„Das war eine zusätzliche Belastung“

Erstellt am: Dienstag, 17. Mai 2022 von Torben

„Das war eine zusätzliche Belastung“

Max Privorozki ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Halle an der Saale und hat den Terroranschlag auf die Synagoge im Oktober 2019 überlebt. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen mit Journalistinnen und Journalisten nach der Tat.

Foto: Soeren Stache/dpa

Sie haben beklagt, dass in Interviews und Berichten nach dem Terroranschlag wichtige Aussagen von Ihnen unberücksichtigt geblieben sind. Welche Botschaften waren das?

Das waren Interviews, die ich beispielsweise an Gedenktagen wie dem 9. November gegeben habe. Immer wieder habe ich darauf hingewiesen, dass es auch Anti­semitismus gibt, der nicht aus der rechten Ecke kommt, sondern von der linken und aus der muslimischen Gemeinschaft. Ich habe beklagt, dass solche Aussagen von Medien herausgenommen wurden.

Welche Erfahrungen haben Sie unmittelbar nach dem Anschlag mit Reporterinnen und Reportern gemacht?

Bis zum 9. Oktober 2019 hatte ich keine Erfahrungen mit Reporterinnen und Reportern in solch einem Ausmaß. Bis dahin wurde ich ab und zu von lokalen Medien wie der Mitteldeutschen Zeitung oder dem MDR kontaktiert, also ganz selten. Ab dem 10. Oktober habe ich erlebt, was ich nur aus Filmen kannte. Da kamen alle möglichen Sender wie CNN, amerikanische, deutsche, israelische Sender. Ich habe in dieser besonderen Situation etwas gelernt, was hoffentlich nie mehr notwendig sein wird.

Mir bereitet der Umgang mit Medien keinen Spaß, aber natürlich habe ich ein Verständnis, dass es für den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde die Verpflichtung gibt, mit Medien zu reden. Ich habe in dieser Situation ganz verschiedene Erfahrungen gemacht. Als positiv möchte ich den Kollegen vom „Stern“ nennen, der sehr sauber berichtete und ein gutes Fingerspitzengefühl hatte.

Gab es auch negative Beispiele?

Einige israelische Medienvertreter waren unmöglich, aber auch einige deutsche. Da gab es einen Reporter, der unbedingt am nächsten Tag, am Sabbat, in die Gemeinde kommen wollte, um zu filmen. Ich habe ihm gesagt, dass das absolut nicht geht. Er hat aber alles Mögliche unternommen und ist vorbeigekommen, um doch zu filmen.

Solche journalistischen Grenzverletzungen in dieser sensiblen Phase nach der Tat waren für Sie schwer zu ertragen?

Das war eine zusätzliche Belastung, ja. Es kamen ja nicht nur Journalisten, sondern auch Politiker. Bei allem Respekt für den Bundespräsidenten – aber als ich nach einer Bestattung am 10. Oktober zur Synagoge fuhr, wurde ich dort nicht reingelassen. Ich habe versucht, den Sicherheitskräften zu erklären, dass der Bundespräsident ja zur Jüdischen Gemeinde kommt, aber das wurde nicht verstanden. Es hieß: Alle bleiben draußen. Fast wäre ich wieder abgefahren. Das alles kam für mich als Über­lebender des Terroranschlags noch dazu. Schon am späten Abend des 9. Oktober kam Ministerpräsident Haseloff, als ich eigentlich schon sehr erschöpft war und schlafen gehen wollte. Dieser Besuch war mir jedoch enorm wichtig, denn es war der Besuch eines wahren Freundes und nicht nur eines Ministerpräsidenten. All das war notwendig, aber eben auch eine zusätzliche Belastung. Wenn dann noch die Presse kommt und kein Gespür für die Situation aufbringt, dann ärgert einen das.

„Gut ist es, nicht hilflos daneben zu stehen“

Maja Metzger ist Außenstellenleiterin des WEISSEN RINGS in Halle. Nach dem Terroranschlag im November 2019 betreuten sie und ihre Kollegen Opfer und Angehörige. Wie hat sich die Stadt seither verändert?

