„Gewalt gegen Männer ist ein Tabuthema“

Erstellt am: Freitag, 31. Mai 2024 von Selina

„Gewalt gegen Männer ist ein Tabuthema“

Im Interview spricht Steffen Schroeder, Botschafter des WEISSEN RINGS, über Gewalt gegen Männer in Partnerschaften und seine Arbeit mit Tätern und Opfern.

Steffen Schroeder ist Botschafter des WEISSEN RINGS.

Sie engagieren sich auf sehr vielfältige Weise in der Zivilgesellschaft. Wie kommt das?

Ich bin mit ehrenamtlicher Arbeit aufgewachsen. Als Jugendlicher habe ich mich erst in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen engagiert, dann im Naturschutz. Dabei habe ich immer tolle Erfahrungen gemacht und früh gelernt, dass man einerseits viel gibt, aber andererseits auch viel bekommt. Nicht in Form von Geld, sondern in Form von Dankbarkeit.

Ehrenamtliche Arbeit hat mich immer zutiefst erfreut, so dass ich das eigentlich immer beibehalten habe.

Auf Ihrem Instagram-Kanal haben Sie auf das Thema häusliche Gewalt aufmerksam gemacht und geschrieben, dass betroffene Männer noch seltener Hilfe suchen als Frauen. Warum ist Ihnen dieses Thema wichtig?

Mit diesem Thema habe ich schon länger zu tun. Ich bin viel in der Straffälligenhilfe unterwegs und habe viele Gespräche mit Tätern geführt. Bei einigen von ihnen gab es sexuelle Gewalt, in manchen Fällen sogar vonseiten der Mutter. In der Regel ist es für männliche Betroffene noch schambehafteter als für weibliche, darüber zu sprechen. Das gilt umso mehr, wenn es eine Täterin gibt. Natürlich gibt es mehr Gewalt gegen Frauen, da gibt es ganz andere Zahlen. Aber es müsste auch medial mehr von männlichen Opfern erzählt werden, weil mit Gewalt gegen Männer nach wie vor ein Tabu verbunden ist.

Wie passt Ihr Ehrenamt im Strafvollzug mit dem im Opferschutz zusammen?

Die beiden Bereiche passen sogar sehr gut zusammen, sie ergänzen sich. Meiner Erfahrung nach verläuft Gewalt immer in Kreisläufen, und es gehört zum Präventionsgedanken, sich dessen bewusst zu werden. Wenn Kinder zum Beispiel zu Hause Alkoholismus und Gewalt erleben, besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass sie in ihrem Leben selbst zu Alkoholikern oder gewalttätig werden, trotz all der vorgelebten negativen Seiten. Ich denke, um solche Kreisläufe zu durchbrechen, müssen wir als Gesellschaft auf beiden Seiten daran arbeiten, mit Opfern und mit Tätern. Letztere sollen sich ja bis zu ihrer Entlassung aus dem Gefängnis zum Guten verändern.

Meiner Erfahrung nach gibt es im Vollzug allerdings nur wenige Angebote, die das fördern.

Sie haben sich auch mit dem Ansatz der „Restorative Justice“ beschäftigt, bei dem Opfer und Täter in einen Dialog treten.

Ja, aber ob man diesen Weg gehen möchte, muss man ganz allein dem Opfer überlassen. Wenn jemand das nicht möchte, muss man das unbedingt anerkennen und darf ihn nicht überreden. Aber wenn jemand dazu bereit ist, kann ein Austausch, bei dem Fragenstellen und ein Aussprechen einer Entschuldigung möglich sind, für beide Seiten unheimlich hilfreich sein. Und natürlich braucht es dabei eine sensible Begleitung.

,,Ehrenamtliche Arbeit hat mich immer zutiefst erfreut."

Steffen Schroeder
Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Ich habe als Vollzugshelfer sieben Jahre lang einen Gefangenen betreut, der einen Mord begangen hat, und über die Begegnungen und seine Entwicklung auch ein Buch geschrieben. Anfangs war deutlich, dass er versuchte, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Da ist mir zum ersten Mal klar geworden, wie unfassbar groß diese Schuld ist, die man nie auch nur ansatzweise wiedergutmachen kann. Es ist die Aufgabe des Täters, diese Schuld zu tragen, wie einen schweren Rucksack.

Wir als Gesellschaft können ihm helfen, diesen Rucksack auf die Schultern zu hieven. Bei jenem Gefangenen war es so, dass die Bereitschaft und das Bedürfnis, sich der Schuld zu stellen, mit der Zeit wuchsen. Irgendwann sagte er, er würde gerne eine Entschuldigung aussprechen. Das war leider nicht mehr möglich, weil die Angehörigen des Opfers bereits verstorben waren. Aber ich glaube, der Prozess hat beim Täter zu einer Form von Heilung geführt. Und genau das kann uns als Gesellschaft helfen: dass Täter zu Menschen werden, die anderen Menschen keinen Schaden mehr antun.

Transparenzhinweis:
Steffen Schroeder hat eine Schauspielausbildung absolviert, wirkt in Kino- und Theaterproduktionen mit und war bisher unter anderem zu sehen in TV-Serien wie Tatort, Polizeiruf 110, Soko Leipzig und In aller Freundschaft. Seit 2015 ist er Botschafter des WEISSEN RINGS. Er engagiert sich außerdem ehrenamtlich als Mitglied des Medienrats des Landes Berlin-Brandenburg und ist Botschafter der „Exit“-Initiative für Aussteiger aus der rechtsextremen Szene. Sein Debüt als Autor hatte er mit dem Buch „Was alles in einem Menschen sein kann“, das von seinen Begegnungen mit einem Mörder handelt, den er als ehrenamtlicher Vollzugshelfer in einem Gefängnis kennenlernte. Zuletzt hat Schroeder zwei Romane verfasst. Der 49-Jährige lebt in Potsdam und hat drei Kinder.

Kornelia Fröde will „Menschen wie meiner Mutti helfen“

Erstellt am: Freitag, 12. April 2024 von Sabine

Kornelia Fröde will „Menschen wie meiner Mutti helfen“

Beim Sport haben sich ­Kornelia Fröde und Thomas Karius ­kennengelernt, heute betreibt das Paar eine Kampfkunstschule und leitet seit Kurzem die Außenstelle im Burgenlandkreis.

Kornelia Fröde und Thomas Karius leiten die Außenstelle im Burgenlandkreis.

In ihrer Kindheit war Gewalt keine Seltenheit, erinnert sich Kornelia Fröde. Nicht gegen sie selbst, aber sie habe sie beobachtet. Und das über viele Jahre. Die Gewalt sei von ­ihrem Vater ausgegangen, erzählt Fröde. Er habe ihre Mutter regelmäßig geschlagen. „Als Kind will man das nicht wahrhaben und versucht es wegzuschieben“, ­erinnert sie sich, „wir haben immer heile Familie ­gespielt.“

Die Familie lebte inmitten einer Wohngegend. Häuser links und rechts und gegenüber. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass niemand jemals etwas mitbekommen hat“, sagt Fröde heute. Schon damals merkte sie, dass Menschen oft keine Hilfe bekommen und viele lieber wegschauen. Und schon als Kind sagte sie zu sich selbst: „Dir passiert so etwas nie!“

Als Kornelia Fröde 15 Jahre alt war, schaffte ihre Mutter den Absprung: Sie verließ ihren Mann und flüchtete in ein Frauenhaus. Mehrere Monate lebten sie dort, bis sie eine eigene Wohnung bekamen.

Diese frühe Erfahrung ist ein Grund, weshalb Kornelia Fröde mit der Kampfkunst begonnen hat. Und auch die Arbeit als neue Außenstellenleiterin des WEISSEN RINGS im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt hat damit zu tun. „Das Frauenhaus unterstütze ich auch heute noch ­finanziell, aber ich wollte immer auch aktiv etwas für die Opfer von Gewalt tun“, sagt die 42-Jährige.

Kurz vor dem Gespräch sitzt sie gemeinsam mit ihrem Verlobten Thomas Karius auf den weichen Matten ­ihrer Kampfkunstschule in Lützen, beide trainieren hier den chinesischen Kung-Fu-Stil Wing Tsun. Am ­Tablet ­planen sie die Kurse für das neue Jahr. An der Wand ­hängen Schwarz-Weiß-Fotos von Kampfkunst­meistern. Auf Aushängen sind einige der Grund­bewegungen des Wing Tsun abgebildet. Eine Holzpuppe, Stöcke und Trittpolster zum Trainieren stehen und liegen bereit. Ein großflächiger Spiegel nimmt fast die ganze Wand ein. Vor ihm lernen vor allem Frauen das Schreien und sich dabei Anschauen. „Es ist eine Kampfkunst von Frauen für Frauen“, sagt Kornelia Fröde. Angeblich hat sie sich eine Chinesin angeeignet, um sich gegen einfallende Soldaten zur Wehr setzen zu können. Es geht vor allem um Selbstverteidigung und darum, einen potenziellen Angreifer auch mit wenig Kraft abwehren zu können. Schwer vorstellbar, aber je stärker der Gegner, desto besser für die angegriffene Person, sagt Fröde. Denn beim Wing Tsun arbeitet man mit der Kraft des anderen und setzt sie gegen ihn ein.

Vor acht Jahren haben sie sich beim Sport kenngelernt. „Konni hat meine Turnschuhe für mich getragen, weil ich so schwer beladen war“, sagt Thomas Karius und ­lächelt. Der gebürtige Stuttgarter kam 1999 nach ­Leipzig und macht seit 15 Jahren Kampfsport. Als Kind war er klein und schmächtig und wurde in der Schule oft auf­gezogen. Bis er zum Wing Tsun kommt, lernt er fünf Jahre Judo und zwei Jahre Karate. Bei einem ­Probetraining gibt ihm der Trainer drei Kettenfauststöße auf seine Brust. „Da wusste ich, das will ich lernen“, sagt der 52-Jährige.

Heute leben sie in einer Wohnung unweit der Kampfkunstschule. Der Sport nimmt viel Zeit in ihrem Leben ein und verbindet: Laufen, Kraftsport, Windsurfen, lange Spaziergänge mit den zwei Hunden und ihr neues Hobby Motorradfahren.

Zu den Kursen in der Kampfkunstschule kommen auch Frauen und Mädchen, die Opfer von Gewalttaten sind. Zum Beispiel zwei junge Mädchen, die vergewaltigt wurden. Eine war unsicher und schüchtern und trug immer sehr weite Sachen. „Sie hat ihre Weiblichkeit komplett versteckt“, sagt Kornelia Fröde. Zum Ende des Kurses traute sie sich, beim Sport wieder bauchfreie Tops zu tragen. Das andere Mädchen hatte Angst, allein Bus zu fahren. In Rollenspielen, in denen Thomas Karius den Angreifer spielte, lernte sie sich zur Wehr zu ­setzen. Am Ende des Kurses sogar im Bus mit anderen Fahrgästen.

,,Ich habe sofort gedacht, dass ich beim WEISSEN RING Menschen wie meiner Mutti helfen kann."

Kornelia Fröde

Die Frauen und Jugendlichen trainieren in der Kampfkunstschule nicht nur die Selbstverteidigung. Es gehe vor allem darum, ein selbstbewusstes Auftreten zu ­lernen und mögliche Täter abzuschrecken, sagen die beiden. So könne es zum Beispiel helfen, statt mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf aufrecht zu ­gehen und den Blick schweifen zu lassen. Die beiden wollen ihre Schüler und Schülerinnen stark machen.

Ihre Erfahrungen aus dem Training und den Gesprächen in der Kampfkunstschule helfen den beiden auch bei ­ihrer neuen Arbeit für die Außenstelle des WEISSEN RINGS im Burgenlandkreis. Auch hier treffen sie auf Menschen, die häusliche Gewalt, Mobbing oder ­Stalking erleben. Sie hatten aber auch schon mit Fällen von ­sexuellen Übergriffen und Missbrauchsfällen zu tun. „Am schlimmsten ist es natürlich, wenn Kinder und Jugendliche betroffen sind“, sagt Kornelia Fröde. Die Leitung der Außenstelle hat sie erst im November des vergangenen Jahres übernommen. Ihr Partner Thomas ist ihr Stellvertreter. Beide teilen sich die Arbeit, ­erledigen den Papier- und Organisationskram, führen aber nach wie vor auch Erstgespräche und beraten.

