Er wurde selbst Opfer – und hilft jetzt anderen mit seiner Erfahrung

Erstellt am: Dienstag, 8. August 2023 von Sabine

Er wurde selbst Opfer – und hilft jetzt anderen mit seiner Erfahrung

Johannes Duda ist Außenstellenleiter des WEISSEN RINGS im Kreis Coesfeld. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie sich viele Betrugsopfer fühlen – und warnt mit seiner Geschichte andere. Aber das ist nicht alles.

Wenn Johannes Duda über Betrugsmaschen aufklärt, weiß er, wovon er spricht.

„Das würde mir nicht passieren“ – wenn Johannes Duda diesen Satz hört, kann er nur mit dem Kopf schütteln. Immer wieder kommt der. Zum Beispiel von Teilnehmenden der Präventionsveranstaltungen, bei denen er über Betrugsmaschen und Tricksereien aufklärt. Den besten Beweis dafür, dass niemand so genau sagen kann, ob er oder sie nicht doch einmal auf Betrüger reinfällt, hat Duda seit vergangenem Jahr an der Hand. Denn da ist es ihm selbst passiert.

Vor ihm liegen die Unterlagen ausgebreitet. Die Notizzettel, auf denen er aufgeschrieben hat, wann ihn welche Nummer angerufen hat. Die Google-Play-Karten, die er gekauft hat und die jetzt wertlos sind. Die Anzeige, die er bei der Polizei aufgegeben hat. Und die Nachricht über die Einstellung des Ermittlungsverfahrens – ohne Ergebnis.

„Ihr Geld ist auf dem Weg, aber…“

Es war Anfang 2022, als sein Telefon klingelte und ein Herr Lauterbach am anderen Ende verkündete, Johannes Duda habe bei einem Gewinnspiel 49.000 Euro gewonnen. Das Geld sei auf dem Weg, sagte der nette Mann, der Bote aber müsse bezahlt werden. Bargeld dürfe er allerdings nicht annehmen, sondern nur Google-Play-Guthabenkarten. Die gibt es im Super- oder Drogeriemarkt an der Kasse zu kaufen, im Wert von bis zu 500 Euro.

Zwei solcher Karten sollte Johannes Duda also besorgen, um den Boten zu bezahlen. Als der 74-Jährige damit vom Drogeriemarkt zurückkam und wieder mit dem Mann telefonierte, forderte ihn dieser auf, den Code auf den Rückseiten der Karten freizurubbeln und durchzugeben. Was Johannes Duda zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Mit der Buchstaben-Zahlen-Kombination des Codes kann sein Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung den Gutschein einlösen.

„Das ist schon großer Mist, dass mir das passiert ist – in meiner Funktion“, sagt Duda und schüttelt wieder einmal den Kopf. Seine Funktion: Seit 16 Jahren leitet er die Außenstelle des WEISSEN RINGS im Kreis Coesfeld, insgesamt 36 Jahre engagiert er sich dort schon ehrenamtlich. Eigentlich kennt er allerhand Betrugsmaschen. Weiß auch, dass man am Telefon vorsichtig sein muss. Und dass die Betrüger und Betrügerinnen sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen, um ihren Opfern das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Geordnet, pflichtbewusst, mit trockenem Humor

Nach so langer Zeit, sagt er, gebe es kaum ein Delikt, mit dem er noch nicht zu tun gehabt habe. Begonnen hat sein Engagement mit der Sendung „Aktenzeichen XY: ungelöst“. Die Fälle und deren Aufarbeitung haben ihn immer interessiert – und auch die Möglichkeit, den Betroffenen zu helfen. Beruflich hatte er nie mit Kriminalität zu tun: Johannes Duda ist gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann. Zuletzt arbeitete er im medizinischen Krankenhausarchiv im Kreis und half bei der Digitalisierung der Krankenakten. Er komme auf 51 Berufsjahre, betont er. Wer könne das heute schon noch von sich behaupten?

Ein bisschen ist Johannes Duda so, wie sich eine Zugezogene einen typischen Westfalen vorstellt. Geordnet, pflichtbewusst, mit trockenem Humor. „Keiner da“, ruft es nach dem Läuten von drinnen, bevor er die Haustür öffnet. Duda lebt in einem Reihenhaus in Nottuln, einer 20.000-Einwohner-Gemeinde im Kreis Coesfeld nahe Münster. Auf dem Weg ins Dachgeschoss, wo er sich sein Büro eingerichtet hat, geht es an einem besonderen Zimmer vorbei: dem mit der Musiksammlung. Schallplatten und CDs füllen mehrere Wandregale. Darunter die Beatles, Abba, James Last – und die Amigos. „Das erfolgreichste Gesangsduo Europas“, sagt Johannes Duda, „und Botschafter des WEISSEN RINGS!“

Die Musik ist für ihn ein guter Ausgleich zur Außenstellenleitung. Genauso wie sein weiteres Ehrenamt: Er übernimmt Fahrdienste für Menschen mit Behinderungen, von deren Wohnung zur Werk-statt, in der sie arbeiten. „Ich wollte auch mal was anderes sehen“, sagt er dazu. Etwas, das nichts mit Kriminalität zu tun hat.

„Das ist schon großer Mist, dass mir das passiert ist – in meiner Funktion.“

Johannes Duda

„Ich kann das einfach nicht nachvollziehen.“

Denn nicht immer ist es leicht, die Dinge, die er beim WEISSEN RING mitbekommt, hinter sich zu lassen. Immer wieder hat er erlebt, wie Ehrenamtliche irgendwann das Handtuch geworfen haben, weil die Geschichten derer, die sie betreut haben, sie nicht losgelassen haben. „Wenn ich meine Haustür hinter mir schließe, muss ich das, was ich erfahren habe, draußen lassen“, sagt er. Aber: „Das war auch ein Lernprozess.“

Doch auch wenn er sagt, dass es ihm gut gelingt, die Erfahrungen anderer nicht zu sehr an sich heranzulassen, scheint es doch etwas mit ihm zu machen. Den Eindruck gewinnt man, wenn man ihm dabei zuhört, wie er von Fällen aus der Umgebung erzählt. Dabei deutet er immer wieder aus dem Fenster – nicht auf ein bestimmtes Haus, eher in eine Richtung. Dort hinten sei das gewesen, wo ein Junge für Sex bezahlt wurde. Und da – an einem Ort, der in einer anderen Richtung liegt – gebe es Gewalt in einer Beziehung, einer der Beteiligten wisse nicht, wie das zu lösen sei. Und dann die Frau, die im Altenheim von einem Pfleger missbraucht wurde. Immer wieder Kopfschütteln. Und immer wieder derselbe Satz: „Ich kann das einfach nicht nachvollziehen.“ Es scheint wie ein Lernprozess, der nie ganz abgeschlossen sein wird.

Die Details einer Straftat wolle er oftmals lieber nicht so genau wissen. Das helfe ihm, das alles nicht zu nah an sich heran zu lassen. Im vergangenen Jahr habe er hauptsächlich mit Betroffenen von Sexualstraftaten zu tun gehabt. Nicht alle würden Anzeige erstatten, weil dadurch für sie „vieles ins Rollen“ kommen würde. Auch Scham sei immer wieder ein Thema, das sei verständlich, meint Duda.

Pragmatischer Umgang mit eigener Betrugsgeschichte

Sein eigener Fall, der Google-Play-Karten-Betrug, ist da ganz anders gelagert: Ein paar Tage nachdem er dem unbekannten Anrufer die Gutschein-Codes durchgegeben hatte, rief dieser erneut an. Es habe einen Zahlendreher gegeben. Statt 49.000 habe er 94.000 Euro gewonnen. Um das Geld zu bekommen, solle er erneut eine 500-Euro-Karte besorgen. „Da wusste ich, dass da etwas nicht stimmt“, sagt Duda. Er ging direkt zur Polizei – auch wenn ihm bewusst war, dass die bei solchen Taten wenig tun kann.

Heute sagt er: „Ich wusste nicht, was Google-Play-Karten sind. Hätte ich das gewusst, wäre es mir vielleicht schon früher komisch vorgekommen.“ Die 1.000 Euro, die jetzt weg sind, hätten wehgetan. Doch er geht mit seiner Erfahrung pragmatisch um und behält sie nicht für sich. Stattdessen spricht er offen darüber – mit der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis und auch bei Veranstaltungen des WEISSEN RINGS. Es beschäftigt ihn, dass immer wieder vor allem ältere Menschen Opfer von Betrügereien werden.

Wie viele es sind, dazu gibt es keine klaren Zahlen. In der Polizeilichen Kriminalstatistik fallen Anrufmaschen wie Enkeltrick, Schockanrufe, falsche Polizisten oder falsche Gewinnversprechen allgemein unter „Sonstigen Betrug“. Nicht jedes Bundesland erfasst Informationen zu diesen Straf-taten genauer. Zudem tauchen viele davon nicht in der normalen Statistik auf, weil die Täter und Täterinnen häufig im Ausland sitzen. Und nicht jedes Opfer wendet sich an die Polizei. Aus den Zahlen der Polizei geht hervor, dass es bei einem großen Teil der Taten beim Versuch bleibt. Die Aufklärungsquote allerdings ist einstellig und die Schadenssummen zum Teil enorm – allein in NRW lag der Schaden 2021 bei etwa 30,3 Millionen Euro, der durch „vollendete Inlands- und Auslandsstraftaten zum Nachteil älterer Menschen“ entstanden ist, unter die der Anrufbetrug zählt.

Einstellige Aufklärungsquote

Die Polizei warnt und gibt Hinweise, wie man sich schützen kann. Johannes Duda kennt diese Tipps. Er weiß, was zu tun ist, wenn die EC-Karte gestohlen wurde: „Nicht nur bei der Bank sperren lassen, sondern auch durch die Polizei.“ Die Bank sperrt nämlich nur für PIN-basierte Kartenzahlungen, die Polizei hingegen kann eine sogenannte Kuno-Sperrung auslösen. Kuno steht für „Kriminalitätsbekämpfung im unbaren Zahlungsverkehr unter Nutzung nichtpolizeilicher Organisationsstrukturen“, die Sperrung der Karte wirkt dann für sämtliche Zahlungen. Duda weiß, was bei der Masche der falschen Polizisten alles nicht stimmt: „Auf dem Display des Telefons wird niemals die 110 angezeigt.“ Der 74-Jährige empfiehlt: „Bei unbekannter Nummer nie mit Namen melden, nicht zurückrufen, nicht ‚Ja‘ sagen.“

Nun kennt er sich eben zudem noch mit dem Betrug rund um Google-Play-Gutscheine aus. Wegen seiner eigenen Erfahrung und auch, weil es Maschen wie den Enkeltrick so lange gibt und immer wieder Menschen Geld verlieren, ist Duda überzeugt: Niemand sollte sich zu sicher sein, dass es ihm oder ihr nicht doch auch einmal selbst passiert.

Johann Scheerer: „Befriedigung einer Schaulustigen-Mentalität“

Erstellt am: Montag, 17. Juli 2023 von Torben

Johann Scheerer: „Befriedigung einer Schaulustigen-Mentalität“

Rund 20 Jahre lang hat Johann Scheerer nicht über das Verbrechen gesprochen, dessen Opfer seine Familie wurde: die Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma. Ein Interview.

Foto: Gerald von Foris

Rund 20 Jahre lang hat Johann Scheerer nicht über das Verbrechen gesprochen, dessen Opfer seine Familie wurde: die Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma. Ein Gespräch über eine Geschichte, die bis heute maximale Öffentlichkeit erfährt, den Rückgewinn der Deutungshoheit und den Bedarf an einem neuen journalistischen Genre.

Herr Scheerer, Sie und auch Ihre Eltern lehnen sämtliche Anfragen von True-Crime-Produktionen ab, die die Entführung Ihres Vaters thematisieren. Was halten Sie von diesen Formaten?

Sie befriedigen im Regelfall eine Schaulustigen-Mentalität, wie bei einem Unfall: Man verlangsamt das Tempo auf der Autobahn und gafft. Vielleicht sieht man noch Blut? Wenn das Auto abgeschleppt und die Fahrbahn wieder frei ist, um in der Unfall-Verbrechen-Analogie zu bleiben, ist das der Zeitpunkt, an dem die allermeisten True-Crime-Formate enden.

Sie meinen, wenn die Täterinnen oder Täter gefasst sind, der Gerichtsprozess vorbei ist und ein Kriminalfall als abgeschlossen gilt?

Ja, das ist einer der Hauptpunkte meiner Kritik an True-Crime-Formaten — wenn es heißt, die Verbrechen seien abgeschlossen. Ich bin der Überzeugung, dass Verbrechen nicht abgeschlossen sind, wenn der „aktive“ Teil des Verbrechens vorbei ist. Sie dauern an! Und zwar in der Verarbeitung der Opfer oder Angehörigen. Hört sich profan an, ist aber offensichtlich zu vielen noch nicht durchgedrungen. Insofern habe ich ein Problem mit diesen Formaten, weil sie dann aufhören, wenn es gesellschaftlich erst richtig kritisch wird, nämlich wenn es um die Frage geht: Welche Auswirkungen und Nachwehen haben diese Verbrechen? Um bei der Analogie mit dem Unfall zu bleiben: Man fährt also weiter und denkt nicht mehr lange darüber nach, wer da eigentlich im Auto saß, was mit demjenigen passiert, ob er oder sie jemals wieder Auto fahren können oder wollen wird. Ob die Person Kinder hatte und was mit denen geschehen ist.

Was bedeutet das, übertragen auf den Raum, den Opferperspektiven in dem Genre einnehmen?

Die Opferperspektive ist weiterhin völlig unterbelichtet. Es gibt hier in vielerlei Hinsicht ein großes Defizit, was die Betroffenen, ihre Betreuung und überhaupt den Umgang mit ihnen anbelangt. Ein Beispiel ist die Hierarchisierung innerhalb von Betroffenengruppen, wenn von Opfern ersten oder zweiten Grades gesprochen wird. Das finde ich befremdlich, weil niemand in der Lage ist, zu kategorisieren, ob jemand Opfer ist oder nicht. Nur die Betroffenen selbst wissen, was ein Verbrechen in welchem Umfang bei ihnen angerichtet hat. Die Kategorisierung mag eine Berechtigung im Strafrecht haben, der Traumabewältigung ist sie nicht zuträglich. Opfergeschichten sind kompliziertere und vor allem leisere Geschichten – deshalb ist es natürlich einfacher, sich in solchen Formaten auf die Tat und Täterinnen und Täter zu konzentrieren. Aber man muss sich immer wieder fragen: Gebührt diesen Tätern eine Bühne?

Wenn die Bühne eigentlich den Opfern gebührt, warum wollen Sie nicht bei solchen Formaten mitwirken?

Nach der Entführung meines Vaters habe ich ungefähr 20 Jahre lang nicht über dieses Verbrechen gesprochen. Unter anderem, weil ich gar nicht das Gefühl hatte, dass es meine Geschichte ist, sondern die meines Vaters. Ich hatte zwar irgendwie die Gefühlslage eines Opfers, aber ich wusste nicht, dass ich Opfer bin. Mir wurde gesellschaftlich vermittelt, dass man nicht betroffen ist, wenn man nicht derjenige ist, der sichtbare Verletzungen davongetragen hat. Es hat viele Jahre der Bewältigung gebraucht, bis ich verstanden habe, dass das nicht stimmt. Man muss sich zu der selbstbestimmten Aussage hinarbeiten: Ja, ich bin ein Opfer. Und genauso gehört zu einem selbstbestimmten Bewältigungsprozess, dass man diesen Status irgendwann wieder abzulegen kann. Das Verbrechen selbst, die Tat und der Täter, degradieren das Opfer zur handlungsunfähigen Randfigur und als solche werden sie auch in True-Crime-Formaten behandelt. Es sollte daher doch auf der Hand liegen, dass ich nach meinem persönlichen Aufarbeitungsprozess nicht als Randfigur in so einem Format auftreten möchte.