„Wir mussten Vertrauen für unseren Verein schaffen!“

Erstellt am: Freitag, 6. Mai 2022 von Sabine

„Wir mussten Vertrauen für unseren Verein schaffen!“

Jürgen Lüth ist einer, der dafür sorgt, dass die Dinge funktionieren – auch beim WEISSEN RING in Brandenburg. Dort leistete der frühere Polizeipräsident erfolgreiche Aufbauarbeit, doch die Sorge um die Verrohung der Gesellschaft bleibt.

„Man muss mit den Menschen sprechen, sie mitnehmen“, sagt Jürgen Lüth.

Organisieren, organisieren. Jürgen Lüth benutzt das Wort häufig. Es passt aber auch gut zu dem, was er tut. Denn Jürgen Lüth ist einer, der dafür sorgt, dass die Dinge funktionieren. Dass Menschen bekommen, was sie brauchen – um gut zu arbeiten und um gern zu arbeiten. Wie ein fordernder und zugleich sorgender Familienvater, der weiß, dass Leistung Wohlbefinden braucht, Zusammenhalt und Anerkennung. Der viel verlangt, aber auch viel gibt.

Das Landesbüro des WEISSEN RINGS in Potsdam, Brandenburg, zum Beispiel: liegt in einer hübschen, zentralen Wohngegend, hat helle Räume, Einzelarbeitsplätze und ein Konferenzzimmer. Lüth, groß, schlank, im adretten weißen Rollkragenpulli, führt herum. „Seit unserer Gründung sind wir zweimal umgezogen, bis wir diese Adresse gefunden haben. Den Büromöbelhersteller konnte ich überzeugen, uns die gesamte Ausstattung zu spenden.“

Lüth bittet Platz zu nehmen, neben einem Schreibtisch, der schon nicht mehr seiner ist, denn der brandenburgische Noch-Landesvorsitzende wird sich im Mai in den Ruhestand verabschieden. Mit 75. Er schwenkt langsam den Hagebuttenteebeutel in seiner Tasse. „Bald kommt das dritte Urenkelkind. Da ist es wohl Zeit, sich der eigenen Familie zu widmen.“ Freut er sich auf die Freizeit? „Man wird sich vielleicht noch neue Aufgaben suchen müssen“, meint er. „Vielleicht ein Buch schreiben …?“ Er winkt ab: Ist auch mal gut.

„Ich bin einer, der ein paar Nächte durcharbeiten kann“

An Aufgaben mangelte es bislang nie. Lüth scheint sie schneller zu sehen als andere Menschen und sich dann auch gleich reinzustürzen. Eigentlich wollte er nach der zehnten Klasse Förster werden, „aber es gab zu wenige Reviere“. Und wer weiß, wie diesem Netzwerker die einsame Arbeit im Wald bekommen wäre? Stattdessen machte er Abitur, wurde Diplom-Agrotechniker und leitete schließlich ein Trockenwerk in Herzberg, Brandenburg. Gearbeitet wurde in drei Schichten, rund um die Uhr, und auch Lüth arbeitete oft nachts – oder er fuhr nach Feierabend über Land, um nach seltenen, aber dringend benötigten Ersatzteilen zu suchen. Von zu Hause aus konnte er sehen, ob die Trocknungsanlage für Mais, Gras und Zuckerrüben lief – „ich fühlte mich 24 Stunden gebunden“. Und hat er auch mal geschlafen? „Ich bin einer, der ein paar Nächte durcharbeiten kann, wenn es drauf ankommt.“ Auch das sagt er öfter.

,,Wir müssen uns austauschen. Die Polizei muss sich als große Familie erleben."