Mitglieder beim WEISSEN RING sind sie seit 2022. Ein befreundeter Kampfkunstmeister erzählte von seiner Arbeit im Verein und wie dieser Opfern von Gewalt hilft. Für Kornelia Fröde steht nach diesem Gespräch schnell fest, dass sie auch im WEISSEN RING aktiv werden will. „Ich habe sofort gedacht, dass ich dort Menschen wie meiner Mutti helfen kann.“ Denn viele Opfer stehen meist allein da. Sie erinnert sich an die Zeit mit ihrer Mutter im Frauenhaus. Als Jugendliche wusste sie nicht, dass es diese Einrichtungen überhaupt gibt. Und auch die Zeit danach war nicht einfach. Sie hatten eine Wohnung, aber sonst nichts. Kein Konto, keine Möbel. Die erste Zeit schliefen sie auf einer Matratze.

Beim Sport hat sich das Paar kennengelernt, heute betreiben sie gemeinsam eine Kampfkunstschule.

Dass sie die Leitung der Außenstelle gemeinsam so schnell übernehmen, hätten die beiden nicht gedacht. Sie sind zu dem Zeitpunkt noch nicht lange dabei, ­haben aber schon einige Hospitationen mitgemacht und gemeinsam mit den „alten Hasen“ Menschen betreut, die sich an die Außenstelle gewandt hatten. Schnell ­haben sie ­gemerkt, dass es vor allem erst einmal darum geht, da zu sein, zuzuhören und nicht zu urteilen.

Dann musste ihr Vorgänger aus familiären Gründen aufhören und suchte dringend jemanden, der über­nehmen konnte. Natürlich müssen sie sich noch ein­arbeiten, aber man ist beim WEISSEN RING nicht allein. „Es gibt immer jemanden, den man fragen kann und der unkompliziert hilft“, sagt Kornelia Fröde. Ein ­eigenes Büro haben sie nicht. Aber das Landratsamt und die ­Kirche stellen Räume zur Verfügung, wenn sie ­gebraucht werden, manchmal führen sie Erst- und Beratungs­gespräche auch im Raum der Kampfkunstschule. „Die Leute bleiben so anonym und wir haben hier genug Platz und Ruhe für die Beratung“, sagt Fröde.

Kornelia Fröde arbeitet hauptberuflich als stellver­tretende Niederlassungsleiterin bei einer Spedition, die Kampfkunstschule betreibt das Paar nebenberuflich. Die Anrufe von Betroffenen gehen meist bei Thomas Karius ein. Er ist Frührentner und arbeitet aushilfsweise in einem Baumarkt. So hat er mehr Zeit, sich die Anliegen der Anrufer anzuhören, und ist einfacher erreichbar. Insgesamt koordinieren sie acht ehrenamtlich Mit­arbeitende im Burgenlandkreis. Nach einem Anruf ist es die Aufgabe von Thomas Karius, schnell jemanden zu vermitteln, der in der Nähe wohnt. Manchmal reicht aber auch eine Hilfestellung am Telefon, wer in einer bestimmten Situation der richtige Ansprechpartner ist. Oft geht es auch um eine seelische Unterstützung oder Beistand. Zum Beispiel die Begleitung auf das Polizeirevier, wenn sich jemand nicht traut, zur Anzeigen­erstattung allein dorthin zu gehen.

Auch außerhalb der Kampfkunstschule und des Vereins gehen die beiden immer mit wachen ­Augen durch die Straßen. „Wir haben ein sensibles Radar und nehmen Sachen wahr, die andere gar nicht ­sehen“, sagt Kornelia Fröde. So zum Beispiel am Bahnhof in Hannover, wo ein betrunkenes Paar in heftigen Streit geriet. Kurz bevor der Mann mit einer Flasche auf die Frau losging, stellten sich beide dazwischen. Oder die Frau am Leipziger Hauptbahnhof, die zusammengekauert auf der Straße saß. Niemand hatte mitbekommen, dass sie nach einer Messerstecherei schwer verletzt war. Sie gingen zu ihr und kümmerten sich. Das sind ­Situationen, in denen sich Kornelia Fröde und Thomas Karius dann für andere stark machen.

Ihre Mission: Gewalt zu verhindern

Erstellt am: Mittwoch, 27. Dezember 2023 von Sabine

Ihre Mission: Gewalt zu verhindern

Ein sinnstiftender Arbeitsplatz, zwei Ehrenämter und eine tolle Nachbarschaft: Adelina Michalk ist seit 2022 stellvertretende Vorsitzende im Landesverband Hamburg des WEISSEN RINGS – und fühlt sich besonders im Stadtteil Altona wohl.

Adelina Michalk ist seit 2022 stellvertretende Vorsitzende im Landesverband Hamburg des WEISSEN RINGS.

Adelina Michalk hat wenig Zeit, eine gute Stunde vielleicht. Dafür ist sie bestens vorbereitet: So hat sie sich überlegt, die Fotos vorm Gespräch zu machen, damit man danach bis zur letzten Minute reden kann. Sie kommt einem gleich entgegen, durchs Treppenhaus des altehrwürdigen Altonaer Rathauses, das Smartphone in der Hand, für alle Fälle. Michalk, den Eindruck gewinnt man bald, ist strukturiert und planvoll. In ihrem Büro stehen Tee und Kekse bereit, ihre Tasche für den Anschlusstermin hat sie schon gepackt. Etwas überraschend zwischen all der Effizienz: die sphärischen Klänge, die aus dem Computerlautsprecher herüberschwingen. „Das ist mein Geheimnis bei der Arbeit“, sagt sie, „Entspannungsmusik. Die höre ich den ganzen Tag lang, und das wirkt tatsächlich.“ Jetzt schaltet sie sie ab und setzt sich kerzengerade hin: kann losgehen.

Michalk, 40 Jahre, ist seit 2022 stellvertretende Vorsitzende im Landesverband Hamburg des WEISSEN RINGS. Das ist eins ihrer Ehrenämter. Beruflich arbeitet sie im Bezirksamt Hamburg-Altona als Fachkraft für Integration und Diversität. Mit Opfern beschäftigt sie sich in beiden Rollen — oder vielmehr damit zu verhindern, dass Menschen Opfer werden, von Dis­kriminierung, hassmotivierten Verbrechen, Gewalt. Anders als viele Ehrenamtliche des Vereins, die persönlich ansprechbar sind für Menschen in Not, agiert Michalk auf der Metaebene, im Aufbau von Kontakten, Netzwerken und Öffentlichkeitsarbeit. „Das liegt mir mehr“, sagt sie. Fallarbeit, auch mit Opfern, hat sie beruflich fünf Jahre lang gemacht, im Rahmen der Gewaltprävention in der Jugendhilfe. „Da war natürlich jeder Fall und jeder Mensch anders, aber das Prozedere war immer das gleiche“, sagt sie. „Es passte zwar gut zu meinem Studium, aber irgendwann wollte ich was Neues machen.“

Studiert hat sie zunächst Sozialpädagogik. Sie merkte bald, dass das Fach Kriminologie sie dabei am meisten interessierte. Michalk wählte es als Masterstudiengang und konzentrierte sich auf Viktimologie, die Lehre von den Opfern. Ihre Abschlussarbeit schrieb sie über Nachahmungseffekte bei Schulmassakern. Sie untersuchte, warum sich nach School Shootings wie in der US-Kleinstadt Columbine die Nachahmungstaten häuften, auch in Deutschland, in Winnenden zum Beispiel. Ihre Antwort: Den Tätern wurde viel zu viel Aufmerksamkeit gewidmet, gerade in den Medien. „Man muss Tätern diese Aufmerksamkeit entziehen, sonst generiert man Trittbrettfahrer“, sagt Michalk. „Es ist total verrückt! Da gab es ganze Subkulturen, die neue Massaker als Hommage an ihre Vorbilder planen. Denen darf man kein Material liefern für Glorifizierungen.“ Michalk redet stets schnell, druckreif und sachlich, in diesem Moment aber merkt man, wie das Thema sie noch heute bewegt. Die Berichterstattung, sagt sie, müsse sich um die Opfer drehen und viel sensibler werden.

Da sie sich im Studium auf Kriminalitätsopfer fokussierte, absolvierte Michalk Praktika in der Zeugen­betreuung bei Gericht — so entstand Kontakt zum WEISSEN RING. Mit 26 trat sie in die Gruppe der „Jungen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“ des Landes­verbands ein. Es waren die Ehrenämter beim WEISSEN RING, als Junge Mitarbeiterin und dann als Jugend­beauftragte, die Michalk zeigten, wie sie beruflich wirken wollte: thematisch, steuernd, netzwerkend. Und so wechselte sie auch den Job, als sich die Gelegenheit bot: weg von der Fallarbeit, hin zur Koordinierung.

Im Bezirksamt hat sie bereits zum dritten Mal die ­Altonaer Vielfaltswoche mit auf die Beine gestellt: Verschiedenste Gruppen werden eingeladen, Veranstaltungen anzubieten, um sichtbarer zu werden. Ziel ist es, das Zusammenleben in diesem enorm vielfältigen Stadtteil zu verbessern, Ausgrenzung und gruppen­bezogener Menschenfeindlichkeit entgegenzuwirken — zum Beispiel Rassismus, Sexismus, Homophobie, Antiziganismus, Antisemitismus, Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen oder ohne Wohnsitz.

Michalk wohnt in Altona, sie schätzt die kulturelle, ethnische Vielfalt, den Trubel. „Ich habe ja nicht nur deutsche, sondern auch malaiische Wurzeln, durch meine Mutter“, sagt sie. „Deshalb fühle ich mich hier wohler als an Orten, an denen ich womöglich als ­exotisch wahrgenommen werde.“ Diskriminierungserfahrungen hat sie bisher keine, anders als Mutter oder Bruder, „die sehr viel dunkler sind als ich“.

Wie ist sie aufgewachsen, mit einem deutsch-malaiischen Elternpaar? Recht behütet, sagt Michalk, in ­einem Reihenhaus in Hamburg-Schnelsen. Religiös sind weder Vater noch Mutter, Traditionen wie ein geschmückter Weihnachtsbaum wurden zwar gepflegt, „aber eher, weil’s cool war, und nicht mit dem christlichen Hintergrund“. Heute reist sie alle drei Jahre mit ihren Eltern in den asiatischen Vielvölkerstaat, wo auch Verwandte leben. Winkekatzen und andere Glücksbringer, die sie dort findet, hat sie auf dem Schreibtisch aufgereiht. Die Herkunft, der familiäre Hintergrund, das alles habe sie schon geprägt, sagt Michalk. „Diversity betrifft mich persönlich, diese Themen sind mir einfach sehr zugänglich.“ Um die Vielfalt und Buntheit der Welt zu genießen, hat ihr ­jedoch stets Hamburg ausgereicht. Es kam ihr nie in den Sinn, die Stadt zu wechseln: „Ich fühle mich hier einfach verwurzelt. Die Lebensqualität ist hoch, die Wege sind kurz in diesem Stadtstaat.“

Michalk, so scheint es, führt ein aufgeräumtes Leben. Dazu hat sie eine Mission: Gewalt zu verhindern und das menschliche Miteinander zu verbessern. Doch als die Pandemie einsetzte, bekam auch sie eine Sinnkrise. Sie gab einem Wunsch nach, der schon lange in ihr schlummerte: sich als Sterbebegleiterin im Hospiz zu engagieren. Sterben, findet sie, wird in unserer Gesellschaft geradezu tabuisiert. „Dabei ist es genauso ultimativ wie die Geburt. Klammert man es aus, lebt man nur halb. Mir fehlte dieser Pol des Daseins, weil er den Blick aufs Leben erst vollständig macht.“

Jetzt geht sie zweimal pro Monat am Sonntagnachmittag in ein kleines Hospiz und fragt alle Gäste, was sie brauchen: ein Gespräch, Vorlesen, mit dem Rollstuhl an die frische Luft? Anschließend bereitet sie Abendessen nach Wunsch, etwas Suppe zum Beispiel, einen Joghurt, ein Brot. „Manchmal denke ich, dies ist vielleicht das fünftletzte Brot, das dieser Mensch essen wird“, sagt Michalk. „Das zuzubereiten, finde ich bewegend. Und schön.“ Leicht sei es trotzdem nicht. Sie habe schon manche Lebensgeschichte gehört, hochspannende und traurige. Was hat sie daraus für sich mitgenommen? „Was ich am Ende des Lebens bedauern oder bereuen könnte“, sagt sie. „Würde ich heute sterben, hätte ich sicher einiges zu bereuen, das hat wohl jeder. Aber verpasste Chancen zu bedauern habe ich zum Glück nicht viele.“

Ein sinnstiftender Arbeitsplatz, zwei Ehrenämter und eine tolle Nachbarschaft – das klingt ja auch perfekt. Dennoch schaut Michalk kritisch auf sich selbst: „Ich lebe wie eine 27-Jährige, ohne Partnerschaft, ohne Kinder. Irgendwas muss da noch kommen, sich ver­ändern.“ Ein so planvoller Mensch wie sie hat doch ­bestimmt ein Ziel, zumindest Meilensteine für die ­Zukunft? „Nein“, sagt sie und lacht. „So was hatte ich noch nie. In meinem Leben hat sich bisher alles immer Schritt für Schritt ergeben und war dann sehr stimmig und in der Rückschau auch stringent.“

Die Bekanntmacherin

Erstellt am: Mittwoch, 27. Dezember 2023 von Sabine

Die Bekanntmacherin

Sie ist so lange im Amt wie Angela Merkel: Ilse Haase aus Bielefeld telefoniert sogar noch für den WEISSEN RING, während sie in einen OP-Saal geschoben wird.