Muss sich der Wahrnehmungsfokus verschieben, erzählerisch in True-Crime-Beiträgen, aber auch gesamtgesellschaftlich?

Es ist ein gesellschaftlicher Gewinn, dass wir mittlerweile diskutieren, inwieweit sich beispielsweise Gewalterfahrungen in der Kindheit auf das weitere Leben auswirken. Bei Gerichtsprozessen liegt der Fokus natürlich auf den Tätern, und oft wird festgestellt, dass es einen Zusammenhang zwischen Gewalterfahrungen und späteren Taten gibt. Da sind wir gesellschaftlich schon weit. Aber sollten wir uns folgerichtig nicht auch die vielen Opfer und ihre Lebens- und. Leidensgeschichte nach der Tat etwas genauer anschauen und auch sicherstellen, dass es ihnen möglichst gut geht? Ich finde das total wichtig sowie bislang unterbelichtet, und das gilt für unsere Gesellschaft insgesamt ebenso wie für solche Formate.

Die Geschichte Ihrer Familie wird auch nach Jahrzehnten immer wieder medial aufbereitet, angeteasert etwa als „eine der spektakulärsten Entführungen“ in Deutschland. Wie gehen Sie damit um?

Es gibt keine andere Möglichkeit, als das einfach zu ignorieren. Ich schaue mir das nicht an und es interessiert mich noch nicht einmal, weil es dann doch immer das Gleiche ist. Direkt nach der Entführung war die mediale Berichterstattung teilweise einfach nur Fiktion. Mittlerweile ist zumindest das weniger geworden. Immerhin.

Gibt es eine Berechtigung für True Crime?

Ab und zu sehe ich durchaus eine Berechtigung, klar. Ich finde es selbst teilweise interessant, beispielsweise über die RAF-Verbrechen zu lesen, oder weil eine Tat eine gesellschaftlich historische Relevanz hat. Solche Beiträge sind wichtig, um zu verstehen, wie es zu einem Ereignis kam, und um aus Fehlern zu lernen. Das ist schon in Ordnung. Aber natürlich gibt es Grenzen. Als Jugendlicher habe ich zwei Jahre nach der Tat in einer Zeitschrift ein Ranking entdeckt, in dem der Fall wegen der hohen Lösegeldsumme als eine der zehn „erfolgreichsten“ Entführungen in Deutschland gelistet war. Ich war natürlich geschockt. Sich selbst in einem geschmacklosen Ranking wiederzufinden, das ist wieder so ein fremdbestimmter Moment.

Wenn Betroffene nicht als Protagonisten gewonnen werden können, kommen oft „Experten“ oder „Expertinnen“ – Ermittler, Psychologen, Juristinnen – zu Wort, die die mutmaßliche Gefühlswelt der Opfer schildern. Ist das auch eine Grenze, die überschritten wird?

Ich gebe Ihnen dazu ein Beispiel. Ich bin mal in Hamburg zu einer Veranstaltung des WEISSEN RINGS eingeladen worden, bei der die Idee war, dass ich aus meinen Buch vorlese und dann mit einer Kinder- und Jugendpsychologin ins Gespräch komme, die sich explizit mit Ängsten und Traumata beschäftigt. Es ging darum, wie es ist, als Jugendlicher Opfer eines Verbrechens geworden zu sein. Das klang gewinnbringend und habe zugesagt. Hätte die Veranstaltung genauso stattgefunden, nur ohne mich auf der Bühne, welchen Sinn hätte das gehabt?

Apropos Bühne: Sie sind Musiker und Musikproduzent. Werden Sie eigentlich öfter für Interviews anfragt, die Ihren Beruf betreffen oder – wie auch hier – die Entführung Ihres Vaters?

Ich habe mit 17 Jahren angefangen Musik zu machen, da wollten Zeitschriften wie die Gala Interviews mit mir machen, aber natürlich nicht wegen der Musik. Es sprach sich zum Glück herum, dass ich stets absagte. Über die Jahre habe ich mir eine gewisse Position erarbeitet, so dass mittlerweile regelmäßig Anfragen im reinen Musikkontext kommen. 2016 habe ich zum ersten Mal öffentlich über den Fall gesprochen. Ein Zeit-Journalist interviewte mich zur Produktion des Pete-Doherty-Soloalbums und meinte, es sei nur seriös, meinen familiären Hintergrund zumindest zu erwähnen. Das tauchte dann in einem Halbsatz oder so im Text auf, das war für mich in Ordnung.

,,Es sollte auf der Hand liegen, dass ich nicht als Randfigur in so einem Format auftreten möchte."

Johann Scheerer, Sohn des 1996 entführten und gegen Lösegeld freigelassenen Jan Philipp Reemtsma
Wie war das nach der Veröffentlichung Ihres autobiografischen Buchs „Wir sind dann wohl die Angehörigen“?

Darüber habe ich mit Medien geredet, aber das ist für mich etwas anderes, als über die Entführung selbst zu sprechen, weil ich jetzt die Deutungshoheit habe. Wissen Sie, wenn man so will, ist es Teil des Traumas, dass die Geschichte meiner Familie so extrem öffentlich ist, sich längst verselbstständigt hat und dass man selbst gar keine Kontrolle mehr über sie hat. Es geht in der Aufarbeitung immer über den Rückgewinn der Kontrolle, der Selbstbestimmtheit. Und die hätte ich nicht, wenn ich bei True-Crime-Formaten mitmachen würde. Ich habe das Buch geschrieben, um genau das zu sagen, was ich sagen möchte und wie. Anlässlich der Veröffentlichung habe ich dann Lesungen gemacht, bei denen ich proaktiv mit dem Publikum ins Gespräch kommen konnte. Das ist doch viel interessanter als jede True-Crime-Doku. Einfach auch, weil der Erkenntnisgewinn größer ist.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie dieses Buch geschrieben haben?

Ein Verlag sprach mich an, ob ich über die Produktion des Doherty-Albums „Hamburg Demonstration“ schreiben könne. Das hat mir geschmeichelt, ich war noch nie auf die Idee gekommen, dass sich jemand dafür interessieren könnte, was ich in Buchform von mir gebe. Aber dann wurde mir klar: Egal, was ich in meinem Leben schreiben werde, ich muss erst mal diese Geschichte über die Entführung aus dem Weg schreiben, weil Vieles in meiner Biografie immer wieder auf diese Erfahrung verweist. Das Buch entstand in wenigen Wochen intensiver Schreibarbeit, die Vorbereitungszeit wiederum dauerte 20 Jahre.

Nun hätten Sie ja auch nur für sich selbst Tagebuch schreiben können. Warum war es Ihnen wichtig, dass Ihre persönliche Perspektive einer Öffentlichkeit zugänglich wird?

Nun ja, die Geschichte war ja bereits maximal öffentlich. Ich habe das nicht forciert, sondern bin unverschuldet in diese Situation gekommen. Ich wollte die Deutungshoheit zurückzubekommen. Die erreicht man nicht, indem man Interviews gibt. Es geht um Selbstbestimmtheit, man muss die eigenen Worte finden und mit ihnen in die Öffentlichkeit gehen. Die fremde Geschichte sozusagen auf der öffentlichen Bühne abholen und wieder zu sich holen.

Wie steht es mit der Selbstbestimmtheit bei der aktuellen Berichterstattung?

Vielen Leuten ist nicht bewusst, dass man von dieser als Beteiligter vorab gar nichts mitbekommt. Alle paar Jahre gibt eine Berichterstattung, etwa wenn einer der Täter wegen anderer Sache vor Gericht steht oder so, dann wird der Entführungsfall immer noch mal komplett nacherzählt. Wenn man dann als Betroffener an einem Sonntag bei einem Kaffee die Zeitung liest, guckt man unvermittelt in die Visage dieses Menschen und damit in die Fratze der Tat. Ich will jetzt nicht über Retraumatisierung sprechen, aber man wird doch für einen Moment aus der Bahn geworfen. Noch nicht einmal so große und souveräne Redaktionen wie beispielsweise bei der Zeit oder beim Spiegel kriegen es hin, in solchen Fällen einfach eine kurze E-Mail zu schreiben und zu sagen: Erschrecken Sie nicht, wir berichten am Sonntag auf Seite fünf darüber. Ich halte es für angemessen, an die Betroffenen zu denken und sie zu informieren, damit sie entscheiden können, die entsprechende Seite gar nicht erst aufzuschlagen oder die Ausgabe direkt in die Tonne zu schmeißen. Mir ist natürlich bewusst, dass dies für Redaktionen vermutlich nicht zu leisten ist – eine schöne Idee bleibt es trotzdem.

Wenn in Podcasts Werbespots geschaltet und Merchandise-Artikel zu anderen True-Crime-Produktionen verkauft werden, kann der Eindruck entstehen, dass es sich um eine Kommerzialisierung des Leids der Opfer handelt. Was denken Sie darüber?

Das ist eine Frage, über die ich bisher noch nie nachgedacht habe, weil ich diese Formate nicht konsumiere. Es ist schon geschmacklos, wenn man sich vorstellt, dass die Macher mit den Geschichten von Betroffenen Geld verdienen. Da gäbe es ja viele karitative Möglichkeiten, zum Beispiel die Einnahmen zu spenden oder mit Organisationen wie dem WEISSEN RING zusammenzuarbeiten.

Mit Ihrem Buch und der Verfilmung verdienen auch Sie Geld.

Was nicht verwerflich ist, weil es meine Geschichte und meine Familie ist.

Können Sie verstehen, dass sich andere Opfer an True-Crime-Produktionen beteiligen?

Es ist nachvollziehbar und berechtigt, wenn Betroffene dadurch das Gefühl bekommen, dass das Teil ihrer Aufarbeitung ist und sie Einfluss auf das Erzählte bekommen. Ob man das möchte oder nicht, ist eine Typfrage und eine Frage des individuellen Geschmacks. Deshalb ist es nicht angemessen, das von außen zu beurteilen. Ein anderer Punkt ist allerdings die Verantwortung jeder einzelnen Journalistin und jedes einzelnen Journalisten, erstmal zu schauen, ob die Person wirklich in der Lage ist, mitzumachen, oder ob man sie auch vor sich selbst schützen muss. Interviews mit Opfern anzuschauen, die beispielweise direkt nach der Tat geführt wurden, ist oft schwer erträglich. Da gilt die journalistische Sorgfaltspflicht. Mein Appell an die Medienmacher ist, nicht auf Teufel komm raus jeden vor die Kamera zu zerren und im Zweifelsfall auch bei einem fertigen Beitrag zu entscheiden, ihn nicht zu senden.

Ihr Vater sagte kürzlich in einem Spiegel-Interview auf die Frage, ob es eine Situation gegeben habe, wegen der er Sie um Verzeihung gebeten habe: „Ich hatte einen gravierenden Fehler gemacht, vor allem deshalb, weil ich die Sache nicht durch seine Augen angesehen hatte.“ Müssten das auch Medienmacher stärker beherzigen, sich mit der Perspektive der Betroffenen befassen und ihr Platz einräumen?

Ja, ganz klar. Aber ich fürchte, True Crime ist dafür einfach das falsche Genre, weil es sich an Schaulustige wendet. Anscheinend fehlt es den Macherinnen und Machern an Kreativität, ebenso spektakuläre Produktionen zu entwickeln, die sich mit den Opfern auseinandersetzen. Die Verfilmung meines Buchs war zum Beispiel der Versuch, von einem Verbrechen zu erzählen, ohne das Verbrechen zu erzählen, die Sichtweise der Angehörigen einzunehmen und die Familiendynamik zu zeigen. Das Ergebnis ist nicht das, was vielleicht allgemein als spektakulär empfunden wird, aber das ist auch zu kurz gedacht. Der Film soll zeigen, was die Tat mit Mutter und Sohn und ihrem Seelenleben macht. Das gibt es selten, weil es anders funktioniert, viel tiefer geht, als True Crime.

Bräuchte es also ein ganz neues Medien-Genre, bei dem das Erzählen nach der Tat ansetzt und Opfersichtweisen im Fokus sind?

Absolut. Wenn man näher darüber nachdenkt, ist es eigentlich erstaunlichdass es das trotz vieler journalistischer Crime-Formate so nicht gibt. Meinem Empfinden nach ist die Geschichte, die nach der Tat beginnt, viel interessanter und journalistisch betrachtet emotional reichhaltiger als die Tat selbst. Es unterstreicht meinen Punkt der gesamtgesellschaftlich unterbelichteten Opferperspektive, dass es derartige Formate noch nicht gibt.

Nahlah Saimeh über den „potenziellen Gewalttäter in uns selbst“

Erstellt am: Montag, 17. Juli 2023 von Torben

Nahlah Saimeh über den „potenziellen Gewalttäter in uns selbst“

„Das Böse im Menschen“ steht im Mittelpunkt der Arbeit von Nahlah Saimeh. Hier erklärt die forensische Psychiaterin, was Menschen an True Crime fasziniert.

Foto: Ralf Zenker

„Das Böse im Menschen“ steht im Mittelpunkt der Arbeit von Nahlah Saimeh. Die forensische Psychiaterin begutachtet Straftäter, dabei untersucht sie die Schuldfähigkeit der Täterinnen und Täter und ihre Gefährlichkeit. Dank ihrer langjährigen Expertise ist sie in True-Crime-Formaten eine viel gefragte Interviewpartnerin. Hier erläutert sie, warum True Crime so viele Menschen fasziniert.


Ob Magazin, Podcast, Fernsehen oder Youtube: True Crime boomt. Warum findet das Publikum Gefallen am Leid anderer Menschen?

Ich denke nicht, dass die True-Crime-Community Gefallen am Leid anderer findet. Es geht nicht um Sadismus, sondern um ein von sensation seeking und Emotionsverstärkung getriebenes Verhalten, durch die Schicksale anderer an etwas Besonderem, etwas Außergewöhnlichem teilzuhaben – und dennoch selbst verschont zu bleiben. Außerdem lassen die Formate zu, dass wir uns über die Bösartigkeit der Täter oder über den vermeintlichen Leichtsinn der Opfer erheben und uns damit überlegen fühlen. Vor allem erleben wir unsere persönliche Sicherheit in einer insgesamt unsicheren Welt.

Gibt es aus Ihrer Sicht Unterschiede innerhalb des Genres?

Grundsätzlich unterscheide ich gerne zwischen True-Crime-Formaten wie „Aktenzeichen XY… ungelöst“, hinter dem das Anliegen steht, ungeklärte Verbrechen doch noch aufzuklären, und jenen Formaten, die – mit mehr oder weniger anspruchsvollen Informationen – auch unterhalten wollen. Vielleicht ist der Informationsteil aber letztlich auch nur Legitimationsüberbau für die Unterhaltung.

Was unterscheidet True Crime von Krimis?

Nun ja, die Formate überlagern sich. Ich kenne Krimis, die basieren auf wahren Geschichten und wahre Geschichten überholen manches Drehbuch auf der Standspur. Die Realität ist manchmal absolut unglaublich.

Welche Auswirkungen können True-Crime-Formate auf das Publikum haben?

Am ehesten denke ich, dass die Häufigkeit von Gewalttaten überschätzt wird.

Es heißt, das Genre komme vor allem bei Frauen gut an. Wieso ist das so?

Frauen interessieren sich sehr viel mehr für Psychologie und für Motive menschlichen Handelns. Sie sind in Bezug auf einige wenige Gewaltformen, das betrifft Sexualdelikte und Partnerschaftsgewalt, häufiger Opfer als Männer und sie sind für emotionale Themen wie Opferleid empfänglicher. Männer interessieren sich weniger für emotionale Befindlichkeiten von Personen, mit denen sie ohnehin nichts zu tun haben, und sie identifizieren sich auch nicht mit den Opfergeschichten.

Können solche Formate auf der anderen Seite auch etwas leisten?

Das habe ich mich auch gefragt, denn auch ich muss mir selbst gegenüber Rechenschaft darüber ablegen, warum ich zum Beispiel Interviews zum Thema gebe oder in True Crime-Formaten mitwirke. Für mich persönlich gibt es nur eine einzige Legitimation: anhand von Fällen zu erläutern, was Menschen anfällig macht, gewalttätig zu werden. Ich will dazu beitragen, dass wir den potenziellen Gewalttäter als einen mit Leben und Schicksal Überforderten auch in uns selbst erkennen können.