Jürgen Lüth

Weil jeder Betrieb in der DDR ab einer gewissen Größe eine paramilitärische „Kampfgruppe der Arbeiterklasse“ für die Zivilverteilung bilden sollte, meldete sich Lüth als Freiwilliger bei der Verkehrspolizei. Ein smarter Zug: Damit war die verfügbare Belegschaft zu klein für eine Kampfgruppe, sie konnte unbehelligt ihrer Arbeit nachgehen. Und Lüth machte der Nebenjob Spaß: „Trotz der Schreckensseiten, die die Aufnahme von Unfällen haben kann.“

Er wäre schon nach dem Studium gern zur Polizei gegangen, war aber kein SED-Mitglied, sondern in der Bauernpartei. Als diese 1990 mit der CDU fusionierte, zog Lüth per Direktmandat für die CDU in den Potsdamer Landtag ein. Er war bekannt, ihn freute das Vertrauen, das die Menschen ihm entgegenbrachten, „und so habe ich mich mit ganzer Kraft und voller Begeisterung an die Arbeit gemacht“. Seine Stimme bebt fast, die Begeisterung ist immer noch da. 1992 wurde ihm der Posten des Polizeipräsidenten von Cottbus angeboten. Eine große Aufgabe. Von den 3.000 Angestellten blieben im Zuge der Umstrukturierung nur 1.500, mit denen musste er fortan „Sicherheit organisieren“. Gleichzeitig musste er sie auf etwaige Stasi-Vergangenheit überprüfen und in ein neues Rechtssystem überführen. „Man muss mit den Menschen sprechen, sie mitnehmen“, sagt er. „Und man muss jede Gelegenheit nutzen, um Wertschätzungen auszusprechen.“ An Unfallstellen habe er manches Mal angehalten und den Kollegen für ihren Einsatz gedankt.

Der Netzwerker ist Feuer und Flamme

Unterstützer fand Lüth dabei in Polizei-Führungskräften der alten Bundesrepublik, die ihm auch vom WEISSEN RING und den Aufgaben des Vereins erzählten. Als er 1993 vom damaligen Bundesvorsitzenden des Vereins, Herbert Becker, Besuch erhielt und zur Mitarbeit eingeladen wurde, war er wieder Feuer und Flamme. Lüth trat in den Bundesvorstand ein, seit 1996 ist er Landesvorsitzender. Sein erstes großes Anliegen war es, die Interessen der Menschen aus den neuen Bundesländern zu vertreten: „Die Leute hatten Jahrzehnte DDR-Politik erlebt. Viele waren durch die politischen Neuerungen eingeschüchtert. Wir mussten Vertrauen für unseren Verein schaffen!“ Lüth führte zahllose persönliche Gespräche; er fand Verbündete in den Ministerpräsidenten Manfred Stolpe und Matthias Platzeck, und er schmiedete Partnerschaften mit Vertretern von Kommunen, Sportvereinen und Kirchen. Er organisierte Medientermine und öffentliche Events, um den WEISSEN RING bekannter zu machen, und er sorgte dafür, dass jeder neue Außenstellenleiter öffentlichkeitswirksam in sein Amt eingeführt wurde. Landräte, Bürgermeister und die Präventionsbeauftragten der Polizei waren dabei oft an seiner Seite.

,,Wir mussten Vertrauen für unseren Verein schaffen!"

Jürgen Lüth

Lange Zeit vergeblich kämpfte Lüth um den Aufbau von Trauma-Ambulanzen in Brandenburg. Dass es keine gab, ärgerte ihn sehr. Menschen, die zum Opfer von Gewalt und anderen Verbrechen wurden, brauchen psychologische Betreuung, sofort, selbst wenn sie recht stabil wirken. Denn posttraumatische Belastungsstörungen können auch später auftreten und lange wirken. Erst seit 2021 schreibt das Bundesgesetz vor, dass Trauma-Ambulanzen überall bereitstehen müssen.

