeren Menschen. Ich war Mitte Oktober beim Dialogforum, einem Treffen der Jungen Mitarbeitenden des Vereins aus ganz Deutschland. Viele von denen haben mir gesagt: „Uns kennt keiner“. Die „Generation Eduard Zimmermann“ um den Mitbegründer des WEISSEN RINGS, der durch die Fernsehsendung „Aktenzeichen XY“ so etwas wie eine Institution war, wird eben immer kleiner.

Die Bundesdelegiertenversammlung des WEISSEN RINGS, die Sie zur Bundesvorsitzenden gewählt hat, hat auch einen Unvereinbarkeitsbeschluss verabschiedet, der den Verein vor einer möglichen Unterwanderung durch extremistische Kräfte schützen soll. In einigen Regionen der neuen Bundesländer erreichte die in Teilen rechtsextreme AfD bis zu 40 Prozent der Wähler, auch bei Ihnen in Brandenburg kam die Partei auf knapp 30 Prozent. Erschwert so ein Unvereinbarkeitsbeschluss Ihren Plan, den WEISSEN RING „ostdeutscher“ zu machen?

Die Gefahr von Unterwanderung durch Extremisten – und damit meine ich nicht nur durch Parteien, sondern auch Menschen mit einer solchen Weltanschauung – ist schon sehr groß. Der Beschluss ist inhaltlich ja auch nicht ganz neu: Schon 2018 haben wir uns von Extremisten klar distanziert, nun ist das auch in unserer Satzung verankert.

Ich glaube, da sind die Deutschen ein bisschen feinfühliger geworden und verstehen, warum wir uns so positionieren müssen. Es ist daher folgerichtig, dass der Beschluss bei der Delegiertenversammlung in Frankfurt fast einstimmig beschlossen wurde. Das ist ein gutes Zeichen. Der WEISSE RING ist keinesfalls unpolitisch, aber er ist überparteilich.

Im Gespräch: Barbara Richstein beim Interviewtermin im „Zollpackhof“ in Berlin.

Im Jahr 2018 distanzierte sich der WEISSE RING von extremistischen Strömungen und Parteien. Der Bundesvorstand verurteilte damals Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit aufs Schärfste und beschloss einstimmig, dass sich der Verein nicht von extremistischen Parteien instrumentalisieren lässt und keine Spenden von der AfD annimmt. Auslöser war die missbräuchliche Verwendung des Logos des WEISSEN RINGS bei einer öffentlichen Spendensammlung durch einen Ortsverband der AfD in Nordrhein-Westfalen. Nach der Veröffentlichung des Vorstandsbeschlusses im Magazin des WEISSEN RINGS erklärten ein paar Dutzend Vereinsmitglieder ihren Austritt.

Sie waren lange im Brandenburgischen Landtag. Wie haben Sie die AfD dort erlebt?

In den letzten Jahren ist der Umgangston rauer geworden, das merken wir in der Gesellschaft, wir merken es aber natürlich auch in der Politik. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen sich gegenseitig weniger zuhören, sondern viele sich nur noch auf das Kontra, auf die eigene Gegenposition konzentrieren. Das liegt aber nicht nur an der AfD, muss man ehrlicherweise sagen.

Die Brandenburger AfD wird derzeit vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall beobachtet, aber einige ihrer Abgeordneten gelten bereits als gesichert rechtsextrem. Es wurde in den Debatten schon deutlich, dass einige von denen eine völkisch-nationale Einstellung haben. Egal, welches Thema diskutiert wurde, sie haben immer wieder die Schleife bekommen, gegen Migranten zu hetzen und gegen andere, die nicht in ihr Weltbild passen.

Waren Sie als CDU-Politikerin Hass und Hetze ausgesetzt?