Genau darum geht es oft in True-Crime-Produktionen, im Fokus steht meist die Täterin oder der Täter. Sind sie spannender als die Opfer?

Täterinnen und Täter brechen Tabus. Sie tun etwas, was man sich selbst nicht trauen würde und was man nicht für möglich gehalten hätte. Sie sind gewissermaßen stellvertretend für uns asozial. Daher betone ich den Ansatz, möglichst nüchtern zu erklären und damit den Zuschauenden zu sagen: Du und ich könnten im Grunde unter anderen Umständen genauso handeln. Ich vermute übrigens, dass es in sehr gewalttätigen Gesellschaften gar kein Interesse an True Crime gibt. Mord und Totschlag haben die Menschen dann vor der Haustür, als reale Gefahr.

Muss man in solchen Formaten Betroffenen eine Stimme geben?

Man muss Betroffenen keine Stimme „geben“, denn die haben sie ja, sondern ihre Stimme hören und ernst nehmen. Wenn man jemandem eine Stimme „gibt“, macht man ihn oder sie klein. Wichtig ist für Betroffene ja auch, zu einer Selbstwirksamkeit zurückzufinden und selbstbewusst ihre Standpunkte zu vertreten.

Was sollten True Crime-Macher auf gar keinen Fall machen?

Sachlichkeit ist ja der Killer der Unterhaltung. Ich bin keine Freundin künstlicher Emotions-Erzeugung und mir sind Formate lieber, die präzise erklären. Ich bin schon gar keine Freundin von Fragen, wie andere Leute – in diesem Fall Opfer – sich zu fühlen haben. Jeder Mensch empfindet anders und geht mit Schicksalsschlägen anders um, weil er bestimmte Resilienzen hat, bestimmte Vorerfahrungen, bestimmte Persönlichkeitseigenschaften. Das Normative, wie man gefälligst als Opfer zu sein hat, finde ich problematisch.

Wie könnten Medienschaffende Opfer oder Angehörige am besten in den Entstehungsprozess eines solchen Formats einbinden?

Die Antwort auf diese Frage steht mir nicht zu. Das können allein Opfer und deren Angehörige beantworten.

„Zeit Verbrechen“: Unterwegs in dunklen Ecken

Erstellt am: Montag, 17. Juli 2023 von Karsten

„Zeit Verbrechen“: Unterwegs in dunklen Ecken

Daniel Müller (41) ist seit Januar 2021 Chefredakteur des True-Crime-Magazins „Zeit Verbrechen“, vorher arbeitete er als Kriminal- und Gerichtsreporter. Was fasziniert ihn an Verbrechen? Darf True Crime unterhaltend sein? Wo verlaufen die Grenzen zwischen gutem und schlechtem Journalismus? – Ein Interview in Hamburg.

In einem schmalen Büro im „Helmut-Schmidt-Haus“ in Hamburg, Hauptsitz der Wochenzeitung „Die Zeit“, hängen 124 bunte DIN-A4-Seiten an der Wand: die aktuelle Ausgabe von „Zeit Verbrechen“. Vor den 124 Seiten steht entspannt im Freizeitlook Daniel Müller, der Chefredakteur; das Heft ist fertig, er sieht zufrieden aus. Dies ist nicht sein Büro, Müller lebt und arbeitet in Berlin. Nach Hamburg fährt er alle zwei Monate zur Schlussproduktion des Magazins.  Er setzt sich an den kleinen Konferenztisch, um die nächsten eineinhalb Stunden über den angemessenen Umgang mit Opfern zu sprechen und  die Notwendigkeit, manchmal auch Texte zu schreiben, die Menschen verletzen können.

Herr Müller, angenommen, Sie wären Opfer einer Straftat geworden – hätten Sie dann gern mit dem Journalisten Daniel Müller zu tun?

Ich mache seit mehr als 20 Jahren Journalismus, und eine Frage hat mich nie losgelassen: Warum reden Menschen eigentlich mit uns Journalisten? Warum wollen sie mit ihrer Geschichte in die Öffentlichkeit? Eine eindeutige Antwort habe ich nie gefunden, aber eines ist klar: Ein Verbrechen ist in jedem Leben ein tiefer Einschnitt. Es gibt Redebedarf. Von Opferseite, von Täterseite, von Angehörigen, Experten, Anwälten. Verbrechen bewegen ja immer mehr als nur zwei Menschen. Richtig ausmalen kann man sich das wohl erst, wenn man selbst in diese Lage gerät. Aber nehmen wir an, ich käme in diese Lage: Dann würde ich lieber mit jemandem wie mir zu tun haben als mit anderen.

Wie ist er denn, der Journalist Daniel Müller?

Das würde ich lieber andere beantworten lassen. Aber ich denke, dass ich ein aufrichtig interessierter, empathischer und nicht zu fordernder Mensch bin. Einer, der – hoffentlich – den richtigen Ton trifft im Umgang mit anderen. Mir ist es wichtig, Gespräche zu führen, keine Abfragerunden. Journalismus ist keine Einbahnstraße. Ich teile meinen Gesprächspartnern auch Dinge von mir mit. Die Menschen vertrauen mir etwas an, da möchte ich ihnen auch etwas geben und nicht wie ein Informationsstaubsauger an ihrem Tisch sitzen. Aber über allem steht bei mir der journalistische Grundsatz: „Be first but first be right“. Ich habe den Ehrgeiz, exklusive Geschichten zu recherchieren, niemals aber um den Preis, Unfug zu schreiben.

Gibt es im Umgang mit Opfern und Tätern richtigen und falschen Journalismus? Oder sprechen wir bereits über guten und schlechten Journalismus?

Schlechten Journalismus sehen wir jeden Tag. Allein schon, wenn die „Bild“-Zeitung das Wort „Kinderschänder“ verwendet, das ist Nazi-Vokabular. Und wenn sie dazu ohne Verpixelung das Gesicht eines Menschen abdruckt, der vielleicht gerade verhaftet, aber noch nicht einmal angeklagt wurde. Schlechter Journalismus ist Sensationsjournalismus. Und leider muss ich immer wieder erleben, wie diese Art von Journalismus anderen, seriös arbeitenden Kolleg:innen die eigene Recherche erschwert. Oft müssen wir Scherben aufkehren, die andere zurücklassen.

,,Natürlich geht es um die Story. Aber nicht um jeden Preis."

Daniel Müller
Das müssen Sie uns erklären.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir haben vor ein paar Jahren für die „Zeit“ ein Dossier recherchiert, es hieß „Die weißen Brüder“. Darin geht es um die Zwillingsbrüder Maik und André Eminger, beide rechtsextrem gesinnt, letzterer war Mitangeklagter von Beate Zschäpe beim NSU-Prozess und der wichtigste Helfer des NSU. Die beiden kommen aus einer kleinen Stadt im Erzgebirge. Bevor der Prozess losging, wollten wir wissen: Wie sind die beiden eigentlich geworden, was sie sind? Wir sind nach Johanngeorgenstadt gefahren, haben dort drei Tage verbracht – und festgestellt, dass uns praktisch jede Tür vor der Nase zugeschlagen wurde. Warum? Weil passiert ist, was leider dauernd passiert: Reporter hatten verbrannte Erde hinterlassen. In diesem Fall war es ein Fernsehteam, das sich wohl dachte: Wir fahren jetzt mal in dieses Nazi-Dorf und finden überall Insignien irgendwelcher Nazi-Banden. Und weil sie die nicht fanden, haben sie kurzerhand ein Hakenkreuz an eine Garagenwand geschmiert. Das haben sie abgefilmt und in ihren Beitrag aufgenommen. Das ist widerwärtig. Ja, Journalismus ist ein Beruf, in dem immer Druck herrscht. Wir haben alle Druck – Konkurrenzdruck, Zeitdruck, bei der Zeitung Andruck im wahrsten Sinne des Wortes. Aber das war einfach nur Verrat am Berufsethos.

Das ist also schlechter Journalismus. Und was ist guter Journalismus?

Das ist das, was wir hier machen, denke ich. Guter Journalismus ist ausgewogene, faire und gründliche Recherche. Ein Journalismus, der alle Seiten anhört und keine fertigen Meinungen durchdrückt, der sich nicht instrumentalisieren lässt von irgendeiner Partei, weder von der Opfer- noch der Täterseite. Journalismus, in dem sich Reporter:innen möglichst auch Ermittlungsakten beschaffen, um ein vollständiges Bild eines Falles zeichnen zu können. Journalismus, der auch mal entscheidet, eine Geschichte nicht zu machen, egal wie gut sie ist, weil die Veröffentlichung zum Beispiel jemanden gefährden könnte. Das tun wir regelmäßig.

Sie berichten bei „Zeit Verbrechen“, dem Magazin zum gleichnamigen Podcast, über „echte Kriminalfälle“, wie es auf der Titelseite heißt, also über True Crime. Die Autorin Margarete Stokowski sagte in ihrer Kolumne auf „Spiegel Online“ zum Beispiel über True Crime, dass die allermeisten Podcasts „der räudigste Auswurf seit Erfindung von Aufnahme- und Sendetechnik“ seien. Wie würden Sie True Crime beschreiben?

Ich will Margarete Stokowski nicht zu nahe treten, aber ihr Geschäft ist ja Krach und Tumult und moralische Dauerüberlegenheit. Sie mag eine gute Autorin sein, aber letztlich schaut sie von ihrem Balkon aus auf die Welt und kommentiert, was ihr da so auffällt. Unser Geschäft ist es, rauszugehen in diese Welt, mit den Menschen zu sprechen und Dinge zu erfahren, die zuvor nicht bekannt waren. Und manchmal auch Fehlverhalten aufzuspießen oder mitzuhelfen, dass Schiefgelaufenes in Ordnung kommt. True Crime ist erst einmal Realität, deshalb der Name. Mir fällt kein einziges Argument ein, warum man über Verbrechen und dessen Bekämpfung nicht berichten sollte, denn beides sind Bestandteile unserer Gesellschaft. Wir haben deshalb auch eine Seite in der „Zeit“, die jede Woche vom Verbrechen handelt.

Wenn Ihnen keine Argumente einfallen, warum man nicht darüber berichten sollte – fallen Ihnen denn gute Argumente ein, warum man darüber berichten sollte?

Ich glaube erstens, dass eine gute, tiefe, analytische, ausrecherchierte Berichterstattung über wahre Verbrechen präventiven Charakter haben kann. Zweitens: Sie kann Leute dazu animieren, genauer hinzuschauen und auf sich aufzupassen. Drittens ist es doch das Streben des Menschen, zu verstehen, was uns als Menschen ausmacht. Und wenn wir so tun, als wären Menschen, die Verbrechen begehen, Monster, dann fiktionalisieren wir sie. Dann spalten wir etwas ab von uns selbst und tun so, als hätte Verbrechen mit uns, dem Menschlich-Sein und dem Mensch-Sein, nichts zu tun. Hat es aber! Aggression und Wut sind zwei der elementarsten Gefühle aller Geschöpfe. Mich interessieren diese Kipp-Punkte in Gesellschaften und im Menschen selbst: Was veranlasst sie dazu, plötzlich kriegerisch zu werden oder Täter? Und dann ist es natürlich von grundlegender Bedeutung für den Staat, wie Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte arbeiten. Auch das macht einen Großteil unserer Berichterstattung aus. Das Treiben der Ermittlungsbehörden darf auf keinen Fall aus dem Fokus der Medien geraten.

,,Ich ertappe mich bei einer fast kindlichen Freude, wenn ich eine spannende Akte lesen kann."

Daniel Müller
Wie viel Unterhaltung steckt in dem, was Sie machen?

Natürlich wollen wir auch interessant sein und gern gelesen werden, wir machen ja kein Lexikon. Wenn wir im aktuellen Heft von „Zeit Verbrechen“ einen nackten Männerhintern in einer Bilderstrecke drucken, in der es um einen Nachbarschaftsstreit geht, dann machen wir das mit einem Augenzwinkern. Kriminalität ist grausam, aber manchmal ist sie auch skurril und ulkig, und das wollen wir zeigen. Keine Leserin hält 124 Seiten lang nur Horror aus.

Daniel Müller steht auf und zeigt auf die Wand, genauer: auf die Seite mit der Nummer 111. Zu sehen ist das Schwarz–Weiß-Foto eines Mannes mit Seitenscheitel und Schnurrbart, darunter die Zeile „Räuber aus Reklamesucht“.

Nehmen wir diese Geschichte aus dem aktuellen Heft. Der Text erzählt uns etwas über die Zustände im Berlin der 1920er-Jahre. Es geht um Verbrechen, ja, aber es geht auch um die Welt, wie sie vor 100 Jahren war, in der viele einen Vorläufer sehen für das, was heute ist. Das ist auch Edukation.

Müller geht weiter, er zeigt auf Seite 73, anschließend auf Seite 76.

Wir haben ein Interview mit einem Polizisten, der uns sagt, warum seine Behörde so rassistisch ist. Das ist politisch, aber natürlich geht es auch um Verbrechen: um Verbrechen innerhalb der Behörde, die geschaffen wurde, Verbrechen zu verhindern. Wir haben auch dieses wunderbare Format der „Kleinen Verbrechen“, mit dem wir zeigen, True Crime ist eben nicht nur Mord und Vergewaltigung und Gewalt an Kindern, sondern es sind auch die kleinen Dinge, die vor dem Amtsgericht landen. Jeden Tag stehen tausende Deutsche vor Gericht. True Crime ist immer auch Gesellschaftsdeutung.

Ich höre erstens: Sie haben überhaupt kein Problem damit zu sagen, „Zeit Verbrechen“ sei True Crime – ein Begriff, der für viele Menschen durch die vielen Sensationsformate ja durchaus negativ besetzt ist.

Ja, das ist vollkommen okay. True Crime steht ja sogar auf unserem Titel: „Echte Kriminalfälle“.

Zweitens: True Crime folgt einem gesellschaftlichen Auftrag, True Crime kann Prävention sein und Edukation und politische Bewusstseinsbildung. Hat True Crime für Sie auch einen journalistischen Reiz?

Mein Vater ist Anwalt, und ich bin so aufgewachsen: Bloß nichts falsch machen! Du weißt nie, wie schnell du vor Gericht landen kannst! Was natürlich dazu führte, dass das „Falsche“, das „Dunkle“, das „Absonderliche“ einen Reiz auf mich ausgeübt haben, immer schon. Was ist mit dem Jungen passiert, der fünfmal die Woche zum Fußballtraining ging und Profifußballer werden wollte, der gesund lebte und keinen Alkohol trank, und der dann plötzlich seine Freundin ermordet? Wie kann es sein, dass das Landeskriminalamt Bayern einen V-Mann in eine Rocker-Gruppierung einschleust, ihn nach dessen Auffliegen einfach fallen lässt, ja, gar seinen Einsatz für die Polizei leugnet, selbst als vor Gericht das Gegenteil bewiesen wird?

Bei der Formulierung vom „journalistischer Reiz“ dachte ich mehr an die handwerkliche Ebene. Es gibt wohl kaum ein journalistisches Gebiet, das so viele Unterlagen und Informationen bereithält für den Journalisten wie die Kriminalitätsberichterstattung – und ganz besonders True Crime mit abgeschlossenen Fällen. Macht es das für Journalisten besonders attraktiv? Vielleicht auch besonders leicht?

