Bei ihm halten sich Ernsthaftigkeit und Humor in Balance

Erstellt am: Montag, 28. November 2022 von Sabine

Bei ihm halten sich Ernsthaftigkeit und Humor in Balance

Seit September ist Dr. Patrick Liesching neuer Vorsitzender des WEISSEN RINGS. Wie er tickt, was ihn bewegt – und was sein Büro über den Juristen verrät.

Patrick Liesching kam vor 17 Jahren zum WEISSEN RING, jetzt ist er Bundesvorsitzender des Vereins. Foto: Christian J. Ahlers

Patrick Liesching sitzt am Besprechungstisch in seinem Büro, hebt den rechten Unterarm, schiebt Jackett und Hemd zurück und sagt: „Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke.“ Liesching hatte seine erste Stelle als Strafrichter im osthessischen Fulda angetreten, im Sitzungssaal ging es um ein Sexualdelikt: Das Opfer war eine Frau mit einer geistigen Behinderung, eine Erwachsene auf dem geistigen Stand eines Kindes. Der Täter war in der Nacht aus der Haft entlassen worden und hatte die Frau abgefangen, die gerade auf dem Weg zu ihrer Arbeit in einer Werkstatt war. „Wir mussten von ihr erfragen, was passiert war. Aber in ihrer kindlichen Sprache fehlten ihr die Worte dafür, sie konnte nicht ausdrücken, was ihr widerfahren war. Das hat mich sehr bewegt und sehr angefasst“, sagt Liesching.

Eine undurchschaubare „Sphinx-Fassade“ müsse man in dem Amt aufrechterhalten, „es hat mich immer wieder nachdenklich gemacht, dass man sich als Richter nicht mit Opfern solidarisieren kann.“ In einem anderen Prozess, es ging um einen Mordversuch an einer Frau, wurde die Betroffene vom WEISSEN RING begleitet, Liesching erfuhr, wie die Organisation half. Da wusste er: „In diesen Verein muss ich rein.“

Was verrät sein Büro über Liesching?

Vor 17 Jahren war das. Er engagierte sich in der örtlichen Außenstelle und hatte „nie die Intention, Funktionär zu werden“. Doch bald wurde er erst Stellvertretender Landesvorsitzender in Hessen, dann Landesvorsitzender – und seit Mitte September hat der 50-Jährige das höchste Amt, den Bundesvorsitz, inne. Das Band, an dem während der Delegiertenversammlung sein Namensschild hing, hat Liesching in seinen Schlüsselbund eingehängt, den er auf den Tisch in seinem Büro gelegt hat; im Hauptberuf ist er Chef der Staatsanwaltschaft in Fulda.

Sein Büro in der Staatsanwaltschaft Fulda. Foto: Nina Lenhardt

Was kann ein Büro über den Menschen verraten, der es nutzt? Es gibt welche, die so aufgeräumt und anonym eingerichtet sind, wie die Personen, die in ihnen arbeiten, sich hinter einer zurechtgelegten Fassade verstecken. Und es gibt Arbeitszimmer, die nichts verstecken wollen. Patrick Lieschings Büro gehört zur zweiten Kategorie. In ihm sitzt einer, der sich seinen Kaffee lieber selbst mit der Maschine auf der Fensterbank brüht. An der Wand ein zurückhaltendes Ikea-Gemälde-Paar in Pastellfarben, vor Jahren gekauft, irgendwie sei es dann hier gelandet. Kaffeetasse und Mini-Wimpel: VfB-Merchandise. Er hält dem Verein die Treue, er stammt aus Stuttgart.

Das hört man auch, vor allem wenn er scherzt, und das tut er oft, dann schwäbelt es aus ihm heraus. „Humor ist wichtig, mit einem Halbsatz kann man manchmal viel Druck aus einer Situation nehmen“, sagt Liesching. „Das muss auch in einem Verein möglich sein, der sich für die Belange von Kriminalitätsopfern einsetzt, ohne dass wir gleich zum Karnevalsverein werden.“ Dafür ist für ihn auch Platz in Opfergesprächen: „Wenn man stundenlang miteinander spricht, kann es helfen, wenn man mal miteinander lacht.“ Lautes Lachen ist nicht Lieschings Sache, aber er lächelt über vieles. Er kann es auch über sich selbst – etwa über sein Scheitern bei der Zulassungsprüfung, er wollte ursprünglich Mathe und Sport auf Lehr­amt studieren: „Bei 1,92 Meter Körperlänge ist Bodenturnen eine sehr hohe Hürde.“ Nur Herren­witze findet er nicht lustig, da wird er wieder ernst, zieht scharf die Luft ein und sagt: „Witze über das andere Geschlecht als Versuch, eine ernst gemeinte Diskriminierung hoffähig zu machen, das passt nicht in unsere Zeit.“

Die Jugend im Fokus

Was in diese Zeit passt: Nahbar und ansprechbar wolle er sein, sagt Liesching, jemand, hinter dem sich alle im Verein versammeln können, Haupt- wie Ehrenamt. Er hat selbst eine Leichtigkeit, eine Unprätentiosität inne, wenn er mit anderen spricht. Wenn er zuhört, nachfragt, dem Gegenüber auch etwas zurück- und von sich preisgibt. Bei der Bundesdelegiertenversammlung in Sachsen, gerade erst ins höchste Vereinsamt gewählt, hörte er sich später – die Lichter im Saal waren schon aus – geduldig die Kritik eines jungen Ehrenamtlichen an, dass im Vorstand Ostdeutschland zu schlecht vertreten sei.

Sie will „die Stimme der Basis sein“

Petra Klein ist neue Stellvertretende Bundesvorsitzende des WEISSEN RINGS. Ein Interview über ihre Ziele, Frauen in der Opferhilfe – und warum die Vernetzung auf europäischer Ebene so wichtig für den Verein ist.

Die Jungen, sie sind ihm ein wichtiges Thema. Er, der selbst jünger wirkt, sprach schon vor den Delegierten über sie. „Wir müssen unseren Verein nicht wie in der Politik in Wahlperioden denken, sondern in Dekaden.“ Die Generation Eduard Zimmermann sei immer noch eine Säule des Vereins, aber in zehn Jahren wahrscheinlich nicht mehr da, „dann bricht uns viel Ehrenamt und Bekanntheit weg.“ Der Verein müsse jetzt die jüngeren Generationen an Bord holen, „dann kriegt das einen Drive“. Aber er weiß, dass er 50 Jahre alt ist; er maße sich nicht an zu wissen, wie die Jungen ticken, „aber wir haben junge Mitarbeiter, die das wissen.“

Liesching weiß, was Ehrenamt bedeutet. Das Engagement an der Basis hat ihn geprägt, nach wie vor geht er zu Treffen „seiner“ Außenstelle in Fulda. Mit Respekt erzählt er von den Leistungen der Ehrenamtlichen aus seinem Landesverband, die er persönlich kennt, von zwei Frauen, die parallel viele heftige Fälle reinbekamen: „Die klagen nicht, es gibt kein Nörgeln, sie machen das aus Überzeugung.“ Von einigen Ehrenamtlichen höre er, dass es immer mal sehr fordernd auftretende Opfer gebe, mit denen sie umgehen müssten. Nicht jedem sei klar, dass die Mitarbeitenden kein Geld bekommen und die Opferhilfe in ihrer Freizeit machen, aber vielleicht sei das auch zu viel verlangt von Menschen, die gerade Opfer geworden sind, meint Liesching.

Welche Themen Liesching angehen will

Das Ehrenamt habe ihn sehr verändert, sagt Patrick Liesching. Zum Beispiel: „Man bekommt ein anderes Verständnis für andere Generationen.“ Wäre er nicht im Verein, er würde sich umgeben mit Menschen aus dem Job, der Familie, seiner Peergroup. Durch den Verein aber höre er, wie junge Menschen sprechen, oder wie es ist, als Pensionär einen wichtigen Teil des Lebens, den Beruf, hinter sich zu lassen und im Ehrenamt Struktur für den Tag zu suchen. „Das sind Lebenswelten, mit denen ich mich jetzt, mit 50, sonst noch nicht befasst hätte“, sagt er nachdenklich.

Patrick Liesching denkt auch über sein Ich nach, das schimpfen könne, wenn es nicht gut läuft, ist kritisch mit dem eigenen Berufsstand: Opferschutz sei noch nicht in alle Bereiche der Justiz vorgedrungen. Er schnappt sich eines der dicken Gesetzesbücher, zitiert aus einer weit hinten in der Strafprozessordnung versteckten Vorgabe, dass Opfer über Versorgungsansprüche nach dem Opferentschädigungsgesetz zu informieren sind. „In der Praxis ist es fast so, als gäbe es diesen Paragrafen gar nicht.“ Er beschwert sich nicht, er tut etwas dagegen: Am Nachmittag wird er sich vor junge Juristinnen und Juristen stellen und 43 Folien zu „Opferbeteiligung im Strafverfahren“ an die Wand werfen – dieser Paragraf ist der allererste Punkt, um den es gehen wird.

In seiner Amtszeit als Vereinsvorsitzender soll es ebenfalls um das Opferentschädigungsrecht gehen. Es habe durch die Veröffentlichungen des WEISSEN RINGS dazu „einen Einschlag“ gegeben, die Politik habe an verschiedenen Stellen reagiert, „da müssen wir jetzt dranbleiben.“ Wenn das reformierte Gesetz 2024 in Kraft tritt, „müssen wir im Blick haben, wie die Neuerungen umgesetzt werden.“ Auch Morde an Frauen, bei denen die Täter die Partner oder Ex-Partner sind, stehen auf Lieschings Agenda. Alle drei Tage stirbt in Deutschland eine Frau auf diese Weise, er weiß: „Es ist nicht irgendeine Statistik, man sieht, dass es ein Thema ist.“ Er selbst hat das in den vergangenen drei Jahren gesehen, in jedem Jahr gab es einen solchen Frauenmord im Zuständigkeitsbereich seiner Behörde in Fulda: „Das macht es so greifbar.“

An seinem Arbeitsort wohnt Liesching auch mit seiner Familie. Für sie ist jedes zweite Wochenende reserviert, denn ohne Planung gelingt die Balance zwischen Work und Life nicht bei seinen zwei Aufgaben – der hauptamtlichen für die Staatsanwaltschaft, der ehrenamt­lichen für den WEISSEN RING. In Fulda fühlt er sich zu Hause. Er ist Mitglied in einem Chor mit Spezialisierung auf populäre Musik, Tenor ist seine Stimmlage, er kann aber auch im Bass aushelfen. Eventuell erwägt Liesching sogar, den örtlichen Fußballverein zu unterstützen, sollte dieser den Sprung in die 3. Liga schaffen. Sagt er und grinst.

Ein guter Scherz

Das tut er auch, wenn er auf die bronzefarbene Justitia auf seinem Schreibtisch angesprochen wird. Der Göttin der Gerechtigkeit hat er zwei kleine Kunststoff-Emojis in ihre Waagschalen gelegt, Symbole dafür, wie es laufen kann vor Gericht: entweder gut oder schlecht. Die Ergänzung der kleinen Skulptur um die bunten Figürchen ist ein Scherz, ein ziemlich guter sogar. Die Kombination ist eine Art Sinnbild Lieschings: Die Justitia steht für die Ernsthaftigkeit, mit der er von dem Gänsehautmoment berichtet, als er nichts für das Opfer mit der geistigen Behinderung tun konnte. Die Emojis stehen für das Humorvolle, wenn er Gespräche mit einem Halbsatz oder mehr auflockert. Und diese beiden Eigenschaften halten sich gegenseitig ziemlich gut in Balance.

„Man muss was Gutes tun wollen“

Erstellt am: Mittwoch, 14. September 2022 von Sabine

„Man muss was Gutes tun wollen“

Carina Agel saß acht Jahre lang für die „Jungen Mitarbeiter“ im Bundesvorstand des WEISSEN RINGS, bei der kommenden Wahl tritt sie nicht mehr an. Wie hat sie die Zeit im Vorstand erlebt? Ein Rückblick.

Seit mehr als zehn Jahren engagiert sich Carina Agel für den WEISSEN RING.

Sie erscheint noch früher als der Reporter am vereinbarten Treffpunkt vor einer Bäckerei in Hochheim, einer übertrieben idyllischen Kleinstadt mit Kopfsteinpflaster bei Wiesbaden. Dabei ist dieser doch schon eine ­Viertelstunde zu früh. Es ist ganz so, als wolle Carina Agel gleich zu Beginn klarstellen: Ich nehme das ernst.

Carina Agel, 37, saß acht Jahre lang für die „Jungen ­Mitarbeiter“ im Bundesvorstand des WEISSEN RINGS, die Gruppe der Ehrenamtlichen zwischen 18 und 35 Jahren. Bei der Wahl im Herbst wird sie nicht wieder antreten. Sie ist vor einem Jahr Mutter einer Tochter geworden, und in wenigen Tagen wird sie wieder als Juristin für das Bundeskriminalamt (BKA) arbeiten. Irgendwo muss sie ja kürzertreten.

Agel ist es offenbar wichtig, eine gewisse Distanz ­einzuhalten. Das macht sie nicht, indem sie sich kühl und abweisend gibt, sie ist professionell freundlich. Sie trägt eine hellbraune Lederjacke, die in ihrer Unaufdringlichkeit zu unterstreichen scheint: Hier möchte jemand nicht durch Klamotten auffallen, sondern durch Handeln.

Seit mehr als zehn Jahren engagiert sich Agel für den WEISSEN RING. Vorher betreute sie ehrenamtlich ­Straftäter im Gefängnis, vermittelte ihnen alltägliches Leben. Dann lernte sie im Jura-Studium den WEISSEN RING kennen. Fortan kümmerte sie sich nicht mehr um Täter, sondern um Opfer. Man hat fast den Eindruck, sie bemühe sich um einen gewissen Ausgleich. Erst Täter, dann Opfer.

Warum genau sie sich damals für den WEISSEN RING entschieden hat, weiß sie gar nicht mehr so genau. „Das ist schon so ewig her“, sagt sie.

Na gut, anders gefragt: „Warum engagieren Sie sich dort bis heute?“

„Ich finde es gut, dass sich jemand für die Opfer ­einsetzt. Opfer müssen in Notsituationen unterstützt werden.“

Sie begann wie viele Ehrenamtler beim WEISSEN RING als Opferbetreuerin. Vor allem jene Fälle blieben ihr im Kopf, in denen die Opfer in ihrem Alter waren. „Ich war einfach froh, dass ich selbst so etwas nicht erlebt habe“, sagt sie. Vor acht Jahren wurde sie in den Bundesvorstand gewählt, als Vertreterin der Jungen Mitarbeiter.  Man hatte sie gefragt, sie hatte zugesagt.

Was die Junge Gruppe bewegt

Konkrete Bedürfnisse der jungen Ehrenamtler ganz nach oben zu transportieren, das war ihr Ziel. „Ich habe im Vorstand vorgestellt, was Themen für uns sind.“ K.o.-Tropfen, Cybermobbing, Stalking: Straftaten, von denen besonders junge Menschen betroffen sind und deren Gefahr junge Menschen auch besser vermitteln können. Wenn sie zum Beispiel in Clubs auf K.o.-Topfen aufmerksam machten, dann könnten jüngere Mitarbeiter das authentischer, sagt sie. Sie hat den WEISSEN RING auch in Uni-Vorlesungen vorgestellt. Für die Opferhilfe könne man im Gegensatz zum Tierschutzverein nicht mit niedlichen Tierfotos werben, erklärt sie. „Man muss was Gutes tun wollen.“ Drei Sitzungen hält der Bundesvorstand im Jahr ab. Da hatte sie Dinge vorzubereiten, vorzustellen, nachzubereiten, weiterzugeben. Um zu den Treffen quer durch Deutschland fahren zu können, musste sie auch schon mal freinehmen oder Über­stunden abbauen.

