Die Umtriebigen

Erstellt am: Freitag, 11. Oktober 2024 von Sabine

Die Umtriebigen

Shatha Yassin­-Salomo und Elke Yassin-Radowsky machen beim WEISSEN RING gemeinsame Sache. Auch der Enkel interessiert sich für ihre ehrenamtliche Arbeit.

Elke Yassin-Radowsky (links) und ihre Tochter Shata Yassin-Salomo (rechts)

Ihr vierjähriger Enkel hat Shatha Yassin-­Salomo schon ein paarmal gefragt: „Oma, wie sehen die Bösis aus?“ Dass Oma und Uroma Menschen helfen, die „Bösis“ begegnet sind, denen also etwas Schlimmes passiert ist, so viel hat auch er schon ver­standen. Die Arbeit beim WEISSEN RING machen die beiden immerhin schon länger als er auf der Welt ist.

Eine Antwort darauf, wie Menschen aussehen, die anderen Böses wollen, haben Shatha Yassin­-Salomo und ihre Mutter Elke Yassin-­Radowsky aber auch nach vielen Jahren im Dienst für den WEISSEN RING nicht. „Man erkennt sie eben nicht“, sagt Shatha Yassin­-Salomo.

Elke Yassin-­Radowsky arbeitet schon seit fast 25 Jahren für den WEISSEN RING im Raum Erlangen. Seit 2008 leitet sie zudem die Außenstellen der Stadt Erlangen und des Kreises Erlangen­-Höchstadt, später kam die Außenstelle im Landkreis Fürth hinzu. Die Außenstellen für die Städte Fürth und Nürnberg leitet Shatha Yassin­-Salomo seit 2021, als Ehrenamtliche kam sie 2017 zum WEISSEN RING.

Das Ende ihres Berufslebens war für Elke Yassin-­Radowsky der Anlass, ein Ehrenamt zu übernehmen, und für ihre Tochter, mehr Verantwortung zu schultern. Beide sind sich einig: In der Rente nur noch zu Hause sitzen oder in den Urlaub fahren, das kam für sie nicht infrage. „Ich wollte etwas Sinnvolles machen“, sagt Elke Yassin-­Radowsky. „Etwas bewirken“, ergänzt Shatha Yassin-­Salomo. Etwas, das sie auch weiterhin herausfordert.

„Ich war nicht berufen, aber es ist zu meiner Berufung geworden“, sagt Elke Yassin-­Radowsky. Sie war direkt begeistert von der Arbeit des Opferhilfevereins. „Men­schen, die am Ende sind, zu helfen, weiterzumachen.“ Es sei immer eine Herausforderung, eine schlimme Situation in etwas halbwegs Positives zu verwandeln. Ihre Begeisterung konnte sie schon weitertragen: Ihre Schwester ist ebenfalls seit zehn Jahren im Einsatz – und eben ihre Tochter. „Eines meiner Enkelkinder werde ich auch noch überzeugen – die sind aber im Moment noch zu eingebunden im Beruf“, sagt Elke Yassin-­Radowsky mit Augenzwinkern.

Sie hat in ihrem Leben schon viel gesehen. Mit 18 zog es sie in die Welt hinaus. „Die Vorstellung, die Ehefrau eines Sie­mens-­Diplom-­Ingenieurs zu werden, war mir ein Graus“, sagt sie. Ehefrau eines Siemens­-Diplom-­Ingenieurs – das gilt im Raum Erlangen als Abziehbild für einen traditio­nellen, eher spießigen Lebensentwurf.

Stattdessen ging sie nach England zum Studieren, lernte dort ihren Mann kennen. Ihre Tochter kam in London zur Welt, später lebte die Familie im Irak, dem Heimat­land ihres Mannes. Dass er nachher, als sie zurück nach Erlangen zogen, eine Stelle als Siemens­-Diplom-­Ingenieur annahm, konnte Elke Yassin­-Radowsky nach den Jahren unterwegs mit vielen Eindrücken und Erlebnissen gut verkraften, erzählt sie und lächelt. Sie selbst hat lange Zeit in der Forschung an der Universität in Erlangen als medizinisch-­technische Assistentin gearbeitet. Es beein­flusse einen, wenn man nicht nur zu Hause sitzt, sondern in der Welt herumkommt, findet Elke Yassin-­Radowsky. Vor allem habe es Einfluss darauf, wie man auf Menschen zugeht.

Elke Yassin-Radowsky engagiert sich schon seit fast 25 Jahren für den WEISSEN RING, ihre Tochter ist seit 2017 dabei.

Obwohl der Anlass für ihr Ehrenamt für Mutter und Tochter der gleiche war, ist die Arbeit in den Außenstellen doch unterschiedlich. Für Shatha Yassin­-Salomo war zu Beginn ihres Einsatzes als Leiterin in Nürnberg und Fürth erst einmal Struktur schaffen angesagt. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt nur etwa zehn Ehrenamtliche im Team, dafür noch zwei weitere Außenstellen angegliedert. Eine davon, den Landkreis Fürth, hat sie an ihre Mutter abgegeben, das Nürnberger Land hat eine neue, eigene Außenstelle bekommen. Shatha Yassin-­Salomo hat zudem neue Ehrenamtliche für die Arbeit beim WEISSEN RING gewonnen und ein­gearbeitet – offenbar kann nicht nur ihre Mutter, sondern auch sie Menschen für dieses Ehrenamt begeistern

Aber auch in der alltäglichen Arbeit der Außenstelle hat sie für Struktur und Organisation gesorgt. Die Dienstpläne in den Büros in Nürnberg und Fürth sind so gefüllt, dass immer jemand im Einsatz und erreichbar ist. Für die Fälle, die Shatha Yassin­-Salomo am Telefon entgegennimmt, erstellt sie für jeden Tag eine ausführliche Übersicht mit dem, was ihre Mitarbeitenden im jeweiligen Termin erwartet: Um was für eine Straftat geht es? Was braucht die betroffene Person? Formulare schickt sie schon vorab an die Betroffenen, damit in der Beratung nicht zu viel Zeit für Schreibkram verloren geht.

„Dieses Strukturierte hat meine Tochter nicht von mir, das hat sie eher aus ihrem Berufsleben“, sagt Elke Yassin­-Radowsky. Shatha Yassin-­Salomo war Lehrerin für Latein und Französisch, hat aber auch Fortbildungen für Lehrkräfte gegeben und als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Schulreferat in Nürnberg gearbeitet. „Ich habe Bildung von allen Seiten kennengelernt.“

In ihrer Laufbahn war sie hoch engagiert, hat Leitungsaufgaben und Projekte an ihrer Schule übernommen. Sie ist eine, die anpackt und sich nicht zufriedengibt, bis es wirklich gut läuft. „Das ist meine Art. Wenn mich etwas interessiert, gehe ich über die Norm hinaus.“ Organisation und Koordination habe sie immer gemocht, vor allem, wenn sie zu einem guten Ergebnis führen. Eigenschaften, von denen sie auch in ihrem Ehrenamt profitiert.

,,Ich war nicht berufen, aber es ist zu meiner Berufung geworden."

Elke Yassin-Radowsky

In der Außenstelle von Elke Yassin­-Radowsky hingegen wird mehr auf Zuruf gearbeitet. Die Leiterin nimmt Anrufe entgegen und gibt die Fälle dann an ihre acht Ehrenamtlichen weiter. Anders als in Nürnberg und Fürth gibt es in Erlangen, Erlangen­ Höchstadt und im Landkreis Fürth keine Büros – die Mitarbeitenden besuchen die Betroffenen dort, wo sie das Gespräch führen möchten. Das habe seine Vorteile, die Gespräche würden so oft als persön­licher und lockerer empfunden, sagt Elke Yassin­-Radowsky. Man sei auch weniger an einen Stunden­plan gebunden. In ihrer Außenstelle begleiten sie die Menschen oft von Anfang an: manchmal bevor sie Anzeige erstattet haben und bis zum Gerichts­prozess.

Dass beide so unterschiedlich arbeiten, liegt vor allem an der Größe der Außenstellen. „Erlangen ist statistisch die zweitfriedlichste Stadt in Bayern“, sagt Elke Yassin­-Radowsky. In Nürnberg und Fürth sei da schon mehr los. Den 100 bis 150 Fällen, die sie und ihr Team bearbeiten, stehen mehr als 300 in den beiden Städten ihrer Tochter gegenüber.

Aber auch neben der Beratung fallen in Nürnberg und Fürth Aufgaben an. Zumindest, wenn man die Arbeit beim WEISSEN RING so versteht wie Shatha Yassin­-Salomo. Sie hält in beiden Städten engen Kontakt zu verschiedenen Stellen und anderen Hilfsorganisationen – der Polizei und den Gleich­stellungsbeauftragten etwa oder dem Verein Wild­wasser, einer Fachberatungsstelle für Mädchen und Frauen gegen sexuellen Missbrauch und sexuali­sierte Gewalt. „Ich möchte, dass die wissen, wer ich bin“, sagt Shatha Yassin­-Salomo. Auch ihre Mutter pflegt zu den relevanten Stellen in Erlangen einen guten Kontakt. Es ist wichtig, präsent zu sein, wissen beide. Mit einer guten Vernetzung sei eine engere Zusammenarbeit möglich und auch ein Weiterleiten von Betroffenen an zusätzliche Hilfsangebote, die für sie sinn­voll sein könnten.

Sie halten auch Vorträge zu den Themen, die für den WEISSEN RING wichtig sind, aktuell sind etwa Betrug im Internet und am Telefon oder Cybermobbing besonders relevant. „Das war auch etwas, das ich erst lernen musste“, sagt Elke Yassin­-Radowsky, die mittlerweile wohl um die 100 Vorträge gehalten hat, „aber im Leben lernt man eben immer dazu.“

Und es gibt noch etwas, das sie mit der Zeit gelernt hat: eine gewisse Distanz zu wahren und die Leidensgeschichten der Opfer nicht zu nah an sich heranzulassen. „Es betrifft mich nicht mehr so wie früher.“ Auch wenn sie heute weniger selbst berät und begleitet, kenne sie die Fälle oft trotzdem, weil viele schon beim ersten Kontakt am Telefon ihre ganze Geschichte erzählen.