Ilse Haase engagiert sich seit 2007 im WEISSEN RING.

Schon eine Autofahrt von einer Viertel­stunde reicht, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie Ilse Haase arbeitet. Während sie den Reporter in einem alten Mercedes vom Bielefelder Hauptbahnhof zu ihrem Haus fährt, berichtet sie von dem jungen Paar, das sich am Tag vorher bei ihr ge­meldet hat. Das Leben der beiden war bedroht, die ­Familien hatten etwas gegen die Liebesbeziehung. Vermutlich würde das volle Programm nötig sein, um sie zu schützen – neuer Name, neuer Wohnsitz –, aber erst mal mussten sie vorübergehend eine neue Bleibe finden. Bloß wo? Haase fuhr mit den beiden zu sich nach Hause, machte ihnen was zu essen und führte mehrere Telefonate. Kontakte und Wissen hatte sie schließlich nach 16 Jahren als Leiterin der Außenstelle Bielefeld, Angela Merkels Amtszeit als Bundeskanzlerin war ebenso lang. Natürlich fand Haase eine Unterkunft für die beiden, zumindest für die nächsten Wochen.

So lange im Amt wie Angela Merkel: Ilse Haase gibt die Außenstellenleitung in Bielefeld nach dem Jahresabschluss ab.

Nun sitzt der Reporter an diesem Tisch, an dem sie am Vortag das junge Paar bewirtet hat, und Haase – kurze Haare, stets freundliche Miene – fährt erst mal Brötchen, Käse und Kuchen auf. Man hört ihr noch immer ein wenig an, dass sie weiter nördlich in Deutschland aufgewachsen ist, in Niedersachsen. Die 70-Jährige ist froh, dass ihr der Fall nicht zu Beginn ihrer Zeit beim WEISSEN RING begegnet ist, so aber konnte sie ihre ganze Erfahrung ausspielen. Allzu häufig wird das vermutlich nicht mehr nötig sein, denn so allmählich möchte Rentnerin Haase auch wirklich in Rente gehen. Im vergangenen Jahr hat sie sich beim Radfahren das Bein gebrochen. Weil es ein komplizierter Bruch war, dauerte es lange, bis sie wieder gesund war. Das nahm sie als Zeichen, sich mit ihrer Nachfolge zu beschäftigen. „Selbst als ich in den OP geschoben wurde, habe ich noch mit meinem Vertreter telefoniert, um Dinge zu regeln“, sagt sie.

Die Nachfolge ist mittlerweile geregelt. Jedenfalls so ungefähr. Eigentlich hatte sie schon eine Nachfolgerin aufgebaut, doch aus gesundheitlichen Gründen musste diese absagen. Haase dachte darüber nach, noch so lange weiterzumachen, bis sie eine andere Person gefunden hatte. Davon aber nahm sie Abstand, weil sie sich selbst zu gut kennt: „Ich komme sonst nie davon ab.“ Nach dem Jahresabschluss wird ein Mitglied ihres Teams die Leitung der Außenstelle kommissarisch übernehmen.

Als Ilse Haase ihr Ehrenamt 2007 antrat, arbeitete sie noch als Verwaltungsangestellte bei der Polizei. Häufig schrieb sie die Aussagen von Verdächtigen und Zeugen mit, bekam eine Ahnung davon, was Menschen anderen Menschen antun konnten. Dennoch sagt sie: „Ich habe mir da ehrlich gesagt nicht so viele Gedanken gemacht. Wenn ich fertig war mit meiner Schreiberei, habe ich was anderes gemacht.“ Schon damals lernte sie: Es ist wichtig, nicht alles an sich heranzulassen. Doch da gab es auch diesen Fall mit fünf Getöteten, nur die Großmutter und ihre zwei Enkelkinder überlebten. Haase schrieb mit, als die Frau ihre Aussage machte, die Kinder hatte sie mitgebracht. Eines der Kinder machte sich in die Hosen, Haase bastelte aus Taschentüchern und Toilettenpapier Windeln. Vielleicht war das ihr erster Kontakt mit dem Thema Opferschutz. Sie fragte sich: „Was wird aus den Kindern? Ist die Oma überfordert?“

Eine Arbeitskollegin, eine Polizistin, erzählte Haase häufiger von ihrem Engagement beim WEISSEN RING. Eines Tages machte eine bundesweite Ausstellung vom WEISSEN RING auch im Polizeipräsidium Bielefeld ­Station. Haase kam jeden Tag daran vorbei, sah Bilder von Frauen mit blauem Auge. Ob sie sich dort ein­bringen sollte? Als der damalige Leiter der Außenstelle die Ausstellung besuchte, kam sie mit ihm ins Gespräch, bekundete ihr Interesse. Der bot ihr gleich an, seine Nachfolge zu übernehmen.

Damals war Haase noch in der Rumänien-Hilfe tätig – das heißt, sie und ihr Mann waren die Rumänien-Hilfe in Bielefeld, sammelten Kleidung und andere Spenden, fuhren damit zweimal im Jahr nach Rumänien, ver­mittelten Patenfamilien. Aber immer herrschte wegen der Spenden Chaos im Haase-Keller, und wenn sie mit ihrem Mann unterwegs war, musste sie ihre drei Töchter und den Pflegesohn anderswo unterbringen. Da war ein Ehrenamt für den WEISSEN RING schon leichter umzusetzen. Aber gleich die Leitung über­nehmen? Wollte und sollte das nicht jemand machen, der schon mehr Erfahrung gesammelt hatte?

Sie ging zur nächsten Mitarbeiterbesprechung und stellte fest: Es ist ja gar nicht so schwer, Menschen zu helfen. Auch die Leitung übernahm sie wenig später. Schon weil ihr Vorgänger aus familiären Gründen dringend jemanden suchte. „Er war in Not. Da braucht man gar nicht mehr zu hinterfragen“, sagt Haase. Sie sagt es so, als hätte deshalb jeder dem Mann geholfen. Haase war damals 54. Dass sie es noch als Rentnerin machen würde, kam ihr nicht in den Sinn. Ihr Vorgänger hatte die Außenstelle vier Jahre lang geleitet.

,,Helfen kann man tatsächlich bei jedem Anruf."

Ilse Haase

In den 16 Jahren bearbeitete Ilse Haase so viele Fälle, dass sie sich längst nicht mehr an alle erinnern kann, auch nicht an die großen, über die die Medien berichteten. Was wieder mal dafür spricht, dass sie die Fälle nicht zu nah an sich heranlässt. Unter anderem, weil sie mit ihrem Mann darüber reden kann, der dem WEISSEN RING gleich mit beitrat, sich in der Außenstelle aber eher um Papierkram und Computer-Angelegenheiten kümmerte.

In all den Jahren habe ihr besonders gefallen, dass man selbstständig arbeiten und eigene Ideen einbringen könne. Außerdem könne man selbst festlegen, was eine „Notwendigkeit“ sei. Haase erzählt von einem Mädchen, das vom Partner der Mutter missbraucht worden war. Als die Tochter der Mutter davon erzählte, warf sie den Mann raus. Ihren Lebensunterhalt musste die Frau nun vom Bürgergeld bestreiten, aber sie wollte mit ­ihrer 15-jährigen Tochter unbedingt mal was erleben. Sie wandte sich an den WEISSEN RING. Haase zahlte ihr eine Soforthilfe, damit sie mit ihrer Tochter einen Ausflug machen konnte. Das Mädchen habe geweint, weil sie sich so freute, mal rauszukommen, sagt Haase.

„Helfen kann man tatsächlich bei jedem Anruf, und wenn ich nur weiterleite“, sagt Haase. Das ist einer der Gründe, warum sie es 16 Jahre gemacht hat. Manchmal denke sie, der WEISSE RING sei wie eine Oma: „fürsorglich, immer da und rückt auch mal einen Schein raus“. Als sie anfing, bearbeitete der WEISSE RING in Bielefeld weniger als 100 Opferfälle im Jahr, sagt Haase. Nun seien es 300. Das liegt nicht daran, dass mehr Straftaten begangen werden, sondern dass der Verein in der Stadt bekannter geworden ist. Die Vermutung ist nicht allzu kühn, dass Ilse Haase daran einen großen Anteil hat.

Die Fädenspinner mit dem Zeitumkehrer

Erstellt am: Mittwoch, 27. Dezember 2023 von Sabine

Die Fädenspinner mit dem Zeitumkehrer

Sebastian und Sandra Gillmeister schaffen es, ihre Klinik-Jobs zu stemmen, sich in der Außenstelle Ulm/Alb-Donau-Kreis für den WEISSEN RING zu engagieren, ihren Hobbys nachzugehen und ganz nebenbei noch ein Haus zu renovieren. Wie geht das?

Ein Powerpaar: Sandra und Sebastian Gillmeister

Manchmal, während man Sebastian und Sandra Gillmeister zuhört, fragt man sich verwundert, ob sie vielleicht irgendwo ­einen Zeitumkehrer versteckt haben. Das kleine magische Gerät, das wie eine Sanduhr an einer Kette aussieht, kennt man aus den Harry-Potter-Büchern. Seinen Besitzern ermöglicht es, in der Zeit zurückzureisen. So können sie mehr Aufgaben erledigen, als der Tag es eigentlich zulässt. Wie sonst schaffen es die Gillmeisters, ihre Klinik-Jobs zu stemmen, sich in der Außenstelle Ulm/Alb-Donau-Kreis für den WEISSEN RING zu engagieren, ihren Hobbys nachzugehen und ganz nebenbei noch ein Haus zu renovieren?

Im Moment aber sitzen die beiden ganz entspannt auf der Couch ihrer Ulmer Wohnung, die Schultern an­einandergeschmiegt. Zu ihren Füßen liegt Hundedame Mila, ein Chihuahua-Terrier-Mix. Es ist Montagabend, vor sich haben sie den Laptop aufgeklappt. Das Licht des Bildschirms spiegelt sich in ihren Brillengläsern. Per Videochat erzählen die Vielbeschäftigten, warum ihnen die ehrenamtliche Arbeit für den Verein in der Außenstelle in Baden-Württemberg so wichtig ist.

Sandra Gillmeister kennt den WEISSEN RING schon lange. Die 33-Jährige stammt aus dem Zollernalbkreis. Ihre Mutter Heike Dachs arbeitet seit Jahren für die dortige Außenstelle und wird zum Jahresende sogar deren Leitung übernehmen. „Durch sie habe ich mitbekommen, was der WEISSE RING alles leistet“, sagt Sandra Gillmeister. „Das hat mich sehr beeindruckt.“ Und noch etwas ist ihr im Kopf geblieben: „Wie er­füllend diese Aufgabe für meine Mutter ist.“

Zunächst aber wollte Sandra Gillmeister beruflich Fuß fassen. In Tübingen machte sie eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Dabei lernte sie ihren späteren Mann kennen. Sebastian Gillmeister, in Sachsen geboren und aufgewachsen im Schwarzwald, ließ sich dort zum Anästhesietechnischen Assistenten ausbilden. Später setzte er ein Medizinstudium obendrauf. 2016 heirateten die beiden. Sandra Gillmeister folgte ihrem Mann nach Ulm, wo er sein Studium abschloss. Sie selbst begann berufsbegleitend ein Stu­dium in Gesundheitsmanagement.

