Die Bekanntmacherin

Erstellt am: Mittwoch, 27. Dezember 2023 von Sabine

Die Bekanntmacherin

Sie ist so lange im Amt wie Angela Merkel: Ilse Haase aus Bielefeld telefoniert sogar noch für den WEISSEN RING, während sie in einen OP-Saal geschoben wird.

Ilse Haase engagiert sich seit 2007 im WEISSEN RING.

Schon eine Autofahrt von einer Viertel­stunde reicht, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie Ilse Haase arbeitet. Während sie den Reporter in einem alten Mercedes vom Bielefelder Hauptbahnhof zu ihrem Haus fährt, berichtet sie von dem jungen Paar, das sich am Tag vorher bei ihr ge­meldet hat. Das Leben der beiden war bedroht, die ­Familien hatten etwas gegen die Liebesbeziehung. Vermutlich würde das volle Programm nötig sein, um sie zu schützen – neuer Name, neuer Wohnsitz –, aber erst mal mussten sie vorübergehend eine neue Bleibe finden. Bloß wo? Haase fuhr mit den beiden zu sich nach Hause, machte ihnen was zu essen und führte mehrere Telefonate. Kontakte und Wissen hatte sie schließlich nach 16 Jahren als Leiterin der Außenstelle Bielefeld, Angela Merkels Amtszeit als Bundeskanzlerin war ebenso lang. Natürlich fand Haase eine Unterkunft für die beiden, zumindest für die nächsten Wochen.

So lange im Amt wie Angela Merkel: Ilse Haase gibt die Außenstellenleitung in Bielefeld nach dem Jahresabschluss ab.

Nun sitzt der Reporter an diesem Tisch, an dem sie am Vortag das junge Paar bewirtet hat, und Haase – kurze Haare, stets freundliche Miene – fährt erst mal Brötchen, Käse und Kuchen auf. Man hört ihr noch immer ein wenig an, dass sie weiter nördlich in Deutschland aufgewachsen ist, in Niedersachsen. Die 70-Jährige ist froh, dass ihr der Fall nicht zu Beginn ihrer Zeit beim WEISSEN RING begegnet ist, so aber konnte sie ihre ganze Erfahrung ausspielen. Allzu häufig wird das vermutlich nicht mehr nötig sein, denn so allmählich möchte Rentnerin Haase auch wirklich in Rente gehen. Im vergangenen Jahr hat sie sich beim Radfahren das Bein gebrochen. Weil es ein komplizierter Bruch war, dauerte es lange, bis sie wieder gesund war. Das nahm sie als Zeichen, sich mit ihrer Nachfolge zu beschäftigen. „Selbst als ich in den OP geschoben wurde, habe ich noch mit meinem Vertreter telefoniert, um Dinge zu regeln“, sagt sie.

Die Nachfolge ist mittlerweile geregelt. Jedenfalls so ungefähr. Eigentlich hatte sie schon eine Nachfolgerin aufgebaut, doch aus gesundheitlichen Gründen musste diese absagen. Haase dachte darüber nach, noch so lange weiterzumachen, bis sie eine andere Person gefunden hatte. Davon aber nahm sie Abstand, weil sie sich selbst zu gut kennt: „Ich komme sonst nie davon ab.“ Nach dem Jahresabschluss wird ein Mitglied ihres Teams die Leitung der Außenstelle kommissarisch übernehmen.

Als Ilse Haase ihr Ehrenamt 2007 antrat, arbeitete sie noch als Verwaltungsangestellte bei der Polizei. Häufig schrieb sie die Aussagen von Verdächtigen und Zeugen mit, bekam eine Ahnung davon, was Menschen anderen Menschen antun konnten. Dennoch sagt sie: „Ich habe mir da ehrlich gesagt nicht so viele Gedanken gemacht. Wenn ich fertig war mit meiner Schreiberei, habe ich was anderes gemacht.“ Schon damals lernte sie: Es ist wichtig, nicht alles an sich heranzulassen. Doch da gab es auch diesen Fall mit fünf Getöteten, nur die Großmutter und ihre zwei Enkelkinder überlebten. Haase schrieb mit, als die Frau ihre Aussage machte, die Kinder hatte sie mitgebracht. Eines der Kinder machte sich in die Hosen, Haase bastelte aus Taschentüchern und Toilettenpapier Windeln. Vielleicht war das ihr erster Kontakt mit dem Thema Opferschutz. Sie fragte sich: „Was wird aus den Kindern? Ist die Oma überfordert?“

Eine Arbeitskollegin, eine Polizistin, erzählte Haase häufiger von ihrem Engagement beim WEISSEN RING. Eines Tages machte eine bundesweite Ausstellung vom WEISSEN RING auch im Polizeipräsidium Bielefeld ­Station. Haase kam jeden Tag daran vorbei, sah Bilder von Frauen mit blauem Auge. Ob sie sich dort ein­bringen sollte? Als der damalige Leiter der Außenstelle die Ausstellung besuchte, kam sie mit ihm ins Gespräch, bekundete ihr Interesse. Der bot ihr gleich an, seine Nachfolge zu übernehmen.

Damals war Haase noch in der Rumänien-Hilfe tätig – das heißt, sie und ihr Mann waren die Rumänien-Hilfe in Bielefeld, sammelten Kleidung und andere Spenden, fuhren damit zweimal im Jahr nach Rumänien, ver­mittelten Patenfamilien. Aber immer herrschte wegen der Spenden Chaos im Haase-Keller, und wenn sie mit ihrem Mann unterwegs war, musste sie ihre drei Töchter und den Pflegesohn anderswo unterbringen. Da war ein Ehrenamt für den WEISSEN RING schon leichter umzusetzen. Aber gleich die Leitung über­nehmen? Wollte und sollte das nicht jemand machen, der schon mehr Erfahrung gesammelt hatte?

Sie ging zur nächsten Mitarbeiterbesprechung und stellte fest: Es ist ja gar nicht so schwer, Menschen zu helfen. Auch die Leitung übernahm sie wenig später. Schon weil ihr Vorgänger aus familiären Gründen dringend jemanden suchte. „Er war in Not. Da braucht man gar nicht mehr zu hinterfragen“, sagt Haase. Sie sagt es so, als hätte deshalb jeder dem Mann geholfen. Haase war damals 54. Dass sie es noch als Rentnerin machen würde, kam ihr nicht in den Sinn. Ihr Vorgänger hatte die Außenstelle vier Jahre lang geleitet.

,,Helfen kann man tatsächlich bei jedem Anruf."

Ilse Haase

In den 16 Jahren bearbeitete Ilse Haase so viele Fälle, dass sie sich längst nicht mehr an alle erinnern kann, auch nicht an die großen, über die die Medien berichteten. Was wieder mal dafür spricht, dass sie die Fälle nicht zu nah an sich heranlässt. Unter anderem, weil sie mit ihrem Mann darüber reden kann, der dem WEISSEN RING gleich mit beitrat, sich in der Außenstelle aber eher um Papierkram und Computer-Angelegenheiten kümmerte.

In all den Jahren habe ihr besonders gefallen, dass man selbstständig arbeiten und eigene Ideen einbringen könne. Außerdem könne man selbst festlegen, was eine „Notwendigkeit“ sei. Haase erzählt von einem Mädchen, das vom Partner der Mutter missbraucht worden war. Als die Tochter der Mutter davon erzählte, warf sie den Mann raus. Ihren Lebensunterhalt musste die Frau nun vom Bürgergeld bestreiten, aber sie wollte mit ­ihrer 15-jährigen Tochter unbedingt mal was erleben. Sie wandte sich an den WEISSEN RING. Haase zahlte ihr eine Soforthilfe, damit sie mit ihrer Tochter einen Ausflug machen konnte. Das Mädchen habe geweint, weil sie sich so freute, mal rauszukommen, sagt Haase.

„Helfen kann man tatsächlich bei jedem Anruf, und wenn ich nur weiterleite“, sagt Haase. Das ist einer der Gründe, warum sie es 16 Jahre gemacht hat. Manchmal denke sie, der WEISSE RING sei wie eine Oma: „fürsorglich, immer da und rückt auch mal einen Schein raus“. Als sie anfing, bearbeitete der WEISSE RING in Bielefeld weniger als 100 Opferfälle im Jahr, sagt Haase. Nun seien es 300. Das liegt nicht daran, dass mehr Straftaten begangen werden, sondern dass der Verein in der Stadt bekannter geworden ist. Die Vermutung ist nicht allzu kühn, dass Ilse Haase daran einen großen Anteil hat.

Die Fädenspinner mit dem Zeitumkehrer

Erstellt am: Mittwoch, 27. Dezember 2023 von Sabine

Die Fädenspinner mit dem Zeitumkehrer

Sebastian und Sandra Gillmeister schaffen es, ihre Klinik-Jobs zu stemmen, sich in der Außenstelle Ulm/Alb-Donau-Kreis für den WEISSEN RING zu engagieren, ihren Hobbys nachzugehen und ganz nebenbei noch ein Haus zu renovieren. Wie geht das?

Ein Powerpaar: Sandra und Sebastian Gillmeister

Manchmal, während man Sebastian und Sandra Gillmeister zuhört, fragt man sich verwundert, ob sie vielleicht irgendwo ­einen Zeitumkehrer versteckt haben. Das kleine magische Gerät, das wie eine Sanduhr an einer Kette aussieht, kennt man aus den Harry-Potter-Büchern. Seinen Besitzern ermöglicht es, in der Zeit zurückzureisen. So können sie mehr Aufgaben erledigen, als der Tag es eigentlich zulässt. Wie sonst schaffen es die Gillmeisters, ihre Klinik-Jobs zu stemmen, sich in der Außenstelle Ulm/Alb-Donau-Kreis für den WEISSEN RING zu engagieren, ihren Hobbys nachzugehen und ganz nebenbei noch ein Haus zu renovieren?

Im Moment aber sitzen die beiden ganz entspannt auf der Couch ihrer Ulmer Wohnung, die Schultern an­einandergeschmiegt. Zu ihren Füßen liegt Hundedame Mila, ein Chihuahua-Terrier-Mix. Es ist Montagabend, vor sich haben sie den Laptop aufgeklappt. Das Licht des Bildschirms spiegelt sich in ihren Brillengläsern. Per Videochat erzählen die Vielbeschäftigten, warum ihnen die ehrenamtliche Arbeit für den Verein in der Außenstelle in Baden-Württemberg so wichtig ist.

Sandra Gillmeister kennt den WEISSEN RING schon lange. Die 33-Jährige stammt aus dem Zollernalbkreis. Ihre Mutter Heike Dachs arbeitet seit Jahren für die dortige Außenstelle und wird zum Jahresende sogar deren Leitung übernehmen. „Durch sie habe ich mitbekommen, was der WEISSE RING alles leistet“, sagt Sandra Gillmeister. „Das hat mich sehr beeindruckt.“ Und noch etwas ist ihr im Kopf geblieben: „Wie er­füllend diese Aufgabe für meine Mutter ist.“

Zunächst aber wollte Sandra Gillmeister beruflich Fuß fassen. In Tübingen machte sie eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Dabei lernte sie ihren späteren Mann kennen. Sebastian Gillmeister, in Sachsen geboren und aufgewachsen im Schwarzwald, ließ sich dort zum Anästhesietechnischen Assistenten ausbilden. Später setzte er ein Medizinstudium obendrauf. 2016 heirateten die beiden. Sandra Gillmeister folgte ihrem Mann nach Ulm, wo er sein Studium abschloss. Sie selbst begann berufsbegleitend ein Stu­dium in Gesundheitsmanagement.

Die Gillmeisters möchten Menschen helfen, aus einer schwierigen Situation herauszukommen.

Inzwischen arbeiten sie beide für das RKU, die Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm. Er macht dort seinen Facharzt für Anästhesie. Sie arbeitet im Case Management, kümmert sich zum Beispiel um die ­Bettenbelegung und die nachstationäre Versorgung der Patientinnen und Patienten. Sebastian Gillmeister arbeitet hundert Prozent, seine Frau 85 Prozent. Ihre Arbeitstage sind voll, der Klinikalltag ist oft auf­reibend. Man könnte meinen, sie seien froh, wenn sie sich nach Feierabend endlich auf dem Sofa ausstrecken können. Doch Stillstand mögen beide nicht. Sie brauchen die Abwechslung so dringend wie ein Profisportler das tägliche Training.

„Betroffene sollen wissen, dass sie nicht allein sind.“

Sandra Gillmeister

Parallel zu ihrer beruflichen Entwicklung ist ihr ehrenamtliches Engagement mit den Jahren gewachsen. 2018 wurde das Paar zunächst Mitglied im Verein. 2020 meldete sich Sandra Gillmeister als ehrenamtliche Mitarbeiterin. Zu diesem Zeitpunkt stand sie kurz vor dem Ende ihres Bachelorstudiums. „Ich habe neben dem Studium immer hundert Prozent gearbeitet“, sagt sie. „Da habe ich mich gefragt, was ich nach dem Abschluss plötzlich mit der ganzen freien Zeit anfangen soll.“ Sie muss schmunzeln, als sie davon erzählt. Jede freie Minute einer Aufgabe zu widmen, die Sinn stiftet oder Freude bereitet, diese sympathische Rastlosigkeit hat sie mit ihrem Mann gemeinsam.