Immer wieder seien welche dabei, die sie erschüttern, doch sie wisse mittlerweile, wie sie sich abgrenzen könne. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr ein Fall, bei dem eine Frau auf dem Nachhauseweg von einem Dorffest ver­gewaltigt wurde. Nach der Gerichtsverhandlung habe sie zu Elke Yassin-­Radowsky gesagt, sie wolle sie nie wieder sehen. „Das hat mich zuerst schockiert“, erinnert sie sich. Hatte sich die Betroffene nicht gut betreut gefühlt? „Aber dann habe ich verstanden: Sie wollte einfach mit der Sache abschließen und sie hinter sich lassen.“

Eingespieltes Team: Mutter und Tochter.

In jüngster Zeit hatte sie mit zwei Frauen zu tun, die in ihrer Kindheit von den Eltern und deren Bekannten missbraucht wurden. So etwas macht sie auch heute noch fassungslos. Menschen, denen so etwas passiert, können das oft ihr ganzes Leben lang nicht verarbeiten. Trotzdem: „Ich denke nicht, dass sich durch die Arbeit meine Welt­sicht verändert hat. Ich war immer optimistisch“, sagt Elke Yassin­-Radowsky.

Bei ihrer Tochter ist das anders. Sie sagt, sie sei vor­ sichtiger geworden: „Ich weiß einfach zu viel.“ Fälle von Kindesmissbrauch gehen auch ihr besonders nahe. Vor allem, wenn den Müttern vom Jugendamt oder vor Gericht nicht geglaubt wird. Dann versuche sie, die Betroffenen mit erfahrenen Anwältinnen und Anwälten zu vernetzen und immer wieder auch mit Frauen, die Ähnliches erlebt haben.

Die Arbeit habe auch ihr Menschenbild beeinflusst, auch wenn sie nicht alle über einen Kamm scheren mag. Sie vertraue heute nicht mehr blind. „Ich habe ein großes Gerechtigkeitsempfinden“, sagt Shatha Yassin­-Salomo. Sie lese viel rund um Verfahren und Dinge, die bei Tren­nungen, Stalking und Missbrauch eine Rolle spielen, sehe sich Dokumentationen an, konsumiere alles an Informa­tionen auf der Suche nach Lösungsansätzen. „Wenn ich in ein Thema einsteige, dann richtig.“

Ihr sei es wichtig, Statistiken mit Leben zu füllen. Auch deshalb, damit Betroffene sich öfter trauen, um Hilfe zu bitten oder ihre Peiniger anzuzeigen. Gerade bei Gewalt in der Familie sei viel Scham im Spiel, Opfer fühlen sich mit­ schuldig oder haben Angst, mit einer Anzeige die Familie zu zerstören. Dieses Thema lasse sie nicht los.

Wie lange Elke Yassin-­Radowsky noch weitermachen kann, weiß sie noch nicht. Bald hat sie die 25 Jahre voll. Für ihr besonderes Engagement wurde sie 2022 vom bayerischen Ministerpräsidenten mit dem Ehrenabzeichen für besondere Verdienste im Ehrenamt ausgezeichnet. Sie hat sich gefreut und sieht die Auszeichnung doch ganz fränkisch-­nüchtern und pragmatisch. Die Ehrennadel liegt heute in der Schublade.

„Facebook ist besonders toxisch“

Erstellt am: Montag, 7. Oktober 2024 von Torben

„Facebook ist besonders toxisch“

Dr. Daniel Nölleke erforscht das Thema Online-Hass im Leistungssport an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Er spricht im Interview über Hass bei den Olympischen Spielen in Paris, über Gruppendynamik in Fankurven und erklärt, warum er den Einsatz von künstlicher Intelligenz gegen Hassrede im Internet problematisch findet.

Foto: Andrea Bowinkelmann

Herr Dr. Nölleke, warum ist Online-Hass im Sport aus Ihrer Sicht so ein großes Thema?

Im Sport ist das Problem ausgeprägter als in anderen Bereichen: Prominente Sportlerinnen und Sportler sind bereits lange mit Hass und Hetze konfrontiert – im Fußball zum Beispiel. Im Stadion scheint es fast schon ein geduldeter Teil der „Fankultur“ zu sein, Leute zu beleidigen und zu beschimpfen. Hinzu kommt jetzt, dass die Logik von sozialen Netzwerken ein idealer Nährboden für Pöbeleien und Drohungen ist.

Was ist der Anlass für den Hass, und welche Gruppen äußern diesen?

Das sind ganz unterschiedliche Gruppen und Anlässe. Beim Skateboarding kann es passieren, dass Skaterinnen und Skater aus den eigenen Reihen angegriffen und beleidigt werden, weil sie durch ihre Teilnahme an Olympischen Spielen angeblich die Glaubwürdigkeit der Szene aufs Spiel setzen. Viele Reitsportlerinnen und Reitsportler sehen sich massiven Drohungen von Tierschutzaktivisten ausgesetzt. Manchmal sind es kleine Anlässe, an denen sich Online-Hass entzündet. Diese Wirkmechanismen besser zu verstehen ist ein Ziel unseres Forschungsprojekts. Es sind nicht immer die polarisierte rechtspopulistische Gesellschaft oder aus Russland gesteuerte Computer-Bots, die Leute online attackieren.

Bleiben wir kurz bei der polarisierten Gesellschaft. Haben sich da aus Ihrer Sicht die Grenzen des Sagbaren verschoben?

Es ist sehr offensichtlich, dass da Grenzen verschoben worden sind in Bezug auf Hass und Hetze – auch weil es so vorgelebt wird von populistischen Politikerinnen und Politikern. Weil immer seltener zwischen Fakten und Meinungen getrennt wird. Weil es schnell heißt, das ist „Cancel Culture“ oder „hier wird meine Redefreiheit eingeschränkt“, sobald etwas gegen Hassrede gesagt wird.

,,Es ist sehr offensichtlich, dass da Grenzen verschoben worden sind in Bezug auf Hass und Hetze."

Dr. Daniel Nölleke
Die scheinbare Anonymität im Netz wird oft als Grund angeführt, warum Hass und Hetze online so stark verbreitet werden.

Es gibt dazu sehr viel Forschung, die besagt, dass es so einfach nicht ist. Die Leute machen das sehr oft unter ihren Klarnamen. Ich glaube trotzdem, dass Anonymität eine Rolle spielt, im Sinne einer gefühlten Anonymität, durch eine Gruppendynamik, in der Einzelne gar nicht so eine große Rolle spielen. Ich kommentiere also nicht als Daniel Nölleke, sondern als Teil einer Gruppe. Das kennt man aus Fußballstadien, zum Beispiel, wenn Spieler oder Schiedsrichter kollektiv ausgepfiffen oder übelst beschimpft werden. Diese Stadionatmosphäre macht was mit einem. Zum anderen steht Sport per se für Emotionen, für Jubel und Enttäuschung. Der Sport in Stadionatmosphäre ist prädestiniert für polarisierende Äußerungen. Es ist sehr plausibel, dass es ähnliche Mechanismen in Kommentarspalten von Social-Media- Accounts und Online-Foren gibt, in denen man sich plötzlich als Teil einer Gruppe von Gleichgesinnten fühlen kann.

Was sagt die Forschung zu den Auswirkungen auf die Sportlerinnen und Sportler?

Auch da ist die Antwort leider unbefriedigend. Während Vereine und Verbände den Online-Hass mittlerweile als gravierendes Problem erkannt haben, fehlt es vonseiten der Forschung bislang weitgehend an systematischem Wissen zu Hassrede im Sport.

Sie sind Anfang Juli mit Ihrem Forschungsprojekt an den Start gegangen, passend zu Olympia 2024 in Paris. Was haben Sie dort wahrgenommen?

Wir werten die Daten gerade aus. Was ich schon sagen kann: Wir haben leider auch zu diesem Event einiges an Hass gefunden im Netz. Natürlich die unsägliche Diskussion um die „männliche“ Boxerin Imane Khelif aus Algerien. Das war schon ein heftiger Fall. Oder die australische Breakerin Rachael Gunn alias „Raygun“, die null Punkte bekommen hat und in der Folge im Internet sehr viel Hass und Häme erfahren musste. Aber uns haben vor allem Zwischen-den-Zeilen-Geschichten interessiert. Zum Beispiel, wenn Spielerinnen und Spielern eine deutsche Identität abgesprochen wurde mit dem Clowns-Emoji hinter der Frage „Deutsch?“. Oder wenn jemand zu einzelnen Athletinnen und Athleten postet: „Paralympics?“. Dahinter verbirgt sich gleich eine doppelt gemeinte Abwertung. Das sind spannende Fälle für uns, die wir uns sehr genau anschauen.

Der Deutsche Olympische Sportbund hat dem „Team D“ erstmals einen KI-Filter für die Social-Media-Accounts angeboten. Was halten Sie davon?

Wenn die KI gut trainiert ist, finde ich es zunächst mal gut, wenn schlimme Dinge rausgefiltert und aus- blendet werden. Es ist wichtig, dass Hass keine Bühne geboten wird, denn sonst würden die Grenzen immer weiter verschoben. Ich fände es aber problematisch, diese Grenzen des Sagbaren allein durch eine KI aus- loten zu lassen. Es ist oft ein schmaler Grat zwischen legitimer Kritik und Hass – zumindest aus Sicht der Kritisierten bzw. Angefeindeten. Ich frage mich: Ist das dann noch der öffentliche Diskurs, den wir von Social Media erwarten, wenn wir nur noch den „Daumen hoch“ erlauben? Außerdem hat KI natürlich gerade da ihre Grenzen, wo Hass eben nicht offensichtlich durch Kraft- ausdrücke, sondern sarkastisch oder zynisch zwischen den Zeilen stattfindet.

Auf welcher Plattform haben Sie während der Olympischen Spiele den meisten Hass wahrgenommen?

Facebook ist unter den großen Social-Media-Plattformen offenbar die toxischste, zumindest nach vor- läufigen Erkenntnissen. Auch auf TikTok gibt es sicher grenzüberschreitende Kommentare; aber zumindest nach außen scheint das doch eher eine Gute-Laune-Plattform zu sein.

Dr. Daniel Nölleke ist Juniorprofessor für Sportjournalismus und Öffentlichkeitsarbeit am Institut für Kommunikations- und Medienforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Foto: LSB NRW / Andrea Bowinkelmann

Sie kooperieren im Rahmen Ihrer Forschung auch mit Spitzensportverbänden wie dem Deutschen Volleyballverband, dem Deutschen Ruderverband oder dem Deutschen Turnerbund. Zieht sich dieser Online-Hass denn wirklich durch alle Sportarten?