Im Gegenteil, ich glaube, es gibt nichts Schwereres und Anstrengenderes als die Kriminalreportage. Niemand will mit dir reden. Und wer mit dir spricht, will dich vereinnahmen. Und oft genug stehen Unsinn oder Vorurteile von Polizisten in den scheinbar objektiven Akten. Tatsächlich gibt es kaum einen anderen Bereich, der so gut dokumentiert ist. Aber Achtung: Man darf nicht alles glauben. Bei „Zeit Verbrechen“ sind wir dankbar für viele engagierte Leser*innen und Hörer*innen, die sich uns mit eigenen Geschichten anvertrauen. Die selbst schlimme Dinge erlebt haben oder Leute kennen, denen Schlimmes widerfuhr. Uns hören und lesen viele Polizeibeamte, Strafverteidiger, Staatsanwälte und forensische Psychiater, auch von denen melden sich auch immer wieder welche bei uns. Dieses Vertrauen haben wir uns durch langjährigen seriösen Kriminaljournalismus hart erarbeitet und ich sehe es als meine Pflicht an, dieses Vertrauen immer wieder zu bestätigen, durch fundierte Recherche. Und dazu gehört eben auch, sich Akten zu beschaffen. Doch mit einer Akte ist es eben nicht getan. Man kann auf hunderten Seiten irgendwelche Chat-Protokolle lesen, wie ein Detektiv – aber was bedeuten sie? Ich bin mit den „Drei Fragezeichen“ aufgewachsen, ich höre die Hörspiele bis heute beim Einschlafen, und ich ertappe mich bei einer fast kindlichen Freude, wenn ich eine spannende Akte lesen kann. Das ist aber weit weniger glamourös, als man sich das vorstellt, es ist eine Menge Schwarzbrot. Aber es verstecken sich oft Hinweise darin, die zu etwas Großem führen können. Zum Beispiel dazu, dass man erkennt: Die ganze Akte ist falsch. Hier sind Ermittler auf dem Holzweg. Wolfgang Kaes hat als Reporter beim Bonner „General-Anzeiger“ einen Mord aufgedeckt. Und die stellvertretende Chefredakteurin der „Zeit“, Sabine Rückert, hat als Kriminalreporterin mehrere Menschen aus dem Gefängnis geschrieben, die dort unschuldig einsaßen.

Das Aufdecken von Straftaten, das Lösen alter Fälle, der Dienst an der Gerechtigkeit – das wird gern als Argument für True Crime genannt. Zur Wahrheit gehört aber, dass das nur sehr selten geschieht. Praktisch gefragt: Bietet True Crime mit den vielen Ermittlungs- und Gerichtsakten die Chance, besonders guten Journalismus zu machen?

Allerdings. Deswegen verstehe ich es auch nicht, wenn Kolleg:innen eine Geschichte schreiben, die inhaltlich falsch ist, obwohl sie die Akten kennen. Entweder haben sie diese Akte nicht richtig gelesen, oder sie wissen nicht, wie man eine Akte liest – oder sie wollen sich ihre schöne These nicht kaputt machen lassen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Mir fehlt im True-Crime-Gewerbe manchmal die Bereitschaft, Grautöne wahrzunehmen. Ich verstehe nicht, warum alles immer schwarz/weiß sein muss. Entweder ist jemand gut, oder er ist böse. Aber vielleicht ist jemand auch nur ein bisschen gut oder nur in einer bestimmten Situation böse. Und vielleicht kann man erklären, warum das so ist. Ich mag Autor:innen, die sich trauen, Unsicherheiten transparent zu machen.

Wir sprachen jetzt über den gesellschaftlichen und den journalistischen Reiz von True Crime. Wie steht es um den ökonomischen Reiz von True Crime? Der Podcast „Zeit Verbrechen“ wird von Millionen gehört, das Magazin hat eine Auflage von rund 55.000 Exemplaren. Warum ist True Crime ein so erfolgreicher Markt?

True Crime ist nur da erfolgreich, wo Crime nicht so erfolgreich ist, denke ich. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es in Ländern wie Mexiko oder El Salvador, in denen die Gewalt grassiert, einen Markt für True Crime gibt. Das Interesse an True Crime ist schon auch ein Wohlstandsphänomen. Je besser es uns geht, desto lieber lassen wir uns in dunkle Ecken entführen. Das war schon bei der antiken Tragödie so: Wir erleben eleos und phobos, Jammern und Schauder, Furcht und Mitleid. Das sind reinigende Affekte. Das hat schon vor mehr als 2000 Jahren funktioniert, und es funktioniert umso besser, je mehr die Menschen Zeit und Muße haben, über sich selbst nachzudenken.

Aber wie weit darf man gehen, um dieses Unterhaltungsbedürfnis zu bedienen und auch zu monetarisieren? Ich zitiere noch einmal Margarete Stokowski: „Der preisgekrönte Podcast ,Zeit Verbrechen‘ tut faktisch das Gleiche wie die trashigen Formate: Aus realem Leid werden Unterhaltung und Profit geschaffen“.  „Zeit Verbrechen“ wirbt mit dem Slogan „Faszination Verbrechen“. Darf Verbrechen faszinieren und verkauft werden?

Zunächst einmal: Unser Podcast ist zwar preisgekrönt, aber kostenlos. Und dann: Ist es nicht faszinierend, wenn ein Mann jahrelang seiner Familie vorgaukelt, er sei ein Ingenieur bei Audi, der jeden Morgen brav zur Arbeit fährt – und in Wahrheit überfällt er 13 Jahre lang Banken? Wir können über Vokabeln streiten, aber als neugieriger Mensch ist für mich letztlich jeder Bereich im gesellschaftlichen Leben und auch jeder Bereich in einer Zeitung faszinierend, sonst würden die Leute es ja nicht lesen oder hören. Ich mache diesen Job wirklich nicht, um Frau Stokowski zu gefallen. Die kann das gerne blöd finden, und das dürfen gern auch alle anderen, die uns nicht hören oder lesen. Ich halte Kriminalberichterstattung für sehr wichtig in einem Land. Journalismus ist ein Supermarkt. Da gehst du ja auch nicht rein und kaufst alles, was angeboten wird, sondern nur, was dich interessiert.

,,Ich glaube, es gibt nichts Schwereres und Anstrengenderes für Journalisten als die Kriminalreportage."

Daniel Müller
Sie treten gegen Eintritt bei Live-Veranstaltungen auf, kürzlich etwa in Wien. Es gibt ein „Zeit Verbrechen“-Kartenspiel, es gibt einen „Zeit Verbrechen“-Adventskalender. Verbrechen hinterlassen Opfer, die Leid erfahren – haben wir es hier mit einer Kommerzialisierung des Leids zu tun?

Die Frage ist absolut berechtigt, und wir stellen sie uns natürlich auch selbst. Immer wieder und bei jedem Produkt, das wir herausgeben. Und ich kann Ihnen eines sagen: 90 Prozent der Ideen, die an uns herangetragen werden, lassen wir bleiben. Aber was ist verwerflich an einem Adventskalender, in dem der Raub einer Riesengoldmünze aus dem Berliner Bode-Museum in 24 Schritten erzählt wird?

Sie sind der Chefredakteur, Sie müssen für alle Produkte mit dem Etikett „Zeit Verbrechen“ in der Öffentlichkeit geradestehen.

Ich bin der Chefredakteur des Magazins. Den Podcast betreibt Frau Rückert. Wir können beide für unser Produkt geradestehen, weil wir sehr sorgfältig vorgehen – und immer wieder neu entscheiden. Bringen wir ein Buch heraus, dann stehen darin Fälle, die wir auch in Magazin oder Podcast erörtern. Es ist eine Erweiterung der Darstellung um Hintergrundmaterial oder Aktenauszüge für Leser:innen, die noch tiefer eintauchen wollen. Wenn wir einen Adventskalender machen, der Spielcharakter hat, verwenden wir dafür keine schweren Straftaten. Im zweiten Adventskalender hatten wir jetzt sechs verschiedene Fälle, die alle eher ein bisschen mystisch waren, wo aber niemand zu Schaden kam. Das ist wichtig. Jetzt kann man natürlich darüber streiten, ob man eine Fußmatte braucht, auf der „Zeit Verbrechen“ steht. Oder eine Kaffeetasse mit dem Aufdruck „Zeit Verbrechen“. Aber warum nicht? Wir haben sehr spitze Antennen dafür, das Leid von Menschen nicht zu kommerzialisieren.

Welche Rolle spielen die Opfer und ihre Angehörigen für „Zeit Verbrechen“?

Natürlich eine zentrale Rolle!

Ich meine nicht ihre Rolle für die Berichterstattung, sondern: Wie geht „Zeit Verbrechen“ mit Betroffenen um, deren Geschichten Sie erzählen? Wie nehmen Sie diese Menschen mit, binden sie ein, sorgen sich um sie?

Das ist sehr unterschiedlich. Nehmen wir den Fall des Patientenmörders Niels Högel, der in zwei Kliniken fast 100, möglicherweise gar 200 Menschen getötet hat: Da ist die schiere Anzahl an Opfern und Hinterbliebenen so gewaltig, dass man sie gar nicht alle mitnehmen könnte. Für mich fängt der korrekte Umgang mit Betroffenen bei der Ansprache an. Ich finde, als Kriminalreporter sollte man nie aus der kalten Hand beim Opfer anrufen oder – noch schlimmer – überraschend vor der Tür stehen und sagen: Sie sind doch die, deren Mann umgebracht wurde, wollen wir nicht mal darüber reden? Ich empfehle das gute alte Briefeschreiben. Ein Brief hat den Vorteil, sehr persönlich und trotzdem nicht zu nah und überfallartig zu sein. Ich schreibe Opfern immer Briefe. Es sei denn, ich habe einen Erstkontakt mit einem Anwalt, der sagt, ich vermittle Ihnen jemanden. Manchmal suchen Opfer die Unterstützung seriöser Medien.

Und wie geht es weiter, wenn der Kontakt hergestellt ist und die Opfer Ihnen ihre Geschichte erzählt haben?

In dem Prozess, in dem man so einen Artikel recherchiert, finde ich es gut, wenn man sich auch zwischendurch meldet und sagt: Nicht, dass Sie sich wundern, wir haben ja vor sechs Wochen gesprochen, warum da jetzt noch nichts erschienen ist, es ist eine sehr langwierige und aufwendige Recherche. Wenn man ehrlich erklärt, dass solche Recherchen ihre Zeit brauchen und dass es sogar sein kann, dass am Ende doch nichts daraus wird. Transparenz ist der Schlüssel. Wenn eine Geschichte druckfertig ist, schauen wir uns noch einmal tief in die Augen und fragen: Können wir das so machen, oder verletzen wir damit jemanden? Manchmal lautet die Antwort: Wir müssen da noch nachbessern. Oder warten. Manchmal lautet sie aber auch: Ja, wahrscheinlich verletzen wir damit jemanden, aber wir machen es trotzdem. Weil das gesamtgesellschaftliche Interesse überwiegt.

Kommt es vor, dass Sie fertige Texte Betroffenen vollständig zum Gegenlesen geben oder sie ihnen vorlesen?

Das machen wir grundsätzlich nicht. Herr über den Text bleibt der Autor oder die Autorin und nicht der Protagonist. Aber selbstverständlich lassen wir wörtliche Zitate autorisieren.

Könnten Sie sich vorstellen, besonders belasteten Kriminalitätsopfern möglicherweise Psychologen oder Psychotherapeuten zur Seite zu stellen, so wie es manchmal gefordert wird? Zum Beispiel, wenn ein Journalist für seine Story mit den Betroffenen an den Tatort zurückkehrt?

Wir Journalisten sollten uns nicht einmischen in das Leben von Erwachsenen, indem wir Psychologen mitbringen. Jeder Erwachsene kann selbst entscheiden, ob er mit uns redet oder nicht. Was man aber tun kann als Journalist: Man kann Menschen, mit denen man es zu tun bekommt, nahelegen, sich Hilfe zu holen. Ich habe schon mehrfach mit Personen zusammengesessen und gefragt: Sagen Sie, haben Sie schon mal an einen Psychotherapeuten gedacht? Dann hieß es meistens: Nee, das brauche ich ja nicht. Und ich sagte dann: Ich mache das schon eine Weile, und ich kann mir vorstellen, dass es Ihnen guttäte. Da gibt es viele Anlaufstellen, an die man sich wenden kann. Den WEISSEN RING zum Beispiel. Ohnehin finde ich es nicht besonders feinfühlig, mit Betroffenen an den Ort etwa einer Vergewaltigung zurückzukehren – und der Journalist schießt noch ein paar Fotos. Das sollte man nicht machen.

So etwas wird aber gemacht – weil es eben um die Story geht.

Es wird gemacht, aber nicht von uns. Natürlich geht es auch bei uns um die Story. Aber nicht um jeden Preis.

Transparenzhinweis:
Der Autor und Daniel Müller kennen sich seit fast zehn Jahren, sie haben u.a. vor Krogmanns Wechsel zum WEISSEN RING im Fall des Klinikmörders Niels Högel zusammengearbeitet. Texte von Krogmann sind auch schon in der „Zeit“ und auf „Zeit online“ erschienen.

Sie lassen Zeugen im Gericht nicht allein

Erstellt am: Mittwoch, 31. Mai 2023 von Sabine

Sie lassen Zeugen im Gericht nicht allein

Die Zeugenbetreuungszimmer sind ein besonderes Hilfsangebot des WEISSEN RINGS im Norden Deutschlands: Ehrenamtliche in Bremen und Bremerhaven wie Marion Schild und Doris Meyer unterstützen gezielt Opfer, die vor Gericht aussagen müssen.

Marion Schild (rechts) und Doris Meyer (links) stehen Zeuginnen und Zeugen im Gericht zur Seite.

Der Parkettboden knarzt, der Geruch im Flur erinnert an den in alten Gemäuern, vielleicht auch ein bisschen an Weihrauch: Das „Alte Gerichtshaus“ in Bremen, in dem das Landgericht untergebracht ist, wurde 1895 fertiggestellt und steht unter Denkmalschutz. Das Gebäude ist nicht einfach nur alt, es ist vor allem Ehrfurcht gebietend für diejenigen, die es betreten. Für die, die der Buntglas-Justitia über dem Treppenaufgang entgegenschreiten und die schwere Eichenholztür zum Schwurgerichtssaal aufwuchten müssen. Für die, die unter einem imposanten Kronleuchter und zwischen den aufwändig vertäfelten Wänden im Zeugenstand Platz nehmen müssen und sich dort allein schon wegen der imposanten Raumgestaltung klein und ziemlich verloren fühlen dürften.

Es sei denn, der Zeuge oder die Zeugin hat zuvor die Post vom Gericht mit der Ladung zur Aussage aufmerksam durchgeschaut – denn der Umschlag enthält in Bremen und Bremerhaven immer auch den Hinweis auf die Zeugenbetreuung des WEISSEN RINGS: eine Besonderheit in der Struktur des Vereins, die es nur im Land Bremen gibt. Denn die Einheiten der „Zeugenbetreuungszimmer“, kurz ZBZ, haben einen anderen Aufgabenzuschnitt als die Außenstellen vor Ort: Diese sind hier im Norden nur für die Opferfallbearbeitung zuständig, während in den ZBZ ausschließlich Zeugen betreut werden, die in einem Prozess erscheinen müssen. Dazu gehört auch, auf Wunsch im Gerichtssaal zwischen Zeuge und Angeklagtem zu sitzen – wie eine Art Puffer: „Vielen Zeugen hilft schon zu wissen, dass sie nicht alleingelassen sind“, sagt Marion Schild.

Seit 1998 eine Institution

Sie kennt sich im Bremer Landgerichtsgebäude bestens aus. Schnell schreitet Schild beim Rundgang die langen Flure entlang, weist hierhin und dorthin, organisiert kurzerhand eine Besichtigung des riesigen Sitzungssaals 218. Während ihres Referendariats war sie hier ein und aus gegangen, und so kehrte die verrentete Juristin 2018, als der Verein via Internet Mitarbeiter für die Zeugenbetreuung suchte, gern an diesen Ort zurück.

1998 schuf das Land Bremen die besonderen Voraussetzungen für die ZBZ, eine bisher einzigartige Einrichtung in Deutschland: Der Gesetzbegeber beschloss, dass Opfer sexueller Gewalt einen besonders sensiblen Umgang benötigen. Deshalb stellen in Bremen und Bremerhaven die Gerichte seit 2002 je einen Raum in ihren Gebäuden zur Verfügung und der WEISSE RING wiederum das Personal, um dort Opferzeugen, aber auch alle sonstigen Zeugen zu beraten und zu begleiten.