Ihre Motivation, sich für den WEISSEN RING einzu­setzen? „Ich möchte Menschen helfen, aus einer schwierigen Situation herauszukommen“, sagt sie. „Betroffene sollen wissen, dass sie nicht allein sind.“

Sebastian Gillmeister hat zeitweise im Rettungsdienst gearbeitet. Dabei gab es immer wieder Berührungspunkte mit dem WEISSEN RING. Wirkliches Interesse für die Arbeit des Vereins weckte dann aber erst seine Schwiegermutter: „Sie erzählte von ihren Fällen und ich bekam immer größere Ohren“, erinnert sich der 34-Jährige. Ein Jahr nach seiner Frau, 2021, wurde auch er ehrenamtlicher Mitarbeiter. Er sagt: „Jemandem wieder auf die Beine zu helfen, ihn auf seinem Weg zu begleiten, der Starke an seiner Seite zu sein, das gibt einem ein unglaublich gutes Gefühl.“

Sie teilen sich ein Telefon des WEISSEN RINGS, auf dem sie Hilfsanrufe entgegennehmen. „Das ist ein Herzens­projekt von uns, da nimmt man sich die Zeit“, sagt Sandra Gillmeister. „Dann telefoniert man eben auch mal abends um 21 Uhr mit einer Betroffenen.“ Manchmal können Kriminalitätsopfer nur tagsüber sprechen. Dann nehmen die Gillmeisters das Telefon mit in die Klinik. „Meine Chefin ist sehr tolerant“, sagt Sandra Gillmeister. „Wenn ich ihr sage, dass ich mit einem Opfer von häuslicher Gewalt telefonieren muss, sagt sie nie nein.“

Die Gillmeisters unterstützen sich gegenseitig. Wenn einer bei einem Fall nicht weiterweiß, fragt er den ­anderen um Rat: Wie am besten vorgehen? Welche ­Hilfe wird jetzt am dringendsten benötigt? Wenn eine Geschichte eine der beiden emotional stark mitnimmt, hilft es, mit dem Partner darüber zu sprechen. „Ich hatte schon gestandene Männer, die vor mir in Tränen ausgebrochen sind, weil in ihrer Familie etwas passiert ist“, sagt Sandra Gillmeister. „Da muss auch ich als Beraterin kräftig schlucken.“ Sebastian Gillmeister schöpft in solchen Situationen Kraft aus einem Gedanken: „Wenn ich aufzähle, was wir vom WEISSEN RING alles für einen Betroffenen tun können, verwandelt sich die Schwäche in Stärke.“

Und natürlich sind die Gillmeisters nicht allein. Sie haben­­­ in ihrer Außenstelle ein starkes Team von Ehrenamt­lichen, die wie sie alle noch im Berufsleben stehen. Große Themen besprechen sie gemeinsam. Mindestens einmal im Quartal treffen sie sich persönlich, zwischendurch wird bei Bedarf telefoniert oder gemailt.

Sebastian Gillmeister hat 2023 ein wichtiges Amt ­übernommen: Er ist Jugendbeauftragter für Baden-Württemberg. Damit ist er Ansprechpartner für die Gruppe der Jungen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und auch bei den Treffen der Außenstellenleiter mit dabei. In dieser Funktion koordiniert er zum Beispiel landesweite Aktionen, an denen die jungen Ehrenamtlichen unter 35 Jahren beteiligt sind. Spricht man mit Sebastian Gillmeister über seine neue Aufgabe, kristallisieren sich schnell zwei Herausforderungen heraus, denen er sich stellen möchte. Zum einen möchte er mehr junge Menschen für das Ehrenamt begeistern, zum anderen ihrer Stimme innerhalb des Vereins mehr Gewicht verschaffen. „Da ist noch Luft nach oben, ­dabei ist die Jugendarbeit enorm wichtig“, sagt er. „Ich habe oft das Gefühl, dass junge Menschen nicht so viel gefordert und gefördert werden, wie sie es eigentlich verdient hätten.“ Im WEISSEN RING engagierten sich vor allem lebenserfahrene Menschen, viele davon sind bereits im Ruhestand. „Deren Erfahrung ist natürlich wichtig“, sagt Sebastian Gillmeister. „Trotzdem kann man auf einen jungen Mitarbeiter zugehen und fragen: Was denkst du darüber?“ Seine Frau ergänzt: „Eine gute Mischung aus allen Altersgruppen, das wäre ­wünschenswert.“

„Jemandem wieder auf die Beine zu helfen, ihn auf seinem Weg zu begleiten, der Starke an seiner Seite zu sein, das gibt einem ein unglaublich gutes Gefühl.“

Sebastian Gillmeister

Das junge Paar will noch weitere Dinge anstoßen. In Ulm hat der WEISSE RING keine eigenen Räume, in ­denen man sich mit den Opfern in einer sicheren und ruhigen Umgebung treffen kann. „Wir sind auf unsere Netzwerkpartner angewiesen: Altenheime, Polizei, Bibliotheken, Cafés mit einem separaten Bereich“, zählt Sandra Gillmeister auf. Derzeit suchen sie nach einem Raum in Zentrumsnähe, der kostenfrei nutzbar ist.

Netzwerk ist ein Wort, das im Gespräch immer wieder fällt. Die Gillmeisters sammeln Kontakte wie emsige Bienen Nektar. Sie wollen sich mit möglichst vielen Akteuren aus den unterschiedlichsten Bereichen verbinden. Als zum Beispiel in Ulm eine Ambulanz für ­Gewaltopfer öffnete, besorgten sie sich sofort Flyer, um sie bei Bedarf an Betroffene zu verteilen. „Umgekehrt sollen uns auch die Mitarbeiter der Ambulanz kennen, damit sie Menschen auf unsere Beratung aufmerksam machen können“, erklärt Sandra Gillmeister.

Kein Wunder, dass sie auch in anderen Organisationen mitmischen wollen. Beide sind für die SPD im Orts­verein Ulm Süd aktiv. Sebastian Gillmeister bringt sich in medizinischen Gewerkschaften ein. Er möchte die Ausbildung junger Ärzte verbessern. In der Gewerkschaft Verdi haben sich die Gillmeisters ebenfalls schon eingesetzt. Doch im Moment ruht ihr Engagement dort – zu viel anderes zu tun. „Wenn man in ein Netzwerk eintritt, muss man sich auch engagieren, um die Fäden weiterspinnen zu können“, sagt Sebastian Gillmeister. Und erklärt gleich, was er sich davon verspricht: „Einem Opfer von häuslicher Gewalt kann man vielleicht schneller zu einer Wohnung verhelfen, unabhängig vom Frauenhaus. Dem Vergewaltigungsopfer eine konkrete Anlaufstelle in einer Klinik nennen.“

Anspruchsvolle Jobs, ausfüllende Ämter – bleibt da überhaupt Zeit fürs Privatleben? Tatsächlich haben die Gillmeisters ein Haus gekauft, das sie gerade reno­vieren lassen. Sebastian Gillmeister träumt von einem Musikzimmer. Er spielt Gitarre und Dudelsack, möchte aber gerne noch Schlagzeug und ein Blasinstrument lernen. Sandra Gillmeister strickt und näht. Und dann ist da noch Mila, die sich über Aufmerksamkeit freut und ihren täglichen Auslauf braucht.

Wird ihnen das alles manchmal zu viel? Sebastian Gillmeister lacht: „Durch unseren medizinischen Background sind wir einiges an Stress gewohnt.“ Seine Frau und er haben ein Ritual etabliert: Wenn sie von der ­Arbeit nach Hause kommen, setzen sie sich erst einmal auf die Couch. Sie kuscheln mit Mila und reflektieren den Tag. So meistern sie die täglichen Herausforderungen bisher gut – auch ohne Zeitumkehrer.

„Wir dürfen den Datenschutz nicht über den Opferschutz stellen“

Erstellt am: Montag, 11. Dezember 2023 von Selina

„Wir dürfen den Datenschutz nicht über den Opferschutz stellen“

Hessens Justizminister Professor Roman Poseck (CDU) hält die elektronische Fußfessel für ein wirksames Mittel, um Frauen besser vor Männergewalt zu schützen. Im Interview mit der Redaktion des WEISSEN RINGS erklärt er, warum er sich für ein entsprechendes Bundesgesetz starkmacht und was Deutschland dabei von Spanien lernen kann.

Hessens Justizminister Professor Roman Poseck (CDU) in einem blauen Anzug.

Foto: Annika List Fotografie

Hessens Justizminister Professor Roman Poseck (CDU) hält die elektronische Fußfessel für ein wirksames Mittel, um Frauen besser vor Männergewalt zu schützen. Im Interview mit der Redaktion des WEISSEN RINGS erklärt er, warum er sich für ein entsprechendes Bundesgesetz starkmacht und was Deutschland dabei von Spanien lernen kann.

Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Expartner getötet. Diese Opferzahlen sind seit Jahren konstant hoch. Was denken Sie persönlich, wenn Sie jedes Jahr diese Zahlen hören, hinter denen Schicksale stehen?

Ich finde die Zahlen sehr bedrückend. Jeder einzelne Fall ist tragisch und einer zu viel. Aus meiner Sicht muss der Staat mehr tun, um Frauen zu schützen. Der Staat hat insoweit einen Schutzauftrag, und die Fallzahlen sind zu hoch. Wir sehen im Übrigen einen Anstieg der Fallzahlen der häuslichen Gewalt insgesamt. Auch das macht deutlich, dass noch mehr zum Schutz der Frauen getan werden muss.

Warum tut sich der Staat Ihrer Meinung nach so schwer damit, die Frauen besser zu schützen?

Das Strafrecht ist darauf ausgerichtet, begangenes Unrecht zu sanktionieren. Bei dem Schutz der Frauen geht es vor allem darum, zukünftige Taten zu verhindern. Das ist rechtlich und tatsächlich nicht ganz einfach. Weitere Eskalationen sind nicht in jedem Fall vorhersehbar. Diese Schwierigkeiten sollten aber nicht davon abhalten, mehr zu tun. Es gibt bereits das Gewaltschutzgesetz, nach dem schon heute Kontakt- und Annäherungsverbote ausgesprochen werden können. Das sind wichtige Maßnahmen, um Frauen zu schützen. Allerdings ist es schwierig, diese Maßnahmen zu überwachen, also konkret in jedem Einzelfall auch durchzusetzen, dass sich Männer an diese Auflagen halten.

Wie könnte die elektronische Fußfessel dabei helfen, die Sie in der Justizministerkonferenz ins Spiel gebracht haben?

Aus meiner Sicht ist die elektronische Fußfessel ein geeignetes Instrument, um den Schutz von Frauen zu verbessern. Denn gerade die Auflagen nach dem Gewaltschutzgesetz könnten mit einer elektronischen Fußfessel wesentlich wirkungsvoller umgesetzt und vor allem auch effektiver überwacht werden. Konkret heißt das, dass Verstöße gegen Kontakt- oder Annäherungsverbote beim Einsatz der elektronischen Fußfessel auffallen würden. So könnte noch rechtzeitig eingeschritten werden; soweit erforderlich auch mithilfe der Polizei. Außerdem hätte das Tragen der elektronischen Fußfessel eine hohe präventive Wirkung, weil die Betroffenen wissen würden, dass Verstöße auffallen und gerichtsfest dokumentiert werden. Und das ließe erwarten, dass sie sich häufiger als bisher auch an die Vorgaben halten würden. Natürlich kann es keine absolute Sicherheit geben, aber es würde einen deutlichen Gewinn an Sicherheit bedeuten.

Was halten Sie vom spanischen Modell der Fußfessel?

Ich bin offen für das spanische Modell, das ja in der Tat noch über den klassischen, bisher bei uns stattfindenden Fußfesseleinsatz hinausgeht. Spanien macht gute Erfahrungen mit diesem Modell, und deshalb sollten wir uns damit beschäftigen, weil jede Annäherung auffällt – beispielsweise auch beim Einkaufen oder an anderen Orten. Warum sollten wir nicht von Spanien lernen und uns die guten Erfahrungen dort nicht zunutze machen?

Die Justizministerkonferenz hat einen Prüfauftrag an Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) gestellt. Man hat den Eindruck, der Bundesjustizminister spielt den Ball zurück in die Länder und verweist auf die Polizeigesetze. Was sagen Sie dazu?

Der Hinweis auf die Polizeigesetze ist auf der einen Seite richtig, auf der anderen Seite aber nicht vollständig. Natürlich haben die Länder Möglichkeiten, in den Polizeigesetzen Regelungen zum Einsatz der elektronischen Fußfessel im Kontext häuslicher Gewalt zu treffen. Das haben wir in Hessen und andere Bundesländer auch bereits gemacht. Aber das schließt natürlich nicht aus, dass es auch Regelungen auf Bundesebene geben sollte. Die maßgeblichen Gesetze sind nun mal Bundesgesetze.

Wie könnte diese bundesweite Regelung aussehen?

Wir zielen mit unserer Initiative darauf ab, Anordnungen nach dem Gewaltschutzgesetz mit der elektronischen Fußfessel verbinden zu können, entweder durch eine Ergänzung des Gewaltschutzgesetzes selbst oder durch die Schaffung einer Rechtsgrundlage im Strafgesetzbuch. Und möglicherweise kann die Fußfessel im Rahmen des Gewaltschutzgesetzes auch länger zur Anwendung kommen, als es bei den Polizeigesetzen der Länder der Fall ist. In Hessen ist die polizeirechtliche Maßnahme auf maximal 14 Tage befristet. Insoweit geht es also um sehr, sehr vorübergehende Maßnahmen, die allein präventiven Charakter haben. Im Gewaltschutzgesetz sind die Maßnahmen nicht so eng befristet, und deshalb könnte eine Regelung im Zusammenhang mit diesem Bundesgesetz einen längeren und einen besseren Schutz bewirken.