Ja. Das kann man tatsächlich so sagen. Ich glaube nur, die Verbände sind unterschiedlich gut aufgestellt, was den Umgang damit angeht. Vielen fehlen schlicht die personellen Ressourcen, um das Problem zu priorisieren. Außerdem sind sie eher punktuell damit konfrontiert, insbesondere im Zuge von Großereignissen. Aber alle, die ich auf der Suche nach Kooperationspartnern für das Projekt kontaktiert habe, beschrieben mir Online-Hass gegen Sportlerinnen und Sportler als relevantes Thema.

Gibt es Unterschiede bei Online-Hass gegen Sportlerinnen und Sportler?

Ja, die gibt es. Männliche Sportler werden eher für ihre Leistungen kritisiert; bei Sportlerinnen sind es häufig frauenfeindliche Kommentare, die den Körper und das Aussehen der Frau angreifen und sie zu sexualisierten Objekten degradieren. Weitgehend unabhängig vom Geschlecht sind rassistische Kommentare, die schwarze Sportlerinnen und Sportler erfahren müssen. Interessant ist, inwiefern Sportlerinnen und Sportler unterschiedlich damit umgehen. Sind Fußballer schon so an Anfeindungen gewöhnt, dass sie selbst explizite Androhungen von Gewalt mittlerweile kaltlassen? Auch das wollen wir in unserem Forschungsprojekt in den kommenden zwei Jahren durch viele Interviews herausfinden.

Ein Blick in die Zukunft: Wird der Hass wieder verschwinden?

Es wird, nicht nur für Sportlerinnen und Sportler, sondern für uns alle wichtiger werden, den Umgang damit zu lernen. Dieser Hass wird wohl leider nicht wieder verschwinden, solange es böse Menschen gibt.

“Eine kleine Narbe bleibt immer“

Erstellt am: Montag, 7. Oktober 2024 von Torben

“Eine kleine Narbe bleibt immer“

Moritz Müller spielt in der DEL. Der Profi der Kölner Haie sah sich Anfang 2024 mit einer Hassnachricht konfrontiert. Ein Gespräch über die Folgen.

Ein Eishockeyspieler bewegt sich in Schräglage auf dem Eis.

Moritz Müller ist Eishockey-Profi. Foto: Kölner Haie

Eishockey-Profi Moritz Müller erhielt im Januar 2024 auf seinem Instagram-Profil eine verstörende Hassnachricht. Ein Unbekannter drohte darin unter einem Foto Müllers mit seinen drei Kindern: „Ich würde diese Würmer für so ein schreckliches Spiel von dir töten.“ Im Interview mit der Redaktion des WEISSEN RINGS erklärt der Kapitän der Eishockey-Nationalmannschaft, was die Hassbotschaft bei ihm ausgelöst hat, was aus seiner Strafanzeige geworden ist und welche Botschaft er für Verfasser von Hassnachrichten hat.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie den Hassbeitrag entdeckt haben?

Als ich den Post das erste Mal gesehen habe, war ich geschockt. Man ist ja doch einiges gewohnt und hat schon einiges gelesen über sich selber, aber das war für mich auf jeden Fall noch mal eine Grenze, die dort überschritten wurde. Das hat mich schon erschüttert.

Wie haben Sie das Erlebnis verarbeitet, und was hat Ihnen dabei geholfen?

Ich denke, ich konnte den Post von Anfang an ganz gut einschätzen. Nichtsdestotrotz hatte ich Sorge, dass meine Kinder zum Beispiel in der Schule oder auf dem Schulhof darauf angesprochen werden. Man ist leider einiges gewohnt, aber dies war nochmal eine neue Eskalationsstufe. Ein bisschen verarbeitet man dies, aber eine kleine Narbe bleibt immer bestehen.

Ein Foto zeigt Bundestrainer Julian Nagelsmann

Brutale Fouls im Netz

Sie werden bewundert und gefeiert, aber auch mit Hassbotschaften überhäuft und mit dem Tode bedroht: Spitzensportlerinnen und Spitzensportler sind in den sogenannten sozialen Netzwerken in hohem Maße digitaler Gewalt ausgesetzt. Eine Spurensuche in der Welt des Leistungssports.

Waren Sie davor schon einmal mit Hass und Hetze im Netz konfrontiert?

Ja, auf jeden Fall. Ich treibe seit 20 Jahren professionellen Sport. Leider gibt es viele Menschen, die das Netz nutzen, um ihren Frust zu äußern. Kritik ist okay, aber alles, was persönlich wird, geht nicht. Ich tue mich nicht so schwer damit, das so einordnen zu können, dass es den Leuten selber nicht gutgehen kann. Ich glaube, jemand, der wirklich glücklich ist, dem kann unmöglich etwas daran liegen, andere Leute zu beschimpfen oder schlechtzumachen.

Warum haben Sie den Beitrag selbst kommentiert?

Ich wollte darauf aufmerksam machen. Die meisten Nachrichten, die ich bekomme, mache ich nicht öffentlich, doch in diesem Fall musste ich es teilen. Ich wollte das nicht einfach so stehen lassen und die Öffentlichkeit wissen lassen, was da vorgeht.

Welche Unterstützung haben Sie von Ihrem Verein bekommen?

Der Club hat mir totale Unterstützung zugesagt. Ich wurde unmittelbar nach dem Post vom Verein gefragt, was ich tun möchte – und was auch immer ich tun möchte, der Verein würde mich dabei unterstützen.

Ist der Täter angezeigt und dafür strafrechtlich belangt worden?

Ich habe Strafanzeige gegen den Täter gestellt, doch das Verfahren wurde leider eingestellt. Die Leute im Internet sind zwar mutig, aber nicht so mutig, ihren Klarnamen zu verwenden und zu sagen, wer sie wirklich sind. Deswegen konnte man den Täter leider nicht ermitteln.

Was würden Sie solchen Menschen persönlich sagen?

Allen Leuten, die solche Sachen schreiben, möchte ich eigentlich nur eine Sache sagen: Ich hoffe, sie sind mit ihrem eigenen Leben genauso kritisch und streng wie mit dem Leben anderer. Ich glaube, dann würde es allen besser gehen.

Im Wald seines Lebens

Erstellt am: Donnerstag, 5. September 2024 von Sabine

Im Wald seines Lebens

Die Liebe zum Wald ist Anton Müller wohl genetisch mitgegeben worden. Aber auch der Sinn für Gerechtigkeit, und so engagiert sich der frühere Forstwirt seit mehr als 30 Jahren für den WEISSEN RING in Kaiserslautern. Er schaffte es sogar, beides miteinander zu verbinden: den Wald und die Opferarbeit.

Der Wald ist Anton Müllers Zuhause.

Dunkle Wolken mit weißen Spitzen kriechen über die Hügel, hier irgendwo am nördlichen Zipfel des Pfälzerwalds. „Es ist DAS größte zusammenhängende Waldgebiet Deutschlands“, sagt Anton Müller, das ist ihm wichtig. Er sitzt auf dem Fahrersitz seines silbernen Skoda und manövriert den Kombi durch steile Kurven und enge Straßen. Müller ist an diesem nasskühlen Maitag auf dem Weg zu einem für ihn besonderen Ort.

„Ich komme aus einer uralten bayerisch-pfälzischen Forstfamilie, ich bin die zehnte Generation, deswegen ist die Liebe zum Wald wohl schon genetisch verankert“, sagt Müller, „die wird mir bleiben bis zum Lebensende.“ Es gebe da diesen Spruch aus dem Japanischen, aber von dem halte er eigentlich nicht so viel: im Wald baden. „Für mich bedeutet der Wald: Wenn ich mich hier aufhalte, geht es mir gut.“ Dass es tatsächlich esoterisch angehauchte Gruppenseminare zum Waldbaden gibt, Bäume umarmen inklusive, naja, davon sei er kein Fan. Er findet, jeder solle den Aufenthalt ganz individuell wahrnehmen, egal ob beim Joggen, Fahrradfahren oder Wandern. Egal wie, „alle sind durch den Aufenthalt im Wald erholt an Leib und Seele“, glaubt Müller, der hier jahrzehntelang als Forstamtsleiter für acht Förstereien verantwortlich war.

Seit 2011 ist er zwar in Ruhestand, doch der Wald lässt ihn nicht los.

Er hat zum Beispiel einen Lieblingsbaum, eine Eiche, um die 400 Jahre alt muss sie sein. Dort geht er zu jeder Jahreszeit hin und hat so „schon viele Probleme gut gelöst“, wie er sagt. Manchmal dachte er unter der mächtigen Baumkrone auch über die Menschen nach, die er in seinem Ehrenamt als Opferhelfer beim WEISSEN RING durch schwere Zeiten lotste.

Der frühere Forstwirt engagiert sich seit mehr als 30 Jahren für den WEISSEN RING in Kaiserslautern.

Denn nicht nur die Liebe zum Wald sei wohl genetisch veranlagt, sagt Müller, auch sein Gerechtigkeitssinn sei ihm mitgegeben worden. Schon in der Schulzeit spürte er Wut in sich hochkriechen, wenn jemand ungerecht behandelt wurde. 1978 – der WEISSE RING bestand erst zwei Jahre – wurde er Mitglied im Verein, „die Generation Eduard Zimmermann eben“, sagt Müller. Er bezieht sich auf den TV-Journalisten Zimmermann, Moderator der Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ und Initiator des WEISSEN RINGS. Zunächst war Müller passiver Unterstützer des Vereins, Familie und Job ließen ihm keine Zeit für mehr. Dennoch hatte er auf dem Anmeldebogen schon angekreuzt, er wolle sich später aktiv beteiligen.

Ende der 80er-Jahre meldete sich die Bundesgeschäftsstelle in Mainz bei ihm: In Kaiserslautern gebe es nur einen Mitarbeiter, im Landkreis gar keinen, und ob sein Angebot noch stehe? Es stand. „Wir waren damals ein weißer Fleck auf der Landkarte“, erinnert sich Müller. 1994 übernahm er die Außenstelle im Landkreis, fünf Jahre später kam die Stadt dazu, als beide Standorte zusammengelegt wurden.