Die Gillmeisters möchten Menschen helfen, aus einer schwierigen Situation herauszukommen.

Inzwischen arbeiten sie beide für das RKU, die Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm. Er macht dort seinen Facharzt für Anästhesie. Sie arbeitet im Case Management, kümmert sich zum Beispiel um die ­Bettenbelegung und die nachstationäre Versorgung der Patientinnen und Patienten. Sebastian Gillmeister arbeitet hundert Prozent, seine Frau 85 Prozent. Ihre Arbeitstage sind voll, der Klinikalltag ist oft auf­reibend. Man könnte meinen, sie seien froh, wenn sie sich nach Feierabend endlich auf dem Sofa ausstrecken können. Doch Stillstand mögen beide nicht. Sie brauchen die Abwechslung so dringend wie ein Profisportler das tägliche Training.

„Betroffene sollen wissen, dass sie nicht allein sind.“

Sandra Gillmeister

Parallel zu ihrer beruflichen Entwicklung ist ihr ehrenamtliches Engagement mit den Jahren gewachsen. 2018 wurde das Paar zunächst Mitglied im Verein. 2020 meldete sich Sandra Gillmeister als ehrenamtliche Mitarbeiterin. Zu diesem Zeitpunkt stand sie kurz vor dem Ende ihres Bachelorstudiums. „Ich habe neben dem Studium immer hundert Prozent gearbeitet“, sagt sie. „Da habe ich mich gefragt, was ich nach dem Abschluss plötzlich mit der ganzen freien Zeit anfangen soll.“ Sie muss schmunzeln, als sie davon erzählt. Jede freie Minute einer Aufgabe zu widmen, die Sinn stiftet oder Freude bereitet, diese sympathische Rastlosigkeit hat sie mit ihrem Mann gemeinsam.

Ihre Motivation, sich für den WEISSEN RING einzu­setzen? „Ich möchte Menschen helfen, aus einer schwierigen Situation herauszukommen“, sagt sie. „Betroffene sollen wissen, dass sie nicht allein sind.“

Sebastian Gillmeister hat zeitweise im Rettungsdienst gearbeitet. Dabei gab es immer wieder Berührungspunkte mit dem WEISSEN RING. Wirkliches Interesse für die Arbeit des Vereins weckte dann aber erst seine Schwiegermutter: „Sie erzählte von ihren Fällen und ich bekam immer größere Ohren“, erinnert sich der 34-Jährige. Ein Jahr nach seiner Frau, 2021, wurde auch er ehrenamtlicher Mitarbeiter. Er sagt: „Jemandem wieder auf die Beine zu helfen, ihn auf seinem Weg zu begleiten, der Starke an seiner Seite zu sein, das gibt einem ein unglaublich gutes Gefühl.“

Sie teilen sich ein Telefon des WEISSEN RINGS, auf dem sie Hilfsanrufe entgegennehmen. „Das ist ein Herzens­projekt von uns, da nimmt man sich die Zeit“, sagt Sandra Gillmeister. „Dann telefoniert man eben auch mal abends um 21 Uhr mit einer Betroffenen.“ Manchmal können Kriminalitätsopfer nur tagsüber sprechen. Dann nehmen die Gillmeisters das Telefon mit in die Klinik. „Meine Chefin ist sehr tolerant“, sagt Sandra Gillmeister. „Wenn ich ihr sage, dass ich mit einem Opfer von häuslicher Gewalt telefonieren muss, sagt sie nie nein.“

Die Gillmeisters unterstützen sich gegenseitig. Wenn einer bei einem Fall nicht weiterweiß, fragt er den ­anderen um Rat: Wie am besten vorgehen? Welche ­Hilfe wird jetzt am dringendsten benötigt? Wenn eine Geschichte eine der beiden emotional stark mitnimmt, hilft es, mit dem Partner darüber zu sprechen. „Ich hatte schon gestandene Männer, die vor mir in Tränen ausgebrochen sind, weil in ihrer Familie etwas passiert ist“, sagt Sandra Gillmeister. „Da muss auch ich als Beraterin kräftig schlucken.“ Sebastian Gillmeister schöpft in solchen Situationen Kraft aus einem Gedanken: „Wenn ich aufzähle, was wir vom WEISSEN RING alles für einen Betroffenen tun können, verwandelt sich die Schwäche in Stärke.“

Und natürlich sind die Gillmeisters nicht allein. Sie haben­­­ in ihrer Außenstelle ein starkes Team von Ehrenamt­lichen, die wie sie alle noch im Berufsleben stehen. Große Themen besprechen sie gemeinsam. Mindestens einmal im Quartal treffen sie sich persönlich, zwischendurch wird bei Bedarf telefoniert oder gemailt.

Sebastian Gillmeister hat 2023 ein wichtiges Amt ­übernommen: Er ist Jugendbeauftragter für Baden-Württemberg. Damit ist er Ansprechpartner für die Gruppe der Jungen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und auch bei den Treffen der Außenstellenleiter mit dabei. In dieser Funktion koordiniert er zum Beispiel landesweite Aktionen, an denen die jungen Ehrenamtlichen unter 35 Jahren beteiligt sind. Spricht man mit Sebastian Gillmeister über seine neue Aufgabe, kristallisieren sich schnell zwei Herausforderungen heraus, denen er sich stellen möchte. Zum einen möchte er mehr junge Menschen für das Ehrenamt begeistern, zum anderen ihrer Stimme innerhalb des Vereins mehr Gewicht verschaffen. „Da ist noch Luft nach oben, ­dabei ist die Jugendarbeit enorm wichtig“, sagt er. „Ich habe oft das Gefühl, dass junge Menschen nicht so viel gefordert und gefördert werden, wie sie es eigentlich verdient hätten.“ Im WEISSEN RING engagierten sich vor allem lebenserfahrene Menschen, viele davon sind bereits im Ruhestand. „Deren Erfahrung ist natürlich wichtig“, sagt Sebastian Gillmeister. „Trotzdem kann man auf einen jungen Mitarbeiter zugehen und fragen: Was denkst du darüber?“ Seine Frau ergänzt: „Eine gute Mischung aus allen Altersgruppen, das wäre ­wünschenswert.“

„Jemandem wieder auf die Beine zu helfen, ihn auf seinem Weg zu begleiten, der Starke an seiner Seite zu sein, das gibt einem ein unglaublich gutes Gefühl.“

Sebastian Gillmeister

Das junge Paar will noch weitere Dinge anstoßen. In Ulm hat der WEISSE RING keine eigenen Räume, in ­denen man sich mit den Opfern in einer sicheren und ruhigen Umgebung treffen kann. „Wir sind auf unsere Netzwerkpartner angewiesen: Altenheime, Polizei, Bibliotheken, Cafés mit einem separaten Bereich“, zählt Sandra Gillmeister auf. Derzeit suchen sie nach einem Raum in Zentrumsnähe, der kostenfrei nutzbar ist.

Netzwerk ist ein Wort, das im Gespräch immer wieder fällt. Die Gillmeisters sammeln Kontakte wie emsige Bienen Nektar. Sie wollen sich mit möglichst vielen Akteuren aus den unterschiedlichsten Bereichen verbinden. Als zum Beispiel in Ulm eine Ambulanz für ­Gewaltopfer öffnete, besorgten sie sich sofort Flyer, um sie bei Bedarf an Betroffene zu verteilen. „Umgekehrt sollen uns auch die Mitarbeiter der Ambulanz kennen, damit sie Menschen auf unsere Beratung aufmerksam machen können“, erklärt Sandra Gillmeister.

Kein Wunder, dass sie auch in anderen Organisationen mitmischen wollen. Beide sind für die SPD im Orts­verein Ulm Süd aktiv. Sebastian Gillmeister bringt sich in medizinischen Gewerkschaften ein. Er möchte die Ausbildung junger Ärzte verbessern. In der Gewerkschaft Verdi haben sich die Gillmeisters ebenfalls schon eingesetzt. Doch im Moment ruht ihr Engagement dort – zu viel anderes zu tun. „Wenn man in ein Netzwerk eintritt, muss man sich auch engagieren, um die Fäden weiterspinnen zu können“, sagt Sebastian Gillmeister. Und erklärt gleich, was er sich davon verspricht: „Einem Opfer von häuslicher Gewalt kann man vielleicht schneller zu einer Wohnung verhelfen, unabhängig vom Frauenhaus. Dem Vergewaltigungsopfer eine konkrete Anlaufstelle in einer Klinik nennen.“

Anspruchsvolle Jobs, ausfüllende Ämter – bleibt da überhaupt Zeit fürs Privatleben? Tatsächlich haben die Gillmeisters ein Haus gekauft, das sie gerade reno­vieren lassen. Sebastian Gillmeister träumt von einem Musikzimmer. Er spielt Gitarre und Dudelsack, möchte aber gerne noch Schlagzeug und ein Blasinstrument lernen. Sandra Gillmeister strickt und näht. Und dann ist da noch Mila, die sich über Aufmerksamkeit freut und ihren täglichen Auslauf braucht.

Wird ihnen das alles manchmal zu viel? Sebastian Gillmeister lacht: „Durch unseren medizinischen Background sind wir einiges an Stress gewohnt.“ Seine Frau und er haben ein Ritual etabliert: Wenn sie von der ­Arbeit nach Hause kommen, setzen sie sich erst einmal auf die Couch. Sie kuscheln mit Mila und reflektieren den Tag. So meistern sie die täglichen Herausforderungen bisher gut – auch ohne Zeitumkehrer.

„Wir dürfen den Datenschutz nicht über den Opferschutz stellen“

Erstellt am: Montag, 11. Dezember 2023 von Selina

„Wir dürfen den Datenschutz nicht über den Opferschutz stellen“

Hessens Justizminister Professor Roman Poseck (CDU) hält die elektronische Fußfessel für ein wirksames Mittel, um Frauen besser vor Männergewalt zu schützen. Im Interview mit der Redaktion des WEISSEN RINGS erklärt er, warum er sich für ein entsprechendes Bundesgesetz starkmacht und was Deutschland dabei von Spanien lernen kann.

Hessens Justizminister Professor Roman Poseck (CDU) in einem blauen Anzug.

Foto: Annika List Fotografie

Hessens Justizminister Professor Roman Poseck (CDU) hält die elektronische Fußfessel für ein wirksames Mittel, um Frauen besser vor Männergewalt zu schützen. Im Interview mit der Redaktion des WEISSEN RINGS erklärt er, warum er sich für ein entsprechendes Bundesgesetz starkmacht und was Deutschland dabei von Spanien lernen kann.

Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Expartner getötet. Diese Opferzahlen sind seit Jahren konstant hoch. Was denken Sie persönlich, wenn Sie jedes Jahr diese Zahlen hören, hinter denen Schicksale stehen?

Ich finde die Zahlen sehr bedrückend. Jeder einzelne Fall ist tragisch und einer zu viel. Aus meiner Sicht muss der Staat mehr tun, um Frauen zu schützen. Der Staat hat insoweit einen Schutzauftrag, und die Fallzahlen sind zu hoch. Wir sehen im Übrigen einen Anstieg der Fallzahlen der häuslichen Gewalt insgesamt. Auch das macht deutlich, dass noch mehr zum Schutz der Frauen getan werden muss.

Warum tut sich der Staat Ihrer Meinung nach so schwer damit, die Frauen besser zu schützen?

Das Strafrecht ist darauf ausgerichtet, begangenes Unrecht zu sanktionieren. Bei dem Schutz der Frauen geht es vor allem darum, zukünftige Taten zu verhindern. Das ist rechtlich und tatsächlich nicht ganz einfach. Weitere Eskalationen sind nicht in jedem Fall vorhersehbar. Diese Schwierigkeiten sollten aber nicht davon abhalten, mehr zu tun. Es gibt bereits das Gewaltschutzgesetz, nach dem schon heute Kontakt- und Annäherungsverbote ausgesprochen werden können. Das sind wichtige Maßnahmen, um Frauen zu schützen. Allerdings ist es schwierig, diese Maßnahmen zu überwachen, also konkret in jedem Einzelfall auch durchzusetzen, dass sich Männer an diese Auflagen halten.