Schlägt der Datenschutz in Deutschland den Opferschutz?

Ein Spannungsfeld ist unübersehbar. Aber für mich ist klar: Der Opferschutz muss eine größere Bedeutung erhalten. Wenn es um Menschenleben geht, dürfen wir erst recht nicht den Datenschutz über den Opferschutz stellen. Meine Abwägung geht hier klar zugunsten des Schutzes der hochgefährdeten Frauen aus. Im Übrigen gibt es bereits Entscheidungen von Gerichten, die den Fußfesseleinsatz jedenfalls in anderen Zusammenhängen als rechtlich ordnungsgemäß angesehen haben. Ich bin optimistisch, dass letztlich auch der Einsatz der elektronischen Fußfessel im Kontext häuslicher Gewalt vor den Gerichten Bestand haben kann. Aber es kommt natürlich immer – das ist in unserem Rechtsstaat so – auf den Einzelfall und auf die Verhältnismäßigkeit in der konkreten Situation an.

Was tut Hessen im Bereich häuslicher Gewalt?

Wir machen bereits sehr viel. So haben wir bei den Staatsanwaltschaften Sonderdezernate eingerichtet, damit schnell und situationsangemessen reagiert werden kann. Es gibt vom Land finanzierte Projekte verschiedener Träger, darunter Anti-Aggressions-Trainings, die sich an Männer richten, die zu Hause gewalttätig geworden sind. Diese werden sogar in der Haft, aber auch außerhalb der Haft angeboten. Zudem haben wir die Sozialen Dienste der Justiz, sprich die Gerichtshilfe, gestärkt, um sie gezielt in Fällen häuslicher Gewalt sehr zeitnah nach einem Vorfall einzusetzen. Darüber hinaus unterstützen wir Frauenhäuser finanziell, und zwar stärker als in früheren Jahren.

Das heißt, die elektronische Fußfessel ist nur eine von vielen Maßnahmen?

Die elektronische Fußfessel kann nur ein Baustein eines Maßnahmenbündels sein. Es müssen viele verschiedene, sich ergänzende Maßnahmen ergriffen werden, damit wir im Kampf gegen häusliche Gewalt erfolgreicher werden, als es bislang der Fall ist. Das ist eine umfassende Aufgabe für Bund und Länder gleichermaßen.

„Klare Grenzen“ beim Einsatz der Fußfessel

Erstellt am: Montag, 11. Dezember 2023 von Selina

„Klare Grenzen“ beim Einsatz der Fußfessel

Bei häuslicher Gewalt kann in Hamburg die Fußfessel eingesetzt werden. Genutzt wurde diese Möglichkeit seither nur einmal. Warum? Ein Gespräch im Hamburger Landeskriminalamt.

Elektronische Fußfessel bei häuslicher Gewalt.

Foto: Mohssen Assanimoghaddam

In Hamburg können Personen, von denen Gefahr für Leib und Leben droht, seit Ende 2019 verpflichtet werden, eine sogenannte Fußfessel zu tragen – auch bei häuslicher Gewalt. Genutzt wurde diese Möglichkeit seither nur einmal. Warum? Ein Gespräch im Hamburger Landeskriminalamt mit LKA-Chef Jan Hieber und Kriminalhauptkommissar Henning Ebeling.

„Hamburg: Paare immer brutaler“ – so titelte im Mai eine Hamburger Tageszeitung. Man gewinnt den ­Eindruck, dass dieses Problem nicht in den Griff zu kriegen ist. Woran liegt das?

Hieber: Partnerschaftsgewalt ist – ein spezieller Fachausdruck aus der Kriminologie – ein ‚ubiquitäres ­Problem‘. Es ist wirklich überall verbreitet und auf keine soziale Schicht, Altersgruppe oder Ähnliches beschränkt. Wir haben aber keine Anstiege, die extrem besorgniserregend wären, also dass von einem Jahr aufs andere massive Steigerungen zu verzeichnen wären. In der Corona-Zeit haben wir einen Anstieg der Fälle von Partner­schaftsgewalt festgestellt. Das lag an den ­engeren räumlichen Bedingungen und daran, dass die Menschen sich weniger aus dem Weg gehen konnten. Aber es war auch nicht so, wie es in der Presse zum Teil dargestellt wurde: Es gab auch zu diesem Zeitpunkt keine explodierenden Zahlen. Klar ist jedoch, jede Tat ist eine zu viel, und daher bleibt Partnerschaftsgewalt ein Thema, das wir unbedingt ernst nehmen müssen. Und das tun wir in Hamburg auch.

Jan Hieber über die elektronische Fußfessel bei häuslicher Gewalt.
Das heißt?

Hieber: Wir haben viele speziell ausgebildete Kollegen, die sich sehr gut in diesem komplexen Thema aus­kennen. Und es gibt in Hamburg eine Sonderstaatsanwaltschaft, die sich fachlich sehr tief mit diesem schwierigen Thema befasst, außerdem existiert eine Fülle von Hilfsangeboten für unterschiedliche Fallkonstellationen. Und wir haben, und das ist mir ganz, ganz wichtig, eine Risikobewertung, die extrem ausdifferenziert ist. Ich sage damit nicht, dass dieses System perfekt ist. Es wird uns leider nie gelingen, eskalierende Gewalt komplett zu verhindern. Aber das ist das, was uns am allerstärksten antreibt: so viele eskalierende Fälle, wo auch Tötungsdelikte am Ende stehen können, wie möglich frühzeitig zu erkennen. Um den Gewaltkreislauf gerade in diesen Fällen rechtzeitig zu unterbrechen.

Ebeling: Der Gewaltkreislauf führt oft dazu, dass Opfer sich nicht von Tätern trennen wollen – oder nach einer Trennung wieder den Kontakt aufnehmen. Da ist oft psychischer Druck vom Täter im Spiel oder Abhängigkeiten wie Kinder, Geld oder ein Haus. Ich habe mal eine Frau betreut, die hat mit ihren zwei Kindern eineinhalb Jahre in einem Frauenhaus in Schleswig-Holstein gewohnt, wohin sie vor ihrem Partner geflüchtet war. Nach eineinhalb Jahren hatte sie ihre erste Wohnung in Hamburg. Und wen ruft sie an für die Elektroarbeiten im Haus? Den Mann. Das ist natürlich schrecklich. Ich habe sie vernommen, und dabei ist es aus dem neunjährigen Sohn rausgeplatzt, dass er vom Papa heftig geschlagen wurde. Und dann zieht er sein T-Shirt aus: überall Striemen auf dem Rücken von den Elektro­kabeln. Und wer beginnt zu weinen? Die Mutter. Und sie sagt: „Du, wenn du das jetzt sagst, wird Papa ganz doll bestraft.“ Wenn die Opfer immer wieder zu den Tätern zurückkehren, können wir als Polizei das nicht verhindern. Aber wir können in so einem Fall Maßnahmen ergreifen, um die Kinder zu schützen, und vor allem immer wieder Angebote machen, sich aus dem Gewaltkreislauf zu lösen und die Trennung durchzuhalten.

Hieber: Dieser Fall ist sehr tragisch, aber er steht leider auch exemplarisch für viele andere Fälle. Das zeigt, dass es um Empowering gehen muss. Die Polizei kann den Täter wegweisen, dafür gibt es die klare Regelung: Wer schlägt, der geht. Aber es ist dann eben auch erforderlich, dass das Opfer nicht die Tür aufmacht, wenn der Täter wieder davorsteht, sondern dass es die Polizei ruft. Dann können wir agieren.

In Hamburg gibt es die Möglichkeit, in Fällen von häuslicher Gewalt die Täter per elektronischer Fußfessel zu überwachen.

Hieber: Diese Maßnahme macht auf den ersten Blick große Hoffnung, weil man denkt: Na, Mensch, wenn man da so einen Täter hat, der gefährlich werden kann, dann legen wir dem eine Fußfessel an. Und dann haben wir ihn unter Kontrolle. Aber das ist ein Irrglaube. Es ist ein schwerwiegender Eingriff in die Persönlichkeits- und Grundrechte des Betroffenen. So sehen es die Gerichte. Das kann man nicht einfach so machen, weil beispielsweise jemand angezeigt wurde, da muss schon etwas an gerichtsverwertbaren Fakten auf dem Tisch liegen. Die Gerichte verlangen, dass eine unmittelbare Gefahr für Leib oder Leben besteht, um diese Maßnahme anzuordnen. Eine unmittelbare Gefahr, keine abstrakte. Wenn diese besonderen Voraussetzungen aber gegeben sind, können wir die Person stattdessen auch in Präventivgewahrsam nehmen. Das ist wahrscheinlich in vielen Fällen die eher geeignetere Maßnahme.

Sie sehen also in der elektronischen Fußfessel keine geeignete Maßnahme?

Hieber: Die Fußfessel ist nicht per se als ungeeignet anzusehen, sie ist eine von mehreren Optionen. Aber es sind daran eben extrem hohe Voraussetzungen geknüpft. Wenn die erfüllt sind und ich aus polizeilicher Sicht eine so große Gefahr annehme, dann ist die Frage: Kann ich jemanden überhaupt mit einer Fußfessel noch losgehen lassen? Weil: Was macht denn die Fußfessel? Die Fußfessel überwacht über ein Zentrum in Hessen die Bewegung des Trägers. Das ist ja nicht so, dass das verhindert, dass jemand irgendwo hingeht. Beispielsweise wohnt der Mann mit der Fußfessel in Hamburg-Wandsbek und die Frau in Hamburg-Mitte. Jetzt geht der Mann in die Innenstadt. Nun müsste ich eigentlich Polizeikräfte heran­führen, um einen möglichen Kontakt zu unterbinden. Sie merken schon: Da gibt es große praktische Probleme. Die Fußfessel wäre eher geeignet, wenn ich einen Tatverdächtigen hätte, der in einer anderen Stadt lebt. Also der lebt in München und das Opfer in Hamburg. Unter den Umständen könnte ich viel eher sagen: Guckt mal, der bewegt sich hier mit ICE-Geschwindigkeit in den Norden. Ich glaube, jetzt sind wir gefordert. Aber solche Fälle sind äußerst selten.

Noch einmal: Sie befürworten die Fußfessel nicht in Fällen häuslicher Gewalt?

Hieber: Die elektronische Fußfessel ist eine häufig gestellte Forderung von Leuten, die das sicherlich in guter Absicht sagen, aber denen es vermutlich am praktischen Erfahrungswissen in diesem Bereich fehlt. Ja, es gibt dieses Rechtsinstrument, es hat aber extrem hohe Hürden. Und selbst wenn diese Voraussetzungen vorliegen, ist es immer die Frage, ist das hier die geeignete Maßnahme, oder gibt es andere Maßnahmen, die im konkreten Fall viel sinnvoller sind? Und ich verrate an dieser Stelle jetzt ein Geheimnis: In Hamburg treffen wir dann in der Regel andere Maßnahmen.

Ebeling: Ich sehe das Vorgehen als Sachbearbeiter der Polizei immer wie eine Treppe mit ganz vielen Stufen. Der erste Schritt ist natürlich, dass das Opfer zur Polizei geht. Das ist ja schon eine große Überwindung. Der nächste Schritt könnte zum Beispiel eine Gefährder­ansprache von unserer Seite sein. Und dann gibt es ja weitere Maßnahmen, zum Beispiel ein Aufenthaltsverbot. Eine der letzten Stufen ist die Fußfessel, aber die ist – wie Herr Hieber ausgeführt hat – an hohe Voraus­setzungen gebunden und nur in wenigen Fällen wirklich sinnvoll. Andere Maßnahmen sind oft sinnvoller. Manchmal nutzen Gefährderansprachen. Die sind oft viel effektiver als eine Fußfessel, weil ich da hingehe und nerve. Manchmal nützt ein Kontakt- und Annäherungsverbot, manchmal ein Aufenthaltsverbot. Um es abschließend zu sagen: Eine Fußfessel kann nützen. Aber nur in exponierten Fällen, diese Maßnahme ist eben sehr speziell und sehr selten. Ich bin immer ganz gut mit den anderen Maßnahmen gefahren.

Sie beide beschreiben die elektronische Fußfessel, so wie sie hier in Deutschland, in Hamburg geregelt ist, als ungeeignet. Aber in Spanien wurde die Fußfessel seit 2009 tausendfach verhängt. Dort trägt auch das Opfer ein Gerät bei sich. Der Alarm wird in der Überwachungszentrale ausgelöst, wenn beide Geräte sich auf eine festgelegte Entfernung annähern, das Opfer wird gewarnt.

Hieber: Noch einmal ganz deutlich: Die Fußfessel ist nicht gänzlich ungeeignet, sie stellt eine von mehreren Optionen dar, und wir müssen in jedem Fall einzeln ­entscheiden, welche die beste ist. Spanien hat ein ganz anderes System, das ist mit unserem überhaupt nicht vergleichbar.

,,Wenn die Spanier so gute Erfahrungen mit ihrem System haben, dann müssen wir uns das anschauen und auswerten."