„Hier“, sagt Müller und zeigt rechts aus dem Autofenster, an dem ein dreistöckiger Bau vorbeihuscht, der ein wenig so aussieht wie die Après-Ski-Hotels in den Tiroler Alpen. „Das ist der Barbarossahof, da trifft sich unsere Außenstelle immer zur Monatsbesprechung.“

Müller warb neue Mitstreiter und baute ein Netzwerk auf: Politik, Wirtschaft, Justiz und andere Hilfsorganisationen – alle sollten wissen, was der WEISSE RING macht. Eine Arbeit, von der der Verein bis heute profitiert. Es ist noch nicht allzu lange her, da bekam Müller ein Schreiben von der Bundesgeschäftsstelle: Dem Verein seien aus einem Wirtschaftsstrafprozess 250.000 Euro zugesprochen worden. „Ich dachte zuerst, das sei ein Druckfehler, und habe in Mainz angerufen“, sagt Müller und lacht dabei immer noch etwas ungläubig. Doch die Zahl stimmte, und das liegt an einer Besonderheit: Die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern ist die Zentralstelle für Wirtschaftsstrafsachen, zuständig für die Landgerichtsbezirke Bad Kreuznach, Mainz und Trier. Immer wieder leisten straffällig gewordene Unternehmen Zahlungen, um gerichtliche Verfahren zu vermeiden, oder werden zu Geldbußen verurteilt. Viele dieser Beträge gehen an gemeinnützige Organisationen. In der Regel liegen die Summen jedoch im unteren fünfstelligen Bereich, wenn überhaupt, und werden oft in Raten abgestottert. „Hier war das ganze Geld nach drei Tagen auf dem Konto“, erinnert sich Müller.

Müller ist an seinem Ziel angekommen, den Wagen hat er am Rand eines Waldweges geparkt. Er geht tiefer in den Forst, es knarzt und knackt bei jedem Schritt.

Es war 2016 – der WEISSE RING feierte in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag –, da schrieb Müller wie in jeder Weihnachtszeit den Jahresbericht für seine Außenstelle und stellte etwas Bemerkenswertes fest: Seit Gründung der Außenstelle haben die Ehrenamtlichen in Kaiserslautern mehr als 1.000 Menschen geholfen.

Tausend Opfer, das sind tausend Schicksale.

Anton Müller half mehr als 30 Jahre Opfern durch schwere Zeiten.

„Da muss man was machen“, sagte sich Müller. Er erinnerte sich an seinen Lieblingsbaum im Wald – und an eine Parallele: „Bäume zeichnen sich aus durch Kraft, Langlebigkeit und Geduld. Viele dieser Eigenschaften benötigen auch Opfer, die infolge der Taten oft entwurzelt sind und viel Zeit benötigen“, sagt der 78-Jährige. Was lag da also näher, als für jedes der tausend Opfer einen Baum zu setzen?

So entstand der „Weg und Wald der Hoffnung“. Das Prinzip ist einfach: Forstarbeiter pflanzen Birken, Linden, Kastanien und Eichen in vier Waldgebieten. Bestehende Flächen werden auf diese Weise aufgeforstet, Lücken gefüllt und kranke Bäume ersetzt. Finanziert wird das Projekt, an dem auch das Forstamt Kaiserslautern beteiligt ist, durch Spenden: Für je 100 Euro wird ein Baum gepflanzt – ein Teil des Geldes fließt direkt in die Opferhilfe des WEISSEN RINGS, der andere Teil wird für die Pflanzung und Pflege des Baumes und zum Walderhalt in Deutschland verwendet.

Müller steht vor einer hölzernen Spendentafel am Wegesrand. Der Ort ist bewusst gewählt: Der Waldweg ist beliebt und führt zur alten Bergruine Beilstein, zahlreiche Menschen kommen hier täglich vorbei. Dutzende schwarze Plaketten mit Namen in weißer Schrift sind am Holz angebracht, es sind die Namen der bisherigen Spender, darunter ein Polizeipräsidium, ein Förderverein und zahlreiche Privatmenschen. „Einige von denen haben schon für vier oder fünf Bäume gespendet“, sagt Müller. Auch die Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Rheinland-Pfalz, Sabine Bätzing-Lichtenthäler, ist auf einer Plakette verewigt. Um die 500 Bäume seien bisher gepflanzt worden, erklärt Müller.

Als 2018 der 250. Baum gepflanzt wurde, kamen viele Politiker, Vorstandsmitglieder und die Medien – das Fernsehen und die lokale Zeitung berichteten groß. Mittlerweile ist es um das Projekt etwas ruhiger geworden. Um sein Werk in Erinnerung zu halten, hat Müller mit einem befreundeten Fotografen einen Kalender mit Aufnahmen des Waldes erstellt, der als Werbemittel an Unterstützer verschenkt wird.

Dass Müllers Engagement keineswegs vergessen ist, zeigte sich gerade erst wieder im April, als er für sein 30-jähriges Wirken als Opferhelfer bei der Landestagung in Mainz ausgezeichnet wurde. In ihrer Laudatio bezeichnete die Landesvorsitzende Bätzing-Lichtenthäler sein Lebenswerk als „einzigartig“, Müller selbst nannte sie eine „Institution des Vereins“.

Es ist nicht seine einzige Auszeichnung: 2018 erhielt Müller die Verdienstmedaille des Landes, doch der Diplom Forstwirt möchte das als Wertschätzung für sein ganzes Team in der Außenstelle verstehen. Opferarbeit sei ja schließlich „keine One-Man-Show“, sagt er.

Müller setzt sich wieder in den silbernen Skoda, er möchte noch andere Projekte zeigen, die er in der Region auf den Weg gebracht hat:

  • eine Hochzeitsallee, in der frisch Vermählte einen Baum pflanzen können. „Problematisch wird es dann, wenn die Paare sich scheiden lassen“, sagt der Forstwirt und lacht;
  • einen „Tisch der Gemeinschaft“ abseits des Waldes, zwölf Meter lang, aus einem einzigen Douglasien-Stamm geschnitzt. Bis zu 100 Menschen können daran während ihrer Wanderungen rasten.

Während der Fahrt blickt Müller zurück. Forstamtsleiter, das sei ein Beruf mit sehr viel Bürokratie gewesen: Für acht Förstereien war er zuständig, sorgte für die Einhaltung von Gesetzen, wirkte an Nutzungsplänen mit, schrieb Stellungnahmen. Aber es sei auch ein sehr vielfältiger Job gewesen, „wir haben uns selbst immer scherzhaft Universaldilettanten genannt“, sagt er und lacht. Die Flexibilität kam ihm als Opferhelfer oft zugute. Im März 2023 gab er zwar nach 29 Jahren das Amt des Außenstellenleiters ab und zog sich aus dem operativen Geschäft zurück, ganz loslassen kann und will er aber nicht: Zu den monatlichen Treffen der Außenstelle geht er weiterhin und gibt seine Erfahrung weiter. In mehr als 30 Jahren als Opferhelfer hat er schließlich viel erlebt. „Ohne Empathie geht es nicht, aber das ist ja die Kunst: sich nicht zu sehr in die Fälle hineinziehen zu lassen, Distanz bewahren“, sagt Müller. „Sonst ist man verloren.“

Ihm sei das all die Jahre eigentlich gut gelungen. Nur ein Fall, der lässt ihn bis heute nicht los.

In seinem Heimatort hatte ein Mann seine drei Kinder erst betäubt und dann umgebracht, der ganze Ort stand unter Schock. Auch Müller, der selbst zwei Töchter hat. Nach mehreren Monaten bat die Mutter ihn um seelischen Beistand. „Sie zeigte mir Bilder der Kinder, das war ganz schlimm.“ Aber nach einiger Zeit habe sie wieder zurück ins Leben gefunden, sagt Müller. Er klingt erleichtert.

Müller parkt sein Auto vor einem Café in Enkenbach. Er möchte sich kurz aufwärmen.

Ob er die Tausend noch schafft bei den Bäumen im „Weg und Wald der Hoffnung“? „Naja“, sagt Müller, „es ist noch ein weiter Weg. Aber sagen wir mal so: Ich werde nicht aufhören.“

Er steigt ins Auto und fährt zurück in den Wald. In silva salus.

Abschied von „Papa Müller“

Erstellt am: Montag, 19. August 2024 von Sabine

Abschied von „Papa Müller“

15 Jahre stand Gosbert Müller an der Spitze des Landesverbandes Baden-Württemberg, auch lange danach hielt der frühere Landeskriminaldirektor den Kontakt zum WEISSEN RING. Im Alter von 90 Jahren starb Anfang August der Mann, der im Verein den wertschätzenden Spitznamen „Papa Müller“ bekommen hatte.

Gosbert Müller wurde 90 Jahre alt und starb am 2. August 2024. Foto: WEISSER RING

Ein Schönschreiber war Gosbert Müller, jemand, der auch im digitalen Zeitalter noch handgeschriebene Postkarten verschickte, dem Geschriebenen Wert und dem Adressaten oder der Adressatin Wertschätzung beimaß. Mit dem Stift in der Hand hielt er den persönlichen Kontakt zum WEISSEN RING aufrecht, auch lange nach seiner Amtszeit als Vorsitzender des baden-württembergischen Landesverbandes.

Es ist leicht vorstellbar, wie Müller, Jahrgang 1934, schreibend am Tisch sitzt, jemand, der als unaufgeregt, besonnen und herzlich beschrieben wird. Es fügt sich ein Bild zusammen, in das seine altertümlich anmutende, aber „unnachahmlich schöne Schrift“ passt, wie es Hartmut Grasmück formuliert, der aktuelle Landesvorsitzende.

Der gebürtige Würzburger Müller – den unterfränkischen Spracheinschlag legte er nie ganz ab –  machte zunächst einen Abschluss als Diplom-Verwaltungswirt, 1952 ging er zur Polizei. Dort arbeitete er sich bis zum Landeskriminaldirektor hoch, brachte sich ein unter anderem in die Entwicklung der Landes-Nachhaltigkeitsstrategie und in der Fachkommission Zwangsheirat. Auf einem Trauerportal gibt es einen Kommentar, in dem Müller charakterisiert wird als jemand, „der immer ein offenes Ohr für seine Mitarbeiter hatte und auch half, wo immer es ihm möglich war.“ Diese familiäre Nahbarkeit und Hilfsbereitschaft im Beruf zeigte er ebenso im WEISSEN RING, wo sie ihm den wertschätzenden Spitznamen „Papa Müller“ einbrachten.

Nach seiner Pensionierung baute Müller die Kooperation zwischen Verein und Polizei aus. 15 Jahre lang, von 1994 bis 2009, stand er an der Spitze des Verbands in seinem Bundesland. Müller brachte aus dem Arbeitsleben Sachkompetenz und Opferempathie mit, investierte wohl etwa die Hälfte seiner Zeit in das Ehrenamt auf Landes- und Bundesebene, wo er sich an wichtigen Weichenstellungen beteiligte. Parallel war er 2001 Gründungsmitglied und bis 2010 stellvertretender Vorsitzender der Landesstiftung Opferschutz.