Wie könnte die elektronische Fußfessel dabei helfen, die Sie in der Justizministerkonferenz ins Spiel gebracht haben?

Aus meiner Sicht ist die elektronische Fußfessel ein geeignetes Instrument, um den Schutz von Frauen zu verbessern. Denn gerade die Auflagen nach dem Gewaltschutzgesetz könnten mit einer elektronischen Fußfessel wesentlich wirkungsvoller umgesetzt und vor allem auch effektiver überwacht werden. Konkret heißt das, dass Verstöße gegen Kontakt- oder Annäherungsverbote beim Einsatz der elektronischen Fußfessel auffallen würden. So könnte noch rechtzeitig eingeschritten werden; soweit erforderlich auch mithilfe der Polizei. Außerdem hätte das Tragen der elektronischen Fußfessel eine hohe präventive Wirkung, weil die Betroffenen wissen würden, dass Verstöße auffallen und gerichtsfest dokumentiert werden. Und das ließe erwarten, dass sie sich häufiger als bisher auch an die Vorgaben halten würden. Natürlich kann es keine absolute Sicherheit geben, aber es würde einen deutlichen Gewinn an Sicherheit bedeuten.

Was halten Sie vom spanischen Modell der Fußfessel?

Ich bin offen für das spanische Modell, das ja in der Tat noch über den klassischen, bisher bei uns stattfindenden Fußfesseleinsatz hinausgeht. Spanien macht gute Erfahrungen mit diesem Modell, und deshalb sollten wir uns damit beschäftigen, weil jede Annäherung auffällt – beispielsweise auch beim Einkaufen oder an anderen Orten. Warum sollten wir nicht von Spanien lernen und uns die guten Erfahrungen dort nicht zunutze machen?

Die Justizministerkonferenz hat einen Prüfauftrag an Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) gestellt. Man hat den Eindruck, der Bundesjustizminister spielt den Ball zurück in die Länder und verweist auf die Polizeigesetze. Was sagen Sie dazu?

Der Hinweis auf die Polizeigesetze ist auf der einen Seite richtig, auf der anderen Seite aber nicht vollständig. Natürlich haben die Länder Möglichkeiten, in den Polizeigesetzen Regelungen zum Einsatz der elektronischen Fußfessel im Kontext häuslicher Gewalt zu treffen. Das haben wir in Hessen und andere Bundesländer auch bereits gemacht. Aber das schließt natürlich nicht aus, dass es auch Regelungen auf Bundesebene geben sollte. Die maßgeblichen Gesetze sind nun mal Bundesgesetze.

Wie könnte diese bundesweite Regelung aussehen?

Wir zielen mit unserer Initiative darauf ab, Anordnungen nach dem Gewaltschutzgesetz mit der elektronischen Fußfessel verbinden zu können, entweder durch eine Ergänzung des Gewaltschutzgesetzes selbst oder durch die Schaffung einer Rechtsgrundlage im Strafgesetzbuch. Und möglicherweise kann die Fußfessel im Rahmen des Gewaltschutzgesetzes auch länger zur Anwendung kommen, als es bei den Polizeigesetzen der Länder der Fall ist. In Hessen ist die polizeirechtliche Maßnahme auf maximal 14 Tage befristet. Insoweit geht es also um sehr, sehr vorübergehende Maßnahmen, die allein präventiven Charakter haben. Im Gewaltschutzgesetz sind die Maßnahmen nicht so eng befristet, und deshalb könnte eine Regelung im Zusammenhang mit diesem Bundesgesetz einen längeren und einen besseren Schutz bewirken.

Schlägt der Datenschutz in Deutschland den Opferschutz?

Ein Spannungsfeld ist unübersehbar. Aber für mich ist klar: Der Opferschutz muss eine größere Bedeutung erhalten. Wenn es um Menschenleben geht, dürfen wir erst recht nicht den Datenschutz über den Opferschutz stellen. Meine Abwägung geht hier klar zugunsten des Schutzes der hochgefährdeten Frauen aus. Im Übrigen gibt es bereits Entscheidungen von Gerichten, die den Fußfesseleinsatz jedenfalls in anderen Zusammenhängen als rechtlich ordnungsgemäß angesehen haben. Ich bin optimistisch, dass letztlich auch der Einsatz der elektronischen Fußfessel im Kontext häuslicher Gewalt vor den Gerichten Bestand haben kann. Aber es kommt natürlich immer – das ist in unserem Rechtsstaat so – auf den Einzelfall und auf die Verhältnismäßigkeit in der konkreten Situation an.

Was tut Hessen im Bereich häuslicher Gewalt?

Wir machen bereits sehr viel. So haben wir bei den Staatsanwaltschaften Sonderdezernate eingerichtet, damit schnell und situationsangemessen reagiert werden kann. Es gibt vom Land finanzierte Projekte verschiedener Träger, darunter Anti-Aggressions-Trainings, die sich an Männer richten, die zu Hause gewalttätig geworden sind. Diese werden sogar in der Haft, aber auch außerhalb der Haft angeboten. Zudem haben wir die Sozialen Dienste der Justiz, sprich die Gerichtshilfe, gestärkt, um sie gezielt in Fällen häuslicher Gewalt sehr zeitnah nach einem Vorfall einzusetzen. Darüber hinaus unterstützen wir Frauenhäuser finanziell, und zwar stärker als in früheren Jahren.

Das heißt, die elektronische Fußfessel ist nur eine von vielen Maßnahmen?

Die elektronische Fußfessel kann nur ein Baustein eines Maßnahmenbündels sein. Es müssen viele verschiedene, sich ergänzende Maßnahmen ergriffen werden, damit wir im Kampf gegen häusliche Gewalt erfolgreicher werden, als es bislang der Fall ist. Das ist eine umfassende Aufgabe für Bund und Länder gleichermaßen.

„Klare Grenzen“ beim Einsatz der Fußfessel

Erstellt am: Montag, 11. Dezember 2023 von Selina

„Klare Grenzen“ beim Einsatz der Fußfessel

Bei häuslicher Gewalt kann in Hamburg die Fußfessel eingesetzt werden. Genutzt wurde diese Möglichkeit seither nur einmal. Warum? Ein Gespräch im Hamburger Landeskriminalamt.

Elektronische Fußfessel bei häuslicher Gewalt.

Foto: Mohssen Assanimoghaddam

In Hamburg können Personen, von denen Gefahr für Leib und Leben droht, seit Ende 2019 verpflichtet werden, eine sogenannte Fußfessel zu tragen – auch bei häuslicher Gewalt. Genutzt wurde diese Möglichkeit seither nur einmal. Warum? Ein Gespräch im Hamburger Landeskriminalamt mit LKA-Chef Jan Hieber und Kriminalhauptkommissar Henning Ebeling.

„Hamburg: Paare immer brutaler“ – so titelte im Mai eine Hamburger Tageszeitung. Man gewinnt den ­Eindruck, dass dieses Problem nicht in den Griff zu kriegen ist. Woran liegt das?

Hieber: Partnerschaftsgewalt ist – ein spezieller Fachausdruck aus der Kriminologie – ein ‚ubiquitäres ­Problem‘. Es ist wirklich überall verbreitet und auf keine soziale Schicht, Altersgruppe oder Ähnliches beschränkt. Wir haben aber keine Anstiege, die extrem besorgniserregend wären, also dass von einem Jahr aufs andere massive Steigerungen zu verzeichnen wären. In der Corona-Zeit haben wir einen Anstieg der Fälle von Partner­schaftsgewalt festgestellt. Das lag an den ­engeren räumlichen Bedingungen und daran, dass die Menschen sich weniger aus dem Weg gehen konnten. Aber es war auch nicht so, wie es in der Presse zum Teil dargestellt wurde: Es gab auch zu diesem Zeitpunkt keine explodierenden Zahlen. Klar ist jedoch, jede Tat ist eine zu viel, und daher bleibt Partnerschaftsgewalt ein Thema, das wir unbedingt ernst nehmen müssen. Und das tun wir in Hamburg auch.

Jan Hieber über die elektronische Fußfessel bei häuslicher Gewalt.
Das heißt?

Hieber: Wir haben viele speziell ausgebildete Kollegen, die sich sehr gut in diesem komplexen Thema aus­kennen. Und es gibt in Hamburg eine Sonderstaatsanwaltschaft, die sich fachlich sehr tief mit diesem schwierigen Thema befasst, außerdem existiert eine Fülle von Hilfsangeboten für unterschiedliche Fallkonstellationen. Und wir haben, und das ist mir ganz, ganz wichtig, eine Risikobewertung, die extrem ausdifferenziert ist. Ich sage damit nicht, dass dieses System perfekt ist. Es wird uns leider nie gelingen, eskalierende Gewalt komplett zu verhindern. Aber das ist das, was uns am allerstärksten antreibt: so viele eskalierende Fälle, wo auch Tötungsdelikte am Ende stehen können, wie möglich frühzeitig zu erkennen. Um den Gewaltkreislauf gerade in diesen Fällen rechtzeitig zu unterbrechen.

Ebeling: Der Gewaltkreislauf führt oft dazu, dass Opfer sich nicht von Tätern trennen wollen – oder nach einer Trennung wieder den Kontakt aufnehmen. Da ist oft psychischer Druck vom Täter im Spiel oder Abhängigkeiten wie Kinder, Geld oder ein Haus. Ich habe mal eine Frau betreut, die hat mit ihren zwei Kindern eineinhalb Jahre in einem Frauenhaus in Schleswig-Holstein gewohnt, wohin sie vor ihrem Partner geflüchtet war. Nach eineinhalb Jahren hatte sie ihre erste Wohnung in Hamburg. Und wen ruft sie an für die Elektroarbeiten im Haus? Den Mann. Das ist natürlich schrecklich. Ich habe sie vernommen, und dabei ist es aus dem neunjährigen Sohn rausgeplatzt, dass er vom Papa heftig geschlagen wurde. Und dann zieht er sein T-Shirt aus: überall Striemen auf dem Rücken von den Elektro­kabeln. Und wer beginnt zu weinen? Die Mutter. Und sie sagt: „Du, wenn du das jetzt sagst, wird Papa ganz doll bestraft.“ Wenn die Opfer immer wieder zu den Tätern zurückkehren, können wir als Polizei das nicht verhindern. Aber wir können in so einem Fall Maßnahmen ergreifen, um die Kinder zu schützen, und vor allem immer wieder Angebote machen, sich aus dem Gewaltkreislauf zu lösen und die Trennung durchzuhalten.

Hieber: Dieser Fall ist sehr tragisch, aber er steht leider auch exemplarisch für viele andere Fälle. Das zeigt, dass es um Empowering gehen muss. Die Polizei kann den Täter wegweisen, dafür gibt es die klare Regelung: Wer schlägt, der geht. Aber es ist dann eben auch erforderlich, dass das Opfer nicht die Tür aufmacht, wenn der Täter wieder davorsteht, sondern dass es die Polizei ruft. Dann können wir agieren.

In Hamburg gibt es die Möglichkeit, in Fällen von häuslicher Gewalt die Täter per elektronischer Fußfessel zu überwachen.

Hieber: Diese Maßnahme macht auf den ersten Blick große Hoffnung, weil man denkt: Na, Mensch, wenn man da so einen Täter hat, der gefährlich werden kann, dann legen wir dem eine Fußfessel an. Und dann haben wir ihn unter Kontrolle. Aber das ist ein Irrglaube. Es ist ein schwerwiegender Eingriff in die Persönlichkeits- und Grundrechte des Betroffenen. So sehen es die Gerichte. Das kann man nicht einfach so machen, weil beispielsweise jemand angezeigt wurde, da muss schon etwas an gerichtsverwertbaren Fakten auf dem Tisch liegen. Die Gerichte verlangen, dass eine unmittelbare Gefahr für Leib oder Leben besteht, um diese Maßnahme anzuordnen. Eine unmittelbare Gefahr, keine abstrakte. Wenn diese besonderen Voraussetzungen aber gegeben sind, können wir die Person stattdessen auch in Präventivgewahrsam nehmen. Das ist wahrscheinlich in vielen Fällen die eher geeignetere Maßnahme.

Sie sehen also in der elektronischen Fußfessel keine geeignete Maßnahme?