Sitzen in solchen Vorständen nicht eher Menschen, die älter und männlich sind? Sie stimmt zu, schränkt allerdings ein: „Wobei das mittlerweile im Wandel ist.“ Der Vorstand des WEISSEN RINGS werde jünger und ­weiblicher. Aber es bleibe noch viel zu tun: Frauen ­hätten schon der Familie wegen weniger Zeit. Zweitägige Treffen, Abendtermine – schwierig.

Wie das so war in Runden mit überwiegend älteren ­Männern? „Ich muss echt sagen, dass ich das Gefühl hatte, von den meisten, wenn nicht sogar von allen respektiert zu werden.“ Sie kehrt nun mit einer Teilzeitstelle zum BKA nach Wiesbaden zurück. Was sie dort machen wird, dazu möchte sie nichts sagen, auch nach wiederholter Nachfrage nicht. Nur, dass es etwas Neues ist und sie einen Bereich leiten wird. Ein Bürojob. Agel überlegt sich ganz genau, was sie mit der Öffentlichkeit teilen möchte.

Ihren Namen hat der Reporter schon einige Tage vor dem Gespräch gegoogelt. Die meisten Treffer sind älter als fünf Jahre. Meist ging es dort um ihre Doktorarbeit, die sie im Fach Kriminologie über sogenannte ­Ehrenmorde geschrieben hat; Morde, die an Frauen begangen werden, weil eine vermeintliche Familienehre wiederhergestellt werden sollte. Auf die Idee brachte sie ein Fall in Berlin, über den damals viel berichtet wurde. „Ich weiß noch, dass die Mutter des Angeklagten, der seine Schwester umgebracht hatte, im Gerichtssaal herumgeschrien hat. Sie konnte nicht verstehen, dass ihr Sohn verurteilt wird. Da habe ich mich gefragt: Wie kann das sein? Warum trauert sie in dieser Situation nicht um ihre Tochter?“ Hat sie es durch die Doktorarbeit begreifen können? „Ich habe einen Eindruck bekommen, in welchen Familienstrukturen solche Taten verübt werden. Ich kann es trotzdem immer noch nicht nachvollziehen, wie man so handeln kann.“

Die ersten Gespräche fand sie „teilweise echt hart“

Agel hatte also schon im Studium mit menschlichen Abgründen zu tun, mit Verbrechen. Das Interesse dafür setzte kurz vor Ende der Schule ein. „Da habe ich mir Gedanken gemacht, was danach kommen könnte, ein Praktikum bei einem Rechtsanwalt absolviert und gedacht: Das könnte ich mir vorstellen. Dass ich keine Lehrerin werde, wusste ich.“ Sie studierte also Jura, wusste ziemlich schnell, dass sie etwas bei der Polizei machen möchte. Bloß nicht Anwältin. „Weil ich keine Lust hatte, mich über irgendwelche Nachbarschaftsstreitigkeiten zu ärgern. Über unwichtige Dinge, bei denen die Emotionen hochkochen.“ Das ist auch so der Eindruck, den man von ihr hat: Agel möchte etwas machen, das Bedeutung hat.

Zur Kriminologie gehört auch die Viktimologie, die Opferforschung. Dort lerne man auch, was Opfer wollen, sagt sie. Und was wollen Opfer? „Vor allem die ­Anerkennung als Opfer. Das erreicht man, indem man ihnen Gehör schenkt.“ Das hat sie auch durch ihre Arbeit beim WEISSEN RING gelernt. Ihr war es wichtig, sich die Zeit zu nehmen, die es für so ein Gespräch braucht. „Opfer erzählen eher von sich aus. Ich würde da nie viel fragen. Damit kann man auch viel anrichten. Das Opfer könnte durch die Fragen ein zweites Mal traumatisiert werden.“

Die ersten Gespräche fand sie „teilweise echt hart“. Zeigt sie in solchen Situationen also selbst Gefühle? „Da ist es der Mittelweg. Es hilft nicht, in Tränen ­auszubrechen. Man muss trotzdem eine professionelle Distanz ­wahren. Aber es ist für jeden Gesprächspartner auch total schrecklich, wenn da ein Eisklotz sitzt und am Ende sagt: Guten Tag, vielen Dank, auf Wiedersehen.“

Im Studium war sie Opfern von Verbrechen nie so nah gewesen. Da las sie bloß in Akten über sie. „Als Jurist ist es wichtig, dass man, wenn man über Dinge entscheiden soll, weiß, was die Auswirkungen auf Personen sind. Zum Beispiel, wenn ich eine Wohnungsdurchsuchung anordne, sollte ich wissen, was es für die Person bedeutet, wenn um 6 Uhr morgens die Polizei auf der Matte steht und die ganze Wohnung durchsucht. Und ich sollte wissen, dass Opfer unter Umständen ein ganzes Leben lang leiden.“ Die ehrenamtliche Arbeit für den WEISSEN RING bietet ihr also den Kontakt zu einer Realität, die ihr im Alltag nicht begegnet, auf die sie aber durch ihren Job beim BKA Einfluss nimmt. Ein Polizist ist immerhin noch auf der Straße unterwegs. Sie bleibt im Büro.

Etwas von Bedeutung

Es gibt Menschen, die haben eine große Geschichte zu erzählen, warum sie beim WEISSEN RING gelandet sind, warum sie sich dort noch immer engagieren. Carina Agel hat keine solche Geschichte zu erzählen. Und gerade deshalb eben doch: Wer sich für Kriminalitätsopfer engagiert, braucht dafür kein Erweckungserlebnis, ­keinen Wendepunkt im Leben, keine originelle Begründung, schon gar nicht die Erfahrung, selbst Opfer geworden zu sein. Es reicht das schlichte Bedürfnis, etwas Sinnvolles zu tun. Wieso, weshalb, warum? Ist doch egal. Das ist für einen Journalisten, der gern die große Geschichte erzählen möchte, ein wenig unbefriedigend. Journalisten wollen nicht unbedingt über Menschen schreiben, die abwägend antworten, die sich völlig zurücknehmen können, sachlich auftreten, die keine laute Meinung vertreten. Opfer aber brauchen genau solche Menschen, um sprechen zu können.

„Wann wird der WEISSE RING endlich überflüssig, Herr Ziercke?“

Erstellt am: Freitag, 12. August 2022 von Sabine

„Wann wird der WEISSE RING endlich überflüssig, Herr Ziercke?“

Nach vier Jahren als Bundesvorsitzender tritt Prof. Jörg Ziercke nicht wieder zur Wahl an. Im Interview mit der Redaktion von „Forum Opferhilfe“ schaut er kritisch zurück, wagt den Blick nach vorn und spricht über die Themen, die ihn zuletzt besonders beschäftigt haben.

Nach vier Jahren als Bundesvorsitzender tritt Prof. Jörg Ziercke nicht wieder zur Wahl an.

Herr Ziercke, Sie waren lange der oberste Polizist in Deutschland. Nach Ihrem Abschied als BKA-Chef hätten Sie den verdienten Ruhestand genießen können – stattdessen engagierten Sie sich beim WEISSEN RING für Kriminalitätsopfer. Warum?

In meinen 47 Jahren im Polizeidienst habe ich immer wieder gemerkt, dass wir zwar dem Täter sehr viel Zeit widmen, aber diese Zeit nicht für die Opfer aufbringen. Die Polizei hat nicht nur eine repressive Aufgabe, sondern vor allem auch eine präventive. Der präventive Opferschutz ist schon seit Anfang der 90er Jahre mein Thema gewesen, mit der Gründung des Deutschen Forums für Kriminalprävention, wo ich dabei sein durfte, und beim Aufbau der kommunalen kriminalpräventiven Räte in Deutschland. Als der WEISSE RING dann auf mich zukam und anbot, das Thema in den Ruhestand mitzunehmen, war für mich klar, dass das ein Unruhestand wird: für die Opfer etwas zu erreichen, was ich in meinem Amt nicht habe erreichen können.

,,Bei der Wahl im September bin ich 75 Jahre alt – und ich finde, dass Jüngere den Staffelstab übernehmen sollten."

Jörg Ziercke
Nach vier Jahren als Bundesvorsitzender haben Sie sich jetzt entschieden, nicht wieder zu Wahl anzutreten. Haben Sie denn alles erreicht für die Opfer, was Sie erreichen wollten?

Nein. Ich glaube aber, dass wir mit dem neuen Sozialgesetzbuch XIV, dem Übergang vom Opferentschädigungsgesetz ins Soziale Entschädigungsrecht, sehr viel erreicht haben. Es war uns ein ganz wichtiges Anliegen, eine angemessene Versorgung zu ermöglichen auch für diejenigen, die durch Gewalt schwerste Schäden erleiden. Es ist uns aber von der Politik viel versprochen worden an Erleichterungen, was die Antragsstellung angeht und was die Verfahrensabläufe angeht. Diese Ziele haben wir nicht erreicht, das wird weiterhin eine wichtige Aufgabe sein für den WEISSEN RING. Dass ich jetzt aufhöre, hat einfach mit dem Alter zu tun. Bei der Wahl im September bin ich 75 Jahre alt – und ich finde, dass Jüngere den Staffelstab übernehmen sollten. Als Berater stehe ich natürlich gern weiter zur Verfügung.

Sie sprechen das Soziale Entschädigungsrecht an. Warum sind Sie nicht zufrieden, was muss sich dringend ändern?

Ich bin deshalb nicht zufrieden, weil sich schon in den Vorbesprechungen immer wieder gezeigt hat, wie groß der Einfluss der Bürokratie ist auf das, was die politisch Handelnden wollen. Wir sind in der Diskussion teilweise nur schrittweise vorangekommen, weil immer wieder neue Hinweise aus der Bürokratie kamen: Dies geht nicht, das geht nicht, jenes wollen wir nicht. Die 16 Bundesländer waren sich zum Beispiel nicht einig, ob man Clearingstellen einrichten soll. Diese Stellen sollen den Opfern helfen: Wenn eine Entscheidung negativ ausfallen könnte, soll sich zunächst eine Clearingstelle mit externen Fachleuten der Sache annehmen und prüfen, ob die Entscheidung auch gerechtfertigt ist. Im Grunde glaubt Bürokratie den Opfern nicht.

Anders als der WEISSE RING.

Wir glauben den Opfern ganz grundsätzlich. Bürokratie geht da kritisch ran: Das Opfer hat die Beweislast, festzustellen, zu belegen, nachzuweisen, was passiert ist. Und das endet dann manchmal eben auch so, dass die Bürokratie sagt: Ja, dann sollen die Opfer doch vor Gericht gehen, dann warten wir mal das Urteil ab. Aber das wird traumatisierten Opfern nicht gerecht! Im Strafverfahren hat der Täter das letzte Wort. Und ein Gericht muss im Zweifel für den Angeklagten entscheiden, das ist ein wichtiger Rechtsgrundsatz. In den Sozialbehörden in Deutschland wird allerdings im Zweifel gegen das Opfer entschieden. Hier braucht es einen Paradigmenwechsel: Bürokratie sollte grundsätzlich dem Opfer glauben und nicht grundsätzlich an ihrer Aussage zweifeln.

Das heißt, die Kultur in Behörden muss sich ändern?

Deutlich! Das, was der WEISSE RING jetzt mit seinem Ländervergleich zutage gefördert hat, ist aus meiner Sicht ein Beleg für die Unterschiedlichkeit der Auslegung von Gesetzen in den Behörden: So gravierend jeder Einzelfall ist, so unverständlich muss es jedem Opfer vorkommen, dass man in einem Bundesland zu 50 Prozent Erfolg mit seinem Antrag hat und in einem anderen nicht annähernd. Das ist der eine Punkt, um den es geht. Der zweite Punkt ist, dass die Politik die Aufgabe hat, dass dieses Gesetz in der Öffentlichkeit bekannt gemacht wird. Vor den rund 200.000 Gewaltdelikten, die wir in Deutschland haben, gefährliche Körperverletzung, Raubüberfälle, schwerste Verletzungen, folgen nur in etwa zehn Prozent der Fälle Anträge auf Unterstützung bei den Sozialbehörden.

Und es gibt noch einen dritten Punkt. In den Ländern gibt es neben Anerkennungen und Ablehnungen auch noch die Kategorie „Erledigungen aus sonstigen Gründen“. Dahinter verbergen sich nach meiner festen Überzeugung zu einem großen Teil Fälle,  in denen es die Menschen leid sind, die Beweisanforderungen zu erfüllen, die immer wieder mit gutachterlicher Tätigkeit, mit Stellungnahmen, mit schriftlichen Eingaben verbunden sind, zumal sich das Verfahren  oft erheblich in die Länge zieht. Es dauert Wochen, Monate oder Jahre, so dass die Menschen am Ende erschöpft und enttäuscht sind und dann von sich aus nicht mehr weitermachen. Das heißt, wenn man die Zahl dieser Rückzüge genauer fassen könnte, dann ist die Zahl der Menschen, die Entschädigung erhalten, noch niedriger. Ich behaupte, dass von den rund 200.000 Gewaltfällen, die wir in Deutschland im Jahr haben, nur drei bis vier, vielleicht fünf Prozent Opfer wirklich Leistungen durch den Staat erhalten. Und das, finde ich, ist ein Skandal, der durch die Bürokratie mit verursacht wird.

Im Opferentschädigungsgesetz steht: Der Staat verpflichtet sich, seine Bürger zu schützen – und in den Fällen, wo er es nicht konnte, verspricht er, für ihre Versorgung einzustehen. Kommt der Staat dieser Verpflichtung nach?

Der Staat kommt seiner Verpflichtung eindeutig nicht nach. Das zeigen unsere Recherchen. Ich unterstelle kein absichtsvolles Verhalten des Staates oder der Politik. Die Bürokratie ist nicht entsprechend vorbereitet auf den Umgang mit einem problematischen Rechtsbereich auf der einen Seite und mit Problemen auf der anderen Seite, die der Mitarbeiter möglicherweise mit dem traumatisierten Antragsteller hat. Deshalb glaube ich, dass ein Paradigmenwechsel erforderlich ist. Es braucht eine klare Ansage der Politik, dass bei Zweifeln Externe hinzugerufen werden und dass ein verpflichtender Zeitrahmen festgelegt wird, in dem der Antrag abgearbeitet sein muss. Man darf die Betroffenen nicht endlos hinhalten. Dafür kämpfen wir beim WEISSEN RING.

#OEGreport: Wie der Staat Gewaltopfer im Stich lässt

Fachleute loben das Opferentschädigungsgesetz als „hervorragend“. Dabei kommt die Hilfe bei vielen Betroffenen gar nicht an. Was läuft da falsch? Eine Recherche des WEISSER RING Magazins..

Sie sind angetreten beim WEISSEN RING mit dem Vorsatz, das Ehrenamt zu stärken und Nachwuchs zu finden. Was hat sich da getan?