Neben der Professionalität spielten stets Humor und Geselligkeit eine Rolle bei „Papa Müller“. Er war jemand, mit dem man, traf man ihn zufällig in Stuttgart, spontan in die Kneipe gehen wollte und konnte. Jemand, der nach Seminaren im Papiermacherzentrum in Gernsbach mit allen Ehrenamtlichen beim badischen Vesper im Billardzimmer saß, Witze machte und regelmäßig zu den Letzten am Tisch gehörte. Auch Fotos von netten langen gemeinsamen Abenden gibt es, so ist zu hören.

Gosbert Müller verstand es auch, die Zeichen der Zeit zu lesen. Ein Schönredner war er jedoch nicht. „Ab einem gewissen Alter muss man auch loslassen und das Erreichte in jüngere Hände geben können“, sagte er 75-jährig, als er sich vor 15 Jahren von der Landesspitze und den Abenden im Billardzimmer zurückzog.

Der Einsatz für Kriminalitätsopfer blieb indes nicht ungesehen: Bereits 1994 erhielt Müller das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2010 dann die höchste Auszeichnung für Bürger in Baden-Württemberg, den Verdienstorden. Der damalige Ministerpräsident Stefan Mappus würdigte Müllers Engagement mit den Worten, er sei vielen Menschen zum Vorbild geworden.

Ein Vorbild vielleicht auch für diejenigen, die heute geschwind mit ihren Fingerspitzen über Tastaturen fliegen und über Smartphones wischen. Man mag innehalten und sich fragen: Für wen möchte man den Stift in die Hand nehmen und sorgfältig überlegte Worte notieren? Wer benötigt gerade Aufmerksamkeit und Zuwendung? So, wie es der Schönschreiber Gosbert Müller getan hat.

Er wurde 90 Jahre alt und starb am 2. August 2024.

Der Akribische

Erstellt am: Dienstag, 6. August 2024 von Sabine

Der Akribische

Lorenz Haser ist seit 30 Jahren für den WEISSEN RING tätig. Seit seiner Pensionierung hat er sein zeitliches Engagement weiter gesteigert.

277 Tage Arbeit für den Verein, 89-mal Referent für die Grundseminare im Landesverband: Lorenz Haser

Genau 6.654 Stunden. Zusammen sind das 277 Tage, fast 40 Wochen, die Lorenz Haser seit 2006 für den WEISSEN RING gearbeitet hat. „Das ist jetzt aber nur die Verwaltung“, sagt er. Haser scrollt durch die Tabelle auf seinem Computer. Im weißen Hemd und mit Fliege – „Schließlich wird ein Foto gemacht“ – sitzt er im Arbeitszimmer in seinem Haus in Peißenberg im oberbayerischen Landkreis Weilheim-Schongau. Neben seiner Urkunde zum 25. Jubiläum beim WEISSEN RING hängen Familienfotos an der Wand. Auf dem Mauspad ist er mit seinem Enkel abgebildet.

Seit 30 Jahren arbeitet Lorenz Haser, 69, für den WEISSEN RING. Rund 30 Stunden im Monat, rechnet er aus, braucht er als Außenstellenleiter für die Verwaltung. Wie viele Fälle er in den Jahren betreut hat, kann er hingegen nicht sagen. „Manche Sachen sind mit einem Telefongespräch erledigt, weil ein Opfer nur eine Auskunft oder einen Kontakt braucht.“ Andere ziehen sich über Jahre. Seit der Gründung der Außenstelle 1987, das kann er wieder aus seiner Tabelle lesen, haben er und seine ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen 1.400 Opfer betreut.

Haser leitete die Außenstelle Weilheim-Schongau von 1994 bis 1999, nach einer beruflich bedingten Pause übernahm er von 2000 bis 2006 die Stellvertretung der Außenstellenleitung, bevor er wieder die Leitung übernahm. Seine akribische Art hat mit Hasers Beruf zu tun. 42 Jahre war er Polizist, davon 37 bei der Kriminalpolizei. Über seine Arbeit will er allerdings nicht mehr sprechen. „Jetzt bin ich schon seit 2015 im Ruhestand“, sagt er. Seit der Pension widmet er sich geschätzt rund 80 Stunden pro Monat der ehrenamtlichen Arbeit für den WEISSEN RING.

„Ich erfasse wirklich alles“, sagt Haser. Der Beamte in ihm scheint immer wieder durch, und Haser kommt doch noch einmal auf seinen Beruf zu sprechen. Über den fand er nämlich einst zum WEISSEN RING. „Als Polizist muss man neutral sein, aber die Opfer taten mir immer leid“, sagt er. „Die stehen oft alleine da.“ Bei Vernehmungen, erzählt er, kam er mit den Opfern von Raubdelikten und bei Tötungsdelikten mit Hinterbliebenen ins Gespräch. „Die sind fix und fertig und wissen oft nicht, wie es weitergehen soll, im Leben, aber auch finanziell.“ Als 1994 sein Chef bei der Morgenbesprechung verkündete, dass die Außenstelle wegen Personalmangels vor dem Aus stehe, antwortete Haser geradeheraus: „Schade.“ Sein Chef reagierte ebenso spontan: „Dann mach es halt du“, sagte er. Na gut, Haser zuckt beim Erzählen mit den Schultern, „dann habe ich es halt gemacht.“ So konnte er ehrenamtlich den Opfern helfen, deren Schicksale ihn im Job berührten.

„Da ist man schon stolz.“

Lorenz Haser

Haser und sieben Ehrenamtliche in der Außenstelle begleiten vor allem Opfer von Sexualdelikten, Körperverletzung, sogenannter „häuslicher Gewalt“ und Stalking. „Man erinnert sich ja hauptsächlich an die ‚spektakuläreren‘ Fälle“, sagt er und setzt Anführungszeichen in die Luft. Ihm fällt eine Frau ein, die er betreute und die später ein Buch über ihr Leben schrieb. Haser erinnert sich an die Vorstellung und Lesung. „Sie schrieb, dass sie sich das Leben genommen hätte, wenn der WEISSE RING nicht gewesen wäre“, sagt Haser. „Da ist man schon stolz.“

Mit den Opfern trifft sich Haser meistens an öffentlichen Orten, zum Beispiel im Café. „Das Problem auf dem Land ist, dass jeder jeden kennt. Wenn ich öfter mit jemandem gesehen werde, fragen die Leute gleich: Was will die oder der vom WEISSEN RING? Was ist denn da passiert?“ Seit dem Jahr 2000 war Haser – er zeigt wieder in seine Tabelle – insgesamt 89-mal als Referent oder Leiter für die verschiedene Seminarformate für die Ehrenamtlichen tätig.

2019 hat er in seiner Außenstelle zudem ein Team aufgestellt, dass sich nach Großereignissen, wie etwa Amokläufen oder Anschlägen, um die Betreuung von Opfern und Hinterbliebenen kümmert. „Bisher sind wir verschont geblieben“, sagt er. „Gott sei Dank.“

Seit 30 Jahren arbeitet Lorenz Haser, 69, für den WEISSEN RING.

Haser glaubt, dass es für Opfer das Entscheidende ist, „dass wir Zeit haben, mit ihnen reden, auf sie eingehen. Oft sagen die Opfer, ich sei der Erste, der ihnen richtig zuhört.“ Im Gespräch versucht er herauszufinden, was sein Gegenüber braucht. „Jedes Opfer ist anders – aber alle werden gleich behandelt“, sagt Haser. „Wir sind für die Opfer da, und wir glauben dem Opfer.“ Das ist auch seine Erfahrung vor Gericht. „Auch wenn die Strafe gering ausfällt – Hauptsache, das Opfer weiß: Die haben mir geglaubt.“

In diesem Jahr wird Haser 70. Vor vier Jahren wollte er eigentlich schon aufhören, dann verlieh ihm 2020 die Landrätin im Namen des Bundespräsidenten die Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland, die höchste Auszeichnung, die die Bundesrepublik als Anerkennung für Verdienste um die Allgemeinheit vergibt. Haser führt ins Wohnzimmer und holt die Schatulle mit der Medaille aus dem Wohnzimmerschrank. „Natürlich freue ich mich“, sagt Haser und fügt bescheiden an: „Aber hätten sie nicht auch andere verdient?“

Während der Pandemie wollte er die Außenstelle nicht im Stich lassen. Sein neuer Plan: Zwei Jahre will er sie mindestens noch leiten, vielleicht drei. Fünf sollen es aber nicht mehr werden. „Die Mitarbeiter sagen immer, ich darf nicht aufhören, aber ich will auch nicht am Sessel kleben“, sagt er. „Und wer weiß, wie lange ich noch fit bin?“ Er will sich rechtzeitig um eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger in der Außenstelle kümmern.

Hasers Freizeit besteht überwiegend aus seinem Ehrenamt. Ansonsten spielt er Schafkopf und Akkordeon – „beides gern, aber nicht besonders gut“, sagt er und lacht. Und da sind der Garten, ein Sportraum im Keller, vier Enkel. Seine Tochter ist seit 20 Jahren Mitarbeiterin beim WEISSEN RING, die Enkel meldete Haser direkt nach ihrer Geburt als Mitglieder an.

Auch am Wochenende ist Haser im Einsatz; früher, als er noch kein Handy hatte, war er über das Festnetz auch nachts erreichbar. Einmal rief ihn eine ältere Dame mitten in der Nacht an und wollte wissen, wie spät es sei. „Ich antwortete: Zwei Uhr, aber warum rufen Sie mitten in der Nacht bei mir an? Es stellte sich heraus, dass sie am nächsten Tag in der Früh für eine Kaffeefahrt abgeholt werden sollte und die Batterie vom Wecker leer war. Meine Nummer stand im Kreisboten – mit dem Zusatz ‚rund um die Uhr‘.“ Er erklärte ihr noch, wie sie die Batterie wechselt, dann war die Sache erledigt. Haser nimmt es mit Humor.