Hm. (Sie überlegt kurz.) In den 25 Jahren habe ich nur ein- oder zweimal einen unschönen Brief bekommen. Ich habe immer versucht, andere nicht persönlich anzugreifen und nicht zu stark zu polarisieren. Das ist nicht meine Klaviatur und hat mir bei der Arbeit, vor allem als Vizepräsidentin des Landtags, sehr geholfen. Ein Kollege von der Opposition hat mir mal gesagt: „Sie sind zu allen gleich streng.“ Das galt auch für meine eigene Fraktion.

Viele Politikerinnen und Politiker berichten von massiver analoger und digitaler Gewalt, zunehmend auch im kommunalen Bereich. In der Stadt Neubrandenburg hat jüngst ein Bürgermeister aus diesem Grund sein Amt niedergelegt. Was kann, was muss der Staat tun, um diese Menschen und ihre Ämter besser zu schützen?

Es ist ja schon einiges geschehen. Erst im Sommer hat die „Starke Stelle“ ihre Arbeit aufgenommen, das ist eine bundesweite Ansprechstelle für kommunale Amts- und Mandatsträgerinnen und -träger. Betroffene Politiker können sich dort individuell beraten lassen. In Brandenburg gibt es außerdem ein mobiles Beratungsteam: Als in meiner Kommune eine Flüchtlingsunterkunft gebaut werden sollte, gab es viel Widerstand. Das Beratungsteam hat dann alle an einen runden Tisch geholt und dazu eingeladen, sachlich miteinander zu reden.

Das Innenministerium in Brandenburg hat zudem eine Umfrage unter kommunalen Mandatsträgern gemacht, um faktenbasiert herauszufinden, wie viel Gewalt die wirklich erleben – und von wem sie angegriffen werden. Spannenderweise sind es manchmal nicht nur die Bürger, die Politiker bedrohen, sondern auch Kollegen aus den eigenen oder anderen Fraktionen.

Was kann, was muss eine Opferschutzorganisation wie der WEISSE RING tun, um Politikerinnen und Politiker zu schützen?

Im Bereich der Politik geht es oft um verbale Taten, körperliche Angriffe sind zum Glück eher die Ausnahme. Viele, die im Netz angegriffen werden, möchten vor allem geschützt werden. Es ist aber nicht immer leicht zu sagen, ab wann eine Aussage justiziabel ist und wann nicht. Das können wir auch nicht entscheiden. Der WEISSE RING versteht sich als Lotse im Hilfesystem, und dazu gehört, auf Angebote wie die „Starke Stelle“ zu verweisen, deren Netzwerkpartner wir auch sind. Außerdem gibt es noch spezialisierte Institutionen wie HateAid, die sehr erfahren sind im Umgang mit digitaler Gewalt und Betroffenen gut helfen können.

Wäre es ein hilfreiches Mittel gegen digitale Gewalt, wenn jeder sich nur noch mit dem Klarnamen im Internet anmelden dürfte?

Das würde ich mir wünschen. Ich glaube aber, dafür ist es schon zu spät, das haben wir verpasst. Bei unserer Bundesdelegiertenversammlung im September hat der Faktenchecker Oliver Klein vom ZDF über Hass im Netz berichtet und gesagt: „Die Lüge ist dreimal um die Welt, bevor die Wahrheit ihre Schuhe angezogen hat.“ Ich fürchte, wir werden das Problem nicht von heute auf morgen in den Griff bekommen. Deshalb ist es wichtig, auf Prävention zu setzen, vor allem bei der jüngeren Generation, die ja schon ganz anders mit digitalen Medien aufwächst.

Digitale Gewalt ist ein recht junges Tatphänomen. Meinten Sie das, als Sie vor Ihrer Wahl ankündigten, der WEISSE RING müsse sich stärker auf neue Deliktphänomene einstellen?

Ja, neben der Verrohung und Gewalt im Netz gehören auch die moderne Form des Enkeltricks, Phishing-Mails und KI-gesteuerte Betrugsmaschen dazu. Ich habe neulich erst eine SMS bekommen: „Hallo Papa, ich habe eine neue Telefonnummer.“ Da dachte ich: „Sehr schön, jetzt bin ich plötzlich Papa.“ Das ist natürlich eine offensichtliche Betrugsmasche, aber die Menschen müssen auch wissen, dass Banken keine unseriösen E-Mails schreiben und dass Polizisten zu Hause keine Wertsachen oder vermeintliches Falschgeld sicherstellen. Prävention ist nicht ohne Grund ein Satzungsziel des WEISSEN RINGS.