Hieber: Die Fußfessel ist nicht per se als ungeeignet anzusehen, sie ist eine von mehreren Optionen. Aber es sind daran eben extrem hohe Voraussetzungen geknüpft. Wenn die erfüllt sind und ich aus polizeilicher Sicht eine so große Gefahr annehme, dann ist die Frage: Kann ich jemanden überhaupt mit einer Fußfessel noch losgehen lassen? Weil: Was macht denn die Fußfessel? Die Fußfessel überwacht über ein Zentrum in Hessen die Bewegung des Trägers. Das ist ja nicht so, dass das verhindert, dass jemand irgendwo hingeht. Beispielsweise wohnt der Mann mit der Fußfessel in Hamburg-Wandsbek und die Frau in Hamburg-Mitte. Jetzt geht der Mann in die Innenstadt. Nun müsste ich eigentlich Polizeikräfte heran­führen, um einen möglichen Kontakt zu unterbinden. Sie merken schon: Da gibt es große praktische Probleme. Die Fußfessel wäre eher geeignet, wenn ich einen Tatverdächtigen hätte, der in einer anderen Stadt lebt. Also der lebt in München und das Opfer in Hamburg. Unter den Umständen könnte ich viel eher sagen: Guckt mal, der bewegt sich hier mit ICE-Geschwindigkeit in den Norden. Ich glaube, jetzt sind wir gefordert. Aber solche Fälle sind äußerst selten.

Noch einmal: Sie befürworten die Fußfessel nicht in Fällen häuslicher Gewalt?

Hieber: Die elektronische Fußfessel ist eine häufig gestellte Forderung von Leuten, die das sicherlich in guter Absicht sagen, aber denen es vermutlich am praktischen Erfahrungswissen in diesem Bereich fehlt. Ja, es gibt dieses Rechtsinstrument, es hat aber extrem hohe Hürden. Und selbst wenn diese Voraussetzungen vorliegen, ist es immer die Frage, ist das hier die geeignete Maßnahme, oder gibt es andere Maßnahmen, die im konkreten Fall viel sinnvoller sind? Und ich verrate an dieser Stelle jetzt ein Geheimnis: In Hamburg treffen wir dann in der Regel andere Maßnahmen.

Ebeling: Ich sehe das Vorgehen als Sachbearbeiter der Polizei immer wie eine Treppe mit ganz vielen Stufen. Der erste Schritt ist natürlich, dass das Opfer zur Polizei geht. Das ist ja schon eine große Überwindung. Der nächste Schritt könnte zum Beispiel eine Gefährder­ansprache von unserer Seite sein. Und dann gibt es ja weitere Maßnahmen, zum Beispiel ein Aufenthaltsverbot. Eine der letzten Stufen ist die Fußfessel, aber die ist – wie Herr Hieber ausgeführt hat – an hohe Voraus­setzungen gebunden und nur in wenigen Fällen wirklich sinnvoll. Andere Maßnahmen sind oft sinnvoller. Manchmal nutzen Gefährderansprachen. Die sind oft viel effektiver als eine Fußfessel, weil ich da hingehe und nerve. Manchmal nützt ein Kontakt- und Annäherungsverbot, manchmal ein Aufenthaltsverbot. Um es abschließend zu sagen: Eine Fußfessel kann nützen. Aber nur in exponierten Fällen, diese Maßnahme ist eben sehr speziell und sehr selten. Ich bin immer ganz gut mit den anderen Maßnahmen gefahren.

Sie beide beschreiben die elektronische Fußfessel, so wie sie hier in Deutschland, in Hamburg geregelt ist, als ungeeignet. Aber in Spanien wurde die Fußfessel seit 2009 tausendfach verhängt. Dort trägt auch das Opfer ein Gerät bei sich. Der Alarm wird in der Überwachungszentrale ausgelöst, wenn beide Geräte sich auf eine festgelegte Entfernung annähern, das Opfer wird gewarnt.

Hieber: Noch einmal ganz deutlich: Die Fußfessel ist nicht gänzlich ungeeignet, sie stellt eine von mehreren Optionen dar, und wir müssen in jedem Fall einzeln ­entscheiden, welche die beste ist. Spanien hat ein ganz anderes System, das ist mit unserem überhaupt nicht vergleichbar.

,,Wenn die Spanier so gute Erfahrungen mit ihrem System haben, dann müssen wir uns das anschauen und auswerten."

Jan Hieber
Laut dem spanischen Justizministerium wurde noch keine Frau unter dieser Überwachung von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet. In Deutschland kommt es dagegen immer wieder vor, dass Frauen getötet ­werden, obwohl die Polizei ein Annäherungsverbot ausgesprochen hatte.

Hieber: Wenn die Spanier so gute Erfahrungen mit ihrem System haben, dann müssen wir uns das anschauen und auswerten. Unser Gesetzgeber hat uns jedoch klare ­Grenzen gesetzt. Wenn wir so ein System wie in Spanien wollen, dann ist die Politik, dann ist der Gesetzgeber gefragt. Der muss die Voraussetzungen dafür schaffen.

Was konkret raten Sie Opfern?

Hieber: Wenn Gefahr droht, rufen Sie die Polizei! Wir können dann beispielsweise die Wegweisung aussprechen, also den Täter oder die Täterin wegschicken. Das ist ganz wichtig, weil so das Opfer erst einmal die ­Möglichkeit bekommt, sich zu sammeln und über das ­weitere Vorgehen nachzudenken. Das betrifft auch zivilrechtliche Möglichkeiten. Denn das ist eine Entscheidung, die dann das Opfer trifft. Wichtig ist auch: alles dokumentieren. Dazu kann man spezielle Apps nutzen oder auch Stift, Papier und Handykamera. Eine Dokumentation macht auch die Polizei, aber das Opfer muss sich eben auch dafür entscheiden, die Polizei ein­zuschalten. Wichtig ist auch, im weiteren Verfahrensverlauf der Polizei jeden neuen Übergriff, jeden neuen Kontaktversuch von der Täterperson mitzuteilen. Der Beziehungsgewaltsachbearbeiter ist gehalten, wirklich ein offenes Ohr zu haben.

Henning Ebeling über die elektronische Fußfessel bei häuslicher Gewalt.
Was sollen Außenstehende machen, die Zeugen von häuslicher Gewalt werden?

Hieber: Wenn Sie beispielsweise mitbekommen, dass in der Nachbarwohnung Randale ist, wenn Sie befürchten müssen, es kommt zu Gewalttätigkeiten, rufen Sie bitte die 110 an. Die Meldung muss ja nicht vom Opfer kommen. Das Opfer schafft es oft nicht, diesen Schritt zu tun. Aber wenn jemand anderes die Polizei gerufen hat und unsere Kollegen stehen vor der Tür, dann findet es doch oft den Mut, den Täter anzuzeigen. Deshalb: Über­winden Sie Ihre innere Hemmung, in eine andere Intim­beziehung einzugreifen! Wenn Sie sehen, dass da jemand Opfer wird, dann gucken Sie nicht weg und sagen sich, das sei Privatsache. Gewalt ist keine Privatsache, Gewalt geht uns alle an.

„Menschen intensiv zuhören, Lotsin sein“

Erstellt am: Montag, 4. Dezember 2023 von Sabine

„Menschen intensiv zuhören, Lotsin sein“

72 Jahre alt ist sie mittlerweile, und eigentlich hatte sie sich den Ruhestand schon längst verdient: Inge Erler. Aufhören mag sie aber noch lange nicht. Vor allem die Sorge um die Jugend treibt sie um.

Seit mehr als 25 Jahren hilft Inge Erler Menschen in Not.

Wenn bei Familie Erler früher der Gong durchs Haus tönte, kamen sie alle angelaufen: Ehemann, drei Söhne und eine Tochter, hungrig aufs Abendessen und auf Gespräche. Am großen Tisch wurde lebhaft geredet, es gab viel Pro und Contra und wurde auch mal turbulent. Inge Erler liebte es, mittendrin zu sein. Die Verschiedenheit ihrer Kinder zu erleben und die reifenden Persönlichkeiten zu begleiten, „sie auch mal aushalten und ihnen trotzen zu müssen“, sagt sie. Wenn sie erzählt und dabei strahlt, spürt man, wie voll ihr Herz ist bei der Erinnerung.

„Chaos-Königin“ sei sie damals oft genannt worden. „Und manchen Freunden war der Trubel auch zu viel.“ Inge ­Erler wurde es selten zu viel. Oft saß sie abends noch auf Bettkanten, sprach mit jedem Kind, bis sie selbst ­todmüde war. Leichte Jahre waren das nicht mit dieser Bande, „aber prägende“, sagt sie. „Deshalb kann ich das, was ich heute tue. Menschen intensiv zuhören, Lotsin sein.“

Inge Erler hilft und tröstet

Seit mehr als 25 Jahren hilft Erler Menschen in Not. Von 1996 bis 2015 hauptberuflich als Sozialarbeiterin bei der Diakonie in Meißen. Seit Ende 2015 als Gründerin und Leiterin der

Außenstelle Meißen des WEISSEN RINGS in Sachsen. 72 Jahre alt ist sie mittlerweile, und ­eigentlich hatte sie sich den Ruhestand schon längst verdient. Als Sozialarbeiterin hatte sie zwei Mal miterlebt, wie die Elbe über die Ufer trat und viele Menschen um ihr ­Zuhause, um Hab und Gut brachte. Sie hatte geholfen und getröstet. Sie hatte Gewaltopfer beraten, die schwer traumatisiert waren und Angst hatten, ihre Wohnung zu verlassen. Sie hatte sich um Frauen gekümmert, die sexuellen Missbrauch erfahren hatten. Erler hatte zugehört, nachgedacht, Hilfe vermittelt. Sie war gut vernetzt mit Kriseninterventionsteams, psychosozialen Diensten, Anwältinnen und Anwälten und anderen Engagierten. Als sie schließlich in Rente ging, hielt sie es genau einen Monat lang aus, nichts zu tun. „Ich wusste ja, was hier in der Gegend los ist. Und was fehlte.“ Was fehlte, war eine Anlaufstelle für Opfer von Kriminalität. Den WEISSEN RING kannte sie bereits, ihr Vorschlag zum Aufbau einer Außenstelle wurde in Mainz gleich begrüßt.

Wer heute Erlers Hilfe braucht, ruft sie an oder kann sie an zwei Tagen pro Monat in einem Büro in der Meißener Beratungsstelle der Verbraucherzentrale aufsuchen. ­Anfangs, als es das Büro noch nicht gab, saß sie mit Hilfe­suchenden in Cafés. „Das war keine gute Umgebung“, sagt sie, „denn oft fließen ja Tränen in diesen Gesprächen.“ Hat sie auch mal mitgeweint? „Ja“, sagt Erler, „selbst wenn das nicht ganz professionell ist. Aber manche Geschich­ten sind einfach zu hart.“ Ein Schutzraum sei enorm wichtig, viele Opfer verspürten große Scham und Schuldgefühle. „Sie denken, sie sind selbst schuld an dem, was ihnen angetan wurde – weil sie sind, wie sie sind.“ Erler schüttelt den Kopf und fährt sich durch das dichte, silbergraue Haar. „Kein Opfer ist selbst schuld!“

Neustart mit Anfang 40

Ihre erste Berufswahl war die soziale Arbeit nicht. Sie studierte Werkstoffwissenschaften und arbeitete als ­Ingenieurin im nahegelegenen Stahl- und Walzwerk ­Riesa, einem Volkseigenen Betrieb (VEB), wo sie in der Forschungsabteilung an der Rezeptur für die Kufen von Profi-Rodelschlitten tüftelte. „Die besonders hart zu machen, dafür habe ich gebrannt“, sagt Erler. Dass die Rodler aus der DDR bei Wettkämpfen so gut abschnitten, macht sie heute noch stolz. Nach der Wende aber wurde der Betrieb geschlossen. Erler musste neu beginnen, ­studierte mit Anfang 40 noch einmal, Sozialarbeit. Das Handfeste, Pragmatische hat sie mitgenommen in ihr neues Aufgabenfeld.

,,Kein Opfer ist selbst schuld!"