Womöglich war es ihm auch deshalb ein Bedürfnis, selbst Opfer zu beraten und ihnen beizustehen, auch wenn dies nicht zu den Aufgaben eines Landesvorsitzenden gehört. Im Fall Ulrike B. zum Beispiel, der ihm sehr naheging. 2001 war die Zwölfjährige aus Eberswalde entführt, missbraucht und ermordet worden. Er sprach mit den Eltern, arbeitete mit im Team der Trauerbewältigung – „das heißt, viel Zeit mitbringen, zuhören können. Auch mal eine Hand halten.“

Zusammenhalt. Den braucht es nicht nur in solch entsetzlichen Einzelfällen, die ganze Gesellschaft benötigt ihn. Lüth sah mit Sorge, wie sich die festen Bindungen auflösten, die er zu DDR-Zeiten schätzte. An die Stelle enger Netze traten Vereinzelung und Wegschauen, gleichzeitig brachen Hass und Gewalt hervor. Die rechtsextremen Krawalle in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda erlebte er als Polizeipräsident Anfang der Neunziger – auch Cottbus war da in Alarmbereitschaft.

Als gelte es, sich dieser Entwicklung mit aller Kraft entgegenzustemmen, organisierte Lüth in den folgenden Jahren unermüdlich: das bürgerliche Miteinander im Freundeskreis für Lübben, den er gleich nach der Wende mitgegründet hatte. Die Arbeit der Deutschen Gesellschaft, dem überparteilichen Bürgerverein zur Förderung politischer, kultureller und sozialer Beziehungen in Deutschland und Europa, in dem er den Vorstandsposten von Angela Merkel übernahm. Und als Mitglied den Sicherheitsausschuss des Brandenburger Landesfußballverbands. Bis heute ist er Sicherheitsbeauftragter beim FC Energie Cottbus, der zu Erstliga-Zeiten bis zu 22.000 Fans in sein Stadion zog, darunter auch immer Hooligans und Neonazis. Hat er mal die Nerven verloren, wenn es hoch herging? „Nein“, sagt Lüth. Doch ein Böller habe ihm mal schwer den Fuß verletzt.

Immer alles richtig gemacht?

Ist er selbst Cottbus-Fan? „Ich bin überhaupt kein Fußballfan!“ Er singt auch nicht, und doch hat er Brandenburgs Polizeichor gegründet. Er musiziert nicht, eine Polizeiorchester-Parade hat er dennoch ausgerichtet. Und obwohl er auch kein Radsportler ist, organisiert er seit mehr als 25 Jahren Touren für Polizisten, Bürgermeister, Staatsanwälte aus verschiedenen Ländern, unter dem Motto „Wir radeln für Völkerverständigung“. Warum das alles? Freude bereiten, Zusammenhalt fördern. „Wir müssen uns austauschen. Die Polizei muss sich als große Familie erleben.“

Im März 2019 wurde ihm für seine Verdienste beim WEISSEN RING und in den anderen Ehrenämtern das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Ist er stolz auf das, was er erreicht hat? „Ja“, sagt Lüth mit fester Stimme. Und die eigene Familie, wo blieb die bei all dem Engagement? Die, meint er nachdenklich, musste wohl zu oft ohne ihn auskommen. „Vielleicht hat man da doch nicht immer alles richtig gemacht.“

Jetzt kommt die Zeit, das zu ändern. Auch wenn die Sorge um die Gesellschaft ihn wohl niemals loslassen wird. Brutalität nimmt weiter zu, weltweit in Form von Kriegstreiberei und nationalistischem Machthunger. Und hinter mancher Wohnungstür als häusliche Gewalt. Übergriffe auf Polizistinnen, Polizisten und andere Menschen in Uniform werden immer aggressiver. Gleichzeitig sind Zeugen weniger bereit, einzugreifen. Die Angst der Zeugen kann er ein Stück weit nachvollziehen: „Die Menschen fürchten sich vor Rache.“ Er kennt sie selbst, die anonymen Gewaltandrohungen, die Menschen erhalten, die sich engagieren. Hat er selbst auch Angst? „Nein“, sagt Lüth. „Man gibt ja immer sein Bestes“, sagt er. „Trotzdem können wir nicht verhindern, dass manche Menschen Böses tun.“

„Wir müssen uns auf die Menschlichkeit konzentrieren“

Erstellt am: Samstag, 19. Februar 2022 von Torben

„Wir müssen uns auf die Menschlichkeit konzentrieren“

Serpil Temiz Unvar verlor ihren Sohn Ferhat Unvar durch den rassistischen Anschlag am 19. Februar 2020 in Hanau. Mit der von ihr gegründeten „Bildungsinitiative Ferhat Unvar“ will sie unter anderem über institutionellen Rassismus aufklären, aber auch Politik und Gesellschaft wachrütteln.