Jan Hieber
Laut dem spanischen Justizministerium wurde noch keine Frau unter dieser Überwachung von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet. In Deutschland kommt es dagegen immer wieder vor, dass Frauen getötet ­werden, obwohl die Polizei ein Annäherungsverbot ausgesprochen hatte.

Hieber: Wenn die Spanier so gute Erfahrungen mit ihrem System haben, dann müssen wir uns das anschauen und auswerten. Unser Gesetzgeber hat uns jedoch klare ­Grenzen gesetzt. Wenn wir so ein System wie in Spanien wollen, dann ist die Politik, dann ist der Gesetzgeber gefragt. Der muss die Voraussetzungen dafür schaffen.

Was konkret raten Sie Opfern?

Hieber: Wenn Gefahr droht, rufen Sie die Polizei! Wir können dann beispielsweise die Wegweisung aussprechen, also den Täter oder die Täterin wegschicken. Das ist ganz wichtig, weil so das Opfer erst einmal die ­Möglichkeit bekommt, sich zu sammeln und über das ­weitere Vorgehen nachzudenken. Das betrifft auch zivilrechtliche Möglichkeiten. Denn das ist eine Entscheidung, die dann das Opfer trifft. Wichtig ist auch: alles dokumentieren. Dazu kann man spezielle Apps nutzen oder auch Stift, Papier und Handykamera. Eine Dokumentation macht auch die Polizei, aber das Opfer muss sich eben auch dafür entscheiden, die Polizei ein­zuschalten. Wichtig ist auch, im weiteren Verfahrensverlauf der Polizei jeden neuen Übergriff, jeden neuen Kontaktversuch von der Täterperson mitzuteilen. Der Beziehungsgewaltsachbearbeiter ist gehalten, wirklich ein offenes Ohr zu haben.

Henning Ebeling über die elektronische Fußfessel bei häuslicher Gewalt.
Was sollen Außenstehende machen, die Zeugen von häuslicher Gewalt werden?

Hieber: Wenn Sie beispielsweise mitbekommen, dass in der Nachbarwohnung Randale ist, wenn Sie befürchten müssen, es kommt zu Gewalttätigkeiten, rufen Sie bitte die 110 an. Die Meldung muss ja nicht vom Opfer kommen. Das Opfer schafft es oft nicht, diesen Schritt zu tun. Aber wenn jemand anderes die Polizei gerufen hat und unsere Kollegen stehen vor der Tür, dann findet es doch oft den Mut, den Täter anzuzeigen. Deshalb: Über­winden Sie Ihre innere Hemmung, in eine andere Intim­beziehung einzugreifen! Wenn Sie sehen, dass da jemand Opfer wird, dann gucken Sie nicht weg und sagen sich, das sei Privatsache. Gewalt ist keine Privatsache, Gewalt geht uns alle an.

„Menschen intensiv zuhören, Lotsin sein“

Erstellt am: Montag, 4. Dezember 2023 von Sabine

„Menschen intensiv zuhören, Lotsin sein“

72 Jahre alt ist sie mittlerweile, und eigentlich hatte sie sich den Ruhestand schon längst verdient: Inge Erler. Aufhören mag sie aber noch lange nicht. Vor allem die Sorge um die Jugend treibt sie um.

Seit mehr als 25 Jahren hilft Inge Erler Menschen in Not.

Wenn bei Familie Erler früher der Gong durchs Haus tönte, kamen sie alle angelaufen: Ehemann, drei Söhne und eine Tochter, hungrig aufs Abendessen und auf Gespräche. Am großen Tisch wurde lebhaft geredet, es gab viel Pro und Contra und wurde auch mal turbulent. Inge Erler liebte es, mittendrin zu sein. Die Verschiedenheit ihrer Kinder zu erleben und die reifenden Persönlichkeiten zu begleiten, „sie auch mal aushalten und ihnen trotzen zu müssen“, sagt sie. Wenn sie erzählt und dabei strahlt, spürt man, wie voll ihr Herz ist bei der Erinnerung.

„Chaos-Königin“ sei sie damals oft genannt worden. „Und manchen Freunden war der Trubel auch zu viel.“ Inge ­Erler wurde es selten zu viel. Oft saß sie abends noch auf Bettkanten, sprach mit jedem Kind, bis sie selbst ­todmüde war. Leichte Jahre waren das nicht mit dieser Bande, „aber prägende“, sagt sie. „Deshalb kann ich das, was ich heute tue. Menschen intensiv zuhören, Lotsin sein.“

Inge Erler hilft und tröstet

Seit mehr als 25 Jahren hilft Erler Menschen in Not. Von 1996 bis 2015 hauptberuflich als Sozialarbeiterin bei der Diakonie in Meißen. Seit Ende 2015 als Gründerin und Leiterin der

Außenstelle Meißen des WEISSEN RINGS in Sachsen. 72 Jahre alt ist sie mittlerweile, und ­eigentlich hatte sie sich den Ruhestand schon längst verdient. Als Sozialarbeiterin hatte sie zwei Mal miterlebt, wie die Elbe über die Ufer trat und viele Menschen um ihr ­Zuhause, um Hab und Gut brachte. Sie hatte geholfen und getröstet. Sie hatte Gewaltopfer beraten, die schwer traumatisiert waren und Angst hatten, ihre Wohnung zu verlassen. Sie hatte sich um Frauen gekümmert, die sexuellen Missbrauch erfahren hatten. Erler hatte zugehört, nachgedacht, Hilfe vermittelt. Sie war gut vernetzt mit Kriseninterventionsteams, psychosozialen Diensten, Anwältinnen und Anwälten und anderen Engagierten. Als sie schließlich in Rente ging, hielt sie es genau einen Monat lang aus, nichts zu tun. „Ich wusste ja, was hier in der Gegend los ist. Und was fehlte.“ Was fehlte, war eine Anlaufstelle für Opfer von Kriminalität. Den WEISSEN RING kannte sie bereits, ihr Vorschlag zum Aufbau einer Außenstelle wurde in Mainz gleich begrüßt.

Wer heute Erlers Hilfe braucht, ruft sie an oder kann sie an zwei Tagen pro Monat in einem Büro in der Meißener Beratungsstelle der Verbraucherzentrale aufsuchen. ­Anfangs, als es das Büro noch nicht gab, saß sie mit Hilfe­suchenden in Cafés. „Das war keine gute Umgebung“, sagt sie, „denn oft fließen ja Tränen in diesen Gesprächen.“ Hat sie auch mal mitgeweint? „Ja“, sagt Erler, „selbst wenn das nicht ganz professionell ist. Aber manche Geschich­ten sind einfach zu hart.“ Ein Schutzraum sei enorm wichtig, viele Opfer verspürten große Scham und Schuldgefühle. „Sie denken, sie sind selbst schuld an dem, was ihnen angetan wurde – weil sie sind, wie sie sind.“ Erler schüttelt den Kopf und fährt sich durch das dichte, silbergraue Haar. „Kein Opfer ist selbst schuld!“

Neustart mit Anfang 40

Ihre erste Berufswahl war die soziale Arbeit nicht. Sie studierte Werkstoffwissenschaften und arbeitete als ­Ingenieurin im nahegelegenen Stahl- und Walzwerk ­Riesa, einem Volkseigenen Betrieb (VEB), wo sie in der Forschungsabteilung an der Rezeptur für die Kufen von Profi-Rodelschlitten tüftelte. „Die besonders hart zu machen, dafür habe ich gebrannt“, sagt Erler. Dass die Rodler aus der DDR bei Wettkämpfen so gut abschnitten, macht sie heute noch stolz. Nach der Wende aber wurde der Betrieb geschlossen. Erler musste neu beginnen, ­studierte mit Anfang 40 noch einmal, Sozialarbeit. Das Handfeste, Pragmatische hat sie mitgenommen in ihr neues Aufgabenfeld.

,,Kein Opfer ist selbst schuld!"

Inge Erler

Ihr anderes Lieblingsmaterial, neben dem Stahl, ist Erde. Der Boden in dem sächsischen Dörfchen Staucha, in dem sie heute ihr Gemüse zieht, ist derselbe, auf dem sie ihre ersten Schritte ging. Erler war eine Hausgeburt, als ­drittes Kind 1951 zur Welt gekommen. Das Haus war im Krieg zerschossen worden, ihre Mutter und Tante hatten es wieder aufgebaut. Der Vater kam erst 1950 zurück, nachdem ihn die Sowjetische Militäradministration fünf Jahre im Speziallager Buchenwald interniert hatte. Versorgungsoffizier in der Wehrmacht sei er gewesen, sagt Erler, da gebe es nichts zu beschönigen. Zum Elternhaus gehörte etwas Ackerland und auch ein Pferd, das die Rote Armee beim Einmarsch zurückgelassen hatte, mit blutigen Hufen. Erlers Familie pflegte es gesund und Jahre später spannten sie und ihr Vater das Tier vor den Pflug und zogen Furchen in den Boden. „Wie gut das roch!“ Sie schließt die Augen. „Erdung“, das Wort benutzt sie gerne, wenn sie erzählt, wie sie an ihrem Dörfchen Staucha hängt, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hat. Wie sie in ihrem Zuhause auftankt, das nur wenige Schritte von ihrem Elternhaus entfernt liegt. Ganz besonders viel ­Erdung verspürt sie im Garten, beim Säen und Ernten – und wenn die Kinder zu Besuch kommen.

Die Schattenseiten von Social Media

Die wohnen alle in der Region und bringen heute ihre ­eigenen Kinder mit. Zehn Enkel gibt es mittlerweile. Höhe­punkt des Großfamilienlebens sind seit 2008 die ­jährlichen Ausflüge an den Hölzernen See bei Königs-Wusterhausen in Brandenburg, für den sich alle Urlaub nehmen. Dann mieten sie ein Haus in einem „KiEZ“, ­einem Kinder- und Erholungszentrum mit einfacher Einrichtung und Verpflegung, gehen baden, spielen Ball oder Wikingerschach und machen abends ihr eigenes Kulturprogramm mit Musik und Aufführungen. Und ­natürlich sitzen wieder alle an einem großen Tisch und Erler fühlt sich fast wieder wie früher, als Chaos-Königin. „Das ist mein Reichtum“, sagt Erler. Sie weiß, wie glücklich sie sich schätzen darf mit dieser Familie, und von der Kraft, die sie daraus schöpft, gibt sie gerne ­etwas ab.

Nachfrage ist da. Erler schaut mit Sorge auf die Jugend, die oft naiv mit Social Media umgeht, freizügige Selfies versendet, als Täter oder Opfer verstrickt ist in Cybermobbing und die Häme von Chatgruppen. Das Bedürfnis nach schnellen Likes sei groß, sagt sie, wirkliches Interesse aneinander und Geborgenheit dagegen seltener zu finden. Aufklärung ist deshalb ihr großes Anliegen.

2025 will sie aufhören mit der Arbeit im Verein. Bis dahin aber will Erler die Angebote in Meißen noch entscheidend verändern: den heute kleinen Anteil der Prävention auf 50 Prozent steigern. Zum Beispiel, indem sie mit ihrem Team Geld für Filmvorführungen sammelt, die Kinder und Jugendliche sensibilisieren sollen. „Ben X“ steht als Erstes auf dem Programm, ein Spielfilm über Cyber­mobbing, Gaming und Vereinsamung. Mit solchen ­Formaten, weiß Erler, erreicht sie die Teenager besser als bei belehrenden Vorträgen in Klassenzimmern.

Mit beiden Füßen auf dem Boden, im Kopf und im Herzen vernetzt über Generationen und mit der gesamten ­Region: Inge Erler weiß genau, was in der Welt vorgeht, im Guten wie im Schlechten – selbst ohne ihr Dorf je ­verlassen zu haben.

„Nur reden hilft nicht, man muss auch etwas tun“

Erstellt am: Freitag, 10. November 2023 von Sabine

„Nur reden hilft nicht, man muss auch etwas tun“

Sie steigt trotz Flugangst in eine Linienmaschine und arbeitet sich bis tief in die Nacht in Fälle ein: Karin Skib aus Gießen engagiert sich seit 2001 für den WEISSEN RING. Das erste Jahr hatte es direkt in sich.

Karin Skib gehört zu den Menschen, denen man nicht lange erklären muss, was sie zu tun haben.

Zwei Leitz-Ordner voll mit Zeitungsartikeln über die Aktivitäten der Gießener Außenstelle des WEISSEN RINGS und eine Ehrennadel – das ist die vorläufige Bilanz eines ehrenamtlichen Dienstes, der nun beinahe ein Vierteljahrhundert andauert. Karin Skib, schulterlanges braunes Haar, roter Pullover, Brille, schicke Kordelkette, ist schon ein bisschen stolz auf das, was sie bisher als Leiterin erreicht hat. Aber zu stolz will die 64-Jährige auch nicht wirken, denn irgendwie ist der Einsatz für das Ehrenamt für sie auch selbstverständlich, hört man heraus: „Mein erster Berufswunsch in früher Jugend war es, Richterin zu werden, ich hatte schon früh einen großen Gerechtigkeitssinn“, erzählt sie.