Inge Erler

Ihr anderes Lieblingsmaterial, neben dem Stahl, ist Erde. Der Boden in dem sächsischen Dörfchen Staucha, in dem sie heute ihr Gemüse zieht, ist derselbe, auf dem sie ihre ersten Schritte ging. Erler war eine Hausgeburt, als ­drittes Kind 1951 zur Welt gekommen. Das Haus war im Krieg zerschossen worden, ihre Mutter und Tante hatten es wieder aufgebaut. Der Vater kam erst 1950 zurück, nachdem ihn die Sowjetische Militäradministration fünf Jahre im Speziallager Buchenwald interniert hatte. Versorgungsoffizier in der Wehrmacht sei er gewesen, sagt Erler, da gebe es nichts zu beschönigen. Zum Elternhaus gehörte etwas Ackerland und auch ein Pferd, das die Rote Armee beim Einmarsch zurückgelassen hatte, mit blutigen Hufen. Erlers Familie pflegte es gesund und Jahre später spannten sie und ihr Vater das Tier vor den Pflug und zogen Furchen in den Boden. „Wie gut das roch!“ Sie schließt die Augen. „Erdung“, das Wort benutzt sie gerne, wenn sie erzählt, wie sie an ihrem Dörfchen Staucha hängt, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hat. Wie sie in ihrem Zuhause auftankt, das nur wenige Schritte von ihrem Elternhaus entfernt liegt. Ganz besonders viel ­Erdung verspürt sie im Garten, beim Säen und Ernten – und wenn die Kinder zu Besuch kommen.

Die Schattenseiten von Social Media

Die wohnen alle in der Region und bringen heute ihre ­eigenen Kinder mit. Zehn Enkel gibt es mittlerweile. Höhe­punkt des Großfamilienlebens sind seit 2008 die ­jährlichen Ausflüge an den Hölzernen See bei Königs-Wusterhausen in Brandenburg, für den sich alle Urlaub nehmen. Dann mieten sie ein Haus in einem „KiEZ“, ­einem Kinder- und Erholungszentrum mit einfacher Einrichtung und Verpflegung, gehen baden, spielen Ball oder Wikingerschach und machen abends ihr eigenes Kulturprogramm mit Musik und Aufführungen. Und ­natürlich sitzen wieder alle an einem großen Tisch und Erler fühlt sich fast wieder wie früher, als Chaos-Königin. „Das ist mein Reichtum“, sagt Erler. Sie weiß, wie glücklich sie sich schätzen darf mit dieser Familie, und von der Kraft, die sie daraus schöpft, gibt sie gerne ­etwas ab.

Nachfrage ist da. Erler schaut mit Sorge auf die Jugend, die oft naiv mit Social Media umgeht, freizügige Selfies versendet, als Täter oder Opfer verstrickt ist in Cybermobbing und die Häme von Chatgruppen. Das Bedürfnis nach schnellen Likes sei groß, sagt sie, wirkliches Interesse aneinander und Geborgenheit dagegen seltener zu finden. Aufklärung ist deshalb ihr großes Anliegen.

2025 will sie aufhören mit der Arbeit im Verein. Bis dahin aber will Erler die Angebote in Meißen noch entscheidend verändern: den heute kleinen Anteil der Prävention auf 50 Prozent steigern. Zum Beispiel, indem sie mit ihrem Team Geld für Filmvorführungen sammelt, die Kinder und Jugendliche sensibilisieren sollen. „Ben X“ steht als Erstes auf dem Programm, ein Spielfilm über Cyber­mobbing, Gaming und Vereinsamung. Mit solchen ­Formaten, weiß Erler, erreicht sie die Teenager besser als bei belehrenden Vorträgen in Klassenzimmern.

Mit beiden Füßen auf dem Boden, im Kopf und im Herzen vernetzt über Generationen und mit der gesamten ­Region: Inge Erler weiß genau, was in der Welt vorgeht, im Guten wie im Schlechten – selbst ohne ihr Dorf je ­verlassen zu haben.

„Nur reden hilft nicht, man muss auch etwas tun“

Erstellt am: Freitag, 10. November 2023 von Sabine

„Nur reden hilft nicht, man muss auch etwas tun“

Sie steigt trotz Flugangst in eine Linienmaschine und arbeitet sich bis tief in die Nacht in Fälle ein: Karin Skib aus Gießen engagiert sich seit 2001 für den WEISSEN RING. Das erste Jahr hatte es direkt in sich.

Karin Skib gehört zu den Menschen, denen man nicht lange erklären muss, was sie zu tun haben.

Zwei Leitz-Ordner voll mit Zeitungsartikeln über die Aktivitäten der Gießener Außenstelle des WEISSEN RINGS und eine Ehrennadel – das ist die vorläufige Bilanz eines ehrenamtlichen Dienstes, der nun beinahe ein Vierteljahrhundert andauert. Karin Skib, schulterlanges braunes Haar, roter Pullover, Brille, schicke Kordelkette, ist schon ein bisschen stolz auf das, was sie bisher als Leiterin erreicht hat. Aber zu stolz will die 64-Jährige auch nicht wirken, denn irgendwie ist der Einsatz für das Ehrenamt für sie auch selbstverständlich, hört man heraus: „Mein erster Berufswunsch in früher Jugend war es, Richterin zu werden, ich hatte schon früh einen großen Gerechtigkeitssinn“, erzählt sie.

,,Nur reden hilft nicht, man muss auch etwas tun"

Karin Skib

Skib absolvierte schließlich eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Später arbeitete sie bei einer Wäschereitechnik-Firma in der Auftragsabwicklung und erwarb dabei eine Fähigkeit, die ihr auch für ihre Tätigkeit im Verein hilft: Multitasking, also die Fähigkeit, viele Dinge zu erfassen und gleichzeitig zu tun. Ende der 90er-Jahre erblindete ein Kollege von Karin Skib, der sehr viel Kundenwissen hatte und auf den das Unternehmen nicht verzichten wollte. Karin Skib wurde sozusagen sein Auge und seine Hand: „Damit er möglichst lange bei uns bleiben konnte, habe ich ihm die Post vorgelesen und die Hand bei Unterschriften geführt“, erzählt sie. Durch ihren eigenen Job und die zusätzliche Betreuung des Kollegen hatte Skib keine andere Wahl als sich gut zu organisieren. Denn neben ihrem „Zweitjob“ musste sie auch den kleinen Sohn versorgen und den Haushalt gebacken kriegen.

Die Anpackerin

Karin Skib gehört zu den Menschen, denen man nicht lange erklären muss, was sie zu tun haben oder wo Arbeit anfällt. Als Außenstellenleiterin beim WEISSEN RING ist sie seit dem Jahr 2001 Seelsorgerin, Antragsbearbeiterin und Eventmanagerin in Personalunion. Eine Anpackerin. „Nur reden hilft nicht, man muss auch etwas tun“, ist Skibs Motto.

Als sie das erste Mal ein Treffen der Opferhilfe in Gießen besuchte, waren die etwa sechs ehrenamtlichen Mitarbeitenden alle schon deutlich älter, als dann der Leiter aus gesundheitlichen Gründen seinen Dienst quittierte, ergriff Karin Skib die Initiative. „Ich wollte nicht, dass das Angebot in Gießen verschwindet.“ Sie übernahm das Amt. Nicht nur reden, machen. Und das, obwohl Skib damals noch gar nicht so recht wusste, was alles auf sie zukommen würde, sagt sie heute rückblickend.

Seit 2001 engagiert sich Karin Skib für den WEISSEN RING.

Nachdem Karin Skib ihren Beruf aufgegeben hatte, entwickelte sich das Ehrenamt schnell zu einem neuen Vollzeitjob. In der ersten Zeit las sich Skib manchmal bis nachts in die Fälle ein. Wenn es sein musste, stand sie mitten in der Nacht auf, um die Frau eines amerikanischen Soldaten zur damaligen Rhein-Main Air Base der US Air Force in Frankfurt zu fahren. Dort nahmen sie ein vom Vater entführte Kind in Empfang. Und wenn es sein musste, setzte sie sich in ein Flugzeug, um eine anderes Opfer zu einer TV-Aufzeichnung nach München zu begleiten, wo es über seinen Fall sprechen wollte, – obwohl sie Flugangst hat.

Hohe Belastbarkeit wichtig

Skib weiß, was sie zu tun hat und warum: „Es bringt ja nichts ‚Oh Gott, oh Gott, das ist ja schlimm‘ zu sagen.“ Man müsse den Opfern helfen und dazu brauche es eine hohe Belastbarkeit. Und ob: Das erste volle Jahr ihrer neuen Leitungsfunktion war gleich ein besonderes: Niemals vor und nach 2001 hatte es in Gießen drei Mordfälle in einem Jahr gegeben. Skib hörte den betroffenen Eltern und Angehörigen stundenlang zu, begleitete sie zu Gerichtsprozessen und half auch sonst, wo sie konnte.

Ihre Kontakte in die hessische Politik nutzt Skib im Sinne des Vereins. Sie erzählt, wie sie zum Beispiel einmal mit hochrangigen Amtsträgen über das Opferentschädigungsgesetz (OEG), das die staatliche Entschädigung von Gewaltopfern regelt, gesprochen habe und wie dabei eine Lücke im Gesetz auffiel. „Zunächst hatten Angehörige von Tötungsopfern oder auch Augenzeugen noch keinen Anspruch auf OEG-Leistungen“, erklärt Skib. Später gab es eine Anpassung, nach der sogenannte Schockschäden heute anerkannt werden.

Mehr Fälle während Corona

Neben Empathie, Belastbarkeit und Zeit nennt Skib auch Koordinierungsfähigkeit und ein geordnetes Privatleben als weitere Voraussetzungen für ihre Aufgaben. Überhaupt: vorausschauende Planung, Struktur und Effizienz, diese Begriffe passen gut zu ihr. Sie gehe nie mit leeren Händen in den Keller, sondern nehme immer gleich etwas mit runter, um den Gang optimal zu nutzen. „Durch Multitasking habe ich erst Zeit für andere Dinge“, sagt Skib und klingt dabei schon fast wie eine Unternehmensberaterin.

Die Außenstelle in Gießen bearbeitet rund 150 Opferfälle im Jahr. Während der Corona-Pandemie schnellten vor allem die Fälle von sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt nach oben, was die Arbeitsbelastung von Skib und ihrem Team noch einmal erhöhte. Um sich nicht zu verzetteln, bewertet die Außenstellenleiterin alle Abläufe und Einsatzpläne klar und pragmatisch.

Schlimme Gewalttaten, Mord oder Stalking beschäftigen sie oft über einen längeren Zeitraum. Aber eigentlich hört die Verantwortung nie so richtig auf, wenn man es genau nimmt. Denn wenn Karin Skib etwas verspricht, gibt es kein Verfallsdatum. Noch heute ist die Gießenerin sehr irritiert über ein Interview mit ihr in einer Lokalzeitung, das mit einer allzu reißerischen Überschrift in Bezug auf einen Mordfall erschien. Skib hatte den Fall nur am Rande erwähnt und sich damit an den Wunsch der Angehörigen gehalten, die Sache nicht immer wieder neu aufzuwärmen. „Und jetzt stellen Sie sich mal vor, die Leute schlagen die Zeitung auf, und lesen diese Überschrift!“ Für die Annahme, dass die Opfer mit ihrer Betreuung und Arbeit unzufrieden sind, gibt es jedoch keinen Hinweis. 2022 erhielt Karin Skib sogar den Ehrenbrief des Landes Hessen mit Ehrennadel. Mit der Auszeichnung würdigt das Bundesland soziales, ehrenamtliches Engagement in einem Verein. Mehr geht nicht.

,,Es bringt ja nichts, Oh Gott, oh Gott, das ist ja schlimm' zu sagen."

Karin Skib

In den vergangenen Jahren überließ die 64-Jährige die Opferarbeit immer mehr ihren Mitarbeitern, aber die Organisation der Außenstelle und Öffentlichkeitsarbeit für den Verein lassen bei ihr bis heute keine Langeweile aufkommen. Obwohl Skib einen Gang runtergeschaltet hat – so richtig loslassen, fällt ihr schwer. Mittendrin ist sie auch deswegen, weil die Teamsitzungen seit Corona in einem ausgebauten Kellerraum ihres Hauses stattfinden, das Büro ist dafür zu klein. Die nächsten Spendenübergaben, Statistiken und Infostände wollen auch geplant sein.

Ende in Sicht?