Nicht immer muss es ein persönliches Gespräch sein, vieles lasse sich telefonisch klären, berichtet Doris Meyer, denn die meisten Menschen riefen zuerst einmal bei den ZBZ an. In Bremerhaven landen sie dann bei Meyer und ihren Kolleginnen und Kollegen im Amtsgericht. Wer vorbeikommt, tritt in ein rotes Backsteinhaus, zwischen 1913 und 1916 errichtet als preußischer Staatsbau, innen schlichter gestaltet, trotz der Stuckdecken.

Keine Fragen über die Tat

Anders als die Außenstellen vermitteln die ZBZ-Mitarbeitenden keine finanziellen Hilfen, ansonsten haben aber auch sie eine Lotsenfunktion, verweisen an Trauma-Ambulanzen oder Selbsthilfegruppen. Auch hier, im geschützten Rahmen der Zeugenbetreuung, fragten die Ehrenamtlichen nicht nach der Tat, betonen die beiden Frauen. „Wir glauben den Opfern und Zeugen. Sie werden hier wahrgenommen als Menschen, die Hilfe und Unterstützung brauchen“, so die Rentnerin Meyer, die in ihrem Berufsleben unter anderem in der Sozialberatung tätig war und seit 2014, als sie in der Zeitung ein Mitarbeiter-Gesuch entdeckte, beim ZBZ mitarbeitet.

Wissen, Empathie, zuhören können: Das braucht es laut Schild, um Zeugenbetreuerin zu werden. Aktuell hat sie am Standort Bremen 14 Kollegen und Kolleginnen, die ihre Aufgabe „sehr ernst nehmen“, lobt Schild. Auf sie kommen pro Jahr rund 150 Anfragen von Zeugen und Zeuginnen, die beraten oder betreut werden möchten. In Bremerhaven sind es insgesamt zwölf Mitarbeitende und um die 120 Beratungen, coronabedingt ging die Zahl etwas zurück, es wäre aktuell „viel mehr Betreuung möglich“, sagt Meyer.

„Wir glauben den Opfern und Zeugen. Sie werden hier wahrgenommen als Menschen, die Hilfe und Unterstützung brauchen."

Doris Meyer

Die Arbeit für die ZBZ sei einfacher als die in den Außenstellen, sagen die ZBZ-Koordinatorinnen Meyer und Schild übereinstimmend. Die Kollegen und Kolleginnen, die Opferfälle bearbeiten, müssten sich sehr viel mehr mit den Schicksalen der Menschen beschäftigen als sie. Für Schild ist es denkbar, etwa Telefonate für ihr Ehrenamt auch von zu Hause zu erledigen. Für Meyer – an der Schleuse scherzt sie mit dem Justizpersonal, man kennt sich – kommt das nicht infrage: Durch die Tätigkeit im Büro im Gerichtsgebäude gelinge es ihr besser, sich abzugrenzen, die professionelle Distanz zu halten. Ihr Zuhause soll ihr Rückzugsort bleiben.

Ihr Ziel: stabilisieren

Im Zusammenhang mit den Vorgängen am Gericht geht es oft darum, den geladenen Zeugen zu erklären, dass sie eine Aussagepflicht haben und wer wo im Sitzungssaal sitzt. Dazu liegen in beiden Büros Schaubilder bereit, mitunter wird der Saal auch vorab besichtigt. Nicht immer finden die Verhandlungen in großen Sälen statt, aber wer die Räumlichkeiten schon mal gesehen hat, gewinnt an Ruhe, meint Marion Schild. Ihre Kollegin Meyer ergänzt, dass es darum geht zu stabilisieren, Begleitung für den Termin anzubieten und Ängste abzubauen, etwa vor dem Zusammentreffen mit den Angeklagten.

„Viele Opfer fragen sich, warum sie als Zeugen geladen sind, und sind aufgeregt, weil sie nichts Falsches sagen wollen“, sagt Meyer. Beim gemeinsamen Warten darauf, dass das Gericht jemanden in den Zeugenstand ruft, steht daher die Beruhigung im Vordergrund: Einmal musste eine junge Frau zu einer Missbrauchstat aussagen, während der Wartezeit sprang sie auf, wollte nicht mehr aussagen. „Es war schwierig, sie wieder einzufangen und ihr die Situation zu erklären“, aber es gelang, schildert Meyer. Durch das Informieren und Betreuen nehme man den Gerichten Arbeit ab, meint Meyer. Auch Schild sagt: „Ich frage mich, wieso andere große Städte nicht nachziehen und Zeugenbetreuungszimmer einrichten.“

Augenkontakt mit dem Richter

Wenn Zeugen in den Gerichtssaal gerufen werden, in der Mitte Platz nehmen und alle Augen auf sie gerichtet sind – was tun? Marion Schilds Tipp: „Blickkontakt halten mit dem Vorsitzenden Richter, auch wenn der Verteidiger Fragen stellt“, das bringe Ruhe rein. „Oft sagen die Zeugen nachher, dass es gar nicht so schlimm und das Gericht sehr freundlich war.“

,,Vielen Zeugen hilft schon zu wissen, dass sie nicht allein – gelassen sind."

Marion Schild

Eines machen die zwei Ehrenamtlichen deutlich: Für die Betreuer und Betreuerinnen besteht kein Zeugnisverweigerungsrecht – das bedeutet, in der Theorie könnten auch sie in den Zeugenstand gerufen und gefragt werden, was der Zeuge ihnen erzählt hat. In der Praxis kam das allerdings noch nicht vor. Genauso wenig wurden die ZBZ-Mitarbeitenden bisher von einer Verhandlung ausgeschlossen, was Schild als Anerkennung des ehrenamtlichen Engagements durch die Gerichte interpretiert: „Die anderen Beteiligten – Richter, Staatsanwälte, Anwälte – haben sich an uns gewöhnt.“ Meyer bestätigt: „Wir erfahren viel Wertschätzung, auch von Polizei und Politik“, das sei immens wichtig, denn „wir arbeiten hier alle ehrenamtlich, woher sonst sollen wir unsere Motivation ziehen?“

Zum Engagement für die Opfer hat Schild noch eine Anekdote parat: Einmal fragte ein Anwalt eine ZBZ-Mitarbeiterin, auf welcher rechtlichen Grundlage sie eigentlich im Saal anwesend sei. „Die Kollegin konterte schlagfertig, dass er als Jurist das doch wissen müsse – damit war das Thema erledigt.“ Die Betreuer und Betreuerinnen sind aber nicht nur vor und während des Prozesses an der Seite der Zeugen: „Manche Menschen müssen nach dem Urteilsspruch aufgefangen werden“, sagt Meyer und betont wie ihre Kollegin in Bremen: „Wir lassen die Zeugen auch dann nicht allein.“

Die Welt sehen – und dabei helfen, sie zum Positiven zu verändern

Erstellt am: Donnerstag, 13. April 2023 von Sabine

Die Welt sehen – und dabei helfen, sie zum Positiven zu verändern

Linn Sommerhoff lebt und arbeitet in Brüssel, engagiert sich aber trotzdem für den WEISSEN RING. Wie klappt das?

Linn Sommerhoff, Jugendbeauftragte des Landesverbands NRW/Rheinland. Foto: privat

Es klingelt nur ein Mal, und dann taucht Linn Sommerhoff auf dem Laptopbildschirm auf. Das Gespräch mit ihr findet über Facetime statt, denn seit knapp zwei Jahren lebt die Wirtschaftsjuristin in Brüssel. Der Umzug war für sie kein Grund, ihr Engagement beim WEISSEN RING in der Heimat an den Nagel hängen  – im Gegenteil: „Online lässt es sich auch aus dem Ausland toll zusammenarbeiten.“ Seit 2021 ist die 28-Jährige gemeinsam mit Tobias Petrulat Jugendbeauftragte des Landesverbands NRW/Rheinland, ist dort also Ansprechpartnerin für die Jungen Mitarbeiter bis 35 Jahre und arbeitet überwiegend an Präventionsprojekten. Für die jungen Ehrenamtlichen, laut Sommerhoff allesamt sehr engagiert und aktiv, ist die Koordination über das Internet völlig selbstverständlich.

Arbeiten im Herzen der EU

..Soziale Gerechtigkeit ist mir ein großes Anliegen."

Linn Sommerhoff

In die belgische Hauptstadt kam Linn Sommerhoff nach ihrem Jura-Staatsexamen in Deutschland, in Brüssel hängte sie einen Master dran: Internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Außenpolitik. Da war der Dreh- und Angelpunkt der europäischen Politik idealer Studienort. Danach arbeitete sie für ein paar Monate in einem Think-Tank und ihr wurde klar: Hier will ich bleiben. Ganz bescheiden, fast nebenbei, erwähnt sie ihre aktuelle Arbeitsstelle. „Seit September 2022 arbeite ich bei einer NGO, als Policy Assistant, also in einem absoluten Einstiegsjob“, erzählt sie mit einem Lächeln. Sie hilft bei der Strategieentwicklung der Nichtregierungsorganisation, nimmt an Sitzungen der EU-Institutionen teil und berichtet darüber und behält die Entwicklung sozialpolitischer Themen im Blick, für die sich ihr Arbeitgeber einsetzt.

Das Büro der jungen Frau liegt mitten im Europaviertel, in einem Gebäude, das typisch ist für Brüssel: alt, etwas heruntergekommen, mit flämischer Klinkerfassade und einem großen Tor. Über das Kopfsteinpflaster vor dem großen Eingangstor brettert schon mal der ein oder andere Diplomatenwagen mit getönten Scheiben. Direkt gegenüber ragt der architektonische Gegensatz in den Himmel: ein riesiges, modernes Glasgebäude der Europäischen Kommission. Es ist das Viertel der Abgeordneten, Juristen, Lobbyisten und ambitionierten Praktikanten. Die Stellen hier sind hart umkämpft, Menschen aus aller Welt hoffen, etwas zu verändern und die europäische Politik zu beeinflussen. So auch die gebürtige Ruhrpottlerin, die sagt: „Soziale Gerechtigkeit ist mir ein großes Anliegen.“

Hilfsprojekte in Tschernobyl

Das Interesse Sommerhoffs für andere Kulturen und deren soziale Situation wurde im Jahr 2004 geweckt. Die meisten Deutschen denken zu dieser Zeit nicht mehr an den Reaktorunfall von Tschernobyl, längst bewegen neue Unglücke die Welt. Nicht so in Mülheim an der Ruhr: Die Eltern von Linn Sommerhoff, sie ist gerade zehn Jahre alt, nehmen in den Sommerferien ein gleichaltriges Mädchen aus Tschernobyl für einen sogenannten Erholungsurlaub auf. „Meine Eltern arbeiten beide im Sozialwesen und haben sich beruflich und privat immer für andere eingesetzt“, erzählt Sommerhoff. Natürlich habe es eine Sprachbarriere gegeben, „aber wir haben es irgendwie geschafft, uns zu verständigen.“ Die damals Zehnjährige lernt: Es gibt Menschen, denen es nicht so gut geht wie ihr selbst. Kurz darauf reist sie im Rahmen eines Hilfsgütertransports mit ihrer Mutter in die Nähe von Tschernobyl. Vor Ort sieht sie die Bedingungen, unter denen die Menschen leben, die Folgen des Unfalls. Und diese ersten Begegnungen haben wohl den Grundstein gelegt für Linn Sommerhoffs berufliche Karriere.

Die 28-Jährige hat einen wachen, offenen Blick. Im ersten Moment wirkt sie jünger als sie tatsächlich ist, aber das ändert sich, sobald sie anfängt zu erzählen: eloquent, ernsthaft und mit Nachdruck. Beim Reden gestikuliert sie viel, besonders, wenn sie über Themen spricht, die ihr am Herzen liegen. Und das sind vor allem Menschen. Seit Jahren ist sie viel unterwegs, aber das Angenehme – die Welt sehen – verbindet sie stets mit dem Nützlichen: Hinsehen und mit anpacken. Mit 16 verbringt sie ihre Ferien in den USA. Während andere Schüler in ihrem Alter die Sehenswürdigkeiten der bekannten Metropolen erkunden, kümmert sich Linn Sommerhoff in den ärmeren Vierteln von Philadelphia um benachteiligte Kinder. 2014 ist sie für zwei Monate in Vietnam und unterstützt lokale Hilfsprojekte.

„Man ist da, um zu helfen“

Tschernobyl, Philadelphia und schließlich Vietnam: Bedrückt sie es nicht, wenn sie direkt mit der Armut der Menschen konfrontiert wird? Nachdenklich streicht sich Linn Sommerhoff eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Eigentlich nicht, nein. Man nimmt die Unterschiede und Probleme natürlich wahr. Aber man ist da, um zu helfen und die Situation zu verbessern. Und die Leute freuen sich sehr darüber. Sie jammern nie, sondern machen das Beste aus ihrer Situation.“

Linn Sommerhoff lebt in Brüssel, ihr Engagement für die Jungen Mitarbeiter im Verein managt sie ganz selbstverständlich über das Internet. Foto: privat

Dann gibt es da noch einen Aufenthalt während des Studiums in einer kleinen Stadt in Weißrussland. „Da wird zum Beispiel einfach mal für zwei Tage das Wasser abgestellt“, erzählt Linn Sommerhoff, und ihre Stimme wird vor Empörung etwas lauter. „Ohne Ankündigung – und nicht einmal im Jahr, sondern immer wieder. Die Menschen, die dort leben, sind das gewohnt und machen kein großes Aufhebens darum.“ Aber diese Situation, das merkt man, hat die Wirtschaftsjuristin nachhaltig beeindruckt. Weil ihr bei diesem Aufenthalt wieder einmal deutlich wird, unter welchen Bedingungen Menschen in anderen Ländern leben müssen. Tatenlos hinnehmen möchte die 28-Jährige das nicht. Deshalb die Entscheidung für den Master im Fach Internationale Beziehungen. Sie sagt auch: „Die Entscheider der EU sitzen meist im zehnten Stock. Da ist es gut, wenn Leute von unten sie immer wieder daran erinnern, wie die Situation außerhalb der Parlaments-Bubble wirklich ist.“

Schnell erste Opfer betreut

Lange Sitzungen inklusive: Linn Sommerhoff vor dem EU-Parlament. Foto: privat

Trotz ihres großen Interesses für fremde Länder, für Hilfsprojekte und das Leben im Ausland: Linn Sommerhoff verbindet viel mit ihrer Heimat. Regelmäßig besucht sie Eltern und Freunde. Und dann ist da noch ihr Ehrenamt in Deutschland. Das nahm 2018 seinen Anfang: „Ich habe – wie alle Jura-Studentinnen – schnell gemerkt, wie trocken und theoretisch das Studium sein kann, und habe nach Möglichkeiten gesucht, mein Wissen praktisch anzuwenden. Aber nicht als Nebenjob, sondern ehrenamtlich.“ Beim Googeln stieß sie auf die Außenstelle Bonn des WEISSEN RINGS, bewarb sich und durchlief das Training. „Danach ging es relativ schnell und ich konnte die erste Betreuung eines Opfers übernehmen. Darüber habe ich mich sehr gefreut.“ In dieser Zeit traf sie oft Opfer, zum Spaziergang oder Kaffee – persönliche Gespräche schaffen mehr Vertrauen als etwa ein Telefonat, man rede dann einfach offener, findet sie. Beim Ehrenamt zeigt sich erneut Linn Sommerhoffs pragmatische Seite und ihr Selbstschutz: „Natürlich gibt es immer wieder Fälle, die einen mehr mitnehmen als andere. Besonders, wenn man die Person bis zum Gerichtsprozess begleitet.“ Aber dafür hatte die damalige Studentin ein Arbeitshandy, das sie abends und am Wochenende ausstellen konnte, um Zeit für sich zu haben und Abstand zu gewinnen, auch in Prüfungsphasen nahm sie sich Auszeiten.