,,Nur reden hilft nicht, man muss auch etwas tun"

Karin Skib

Skib absolvierte schließlich eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Später arbeitete sie bei einer Wäschereitechnik-Firma in der Auftragsabwicklung und erwarb dabei eine Fähigkeit, die ihr auch für ihre Tätigkeit im Verein hilft: Multitasking, also die Fähigkeit, viele Dinge zu erfassen und gleichzeitig zu tun. Ende der 90er-Jahre erblindete ein Kollege von Karin Skib, der sehr viel Kundenwissen hatte und auf den das Unternehmen nicht verzichten wollte. Karin Skib wurde sozusagen sein Auge und seine Hand: „Damit er möglichst lange bei uns bleiben konnte, habe ich ihm die Post vorgelesen und die Hand bei Unterschriften geführt“, erzählt sie. Durch ihren eigenen Job und die zusätzliche Betreuung des Kollegen hatte Skib keine andere Wahl als sich gut zu organisieren. Denn neben ihrem „Zweitjob“ musste sie auch den kleinen Sohn versorgen und den Haushalt gebacken kriegen.

Die Anpackerin

Karin Skib gehört zu den Menschen, denen man nicht lange erklären muss, was sie zu tun haben oder wo Arbeit anfällt. Als Außenstellenleiterin beim WEISSEN RING ist sie seit dem Jahr 2001 Seelsorgerin, Antragsbearbeiterin und Eventmanagerin in Personalunion. Eine Anpackerin. „Nur reden hilft nicht, man muss auch etwas tun“, ist Skibs Motto.

Als sie das erste Mal ein Treffen der Opferhilfe in Gießen besuchte, waren die etwa sechs ehrenamtlichen Mitarbeitenden alle schon deutlich älter, als dann der Leiter aus gesundheitlichen Gründen seinen Dienst quittierte, ergriff Karin Skib die Initiative. „Ich wollte nicht, dass das Angebot in Gießen verschwindet.“ Sie übernahm das Amt. Nicht nur reden, machen. Und das, obwohl Skib damals noch gar nicht so recht wusste, was alles auf sie zukommen würde, sagt sie heute rückblickend.

Seit 2001 engagiert sich Karin Skib für den WEISSEN RING.

Nachdem Karin Skib ihren Beruf aufgegeben hatte, entwickelte sich das Ehrenamt schnell zu einem neuen Vollzeitjob. In der ersten Zeit las sich Skib manchmal bis nachts in die Fälle ein. Wenn es sein musste, stand sie mitten in der Nacht auf, um die Frau eines amerikanischen Soldaten zur damaligen Rhein-Main Air Base der US Air Force in Frankfurt zu fahren. Dort nahmen sie ein vom Vater entführte Kind in Empfang. Und wenn es sein musste, setzte sie sich in ein Flugzeug, um eine anderes Opfer zu einer TV-Aufzeichnung nach München zu begleiten, wo es über seinen Fall sprechen wollte, – obwohl sie Flugangst hat.

Hohe Belastbarkeit wichtig

Skib weiß, was sie zu tun hat und warum: „Es bringt ja nichts ‚Oh Gott, oh Gott, das ist ja schlimm‘ zu sagen.“ Man müsse den Opfern helfen und dazu brauche es eine hohe Belastbarkeit. Und ob: Das erste volle Jahr ihrer neuen Leitungsfunktion war gleich ein besonderes: Niemals vor und nach 2001 hatte es in Gießen drei Mordfälle in einem Jahr gegeben. Skib hörte den betroffenen Eltern und Angehörigen stundenlang zu, begleitete sie zu Gerichtsprozessen und half auch sonst, wo sie konnte.

Ihre Kontakte in die hessische Politik nutzt Skib im Sinne des Vereins. Sie erzählt, wie sie zum Beispiel einmal mit hochrangigen Amtsträgen über das Opferentschädigungsgesetz (OEG), das die staatliche Entschädigung von Gewaltopfern regelt, gesprochen habe und wie dabei eine Lücke im Gesetz auffiel. „Zunächst hatten Angehörige von Tötungsopfern oder auch Augenzeugen noch keinen Anspruch auf OEG-Leistungen“, erklärt Skib. Später gab es eine Anpassung, nach der sogenannte Schockschäden heute anerkannt werden.

Mehr Fälle während Corona

Neben Empathie, Belastbarkeit und Zeit nennt Skib auch Koordinierungsfähigkeit und ein geordnetes Privatleben als weitere Voraussetzungen für ihre Aufgaben. Überhaupt: vorausschauende Planung, Struktur und Effizienz, diese Begriffe passen gut zu ihr. Sie gehe nie mit leeren Händen in den Keller, sondern nehme immer gleich etwas mit runter, um den Gang optimal zu nutzen. „Durch Multitasking habe ich erst Zeit für andere Dinge“, sagt Skib und klingt dabei schon fast wie eine Unternehmensberaterin.

Die Außenstelle in Gießen bearbeitet rund 150 Opferfälle im Jahr. Während der Corona-Pandemie schnellten vor allem die Fälle von sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt nach oben, was die Arbeitsbelastung von Skib und ihrem Team noch einmal erhöhte. Um sich nicht zu verzetteln, bewertet die Außenstellenleiterin alle Abläufe und Einsatzpläne klar und pragmatisch.

Schlimme Gewalttaten, Mord oder Stalking beschäftigen sie oft über einen längeren Zeitraum. Aber eigentlich hört die Verantwortung nie so richtig auf, wenn man es genau nimmt. Denn wenn Karin Skib etwas verspricht, gibt es kein Verfallsdatum. Noch heute ist die Gießenerin sehr irritiert über ein Interview mit ihr in einer Lokalzeitung, das mit einer allzu reißerischen Überschrift in Bezug auf einen Mordfall erschien. Skib hatte den Fall nur am Rande erwähnt und sich damit an den Wunsch der Angehörigen gehalten, die Sache nicht immer wieder neu aufzuwärmen. „Und jetzt stellen Sie sich mal vor, die Leute schlagen die Zeitung auf, und lesen diese Überschrift!“ Für die Annahme, dass die Opfer mit ihrer Betreuung und Arbeit unzufrieden sind, gibt es jedoch keinen Hinweis. 2022 erhielt Karin Skib sogar den Ehrenbrief des Landes Hessen mit Ehrennadel. Mit der Auszeichnung würdigt das Bundesland soziales, ehrenamtliches Engagement in einem Verein. Mehr geht nicht.

,,Es bringt ja nichts, Oh Gott, oh Gott, das ist ja schlimm' zu sagen."

Karin Skib

In den vergangenen Jahren überließ die 64-Jährige die Opferarbeit immer mehr ihren Mitarbeitern, aber die Organisation der Außenstelle und Öffentlichkeitsarbeit für den Verein lassen bei ihr bis heute keine Langeweile aufkommen. Obwohl Skib einen Gang runtergeschaltet hat – so richtig loslassen, fällt ihr schwer. Mittendrin ist sie auch deswegen, weil die Teamsitzungen seit Corona in einem ausgebauten Kellerraum ihres Hauses stattfinden, das Büro ist dafür zu klein. Die nächsten Spendenübergaben, Statistiken und Infostände wollen auch geplant sein.

Ende in Sicht?

Seitdem sie kleine gesundheitliche Einschränkungen spürt, erlaubt sich Skib nun schon das ein oder andere Mal, vorsichtig ans Aufhören zu denken. Derzeit baut sie eine Stellvertreterin auf. Wie lange sie selbst noch an Bord sein wird, ist unsicher.

Sicher ist hingegen, dass die Noch-Außenstellenleiterin alle Unterlagen der bearbeiteten Opferfälle in ihrem Büro vernichten oder nach Mainz schicken muss, wenn sie irgendwann dem WEISSEN RING den Rücken kehrt. Ihre beiden Leitz-Ordner, die zuhause auf dem Wohnzimmertisch liegen, müssen dem Datenschutz aber nicht gehorchen. Deshalb lag Karin Skib die Öffentlichkeitsarbeit von Anfang an so am Herzen: In den Ordnern sind rund 100 Zeitungsbeiträge – viele davon selbst verfasst – zusammengetragen, jeder einzelne fein säuberlich in einer Prospekthülle abgeheftet. „Die Artikel dokumentieren später, was wir in den ganzen Jahren alles gemacht haben“, erklärt Skib stolz. „Das ist dann mein ganz persönliches Archiv.“

Er ist unser „Mr. Zivilcourage“

Erstellt am: Mittwoch, 25. Oktober 2023 von Sabine

Er ist unser „Mr. Zivilcourage“

Dieser Mann ist die Personifikation von Zivilcourage beim WEISSEN RING: Günter Koschig aus Goslar gelingt es, sogar Hollywood-Schauspieler von seinen Projekten und Ideen zu überzeugen. Wie schafft er das?

Einen Schal der „Goslarer Zivilcourage Kampagne“ hat Günther Koschig fast immer parat. Foto: Christian J. Ahlers

Er kann einfach nicht anders. Günter ­Koschig hat den Mann, der aus dem Goslarer Lokal tritt, torkelnd den Außen­bereich durchquert und mit dem Auto­schlüssel in der Hand die Parkplätze ansteuert, gleich mit scharfem Blick ins Visier genommen. Koschig sitzt an einem Tisch am Ausgang, legt Messer und Gabel weg, springt auf und fängt den Betrunkenen ab. Er setzt ihn auf eine Bank, Koschigs Tochter kommt dazu, sie sprechen mit dem Restaurantpersonal, ­rufen einen Freund des Mannes an und warten, bis dieser den Betrunkenen schließlich abholt.

Dass das halb verspeiste Essen auf seinem Teller längst kalt geworden ist, ist Koschig nicht mal die kleinste Bemerkung wert, beschwerdelos nimmt er das Besteck wieder in die Hände. Als wäre nichts ­geschehen, als wäre sein Verhalten das normalste auf der Welt. Auch Gäste an anderen Tischen ­hatten ­aufgeblickt und den offensichtlich stark alkoholi­sierten Mann beobachtet. Aber niemand machte ­Anstalten, ihm in den Weg zu treten und ihn davon abzuhalten, in sein Auto zu steigen und loszu­fahren. Regt sich Koschig wenigstens darüber auf, über mangelnde Zivilcourage? Fehlanzeige.

Der Leiter der Außenstelle im niedersächsischen Goslar nutzt seine Energie lieber, um sein Lieblingsthema an anderer Stelle voranzubringen. Wenn man so mag, könnte man sagen: Günter Koschig ist die Verkörperung von Zivilcourage. 2010 initiierte er die „Goslarer Zivilcourage Kampagne (GZK)“, den ­Anlass dazu gab der Tod Dominik Brunners nach ­einer gewalttätigen Auseinandersetzung an einem Münche­ner S-Bahnhof im Jahr zuvor. Im Polizeidienst war Koschig Berater für Kriminalprävention, beim WEISSEN RING gehört er seit 1996 dem ­Fachbeirat Kriminalprävention an, das besondere ­Engagement in Richtung Zivilcourage war nahe­liegend. Das Ziel aus Koschigs Sicht: Handlungskompetenzen anbieten, die nicht überfordern.

Zusammen mit Projektpartnern wirbt der ­WEISSE RING hier im Harz und überall, wo es Koschig hin verschlägt, seitdem für ein Mut machendes Mit­einander. Erklärvideos, Lesungen des Autors Fadi Saad in Schulen und Vorträge gehören zum ­Programm und auch die Ehrung von „Alltags­helden“. Zum Beispiel den jungen Mann, den ­Koschig ein paar Stunden vor dem Vorfall im Lokal ausgezeichnet hat. Der hatte zwei Einbrecher ­beobachtet und dafür gesorgt, dass die Polizei das Duo festnehmen konnte. Koschig meint: „Diese Ehrungen sind das Wichtigste, weil sie den Menschen Mut machen, nicht wegzusehen, sondern die 110 zu wählen und den Opfern zu helfen.“

,,Ich habe das Gefühl, hier in meinem Wirkungsbereich etwas erreichen zu können."

Günther Koschig

Es reicht Koschig, wenn Veranstaltungen, die er ­organisiert, gut besucht werden. Nicht nur, aber vor allem, wenn er Kinder und Jugendliche mit ­seinen Aktionen erreichen kann, „da geht mir das Herz auf“. Ihnen will er die Zivilcourage-Regeln nahebringen: Beobachte die Situation genau! Fordere andere zum Mithelfen auf! Präge dir Tätermerkmale ein! Wähle den Notruf 110! Kümmere dich um das Opfer! Bleib als Zeuge am Tatort! ­Gefährde dich nicht selbst! „Die jungen Leute sind unsere Zukunft. Wir müssen uns darum kümmern, dass sie Vertrauen in die Polizei haben und Empathie für die Opfer“, meint Koschig.

Für „seine“ Sache, das Werben für Zivilcourage, hat der 68-Jährige genau 116 Unterstützer und Unter­stützerinnen gewinnen können, die für GZK-Postkarten und -Plakate posiert haben. Darunter sind zahlreiche Promis, die Liste reicht von Scorpions-­Sänger Klaus Meine bis zur Boxweltmeisterin Regina Halmich. Solche „Magneten“ sind wichtig: „Wenn wir mit Regina Halmich in eine Schule gehen und über Zivilcourage sprechen, wirkt das anders, als wenn man dort nur das ­Strafgesetzbuch vorträgt“, erläutert er, und dabei ­rutschen die freundlichen Augenbrauen ein Stück nach oben über den Brillenrand hinaus, so wie ­immer, wenn er ins Erzählen kommt und seinen Ausführungen Nachdruck verleihen möchte. Natürlich, der ehemalige Polizist ist durchaus stolz auf die Kontakte in die Promi-Welt. Aber Koschig ist niemand, der sich überschätzt, der Name des WEISSEN RINGS sei der Türöffner gewesen für die Ansprache von bekannten Personen.