Seitdem sie kleine gesundheitliche Einschränkungen spürt, erlaubt sich Skib nun schon das ein oder andere Mal, vorsichtig ans Aufhören zu denken. Derzeit baut sie eine Stellvertreterin auf. Wie lange sie selbst noch an Bord sein wird, ist unsicher.

Sicher ist hingegen, dass die Noch-Außenstellenleiterin alle Unterlagen der bearbeiteten Opferfälle in ihrem Büro vernichten oder nach Mainz schicken muss, wenn sie irgendwann dem WEISSEN RING den Rücken kehrt. Ihre beiden Leitz-Ordner, die zuhause auf dem Wohnzimmertisch liegen, müssen dem Datenschutz aber nicht gehorchen. Deshalb lag Karin Skib die Öffentlichkeitsarbeit von Anfang an so am Herzen: In den Ordnern sind rund 100 Zeitungsbeiträge – viele davon selbst verfasst – zusammengetragen, jeder einzelne fein säuberlich in einer Prospekthülle abgeheftet. „Die Artikel dokumentieren später, was wir in den ganzen Jahren alles gemacht haben“, erklärt Skib stolz. „Das ist dann mein ganz persönliches Archiv.“

Er ist unser „Mr. Zivilcourage“

Erstellt am: Mittwoch, 25. Oktober 2023 von Sabine

Er ist unser „Mr. Zivilcourage“

Dieser Mann ist die Personifikation von Zivilcourage beim WEISSEN RING: Günter Koschig aus Goslar gelingt es, sogar Hollywood-Schauspieler von seinen Projekten und Ideen zu überzeugen. Wie schafft er das?

Einen Schal der „Goslarer Zivilcourage Kampagne“ hat Günther Koschig fast immer parat. Foto: Christian J. Ahlers

Er kann einfach nicht anders. Günter ­Koschig hat den Mann, der aus dem Goslarer Lokal tritt, torkelnd den Außen­bereich durchquert und mit dem Auto­schlüssel in der Hand die Parkplätze ansteuert, gleich mit scharfem Blick ins Visier genommen. Koschig sitzt an einem Tisch am Ausgang, legt Messer und Gabel weg, springt auf und fängt den Betrunkenen ab. Er setzt ihn auf eine Bank, Koschigs Tochter kommt dazu, sie sprechen mit dem Restaurantpersonal, ­rufen einen Freund des Mannes an und warten, bis dieser den Betrunkenen schließlich abholt.

Dass das halb verspeiste Essen auf seinem Teller längst kalt geworden ist, ist Koschig nicht mal die kleinste Bemerkung wert, beschwerdelos nimmt er das Besteck wieder in die Hände. Als wäre nichts ­geschehen, als wäre sein Verhalten das normalste auf der Welt. Auch Gäste an anderen Tischen ­hatten ­aufgeblickt und den offensichtlich stark alkoholi­sierten Mann beobachtet. Aber niemand machte ­Anstalten, ihm in den Weg zu treten und ihn davon abzuhalten, in sein Auto zu steigen und loszu­fahren. Regt sich Koschig wenigstens darüber auf, über mangelnde Zivilcourage? Fehlanzeige.

Der Leiter der Außenstelle im niedersächsischen Goslar nutzt seine Energie lieber, um sein Lieblingsthema an anderer Stelle voranzubringen. Wenn man so mag, könnte man sagen: Günter Koschig ist die Verkörperung von Zivilcourage. 2010 initiierte er die „Goslarer Zivilcourage Kampagne (GZK)“, den ­Anlass dazu gab der Tod Dominik Brunners nach ­einer gewalttätigen Auseinandersetzung an einem Münche­ner S-Bahnhof im Jahr zuvor. Im Polizeidienst war Koschig Berater für Kriminalprävention, beim WEISSEN RING gehört er seit 1996 dem ­Fachbeirat Kriminalprävention an, das besondere ­Engagement in Richtung Zivilcourage war nahe­liegend. Das Ziel aus Koschigs Sicht: Handlungskompetenzen anbieten, die nicht überfordern.

Zusammen mit Projektpartnern wirbt der ­WEISSE RING hier im Harz und überall, wo es Koschig hin verschlägt, seitdem für ein Mut machendes Mit­einander. Erklärvideos, Lesungen des Autors Fadi Saad in Schulen und Vorträge gehören zum ­Programm und auch die Ehrung von „Alltags­helden“. Zum Beispiel den jungen Mann, den ­Koschig ein paar Stunden vor dem Vorfall im Lokal ausgezeichnet hat. Der hatte zwei Einbrecher ­beobachtet und dafür gesorgt, dass die Polizei das Duo festnehmen konnte. Koschig meint: „Diese Ehrungen sind das Wichtigste, weil sie den Menschen Mut machen, nicht wegzusehen, sondern die 110 zu wählen und den Opfern zu helfen.“

,,Ich habe das Gefühl, hier in meinem Wirkungsbereich etwas erreichen zu können."

Günther Koschig

Es reicht Koschig, wenn Veranstaltungen, die er ­organisiert, gut besucht werden. Nicht nur, aber vor allem, wenn er Kinder und Jugendliche mit ­seinen Aktionen erreichen kann, „da geht mir das Herz auf“. Ihnen will er die Zivilcourage-Regeln nahebringen: Beobachte die Situation genau! Fordere andere zum Mithelfen auf! Präge dir Tätermerkmale ein! Wähle den Notruf 110! Kümmere dich um das Opfer! Bleib als Zeuge am Tatort! ­Gefährde dich nicht selbst! „Die jungen Leute sind unsere Zukunft. Wir müssen uns darum kümmern, dass sie Vertrauen in die Polizei haben und Empathie für die Opfer“, meint Koschig.

Für „seine“ Sache, das Werben für Zivilcourage, hat der 68-Jährige genau 116 Unterstützer und Unter­stützerinnen gewinnen können, die für GZK-Postkarten und -Plakate posiert haben. Darunter sind zahlreiche Promis, die Liste reicht von Scorpions-­Sänger Klaus Meine bis zur Boxweltmeisterin Regina Halmich. Solche „Magneten“ sind wichtig: „Wenn wir mit Regina Halmich in eine Schule gehen und über Zivilcourage sprechen, wirkt das anders, als wenn man dort nur das ­Strafgesetzbuch vorträgt“, erläutert er, und dabei ­rutschen die freundlichen Augenbrauen ein Stück nach oben über den Brillenrand hinaus, so wie ­immer, wenn er ins Erzählen kommt und seinen Ausführungen Nachdruck verleihen möchte. Natürlich, der ehemalige Polizist ist durchaus stolz auf die Kontakte in die Promi-Welt. Aber Koschig ist niemand, der sich überschätzt, der Name des WEISSEN RINGS sei der Türöffner gewesen für die Ansprache von bekannten Personen.

Der Erfolg bei den Promis kommt allerdings nicht von ungefähr. Koschig sieht sich als „Netzwerker“, der sich Leute sucht, die ähnlich ticken. Er sagt: „Ich habe ein gewisses Sendungsbewusstsein, andere zu ­motivieren.“ Günter Koschig ist auch das, was seine Frau Angelika „dickfellig“ nennt, manch einer könne das als aufdringlich empfinden, andere wiederum als sympathisch. Der 68-Jährige sagt: „Man kann sich auch einen Korb einfangen, aber dann macht man weiter.“ Man müsse resilient sein, wenn es mal nicht klappt.

Einer der langjährigsten GZK-Unterstützer ist der Schauspieler und ehemalige Mr. Universum Ralf Moeller. 1996 hat Koschig ihn das erste Mal getroffen, bei der ­Eröffnung des „Planet Hollywood“ in Berlin. Koschig hielt den Kontakt über die Jahre aufrecht, vor mehr als zehn Jahren überzeugte er den Star und dessen Management und traf Moeller im Hamburger Hotel „Atlantik“ zum GZK-Fotoshooting. „Er war total cool drauf“, ­erinnert sich der Außenstellenleiter beim Gespräch im August. Gerade am Vortag erst hat er mit dem in Los ­Angeles lebenden Moeller telefoniert. Die beiden Männer verbindet neben dem gesellschaftlichen Engagement indes auch ein weiteres Thema: Bodybuilding.

Beim Bodybuilding hat Günter Koschig seine Frau ken­nengelernt, in einem Anbau am Haus in einem ­Goslarer Stadtteil finden allerlei Fitnessgeräte, Sportutensilien und ein großflächiger Spiegel Platz. Wie ­Koschig bei all den Terminen und Verpflichtungen für den Verein und seine Kampagne noch Zeit fürs Training hier findet, ist ein kleines Rätsel. Fakt ist aber: Der Mann hält sich fit.

Koschig ist ein Macher, immer in Bewegung, ein Tausend­sassa, er meint es ernst. Schnallt sich einen Gleitschirm um, um auf eine Baumpflanzaktion aufmerksam zu ­machen, zieht sich ein Super-Mario-Kostüm an und ­erklärt aus der Ukraine geflüchteten Kindern, wie man sich in einem Notfall am besten verhält. Sammelt Sachspenden für die Menschen in der Ukraine, bemüht sich um die Integration von Geflüchteten im Badminton­verein, dessen Vorsitzender er ist. Und nebenbei ist ­Koschig auch noch Stand-Up-Paddeling-Instructor, er bringt anderen den Trendsport bei.

Das alles nimmt Zeit in Anspruch. Zeit, die auch von der Familienzeit abgeht. Seine Frau und die beiden Töchter waren oft dabei, wenn Koschig im Namen des WEISSEN RINGS unterwegs war, kilometerweit durch ganz Deutschland fuhr für ein weiteres Fotoshooting, eine weitere Veranstaltung. Sie gehören dazu, sie tragen ­Koschigs Engagement mit, sie halten zusammen, sie sind auch aufrichtig miteinander. Beim Abendessen in dem Restaurant mit Frau, die ebenfalls ehrenamtliche Mitarbeiterin ist, und einer der zwei Töchter hört man in den Zwischentönen, dass es auch Entbehrungen sind, die dieses Ehrenamt und die Außenstellenleitung mit sich bringen, die nicht leichtfertig abzutun sind.

Günther Koschig (links) und Schauspieler Ralf Moeller (rechts). Foto: WEISSER RING

Das Heim der Familie Koschig erscheint im Lichte der Umtriebigkeit Günter Koschigs als eine kleine Oase. Es gibt zwar ein Büro mit Schreibtischen für die Vereins­arbeit, an den Wänden Erinnerungsfotocollagen von Treffen mit Promis, Andenken, Auszeichnungen stehen neben allerlei Trophäen, in denen sich das Engagement für den WEISSEN RING und die Zivilcourage-Kampagne manifestiert. Auch im Rest des Hauses gibt es noch an der einen oder anderen Stelle eindeutige Spuren, wie den WEISSER-RING-Kugelschreiber neben der Spüle. Von der großen Sonnenterrasse aus fällt der Blick dann jedoch in einen hübsch angelegten, gepflegten Garten, eine Holzbrücke biegt sich über einen kleinen Teich. Man ­hätte es nicht unbedingt erwartet, dieses idyllische ­Refugium ist das von Günter Koschig, ein Ort der Ruhe. Der wird „leider zu selten genutzt“, aber wenn, dann kann Koschig hier runterkommen. Das „Problem“ aus seiner Sicht: „Dabei kommen mir immer wieder neue Ideen.“

Zurück im Trubel, wenn Koschig durch die Goslarer Innen­stadt läuft, grüßt er nach links und rechts, mit der Oberbürgermeisterin ist er per Du, dann ist er selbst ein bisschen wie ein Promi. Er habe einen tollen Beruf gehabt und immer gute Impulse bekommen, das sei nicht selbstverständlich, er sieht sich in einer privilegierten Lage. „Ich will der Gesellschaft etwas zurückgeben und nicht in einer Einbahnstraße fahren“, sagt der 68-Jährige. Er fühlt sich sichtlich wohl, bei dem was und wie er es tut: „Ich habe das Gefühl, hier in meinem Wirkungsbereich ­etwas erreichen zu können.“ Er wisse, dass er hier, im Harz, nicht das Leid der Welt lindern könne. Aber kleine Schritte können etwas bewirken, davon ist Koschig überzeugt. Und er lebt vor, wie Zivilcourage im Kleinen funktioniert, wie das ganz praktisch aussehen kann, ­eigentlich für jeden umsetzbar, sollte man meinen: indem man sein Essen einfach mal kalt werden lässt, um für andere da zu sein.