Das Problem, vor dem nicht nur wir als Opferhilfeverein stehen, sondern alle Vereine oder Parteien, ist ja, dass sich der Einzelne heute nicht mehr so stark binden will, sondern offener und freier handeln möchte. Die Mitgliedschaft in Vereinen und Parteien ist deutlich zurückgegangen in Deutschland, und darunter leiden wir natürlich auch. Auf der anderen Seite steht das Engagement der ehrenamtliche Helfer natürlich im Zentrum unserer Bemühungen. Das ist eine große Anstrengung, die wir unternehmen. Es gelingt uns, Gott sei Dank, die etwa 3000 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die der WEISSEN RING hat, auf diesem Niveau zu halten, sie auszubilden und Nachwuchs zu finden. Es gibt aber auch Menschen, die weder ehrenamtlich arbeiten noch Mitglied sein wollen, die aber mit Geld helfen möchten. Und da muss ich sagen: Die Spendenbereitschaft in Deutschland ist enorm. Beim WEISSEN RING haben wir die Situation, dass wir auf der einen Seite viel Zuwachs haben im Bereich der Vermächtnisse, also der testamentarischen Zuwendungen, auf der einen Seite aber eben auch von 120.000 bis 150.000 Menschen jährlich Geld als Spende bekommen. Und trotz der zwangsläufig rückläufigen Mitgliederzahl – wir waren mal bei etwa 65.000 Mitgliedern Anfang der 90er Jahre, heute sind wir bei 42.000 – sind die Zuwendungen von Mitgliedern gestiegen. Die Menschen sind bereit, Geld zu spenden. Hier hilft uns der gute Ruf des WEISSEN RING natürlich ganz enorm.

Stichwort Spenden: Der WEISSE RING betont immer wieder seine Unabhängigkeit von Staat und Politik und vor allem von staatlichen Zuwendungen. Warum ist das so wichtig für den Verein?

Wie wichtig das ist, haben wir in der Debatte über das neue Soziale Entschädigungsrecht sehr deutlich erlebt. Wir waren bevorzugter Gesprächspartner der Bundesregierung. Ich hatte selbst die Gelegenheit, im Bundeskanzleramt über diese Probleme zu sprechen. Und da wurde schon deutlich, welchen Stellenwert wir als ehrenamtliche Organisation haben. Da wir keine Zuschüsse vom Staat nehmen, muss sich der Staat umso mehr mit uns ins Benehmen setzen. Unsere Unabhängigkeit ist ein wichtiges Pfund, mit dem wir wuchern können: Wir können frei entscheiden, was wir berichten, wie wir berichten, wie wir dokumentieren, wie wir die Dinge ansprechen. Wir müssen es nur selbst verantworten können. Wir müssen nicht auf irgendeine Partei oder auf irgendeinen Politiker Rücksicht nehmen. Ich glaube, dass wir da den richtigen Ton finden. Mein Eindruck ist, dass unsere Berichte und Veröffentlichungen große Anerkennung finden. Unsere Veröffentlichungen zum Thema Femizide haben zum Beispiel hervorragende Wirkung erzeugt.

Zum Thema Femizid hat der WEISSE RING nicht nur eine umfangreiche Recherche veröffentlicht. Sie haben direkt im Anschluss einen Brandbrief an hochrangige Politiker verschickt, in dem Sie sofortiges Handeln zum Schutz von Frauen forderten. Warum war das notwendig?

Wenn im Jahr etwa 115 Frauen getötet werden durch Partner oder Ex-Partner, dann kann das niemanden kaltlassen. Ich bin vor einigen Monaten angesprochen worden von einer Frau, die in der Nähe von Kiel lebt, deren Tochter und Enkel auf offener Straße in Freiburg erstochen worden sind durch den Ex-Partner der Frau. Der Täter stammte aus einem islamischen Kulturkreis. Da haben Sie ein Thema, das in der Öffentlichkeit völlig kontrovers diskutiert wird. Nach unserer Veröffentlichung haben wir zahlreiche Rückmeldungen bekommen. Nach diesem Interview werden wir heute dazu noch ein Gespräch mit der Sozialministerin in Rheinland-Pfalz führen, auch anderweitig habe ich solche Gespräche schon geführt. Und dann hört man immer wieder: Ja, was sollen wir denn tun?

Was soll die Politik denn Ihrer Meinung nach tun?

Was sie tun sollte ist erstens, nicht darauf zu vertrauen, dass diejenige Frau, die zu Gericht geht und dort ein Verbot erreicht, laut dem sich der Mann ihr und ihrem Kind nur auf 200 Meter annähern darf, dadurch geschützt ist. Ein solches Verbot braucht Überwachung und Überprüfung. Wenn am Ende die Tötung oder die schwere Verletzung eines Menschen stehen kann, dann ist es durchaus verhältnismäßig, demjenigen, für den das Verbot gilt, bestimmte Einschränkungen zuzumuten, zum Beispiel durch eine Fußfessel. Zweitens sollte man nicht glauben, allein durch eine Gefährderansprache der Polizei jemanden von einer Tat abhalten zu können. Wobei der größte Witz ja eigentlich ist, dass der Gefährder gar nicht kommen muss, wenn die Polizei ihn zu einer Gefährderansprache einlädt. Das heißt, es braucht von polizeilicher Seite ein Hochrisikomanagement. In Deutschland gibt es so etwas nur in wenigen Ländern, es gibt kein gemeinsames Konzept der Bundesländer. Diese Forderung stelle ich: dass man bundesweit ein Risikomanagement für solche Fälle einrichtet, wo dann nicht nur Polizei entscheidet, sondern auch Experten aus Jugendamt, Sozialbehörde, Justiz, Psychologie beteiligt sind. Es wird kein hundertprozentiger Schutz möglich sein. Aber Maßnahmen wie zum Beispiel das Interventionsprogramm RIGG in Rheinland-Pfalz zeigen, dass die Fallzahlen deutlich zurückgegangen sind. Das macht Mut.

Glauben Sie, dass es eine wichtige Aufgabe für eine Institution wie den WEISSEN RING ist, solche umfassenden Recherchen wie zu Femiziden oder zum Opferentschädigungsgesetz anzustellen? Um  damit in Lücken zu stoßen, die andere nicht ausfüllen, und um Fakten an die Politik heranzutragen?

Bei mir ist diese Erkenntnis immer stärker gewachsen im Laufe der Zeit – weil diese Recherchen ja kein anderer anstellt. Wir haben zum Glück die Mittel, um das zu tun. Es ist eine ganz wichtige Aufgabe des WEISSEN RINGS, diese Dinge der Politik gegenüber so praktisch zu erklären, dass sie daraus Schlussfolgerungen ziehen kann. Das ist keine Parteipolitik, das ist Opferpolitik.

Wie politisch darf und muss ein Opferhilfeverein sein? Oder anders gefragt: Wie unbequem darf und muss er sein?

Die Frage, wie politisch und auch unbequem wir sein dürfen, haben wir ja sehr deutlich beim Thema AfD gespürt…

… Sie meinen den sogenannten AfD-Beschluss des Bundesvorstands zu Beginn Ihrer Amtszeit, laut dem niemand ehrenamtlich oder hauptamtlich für den WEISSEN RING arbeiten darf, der in einer fremdenfeindlichen oder antisemitischen Bewegung aktiv ist, und laut dem der WEISSE RING auch keine Spenden von der AfD annimmt …

… genau. Die AfD hatte sich auf sehr undemokratische Weise unseres Images bemächtigt, indem man an einen politischen Stand das Logo des WEISSEN RINGS angebracht hatte und die Aussage „Wir sammeln für den WEISSEN RING“. Dafür hatten wir keine Zustimmung geben. Uns war klar, dass wir das nicht einfach so laufen lassen können, dass wir mit unserem guten Ruf vereinnahmt werden für eine politische Absicht. Wir grenzen uns ganz klar von denen ab, die kein wirklich demokratisches Profil haben als Partei. Wir sind ansonsten parteipolitisch neutral, aber es geht nicht, wenn Werte, die uns wichtig sind, wie zum Beispiel Antidiskriminierung, mit Füßen getreten werden von Vertretern einer Partei. Und dafür muss sich die Partei insgesamt in die Verantwortung nehmen lassen, wenn sie das nicht abstellen kann. Und die AfD kann dies offensichtlich nicht.

Der WEISSE RING hatte 2001 das Jahresthema „Hass und Hetze“ gewählt und in zahlreichen Veröffentlichungen die Verrohung der Gesellschaft thematisiert. Die kritische Auseinandersetzung mit Hass und Hetze vor allem von Rechts fand Beifall, stieß aber auch auf Widerspruch bei Mitgliedern und führte sogar zu Vereinsaustritten. Muss ein Verein auch so etwas aushalten?

Auf jeden Fall. Wir müssen es aushalten können, dass Menschen zu uns kommen und sich auch wieder von uns trennen. Wir laufen hinter niemandem her, wir wollen für die Opfer möglichst viel erreichen. Und insofern müssen Menschen, die mit unserem Verhaltenskodex sich nicht in Übereinstimmung befinden, auch nicht zum WEISSEN RING kommen.

Zu Beginn Ihrer Amtszeit gab es nicht nur die Diskussionen um den AfD-Beschluss, der WEISSE RING erlebte eine ernste Krise: Es gab Vorwürfe gegen einen ehrenamtlichen Mitarbeiter in Lübeck, sich sexuell übergriffig gegenüber Frauen verhalten zu haben und später einen weiteren Fall mit Missbrauchsvorwürfen gegen einen ehrenamtlichen Mitarbeiter im Hochsauerlandkreis. Der Verein hat daraufhin die Regeln zur Betreuung weiblicher Opfer deutlich verschärft und unter anderem ein strenges Sechs-Augen-Prinzip eingeführt. Das führte zu Protesten einiger zumeist männlichen Ehrenamtlichen, einige legten ihr Amt nieder. Wie sehr hat das Verein getroffen?

Dass Opferhelfer ihre Position missbrauchen gegenüber einem Kriminalitätsopfer und es ein zweites Mal zum Opfer machen, ist das natürlich völlig indiskutabel und muss sofort zu einer Reaktion der Verantwortlichen des WEISSEN RINGS führen. Ich glaube, darüber sind sich auch alle im Verein im Klaren. So haben wir in diesen Fällen in Lübeck und im Hochsauerland natürlich entschieden, dass diese Mitarbeiter den Verein sofort verlassen mussten. Aber wir haben auch entschieden, dass wir verstärkt Sicherungen einbauen müssen. Einen hundertprozentigen Schutz kann man niemandem versprechen, aber man kann etwas tun. Deshalb haben wir gesagt, wir müssen die Begegnungssituation so gestalten, dass einerseits Frauen geschützt sind, andererseits auch dem Opferhelfer kein Vorwurf gemachen werden kann. Das hat im WEISSEN RING erstaunlicherweise insbesondere bei einigen älteren Mitarbeitern dazu geführt, dass die gesagt haben: Der Vorstand vertraut uns nicht mehr. Ich habe das mal mit dem Strafgesetzbuch verglichen: In den 300 Paragrafen steht, dass wir alle nicht einbrechen dürfen, nicht vergewaltigen dürfen, nicht körperverletzen dürfen, ohne dass sich davon jemand diskriminiert fühlt. Genau das machen wir hier auch: Wir stellen eine Regel auf und sagen, wir möchten, dass wir uns in diesem Fall so oder so verhalten. Mehr sagen wir damit nicht.

,,Ich glaube, dass nur diese Offenheit gegenüber der Öffentlichkeit dazu führen kann, dass man uns Glauben schenkt."

Jörg Ziercke
Als der Verein im Februar 2021 von den Missbrauchsvorwürfen gegen den Mitarbeiter im Hochsauerlandkreis erfuhr, haben Sie etwas Ungewöhnliches getan: Der WEISSE RING hat entschieden, selbst eine Pressemitteilung zu veröffentlichen und den Fall auf einer immer wieder aktualisierten Internetseite transparent aufzubereiten. Warum haben Sie selbst den Blick der Öffentlichkeit auf den Fall gelenkt?

Ich glaube, dass nur diese Offenheit gegenüber der Öffentlichkeit dazu führen kann, dass man uns Glauben schenkt. Dass man uns vertraut in dem, was wir tun. Dieses Vertrauen ist das höchste Gut, das wir gegenüber Opfern haben. Deshalb haben wir gesagt: Wir erstatten Selbstanzeige, wir suspendieren sofort den Mitarbeiter, wir gehen mit aller Transparenz in die Öffentlichkeit. Wir wollten unser Wissen teilen. Gleichwohl war das ein neuer Weg, diese Art von Offenheit waren auch wir nicht gewohnt. Aber wir haben uns überzeugen lassen von unserem Presseteam. Ein Punkt, der mich überzeugt hat: In der Öffentlichkeit kommt oft schnell der Verdacht eines Systemversagens auf. Diesen Verdacht kann man nur durch Offenheit und Transparenz ausräumen.

Welche Rolle spielen für Sie die Sozialen Medien, wenn es darum geht, den WEISSEN RING und seine Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen?

Wir müssen uns dem Informations- und Kommunikationsverhalten der Bevölkerung in den verschiedenen Altersgruppen viel stärker anpassen. Wenn sich weite Teile der Menschen heute nicht mehr aus der Zeitung informieren, sondern über das, was in Social Media dargestellt wird, dann müssen wir da mit am Ball sein. Und das sind wir auch. Es geht ja nicht nur darum, Informationen zu vermitteln, sondern auch darum Menschen anzusprechen, sei es als ehrenamtliche Helfer, als Spender, als Mitglieder. Wenn es darum geht, dass Opfer den WEISSEN RING um Hilfe bitten, geht es letztlich immer um Vertrauen. Das ist unser entscheidendes Kapital, dass wir auch über die digitalen Kanäle aufbauen.

Digitaler wird auch die Bundesdelegiertenversammlung des WEISSEN RINGS im September in Radebeul: Gewählt wird nicht mehr mit Stimmzetteln, sondern zum ersten Mal  mit Tablets. Ist das ein Zeichen dafür, dass der WEISSE RING sich für das digitale Zeitalter richtig aufstellt?

Der WEISSE RING muss, was die Modernisierung angeht, ganz klar auf Digitalisierung setzen. Wenn man Digitalisierung sagt, muss man aber auch Sicherheit mitdenken. Gerade wir haben es ja mit hochsensiblen Daten zu tun. Das Wissen um diese Zusammenhänge muss heute jeder Mitarbeiter mitbringen. Die Pandemie hat ja gezeigt, wie sich Arbeit verändert. Wenn wir teilweise im Homeoffice arbeiten und teilweise im Büro, dann müssen wir realisieren, dass die Sicherheit der Daten an allen Orten gewährleistet ist.

Prof. Jörg Ziercke ist seit 2018 Bundesvorsitzender des WEISSEN RINGS.

Gibt es etwas, das Sie Ihrer Nachfolgerin, Ihrem Nachfolger gern mit auf dem Weg geben möchten?

Ich würde mir wünschen, dass der WEISSE RING den eingeschlagenen Weg weitergeht, etwa im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit. Dass immer wieder nach neuen Themen geforscht wird, die den Opfern zugutekommen. Ich wäre auch sehr dafür, dass wir Themen wie die soziale Ungerechtigkeit, über die wir beim Opferentschädigungsgesetz gesprochen haben, wissenschaftlich aufbereiten. Auf der anderen Seite war es für mich eine wichtige Erkenntnis, dass ein ehrenamtlicher Verein keine Behörde ist, wo von oben nach unten eine Weisung erteilt werden kann. Jeder ehrenamtliche Mitarbeiter gibt uns seine Freizeit, sein Engagement, das müssen wir zuerst einmal anerkennen. Das Ziel kann deshalb nicht Kontrolle sein, sondern Integrität. Ich glaube, dass es der entscheidende Weg ist, die Werte des Vereins, seine Kultur stetig weiterzuentwickeln, um zu dieser Form der Integrität zu kommen.

Letzte Frage: Wann wird der WEISSE RING endlich überflüssig, weil er nicht mehr gebraucht wird?