Sonst ist er regelmäßig mit schweren Schicksalen konfrontiert. Wie gewinnt er Abstand? „Das musste ich im Beruf schon“, sagt er. „Da gilt auch, dass man mit dem Opfer mitfühlt, aber nicht mitweint – denn wenn ich mich gehen lasse, kann ich nicht mehr logisch denken und für das Opfer da sein.“ Am erfüllendsten bei seinem Engagement für den WEISSEN RING sei, sagt Haser, „wenn ich glaube, dass es dem Opfer jetzt besser geht, und ich das Gefühl habe, dass ich da auch ein bissl mitverantwortlich bin.“

Motivation findet er aber auch, wenn er selbst gar nicht beteiligt ist. Haser erinnert sich an die Begegnung mit einem Ehepaar, das sich im Café an seinen Tisch setzte, als er auf ein Opfer wartete. Als er sein Ehrenamt erwähnte, erzählten sie, dass ihre Tochter ermordet worden sei, und dass ihnen der WEISSE RING in Nordrhein-Westfalen einen Erholungsurlaub ermöglicht habe. „Das tat ihnen offensichtlich gut“, sagt Haser. „Die Welt ist oft klein – solche Begegnungen nehme ich als Zeichen: weitermachen!“

Was wäre für Sie der GAU bei der BDV, Frau Richstein?

Erstellt am: Dienstag, 6. August 2024 von Sabine

Was wäre für Sie der GAU bei der BDV, Frau Richstein?

Einstimmig hat der Bundesvorstand des WEISSEN RINGS Barbara Richstein als Leiterin der Bundesdelegiertenversammlung (BDV) in Frankfurt am Main nominiert – wie auch schon vor zwei Jahren für die BDV im sächsischen Radebeul.

Alles im Blick: Versammlungsleiterin Barbara Richstein (Mitte) in Radebeul

Wir haben der Vorsitzenden des Landesverbands Brandenburg aus diesem Anlass einen (nicht immer ganz ernst gemeinten) Fragebogen geschickt.

Welche drei Eigenschaften sollte eine Versammlungsleiterin unbedingt haben?

Einen Sensor für die Stimmung im Saal, Durchsetzungsvermögen, Sitzfleisch.

Welche drei Eigenschaften sollte eine Versammlungsleiterin besser nicht haben?

Schwache Nerven, eine schwache Blase, Hunger.

Ist eine Politikerin eine bessere Versammlungsleiterin als eine Nichtpolitikerin?

Nein. Hier entscheidet nicht die Profession, sondern die Erfahrung.

Barbara Richstein ist seit 2022 Landesvorsitzende des WEISSEN RING in Brandenburg.

Was unterscheidet eine Bundesdelegiertenversammlung des WEISSEN RINGS von einer Sitzung des Brandenburgischen Landtags – und was leiten Sie lieber?

Sitzungen des Landtags sind viel formalisierter als die Sitzung der BDV. Es gibt eine abgestimmte Rednerreihenfolge und festgelegte Redezeiten. Wir tagen manchmal bis zu zwölf Stunden, mit nur einer kurzen Mittagspause. Da sind die Sitzungen der BDV kurzweiliger. Entscheiden, welche Sitzung ich lieber leite, kann ich gar nicht. Da ich jedoch nicht mehr als Abgeordnete für den Landtag Brandenburg antrete und gerade die letzten Plenarsitzungen für diese Legislaturperiode absolviert wurden, bleiben mir in Zukunft nur die Sitzungen des BDV, sofern der Bundesvorstand dies möchte.

Was wäre für Sie der GAU bei der BDV?

Der Gau wäre, wenn die Technik ausfiele und ich heiser bin.

Worauf freuen Sie sich bei der BDV am meisten?

Auf das Wiedersehen mit meinen lieben Kolleginnen und Kollegen, Landesvorsitzenden und vielen weiteren zugewandten Menschen. Es ist immer eine besondere Stimmung auf der BDV, weil sich hier empathische Menschen treffen.

Ist Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Brandenburg das schönste Ehrenamt der Welt?

Bestimmt! Dicht gefolgt von dem zweitschönsten Ehrenamt als Präsidentin des Leichtathletikverbandes Brandenburg.

Was macht so eine Landesvorsitzende eigentlich den ganzen Tag?

Zusammen mit meinen Stellvertretern und dem Landesbüro koordinieren wir die Arbeit der Außenstellen und der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir Landesvorsitzende initiieren und leiten die Landestagungen, Außenstellenleitertreffen und landesweite Fortbildungsveranstaltungen. Wir vernetzen und repräsentieren den Verein gegenüber der Politik und Gesellschaft; machen Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit im positiven Sinne.

Was hat Sie überzeugt, Mitglied des WEISSEN RINGS zu werden?

Bereits bei meiner ersten konkreten Berührung mit dem WEISSEN RING auf einem Opferforum in Mainz Anfang der 2000er habe ich gemerkt: Das ist ein besonderer Verein. Den musst Du unterstützen. Der Ansatz, den Verletzten zu helfen, hat mich sehr angesprochen.

Was muss sich am dringlichsten verbessern für Kriminalitätsopfer?

Der WEISSE RING hat sich bei der Erarbeitung des neuen Opferentschädigungsrechts stark eingebracht. Jetzt müssen die Neuerungen bekannt gemacht und angewandt werden.

Was kann der WEISSE RING dafür tun?

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bereits von der WEISSER RING Akademie in dem neuen Recht geschult worden, so dass sie die Betroffenen darauf hinweisen können. Wir müssen jedoch die Versorgungsämter weiterhin für die besondere Situation von Verbrechensopfern sensibilisieren.

Was gibt es im WEISSEN RING selbst zu tun in den nächsten Jahren? Wie muss sich der Verein aufstellen für die Zukunft?

Wir müssen uns noch stärker auf neue Deliktsphänomene einstellen und insbesondere in den neuen Bundesländern noch bekannter werden. Davon abgesehen finde ich den WEISSEN RING in seiner jetzigen Form bereits gut aufgestellt. Mit der Zeit müssen wir uns natürlich verjüngen und breiter aufstellen.

Transparenzhinweis:
Barbara Richstein sitzt seit 1999 für die CDU als Abgeordnete im Landtag Brandenburg und ist seit 2019 dort Vizepräsidentin. Beim WEISSEN RING ist die Politikerin seit Mai 2022 Landesvorsitzende in Brandenburg.

„Gewalt gegen Männer ist ein Tabuthema“

Erstellt am: Freitag, 31. Mai 2024 von Selina

„Gewalt gegen Männer ist ein Tabuthema“

Im Interview spricht Steffen Schroeder, Botschafter des WEISSEN RINGS, über Gewalt gegen Männer in Partnerschaften und seine Arbeit mit Tätern und Opfern.

Steffen Schroeder ist Botschafter des WEISSEN RINGS.

Sie engagieren sich auf sehr vielfältige Weise in der Zivilgesellschaft. Wie kommt das?

Ich bin mit ehrenamtlicher Arbeit aufgewachsen. Als Jugendlicher habe ich mich erst in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen engagiert, dann im Naturschutz. Dabei habe ich immer tolle Erfahrungen gemacht und früh gelernt, dass man einerseits viel gibt, aber andererseits auch viel bekommt. Nicht in Form von Geld, sondern in Form von Dankbarkeit.

Ehrenamtliche Arbeit hat mich immer zutiefst erfreut, so dass ich das eigentlich immer beibehalten habe.

Auf Ihrem Instagram-Kanal haben Sie auf das Thema häusliche Gewalt aufmerksam gemacht und geschrieben, dass betroffene Männer noch seltener Hilfe suchen als Frauen. Warum ist Ihnen dieses Thema wichtig?

Mit diesem Thema habe ich schon länger zu tun. Ich bin viel in der Straffälligenhilfe unterwegs und habe viele Gespräche mit Tätern geführt. Bei einigen von ihnen gab es sexuelle Gewalt, in manchen Fällen sogar vonseiten der Mutter. In der Regel ist es für männliche Betroffene noch schambehafteter als für weibliche, darüber zu sprechen. Das gilt umso mehr, wenn es eine Täterin gibt. Natürlich gibt es mehr Gewalt gegen Frauen, da gibt es ganz andere Zahlen. Aber es müsste auch medial mehr von männlichen Opfern erzählt werden, weil mit Gewalt gegen Männer nach wie vor ein Tabu verbunden ist.

Wie passt Ihr Ehrenamt im Strafvollzug mit dem im Opferschutz zusammen?

Die beiden Bereiche passen sogar sehr gut zusammen, sie ergänzen sich. Meiner Erfahrung nach verläuft Gewalt immer in Kreisläufen, und es gehört zum Präventionsgedanken, sich dessen bewusst zu werden. Wenn Kinder zum Beispiel zu Hause Alkoholismus und Gewalt erleben, besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass sie in ihrem Leben selbst zu Alkoholikern oder gewalttätig werden, trotz all der vorgelebten negativen Seiten. Ich denke, um solche Kreisläufe zu durchbrechen, müssen wir als Gesellschaft auf beiden Seiten daran arbeiten, mit Opfern und mit Tätern. Letztere sollen sich ja bis zu ihrer Entlassung aus dem Gefängnis zum Guten verändern.

Meiner Erfahrung nach gibt es im Vollzug allerdings nur wenige Angebote, die das fördern.

Sie haben sich auch mit dem Ansatz der „Restorative Justice“ beschäftigt, bei dem Opfer und Täter in einen Dialog treten.

Ja, aber ob man diesen Weg gehen möchte, muss man ganz allein dem Opfer überlassen. Wenn jemand das nicht möchte, muss man das unbedingt anerkennen und darf ihn nicht überreden. Aber wenn jemand dazu bereit ist, kann ein Austausch, bei dem Fragenstellen und ein Aussprechen einer Entschuldigung möglich sind, für beide Seiten unheimlich hilfreich sein. Und natürlich braucht es dabei eine sensible Begleitung.

,,Ehrenamtliche Arbeit hat mich immer zutiefst erfreut."

Steffen Schroeder
Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Ich habe als Vollzugshelfer sieben Jahre lang einen Gefangenen betreut, der einen Mord begangen hat, und über die Begegnungen und seine Entwicklung auch ein Buch geschrieben. Anfangs war deutlich, dass er versuchte, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Da ist mir zum ersten Mal klar geworden, wie unfassbar groß diese Schuld ist, die man nie auch nur ansatzweise wiedergutmachen kann. Es ist die Aufgabe des Täters, diese Schuld zu tragen, wie einen schweren Rucksack.

Wir als Gesellschaft können ihm helfen, diesen Rucksack auf die Schultern zu hieven. Bei jenem Gefangenen war es so, dass die Bereitschaft und das Bedürfnis, sich der Schuld zu stellen, mit der Zeit wuchsen. Irgendwann sagte er, er würde gerne eine Entschuldigung aussprechen. Das war leider nicht mehr möglich, weil die Angehörigen des Opfers bereits verstorben waren. Aber ich glaube, der Prozess hat beim Täter zu einer Form von Heilung geführt. Und genau das kann uns als Gesellschaft helfen: dass Täter zu Menschen werden, die anderen Menschen keinen Schaden mehr antun.