Entscheidungen aus Brüssel haben Einfluss auf den WEISSEN RING

Man könnte annehmen, dass Linn Sommerhoff nach der Arbeit und den zusätzlichen Onlineterminen mit den Ehrenamtlichen aus ihrem Landesverband gerne mal die Tür hinter sich schließt und einen ruhigen Abend allein genießt. Aber so aktiv wie sie im Berufsleben ist, ist sie auch privat. Sie macht sehr gerne Sport, ein Ausgleich zu den langen Sitzungen und Recherchetagen. Und sie hat sich in Brüssel einen internationalen Freundeskreis aufgebaut: „Viele Freunde kommen aus Süd- und Mittelamerika, deshalb versuche ich gerade, nebenbei noch etwas Spanisch zu lernen.“ Oft kochen sie gemeinsam und tauschen landestypische Rezepte aus.

Wie lange Linn Sommerhoff noch in Brüssel bleibt, weiß sie nicht. Ihre Stelle ist auf ein Jahr befristet. Schon jetzt sieht sie deutlich, was sie von hier aus bewirken könnte. „Seit ich diese Nähe zum EU-Parlament und der Kommission habe, ist mir klar geworden, welche Relevanz die EU-Politik auch für Deutschland und die Arbeit des WEISSEN RINGS hat. Man muss sich nur die aktuelle Richtline zur Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen ansehen. Was hier entschieden wird, beeinflusst auch maßgeblich die Gesetze in Deutschland zu diesem Thema.“ Ein Thema, das der Ruhrpottlerin sehr am Herzen liegt. Ihr Vertrag in Brüssel läuft im Herbst aus. Wo sie weiter dafür kämpfen wird, weiß sie noch nicht. Fest steht: Irgendwo auf der Welt wird sie sich weiterhin für sozialpolitische Themen einsetzen.

„Ehrfurcht vor Ede“ und eine rote Schreibmaschine

Erstellt am: Mittwoch, 1. März 2023 von Sabine

„Ehrfurcht vor Ede“ und eine rote Schreibmaschine

Marion Kollmann gehört zum Inventar: Die Buchhalterin arbeitet seit 45 Jahren hauptamtlich beim WEISSEN RING. Ein Blick zurück auf „die gute alte Zeit“.

Marion Kollmann findet es wichtig, dass Hauptamtliche „gemeinsam für die Sache brennen“.

Normalerweise stellen wir in der Rubrik „Ehrensache“ Ehrenamtliche vor – diesmal machen wir aus gutem Grund eine Ausnahme: Marion Kollmann arbeitet seit 45 Jahren hauptamtlich beim WEISSEN RING. Hier blickt die Buchhalterin zurück auf die Gründungszeit unter Eduard Zimmermann – und wie sich der Verein verändert hat.

Wie kam es dazu, dass Sie 1978 beim WEISSEN RING eingestiegen sind? Wie haben Sie erfahren, dass es den damals noch sehr jungen Verein überhaupt gibt?

Nach meiner Ausbildung zum Bürokaufmann (damalige Bezeichnung) sah ich in der Allgemeinen Zeitung in Mainz eine sehr kleine, eng geschriebene Stellenanzeige des WEISSEN RINGS. Es wurde Verstärkung für das Büroteam gesucht. Ich entschied spontan, einfach einmal anzurufen. Der Verein war mir zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt.

Erinnern Sie sich noch an den ersten Tag beim WEISSEN RING? Welchen Eindruck hatten Sie?

Oh ja, noch sehr gut. Zunächst waren damals in den 1970er-Jahren alleine schon die hellen Büroräume in Mainz-Finthen für mich beeindruckend. Genauso beeindruckend waren aber auch die Berge von Dokumenten, die auf den Schreibtischen lagen. In Erinnerung ist mir auch die rote elektrische (!) Schreibmaschine geblieben, die für mich der Knaller war.

Wo und in welcher Funktion haben Sie gearbeitet? Hat sich Ihr Arbeitsplatz im Laufe der Jahre verändert?

Funktionen als solche gab es zunächst nicht. Es galt, die Berge von Post zu sortieren und die wichtigsten bzw. eiligsten Vorgänge abzuarbeiten. Dazu gehörte auch die Bearbeitung der Mengen von Kontoauszügen. Im Laufe der Jahre sind Buchhaltungsaufgaben mein Arbeitsgebiet geworden.

Ihre damaligen hauptamtlichen Kollegen und Kolleginnen oder die Gründungsmitglieder, was waren das für Menschen? Was trieb sie an?

Meine einzige Kollegin Elke Funke arbeitete zuvor in der DKF (Deutsche Kriminalfachredaktion) von Gründungsmitglied Eduard Zimmermann. Elke Funke wurde von ihm für den Verein abgeworben und sollte „da mal machen“. Der dritte im Bunde, Geschäftsführer Helmar Schmitz von Hülst, sichtete u. a. die Post, bereitete die verschiedenen Stapel vor und arbeitete zusammen mit uns das Ganze nach und nach ab. Mit der Zeit wurde der Verein immer professioneller. Aufgrund des explosionshaften Wachstums des Vereins war dies aber auch unumgänglich.

Welches Ereignis ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben und wieso?

Oh, da gibt es mehrere. Zum Beispiel die jährlichen Mitgliederversammlungen (heute Bundesdelegiertenversammlung). Das Kennenlernen und der Austausch mit der vergleichsweise „Handvoll an Ehrenamtlichen“. Die Gespräche am runden Tisch mit den Gründungsmitgliedern waren für mich als junger Mensch sehr beeindruckend.

Im Rückblick auf bisher 45 Jahre beim WEISSEN RING: Vermissen Sie etwas aus der „guten alten Zeit“?

Ja, für mich, im Rückblick gesehen, war es eindeutig eine gute Zeit.

Apropos vermissen: Welcher Promi fehlt Ihrer Meinung nach noch als Botschafter des WEISSEN RING?

Das ist ein breites Feld. Ich bin da sehr sachbezogen und fand z. B. die Kampagne mit den Tatort-Kommissaren sehr gelungen und ansprechend. Ein bestimmter Promi fällt mir nicht ein, aber eine bekannte Person aus dem engeren Netzwerk wäre schon schön.

Der Verein war vor allem in der Anfangszeit ja stark verknüpft mit Aktenzeichen xy: ungelöst. Haben Sie die Sendung früher gesehen – schalten Sie heute ein?

XY war zu meiner Jugendzeit Kult. Wie viele andere Kinder wurde ich ins Bett geschickt, wenn „Ede“ kam. Aber nach ein paar Mal heimlich „neben der Tür stehen und schaudernd mithorchen“ verlor ich das Interesse daran. Später, zu Beginn meiner Tätigkeit, war es für mich schon ein „ehrfürchtiges“ Gefühl, Eduard „Ede“ Zimmermann zu sehen und auch noch mit ihm zusammenzuarbeiten. Seitdem lief und läuft XY bei mir wieder.

Aktuell gibt es viele „True-crime-Formate“ im Fernsehen und Internet, die echte Kriminalfälle nacherzählen. Dabei geht es anders als bei Aktenzeichen nicht um Aufklärung, sondern um Unterhaltung. Was halten Sie davon?

Ehrlich gesagt: gar nichts. Das ist für meinen Geschmack zu gestellt und reißerisch. Die Formate vom MDR und mittlerweile auch vom SWR finde ich in Ordnung.

Vereinssitz ist ja in Mainz. Unseren Informationen zufolge wurden Sie dort kürzlich mit einem Fastnachtsorden gesichtet. Hand aufs Herz: Sind Sie Fastnachterin?

Nicht mehr so wie früher; ich war lange Jahre aktiv in einem Fastnachts-Verein. Mitreißen lasse ich mich aber schon noch gerne.

In welchem Kostüm werden wir Sie 2024 sehen?

Gute Frage – das werde ich wieder spontan entscheiden.

Was ist Ihr Tipp oder Rat für Kolleginnen und Kollegen, die heute beim WEISSEN RING anfangen?

Wenn ich dies gefragt werde, kommt mir immer wieder der gleiche Satz in den Sinn: Gemeinsam für die Sache brennen, interessiert sein an Themen und Projekten des Vereins, aber auch an abteilungsübergreifenden Arbeitsabläufen in der Verwaltung.

„Rücksicht nehmen auf die private Situation von jungen Leuten“

Erstellt am: Mittwoch, 7. Dezember 2022 von Sabine

„Rücksicht nehmen auf die private Situation von jungen Leuten“

Benedikt Wemmer ist neuer Vertreter der Jungen Mitarbeiter. Im Interview erklärt er, wie die Stimmung unter den „JuMas“ ist und wann es ein Vorteil ist, wenn Ansprechpartner in ähnlichem Alter zur Verfügung stehen.

Benedikt Wemmer wünscht sich möglichst vielfältige Außenstellen.

Benedikt Wemmer ist bei der Bundesdelegiertenversammlung zum Vertreter der „Jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (JuMas)“ in den Bundesvorstand des WEISSEN RINGS gewählt worden. Ziel der „JuMas“ ist es, junge Menschen einerseits über die Hilfsangebote des Vereins zu informieren und andererseits für das Ehrenamt zu begeistern. Der 32 Jahre alte Wemmer ist seit 2013 Mitarbeiter der Außenstelle in Münster. Hauptberuflich arbeitet der Jurist als Berater im Bereich Zoll- und Außenwirtschaftsrecht. Er ist verheiratet und hat eine Tochter.

Wie kamen Sie zum WEISSEN RING?

Während meines Studiums habe ich nach einem Ehrenamt gesucht, in dem ich mich weiterentwickeln kann, und bin über eine Freiwilligenagentur auf den Verein aufmerksam geworden. Mir hat beim WEISSEN RING der soziale Aspekt gefallen, dass man sich für die Menschen engagiert. Das finde ich bis heute erfüllend. Anfangs habe ich vor allem Opferfälle begleitet, in den letzten Jahren war ich zunehmend in den Bereichen Prävention und Öffentlichkeitsarbeit tätig. Das Ehrenamt ist für mich auch ein guter Ausgleich zum Job.

Warum haben Sie sich zur Wahl als Vertreter der „Jungen Mitarbeiter“ im Bundesvorstand aufstellen lassen?

Ich finde es wichtig, dass auch die „Jungen Mitarbeiter“ eine Stimme im Bundesvorstand haben, deshalb habe ich für den Posten kandidiert. Zuletzt hat Dr. Carina Agel unsere Themen in den Bundesvorstand getragen und uns dorthin vernetzt, das möchte ich künftig fortführen.

„Man muss was Gutes tun wollen“

Carina Agel saß acht Jahre lang für die „Jungen Mitarbeiter“ im Bundesvorstand des WEISSEN RINGS, bei der kommenden Wahl tritt sie nicht mehr an. Wie hat sie die Zeit im Vorstand erlebt? Ein Rückblick.

Wie ist die Stimmung unter den jungen Leuten aktuell?

Zurzeit ist sie ganz gut. Wegen der Pandemie war die Arbeit an vielen Stellen nur eingeschränkt möglich, zum Beispiel konnten wir Kampagnen nicht umsetzen. Jetzt aber finden sich regional wieder Gruppen zusammen, und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir mit unseren Themen und Aktionen wieder durchstarten können.

Der Großteil der Menschen, die sich hilfesuchend an den WEISSEN RING wenden, ist zwischen 21 und 40 Jahre alt. Wie sinnvoll ist es, dass Ansprechpartner in ähnlichem Alter zur Verfügung stehen?

Das kommt stark auf das Delikt an: Wenn es zum Beispiel um Straftaten in den sozialen Medien geht, dann kann es für jüngere Betroffene hilfreich sein, wenn der Ansprechpartner ihre Lebenswelt kennt und ein Verständnis dafür hat, wie die digitale Welt funktioniert – dass man sich nicht einfach bei Facebook, Instagram und Co. abmeldet und die Sache damit erledigt ist. In anderen Fällen kann es aber besser sein, von jemandem betreut zu werden, der oder die mehr Lebenserfahrung hat.

Wie sehen Sie das Miteinander der jüngeren und älteren Ehrenamtlichen im Verein?

Viele Ältere haben vielleicht das Gefühl: Jetzt kommen die jungen Wilden und finden alles Bisherige schlecht. Das stimmt nicht. Es geht uns „Jungen Mitarbeitern“ nicht darum, dass in den Außenstellen nur noch junge Leute sitzen, wir profitieren ja von den erfahreneren Ehrenamtlichen. Viel besser ist ein guter Mix, wenn wir Männer, Frauen, verschiedene Alters- und Berufsgruppen und so weiter haben, so dass wir möglichst vielfältige Außenstellen haben. Davon profitieren letztlich auch die Opfer.

Was braucht es, damit sich mehr junge Menschen im Verein engagieren?

Es ist heutzutage schwieriger, junge Menschen für ein Ehren­amt zu begeistern, vor allem weil die beruflichen Anforderungen gestiegen sind. Aber der WEISSE RING bietet auch die Möglichkeit, sich persönlich weiterzuentwickeln und Menschen in einer herausfordernden Lebenssituation eine echte Hilfe zu sein. Als Erstes müssen wir eine gewisse Bekanntheit bei diesen Menschen erreichen. Und als Zweites muss das Ehrenamt Rücksicht nehmen auf die private Situation von jungen Leuten: Wenn zum Beispiel eine Außenstelle ihr monatliches Treffen vormittags um 10 Uhr macht, ist das das für Studierende oder Berufstätige oftmals schwer einzurichten.

Bei ihm halten sich Ernsthaftigkeit und Humor in Balance

Seit September ist Dr. Patrick Liesching neuer Vorsitzender des WEISSEN RINGS. Wie er tickt, was ihn bewegt – und was sein Büro über den Juristen verrät.

Der neue Bundesvorsitzende Dr. Patrick Liesching hat nach der Wahl in seiner ersten Rede gesagt: „Die Jungen sind unsere Zukunft“, man solle in sie investieren. Wie beurteilen Sie das?

Das war ein Novum, dass sich ein Bundesvorsitzender direkt am Wahltag hinstellt und das so klar formuliert. Das ist uns allen extrem positiv aufgefallen. Wenn wir bestehende Mechanismen und Strukturen im Verein hinterfragen und das jetzt zum Vorstandsthema wird, stimmt mich das sehr positiv, dass wir hier gemeinsam einen guten Weg gehen werden.

Sie will „die Stimme der Basis sein“

Erstellt am: Mittwoch, 7. Dezember 2022 von Sabine

Sie will „die Stimme der Basis sein“

Petra Klein ist neue Stellvertretende Bundesvorsitzende des WEISSEN RINGS. Ein Interview über ihre Ziele, Frauen in der Opferhilfe – und warum die Vernetzung auf europäischer Ebene so wichtig für den Verein ist.

Petra Klein will ein Augenmerk auf die Arbeit in den Außenstellen richten.

Petra Klein ist von den Bundesdelegierten zur Stellvertretenden Bundesvorsitzenden des WEISSEN RINGS gewählt worden, neben ihr hat auch der wiedergewählte Gerhard Müllenbach dieses Amt inne. Klein ist seit 2009 Außenstellenleiterin im niedersächsischen Oldenburg und bereits seit 2010 im Bundesvorstand. Die 66-Jährige ist pensionierte Kriminalhauptkommissarin und Vizepräsidentin von Victim Support Europe, dem Dachverband der euro­päischen Opferhilfeorganisationen. Sie hat drei Kinder und sieben Enkel. Und sie hat einen Partner, der sich ebenfalls im Verein engagiert.

Was bedeutet es für Sie, neu im Amt der Stell­vertretenden Bundesvorsitzenden zu sein?

Erstmal bedeutet es große Freude über das Vertrauen, das mir ausgesprochen wurde. Aber es geht mir nicht um meine Person, sondern um die Chance, meine Erfahrungen direkt einzubringen und die Belange von Kriminalitätsopfern auf allen Ebenen weiter zu verbessern. Ich möchte die Stimme der Basis sein und ein besonderes Augenmerk auf ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Außenstellen lenken. Es geht um Fragen wie: Was erleichtert die Arbeit vor Ort? Können Beschlüsse auch umgesetzt werden? Wie kann Kommunikation optimiert und Bürokratie abgebaut werden?