Das ist die große Frage, ob man das Thema Kriminalität in einer Gesellschaft wirklich klären und lösen kann. Ich denke, das kann man nicht. Es wird immer Regelverletzungen geben. Irgendjemand hat mal gesagt: Jede Gesellschaft hat die Kriminalität, die sie verdient. Womöglich ist das so. Der WEISSE RING hat eine Daueraufgabe.

„Das war eine zusätzliche Belastung“

Erstellt am: Dienstag, 17. Mai 2022 von Torben

„Das war eine zusätzliche Belastung“

Max Privorozki ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Halle an der Saale und hat den Terroranschlag auf die Synagoge im Oktober 2019 überlebt. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen mit Journalistinnen und Journalisten nach der Tat.

Foto: Soeren Stache/dpa

Sie haben beklagt, dass in Interviews und Berichten nach dem Terroranschlag wichtige Aussagen von Ihnen unberücksichtigt geblieben sind. Welche Botschaften waren das?

Das waren Interviews, die ich beispielsweise an Gedenktagen wie dem 9. November gegeben habe. Immer wieder habe ich darauf hingewiesen, dass es auch Anti­semitismus gibt, der nicht aus der rechten Ecke kommt, sondern von der linken und aus der muslimischen Gemeinschaft. Ich habe beklagt, dass solche Aussagen von Medien herausgenommen wurden.

Welche Erfahrungen haben Sie unmittelbar nach dem Anschlag mit Reporterinnen und Reportern gemacht?

Bis zum 9. Oktober 2019 hatte ich keine Erfahrungen mit Reporterinnen und Reportern in solch einem Ausmaß. Bis dahin wurde ich ab und zu von lokalen Medien wie der Mitteldeutschen Zeitung oder dem MDR kontaktiert, also ganz selten. Ab dem 10. Oktober habe ich erlebt, was ich nur aus Filmen kannte. Da kamen alle möglichen Sender wie CNN, amerikanische, deutsche, israelische Sender. Ich habe in dieser besonderen Situation etwas gelernt, was hoffentlich nie mehr notwendig sein wird.

Mir bereitet der Umgang mit Medien keinen Spaß, aber natürlich habe ich ein Verständnis, dass es für den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde die Verpflichtung gibt, mit Medien zu reden. Ich habe in dieser Situation ganz verschiedene Erfahrungen gemacht. Als positiv möchte ich den Kollegen vom „Stern“ nennen, der sehr sauber berichtete und ein gutes Fingerspitzengefühl hatte.

Gab es auch negative Beispiele?

Einige israelische Medienvertreter waren unmöglich, aber auch einige deutsche. Da gab es einen Reporter, der unbedingt am nächsten Tag, am Sabbat, in die Gemeinde kommen wollte, um zu filmen. Ich habe ihm gesagt, dass das absolut nicht geht. Er hat aber alles Mögliche unternommen und ist vorbeigekommen, um doch zu filmen.

Solche journalistischen Grenzverletzungen in dieser sensiblen Phase nach der Tat waren für Sie schwer zu ertragen?

Das war eine zusätzliche Belastung, ja. Es kamen ja nicht nur Journalisten, sondern auch Politiker. Bei allem Respekt für den Bundespräsidenten – aber als ich nach einer Bestattung am 10. Oktober zur Synagoge fuhr, wurde ich dort nicht reingelassen. Ich habe versucht, den Sicherheitskräften zu erklären, dass der Bundespräsident ja zur Jüdischen Gemeinde kommt, aber das wurde nicht verstanden. Es hieß: Alle bleiben draußen. Fast wäre ich wieder abgefahren. Das alles kam für mich als Über­lebender des Terroranschlags noch dazu. Schon am späten Abend des 9. Oktober kam Ministerpräsident Haseloff, als ich eigentlich schon sehr erschöpft war und schlafen gehen wollte. Dieser Besuch war mir jedoch enorm wichtig, denn es war der Besuch eines wahren Freundes und nicht nur eines Ministerpräsidenten. All das war notwendig, aber eben auch eine zusätzliche Belastung. Wenn dann noch die Presse kommt und kein Gespür für die Situation aufbringt, dann ärgert einen das.

„Gut ist es, nicht hilflos daneben zu stehen“

Maja Metzger ist Außenstellenleiterin des WEISSEN RINGS in Halle. Nach dem Terroranschlag im November 2019 betreuten sie und ihre Kollegen Opfer und Angehörige. Wie hat sich die Stadt seither verändert?

„Wir mussten Vertrauen für unseren Verein schaffen!“

Erstellt am: Freitag, 6. Mai 2022 von Sabine

„Wir mussten Vertrauen für unseren Verein schaffen!“

Jürgen Lüth ist einer, der dafür sorgt, dass die Dinge funktionieren – auch beim WEISSEN RING in Brandenburg. Dort leistete der frühere Polizeipräsident erfolgreiche Aufbauarbeit, doch die Sorge um die Verrohung der Gesellschaft bleibt.

„Man muss mit den Menschen sprechen, sie mitnehmen“, sagt Jürgen Lüth.

Organisieren, organisieren. Jürgen Lüth benutzt das Wort häufig. Es passt aber auch gut zu dem, was er tut. Denn Jürgen Lüth ist einer, der dafür sorgt, dass die Dinge funktionieren. Dass Menschen bekommen, was sie brauchen – um gut zu arbeiten und um gern zu arbeiten. Wie ein fordernder und zugleich sorgender Familienvater, der weiß, dass Leistung Wohlbefinden braucht, Zusammenhalt und Anerkennung. Der viel verlangt, aber auch viel gibt.

Das Landesbüro des WEISSEN RINGS in Potsdam, Brandenburg, zum Beispiel: liegt in einer hübschen, zentralen Wohngegend, hat helle Räume, Einzelarbeitsplätze und ein Konferenzzimmer. Lüth, groß, schlank, im adretten weißen Rollkragenpulli, führt herum. „Seit unserer Gründung sind wir zweimal umgezogen, bis wir diese Adresse gefunden haben. Den Büromöbelhersteller konnte ich überzeugen, uns die gesamte Ausstattung zu spenden.“

Lüth bittet Platz zu nehmen, neben einem Schreibtisch, der schon nicht mehr seiner ist, denn der brandenburgische Noch-Landesvorsitzende wird sich im Mai in den Ruhestand verabschieden. Mit 75. Er schwenkt langsam den Hagebuttenteebeutel in seiner Tasse. „Bald kommt das dritte Urenkelkind. Da ist es wohl Zeit, sich der eigenen Familie zu widmen.“ Freut er sich auf die Freizeit? „Man wird sich vielleicht noch neue Aufgaben suchen müssen“, meint er. „Vielleicht ein Buch schreiben …?“ Er winkt ab: Ist auch mal gut.

„Ich bin einer, der ein paar Nächte durcharbeiten kann“

An Aufgaben mangelte es bislang nie. Lüth scheint sie schneller zu sehen als andere Menschen und sich dann auch gleich reinzustürzen. Eigentlich wollte er nach der zehnten Klasse Förster werden, „aber es gab zu wenige Reviere“. Und wer weiß, wie diesem Netzwerker die einsame Arbeit im Wald bekommen wäre? Stattdessen machte er Abitur, wurde Diplom-Agrotechniker und leitete schließlich ein Trockenwerk in Herzberg, Brandenburg. Gearbeitet wurde in drei Schichten, rund um die Uhr, und auch Lüth arbeitete oft nachts – oder er fuhr nach Feierabend über Land, um nach seltenen, aber dringend benötigten Ersatzteilen zu suchen. Von zu Hause aus konnte er sehen, ob die Trocknungsanlage für Mais, Gras und Zuckerrüben lief – „ich fühlte mich 24 Stunden gebunden“. Und hat er auch mal geschlafen? „Ich bin einer, der ein paar Nächte durcharbeiten kann, wenn es drauf ankommt.“ Auch das sagt er öfter.

,,Wir müssen uns austauschen. Die Polizei muss sich als große Familie erleben."

Jürgen Lüth

Weil jeder Betrieb in der DDR ab einer gewissen Größe eine paramilitärische „Kampfgruppe der Arbeiterklasse“ für die Zivilverteilung bilden sollte, meldete sich Lüth als Freiwilliger bei der Verkehrspolizei. Ein smarter Zug: Damit war die verfügbare Belegschaft zu klein für eine Kampfgruppe, sie konnte unbehelligt ihrer Arbeit nachgehen. Und Lüth machte der Nebenjob Spaß: „Trotz der Schreckensseiten, die die Aufnahme von Unfällen haben kann.“

Er wäre schon nach dem Studium gern zur Polizei gegangen, war aber kein SED-Mitglied, sondern in der Bauernpartei. Als diese 1990 mit der CDU fusionierte, zog Lüth per Direktmandat für die CDU in den Potsdamer Landtag ein. Er war bekannt, ihn freute das Vertrauen, das die Menschen ihm entgegenbrachten, „und so habe ich mich mit ganzer Kraft und voller Begeisterung an die Arbeit gemacht“. Seine Stimme bebt fast, die Begeisterung ist immer noch da. 1992 wurde ihm der Posten des Polizeipräsidenten von Cottbus angeboten. Eine große Aufgabe. Von den 3.000 Angestellten blieben im Zuge der Umstrukturierung nur 1.500, mit denen musste er fortan „Sicherheit organisieren“. Gleichzeitig musste er sie auf etwaige Stasi-Vergangenheit überprüfen und in ein neues Rechtssystem überführen. „Man muss mit den Menschen sprechen, sie mitnehmen“, sagt er. „Und man muss jede Gelegenheit nutzen, um Wertschätzungen auszusprechen.“ An Unfallstellen habe er manches Mal angehalten und den Kollegen für ihren Einsatz gedankt.

Der Netzwerker ist Feuer und Flamme

Unterstützer fand Lüth dabei in Polizei-Führungskräften der alten Bundesrepublik, die ihm auch vom WEISSEN RING und den Aufgaben des Vereins erzählten. Als er 1993 vom damaligen Bundesvorsitzenden des Vereins, Herbert Becker, Besuch erhielt und zur Mitarbeit eingeladen wurde, war er wieder Feuer und Flamme. Lüth trat in den Bundesvorstand ein, seit 1996 ist er Landesvorsitzender. Sein erstes großes Anliegen war es, die Interessen der Menschen aus den neuen Bundesländern zu vertreten: „Die Leute hatten Jahrzehnte DDR-Politik erlebt. Viele waren durch die politischen Neuerungen eingeschüchtert. Wir mussten Vertrauen für unseren Verein schaffen!“ Lüth führte zahllose persönliche Gespräche; er fand Verbündete in den Ministerpräsidenten Manfred Stolpe und Matthias Platzeck, und er schmiedete Partnerschaften mit Vertretern von Kommunen, Sportvereinen und Kirchen. Er organisierte Medientermine und öffentliche Events, um den WEISSEN RING bekannter zu machen, und er sorgte dafür, dass jeder neue Außenstellenleiter öffentlichkeitswirksam in sein Amt eingeführt wurde. Landräte, Bürgermeister und die Präventionsbeauftragten der Polizei waren dabei oft an seiner Seite.

,,Wir mussten Vertrauen für unseren Verein schaffen!"

Jürgen Lüth

Lange Zeit vergeblich kämpfte Lüth um den Aufbau von Trauma-Ambulanzen in Brandenburg. Dass es keine gab, ärgerte ihn sehr. Menschen, die zum Opfer von Gewalt und anderen Verbrechen wurden, brauchen psychologische Betreuung, sofort, selbst wenn sie recht stabil wirken. Denn posttraumatische Belastungsstörungen können auch später auftreten und lange wirken. Erst seit 2021 schreibt das Bundesgesetz vor, dass Trauma-Ambulanzen überall bereitstehen müssen.

Womöglich war es ihm auch deshalb ein Bedürfnis, selbst Opfer zu beraten und ihnen beizustehen, auch wenn dies nicht zu den Aufgaben eines Landesvorsitzenden gehört. Im Fall Ulrike B. zum Beispiel, der ihm sehr naheging. 2001 war die Zwölfjährige aus Eberswalde entführt, missbraucht und ermordet worden. Er sprach mit den Eltern, arbeitete mit im Team der Trauerbewältigung – „das heißt, viel Zeit mitbringen, zuhören können. Auch mal eine Hand halten.“

Zusammenhalt. Den braucht es nicht nur in solch entsetzlichen Einzelfällen, die ganze Gesellschaft benötigt ihn. Lüth sah mit Sorge, wie sich die festen Bindungen auflösten, die er zu DDR-Zeiten schätzte. An die Stelle enger Netze traten Vereinzelung und Wegschauen, gleichzeitig brachen Hass und Gewalt hervor. Die rechtsextremen Krawalle in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda erlebte er als Polizeipräsident Anfang der Neunziger – auch Cottbus war da in Alarmbereitschaft.

Als gelte es, sich dieser Entwicklung mit aller Kraft entgegenzustemmen, organisierte Lüth in den folgenden Jahren unermüdlich: das bürgerliche Miteinander im Freundeskreis für Lübben, den er gleich nach der Wende mitgegründet hatte. Die Arbeit der Deutschen Gesellschaft, dem überparteilichen Bürgerverein zur Förderung politischer, kultureller und sozialer Beziehungen in Deutschland und Europa, in dem er den Vorstandsposten von Angela Merkel übernahm. Und als Mitglied den Sicherheitsausschuss des Brandenburger Landesfußballverbands. Bis heute ist er Sicherheitsbeauftragter beim FC Energie Cottbus, der zu Erstliga-Zeiten bis zu 22.000 Fans in sein Stadion zog, darunter auch immer Hooligans und Neonazis. Hat er mal die Nerven verloren, wenn es hoch herging? „Nein“, sagt Lüth. Doch ein Böller habe ihm mal schwer den Fuß verletzt.

Immer alles richtig gemacht?

Ist er selbst Cottbus-Fan? „Ich bin überhaupt kein Fußballfan!“ Er singt auch nicht, und doch hat er Brandenburgs Polizeichor gegründet. Er musiziert nicht, eine Polizeiorchester-Parade hat er dennoch ausgerichtet. Und obwohl er auch kein Radsportler ist, organisiert er seit mehr als 25 Jahren Touren für Polizisten, Bürgermeister, Staatsanwälte aus verschiedenen Ländern, unter dem Motto „Wir radeln für Völkerverständigung“. Warum das alles? Freude bereiten, Zusammenhalt fördern. „Wir müssen uns austauschen. Die Polizei muss sich als große Familie erleben.“

Im März 2019 wurde ihm für seine Verdienste beim WEISSEN RING und in den anderen Ehrenämtern das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Ist er stolz auf das, was er erreicht hat? „Ja“, sagt Lüth mit fester Stimme. Und die eigene Familie, wo blieb die bei all dem Engagement? Die, meint er nachdenklich, musste wohl zu oft ohne ihn auskommen. „Vielleicht hat man da doch nicht immer alles richtig gemacht.“

Jetzt kommt die Zeit, das zu ändern. Auch wenn die Sorge um die Gesellschaft ihn wohl niemals loslassen wird. Brutalität nimmt weiter zu, weltweit in Form von Kriegstreiberei und nationalistischem Machthunger. Und hinter mancher Wohnungstür als häusliche Gewalt. Übergriffe auf Polizistinnen, Polizisten und andere Menschen in Uniform werden immer aggressiver. Gleichzeitig sind Zeugen weniger bereit, einzugreifen. Die Angst der Zeugen kann er ein Stück weit nachvollziehen: „Die Menschen fürchten sich vor Rache.“ Er kennt sie selbst, die anonymen Gewaltandrohungen, die Menschen erhalten, die sich engagieren. Hat er selbst auch Angst? „Nein“, sagt Lüth. „Man gibt ja immer sein Bestes“, sagt er. „Trotzdem können wir nicht verhindern, dass manche Menschen Böses tun.“

„Wir müssen uns auf die Menschlichkeit konzentrieren“

Erstellt am: Samstag, 19. Februar 2022 von Torben

„Wir müssen uns auf die Menschlichkeit konzentrieren“

Serpil Temiz Unvar verlor ihren Sohn Ferhat Unvar durch den rassistischen Anschlag am 19. Februar 2020 in Hanau. Mit der von ihr gegründeten „Bildungsinitiative Ferhat Unvar“ will sie unter anderem über institutionellen Rassismus aufklären, aber auch Politik und Gesellschaft wachrütteln.