Neu ist auch das Sozialgesetzbuch 14 (SGB XIV), das im Januar 2024 das bisherige Opferentschädigungsgesetz abgelöst hat. Der WEISSE RING hat ja wiederholt auf Missstände beim alten OEG hingewiesen. Sehen Sie bereits Verbesserungen für die Opfer?

Das Gute ist: Der Katalog nach dem SGB XIV ist größer geworden. Theoretisch können Betroffene von Gewalttaten nun höhere Entschädigungen erhalten. Das Problem ist aber nach wie vor, dass die Opfer dafür oft immer noch zu einem Gutachter müssen, was wieder zu Retraumatisierungen führen kann.

Wir haben bislang den Eindruck, dass die Versorgungsämter seit der Umstellung des OEG auf das SGB XIV vor allem mit sich selbst beschäftigt sind.

Ich glaube, die Umstellung braucht noch ein bisschen Zeit. Das ist ein behördeninternes Verfahren und betrifft die gänzliche Umstellung der IT.

Wie sieht denn derzeit das Verhältnis zu den Landessozialämtern aus?

Nach der Veröffentlichung unserer Recherche „Tatort Amtsstube“ in unserem Magazin vor zwei Jahren, in der wir Missstände bei der Umsetzung des damaligen Opferentschädigungsgesetzes veröffentlicht haben: eher holprig. (Sie lacht.)

Es gibt aber viele Bemühungen, die Zusammenarbeit mit den Landessozialämtern zu verbessern und uns besser zu verknüpfen. Wir haben in Brandenburg und auch in anderen Bundesländern zum Beispiel unsere Außenstellen mit den Mitarbeitern der Behörden zusammengebracht, sodass jeder auch auf Augenhöhe sieht, wer da eigentlich mit wem zu tun hat.

Im nächsten Jahr soll es weitere Treffen auf regionaler Ebene geben, um zu schauen, ob sich für die Opfer qualitativ etwas an der Arbeit geändert hat.

Stichwort Opfer: In Frankreich findet zurzeit ein aufsehenerregender Vergewaltigungsprozess statt. Die Betroffene, Gisèle Pelicot, möchte, dass das, was sie erlebt hat, öffentlich diskutiert und gezeigt wird. Sie machte Schlagzeilen mit dem Satz: „Die Scham muss die Seite wechseln!“ Verfolgen Sie den Fall?

Das ist ein sehr krasser Fall. Ich finde, diese Frau ist sehr mutig, und es ist bemerkenswert, dass sie die Scham nicht annimmt. Ich hoffe, dass sie ein Vorbild für andere betroffene Frauen sein kann und sie ermutigt, selbstbewusst zu sagen: „Ja, ich bin vergewaltigt worden, aber es war definitiv nicht meine Schuld!“

Meinen Sie, dass sich durch den Prozess auch das Opferbild in Deutschland nachhaltig ändern kann?

Ich hoffe es sehr. Es herrscht bei einigen Menschen leider immer noch das Stereotyp, Betroffene seien selbst schuld, weil sie zum Beispiel das falsche Kleid getragen haben. Auch Verteidiger arbeiten oft in diese Richtung. Da muss sich etwas ändern.

,,Die Ehrenamtlichen sind das Herzstück des WEISSEN RINGS."

Woran denken Sie da?

Dieses Jahr wollte das Europäische Parlament eine einheitliche Definition des Straftatbestands „Vergewaltigung“ festlegen, die in allen Mitgliedsstaaten gelten sollte. Das Vorhaben ist aber gescheitert, unter anderem an unserem Bundesjustizminister Marco Buschmann von der FDP, weil er die Europäische Union aus formalen Gründen als nicht zuständig ansah. Die Begründung kann ich nicht nachvollziehen. Es gibt auch Rechtsexperten, die das Gegenteil gesagt haben. Wir hätten da längst weiter sein können.