Transparenzhinweis:
Steffen Schroeder hat eine Schauspielausbildung absolviert, wirkt in Kino- und Theaterproduktionen mit und war bisher unter anderem zu sehen in TV-Serien wie Tatort, Polizeiruf 110, Soko Leipzig und In aller Freundschaft. Seit 2015 ist er Botschafter des WEISSEN RINGS. Er engagiert sich außerdem ehrenamtlich als Mitglied des Medienrats des Landes Berlin-Brandenburg und ist Botschafter der „Exit“-Initiative für Aussteiger aus der rechtsextremen Szene. Sein Debüt als Autor hatte er mit dem Buch „Was alles in einem Menschen sein kann“, das von seinen Begegnungen mit einem Mörder handelt, den er als ehrenamtlicher Vollzugshelfer in einem Gefängnis kennenlernte. Zuletzt hat Schroeder zwei Romane verfasst. Der 49-Jährige lebt in Potsdam und hat drei Kinder.

Kornelia Fröde will „Menschen wie meiner Mutti helfen“

Erstellt am: Freitag, 12. April 2024 von Sabine

Kornelia Fröde will „Menschen wie meiner Mutti helfen“

Beim Sport haben sich ­Kornelia Fröde und Thomas Karius ­kennengelernt, heute betreibt das Paar eine Kampfkunstschule und leitet seit Kurzem die Außenstelle im Burgenlandkreis.

Kornelia Fröde und Thomas Karius leiten die Außenstelle im Burgenlandkreis.

In ihrer Kindheit war Gewalt keine Seltenheit, erinnert sich Kornelia Fröde. Nicht gegen sie selbst, aber sie habe sie beobachtet. Und das über viele Jahre. Die Gewalt sei von ­ihrem Vater ausgegangen, erzählt Fröde. Er habe ihre Mutter regelmäßig geschlagen. „Als Kind will man das nicht wahrhaben und versucht es wegzuschieben“, ­erinnert sie sich, „wir haben immer heile Familie ­gespielt.“

Die Familie lebte inmitten einer Wohngegend. Häuser links und rechts und gegenüber. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass niemand jemals etwas mitbekommen hat“, sagt Fröde heute. Schon damals merkte sie, dass Menschen oft keine Hilfe bekommen und viele lieber wegschauen. Und schon als Kind sagte sie zu sich selbst: „Dir passiert so etwas nie!“

Als Kornelia Fröde 15 Jahre alt war, schaffte ihre Mutter den Absprung: Sie verließ ihren Mann und flüchtete in ein Frauenhaus. Mehrere Monate lebten sie dort, bis sie eine eigene Wohnung bekamen.

Diese frühe Erfahrung ist ein Grund, weshalb Kornelia Fröde mit der Kampfkunst begonnen hat. Und auch die Arbeit als neue Außenstellenleiterin des WEISSEN RINGS im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt hat damit zu tun. „Das Frauenhaus unterstütze ich auch heute noch ­finanziell, aber ich wollte immer auch aktiv etwas für die Opfer von Gewalt tun“, sagt die 42-Jährige.

Kurz vor dem Gespräch sitzt sie gemeinsam mit ihrem Verlobten Thomas Karius auf den weichen Matten ­ihrer Kampfkunstschule in Lützen, beide trainieren hier den chinesischen Kung-Fu-Stil Wing Tsun. Am ­Tablet ­planen sie die Kurse für das neue Jahr. An der Wand ­hängen Schwarz-Weiß-Fotos von Kampfkunst­meistern. Auf Aushängen sind einige der Grund­bewegungen des Wing Tsun abgebildet. Eine Holzpuppe, Stöcke und Trittpolster zum Trainieren stehen und liegen bereit. Ein großflächiger Spiegel nimmt fast die ganze Wand ein. Vor ihm lernen vor allem Frauen das Schreien und sich dabei Anschauen. „Es ist eine Kampfkunst von Frauen für Frauen“, sagt Kornelia Fröde. Angeblich hat sie sich eine Chinesin angeeignet, um sich gegen einfallende Soldaten zur Wehr setzen zu können. Es geht vor allem um Selbstverteidigung und darum, einen potenziellen Angreifer auch mit wenig Kraft abwehren zu können. Schwer vorstellbar, aber je stärker der Gegner, desto besser für die angegriffene Person, sagt Fröde. Denn beim Wing Tsun arbeitet man mit der Kraft des anderen und setzt sie gegen ihn ein.

Vor acht Jahren haben sie sich beim Sport kenngelernt. „Konni hat meine Turnschuhe für mich getragen, weil ich so schwer beladen war“, sagt Thomas Karius und ­lächelt. Der gebürtige Stuttgarter kam 1999 nach ­Leipzig und macht seit 15 Jahren Kampfsport. Als Kind war er klein und schmächtig und wurde in der Schule oft auf­gezogen. Bis er zum Wing Tsun kommt, lernt er fünf Jahre Judo und zwei Jahre Karate. Bei einem ­Probetraining gibt ihm der Trainer drei Kettenfauststöße auf seine Brust. „Da wusste ich, das will ich lernen“, sagt der 52-Jährige.

Heute leben sie in einer Wohnung unweit der Kampfkunstschule. Der Sport nimmt viel Zeit in ihrem Leben ein und verbindet: Laufen, Kraftsport, Windsurfen, lange Spaziergänge mit den zwei Hunden und ihr neues Hobby Motorradfahren.

Zu den Kursen in der Kampfkunstschule kommen auch Frauen und Mädchen, die Opfer von Gewalttaten sind. Zum Beispiel zwei junge Mädchen, die vergewaltigt wurden. Eine war unsicher und schüchtern und trug immer sehr weite Sachen. „Sie hat ihre Weiblichkeit komplett versteckt“, sagt Kornelia Fröde. Zum Ende des Kurses traute sie sich, beim Sport wieder bauchfreie Tops zu tragen. Das andere Mädchen hatte Angst, allein Bus zu fahren. In Rollenspielen, in denen Thomas Karius den Angreifer spielte, lernte sie sich zur Wehr zu ­setzen. Am Ende des Kurses sogar im Bus mit anderen Fahrgästen.

,,Ich habe sofort gedacht, dass ich beim WEISSEN RING Menschen wie meiner Mutti helfen kann."

Kornelia Fröde

Die Frauen und Jugendlichen trainieren in der Kampfkunstschule nicht nur die Selbstverteidigung. Es gehe vor allem darum, ein selbstbewusstes Auftreten zu ­lernen und mögliche Täter abzuschrecken, sagen die beiden. So könne es zum Beispiel helfen, statt mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf aufrecht zu ­gehen und den Blick schweifen zu lassen. Die beiden wollen ihre Schüler und Schülerinnen stark machen.

Ihre Erfahrungen aus dem Training und den Gesprächen in der Kampfkunstschule helfen den beiden auch bei ­ihrer neuen Arbeit für die Außenstelle des WEISSEN RINGS im Burgenlandkreis. Auch hier treffen sie auf Menschen, die häusliche Gewalt, Mobbing oder ­Stalking erleben. Sie hatten aber auch schon mit Fällen von ­sexuellen Übergriffen und Missbrauchsfällen zu tun. „Am schlimmsten ist es natürlich, wenn Kinder und Jugendliche betroffen sind“, sagt Kornelia Fröde. Die Leitung der Außenstelle hat sie erst im November des vergangenen Jahres übernommen. Ihr Partner Thomas ist ihr Stellvertreter. Beide teilen sich die Arbeit, ­erledigen den Papier- und Organisationskram, führen aber nach wie vor auch Erstgespräche und beraten.

Mitglieder beim WEISSEN RING sind sie seit 2022. Ein befreundeter Kampfkunstmeister erzählte von seiner Arbeit im Verein und wie dieser Opfern von Gewalt hilft. Für Kornelia Fröde steht nach diesem Gespräch schnell fest, dass sie auch im WEISSEN RING aktiv werden will. „Ich habe sofort gedacht, dass ich dort Menschen wie meiner Mutti helfen kann.“ Denn viele Opfer stehen meist allein da. Sie erinnert sich an die Zeit mit ihrer Mutter im Frauenhaus. Als Jugendliche wusste sie nicht, dass es diese Einrichtungen überhaupt gibt. Und auch die Zeit danach war nicht einfach. Sie hatten eine Wohnung, aber sonst nichts. Kein Konto, keine Möbel. Die erste Zeit schliefen sie auf einer Matratze.

Beim Sport hat sich das Paar kennengelernt, heute betreiben sie gemeinsam eine Kampfkunstschule.

Dass sie die Leitung der Außenstelle gemeinsam so schnell übernehmen, hätten die beiden nicht gedacht. Sie sind zu dem Zeitpunkt noch nicht lange dabei, ­haben aber schon einige Hospitationen mitgemacht und gemeinsam mit den „alten Hasen“ Menschen betreut, die sich an die Außenstelle gewandt hatten. Schnell ­haben sie ­gemerkt, dass es vor allem erst einmal darum geht, da zu sein, zuzuhören und nicht zu urteilen.

Dann musste ihr Vorgänger aus familiären Gründen aufhören und suchte dringend jemanden, der über­nehmen konnte. Natürlich müssen sie sich noch ein­arbeiten, aber man ist beim WEISSEN RING nicht allein. „Es gibt immer jemanden, den man fragen kann und der unkompliziert hilft“, sagt Kornelia Fröde. Ein ­eigenes Büro haben sie nicht. Aber das Landratsamt und die ­Kirche stellen Räume zur Verfügung, wenn sie ­gebraucht werden, manchmal führen sie Erst- und Beratungs­gespräche auch im Raum der Kampfkunstschule. „Die Leute bleiben so anonym und wir haben hier genug Platz und Ruhe für die Beratung“, sagt Fröde.

Kornelia Fröde arbeitet hauptberuflich als stellver­tretende Niederlassungsleiterin bei einer Spedition, die Kampfkunstschule betreibt das Paar nebenberuflich. Die Anrufe von Betroffenen gehen meist bei Thomas Karius ein. Er ist Frührentner und arbeitet aushilfsweise in einem Baumarkt. So hat er mehr Zeit, sich die Anliegen der Anrufer anzuhören, und ist einfacher erreichbar. Insgesamt koordinieren sie acht ehrenamtlich Mit­arbeitende im Burgenlandkreis. Nach einem Anruf ist es die Aufgabe von Thomas Karius, schnell jemanden zu vermitteln, der in der Nähe wohnt. Manchmal reicht aber auch eine Hilfestellung am Telefon, wer in einer bestimmten Situation der richtige Ansprechpartner ist. Oft geht es auch um eine seelische Unterstützung oder Beistand. Zum Beispiel die Begleitung auf das Polizeirevier, wenn sich jemand nicht traut, zur Anzeigen­erstattung allein dorthin zu gehen.