Foto: Bildungsinitiative Ferhat Unvar

Frau Unvar, die Opfer in Hanau, sagten Sie nach dem Anschlag, sollen nicht umsonst gestorben sein. Was sind wir ihnen schuldig?

Unsere Kinder sind wegen der Herkunft ihrer Eltern gestorben. Weil wir Migranten sind. Der Täter hat gezielt migrantisch aussehende Menschen getötet. Es hätte jeden von uns mit schwarzen Haaren treffen können. Es hätte auch ich sein können. Alle der Gestorbenen waren jung, hatten gerade ihre Ausbildung beendet oder einen neuen Job. Sie standen alle mitten im Leben. Der Täter hat ihnen die Chance genommen, ihr Leben zu leben. Die Chance auf eine Familie, auf den Einstieg in den Beruf. Sie sind gestorben, weil unsere Gesellschaft ein tiefgreifendes, strukturelles Rassismusproblem hat.

Wir schulden es unseren ermordeten Kindern, dieses Problem zu lösen. Wir schulden es unseren ermordeten Kindern, das Problem zu benennen und die Strukturen zu entlarven. Wir schulden es unseren Kindern, jeden Tag dafür zu kämpfen und die Umstände aufzudecken. Und wir schulden es unseren Kindern, dafür zu kämpfen, dass ihre Namen in Erinnerung bleiben. Dass niemand vergisst, was hier in Hanau passiert ist. Dass niemand vergisst, warum sie hier ermordet wurden. Und wir schulden es unseren Kindern, dafür zu kämpfen, dass keinen weiteren Kindern aus rassistischen Motiven die Zukunft geraubt wird und nie wieder eine Mutter um den Verlust ihres Kindes weinen muss. Der Tod meines Sohnes soll das Ende der rassistischen Gewalt sein. Er soll der Anfang einer neuen, besseren Zeit sein.

Setzt Deutschland diese Forderung ausreichend um?

Nein. Es war ziemlich direkt nach der Tat klar, dass wir, die Familien, aber auch die migrantische Community, uns selbst organisieren müssen. Dass wir selbst Gerechtigkeit und Veränderung einfordern müssen. Wir, die Familien, ermitteln, recherchieren und organisieren. Wir haben viele Fragen gestellt und haben bisher keine richtigen Antworten bekommen. Wir haben Fehler aufgezeigt und warten bis heute auf eine Entschuldigung, zum Beispiel seitens der Polizei, die in der Tatnacht den Notruf nicht richtig besetzt hatte. Es gibt viele offene Fragen – und keine Bereitschaft, uns Antworten zu geben. Unsere Gesellschaft hat sich irgendwie daran gewöhnt, dass wenn Menschen, die migrantisch gelesen werden, ermordet werden, es einen kurzen Aufschrei gibt und dann wieder Stille herrscht. Man hat sich daran gewöhnt, dass sich nur die migrantische Community selbst dafür interessiert. Und mehr als eine kurze Betroffenheit ist oft nicht zu erwarten.

Aber wir sind nicht mehr still. Wir, gemeinsam mit anderen Initiativen und Organisationen, die diesen Kampf beginnen mussten, sind nicht mehr leise. Wir solidarisieren uns und wir profitieren von der Arbeit, die vor uns geleistet wurde. Nur gemeinsam sind wir stark.

Denken Sie, dass wir als Gesellschaft versagt haben?

Ich weiß nicht, ob wir unbedingt als Gesellschaft versagt haben. Es gibt viele gute Menschen, Einrichtungen und Organisationen. Aber viele staatliche Organe haben versagt. Die Behörden haben versagt. Sie haben die Gefahr, die vom Täter ausging, nicht erkannt. Sie haben nicht rechtzeitig gehandelt. Warum, zum Beispiel, hatte dieser Mann ganz legal einen Waffenschein, obwohl er sich auffällig verhalten hatte und bereits der Polizei bekannt war?

Was also müssen wir ändern – was erwarten Sie von unserer Gesellschaft?

Wir müssen die Dinge beim Namen nennen. Wir müssen Rassismus benennen und wir müssen rassistische Strukturen benennen, erkennen und abbauen. Ich erwarte, dass alle Menschen die Bereitschaft zeigen, sich weiterzuentwickeln. Dass die Gesellschaft als
solche die Bereitschaft zeigt, sich selbst und die eigenen Strukturen zu hinterfragen. Wir müssen rassistische Denkmuster und Einstellungen entlarven und als solche benennen. Es erfordert die Bereitschaft aller, wenn wir rassistische Denkweisen auf Dauer entkräften wollen.

Ich erwarte, dass Initiativen und Bildungseinrichtungen, wie die „Bildungsinitiative Ferhat Unvar“, die ich gegründet habe, unterstützt werden. Ich erwarte, dass antirassistische Bildungsarbeit staatlich gefördert wird.

Wie lang, glauben Sie, ist der Weg, den wir noch gehen müssen, bis sich wirklich etwas ändern wird?

Der Weg ist lang, aber wir müssen ihn gehen. Und ich habe Hoffnung. Leider mussten viele Familien vor uns diesen Weg schon gehen. Haben vor uns schon gekämpft. Aber wir haben es mit einer neuen Generation zu tun. Die Generation meines Sohnes ist anders. Seine Freunde und Freundinnen begreifen sich anders.

Während in meiner Generation die kulturellen Unterschiede noch eine starke Rolle zu spielen scheinen, ist es für die Generation meines Sohnes eigentlich kein Thema mehr. In seinem Freundeskreis ist es egal, woher jemand kommt. Ferhat war mit ganz verschiedenen
Menschen befreundet, für ihn zählte das Menschsein, nicht die Herkunft. Und ich glaube, es geht vielen jungen Menschen seiner Generation so. Die Herkunft wird immer unwichtiger und was zählt, ist die Menschlichkeit.

Und genau das ist der Weg, den unsere Gesellschaft gehen muss. Wir müssen uns auf die Menschlichkeit konzentrieren.

Unser Buch heißt, passend dazu, „Menschen“. Was hat Ferhat als Menschen ausgemacht?

Ferhat war ein sehr begabtes Kind mit vielen Interessen. Er interessierte sich sehr für Mathematik und Philosophie und er las sehr gerne. Er war ein tiefgründiger Mensch, der sich gerne über Gott und die Welt unterhalten und viele Dinge hinterfragt hat. Er hat sich mit allen Menschen verstanden, egal welchen Alters und welcher Herkunft. Er konnte mit jedem Menschen auf Anhieb ins Gespräch kommen. Er war immer freundlich und lustig und hat seine Freunde immer zum Lachen gebracht.

Er konnte aber auch sehr ernst sein und hatte für alle Freunde und seine Geschwister immer ein offenes Ohr und hat ihre Probleme gelöst. Innerhalb weniger Sekunden konnte er von lustig auf nachdenklich umschalten. Aber nicht jeder kannte seine nachdenkliche Seite, die meisten kannten ihn als unglaublich lustigen Typ, der alles und jeden aufs Korn nehmen konnte.

Obwohl Ferhat ein so offener Mensch war, hatte er auch viele Probleme, die ihn stark belasteten. Er hatte viele Probleme mit der Schule, besonders mit der Schulpolitik. Er war der Meinung, dass die Schulleistung nichts über die Intelligenz eines Menschen aussagt. Er musste in der Schule immer kämpfen und er musste sich oft Aussagen anhören wie zum Beispiel: „Du wirst nie etwas schaffen.“ Diese Aussagen nahmen ihm die Motivation weg. Trotzdem hat er nie aufgegeben und hat seine Ausbildung geschafft. Er hat nach dem Abschluss aber nicht gefeiert, weil für ihn die Schule ein Problem war, das er lösen musste.

Deswegen habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, antirassistische Bildungsarbeit zu machen. Ich will Ferhats Problem lösen. Nicht nur für Ferhat, sondern für alle Kinder, die mit solchen Problemen konfrontiert werden.

Was können wir alle von Ferhat lernen?

Ferhat war ein offener Mensch und seine Offenheit ist etwas, was ich mir für unsere Gesellschaft wünsche. Unvoreingenommen und vorurteilsfrei. Man konnte von ihm viel über Nächstenliebe und das Menschsein lernen. Und Ferhat hat nie aufgeben, egal wie schwer seine Situation war, er hat immer weitergekämpft. Ferhat war ein Kämpfer. Ich nehme meine Kraft von ihm. Ich kämpfe für ihn weiter, ich kämpfe seinen Kampf weiter. Für Ferhat, für Hanau und für eine bessere Zukunft für uns alle.

Am 19. Februar 2020 ermordete ein 42-jähriger Mann aus Hanau (Hessen) in seiner Heimatstadt neun Menschen mit Migrationshintergrund. Dies sind ihre Namen:

Ferhat Unvar
Gökhan Gültekin
Sedat Gürbüz
Said Nesar Hashemi
Mercedes Kierpacz
Hamza Kurtović
Vili Viorel Păun
Fatih Saraçoğlu
Kaloyan Velkov

Nach diesen Morden erschoss der Täter seine Mutter Gabriele R. und sich selbst. Der psychisch gestörte Mann hatte zuvor sein rassistisches, islamfeindliches, antisemitisches und von Verschwörungstheorien geprägtes Weltbild im Internet verbreitet.

Dieser Text ist ein Abdruck aus dem Buch „Menschen – Im Fadenkreuz des rechten Terrors“, das zu der gleichnamigen Ausstellung des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv erschienen ist. Der WEISSE RING unterstützt die Ausstellung.

Wie der WEISSE RING nach der Flut im Ahrtal hilft

Erstellt am: Mittwoch, 16. Februar 2022 von Sabine

Wie der WEISSE RING nach der Flut im Ahrtal hilft

Am 14. Juli rast die Flut durch das Ahrtal, mehr als hundert Menschen sterben, ganze Dörfer sind verwüstet. Auch Opferhelfer des WEISSEN RINGS wurden zu Betroffenen. Seitdem organisiert Außenstellenleiter Gerd Mainzer den Ausnahmezustand in seinem Heimatdorf. Wie gelingt ihm das?

Als die Flut kam, stand für Gerhard Mainzer fest: Er muss helfen, mit anpacken.

Als Betrüger wäre Gerd Mainzer eine große Nummer. Nach wenigen Minuten würde man ihm Passwörter, Autoschlüssel und die eigenen Kinder anvertrauen. Ein 66-Jähriger mit gepflegten grauen Haaren, der nüchtern und interessiert zugleich durch seine Brille, Typ Kassengestell, blickt. Zum Glück ist Gerd Mainzer kein Betrüger. Was er allerdings an diesem Tag gerade ist, das ist gar nicht so einfach zu sagen. Pensionierter Leiter einer Polizeiwache? Außenstellenleiter des WEISSEN RINGS? Stadtbeauftragter der Malteser Bonn? Gerd? Jedenfalls auch einer, der sich freut, dass der Apfelschnitz so „schön sauer“ schmeckt.

Fest steht schon mal, wo er an diesem Vormittag ist: Walporzheim, Rheinland-Pfalz. Ein Dorf mit nicht mal 700 Einwohnern, das zu Bad Neuenahr-Ahrweiler gehört. Es ist einer der guten Herbsttage, der Himmel ist blau, auf der einen Seite die Weinberge, auf der anderen die bewaldeten Hügel. Mainzer steht zwischen einem großen weißen Zelt und der Dorfkirche und plaudert mit einigen Bewohnern. Er ist angezogen wie für einen Katastropheneinsatz: Jacke mit viel Orange und reflektierenden Streifen, Cargo-Hose, schwere Schuhe, die Arbeitskleidung der Malteser. Nur der Rucksack verleiht ihm etwas Jugendliches. Ein Modell, das man auf eine leichte Wanderung mitnehmen würde. Er möchte aber bloß seine Runde durch den Ort machen. Noch ist er nicht aufgebrochen, da sagt schon einer über ihn: „Er war einer der Ersten mit Uniform hier.“

,,Alle haben sich irgendwo eingebracht."

Gerhard Mainzer

Lang her ist die Katastrophe noch nicht. Am 14. Juli erhält Mainzer gegen 22 Uhr einen Anruf seiner Schwester aus Walporzheim. Sie wohnt im Elternhaus, er knapp 50 Kilometer entfernt in Königswinter bei Bonn. Das Wasser stehe im Erdgeschoss, sagt die Schwester, der Hund wolle nicht hochkommen in die erste Etage und das Handy sei auch bald leer. Der Strom sei ausgefallen. Nachts schickt sie eine SMS. Vor dem Haus hänge eine Frau im Baum. Dann erreicht Mainzer seine Schwester nicht mehr. Hinfahren ist unmöglich. Wie denn auch? In den Nachrichten ist zu erfahren, dass keine Region so stark vom Regen betroffen ist wie der Landkreis Ahrweiler. 134 Menschen sterben durch das Hochwasser, eine tote Frau wird erst in Rotterdam aus dem Wasser gezogen. Wie hoch die Ahr am Ende stand, weiß niemand, weil die Messgeräte dafür nicht ausgelegt waren. Schätzungen gehen von mehr als sieben Metern aus, doppelt so viel wie der bisherige Höchststand von 2016. 17.000 Häuser sollen verlorengegangen sein oder erhebliche Schäden erlitten haben. Nach ein paar Tagen schafft es Mainzer mit dem Auto bis in seinen Heimatort, die Schwester lebt, aber überall ist Chaos. Es gibt Fotos von Walporzheim nach der Flut, die aussehen, als habe jemand am Computer einen Müllberg in die Straße hineinkopiert – allerdings einen Müllberg, in dem Autos stecken. Für Mainzer steht fest: Er muss helfen. Im Auftrag der Malteser baut er als Ehrenamtler die nächsten Wochen eine medizinische Versorgung auf. Die erste Zeit fährt er fast täglich ins Dorf, 760 Arbeitsstunden in drei Monaten, schätzt er. Gegenüber dem großen weißen Zelt, in dem Helfer und Bewohner kostenlos essen können, steht nun ein Container, der mit einem Sanitäter besetzt ist.

Vor Ort vermischen sich seine verschiedenen Ehrenämter beim WEISSEN RING und bei den Maltesern schon mal.

Wer mit Mainzer durchs Dorf geht, stellt schnell fest, dass die Flut zwar durch ist, das Thema Flut aber noch lange nicht, auch wenn sich die Öffentlichkeit mehr als drei Monate danach wieder anderen Themen zugewandt hat. So vieles ist noch immer nicht wie vorher. Züge fahren erst mal keine. Es gibt Häuser, die bereits von außen völlig zerstört aussehen, es gibt Lücken, in denen mal Häuser standen, Fassaden sind mit Schlamm bespritzt. Man wird in Walporzheim kein Erdgeschoss finden, das nicht betroffen ist. Die meisten stehen noch leer. Alle Weinlokale sind geschlossen.