Den Plänen des Europäischen Parlaments zufolge sollte jegliche „Vornahme einer nicht-einvernehmlichen sexuellen Handlung an einer Frau“ als Vergewaltigung gelten, wobei „das Schweigen der Frau, ihre fehlende verbale oder körperliche Gegenwehr oder ihr früheres sexuelles Verhalten“ nicht als Zustimmung betrachtet werden dürften. Vereinfacht ausgedrückt: nur Ja heißt Ja. In manchen EU-Staaten, zum Beispiel in Schweden oder Spanien, ist diese Regelung bereits geltendes Recht. In Deutschland gilt seit einer Änderung des Sexualstrafrechts im Jahr 2016 hingegen das Prinzip „Nein heißt Nein“.

Wie geht es für Sie jetzt weiter? Nicht nur der WEISSE RING muss in Ostdeutschland bekannter werden – umgekehrt müssen Sie als Vorsitzende eines ostdeutschen Landesverbands vermutlich auch an Ihrer Bekanntheit auf Bundesebene arbeiten. Werden Sie in den nächsten Wochen nun Deutschland bereisen, um sich in allen 400 Außenstellen des Vereins vorzustellen?

Alle Außenstellen zu besuchen wird vermutlich etwas schwierig. (Sie lacht.) Aber beim Treffen der Jungen Mitarbeitenden war ich schon, auch bei den Zentralen Ehrenamtlichen Diensten, also beim Opfer-Telefon und bei der Onlineberatung des Vereins. Ich werde zu so vielen Landestagungen fahren wie möglich. Ich merke, dass die Leute enorm motiviert sind.

Die Ehrenamtlichen sind das Herzstück des WEISSEN RINGS, das habe ich auch bei der Vorstellung vor meiner Wahl gesagt.

 

Nach dem Interview brauchen wir noch ein paar Fotos. In einem Clubraum des „Zollpackhofs“ entdeckt Barbara Richstein eine Wand voller Wimpel und Embleme. Es sind die von Rotary-Clubs aus ganz Deutschland. Richstein lacht, dann zückt sie das Handy und macht mehrere Fotos. „Da bin ich auch Mitglied“, sagt sie. Was sie nicht sagt: Sie ist die Präsidentin ihres Rotary-Clubs in Falkensee. Auch das ist ein Ehrenamt.

Natürlich.

Die Prozessbegleiter

Erstellt am: Freitag, 11. Oktober 2024 von Sabine

Die Prozessbegleiter

Klaus-Peter Zejewski und Holger Kuhrt engagieren sich ehrenamtlich beim WEISSEN RING. Bei einem Treffen in Berlin wird rasch klar: Sie haben viel zu erzählen.

Bauklötze als Hilfsmittel

Manchmal haben sie danach Fingernagel­abdrücke an ihren Händen. „Und Taschen­tücher und eine Flasche mit Wasser haben wir immer dabei“, sagen die beiden erfahrenen Herren, die an diesem Vormittag im Landesbüro des WEISSEN RINGS in Berlin sitzen. Früher war hier ein Möbelhaus drin, aber seit 13 Jahren sind die Räumlichkeiten in der Bartning­allee 24 im Hansaviertel die Berliner Zentrale der Hilfs­organisation. Das Amtsgericht Tiergarten ist nur 300 Meter vom Landesbüro entfernt. Dort sind Klaus­-Peter Zejewski und Holger Kuhrt öfter anzutreffen: als Begleitung für Opfer im Strafverfahren. Und dort halten sie manchmal die Hand des Opfers, die sich vor Anspannung an ihnen festkrallt.