Der Erfolg bei den Promis kommt allerdings nicht von ungefähr. Koschig sieht sich als „Netzwerker“, der sich Leute sucht, die ähnlich ticken. Er sagt: „Ich habe ein gewisses Sendungsbewusstsein, andere zu ­motivieren.“ Günter Koschig ist auch das, was seine Frau Angelika „dickfellig“ nennt, manch einer könne das als aufdringlich empfinden, andere wiederum als sympathisch. Der 68-Jährige sagt: „Man kann sich auch einen Korb einfangen, aber dann macht man weiter.“ Man müsse resilient sein, wenn es mal nicht klappt.

Einer der langjährigsten GZK-Unterstützer ist der Schauspieler und ehemalige Mr. Universum Ralf Moeller. 1996 hat Koschig ihn das erste Mal getroffen, bei der ­Eröffnung des „Planet Hollywood“ in Berlin. Koschig hielt den Kontakt über die Jahre aufrecht, vor mehr als zehn Jahren überzeugte er den Star und dessen Management und traf Moeller im Hamburger Hotel „Atlantik“ zum GZK-Fotoshooting. „Er war total cool drauf“, ­erinnert sich der Außenstellenleiter beim Gespräch im August. Gerade am Vortag erst hat er mit dem in Los ­Angeles lebenden Moeller telefoniert. Die beiden Männer verbindet neben dem gesellschaftlichen Engagement indes auch ein weiteres Thema: Bodybuilding.

Beim Bodybuilding hat Günter Koschig seine Frau ken­nengelernt, in einem Anbau am Haus in einem ­Goslarer Stadtteil finden allerlei Fitnessgeräte, Sportutensilien und ein großflächiger Spiegel Platz. Wie ­Koschig bei all den Terminen und Verpflichtungen für den Verein und seine Kampagne noch Zeit fürs Training hier findet, ist ein kleines Rätsel. Fakt ist aber: Der Mann hält sich fit.

Koschig ist ein Macher, immer in Bewegung, ein Tausend­sassa, er meint es ernst. Schnallt sich einen Gleitschirm um, um auf eine Baumpflanzaktion aufmerksam zu ­machen, zieht sich ein Super-Mario-Kostüm an und ­erklärt aus der Ukraine geflüchteten Kindern, wie man sich in einem Notfall am besten verhält. Sammelt Sachspenden für die Menschen in der Ukraine, bemüht sich um die Integration von Geflüchteten im Badminton­verein, dessen Vorsitzender er ist. Und nebenbei ist ­Koschig auch noch Stand-Up-Paddeling-Instructor, er bringt anderen den Trendsport bei.

Das alles nimmt Zeit in Anspruch. Zeit, die auch von der Familienzeit abgeht. Seine Frau und die beiden Töchter waren oft dabei, wenn Koschig im Namen des WEISSEN RINGS unterwegs war, kilometerweit durch ganz Deutschland fuhr für ein weiteres Fotoshooting, eine weitere Veranstaltung. Sie gehören dazu, sie tragen ­Koschigs Engagement mit, sie halten zusammen, sie sind auch aufrichtig miteinander. Beim Abendessen in dem Restaurant mit Frau, die ebenfalls ehrenamtliche Mitarbeiterin ist, und einer der zwei Töchter hört man in den Zwischentönen, dass es auch Entbehrungen sind, die dieses Ehrenamt und die Außenstellenleitung mit sich bringen, die nicht leichtfertig abzutun sind.

Günther Koschig (links) und Schauspieler Ralf Moeller (rechts). Foto: WEISSER RING

Das Heim der Familie Koschig erscheint im Lichte der Umtriebigkeit Günter Koschigs als eine kleine Oase. Es gibt zwar ein Büro mit Schreibtischen für die Vereins­arbeit, an den Wänden Erinnerungsfotocollagen von Treffen mit Promis, Andenken, Auszeichnungen stehen neben allerlei Trophäen, in denen sich das Engagement für den WEISSEN RING und die Zivilcourage-Kampagne manifestiert. Auch im Rest des Hauses gibt es noch an der einen oder anderen Stelle eindeutige Spuren, wie den WEISSER-RING-Kugelschreiber neben der Spüle. Von der großen Sonnenterrasse aus fällt der Blick dann jedoch in einen hübsch angelegten, gepflegten Garten, eine Holzbrücke biegt sich über einen kleinen Teich. Man ­hätte es nicht unbedingt erwartet, dieses idyllische ­Refugium ist das von Günter Koschig, ein Ort der Ruhe. Der wird „leider zu selten genutzt“, aber wenn, dann kann Koschig hier runterkommen. Das „Problem“ aus seiner Sicht: „Dabei kommen mir immer wieder neue Ideen.“

Zurück im Trubel, wenn Koschig durch die Goslarer Innen­stadt läuft, grüßt er nach links und rechts, mit der Oberbürgermeisterin ist er per Du, dann ist er selbst ein bisschen wie ein Promi. Er habe einen tollen Beruf gehabt und immer gute Impulse bekommen, das sei nicht selbstverständlich, er sieht sich in einer privilegierten Lage. „Ich will der Gesellschaft etwas zurückgeben und nicht in einer Einbahnstraße fahren“, sagt der 68-Jährige. Er fühlt sich sichtlich wohl, bei dem was und wie er es tut: „Ich habe das Gefühl, hier in meinem Wirkungsbereich ­etwas erreichen zu können.“ Er wisse, dass er hier, im Harz, nicht das Leid der Welt lindern könne. Aber kleine Schritte können etwas bewirken, davon ist Koschig überzeugt. Und er lebt vor, wie Zivilcourage im Kleinen funktioniert, wie das ganz praktisch aussehen kann, ­eigentlich für jeden umsetzbar, sollte man meinen: indem man sein Essen einfach mal kalt werden lässt, um für andere da zu sein.

Er wurde selbst Opfer – und hilft jetzt anderen mit seiner Erfahrung

Erstellt am: Dienstag, 8. August 2023 von Sabine

Er wurde selbst Opfer – und hilft jetzt anderen mit seiner Erfahrung

Johannes Duda ist Außenstellenleiter des WEISSEN RINGS im Kreis Coesfeld. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie sich viele Betrugsopfer fühlen – und warnt mit seiner Geschichte andere. Aber das ist nicht alles.

Wenn Johannes Duda über Betrugsmaschen aufklärt, weiß er, wovon er spricht.

„Das würde mir nicht passieren“ – wenn Johannes Duda diesen Satz hört, kann er nur mit dem Kopf schütteln. Immer wieder kommt der. Zum Beispiel von Teilnehmenden der Präventionsveranstaltungen, bei denen er über Betrugsmaschen und Tricksereien aufklärt. Den besten Beweis dafür, dass niemand so genau sagen kann, ob er oder sie nicht doch einmal auf Betrüger reinfällt, hat Duda seit vergangenem Jahr an der Hand. Denn da ist es ihm selbst passiert.

Vor ihm liegen die Unterlagen ausgebreitet. Die Notizzettel, auf denen er aufgeschrieben hat, wann ihn welche Nummer angerufen hat. Die Google-Play-Karten, die er gekauft hat und die jetzt wertlos sind. Die Anzeige, die er bei der Polizei aufgegeben hat. Und die Nachricht über die Einstellung des Ermittlungsverfahrens – ohne Ergebnis.

„Ihr Geld ist auf dem Weg, aber…“

Es war Anfang 2022, als sein Telefon klingelte und ein Herr Lauterbach am anderen Ende verkündete, Johannes Duda habe bei einem Gewinnspiel 49.000 Euro gewonnen. Das Geld sei auf dem Weg, sagte der nette Mann, der Bote aber müsse bezahlt werden. Bargeld dürfe er allerdings nicht annehmen, sondern nur Google-Play-Guthabenkarten. Die gibt es im Super- oder Drogeriemarkt an der Kasse zu kaufen, im Wert von bis zu 500 Euro.

Zwei solcher Karten sollte Johannes Duda also besorgen, um den Boten zu bezahlen. Als der 74-Jährige damit vom Drogeriemarkt zurückkam und wieder mit dem Mann telefonierte, forderte ihn dieser auf, den Code auf den Rückseiten der Karten freizurubbeln und durchzugeben. Was Johannes Duda zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Mit der Buchstaben-Zahlen-Kombination des Codes kann sein Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung den Gutschein einlösen.

„Das ist schon großer Mist, dass mir das passiert ist – in meiner Funktion“, sagt Duda und schüttelt wieder einmal den Kopf. Seine Funktion: Seit 16 Jahren leitet er die Außenstelle des WEISSEN RINGS im Kreis Coesfeld, insgesamt 36 Jahre engagiert er sich dort schon ehrenamtlich. Eigentlich kennt er allerhand Betrugsmaschen. Weiß auch, dass man am Telefon vorsichtig sein muss. Und dass die Betrüger und Betrügerinnen sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen, um ihren Opfern das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Geordnet, pflichtbewusst, mit trockenem Humor

Nach so langer Zeit, sagt er, gebe es kaum ein Delikt, mit dem er noch nicht zu tun gehabt habe. Begonnen hat sein Engagement mit der Sendung „Aktenzeichen XY: ungelöst“. Die Fälle und deren Aufarbeitung haben ihn immer interessiert – und auch die Möglichkeit, den Betroffenen zu helfen. Beruflich hatte er nie mit Kriminalität zu tun: Johannes Duda ist gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann. Zuletzt arbeitete er im medizinischen Krankenhausarchiv im Kreis und half bei der Digitalisierung der Krankenakten. Er komme auf 51 Berufsjahre, betont er. Wer könne das heute schon noch von sich behaupten?

Ein bisschen ist Johannes Duda so, wie sich eine Zugezogene einen typischen Westfalen vorstellt. Geordnet, pflichtbewusst, mit trockenem Humor. „Keiner da“, ruft es nach dem Läuten von drinnen, bevor er die Haustür öffnet. Duda lebt in einem Reihenhaus in Nottuln, einer 20.000-Einwohner-Gemeinde im Kreis Coesfeld nahe Münster. Auf dem Weg ins Dachgeschoss, wo er sich sein Büro eingerichtet hat, geht es an einem besonderen Zimmer vorbei: dem mit der Musiksammlung. Schallplatten und CDs füllen mehrere Wandregale. Darunter die Beatles, Abba, James Last – und die Amigos. „Das erfolgreichste Gesangsduo Europas“, sagt Johannes Duda, „und Botschafter des WEISSEN RINGS!“

Die Musik ist für ihn ein guter Ausgleich zur Außenstellenleitung. Genauso wie sein weiteres Ehrenamt: Er übernimmt Fahrdienste für Menschen mit Behinderungen, von deren Wohnung zur Werk-statt, in der sie arbeiten. „Ich wollte auch mal was anderes sehen“, sagt er dazu. Etwas, das nichts mit Kriminalität zu tun hat.

„Das ist schon großer Mist, dass mir das passiert ist – in meiner Funktion.“

Johannes Duda

„Ich kann das einfach nicht nachvollziehen.“

Denn nicht immer ist es leicht, die Dinge, die er beim WEISSEN RING mitbekommt, hinter sich zu lassen. Immer wieder hat er erlebt, wie Ehrenamtliche irgendwann das Handtuch geworfen haben, weil die Geschichten derer, die sie betreut haben, sie nicht losgelassen haben. „Wenn ich meine Haustür hinter mir schließe, muss ich das, was ich erfahren habe, draußen lassen“, sagt er. Aber: „Das war auch ein Lernprozess.“

Doch auch wenn er sagt, dass es ihm gut gelingt, die Erfahrungen anderer nicht zu sehr an sich heranzulassen, scheint es doch etwas mit ihm zu machen. Den Eindruck gewinnt man, wenn man ihm dabei zuhört, wie er von Fällen aus der Umgebung erzählt. Dabei deutet er immer wieder aus dem Fenster – nicht auf ein bestimmtes Haus, eher in eine Richtung. Dort hinten sei das gewesen, wo ein Junge für Sex bezahlt wurde. Und da – an einem Ort, der in einer anderen Richtung liegt – gebe es Gewalt in einer Beziehung, einer der Beteiligten wisse nicht, wie das zu lösen sei. Und dann die Frau, die im Altenheim von einem Pfleger missbraucht wurde. Immer wieder Kopfschütteln. Und immer wieder derselbe Satz: „Ich kann das einfach nicht nachvollziehen.“ Es scheint wie ein Lernprozess, der nie ganz abgeschlossen sein wird.

Die Details einer Straftat wolle er oftmals lieber nicht so genau wissen. Das helfe ihm, das alles nicht zu nah an sich heran zu lassen. Im vergangenen Jahr habe er hauptsächlich mit Betroffenen von Sexualstraftaten zu tun gehabt. Nicht alle würden Anzeige erstatten, weil dadurch für sie „vieles ins Rollen“ kommen würde. Auch Scham sei immer wieder ein Thema, das sei verständlich, meint Duda.

Pragmatischer Umgang mit eigener Betrugsgeschichte

Sein eigener Fall, der Google-Play-Karten-Betrug, ist da ganz anders gelagert: Ein paar Tage nachdem er dem unbekannten Anrufer die Gutschein-Codes durchgegeben hatte, rief dieser erneut an. Es habe einen Zahlendreher gegeben. Statt 49.000 habe er 94.000 Euro gewonnen. Um das Geld zu bekommen, solle er erneut eine 500-Euro-Karte besorgen. „Da wusste ich, dass da etwas nicht stimmt“, sagt Duda. Er ging direkt zur Polizei – auch wenn ihm bewusst war, dass die bei solchen Taten wenig tun kann.