Obwohl Mainzer die Flut nicht selbst gesehen hat, weist er beim Rundgang regelmäßig daraufhin, wie hoch das Wasser in diesem und jenem Haus gestanden hat – ein Zeichen dafür, wie sehr sich die vergangenen Monate bei ihm eingeprägt haben. Er läuft vorbei an einer provisorischen Tür, auf der steht „We Ahr Together“, unterschrieben von sehr vielen Menschen. Auch sein Name steht da irgendwo mit drauf. Er betritt das Gemeindehaus, das früher mal eine Grundschule war, seine Grundschule. Hier werden Sachspenden gesammelt und ausgegeben. Von Dosensuppe bis zu alten Schuhen gibt es hier alles. Kinderkleidung haben sie viel zu viel. Gebraucht werden gerade besonders Taschenlampen, Kaffeepulver und Spülmittel. Eine Frau fragt Mainzer nach Trocknern. Er kümmert sich, verspricht er. Ein paar Minuten später erreicht er den Platz, an dem gerade das winterfeste Versorgungszelt aufgebaut wird. Bald bekommt er hier sein eigenes Büro, einen Container, momentan organisiert er seine Projekte noch „vom Rucksack“ aus, wie er sagt. Der Container sollte längst da sein. Er ärgert sich.

Vor einem Haus fragt er ein altes Paar, ob sie ihr Geld schon bekommen haben. Ja, haben sie. „Es wird“, sagt die Frau zum Abschied. Das Geld, das ist die Soforthilfe von 2.500 Euro, die jedem vom Hochwasser betroffenen Haushalt auf Antrag bei diversen Hilfsorganisationen zusteht. Mainzer hat auch die besucht, die es nicht zur Info-Veranstaltung geschafft hatten. Da hilft es, wenn man die Leute kennt. Wenn er auf Bekannte trifft, verändert sich seine Sprache. Mit Fremden spricht er eher formell. Fragt man Mainzer nach den Toten und ob sie ertrunken oder von Bäumen oder Autos erschlagen wurden, sagt er: „Tot waren sie halt.“ Was soll die blöde Frage?, heißt das. Das ändert sich, wenn er mit den Leuten aus dem Dorf spricht. Dann wird er lockerer, weicher. „Na, wie isset?“ In Walporzheim ist er immer auch Walporzheimer.

,,Das, was die Leute berichten liegt ihnen am Herzen und belastet sie. Wenn ich helfen kann, tue ich das."

Gerhard Mainzer

Er erreicht nun die Ahr, das Ufer ist aufgerissen. Hier steht nicht nur ein großes Zelt, in dem ein für die Bewohner kostenloser Baumarkt untergebracht ist, sondern auch ein Containerdorf für Helfer. Verantwortlich dafür ist ein Gartenbauunternehmer aus Hessen. Und genau dem läuft Mainzer jetzt über den Weg. Mit einem weiteren Mann geht dieser gerade durch den Ort und verteilt Geld und Gutscheine, die sie in einem Korb tragen. Ob er noch Leute kenne, die Bedarf hätten? Mainzer will darüber nachdenken. Er lässt sich nicht anmerken, dass ihm der Mann nicht ganz geheuer ist. Er findet es eher ungeschickt, die Zuwendungen zu verteilen wie der Weihnachtsmann. Mainzer will da nicht falsch verstanden werden, die Helfer von außen waren wichtig für den Ort. Überall hängen Dankesplakate an Zäunen und Fenstern. Doch er findet, so allmählich müsse das Dorf wieder mehr für sich selbst sorgen. Der Gartenbauunternehmer ist ein ganz anderer Helfer-Typ als Mainzer. Herr Hartmann trägt einen Kapuzenpullover mit dem Aufdruck „Mach es wie die Hartmanns – sei ein HARTmann!“ Man hat ihm auch eine lebensgroße Holzfigur geschnitzt und eine provisorische Straße im Containerdorf nach ihm benannt. Mainzer, der ohnehin eher aussieht wie in Stein gehauen, hätte den Leuten vermutlich einen Vogel gezeigt. Später wird ein Schreiner Mainzer erzählen, bei ihm hätten die Helfer schon Unkraut pflücken wollen. Bei einem anderen hätten sie die Kieselsteine gereinigt.

Auch Mainzer erzählt gern von dem, was er leistet. Später auf der Rückfahrt hört man die Geschichten aus seiner Zeit als Polizist, Erster Hauptkommissar war er, mehr geht nicht im gehobenen Dienst. Wie er über den Zugriff bei einer Kindesentführung entscheiden musste. Wie er einen Kaiserschnitt anordnete, um Leben zu retten. Wie er einer Frau 50 Mark lieh, die gerade Pfandgeld gestohlen hatte, aber Essen für ihre Kinder brauchte. Der Kollege sagte, das Geld sehe er nie wieder. Er sah es wieder. Solche Dinge erzählt er aber eher weniger, um damit anzugeben, sondern um einen Punkt zu machen: Dass er schwierige Entscheidungen treffen kann. Dass er Vertrauen in Menschen hat.

Hört zu: Außenstellenleiter Gerd Mainzer.

Wenn Mainzer durch sein Heimatdorf geht, trägt er zwar die Uniform der Malteser, aber er ist auch immer Außenstellenleiter des WEISSEN RINGS Ahrweiler. Das Telefon hat er immer dabei. „Das ist ja ein Mobiltelefon“, sagt er trocken. 2018 übernahm er den Posten, ein Jahr nach seiner Pensionierung. Wie leitet man nun eine Beratungsstelle für Kriminalitätsopfer, wenn plötzlich ganz andere Opfer im Vordergrund stehen, die Betroffenen der Flut? Am Tag zuvor hat er eine Videokonferenz mit seinen Leuten gemacht, um zu schauen, wie die Lage bei ihnen ist. Nach dem Hochwasser dauerte es eine Weile, bis er alle 15 überhaupt erreicht hatte. Betroffen waren sie alle irgendwie. Am schlimmsten der Mitarbeiter, der sein Haus verlor. Wen es selbst nicht so stark erwischt hatte, kümmerte sich um Familienangehörige, half im eigenen Ort mit. „Alle haben sich irgendwo eingebracht“, sagt Mainzer. Zum Beispiel jene Mitarbeiter, die das Glück haben, auf einem Berg zu wohnen. Sie kochen nun für alle, die dazu gerade nicht in der Lage sind. Die Hilfe vor Ort hatte Vorrang vor der Arbeit für den WEISSEN RING. Mainzer versteht das. Wer sich ehrenamtlich engagiert, neigt dazu, sich auch dann zu kümmern, wenn es an anderer Stelle Probleme gibt.

Auch mehr als drei Monate später stehen Mainzer nur zwei bis drei Helfer wieder so zur Verfügung wie vor dem Hochwasser. Die Anrufe hatte ohnehin immer er entgegengenommen, dann die Fälle aber häufig weiterverteilt. Im Juli wurde klar, dass er sich bis auf weiteres allein um die Fälle kümmern musste. „Ich war ja eh hier.“ Auch wenn er mal nicht ans Telefon gehen kann, zurückgerufen hat er immer innerhalb von 24 Stunden, sagt er. Auch wenn die Not, die er selbst vor Augen hatte in Walporzheim, häufig größer war. Man müsse es halt bearbeiten – auch dann, wenn es „nur“ um Betrug geht. „Schlimmer geht immer. Aber das, was die Leute berichten, liegt ihnen am Herzen und belastet sie. Wenn ich helfen kann, tue ich das. Es gibt aber Fälle, die so lebensfremd sind, die lehne ich ab.“ In den vergangenen Monaten hat es aber auch schwere Fälle gegeben, ein Tötungsdelikt, 16 Messerstiche, das Opfer überlebte schwerverletzt. Eine Flut-Helferin wurde vergewaltigt.

Einige Straftaten wurden durch die Flut begünstigt. Einmal warnten Betrüger vor dem nächsten Hochwasser, damit die Leute die Häuser verließen und sie in Ruhe die Wertgegenstände rausräumen konnten. Es gibt auch Betrüger, die den Anschein erwecken, sie würden kostenlos bei Reparaturen helfen, und dann erhöhte Rechnungen ausstellen. Das Hochwasser bringt bei manchen auch verdrängte Traumata wieder hoch. Da kann es sein, dass Mainzer jemanden in seiner Funktion als Malteser besucht, und dann geht’s plötzlich nicht nur um die Soforthilfe. „Da brach alles über die Frau herein, und sie sagte: ‚Jetzt weiß ich gar nichts mehr.‘ Dann schalte ich auf WEISSER-RING-Modus um und dann ist das so.“

,,Ich bin nicht erstaunt, dass ich das geschafft habe. Ich traue mir das schon zu. Meine Aufgabe ist es zu organisieren."

Gerhard Mainzer

Mainzer hat Erfahrungen mit Katastrophen, „aber nicht mit so einer Katastrophe. Solche großen Katastrophen kennt niemand.“ Dennoch sagt er: „Ich bin nicht erstaunt, dass ich das geschafft habe. Ich traue mir das schon zu. Meine Aufgabe ist es zu organisieren.“ Situationen nicht zu sehr an sich heranzulassen, das gehört zu den wichtigsten Fähigkeiten eines Helfers – aber wie will man das machen, wenn die Heimat, wenn Freunde und Familie betroffen sind? Das war auch für Mainzer eine besondere Belastung. Er hat geweint, aber nicht hier vor Ort als Helfer, dafür ist er zu professionell. Seine Frau hat ihn schon mal gebeten, jetzt nicht wieder nach Walporzheim zu fahren. Nicht weil sie den Einsatz in Zweifel zieht, sondern bloß, weil es ihr zu viel erschien. Dann blieb er zu Hause.

Was er jetzt im Ort macht, dafür nutzt er zwar nicht die Mittel des WEISSEN RINGS, sondern der Malteser, aber es ist ganz im Sinne des WEISSEN RINGS: Prävention. Die Leute haben Schlimmes erlebt und überlebt. Das hinterlässt Spuren. Deshalb hat jetzt Bolle seinen Auftritt. Labrador Bolle ist ein sogenannter BBD-Hund, BBD steht für Besuchs- und Begleitdienst. Mainzers Idee ist, dass man in Anwesenheit eines Hundes leichter mit Menschen ins Gespräch kommt, die schwerer zu erreichen sind: alte Menschen, Kinder zum Beispiel. Zusammen mit Besitzerin Birgit Buchloh besuchen sie am Freitagnachmittag das Altenheim. Im Erdgeschoss wird noch renoviert, in der ersten Etage sitzt eine Frau auf dem Balkon und raucht. Wer sich fragt, was ein Hund denn ausrichten könne, sollte sich das unbedingt einmal anschauen. Der eben noch sehr stürmische Bolle wird ruhig. Nach wenigen Minuten überlässt Buchloh der Rentnerin die Leine, der Hund legt sich hin. Sie drückt der Frau noch ein paar Leckerli in die Hand. Ein zweiter Bewohner setzt sich dazu, nimmt auch mal den Hund, dasselbe Spiel. Viel geredet wird nicht, Mainzers Fragen werden mit höchstens einem Satz beantwortet. Aber da ist plötzlich so eine Art Frieden in einem Ort, der noch lange nicht zur Ruhe kommt. Für den nächsten Besuch vereinbaren sie einen Spaziergang mit Hund.

Mainzer macht sich Sorgen, weil jetzt der Winter kommt. Ausgerechnet in der Zeit, in der es kälter und dunkler ist, müssen die Überlebenden mit den psychischen Folgen umgehen. Viele haben noch keine neue Heizung, können das Erdgeschoss nicht nutzen, kämpfen um ihre Existenz. Manche sitzen allein zu Hause. Die Leute hätten sich schon gegenseitig geholfen, sagt Mainzer, aber er beobachte, dass nun auch die Konflikte losgehen. Warum hat mein Nachbar mehr als ich, woher hat er den Trockner? Belastungen, die zur Gefahr werden können. Häusliche Gewalt und Kindesmissbrauch hätten während der Pandemie zugenommen in der Region, sagt Mainzer. Was nach der Flut passiert ist, da fehlen ihm noch die Zahlen. Deshalb sind Projekte wie der Begleithund gut. Er, der vor seiner Zeit als Polizist Kindergärtner war, ist auch mit Kindern in die Reithalle gegangen. Treffpunkte wie die Kirche will er wieder beleben. Die Leute sollen nicht gezwungen sein, zu Hause zu hocken. Dafür nutzt er auch die Kontakte des WEISSEN RINGS. Wenn er zum Beispiel beim Jugendamt anruft, sagt er: Sie kennen mich vom WEISSEN RING, aber heute rufe ich als Malteser an.

Am späten Nachmittag kehrt Mainzer zurück auf den Zeltplatz. Schon ist wieder sein Typ gefragt. Eine Frau sucht eine neue Wohnung, die alte ist wegen des Hochwassers gerade nicht bewohnbar. Sie will unbedingt hier bleiben, damit die Tochter nicht die Schule wechseln muss. Sie klingt verzweifelt, beginnt zu weinen. Mainzer sagt gar nicht viel, aber er verspricht sich umzuhören. Die Frau schreibt ihren Namen und ihre Telefonnummer auf seinen Notizblock. Fragen kann er zum Beispiel die Ehrenamtlerin, die auch beim WEISSEN RING arbeitet und sich in der Gegend momentan um Wohnraum für Flutopfer kümmert. Den Antrag auf Soforthilfe hat die Frau auch noch nicht ausgefüllt. Kann sie gleich hier machen. Mainzer setzt sich mit ihr auf eine Bank. Zum Abschied umarmt sie ihn, und zum ersten Mal an diesem Tag wirkt Mainzer ein klein wenig unbeholfen.

Hilfe nach dem Horror

Erstellt am: Mittwoch, 8. Dezember 2021 von Sabine

Hilfe nach dem Horror

Ein Mann ermordet in Würzburg drei Frauen mit einem Messer. Die Tat bestürzt das ganze Land: Hätte sie verhindert werden können? In unserem Portrait stellen wir zwei Helfer vor, die viel für die Opfer und die Angehörigen getan haben.

Nach der Tat: Würzburg trauert. Foto: Nicolas Armer/dpa

Die Küchenmesser im Kaufhaus „Woolworth“ in der Würzburger Innenstadt liegen nicht mehr in der Auslage. Das ist zumindest eine beruhigende Veränderung. Denn an dieser Stelle hatte sich im Sommer 2021 ein wohl 24 Jahre alter Geflüchteter aus Somalia von der Verkäuferin die Ware zeigen lassen, um dann mit einem Messer mit langer Klinge wild um sich zu stechen. Drei Frauen kamen ums Leben, ein zwölfjähriges Mädchen und vier weitere Personen wurden schwer verletzt. Das beherzte Eingreifen von Passanten verhinderte, dass noch mehr Menschen zu Schaden kamen.

Der Amoklauf sorgte deutschlandweit für Bestürzung, die Anteilnahme für die Opfer war enorm: Die Spenden erreichten sechsstellige Summen. Alois Henn vom WEISSEN RING in Würzburg bekam die Nachricht von der Tat noch am Abend mitgeteilt, die folgenden drei Wochen verbrachte er am Schreibtisch. Es ging um schnelle Hilfe, um Koordination und Kooperation zwischen den beteiligten Stellen – zum Schutz der Opfer und Angehörigen. Es wurde eine Herkulesaufgabe, doch Henn und Außenstellenleiter Martin Koch sind seit Jahrzehnten an Ausnahmefälle gewöhnt.