Die beiden kennen sich seit über zehn Jahren durch den WEISSEN RING und sind mittlerweile „leicht befreundet“, wie sie scherzhaft sagen. Wie ernst das gemeint ist, lassen sie offen. Nach dem Termin wollen sie noch gemeinsam zum Italiener essen gehen. Doch erst einmal stehen in dem Besprechungsraum Kaffee, Wasser, Saft und Süßigkeiten bereit. Beide haben einen Hefter mit Unterlagen über ihre Gruppe „Begleitung im Strafverfahren“ mitgebracht.

Zu erzählen gibt es viel, denn Klaus­-Peter Zejewski ist seit 13 Jahren beim WEISSEN RING dabei, Holger Kuhrt seit 17 Jahren. Der Urberliner Zejewski ist außerdem stell­vertretender Außenstellenleiter Berlin Nord sowie der Koordinator der Gruppe Begleitung im Strafverfahren. Holger Kuhrt ist seit etwa fünf Jahren in der Gruppe, aber so genau weiß er das gar nicht, denn es sind schon so viele Jahre, die er beim Opferhilfeverein aktiv ist.

Dass Opfer von Straftaten eines besonderen Schutzes im Strafverfahren bedürfen, wusste Klaus­-Peter Zejewski schon vor seinem Ehrenamt. Als Polizeibeamter saß er oft im Gerichtssaal. Und beide wissen von den Sorgen und Unsicherheiten der Opfer bei einem Strafprozess. „Sie haben Angst vor der Begegnung mit dem Täter, sie waren vielleicht noch nie in einem Gerichtssaal und kennen die Abläufe nicht, oder sie haben Angst, in dieser schwierigen Situation allein zu sein“, sagen sie.

Deshalb bieten die derzeit zwölf Ehrenamtlichen der Berliner Gruppe, sechs Frauen und sechs Männer, den Opfern Hilfe bei der Prozessvorbereitung an. Wenn gewünscht, begleiten sie sie auch während des Prozesses. „Wir hören immer wieder, dass die Opfer dem Tag vor Gericht bestenfalls mit einem mulmigen Gefühl ent­gegensehen“, sagen sie. Die Mitarbeiter sehen sich als Vertrauenspersonen, die sich die Sorgen der Opferzeugen anhören und sie ihnen zu nehmen versuchen. Seit zehn Jahren gibt es beim WEISSEN RING das zusätzliche Angebot der Psychosozialen Prozessbegleitung. „Aber nicht in jedem Opferschutzfall ist die Beiordnung der Psychosozialen Prozessbegleitung möglich, und dann kann man unser Angebot nutzen“, sagt Holger Kuhrt.

Seit vielen Jahren für den WEISSEN RING aktiv: Holger Kuhrt (links) und Klaus-Peter Zejewski.

Der gebürtige Hamburger hat sein Leben lang mit Men­schen gearbeitet. Er war Inhaber und Geschäftsführer eines Headhunter­-Unternehmens, das für andere Unternehmen Führungskräfte rekrutierte. Seine Frau arbeitete in der Erwachsenenbildung in Berlin. „Wir hatten eine Pendel­ Ehe, und als ich mit dem Arbeiten aufgehört habe, bin ich zu ihr nach Berlin gezogen.“ Einen Monat nichts machen, das gönnte er sich. Dann war es seltsam, nicht mehr jeden Tag ins Büro zu gehen. Schnell fragte er sich, was er ab jetzt den ganzen Tag machen solle. Also bewarb er sich beim WEISSEN RING und saß zum ersten Mal beim Vor­stellungsgespräch auf der anderen Seite.

Zwölf Jahre arbeitet Holger Kuhrt nun schon ehrenamt­lich in der Opferbetreuung und ist zwischenzeitlich auch Außenstellenleiter. Eigentlich wollte er schon aufhören, denn während der Unterstützung von Betroffenen ging er durch „alle Höhen und Tiefen der menschlichen Seele“, sagt er. Dann jedoch erfuhr er von der Gruppe Begleitung im Strafverfahren und hatte Lust, noch einmal etwas Neues zu machen. Seit fünf Jahren ist der 80­-Jährige dort nun schon wieder dabei.