Heute sagt er: „Ich wusste nicht, was Google-Play-Karten sind. Hätte ich das gewusst, wäre es mir vielleicht schon früher komisch vorgekommen.“ Die 1.000 Euro, die jetzt weg sind, hätten wehgetan. Doch er geht mit seiner Erfahrung pragmatisch um und behält sie nicht für sich. Stattdessen spricht er offen darüber – mit der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis und auch bei Veranstaltungen des WEISSEN RINGS. Es beschäftigt ihn, dass immer wieder vor allem ältere Menschen Opfer von Betrügereien werden.

Wie viele es sind, dazu gibt es keine klaren Zahlen. In der Polizeilichen Kriminalstatistik fallen Anrufmaschen wie Enkeltrick, Schockanrufe, falsche Polizisten oder falsche Gewinnversprechen allgemein unter „Sonstigen Betrug“. Nicht jedes Bundesland erfasst Informationen zu diesen Straf-taten genauer. Zudem tauchen viele davon nicht in der normalen Statistik auf, weil die Täter und Täterinnen häufig im Ausland sitzen. Und nicht jedes Opfer wendet sich an die Polizei. Aus den Zahlen der Polizei geht hervor, dass es bei einem großen Teil der Taten beim Versuch bleibt. Die Aufklärungsquote allerdings ist einstellig und die Schadenssummen zum Teil enorm – allein in NRW lag der Schaden 2021 bei etwa 30,3 Millionen Euro, der durch „vollendete Inlands- und Auslandsstraftaten zum Nachteil älterer Menschen“ entstanden ist, unter die der Anrufbetrug zählt.

Einstellige Aufklärungsquote

Die Polizei warnt und gibt Hinweise, wie man sich schützen kann. Johannes Duda kennt diese Tipps. Er weiß, was zu tun ist, wenn die EC-Karte gestohlen wurde: „Nicht nur bei der Bank sperren lassen, sondern auch durch die Polizei.“ Die Bank sperrt nämlich nur für PIN-basierte Kartenzahlungen, die Polizei hingegen kann eine sogenannte Kuno-Sperrung auslösen. Kuno steht für „Kriminalitätsbekämpfung im unbaren Zahlungsverkehr unter Nutzung nichtpolizeilicher Organisationsstrukturen“, die Sperrung der Karte wirkt dann für sämtliche Zahlungen. Duda weiß, was bei der Masche der falschen Polizisten alles nicht stimmt: „Auf dem Display des Telefons wird niemals die 110 angezeigt.“ Der 74-Jährige empfiehlt: „Bei unbekannter Nummer nie mit Namen melden, nicht zurückrufen, nicht ‚Ja‘ sagen.“

Nun kennt er sich eben zudem noch mit dem Betrug rund um Google-Play-Gutscheine aus. Wegen seiner eigenen Erfahrung und auch, weil es Maschen wie den Enkeltrick so lange gibt und immer wieder Menschen Geld verlieren, ist Duda überzeugt: Niemand sollte sich zu sicher sein, dass es ihm oder ihr nicht doch auch einmal selbst passiert.

Johann Scheerer: „Befriedigung einer Schaulustigen-Mentalität“

Erstellt am: Montag, 17. Juli 2023 von Torben

Johann Scheerer: „Befriedigung einer Schaulustigen-Mentalität“

Rund 20 Jahre lang hat Johann Scheerer nicht über das Verbrechen gesprochen, dessen Opfer seine Familie wurde: die Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma. Ein Interview.

Foto: Gerald von Foris

Rund 20 Jahre lang hat Johann Scheerer nicht über das Verbrechen gesprochen, dessen Opfer seine Familie wurde: die Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma. Ein Gespräch über eine Geschichte, die bis heute maximale Öffentlichkeit erfährt, den Rückgewinn der Deutungshoheit und den Bedarf an einem neuen journalistischen Genre.

Herr Scheerer, Sie und auch Ihre Eltern lehnen sämtliche Anfragen von True-Crime-Produktionen ab, die die Entführung Ihres Vaters thematisieren. Was halten Sie von diesen Formaten?

Sie befriedigen im Regelfall eine Schaulustigen-Mentalität, wie bei einem Unfall: Man verlangsamt das Tempo auf der Autobahn und gafft. Vielleicht sieht man noch Blut? Wenn das Auto abgeschleppt und die Fahrbahn wieder frei ist, um in der Unfall-Verbrechen-Analogie zu bleiben, ist das der Zeitpunkt, an dem die allermeisten True-Crime-Formate enden.

Sie meinen, wenn die Täterinnen oder Täter gefasst sind, der Gerichtsprozess vorbei ist und ein Kriminalfall als abgeschlossen gilt?

Ja, das ist einer der Hauptpunkte meiner Kritik an True-Crime-Formaten — wenn es heißt, die Verbrechen seien abgeschlossen. Ich bin der Überzeugung, dass Verbrechen nicht abgeschlossen sind, wenn der „aktive“ Teil des Verbrechens vorbei ist. Sie dauern an! Und zwar in der Verarbeitung der Opfer oder Angehörigen. Hört sich profan an, ist aber offensichtlich zu vielen noch nicht durchgedrungen. Insofern habe ich ein Problem mit diesen Formaten, weil sie dann aufhören, wenn es gesellschaftlich erst richtig kritisch wird, nämlich wenn es um die Frage geht: Welche Auswirkungen und Nachwehen haben diese Verbrechen? Um bei der Analogie mit dem Unfall zu bleiben: Man fährt also weiter und denkt nicht mehr lange darüber nach, wer da eigentlich im Auto saß, was mit demjenigen passiert, ob er oder sie jemals wieder Auto fahren können oder wollen wird. Ob die Person Kinder hatte und was mit denen geschehen ist.

Was bedeutet das, übertragen auf den Raum, den Opferperspektiven in dem Genre einnehmen?

Die Opferperspektive ist weiterhin völlig unterbelichtet. Es gibt hier in vielerlei Hinsicht ein großes Defizit, was die Betroffenen, ihre Betreuung und überhaupt den Umgang mit ihnen anbelangt. Ein Beispiel ist die Hierarchisierung innerhalb von Betroffenengruppen, wenn von Opfern ersten oder zweiten Grades gesprochen wird. Das finde ich befremdlich, weil niemand in der Lage ist, zu kategorisieren, ob jemand Opfer ist oder nicht. Nur die Betroffenen selbst wissen, was ein Verbrechen in welchem Umfang bei ihnen angerichtet hat. Die Kategorisierung mag eine Berechtigung im Strafrecht haben, der Traumabewältigung ist sie nicht zuträglich. Opfergeschichten sind kompliziertere und vor allem leisere Geschichten – deshalb ist es natürlich einfacher, sich in solchen Formaten auf die Tat und Täterinnen und Täter zu konzentrieren. Aber man muss sich immer wieder fragen: Gebührt diesen Tätern eine Bühne?

Wenn die Bühne eigentlich den Opfern gebührt, warum wollen Sie nicht bei solchen Formaten mitwirken?

Nach der Entführung meines Vaters habe ich ungefähr 20 Jahre lang nicht über dieses Verbrechen gesprochen. Unter anderem, weil ich gar nicht das Gefühl hatte, dass es meine Geschichte ist, sondern die meines Vaters. Ich hatte zwar irgendwie die Gefühlslage eines Opfers, aber ich wusste nicht, dass ich Opfer bin. Mir wurde gesellschaftlich vermittelt, dass man nicht betroffen ist, wenn man nicht derjenige ist, der sichtbare Verletzungen davongetragen hat. Es hat viele Jahre der Bewältigung gebraucht, bis ich verstanden habe, dass das nicht stimmt. Man muss sich zu der selbstbestimmten Aussage hinarbeiten: Ja, ich bin ein Opfer. Und genauso gehört zu einem selbstbestimmten Bewältigungsprozess, dass man diesen Status irgendwann wieder abzulegen kann. Das Verbrechen selbst, die Tat und der Täter, degradieren das Opfer zur handlungsunfähigen Randfigur und als solche werden sie auch in True-Crime-Formaten behandelt. Es sollte daher doch auf der Hand liegen, dass ich nach meinem persönlichen Aufarbeitungsprozess nicht als Randfigur in so einem Format auftreten möchte.

Muss sich der Wahrnehmungsfokus verschieben, erzählerisch in True-Crime-Beiträgen, aber auch gesamtgesellschaftlich?

Es ist ein gesellschaftlicher Gewinn, dass wir mittlerweile diskutieren, inwieweit sich beispielsweise Gewalterfahrungen in der Kindheit auf das weitere Leben auswirken. Bei Gerichtsprozessen liegt der Fokus natürlich auf den Tätern, und oft wird festgestellt, dass es einen Zusammenhang zwischen Gewalterfahrungen und späteren Taten gibt. Da sind wir gesellschaftlich schon weit. Aber sollten wir uns folgerichtig nicht auch die vielen Opfer und ihre Lebens- und. Leidensgeschichte nach der Tat etwas genauer anschauen und auch sicherstellen, dass es ihnen möglichst gut geht? Ich finde das total wichtig sowie bislang unterbelichtet, und das gilt für unsere Gesellschaft insgesamt ebenso wie für solche Formate.

Die Geschichte Ihrer Familie wird auch nach Jahrzehnten immer wieder medial aufbereitet, angeteasert etwa als „eine der spektakulärsten Entführungen“ in Deutschland. Wie gehen Sie damit um?

Es gibt keine andere Möglichkeit, als das einfach zu ignorieren. Ich schaue mir das nicht an und es interessiert mich noch nicht einmal, weil es dann doch immer das Gleiche ist. Direkt nach der Entführung war die mediale Berichterstattung teilweise einfach nur Fiktion. Mittlerweile ist zumindest das weniger geworden. Immerhin.

Gibt es eine Berechtigung für True Crime?

Ab und zu sehe ich durchaus eine Berechtigung, klar. Ich finde es selbst teilweise interessant, beispielsweise über die RAF-Verbrechen zu lesen, oder weil eine Tat eine gesellschaftlich historische Relevanz hat. Solche Beiträge sind wichtig, um zu verstehen, wie es zu einem Ereignis kam, und um aus Fehlern zu lernen. Das ist schon in Ordnung. Aber natürlich gibt es Grenzen. Als Jugendlicher habe ich zwei Jahre nach der Tat in einer Zeitschrift ein Ranking entdeckt, in dem der Fall wegen der hohen Lösegeldsumme als eine der zehn „erfolgreichsten“ Entführungen in Deutschland gelistet war. Ich war natürlich geschockt. Sich selbst in einem geschmacklosen Ranking wiederzufinden, das ist wieder so ein fremdbestimmter Moment.

Wenn Betroffene nicht als Protagonisten gewonnen werden können, kommen oft „Experten“ oder „Expertinnen“ – Ermittler, Psychologen, Juristinnen – zu Wort, die die mutmaßliche Gefühlswelt der Opfer schildern. Ist das auch eine Grenze, die überschritten wird?

Ich gebe Ihnen dazu ein Beispiel. Ich bin mal in Hamburg zu einer Veranstaltung des WEISSEN RINGS eingeladen worden, bei der die Idee war, dass ich aus meinen Buch vorlese und dann mit einer Kinder- und Jugendpsychologin ins Gespräch komme, die sich explizit mit Ängsten und Traumata beschäftigt. Es ging darum, wie es ist, als Jugendlicher Opfer eines Verbrechens geworden zu sein. Das klang gewinnbringend und habe zugesagt. Hätte die Veranstaltung genauso stattgefunden, nur ohne mich auf der Bühne, welchen Sinn hätte das gehabt?

Apropos Bühne: Sie sind Musiker und Musikproduzent. Werden Sie eigentlich öfter für Interviews anfragt, die Ihren Beruf betreffen oder – wie auch hier – die Entführung Ihres Vaters?

Ich habe mit 17 Jahren angefangen Musik zu machen, da wollten Zeitschriften wie die Gala Interviews mit mir machen, aber natürlich nicht wegen der Musik. Es sprach sich zum Glück herum, dass ich stets absagte. Über die Jahre habe ich mir eine gewisse Position erarbeitet, so dass mittlerweile regelmäßig Anfragen im reinen Musikkontext kommen. 2016 habe ich zum ersten Mal öffentlich über den Fall gesprochen. Ein Zeit-Journalist interviewte mich zur Produktion des Pete-Doherty-Soloalbums und meinte, es sei nur seriös, meinen familiären Hintergrund zumindest zu erwähnen. Das tauchte dann in einem Halbsatz oder so im Text auf, das war für mich in Ordnung.

,,Es sollte auf der Hand liegen, dass ich nicht als Randfigur in so einem Format auftreten möchte."

Johann Scheerer, Sohn des 1996 entführten und gegen Lösegeld freigelassenen Jan Philipp Reemtsma
Wie war das nach der Veröffentlichung Ihres autobiografischen Buchs „Wir sind dann wohl die Angehörigen“?