Foto: Bildungsinitiative Ferhat Unvar

Frau Unvar, die Opfer in Hanau, sagten Sie nach dem Anschlag, sollen nicht umsonst gestorben sein. Was sind wir ihnen schuldig?

Unsere Kinder sind wegen der Herkunft ihrer Eltern gestorben. Weil wir Migranten sind. Der Täter hat gezielt migrantisch aussehende Menschen getötet. Es hätte jeden von uns mit schwarzen Haaren treffen können. Es hätte auch ich sein können. Alle der Gestorbenen waren jung, hatten gerade ihre Ausbildung beendet oder einen neuen Job. Sie standen alle mitten im Leben. Der Täter hat ihnen die Chance genommen, ihr Leben zu leben. Die Chance auf eine Familie, auf den Einstieg in den Beruf. Sie sind gestorben, weil unsere Gesellschaft ein tiefgreifendes, strukturelles Rassismusproblem hat.

Wir schulden es unseren ermordeten Kindern, dieses Problem zu lösen. Wir schulden es unseren ermordeten Kindern, das Problem zu benennen und die Strukturen zu entlarven. Wir schulden es unseren Kindern, jeden Tag dafür zu kämpfen und die Umstände aufzudecken. Und wir schulden es unseren Kindern, dafür zu kämpfen, dass ihre Namen in Erinnerung bleiben. Dass niemand vergisst, was hier in Hanau passiert ist. Dass niemand vergisst, warum sie hier ermordet wurden. Und wir schulden es unseren Kindern, dafür zu kämpfen, dass keinen weiteren Kindern aus rassistischen Motiven die Zukunft geraubt wird und nie wieder eine Mutter um den Verlust ihres Kindes weinen muss. Der Tod meines Sohnes soll das Ende der rassistischen Gewalt sein. Er soll der Anfang einer neuen, besseren Zeit sein.

Setzt Deutschland diese Forderung ausreichend um?

Nein. Es war ziemlich direkt nach der Tat klar, dass wir, die Familien, aber auch die migrantische Community, uns selbst organisieren müssen. Dass wir selbst Gerechtigkeit und Veränderung einfordern müssen. Wir, die Familien, ermitteln, recherchieren und organisieren. Wir haben viele Fragen gestellt und haben bisher keine richtigen Antworten bekommen. Wir haben Fehler aufgezeigt und warten bis heute auf eine Entschuldigung, zum Beispiel seitens der Polizei, die in der Tatnacht den Notruf nicht richtig besetzt hatte. Es gibt viele offene Fragen – und keine Bereitschaft, uns Antworten zu geben. Unsere Gesellschaft hat sich irgendwie daran gewöhnt, dass wenn Menschen, die migrantisch gelesen werden, ermordet werden, es einen kurzen Aufschrei gibt und dann wieder Stille herrscht. Man hat sich daran gewöhnt, dass sich nur die migrantische Community selbst dafür interessiert. Und mehr als eine kurze Betroffenheit ist oft nicht zu erwarten.

Aber wir sind nicht mehr still. Wir, gemeinsam mit anderen Initiativen und Organisationen, die diesen Kampf beginnen mussten, sind nicht mehr leise. Wir solidarisieren uns und wir profitieren von der Arbeit, die vor uns geleistet wurde. Nur gemeinsam sind wir stark.

Denken Sie, dass wir als Gesellschaft versagt haben?