77 Prozent der Opfer, die sich an den WEISSEN RING wenden, sind weiblich. Wie wichtig ist es, dass Frauen in wichtigen Positionen des Vereins vertreten sind?

Das halte ich für ganz, ganz wichtig. Der Großteil der Mitarbeitenden ist weiblich. In der Vergangenheit aber war der Großteil der Führungspositionen im Ehrenamt, sprich die Außenstellenleitungen, Landesvorsitze und erweiterten Gremien, überwiegend männlich besetzt. In diesem Jahr gab es für viele Positionen Wahlen, unter anderem für Landesvorsitze, und es freut mich, dass viele Frauen gewählt wurden. Vor dem Hintergrund, dass gerade Opfer von häuslicher Gewalt und Sexualstraftaten in der Überzahl weiblich sind, ist das eine erfreuliche Entwicklung. Und ich bin überzeugt, dass das auch die Außenwirkung des Vereins positiv beeinflusst.

Sehen Sie noch andere Bereiche, die sich verändern?

Wir waren bisher sehr juristen- und polizeilastig. Der Wunsch, sich breiter aufzustellen, auch was Berufs­-bilder und Erfahrungen angeht, bekommt unserem Verein sehr gut. Das spüren wir auch bei der Werbung um neue Mitarbeiter. Hier wandelt sich etwas und wir bilden die Gesellschaft insgesamt nach und nach zumindest ein Stück weit besser ab, finde ich.

„Rücksicht nehmen auf die private Situation von jungen Leuten“

Benedikt Wemmer ist neuer Vertreter der Jungen Mitarbeiter. Im Interview erklärt er, wie die Stimmung unter den „JuMas“ ist und wann es ein Vorteil ist, wenn Ansprechpartner in ähnlichem Alter zur Verfügung stehen.

Sie sind auch Vizepräsidentin von Victim Support Europe. Wie wichtig ist die Vernetzung auf europäischer Ebene für den WEISSEN RING – und warum?

Für uns ist das existenziell. Wir sind in dieser ganzen Bandbreite von Nichtregierungsorganisationen in der Opferhilfe der einzige Verein, der ausschließlich ehrenamtlich organisiert ist. Aber das Ehrenamt wird in der Regel in keiner der Handlungsempfehlungen und Ge­setzesvorhaben berücksichtigt, die von der EU in Brüssel in diesem Bereich auf den Weg gebracht werden. Es ist daher für unseren Verein besonders wichtig, sich auf dieser politischen Ebene einzubringen.

Zum Beispiel erarbeitet die EU-Kommission zurzeit Direktiven zu Gewalt an Frauen und sexueller Ausbeutung. Damit Opfer aus diesen Bereichen weiterhin von unseren ehrenamt­lichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betreut werden können, ist es meine Aufgabe, darauf zu achten, dass die ehrenamtliche Arbeit in neuen Gesetzesvorgaben eingeplant wird.

Wie wichtig ist es auf lange Sicht, sich in internatio­nalen Opferhilfe-Projekten zu engagieren?

Das ist schon sehr wichtig. Nehmen wir zum Beispiel das Projekt Infovictims, das von der portugiesischen Organi­sation APAV geleitet wird. Es gibt eine Website und Printmaterialien mit Informationen zum Strafverfahren für verschiedene Länder, das Angebot richtet sich an Opfer, Behörden und Institutionen. Durch den Erfahrungsaustausch der Projektpartner können wertvolle Erkenntnisse schneller in anderen Ländern genutzt werden.

Der WEISSE RING hat hier eine Vorbildfunktion: Wegen der finanziellen Unabhängigkeit können wir Vorhaben leichter umsetzen, zum Beispiel die bundesweite einheitliche Erreichbarkeit des Opfer-Telefons unter 116 006 oder die Onlineberatung. Mit unserer Erfahrung können wir andere Länder beraten und unterstützen, besonders diejenigen, deren Opferhilfe gerade erst aufgebaut wird.

Vor der Wahl wurde immer wieder betont, dass der neue Bundesvorsitzende Dr. Patrick Liesching, der weitere Stellvertreter Gerhard Müllenbach und Sie als Team antreten. Was haben Sie sich als Trio vorgenommen?

Uns ist es wichtig, den WEISSEN RING voranzubringen und Bremsen zu lösen. Themen, die wir angehen möchten, sind zum Beispiel eine noch bessere Zusammenarbeit mit der Bundesgeschäftsstelle und das Bestärken unserer politischen Forderungen. Aber auch die vakanten Außen­stellen und die Verjüngung im Verein haben wir uns auf die Fahnen geschrieben, außerdem wollen wir die Ergeb­nisse der AG Krisenmanagement umsetzen, wir arbeiten etwa bereits am Aufbau eines Personalpools für Opferbetreuer im Krisenfall.

„Ich wünsche mir bei der Opferentschädigung einen Wettstreit der Bundesländer“

Erstellt am: Donnerstag, 1. Dezember 2022 von Torben

„Ich wünsche mir bei der Opferentschädigung einen Wettstreit der Bundesländer“

Mit Kerstin Claus hat zum ersten Mal eine Frau das Amt der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) übernommen, die selbst Missbrauch erlebt hat. Im ausführlichen Interview spricht sie über das Recht der Opfer auf Sichtbarkeit, über die Blindheit der Gesellschaft und über einen Wettstreit der Bundesländer um die beste Opferentschädigung.

Kerstin Claus engagiert sich seit vielen Jahren für Menschen, die von Missbrauch betroffen sind. Foto: Christoph Soeder

Kerstin Claus engagiert sich seit vielen Jahren für Menschen, die von Missbrauch betroffen sind. Foto: Christoph Soeder

Frau Claus, Sie sind die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, kurz UBSKM. Wie erklären Sie jemanden, der zum ersten Mal über die sperrige Abkürzung stolpert, was sich dahinter verbirgt?

Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche gab es in der Vergangenheit, gibt es heute – und wird es trotz meines Amtes auch morgen noch geben. Unser aller Ziel muss aber sein, Kinder künftig besser zu schützen oder mindestens frühzeitig die Gewalt aufzudecken und zu beenden. Damit das gelingt, braucht es das Engagement von ganz vielen. Dazu gehört die Politik, weil sie Schutz und Hilfen ermöglichen muss. Dazu gehört aber auch die Gesellschaft. Denn jede und jeder von uns kann dazu beitragen, Kinder besser zu schützen. Und dann geht es auch um die vielen Betroffenen, die heute erwachsen sind. Auch sie haben ein Recht auf bedarfsgerechte Hilfe, ein Recht, heute gesehen und gehört zu werden. Wenn wir im Rahmen von Prävention Hilfe, Schutz und Beratung verbessern wollen, ist das Erfahrungswissen Betroffener immer wieder ein Schlüssel zum Verständnis auch und gerade im Blick auf Täterstrategien.  All das beschreibt ganz gut, worum es in meinem politischen Amt geht. Das UBSKM-Amt bin ich natürlich nicht allein, dafür arbeiten hier fast 30 Kolleginnen und Kollegen mit vielfältigster fachlicher Expertise.

Würden Sie sagen, dass es Ihre wichtigste Aufgabe ist, die Betroffenen und ihr Leid sichtbarer zu machen in der Gesellschaft?

Ich sehe es als Herausforderung, das Thema sexueller Missbrauch an Menschen heranzutragen, ohne dass sie sagen: „Oh je, schon wieder, damit habe ich nichts zu tun.“ Ich will dieses Tabu aufbrechen, damit wir alle in diesem Themenfeld handlungsfähiger werden.

Was meinen Sie mit „Tabu“?

Wir haben letztes Jahr eine Befragung zu sexualisierter Gewalt gemacht: Über 90 Prozent der Befragten bejahten die Aussage: „Sexualisierte Gewalt passiert überall an Kindern und Jugendlichen, vor allem in der Familie.“ Auf die anschließende Frage, ob diese Taten auch in ihrer Nähe stattfinden, lautete die Antwort: „Nee, nee, nicht hier.“

Woran liegt das?

Wir müssen wissen, wie Täterstrategien funktionieren, damit unsere Gesellschaft nicht blind bleibt. Wir Erwachsenen ziehen viel zu schnell den Schulterschluss zu anderen Erwachsenen und sagen: „Moment, wenn mir jemand eine Täterschaft vorwerfen würde, das wäre ja mein Ende, etwa im Job oder als Trainer im Sportverein. Mit so einem Vorwurf würde ich auch nicht konfrontiert werden wollen.“ Aber jede und jeder von uns sollte den Gedanken zulassen, dass auch Kinder in unserer nächsten Umgebung — in unserer eigenen Familie, in unserer Nachbarschaft — potenziell einer solchen Gefahr ausgesetzt sind und viele von ihnen diese ganz real erleben müssen. Wir müssen auch den Gedanken zulassen, dass jede und jeder von uns mit großer Wahrscheinlichkeit auch Täter und Täterinnen kennt. Erst wenn wir das begreifen, werden wir tatsächlich in die Verantwortung gehen und Partei für betroffene Kinder und Jugendliche ergreifen, ob als Eltern, Nachbarn, Lehrkräfte oder Politik. Ich sehe es als meine wesentliche Aufgabe, hier wachzurütteln.

Wie machen Sie das: wachrütteln?

Einmal ganz konkret über Interviews, in öffentlichen Vorträgen und Diskussionen. Wie alle müssen verstehen, worum es geht und dass wir individuell und als Gesellschaft in der Verantwortung stehen. Und dann natürlich politisch-fachlich: Wir sind eingebunden in Gesetzgebungsverfahren, befassen uns sowohl mit Prävention als auch mit Hilfen, Forschung, der Aus-, Fort- und Weiterbildung. Wir entwickeln Kooperationen wie „Schule gegen sexualisierte Gewalt“, um in allen Bundesländern Schutzkonzepte in Schulen zu verankern. Wir vernetzen und ermöglichen Expertise gemeinsam mit dem Betroffenenrat und der Aufarbeitungskommission. Konkrete Strategien und Handlungsleitfäden beispielsweise zu kindgerechter Justiz werden im Nationalen Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen entwickelt, dem Bundesfamilienministerin Paus und ich gemeinsam vorsitzen. Und vieles ist schlicht politischer Austausch und Vernetzung: Hier geht es beispielsweise um den Austausch mit der Kinderkommission und dem Familienausschuss, aber auch allen interessierten Ministerinnen und Ministern und Abgeordneten, im Bund, aber auch in den Ländern.

Was erwarten Sie von der Politik? Auf welcher Ebene muss sie sich mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche befassen?

Ich möchte die politische Verantwortungsübernahme auf Bundes- und auf Landesebene. Als jemand, die selbst kommunalpolitische Erfahrung mitbringt, weiß ich aber sehr wohl, dass es am Ende die kommunale Verantwortung braucht, Bürgerinnen und Bürger, Eltern, Fachkräfte. Kommunale Netzwerke können dazu beitragen, dass zum Beispiel Vereine Wege finden, Schutzkonzepte zu entwickeln. Dass in einer Gemeinde oder einem Landkreis Schutzprogramme entstehen für alle Bereiche, in denen sich Kinder und Jugendliche bewegen. Es reicht bei der Prävention nicht, wenn es nur heißt: „Wir machen Kinder stark“ oder „Mein Körper gehört mir“, so wichtig diese Bausteine auch sind. Mein Ziel ist es, bundesweit immer wieder vor Ort zu sein, nicht nur mit Landespolitik, sondern auch mit Kommunalpolitik und dortige Initiativen einzubeziehen, um Räume zu öffnen und zu zeigen: Wir alle können was verändern und damit Gefahren abwehren, denen Kinder ausgesetzt sind.

Wie rütteln Sie Menschen außerhalb der Politik wach?

Wir müssen Orientierung und Handlungskompetenz in die Fläche bringen. Solange ich hilflos bin, versuche ich zu vermeiden, etwas zu tun. Das erleben wir bei Autounfällen: Liegt der Erste-Hilfe-Kurs schon ewig zurück, ist man froh, wenn es jemanden anderen gibt, der bei einem Unfall beherzt erste Hilfe leistet. Deswegen sage ich, nicht alle müssen Fachleute im Kinderschutz sein, aber wer ein komisches Bauchgefühl hat, weil ihm oder ihr etwas seltsam vorkommt, muss wissen, wo es Hilfe und Unterstützung gibt –  zum Beispiel beim bundesweiten Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch, aber auch bei Fachberatungsstellen vor Ort, die erst einmal Orientierung geben, beraten und unterstützen können. Man muss also nicht sofort vor der Frage stehen, ob man jetzt zur Polizei oder zum Jugendamt muss. Es geht um gute erste Schritte, die Möglichkeit, aktiv zu werden – und hierfür die Hürden zu senken.

Sie sagten, dass noch immer 90 Prozent der Menschen meinen, in ihrem eigenen Umfeld gebe es keinen Missbrauch von Minderjährigen – hat das Amt der UBSKM bisher zu wenig erreicht?

Allein meine Berufung zeigt, dass viel erreicht worden ist. Noch vor einigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass jemand mit eigener Betroffenheit dieses Amt übernimmt. Auch medial wäre das ganz anders aufgenommen worden als heute, denn Opfer-Stigmatisierung greift gerade im Kontext sexualisierter Gewalt schnell. Meine Fachlichkeit wurde nie in Frage gestellt, ich durfte von Anfang an beides sein: kompetent und betroffen. Dies ist gelungen über die vielfältige Arbeit meiner beiden Vorgänger im Amt, auch weil sie Strukturen geschaffen haben, die für unsere Arbeit wichtig sind ­– etwa den Betroffenenrat, die Aufarbeitungskommission, den Nationalen Rat. Vieles was erreicht wurde, hat hier seinen Ausgangspunkt, daran knüpfe ich an.

Das U in UBSKM steht für unabhängig, Sie sind selbst Betroffene. Wie unabhängig können Sie da sein?

Ich habe sicher eine Parteilichkeit: Ich bin parteilich für die Belange von Betroffenen, und ich verstehe mich als jemand, die noch mal anders aufzeigen kann, warum etwas notwendig ist. Unabhängig bin ich, weil ich den Finger in die Wunde legen und Initiative ergreifen darf und mir niemand vorschreiben darf, wie ich das tue. Und natürlich haben Betroffene eine sehr spezifische Fachlichkeit: Sie haben erlebt, wie Täterstrategien funktionieren. Sie haben Wissen, was damals geholfen hätte, wie es hätte verhindert werden können, was heute gebraucht wird. Eine solche Expertise in fachliche Diskurse und in Fragen der Weiterbildung einzubringen, ist ein Plus und schadet der Unabhängigkeit in keiner Weise.

Wurde Ihnen die Parteilichkeit schon einmal zum Vorwurf gemacht?

Ich habe meinen Vorgänger Johannes-Wilhelm Rörig als sehr parteilich empfunden, und ich glaube, ohne diese Parteilichkeit hätte er weder den Betroffenenrat noch die Aufarbeitungskommission politisch durchsetzen können. Diese Parteilichkeit ist Teil des Amtes, und ich erlebe sie immer eher als Türöffner. Weil ich nicht an die Politik herantrete und sage: „Ihr wisst doch schon alles, jetzt macht endlich“, sondern weil ich erklären kann, warum etwas ein wichtiges politisches Ziel ist.

Was hören Sie von anderen Betroffenen, seitdem Sie das Amt übernommen haben?

Sie haben mehr Erwartungen und einen höheren Anspruch an mich. Ich merke, dass ich in einer Rechenschaftspflicht bin. Ich habe weder meine Telefonnummer geändert, noch bin ich sonst irgendwie abgetaucht, und daher stehe ich im Austausch mit anderen. Aber es gibt auch Social Media, und ich brauche nur bei Twitter mitzulesen, um zu sehen, dass Erwartungen an mich anders formuliert werden, als sie es bezogen auf meinen Vorgänger waren.

Was lesen Sie da heraus — mehr Ungeduld?