Darüber habe ich mit Medien geredet, aber das ist für mich etwas anderes, als über die Entführung selbst zu sprechen, weil ich jetzt die Deutungshoheit habe. Wissen Sie, wenn man so will, ist es Teil des Traumas, dass die Geschichte meiner Familie so extrem öffentlich ist, sich längst verselbstständigt hat und dass man selbst gar keine Kontrolle mehr über sie hat. Es geht in der Aufarbeitung immer über den Rückgewinn der Kontrolle, der Selbstbestimmtheit. Und die hätte ich nicht, wenn ich bei True-Crime-Formaten mitmachen würde. Ich habe das Buch geschrieben, um genau das zu sagen, was ich sagen möchte und wie. Anlässlich der Veröffentlichung habe ich dann Lesungen gemacht, bei denen ich proaktiv mit dem Publikum ins Gespräch kommen konnte. Das ist doch viel interessanter als jede True-Crime-Doku. Einfach auch, weil der Erkenntnisgewinn größer ist.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie dieses Buch geschrieben haben?

Ein Verlag sprach mich an, ob ich über die Produktion des Doherty-Albums „Hamburg Demonstration“ schreiben könne. Das hat mir geschmeichelt, ich war noch nie auf die Idee gekommen, dass sich jemand dafür interessieren könnte, was ich in Buchform von mir gebe. Aber dann wurde mir klar: Egal, was ich in meinem Leben schreiben werde, ich muss erst mal diese Geschichte über die Entführung aus dem Weg schreiben, weil Vieles in meiner Biografie immer wieder auf diese Erfahrung verweist. Das Buch entstand in wenigen Wochen intensiver Schreibarbeit, die Vorbereitungszeit wiederum dauerte 20 Jahre.

Nun hätten Sie ja auch nur für sich selbst Tagebuch schreiben können. Warum war es Ihnen wichtig, dass Ihre persönliche Perspektive einer Öffentlichkeit zugänglich wird?

Nun ja, die Geschichte war ja bereits maximal öffentlich. Ich habe das nicht forciert, sondern bin unverschuldet in diese Situation gekommen. Ich wollte die Deutungshoheit zurückzubekommen. Die erreicht man nicht, indem man Interviews gibt. Es geht um Selbstbestimmtheit, man muss die eigenen Worte finden und mit ihnen in die Öffentlichkeit gehen. Die fremde Geschichte sozusagen auf der öffentlichen Bühne abholen und wieder zu sich holen.

Wie steht es mit der Selbstbestimmtheit bei der aktuellen Berichterstattung?

Vielen Leuten ist nicht bewusst, dass man von dieser als Beteiligter vorab gar nichts mitbekommt. Alle paar Jahre gibt eine Berichterstattung, etwa wenn einer der Täter wegen anderer Sache vor Gericht steht oder so, dann wird der Entführungsfall immer noch mal komplett nacherzählt. Wenn man dann als Betroffener an einem Sonntag bei einem Kaffee die Zeitung liest, guckt man unvermittelt in die Visage dieses Menschen und damit in die Fratze der Tat. Ich will jetzt nicht über Retraumatisierung sprechen, aber man wird doch für einen Moment aus der Bahn geworfen. Noch nicht einmal so große und souveräne Redaktionen wie beispielsweise bei der Zeit oder beim Spiegel kriegen es hin, in solchen Fällen einfach eine kurze E-Mail zu schreiben und zu sagen: Erschrecken Sie nicht, wir berichten am Sonntag auf Seite fünf darüber. Ich halte es für angemessen, an die Betroffenen zu denken und sie zu informieren, damit sie entscheiden können, die entsprechende Seite gar nicht erst aufzuschlagen oder die Ausgabe direkt in die Tonne zu schmeißen. Mir ist natürlich bewusst, dass dies für Redaktionen vermutlich nicht zu leisten ist – eine schöne Idee bleibt es trotzdem.

Wenn in Podcasts Werbespots geschaltet und Merchandise-Artikel zu anderen True-Crime-Produktionen verkauft werden, kann der Eindruck entstehen, dass es sich um eine Kommerzialisierung des Leids der Opfer handelt. Was denken Sie darüber?

Das ist eine Frage, über die ich bisher noch nie nachgedacht habe, weil ich diese Formate nicht konsumiere. Es ist schon geschmacklos, wenn man sich vorstellt, dass die Macher mit den Geschichten von Betroffenen Geld verdienen. Da gäbe es ja viele karitative Möglichkeiten, zum Beispiel die Einnahmen zu spenden oder mit Organisationen wie dem WEISSEN RING zusammenzuarbeiten.

Mit Ihrem Buch und der Verfilmung verdienen auch Sie Geld.

Was nicht verwerflich ist, weil es meine Geschichte und meine Familie ist.

Können Sie verstehen, dass sich andere Opfer an True-Crime-Produktionen beteiligen?

Es ist nachvollziehbar und berechtigt, wenn Betroffene dadurch das Gefühl bekommen, dass das Teil ihrer Aufarbeitung ist und sie Einfluss auf das Erzählte bekommen. Ob man das möchte oder nicht, ist eine Typfrage und eine Frage des individuellen Geschmacks. Deshalb ist es nicht angemessen, das von außen zu beurteilen. Ein anderer Punkt ist allerdings die Verantwortung jeder einzelnen Journalistin und jedes einzelnen Journalisten, erstmal zu schauen, ob die Person wirklich in der Lage ist, mitzumachen, oder ob man sie auch vor sich selbst schützen muss. Interviews mit Opfern anzuschauen, die beispielweise direkt nach der Tat geführt wurden, ist oft schwer erträglich. Da gilt die journalistische Sorgfaltspflicht. Mein Appell an die Medienmacher ist, nicht auf Teufel komm raus jeden vor die Kamera zu zerren und im Zweifelsfall auch bei einem fertigen Beitrag zu entscheiden, ihn nicht zu senden.

Ihr Vater sagte kürzlich in einem Spiegel-Interview auf die Frage, ob es eine Situation gegeben habe, wegen der er Sie um Verzeihung gebeten habe: „Ich hatte einen gravierenden Fehler gemacht, vor allem deshalb, weil ich die Sache nicht durch seine Augen angesehen hatte.“ Müssten das auch Medienmacher stärker beherzigen, sich mit der Perspektive der Betroffenen befassen und ihr Platz einräumen?

Ja, ganz klar. Aber ich fürchte, True Crime ist dafür einfach das falsche Genre, weil es sich an Schaulustige wendet. Anscheinend fehlt es den Macherinnen und Machern an Kreativität, ebenso spektakuläre Produktionen zu entwickeln, die sich mit den Opfern auseinandersetzen. Die Verfilmung meines Buchs war zum Beispiel der Versuch, von einem Verbrechen zu erzählen, ohne das Verbrechen zu erzählen, die Sichtweise der Angehörigen einzunehmen und die Familiendynamik zu zeigen. Das Ergebnis ist nicht das, was vielleicht allgemein als spektakulär empfunden wird, aber das ist auch zu kurz gedacht. Der Film soll zeigen, was die Tat mit Mutter und Sohn und ihrem Seelenleben macht. Das gibt es selten, weil es anders funktioniert, viel tiefer geht, als True Crime.

Bräuchte es also ein ganz neues Medien-Genre, bei dem das Erzählen nach der Tat ansetzt und Opfersichtweisen im Fokus sind?

Absolut. Wenn man näher darüber nachdenkt, ist es eigentlich erstaunlichdass es das trotz vieler journalistischer Crime-Formate so nicht gibt. Meinem Empfinden nach ist die Geschichte, die nach der Tat beginnt, viel interessanter und journalistisch betrachtet emotional reichhaltiger als die Tat selbst. Es unterstreicht meinen Punkt der gesamtgesellschaftlich unterbelichteten Opferperspektive, dass es derartige Formate noch nicht gibt.

Nahlah Saimeh über den „potenziellen Gewalttäter in uns selbst“

Erstellt am: Montag, 17. Juli 2023 von Torben

Nahlah Saimeh über den „potenziellen Gewalttäter in uns selbst“

„Das Böse im Menschen“ steht im Mittelpunkt der Arbeit von Nahlah Saimeh. Hier erklärt die forensische Psychiaterin, was Menschen an True Crime fasziniert.

Foto: Ralf Zenker

„Das Böse im Menschen“ steht im Mittelpunkt der Arbeit von Nahlah Saimeh. Die forensische Psychiaterin begutachtet Straftäter, dabei untersucht sie die Schuldfähigkeit der Täterinnen und Täter und ihre Gefährlichkeit. Dank ihrer langjährigen Expertise ist sie in True-Crime-Formaten eine viel gefragte Interviewpartnerin. Hier erläutert sie, warum True Crime so viele Menschen fasziniert.


Ob Magazin, Podcast, Fernsehen oder Youtube: True Crime boomt. Warum findet das Publikum Gefallen am Leid anderer Menschen?

Ich denke nicht, dass die True-Crime-Community Gefallen am Leid anderer findet. Es geht nicht um Sadismus, sondern um ein von sensation seeking und Emotionsverstärkung getriebenes Verhalten, durch die Schicksale anderer an etwas Besonderem, etwas Außergewöhnlichem teilzuhaben – und dennoch selbst verschont zu bleiben. Außerdem lassen die Formate zu, dass wir uns über die Bösartigkeit der Täter oder über den vermeintlichen Leichtsinn der Opfer erheben und uns damit überlegen fühlen. Vor allem erleben wir unsere persönliche Sicherheit in einer insgesamt unsicheren Welt.

Gibt es aus Ihrer Sicht Unterschiede innerhalb des Genres?

Grundsätzlich unterscheide ich gerne zwischen True-Crime-Formaten wie „Aktenzeichen XY… ungelöst“, hinter dem das Anliegen steht, ungeklärte Verbrechen doch noch aufzuklären, und jenen Formaten, die – mit mehr oder weniger anspruchsvollen Informationen – auch unterhalten wollen. Vielleicht ist der Informationsteil aber letztlich auch nur Legitimationsüberbau für die Unterhaltung.

Was unterscheidet True Crime von Krimis?

Nun ja, die Formate überlagern sich. Ich kenne Krimis, die basieren auf wahren Geschichten und wahre Geschichten überholen manches Drehbuch auf der Standspur. Die Realität ist manchmal absolut unglaublich.

Welche Auswirkungen können True-Crime-Formate auf das Publikum haben?

Am ehesten denke ich, dass die Häufigkeit von Gewalttaten überschätzt wird.

Es heißt, das Genre komme vor allem bei Frauen gut an. Wieso ist das so?

Frauen interessieren sich sehr viel mehr für Psychologie und für Motive menschlichen Handelns. Sie sind in Bezug auf einige wenige Gewaltformen, das betrifft Sexualdelikte und Partnerschaftsgewalt, häufiger Opfer als Männer und sie sind für emotionale Themen wie Opferleid empfänglicher. Männer interessieren sich weniger für emotionale Befindlichkeiten von Personen, mit denen sie ohnehin nichts zu tun haben, und sie identifizieren sich auch nicht mit den Opfergeschichten.

Können solche Formate auf der anderen Seite auch etwas leisten?

Das habe ich mich auch gefragt, denn auch ich muss mir selbst gegenüber Rechenschaft darüber ablegen, warum ich zum Beispiel Interviews zum Thema gebe oder in True Crime-Formaten mitwirke. Für mich persönlich gibt es nur eine einzige Legitimation: anhand von Fällen zu erläutern, was Menschen anfällig macht, gewalttätig zu werden. Ich will dazu beitragen, dass wir den potenziellen Gewalttäter als einen mit Leben und Schicksal Überforderten auch in uns selbst erkennen können.

Genau darum geht es oft in True-Crime-Produktionen, im Fokus steht meist die Täterin oder der Täter. Sind sie spannender als die Opfer?

Täterinnen und Täter brechen Tabus. Sie tun etwas, was man sich selbst nicht trauen würde und was man nicht für möglich gehalten hätte. Sie sind gewissermaßen stellvertretend für uns asozial. Daher betone ich den Ansatz, möglichst nüchtern zu erklären und damit den Zuschauenden zu sagen: Du und ich könnten im Grunde unter anderen Umständen genauso handeln. Ich vermute übrigens, dass es in sehr gewalttätigen Gesellschaften gar kein Interesse an True Crime gibt. Mord und Totschlag haben die Menschen dann vor der Haustür, als reale Gefahr.

Muss man in solchen Formaten Betroffenen eine Stimme geben?

Man muss Betroffenen keine Stimme „geben“, denn die haben sie ja, sondern ihre Stimme hören und ernst nehmen. Wenn man jemandem eine Stimme „gibt“, macht man ihn oder sie klein. Wichtig ist für Betroffene ja auch, zu einer Selbstwirksamkeit zurückzufinden und selbstbewusst ihre Standpunkte zu vertreten.

Was sollten True Crime-Macher auf gar keinen Fall machen?

Sachlichkeit ist ja der Killer der Unterhaltung. Ich bin keine Freundin künstlicher Emotions-Erzeugung und mir sind Formate lieber, die präzise erklären. Ich bin schon gar keine Freundin von Fragen, wie andere Leute – in diesem Fall Opfer – sich zu fühlen haben. Jeder Mensch empfindet anders und geht mit Schicksalsschlägen anders um, weil er bestimmte Resilienzen hat, bestimmte Vorerfahrungen, bestimmte Persönlichkeitseigenschaften. Das Normative, wie man gefälligst als Opfer zu sein hat, finde ich problematisch.

Wie könnten Medienschaffende Opfer oder Angehörige am besten in den Entstehungsprozess eines solchen Formats einbinden?

Die Antwort auf diese Frage steht mir nicht zu. Das können allein Opfer und deren Angehörige beantworten.