Es gibt viele Fälle, die beiden für immer im Gedächtnis bleiben werden. Bei Holger Kuhrt ist es zum Beispiel der Fall eines damals gerade 17-­jährigen Mädchens. Er wurde zu einer türkischen Familie in Moabit geschickt. „Sie hat ihr T­-Shirt hochgezogen, und da war ein genähter Schnitt vom Schambein bis fast unter den Hals“, erinnert er sich. Das Mädchen ist für ihr Leben lang gezeichnet, dachte sich Holger Kuhrt bei ihrem Anblick. Der Täter war ihr Freund, der nicht damit umgehen konnte, dass sie sich von ihm trennen wollte.

Für seine Opferzeugin war der Prozess besonders heraus­fordernd, aber auch für ihn selbst. „Sie wäre fast kolla­biert, und ich musste sie vor dem Täter und seiner Familie abschirmen“, erinnert er sich. Also greift Holger Kuhrt zu einer ungewöhnlichen Maßnahme, um sie sicher in den Gerichtssaal zu geleiten. Er leiht sich einen Rollstuhl aus der Sanitätsstation, legt ihr eine Wolldecke über den Kopf und schiebt sie in den Gerichtssaal.

Klaus-Peter Zejewski griff auch schon einmal spontan zu ungewöhnlichen Maßnahmen, um eine Opferzeugin zu schützen.

Sehr oft kommt es auf Grundlage der Opferaussagen zur Verurteilung des Täters. Deshalb sind sie vor Gericht wichtige Zeugen. Doch für viele Opfer ist die Aussage vor Gericht eine Ausnahmesituation und Belastung. Umso wichtiger ist die Arbeit der Strafprozessbegleiter. Sie sollen professionell auftreten und kompetente Ansprechpartner für die Opfer vor, während und nach dem Strafprozess sein. „Lebenserfahrung, innere Stabilität und Empathie sollte man mitbringen“, sagt Holger Kuhrt. Aber genauso staunt er über das neueste Mitglied der Gruppe, das erst 20 Jahre alt ist und die Arbeit trotzdem schon gut meistert.

Die Akademie des WEISSEN RINGS bietet ein kostenloses Seminar für die Außenstellenleitungen und die anderen Ehrenamtlichen an. Darin wird ein Querschnitt an Inhalten vermittelt, mit denen sie konfrontiert werden können. Zum Beispiel rechtliche Aspekte im Schutz von Opfer­ zeugen, kommunikative Ansätze zur Vorbereitung auf die Rolle der Opfer im Strafverfahren, Grundelemente der Psychotraumatologie oder Übungen zur Vorbereitung auf den Strafprozess. Das Seminar ist gefragt und in diesem Jahr schon ausgebucht.

Klaus-­Peter Zejewski kramt einen Stoffbeutel hervor und legt ihn auf den Tisch. Darin liegen bunte Bauklötzchen aus Holz. „Manche der Seminarteilnehmer kommen sich etwas veräppelt vor, wenn sie damit arbeiten sollen“, sagt er und lacht. „Kennen Sie das Beziehungsbrett aus der Psychotherapie?“, wollen die beiden wissen. In der Familientherapie wird es angewendet, um Zusammen­ hänge, Strukturen und Prozesse zu visualisieren und diese zu verändern. In der Vorbereitung auf das Strafverfahren dienen die Klötzchen zur ersten Orientierung im Gerichts­saal: Wo sitzt der Richter, der Angeklagte und sein Ver­teidiger, wo der Staatsanwalt und natürlich, wo sitzt man als Opferzeuge oder Opferzeugin?

Pro Jahr kümmert sich die Gruppe um etwa 35 Opfer, die vor Gericht aussagen müssen und dabei professionelle Hilfe brauchen. Die Menschen kommen aus ganz Berlin zu ihnen. Meist geht es um Gewaltdelikte wie häusliche Gewalt, Körperverletzung oder sexuellen Missbrauch. Deshalb ist die Geschlechtermischung in der Gruppe auch hilfreich, denn manche Frauen wollen oder können nach den traumatisierenden Erlebnissen auch nur mit Frauen sprechen.