Auch außerhalb der Kampfkunstschule und des Vereins gehen die beiden immer mit wachen ­Augen durch die Straßen. „Wir haben ein sensibles Radar und nehmen Sachen wahr, die andere gar nicht ­sehen“, sagt Kornelia Fröde. So zum Beispiel am Bahnhof in Hannover, wo ein betrunkenes Paar in heftigen Streit geriet. Kurz bevor der Mann mit einer Flasche auf die Frau losging, stellten sich beide dazwischen. Oder die Frau am Leipziger Hauptbahnhof, die zusammengekauert auf der Straße saß. Niemand hatte mitbekommen, dass sie nach einer Messerstecherei schwer verletzt war. Sie gingen zu ihr und kümmerten sich. Das sind ­Situationen, in denen sich Kornelia Fröde und Thomas Karius dann für andere stark machen.

Ihre Mission: Gewalt zu verhindern

Erstellt am: Mittwoch, 27. Dezember 2023 von Sabine

Ihre Mission: Gewalt zu verhindern

Ein sinnstiftender Arbeitsplatz, zwei Ehrenämter und eine tolle Nachbarschaft: Adelina Michalk ist seit 2022 stellvertretende Vorsitzende im Landesverband Hamburg des WEISSEN RINGS – und fühlt sich besonders im Stadtteil Altona wohl.

Adelina Michalk ist seit 2022 stellvertretende Vorsitzende im Landesverband Hamburg des WEISSEN RINGS.

Adelina Michalk hat wenig Zeit, eine gute Stunde vielleicht. Dafür ist sie bestens vorbereitet: So hat sie sich überlegt, die Fotos vorm Gespräch zu machen, damit man danach bis zur letzten Minute reden kann. Sie kommt einem gleich entgegen, durchs Treppenhaus des altehrwürdigen Altonaer Rathauses, das Smartphone in der Hand, für alle Fälle. Michalk, den Eindruck gewinnt man bald, ist strukturiert und planvoll. In ihrem Büro stehen Tee und Kekse bereit, ihre Tasche für den Anschlusstermin hat sie schon gepackt. Etwas überraschend zwischen all der Effizienz: die sphärischen Klänge, die aus dem Computerlautsprecher herüberschwingen. „Das ist mein Geheimnis bei der Arbeit“, sagt sie, „Entspannungsmusik. Die höre ich den ganzen Tag lang, und das wirkt tatsächlich.“ Jetzt schaltet sie sie ab und setzt sich kerzengerade hin: kann losgehen.

Michalk, 40 Jahre, ist seit 2022 stellvertretende Vorsitzende im Landesverband Hamburg des WEISSEN RINGS. Das ist eins ihrer Ehrenämter. Beruflich arbeitet sie im Bezirksamt Hamburg-Altona als Fachkraft für Integration und Diversität. Mit Opfern beschäftigt sie sich in beiden Rollen — oder vielmehr damit zu verhindern, dass Menschen Opfer werden, von Dis­kriminierung, hassmotivierten Verbrechen, Gewalt. Anders als viele Ehrenamtliche des Vereins, die persönlich ansprechbar sind für Menschen in Not, agiert Michalk auf der Metaebene, im Aufbau von Kontakten, Netzwerken und Öffentlichkeitsarbeit. „Das liegt mir mehr“, sagt sie. Fallarbeit, auch mit Opfern, hat sie beruflich fünf Jahre lang gemacht, im Rahmen der Gewaltprävention in der Jugendhilfe. „Da war natürlich jeder Fall und jeder Mensch anders, aber das Prozedere war immer das gleiche“, sagt sie. „Es passte zwar gut zu meinem Studium, aber irgendwann wollte ich was Neues machen.“

Studiert hat sie zunächst Sozialpädagogik. Sie merkte bald, dass das Fach Kriminologie sie dabei am meisten interessierte. Michalk wählte es als Masterstudiengang und konzentrierte sich auf Viktimologie, die Lehre von den Opfern. Ihre Abschlussarbeit schrieb sie über Nachahmungseffekte bei Schulmassakern. Sie untersuchte, warum sich nach School Shootings wie in der US-Kleinstadt Columbine die Nachahmungstaten häuften, auch in Deutschland, in Winnenden zum Beispiel. Ihre Antwort: Den Tätern wurde viel zu viel Aufmerksamkeit gewidmet, gerade in den Medien. „Man muss Tätern diese Aufmerksamkeit entziehen, sonst generiert man Trittbrettfahrer“, sagt Michalk. „Es ist total verrückt! Da gab es ganze Subkulturen, die neue Massaker als Hommage an ihre Vorbilder planen. Denen darf man kein Material liefern für Glorifizierungen.“ Michalk redet stets schnell, druckreif und sachlich, in diesem Moment aber merkt man, wie das Thema sie noch heute bewegt. Die Berichterstattung, sagt sie, müsse sich um die Opfer drehen und viel sensibler werden.

Da sie sich im Studium auf Kriminalitätsopfer fokussierte, absolvierte Michalk Praktika in der Zeugen­betreuung bei Gericht — so entstand Kontakt zum WEISSEN RING. Mit 26 trat sie in die Gruppe der „Jungen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“ des Landes­verbands ein. Es waren die Ehrenämter beim WEISSEN RING, als Junge Mitarbeiterin und dann als Jugend­beauftragte, die Michalk zeigten, wie sie beruflich wirken wollte: thematisch, steuernd, netzwerkend. Und so wechselte sie auch den Job, als sich die Gelegenheit bot: weg von der Fallarbeit, hin zur Koordinierung.

Im Bezirksamt hat sie bereits zum dritten Mal die ­Altonaer Vielfaltswoche mit auf die Beine gestellt: Verschiedenste Gruppen werden eingeladen, Veranstaltungen anzubieten, um sichtbarer zu werden. Ziel ist es, das Zusammenleben in diesem enorm vielfältigen Stadtteil zu verbessern, Ausgrenzung und gruppen­bezogener Menschenfeindlichkeit entgegenzuwirken — zum Beispiel Rassismus, Sexismus, Homophobie, Antiziganismus, Antisemitismus, Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen oder ohne Wohnsitz.

Michalk wohnt in Altona, sie schätzt die kulturelle, ethnische Vielfalt, den Trubel. „Ich habe ja nicht nur deutsche, sondern auch malaiische Wurzeln, durch meine Mutter“, sagt sie. „Deshalb fühle ich mich hier wohler als an Orten, an denen ich womöglich als ­exotisch wahrgenommen werde.“ Diskriminierungserfahrungen hat sie bisher keine, anders als Mutter oder Bruder, „die sehr viel dunkler sind als ich“.

Wie ist sie aufgewachsen, mit einem deutsch-malaiischen Elternpaar? Recht behütet, sagt Michalk, in ­einem Reihenhaus in Hamburg-Schnelsen. Religiös sind weder Vater noch Mutter, Traditionen wie ein geschmückter Weihnachtsbaum wurden zwar gepflegt, „aber eher, weil’s cool war, und nicht mit dem christlichen Hintergrund“. Heute reist sie alle drei Jahre mit ihren Eltern in den asiatischen Vielvölkerstaat, wo auch Verwandte leben. Winkekatzen und andere Glücksbringer, die sie dort findet, hat sie auf dem Schreibtisch aufgereiht. Die Herkunft, der familiäre Hintergrund, das alles habe sie schon geprägt, sagt Michalk. „Diversity betrifft mich persönlich, diese Themen sind mir einfach sehr zugänglich.“ Um die Vielfalt und Buntheit der Welt zu genießen, hat ihr ­jedoch stets Hamburg ausgereicht. Es kam ihr nie in den Sinn, die Stadt zu wechseln: „Ich fühle mich hier einfach verwurzelt. Die Lebensqualität ist hoch, die Wege sind kurz in diesem Stadtstaat.“

Michalk, so scheint es, führt ein aufgeräumtes Leben. Dazu hat sie eine Mission: Gewalt zu verhindern und das menschliche Miteinander zu verbessern. Doch als die Pandemie einsetzte, bekam auch sie eine Sinnkrise. Sie gab einem Wunsch nach, der schon lange in ihr schlummerte: sich als Sterbebegleiterin im Hospiz zu engagieren. Sterben, findet sie, wird in unserer Gesellschaft geradezu tabuisiert. „Dabei ist es genauso ultimativ wie die Geburt. Klammert man es aus, lebt man nur halb. Mir fehlte dieser Pol des Daseins, weil er den Blick aufs Leben erst vollständig macht.“

Jetzt geht sie zweimal pro Monat am Sonntagnachmittag in ein kleines Hospiz und fragt alle Gäste, was sie brauchen: ein Gespräch, Vorlesen, mit dem Rollstuhl an die frische Luft? Anschließend bereitet sie Abendessen nach Wunsch, etwas Suppe zum Beispiel, einen Joghurt, ein Brot. „Manchmal denke ich, dies ist vielleicht das fünftletzte Brot, das dieser Mensch essen wird“, sagt Michalk. „Das zuzubereiten, finde ich bewegend. Und schön.“ Leicht sei es trotzdem nicht. Sie habe schon manche Lebensgeschichte gehört, hochspannende und traurige. Was hat sie daraus für sich mitgenommen? „Was ich am Ende des Lebens bedauern oder bereuen könnte“, sagt sie. „Würde ich heute sterben, hätte ich sicher einiges zu bereuen, das hat wohl jeder. Aber verpasste Chancen zu bedauern habe ich zum Glück nicht viele.“

Ein sinnstiftender Arbeitsplatz, zwei Ehrenämter und eine tolle Nachbarschaft – das klingt ja auch perfekt. Dennoch schaut Michalk kritisch auf sich selbst: „Ich lebe wie eine 27-Jährige, ohne Partnerschaft, ohne Kinder. Irgendwas muss da noch kommen, sich ver­ändern.“ Ein so planvoller Mensch wie sie hat doch ­bestimmt ein Ziel, zumindest Meilensteine für die ­Zukunft? „Nein“, sagt sie und lacht. „So was hatte ich noch nie. In meinem Leben hat sich bisher alles immer Schritt für Schritt ergeben und war dann sehr stimmig und in der Rückschau auch stringent.“