Nicht über Pensionierung gefreut

Bei einem Treffen in diesem Herbst trägt Henn einen schwarzen Hut, Koch eine helle Cap und beide kariertes Hemd unter ihren Pullovern. Sie erzählen ausführlich und pointenreich von ihrem Leben – aber auch von den dunklen Tagen nach der Würzburger Tat. Wenn man die beiden agilen Ehrenamtler so beobachtet, kommt man gar nicht auf den Gedanken, in welch hohem Alter sie sich noch derart engagieren: Henn zählt 79 Jahre, Koch sogar 85.

Sie mussten lernen, die Perspektive zu wechseln: die ehemaligen Polizisten und heutigen Opferhelfer Martin Koch (links) und Alois Henn. Foto: Ron Ullrich

Neben dem augenscheinlichen Faible für Kopfbedeckungen eint sie noch die gemeinsame Biografie als ehemalige Polizisten: Koch war Leiter der Mordkommission in Würzburg. Er wurde mit 60 Jahren pensioniert und war einer der wenigen Arbeitnehmer in Deutschland, die sich über die Rente nicht gefreut haben. Er wollte weiter aktiv sein,  und so schloss er sich 1997 dem Team des WEISSEN RINGS an. Dabei wurde er auch zu einer Art Botschafter: Er allein soll 300 Personen als Mitglieder zum WEISSEN RING gebracht haben. Koch, der in diversen Klubs vom Radfahren bis zum Wandern unterwegs ist, leistete Überzeugungsarbeit. Sein Kollege Henn scherzt: „Wenn er mit einer Gruppe im Bus unterwegs war, ist er nie ohne neue Mitglieder zurückgekommen.“

Auch Alois Henn kam zum WEISSEN RING, weil ihn Koch nach dessen Pensionierung 2003 anwarb. Von 1962 an hatte er zuvor bei der Polizei gearbeitet, aus eigenem Antrieb sogar die Stationen gewechselt, um überall Neues zu entdecken: So war er bei der Einsatzleitung, der Autobahnpolizei, dem Unfallkommando, als „Operator“ im Einsatz und später im Rechnungswesen. „Ich habe alle Sparten kennengelernt.“ Heute, nach seiner offiziellen Dienstzeit, bekleidet Henn so viele Ehrenämter, dass er sie gar nicht alle aufzählen kann. So ist er unter anderem Ehrenvorsitzender des Polizeichors und des Sängerkreises Würzburg. Im September wurde er für sein Engagement mit dem Ehrenzeichen des Bayerischen Ministerpräsidenten ausgezeichnet.

Täter mit Opfer-Perspektive konfrontiert

Die beiden Mitarbeiter vom WEISSEN RING haben also jahrelange Erfahrung gesammelt, zeichnen sich durch ihr Engagement und ihre Begeisterungsfähigkeit aus – und wer an Astrologie interessiert ist, mag diesen Zufall als weitere Erklärung für ihre Gemeinsamkeiten anführen: Beide wurden am 9. Juni geboren – Koch im Jahr 1936, Henn 1942.

Beim WEISSEN RING mussten sie erst einmal lernen, die Perspektive zu wechseln. Die Polizei sieht Opfer zunächst einmal als Zeugen einer Straftat an, in ihrer heutigen Tätigkeit rückt die Opferperspektive in den Mittelpunkt. „Ich wäre zu meiner Zeit bei der Polizei froh gewesen, wenn ich vom WEISSEN RING gewusst hätte“, sagt Koch. Für Henn ist eine Wechselwirkung entscheidend: In den Gesprächen zeigt er Empathie, muss gleichzeitig die Sympathie seines Gegenübers erlangen, damit das Gespräch vertrauensvoll und tiefergehend ablaufen kann. „Ich stelle mir die Fragen: Was ist passiert? Wo liegt der Schaden? Und wie kann ich helfen?“ Nicht alles in diesem Lernprozess laufe autodidaktisch ab, neben den langjährigen Erfahrungen helfen den beiden die Aufbauseminare der WEISSER RING Akademie.

Außerdem hat Henn eine besondere Initiative gestartet: Er hält Vorträge vor der Bereitschaftspolizei – und in der JVA. Hier konfrontiert er Täter meistens zum ersten Mal mit der Perspektive ihrer Opfer. „Die Reaktionen sind frappierend“, so Henn. Einmal habe ein Sexualstraftäter den Raum verlassen, weil er es nicht mehr ausgehalten habe. Zehn Minuten später sei er zurückgekehrt. „In diesen Sitzungen wird Tacheles geredet, psychologisch lerne ich da unglaublich viel.“ Die Hälfte der Täter bitte nach den Vorträgen sogar noch um Einzelgespräche. Die Begegnungen sind wohl einmalig in Deutschland und könnten ein Vorbildprojekt werden, glauben die beiden. Die Rückfallquote liege bei den Tätern, die die Vorträge besuchten, bei nur fünf Prozent – während sie im Schnitt wohl um das Sechsfache höher ausfalle.

Der Horror von Würzburg

Für Henn geht es beim WEISSEN RING um zwei Ansätze: die organisatorische und die psychologische Hilfe. „Wichtig ist aber vor allem, dass man sich auf Augenhöhe begegnet. Und: Zuhören! Zuhören! Zuhören!“ Genau diese Tugenden waren gefragt nach dem 25. Juni 2021 – nach der Messerattacke von Würzburg.

Als Henn den Fall abends auf seinen Schreibtisch bekam, kabelte er gleich der Betreuungsstelle der Polizei durch: Wir stehen bereit, um zu helfen! „Wichtig ist, so einer Situation mit Bedacht zu begegnen und nicht überstürzt Entscheidungen zu treffen. Wir müssen intensiv mit der Polizei zusammenarbeiten.“ Der WEISSE RING habe die große Stärke, sofort und unbürokratisch zu helfen. Bei dem Attentat starb eine junge Mutter, ihre zwölfjährige Tochter überlebte. Der Lebenspartner und der Bruder des Mädchens waren da aber noch in Brasilien, also organisierte die Opferhilfe einen Flug der beiden, um die Familie in der Stunde dieser Trauer zusammenzubringen.

Die Anteilnahme in Würzburg ist groß. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Insgesamt sieben Opfer des Attentats meldeten sich beim WEISSEN RING, die finanziellen Hilfen beliefen sich auf rund 15.000 Euro. Eine 42 Jahre alte Frau war nach dem Angriff querschnittsgelähmt, ein 16-Jähriger hatte Messerstiche im Rücken erlitten. Eine andere Frau schlug den Angreifer mit der Einkaufstasche und konnte sich auf diese Weise retten – aber sie war daraufhin traumatisiert.

Die Spendenaktion „Würzburg zeigt Herz“ erbrachte insgesamt 200.000 Euro.  Henn zeichnete für einen Spendenaufruf übers Radio verantwortlich und gab in der Presse Interviews. „Ich saß drei Wochen lang ununterbrochen am Schreibtisch – die Informationen liefen kreuz und quer und mussten zusammengeführt werden.“

Immer wieder Messer-Attacken

Die Stadt, das ganze Land sprach über die Tat. Der Horror von Würzburg rief in ganz Deutschland Fragen auf: Wie konnte es zu dieser Tat kommen – und hätte sie verhindert werden können? Nur drei Tage später attackierte ein 32-Jähriger in Erfurt zwei Männer mit einem Messer. Auch im November 2021 schockieren Bluttaten das Land: Ein Geflüchteter aus Syrien stach in einem ICE in der Oberpfalz wahllos auf Passagiere ein, am gleichen Abend richtete ein Mann in einem Bekleidungsgeschäft in München das Messer gegen einen Jungen. Dem Täter im ICE attestierte ein Sachverständiger eine „paranoide Schizophrenie“. Der Angreifer von Würzburg wurde in diesem Jahr von einem Gericht als „nicht schuldfähig“ angesehen.

Zwei Messerangreifer, zwei Geflüchtete, zwei Mal mit psychischen Problemen – nur ein Zufall? Gegenüber der „Welt am Sonntag“ sagte Lukas Welz, der Geschäftsführer der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer: „Uns fehlen einfach die Mittel.“ 30 Prozent der Geflüchteten litten demnach unter einer psychischen Erkrankung, doch nur fünf Prozent würden betreut. Tatsächlich hat ein Großteil der Geflüchteten, die nach Deutschland gekommen sind, traumatische Erfahrungen wie Krieg, Folter oder Vertreibung in der Heimat machen müssen. Für die Aufarbeitung und medizinische Betreuung fehlten in Deutschland nicht nur die Mittel, sondern auch das Bewusstsein für diese besondere gesellschaftliche Herausforderung.

Jedoch wurden nicht alle Geflüchteten im Umkehrschluss zu potenziellen Gewalttätern. Einer der mutigen Passanten, die sich in Würzburg dem Täter entgegenstellten, war ein geflüchteter Kurde, der erst einige Monate zuvor nach Deutschland eingereist war. Mit seinem neu erworbenen Rucksack und lauten Schreien stellte er sich dem Täter entgegen, bis die Polizei eintraf. So konnte ein noch schlimmeres Blutbad verhindert werden.

Die Opfer: Frauen

Ob die Tat insgesamt hätte verhindert werden können, darüber stritt die Öffentlichkeit. Der Täter aus Somalia soll laut Zeugen „Allahu Akbar“ („Gott ist groß“) gerufen haben – seine Opfer waren Frauen. Diese Indizien führten zum Verdacht einer islamistischen Tat, doch eindeutige Beweise für diese Verbindung blieben aus. Der Terrorismusforscher Peter Neumann erklärte gegenüber der „Zeit“, dass islamistische Organisationen nun vermehrt den Einzeltätertypus bewerben. Gleichzeitig warnte er, dass sich der Fall in Würzburg gar nicht so leicht beurteilen lasse: „Ist das überhaupt noch Terrorismus, ist das was ganz anderes, hängt sich da jemand mit seiner psychischen Krankheit nur an solche Slogans ran?“ Was war zuerst da: die psychischen Probleme oder die extremistische Einstellung?

Ein Meer an Kerzen und Blumen in der Würzburger Innenstadt. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Aus Opfersicht ist aber wichtig, dass gerade hier eine Früherkennung und Präventionsarbeit stattfindet. Ein Gutachten zur psychischen Störung nach der Tat erzürnt die Opfer, weil der Täter formell keine Haftstrafe antreten muss, sondern womöglich in die Psychiatrie eingewiesen wird. Doch der Täter von Würzburg war bereits vor dem Amoklauf zwangsweise in psychiatrischer Behandlung gewesen. Einmal hatte er in Würzburg ein Auto angehalten, sich hineingesetzt und sich geweigert, den Wagen zu verlassen. Bewohner der Innenstadt erzählen, dass der Somalier stadtbekannt gewesen war, weil er immer barfuß durch die Straßen lief. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann wiegelte in Interviews in der Folge jedoch ab: Diese Aktionen hätten nicht ausgereicht, um den Mann einzusperren. Auch die Mitarbeiter des WEISSEN RINGS, Alois Henn und Martin Koch, teilen diese Ansicht. „Ich halte es auch für ausgeschlossen – du kannst jemanden nicht dafür wegsperren“, so Koch. Und Henn sagt: „Solche Dinge kann man nicht verhindern.“

Ein bisschen Normalität

Henn und Koch haben im Nachgang der Tat viel für die Opfer und die Angehörigen getan – mitunter sind es die kleinen Hilfen, die große Wirkung entfalten. Die Zwölfjährige, die in Würzburg ihre Mutter verlor, lebt nun mit Vater und Bruder zusammen, die erst durch die finanzielle Unterstützung aus Brasilien anreisen konnten. Sie wohnten nun bei ihr, erzählt Henn, und besuchten Deutschkurse. „Sie können sich schon sehr gut verständigen.“

Als eine private Spende in Höhe von 250 Euro für das Mädchen einging, stockte der WEISSE RING auf 400 Euro auf und kaufte ihr ein neues Kinderfahrrad. Es ist nicht viel, aber ein kleines Stück Normalität, nach all den dunklen Stunden.

Vom Blick in den Abgrund

Erstellt am: Mittwoch, 1. Dezember 2021 von Sabine

Vom Blick in den Abgrund

Eine Ausbildung als Altenpflegerin bricht Waltraud Krämer mit 18 ab. Damals fühlt sie sich nicht bereit, um mit dem Tod umzugehen. 2002 landet sie dann beim WEISSEN RING – und entscheidet, die Abgründe in ihr Leben zu lassen.

„Es ist immer ein Kratzer auf der Seele“, sagt Waltraud Krämer über Opfer, die sie betreut.

Als Waltraud Krämer zum ersten Mal in den Abgrund sah, stellte sie fest, dass sie dafür noch nicht bereit war. Altenpflegerin wollte sie werden. Die Theorie war kein Problem, die Praxis schon. „Ich konnte damals nicht mit dem Tod umgehen“, sagt sie. Mit 18 brach sie die Ausbildung ab.

Nichts ist leichter, als mit den ersten Informationen ein falsches Bild von Waltraud Krämer, 58, zu zeichnen, Leiterin der Außenstelle Trier-Saarburg vom WEISSEN RING. Ein Mensch, dessen Herzlichkeit sich ihr Gegenüber nicht erst verdienen muss. Seit 40 Jahren verheiratet. Für den finanziellen Lebensunterhalt sorgte überwiegend ihr Mann, weil sie genug damit zu tun hatte, Hausfrau, Ehefrau und Mutter zu sein. Ihren Whatsapp-Status aktualisiert sie täglich mit aufmunternden Bildergrüßen. Dazu spricht sie ein wenig wie Hilde Becker, die menschgewordene Kittelschürze aus der im Saarland spielenden Comedyserie „Familie Heinz Becker“. Krämer ist an der Grenze zum Saarland aufgewachsen. So eine ist das also, denkt man kurz. Aber so eine ist sie eben nicht.

Krämer sucht – und findet den WEISSEN RING

Vielleicht hat sogar Krämer selbst sich lange unterschätzt – jedenfalls: Es war das Jahr 2002. Sohn Rüdiger ging nun bis nachmittags ins Gymnasium, was also tun mit der Zeit, die plötzlich da war? Einen Job wollte sie nicht, dann hätte sie ihren Mann, der häufig nachts arbeitete, kaum noch gesehen. Außerdem sollte es Erfüllung bringen. „Ich hab irgendwie was gesucht.“ Also ein Ehrenamt. Auf einer großen Verbrauchermesse in Trier kommt sie am Stand des WEISSEN RINGS vorbei. Die Außenstelle leitet damals Claus Bermes, ein ehemaliger Polizist. „Er ist mir so in die Füße gelaufen“, sagt Krämer. Sie führen ein langes Gespräch. Danach ist sie überzeugt: „Hier kann ich Wege aufzeigen, die ein Opfer nicht kennt.“ Noch am selben Tag hilft sie am Stand mit.

Wenn man so will, beschließt Krämer an diesem Tag, die Abgründe in ihr Leben zu lassen. Das ist nicht mehr die 18-Jährige, die ihre Ausbildung als Altenpflegerin abgebrochen hat. Auch in ihrer Familie sind Leute gestorben. Bermes führt sie langsam heran, nimmt sie mit zu seinen Fällen, Einbruch, Körperverletzung, nicht gleich mit den ganz harten Geschichten einsteigen. An ihre Gedanken beim ersten Opfer erinnert sie sich so: „Oh… aber passt.“ Nach ein paar Jahren sagt Bermes zu ihr, und Krämer zitiert es so, dass er es einfach so gesagt haben muss: „Mädchen, du bist so weit.“ Für eigene Fälle. 2009 wird sie seine Nachfolgerin. Kontakt zu Bermes, 83, hält sie bis heute.