Als er vor 13 Jahren in Rente ging, meldete sich der heute 75-­jährige Zejewski beim WEISSEN RING. Während seiner beruflichen Tätigkeit als Polizeibeamter hatte er immer wieder Kontakt mit dem Verein. Diese Erfahrungen wollte er nutzen, um den Opfern zu helfen. Der Fall, von dem Klaus­-Peter Zejewski nun erzählt, ist aber kein klassischer mit einem Opferzeugen. Das Opfer konnte nicht mehr aus­ sagen, denn es wurde bei der Tat getötet.

Vor acht Jahren hat er eine junge Frau vor Gericht begleitet, die Zeugin dieses Mordes wurde. Sie kam nachts mit dem Auto nach Hause. Vor einem Lokal in Neukölln hatten sich einige Leute versammelt. Plötzlich zog ein Mann eine Waffe und erschoss vor ihren Augen einen anderen Mann. „Sie hat sich nicht getraut auszusteigen und blieb im Auto sitzen, bis die Polizei kam“, erinnert sich Klaus­-Peter Zejewski, „die Polizei hat sie dann verhört, denn sie war die einzige unabhängige Zeugin vor Ort.“

Sie hatte vor allem Angst vor dem Täter und seinem Umfeld und wollte ihm vor Gericht nicht begegnen. Bei diesem Fall war auch die Presse beim Gerichtstermin dabei. Die Zeugin wollte von beiden weit weg sein. Außerdem war die Vorbereitung auf die Verhandlung und vor allem auf die Befragung durch den Verteidiger wichtig. „Denn er hat sie natürlich zum Tatablauf, zur genauen Uhrzeit und Täterbeschreibung in die Mangel genommen“, so Zejewski.

Holger Kuhrt verbrachte einst mehrere Stunden mit einem Opfer in der Botschaft Kanadas.

Durch die Arbeit für den WEISSEN RING ist er eigentlich gar nicht im Ruhestand angekommen. „Das ist sehr befriedigend für mich, da ich immer noch voll am Leben teilnehme und dabei auch noch meine Hilfe einbringen kann“, sagt er. Als Ausgleich zu der manchmal auch belastenden Arbeit liest er täglich zwei Tageszeitungen. „Und wenn der Akku mal wieder leer sein sollte, fahre ich auf meine Lieblingsinsel Sylt.“ Auch seine Frau, mit der er zwei erwachsene Kinder hat und in einer Wohnung in Berlin lebt, ist als Fraktionsvorsitzende einer Partei und stellvertretende Gemeindevorsitzende politisch aktiv.

Wahrscheinlich könnten die beiden noch lange weitererzählen. Über die Jahre beim WEISSEN RING sind sie auf die unterschiedlichsten Menschen und Schicksale getroffen und haben viel erlebt. Einmal kam zu Klaus­-Peter Zejewski sogar eine bekannte Berliner Schauspielerin. Ihren Namen will er, obwohl das Jahre her ist, nicht verraten. Und Holger Kuhrt war einmal über Stunden mit einem Opfer in der Kanadischen Botschaft in Berlin eingesperrt. „Die Dame hatte keine Papiere dabei, und sie haben uns nicht rausgelassen“, erinnert er sich. Irgendwie haben sie es dann aber doch geschafft.

Trotz aller Opferrechtsbestrebungen sind Betroffene von Straftaten vor Gericht oft nur ein „Beweis­ mittel“. Menschen wie Klaus­-Peter Zejewski, Holger Kuhrt und die anderen ehrenamtlichen Mitarbeiter der Berliner Gruppe vom WEISSEN RING helfen ihnen dabei, entspannter zur Verhandlung gehen zu können. Denn sie wissen, sie sind nicht allein. Und dafür sind sie dankbar.