Es ist eine Mischung. Teilweise bekomme ich viel Rückendeckung, mit dem Tenor: gut, dass da jemand „von uns“ ist (lacht). Ungeduld lese ich auch heraus. Neulich habe mich mal bei Twitter eingeschaltet und versucht zu erläutern, dass UBSKM ein politisches Amt ist und dass es politische Prozesse sind, in denen es vor allem um Gesetze und fachliche Diskurse geht. Zum Beispiel um zu schauen, wie in der Ausbildung für pädagogische oder medizinische Berufe Grundkenntnisse zu sexualisierter Gewalt verankert werden können. Das geht erstens nicht schnell. Zweitens muss ich immer wieder mal erklären, dass ich nicht die Fürsprecherin von individuellen Belangen sein kann oder die persönliche Ansprechstelle für Betroffene. Trotzdem hilft es mir, auch mit Betroffenen vernetzt zu sein. Das, was ich da sehe und lerne, vervollständigt das Bild, mit dem ich auch in politische Verhandlungen gehe oder aber in Gespräche, beispielsweise mit dem Deutschen Olympischen Sportbund, mit der katholischen oder evangelischen Kirche oder der Jugendhilfe.

„Unabhängig und nicht weisungsgebunden“ steht in der Amtsbeschreibung der UBSKM. Sie sind an ein Ministerium angebunden, wir sitzen hier in Ministeriumsräumen. Sie sind Mitglied der Grünen. Wie unabhängig können Sie politisch sein?

Ich bin zwar organisatorisch angedockt an das Familienministerium, und das macht an vielen Stellen natürlich auch Sinn. Aber eine Ministerin kann nicht bei mir anrufen und sagen: „Ich möchte, dass Sie die Position unterstützen, die wir hier vertreten.“ Natürlich kann und werde ich, wenn es notwendig ist, Entscheidungen des Ministeriums oder der Bundesregierung kritisieren – oder sie eben unterstützen, wenn ich das fachlich für richtig halte. Das Thema sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige braucht alle demokratischen Parteien, wenn wir etwas verändern wollen. Deswegen spreche ich selbstverständlich auch mit allen – überparteilich und ressortübergreifend.

Kerstin Claus im Gespräch mit Nina Lenhardt und Karsten Krogmann. (Foto: Christoph Soeder)

Für Betroffene von sexuellem Missbrauch ist staatliche Opferentschädigung ein großes Thema, das entsprechende Gesetz wurde novelliert und tritt 2024 in Kraft. Ist 2024 endlich alles gut?

Das ist ein absolut wichtiges Thema, bei dem ich weiterhin Forderungen aufstellen werde. Das Gesetz ist zwar reformiert, das heißt aber nicht automatisch, dass alles besser wird und man nichts mehr anfassen muss. Ich bin der festen Meinung, dass die Neuerungen konsequent evaluiert werden müssen. Auch gibt es bisher gibt es keine Feedbackschleifen, in denen Betroffene im Verfahren gefragt werden: „Wie können Verfahren verbessert werden oder war die Beratung durch das Versorgungsamt hilfreich?“ Die quantitative und qualitative Evaluation ist aus meiner Sicht bei der Reform nicht ausreichend berücksichtigt worden. Für Betroffene sind das aber ganz wesentliche Fragen. Hier sehe ich die Länder in der Pflicht, zu erfassen und auszuwerten, was in ihren Behörden passiert.

Haben Sie als Betroffene persönlich Erfahrungen mit dem Verfahren nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) gemacht?

Ja, ich habe einen OEG-Antrag gestellt und in der Folge auch spezifische Leistungen beantragt. Ich kann mich aufgrund meines journalistischen Hintergrunds ziemlich in Themen verbeißen und habe mir so schrittweise eine recht hohe Kompetenz rund um das OEG angeeignet. Das hat nicht unbedingt für mein eigenes Verfahren geholfen — aber dabei, eine klare und vielleicht auch in Teilen wichtige Stimme in diesem Reformprozess zu sein.

Betroffene kritisieren nicht so sehr das Gesetz, sondern vor allem dessen Umsetzung durch die Behörden: langwierige Verfahren, belastende Befragungen und Begutachtungen, zu viele Ablehnungen. Was müsste sich tun, damit das Gesetz dieser Kritik in der Umsetzung gerecht wird?

Betroffene berichten immer wieder, dass sie sich nach ihrem Antrag beispielsweise auch einer Glaubhaftigkeitsbegutachtung aussetzen mussten, dabei hat die im Opferentschädigungsrecht nichts zu suchen. Zum anderen ist die Anerkennung ja nur ein erster Schritt. Um konkrete Leistungen geht es erst nach der Anerkennung als Opfer einer Gewalttat und der mit der Tat einhergehenden Schädigungsfolgen. Wenn es dann darum geht, welche Hilfen gibt es konkret, beispielsweise um einen Schulabschluss oder eine Ausbildung nachzuholen, die aufgrund der häufig jahrelangen sexuellen Gewalt damals nicht möglich war, beginnt oft immer wieder eine neue Mühle im Verfahren. Viele Betroffene geben da irgendwann auf.

#OEGreport: Wie der Staat Gewaltopfer im Stich lässt

Fachleute loben das Opferentschädigungsgesetz als „hervorragend“. Dabei kommt die Hilfe bei vielen Betroffenen gar nicht an. Was läuft da falsch? Eine Recherche des WEISSER RING Magazins..

Welche Rolle spielt dabei die Verfahrensdauer?

Die langen Zeitabläufe in den Verwaltungsbehörden können sehr belastend sein. Das war auch für mich immer wieder so. Ich weiß von sehr vielen Betroffenen, die schon ganz früh gescheitert sind, denen es nach der Antragstellung schrittweise immer schlechter ging, weil sie auf Hilfe hofften und stattdessen einem unkalkulierbaren und oft nicht verständlichen Verfahren ausgesetzt waren. Genau hier liegt meine Motivation. Es braucht endlich betroffenenzentrierte Verfahren, das sage ich als Unabhängige Beauftragte und auch als Kerstin Claus, die diese Verfahren selbst durchlaufen hat.

Wie sähe ein solches betroffenenzentriertes Verfahren aus?

Menschen in Versorgungsverwaltungen brauchen ein Grundverständnis zu komplexen Traumatisierungen aufgrund sexualisierter Gewalt. Das heißt, sie benötigen eine Qualifikation im Umgang mit Menschen, die massive sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend erlebt haben. Sie müssen Betroffene einbeziehen, ernstnehmen und Teil des eigenen Hilfeplanverfahrens werden lassen, so dass gemeinsam auf Augenhöhe der Bedarf festgestellt wird. Ideal wäre, wenn es jemanden als Ansprechpartner im Verfahren gäbe, der oder die alles weitere steuert. Betroffene als Kunden zu sehen, dafür braucht es in den Behörden eine spezifische Haltung, die letztlich gelernt werden muss. Das hat auch etwas mit Qualifizierung und Fortbildung zu tun.

Exklusiv: Der #OEGreport – Alle Recherchen im Überblick

Betroffene beklagen immer wieder, dass sie zu wenig über die Verfahrensschritte erfahren, nicht wissen, was passiert, wo gerade nachgefragt wird, in welchem Zeitrahmen sie eine Antwort erwarten können. Ohne externe Hilfe, etwa durch die wenigen spezialisierten Anwälte und Anwältinnen, fehlen oftmals Erklärungen und Transparenz. Fachberatungsstellen, die viele Berichte von gescheiterten Verfahren hören, raten deswegen oft von einer Antragstellung ab. Verständlich, aber ich finde das total frustrierend, weil das Opferentschädigungsrecht eigentlich sehr viel bietet, wenn es nach solchen massiven Gewalterfahrungen in Kindheit oder Jugend darum geht, gute eigene Wege zu finden.

Ab 2024 soll es laut Gesetz in jedem Bundesland Fallmanagerinnen und -manager geben, die für die Behörden arbeiten. Wird damit alles besser?

Eine Frage ist, ob Fallmanager deutschlandweit gleich qualifiziert werden. Es kann ja nicht vom Glück abhängen, in welchem Bundesland ein Antrag bearbeitet wird. Eine Lösung für die Entwicklung und Implementierung für Qualifizierungsstandards in allen Bundesländern wäre E-Learning. Zu diesem Thema bin ich bereits in Gesprächen mit dem Sozialministerium. Im Nationalen Rat haben wir uns zudem Handlungsleitfäden für die Abwicklung von OEG-Verfahren auf unseren Arbeitszettel geschrieben, über die eine solche Vergleichbarkeit auch erreicht werden kann. Das von Ihnen angesprochene Fallmanagement ist, und das muss man sich klar machen, geplant als Teil der Versorgungsverwaltung — und darin sehe ich ein Problem.

#OEGreport: Interview mit einem Sonderbetreuer

Vielleicht sollte das Fallmanagement bewusst extern aufgestellt sein, beispielsweise in Kombination mit Kooperationsverträgen, die zusätzlich externe, unabhängige Fachberatungsstellen einbezieht. Hessen etwa hat hier gerade spannende Ansätze entwickelt, im Rahmen der Aktualisierung des Landesaktionsplans. Ich bin überzeugt, dass massiv Kosten und Verwaltungsressourcen eingespart werden könnten, wenn über solche Wege die Verfahren fokussierter auf die Belange Betroffener und vor allem auch zügiger gestaltet werden. Damit will ich nicht dem Ausgang von Verfahren vorgreifen: Aber zügig Klarheit über Möglichkeiten und Grenzen im Rahmen von OEG-Verfahren zu haben, hilft am Ende allen, insbesondere den Betroffenen. So können zusätzliche Verletzungen und Retraumatisierungen verhindert werden.

Hintergrund: Der #OEGreport im Überblick: Sieben Fakten zum OEG.

Ist es ein Hemmnis, dass das OEG ein Bundesgesetz ist, für die Umsetzung aber die Länder verantwortlich sind?

Dem Bund sind ein Stück weit die Hände gebunden, etwa was Ausbildung und Qualifizierung von Mitarbeitenden in Landesbehörden angeht. Es wird beständig Prozesse brauchen, in die auch Betroffene mit ihrer Expertise eingebunden werden müssen. Auch dies ist ein Grund, warum ich Betroffenenräte auf Landesebene fordere, damit eine solche politisch beratende Struktur politische Entscheidungen fundiert begleiten kann. Das hat sich seit Jahren im Bund bewährt. Und ich wünsche mir bei der Opferentschädigung einen Wettstreit der Bundesländer. Es wird Bundesländer geben, die vorangehen und die betroffenenzentrierter arbeiten, die Kooperationsverträge zur externen Begleitung Betroffener schließen — und dann wird es mein Job sein, den anderen Ländern zu sagen: „Hey, wenn die das können, könnt ihr das doch auch!“

Das UBSKM-Amt gibt es seit zwölf Jahren. Sind Missbrauchsopfer in der Gesellschaft sichtbarer geworden?

Ja und nein. Das Aufdecken bestimmter Strukturen — ausgelöst durch Fälle wie Lüdge, Bergisch Gladbach, Münster oder Wermelskirchen— hat geholfen, einen Scheinwerfer auf Gewalt zu richten, die es vorher schon gab. Und von der Betroffene auch berichtet haben, denen vielfach aber nicht geglaubt wurde. Auch Bild- und Tonaufnahmen gab es früher schon, aber das Internet macht jetzt sichtbar, was im monströsen Sinne möglich ist. Ja, wir sind weitergekommen, und wir sprechen auch nicht mehr nur von lauter Einzelfällen, sondern endlich auch von strukturellen Problemen, die Missbrauch begünstigen. Leider geht das in der Berichterstattung aber viel zu häufig einher mit einer Reduktion auf vermeintlich krankhafte Störungen. Selbst öffentlich-rechtliche Medien sprechen dann von den sogenannten pädophilen Tätern. Das ist einerseits zutiefst ungerecht gegenüber Menschen mit sexuellen Präferenzstörungen, die nie Täter oder Täterin werden. Wenn wir diese Taten nur in die Krankheitsecke schieben, verkennen wir, dass Täter und Täterinnen vor allem Macht- und Abhängigkeitsstrukturen ausnutzen. Dass sie also massiv manipulative Strategien anwenden, die immer wieder nicht erkannt werden, selbst in Strafprozessen nicht. Auch wir als Gesellschaft entlasten uns über diese Sichtweise immer wieder ein Stück weit, weil wir davon ausgehen, krankhafte Täter könne man erkennen – und deswegen den Gedanken nicht zulassen, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche eine verstörende Realität inmitten unseres vermeintlich unauffälligen Umfeldes ist. Wenn wir aber etwas verändern wollen, Taten verhindern wollen, müssen wir uns klarmachen, dass diese Taten überall in unserer Umgebung passieren können und passieren.

Wenn in den Medien von sexuellem Missbrauch die Rede war, schien es seit Bekanntwerden der Vorgänge am Canisius-Kolleg 2010 häufig, als sei Missbrauch vor allem ein Problem der katholischen Kirche. Hat diese Berichterstattung möglicherweise den Blick verstellt auf die vielen anderen gesellschaftlichen Bereiche, in denen es ebenfalls zu sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche kam und kommt?

Natürlich hat sich mit 2010 die Wahrnehmung sexualisierter Gewalt in der Gesellschaft verändert, auch wenn der Ausgangspunkt Kirche und elitäre Schulstrukturen waren. Für die öffentliche Wahrnehmung des Themas war auch ausschlaggebend, dass erstmals erwachsene Männer gesprochen haben, die oftmals aus gut situierten Familien kamen und oft auch beruflich erfolgreich waren. Damit gelang ihnen, was den vielen Frauen, die schon seit Jahrzehnten vor allem auf sexuellen Missbrauch im familiären Kontext hingewiesen hatten, verwehrt geblieben war: Das Thema gelangte in den medialen und gesellschaftlichen Fokus. Allerdings ging damit einher, dass bis heute der Fokus auf institutionellen Strukturen – also sexueller Missbrauch im Kontext von Sport, der Schule oder der Kirchen – liegt. Staat und Kirche stehen seit diesem sogenannten Missbrauchsskandal von 2010 in einem neuen Spannungsfeld, weil plötzlich der Staat – und in diesem Prozess sind wir aktuell – sein Wächteramt auch im Verhältnis zur Kirche neu definieren muss. Das sind lange Debatten und Lernprozesse, gerade wenn es um die staatliche Verantwortung im Kontext von Aufarbeitung geht, und es ist eine sehr grundlegende Frage, die alle Betroffenen von sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend einschließen muss, also gerade auch die Betroffenen im Kontext Familie.

Wann werden wir so viel gelernt haben, dass die Aufgabe der UBSKM erledigt ist?

Solange sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ausgeübt wird, wird dieses Amt gebraucht werden. Aktuell arbeiten wir an der gesetzlichen Verankerung der Aufgaben dieses Amtes. Nach meinem Verständnis ist diese Gewaltform tief gesellschaftlich verwurzelt. Nicht nur allein in Institutionen wie Kirche oder Sportverein, sondern auch und gerade im sozialen Nahfeld, besonders im familiären Kontext. Wird es möglich sein, diese Gewalt zu überwinden? Ich setze zumindest all meine Kraft ein, damit Kinder und Jugendliche besser geschützt, diese Gewalt besser verstanden und schneller gehandelt wird und Betroffene konsequent bedarfsgerecht unterstützt werden. Nur so können wir die individuellen Folgen und die traumatischen Belastungen für Betroffene reduzieren. Betroffene brauchen ein Recht auf Aufarbeitung jenseits von Gerichtssälen. Es geht um ein Recht auf Sichtbarkeit heute, denn es ist auch eine Generationenaufgabe: Die einen Betroffenen sind jetzt vielleicht in ihren Zwanzigern, die anderen mittlerweile über 70 Jahre alt. Es ist notwendig, sich diese Dimension bewusst zu machen, weil die Folgen sexualisierter Gewalt gerade nicht enden, wenn die Taten aufhören, sondern eine ganze Lebensspanne umfassen. Erst dann anerkennen wir die tatsächliche Dimension sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige in unserer Gesellschaft.

Foto: Christoph Soeder