„Wir sind alle auch ein bisschen Telefonseelsorger“

Seitdem nimmt sie die Anrufe entgegen, verteilt die Fälle oder übernimmt sie selbst. Da war der Rentner, der nach dem Einkauf noch mal zurückging, weil er was vergessen hatte, während seine Frau schon mal die Sachen ins Auto packte. Ein Mann setzte sich in den Wagen, um damit wegzufahren, und verletzte die Frau so schwer, dass sie kurz darauf im Krankenhaus starb. „Er kam in mein Büro. Er war ganz gefasst. Wir haben Tee getrunken. Er hat viel vom Urlaub erzählt. Wie sie es sich hätten schön machen können. Und das war halt vorbei. Er ist ein herzensguter Mensch. Warum musste es ausgerechnet ihm passieren?“ Sie haben bis heute Kontakt, telefonieren. „Hallo, wie geht’s? Mehr muss ja nicht“, sagt Krämer. 2015 wurde ein 16-jähriges Mädchen nach einer versuchten Vergewaltigung erstochen und verbrannt. Vater und Schwester der Toten kamen zu ihr. Die beiden Mädchen hatten im selben Zimmer geschlafen, das brachte die Schwester nun nicht mehr fertig. Krämer half mit Geld beim Umzug.

„Wir sind alle auch ein bisschen Telefonseelsorger“, sagt sie. „Bei dem einen geht’s schnell, der andere braucht zwei Stunden.“ Krämer hat ein Büro bei der Staatsanwaltschaft. Wenn sie merkt, ein Opfer könnte für sich oder sie zur Gefahr werden, lässt sie die Tür offen, ganz unauffällig. „Es ist ja so stickige Luft hier“, erklärt sie dann. Der Schreibtisch sorgt während des Gesprächs für Distanz. Das ist Krämer wichtig. „Es hilft nicht, wenn ich mit dem Opfer mitweine. Wir sind keine Freunde, sondern Helfer.“ Aber Frau Krämer wäre nicht Frau Krämer, wenn sie nicht auch für Nähe sorgte. Indem sie ein Taschentuch hinüberreicht oder Gummibärchen.

Wenn das Tagewerk vollbracht ist, schließt sie die Bürotür. „Dann ist die zu. Meine Burg zu Hause erhalte ich mir konsequent. Das ist wie bei Polizeibeamten. Wenn die ihre Arbeit mit nach Hause nehmen, können sie ihre Arbeit nicht lange machen.“ Sie hat Möglichkeiten, um die Mauern dieser Burg zu verstärken. Sie macht autogenes Training, etwas, das sie so erklärt: „Säße ich hier und mir wäre langweilig, würde ich mich wegbeamen. Das ist, als ob man schläft.“ Außerdem strickt sie. Dann liegt ihr Kater Whiskey neben ihr, dazu trinkt sie eine Tasse Tee. Sie kann auch mit ihrem Mann über die Arbeit reden. Der engagiert sich selbst für den WEISSEN RING. Sie war kaum dabei, da tat er es ihr gleich.

Nach der Amokfahrt in Trier macht ihr die Arbeit schwer zu schaffen

„Es ist immer ein Kratzer auf der Seele“, sagt Krämer über die Opfer, die sie betreut. Selbst wenn einem nur der Geldbeutel gestohlen wurde. „Warum passiert mir das?“ Wenn nicht alles täuscht, hat das, was sich am 1. Dezember 2020 in Trier zutrug, auch bei ihr einen Kratzer hinterlassen. An diesem Tag ruft ihr Sohn gegen 14 Uhr an und sagt, sie solle bloß nicht in die Stadt kommen. „Hier ist die Hölle los.“ Ein Mann hatte sich in seinen Land-Rover gesetzt und war damit vorsätzlich durch die Trierer Fußgängerzone gerast. Drei Frauen, ein Vater und sein Baby sterben, Dutzende Passanten werden verletzt. Seit August läuft der Prozess gegen den Fahrer wegen fünffachen Mordes und versuchten 18-fachen Mordes. Krämer kennt ihn vom Sehen, er kommt aus dem Nachbarort.

Die ersten Opfer, die ihre Hilfe wollten, waren Hinterbliebene. Vater und Schwester einer Getöteten. „Ganz ehrlich, wir haben erst mal alle drei geweint“, sagt Krämer. „Ein bildhübsches junges Mädchen, einfach nicht mehr da.“ Weitere Opfer folgten. Sie half mit Geld für die Trauerkleider aus, vermittelte Anwälte, machte auf die Trauma-Ambulanz aufmerksam oder das Opferentschädigungsgesetz. Ob sie das Gefühl hatte, allen weitergeholfen zu haben? „Das Gefühl habe ich nie. Ich habe das Gefühl, man müsste eigentlich noch mehr tun können.“ So hält sie das Opferentschädigungsgesetz für zu eng gesteckt. „Wenn die Pistole an den Kopf gesetzt wird, sind Sie anspruchsberechtigt. Wenn die Pistole einen Zentimeter weg ist, nicht mehr.“

Nun braucht auch sie Hilfe

Krämer brauchte einige Wochen, um wieder in die Fußgängerzone zu gehen. Die Tatorte hat sie sich zusammen mit ihrem Mann angeschaut. Eine Weile ging sie nicht in der Straßenmitte, sondern nur am Rand. An der Porta Nigra, dem berühmten Wahrzeichen der Stadt, stellte sie eine Kerze auf. „Für mich persönlich. Es hilft niemandem, wenn man ein Kerzchen anmacht, aber das Bedürfnis war da. Es war meine Stadt. Ich habe das sehr persönlich genommen.“ Aber auch dieser Blick in den Abgrund hat ihr Menschenbild nicht zum Schlechten verändert. „Weil kein Mensch böse geboren wird.“

Die Arbeit mit den Opfern der Amokfahrt hat ihr zu schaffen gemacht. Sie wird wohl bald eine Supervision in Anspruch nehmen. Die Gespräche mit einer Psychologin sollen sie wieder aufbauen. Sonst könne sie einfach keine weiteren Fälle übernehmen. „Man hat mit Leuten zu tun, die schwerstverletzt sind. Larifari pillepallemäßig kann man es nicht machen.“

Vom Loslassen

Erstellt am: Mittwoch, 29. September 2021 von Sabine

Das Ehepaar Jutta und Werner Käding helfen Betroffenen durch schwere Zeiten.

Vom Loslassen

Es gibt viele Gründe, warum sich Ehrenamtliche beim WEISSEN RING engagieren. Bei Jutta und Werner Käding aus Diepholz ist es ein sehr trauriger. Ihr Sohn wurde 1999 unweit ihres Hauses getötet. Heute hilft das Ehepaar mit seiner Erfahrung anderen Betroffenen durch schwere Zeiten.

Man solle sich nicht wundern, so hatte es Werner Käding am Telefon erklärt, wenn das Navi einen in die Wildnis lotst. Denn: „Wir wohnen in der Wildnis.“

Wer sich also aufmacht zu Jutta und Werner Käding, sieht zunächst mal Störche und Maisfelder. Bauernschaften und Sonnenblumen. Kleine Wassergräben und Feldwege ins vermeintliche Nichts, dunklen Ackerboden. Man fährt und hofft, dass das Netz auch hier draußen stabil ist. Und währenddessen kommt aufgrund der zahlreichen Landlust-Szenarien die Frage auf, was denn hier, zwischen Osnabrück und Bremen, eigentlich für Straftaten passieren können, abgesehen vom Kuh-Schubsen und Milchkannendiebstahl?

Dann sitzt man kurze Zeit später in einem Wohnzimmer, der Blick geht weit, wie hier überall eigentlich.  An einer Hecke vorbei, auf ein Feld, hinten am Horizont eine Baumreihe: „Da, sehen Sie die Bäume?“ Am Fuße dieser Bäume starb der Sohn der Kädings.

Im August 1999 war das, der junge Mann hatte gerade seine Kochausbildung bestanden, es sollte gefeiert werden. Bei der Feier auch ein Tellerwäscher aus dem Restaurant, in dem der junge Koch gelernt hatte. Er näherte sich dem Sohn sexuell, der verweigerte sich, da wurde er erwürgt und anschließend mit einer Stange auf den Körper eingedroschen. Nach fünf Tagen fanden sie ihn, es waren gewittrige Tage damals, und ein Polizist sagte zum Vater: „Werner, tu dir das nicht an, sieh dir das nicht an.“ Was sie dann auch nicht machten und was ein Fehler gewesen sein kann – denn „dass ich, dass wir uns nicht verabschieden konnten, darunter haben wir alle gelitten“.

Andere Betroffene verstehen

Ein Kind, das vor seinen Eltern geht, ist die Urangst aller Eltern. Der Verlust des Großen und Ganzen, der Ordnung, ein Abriss der Zeit – für Jutta und Werner Käding eine erschütternde Erfahrung. Sie kennen die Phasen des Trauerns, die Ohnmacht – und den Zorn. Er brachte sie zum WEISSEN RING, was vielleicht nicht die beste Antriebsfeder für eine ehrenamtliche Tätigkeit ist. Aber ein ernst zu nehmender Grund. Und ein großes Pfund in ihrer Arbeit mit anderen Opfern. Sie verstehen, was es heißt, ein Opfer zu sein.

„Schuld und Sühne“ sagt Käding und betont die Sühne so, dass man die Anführungszeichen quasi mithört. Nichts gegen die Polizei. Käding war elf Jahre lang Leiter der Ausländerbehörde von Diepholz, da kennt man sich. Er wurde hier 1953 geboren, seine Frau Jutta zwei Jahre später im Nachbarkreis. Und dass er 19 Jahre lang der 1. Vorsitzende des hiesigen Fußballvereins war, macht ihn in der Gegend auch nicht gerade unbekannter.

Also, nichts gegen die Polizei, die hat ermittelt, was zu ermitteln war, hat sich gleich auf die Suche nach dem Jungen gemacht, obwohl sie das nicht gemusst hätte. Aber die juristische Aufarbeitung, das Verfahren vor Gericht, das hatten sich die Kädings dann doch anders vorgestellt. Man sehe dann erst, sagt Herr Käding, wenn man selber in einem Gericht dabei ist, dass alles gesucht wird, was für den Täter spricht. Ausschließlich um ihn sei es gegangen. Eine Frau von der evangelischen Gefangenenhilfe habe sich um den Mann gekümmert. Bei den Kädings habe sich drei Mal ein Geistlicher angekündigt, gekommen sei er dann aber nie. Was an sich keine Katastrophe war, das erste halbe Jahr nach der Tat seien sie von Freunden und Verwandten nicht einen Abend allein gelassen worden. Aber merken tut man sich so etwas doch.

Täterzentrierte Justiz

Die täterzentrierte Justiz ist ein Problem in Deutschland, vor allem das Strafmaß und dessen Ermittlung sind von Interesse, Opfer und Opferangehörige eher wenig. Der Täter bekam dann zehn Jahre, und Familie Käding hatte das Gefühl, im Prozess deplatziert gewesen zu sein. Dabei hatten sie doch lebenslänglich bekommen, sagt Herr Käding. Und das, sagt Frau Käding, hört tatsächlich nie auf.

Die Zeit nach dem Prozess – dafür finden sie und er wenige Worte, eher Bilder. Der Weihnachtsbaum zum Beispiel, der all die Jahre nicht groß und prächtig genug sein konnte, kam nicht mehr ins Haus. Zu Feiern gingen sie dann doch irgendwann schon mal wieder, nahmen sich aber das Recht heraus, jederzeit zu gehen, wenn es ihnen zu viel wurde. Und an Silvester, da fuhren sie dann immer weg, weil es nach zwei, drei Jahren vorsichtig hieß, „jetzt könnt ihr doch langsam mal wieder“. Konnten sie nicht, wollten sie nicht. Man muss es so machen, sagt sie heute, dass man da am besten durchkommt. Man muss, sagt er, egoistisch werden. In den Entscheidungen, nicht im Leben.

2002 gingen sie zum WEISSEN RING. Opferwerdung, Opferschutz, das alles war ihr Thema geworden und ließ sie nicht los. Also konnte man das doch auch nutzen: erst Stände aufgebaut, Arbeit im Hintergrund, dann wurde es langsam mehr, und irgendwann waren sie halt richtig dabei. Zuhören, Opfer beraten, auf das vorbereiten, was vor Gericht kommen kann, die Menschen stark machen, sich Zeit nehmen – was das eigene Schicksal sie gelehrt hat, das müssen sie nicht alles weitergeben. Aber dem Menschen, der da hilfesuchend sitzt, das Gefühl vermitteln, dass da gegenüber zwei Menschen sitzen, die wissen, was Opfer sein bedeutet – das kann ein Eisbrecher sein.

Schwerpunkt: Sexualdelikte

Gut 13 Jahre nach dem Tod des Sohnes brach zwar nicht das Eis der Kädings, aber ein zweiter Frühling kam in das alte Bahnwärterhaus im niedersächsischen Diepholz. Ihre Tochter brachte das erste Enkelkind zur Welt. Heute sind die Kädings dreifache Großeltern. „Die Kinder“, sagt Jutta Käding, „haben uns wieder ins Leben reingezogen.“ Sie hätten heute wieder mehr Lebensfreude, tolle Enkelkinder seien das, sie geraten ins Schwatzen über die Kinder, natürlich die besten der Welt, wie soll das anders sein? Glanz in den Augen beim Sprechen, begeistert, verliebt, vernarrt. Lebendig.

Jetzt also drei Enkelkinder und Außenstellenleiter beim WEISSEN RING in der Außenstelle Diepholz, was sich provinziell anhören mag, aber nur für Großstädter. Wer hier zu tun hat, lernt dann schnell, dass das Gebiet der Außenstelle so groß ist wie das Saarland. Hier, im Süden, an der Grenze zu NRW, sehr ländlich, im Norden einwohnerstarke Gemeinden bis an Bremen heran, da passiert natürlich auch mehr. Sexualdelikte machen einen großen Schwerpunkt ihrer gemeinsamen Arbeit der insgesamt 15 Kollegen der Außenstelle aus, Gewaltdelikte einen weiteren. Mal ist es ruhig, mal reihen sich die Fälle wie Perlen auf einer Kette, so richtig weiß man nie, was kommt.

„Jeduld und Jelassenheit“

Werner Käding, der ehemalige Beamte, steht inzwischen Behörden sehr kritisch gegenüber, wenn die mit Opfern zu tun haben. Mildtätigkeit, sagt er, kann dieser Staat einfach nicht. Genauso wenig wie Opferhilfe. Wenn sie heute zurückblicken, dann würden sie wieder zum WEISSEN RING gehen, vielleicht ein bisschen eher noch. Vielleicht auch nicht, denn man brauche, es folgt ein Konrad-Adenauer-Zitat: „Jeduld und Jelassenheit“. Geduld, da das Opfer das Tempo bestimmt. Immer. Und Gelassenheit, um sich nicht einfangen zu lassen von dem, was man hört, einen kühlen Kopf zu bewahren und sich nicht mitreißen zu lassen. Hinten am Horizont die Baumkronen, man kann sie sehen, wenn man sich anstrengt. Vorn, direkt vor dem Fenster, das Klettergerüst und das Trampolin für die vermutlich besten Enkelkinder der Welt.

„Man kann loslassen, das hat uns das eigene Schicksal gelehrt“, hat Jutta Käding irgendwann im Gespräch gesagt.

Man muss es vielleicht, um weiterzumachen. In diesem Jahr, am 9. August, war sie zum ersten Mal am Todestag des Sohnes auf dem Friedhof und hat dabei nicht geweint.