Ich weiß nicht, ob wir unbedingt als Gesellschaft versagt haben. Es gibt viele gute Menschen, Einrichtungen und Organisationen. Aber viele staatliche Organe haben versagt. Die Behörden haben versagt. Sie haben die Gefahr, die vom Täter ausging, nicht erkannt. Sie haben nicht rechtzeitig gehandelt. Warum, zum Beispiel, hatte dieser Mann ganz legal einen Waffenschein, obwohl er sich auffällig verhalten hatte und bereits der Polizei bekannt war?

Was also müssen wir ändern – was erwarten Sie von unserer Gesellschaft?

Wir müssen die Dinge beim Namen nennen. Wir müssen Rassismus benennen und wir müssen rassistische Strukturen benennen, erkennen und abbauen. Ich erwarte, dass alle Menschen die Bereitschaft zeigen, sich weiterzuentwickeln. Dass die Gesellschaft als
solche die Bereitschaft zeigt, sich selbst und die eigenen Strukturen zu hinterfragen. Wir müssen rassistische Denkmuster und Einstellungen entlarven und als solche benennen. Es erfordert die Bereitschaft aller, wenn wir rassistische Denkweisen auf Dauer entkräften wollen.

Ich erwarte, dass Initiativen und Bildungseinrichtungen, wie die „Bildungsinitiative Ferhat Unvar“, die ich gegründet habe, unterstützt werden. Ich erwarte, dass antirassistische Bildungsarbeit staatlich gefördert wird.

Wie lang, glauben Sie, ist der Weg, den wir noch gehen müssen, bis sich wirklich etwas ändern wird?

Der Weg ist lang, aber wir müssen ihn gehen. Und ich habe Hoffnung. Leider mussten viele Familien vor uns diesen Weg schon gehen. Haben vor uns schon gekämpft. Aber wir haben es mit einer neuen Generation zu tun. Die Generation meines Sohnes ist anders. Seine Freunde und Freundinnen begreifen sich anders.

Während in meiner Generation die kulturellen Unterschiede noch eine starke Rolle zu spielen scheinen, ist es für die Generation meines Sohnes eigentlich kein Thema mehr. In seinem Freundeskreis ist es egal, woher jemand kommt. Ferhat war mit ganz verschiedenen
Menschen befreundet, für ihn zählte das Menschsein, nicht die Herkunft. Und ich glaube, es geht vielen jungen Menschen seiner Generation so. Die Herkunft wird immer unwichtiger und was zählt, ist die Menschlichkeit.

Und genau das ist der Weg, den unsere Gesellschaft gehen muss. Wir müssen uns auf die Menschlichkeit konzentrieren.

Unser Buch heißt, passend dazu, „Menschen“. Was hat Ferhat als Menschen ausgemacht?

Ferhat war ein sehr begabtes Kind mit vielen Interessen. Er interessierte sich sehr für Mathematik und Philosophie und er las sehr gerne. Er war ein tiefgründiger Mensch, der sich gerne über Gott und die Welt unterhalten und viele Dinge hinterfragt hat. Er hat sich mit allen Menschen verstanden, egal welchen Alters und welcher Herkunft. Er konnte mit jedem Menschen auf Anhieb ins Gespräch kommen. Er war immer freundlich und lustig und hat seine Freunde immer zum Lachen gebracht.

Er konnte aber auch sehr ernst sein und hatte für alle Freunde und seine Geschwister immer ein offenes Ohr und hat ihre Probleme gelöst. Innerhalb weniger Sekunden konnte er von lustig auf nachdenklich umschalten. Aber nicht jeder kannte seine nachdenkliche Seite, die meisten kannten ihn als unglaublich lustigen Typ, der alles und jeden aufs Korn nehmen konnte.

Obwohl Ferhat ein so offener Mensch war, hatte er auch viele Probleme, die ihn stark belasteten. Er hatte viele Probleme mit der Schule, besonders mit der Schulpolitik. Er war der Meinung, dass die Schulleistung nichts über die Intelligenz eines Menschen aussagt. Er musste in der Schule immer kämpfen und er musste sich oft Aussagen anhören wie zum Beispiel: „Du wirst nie etwas schaffen.“ Diese Aussagen nahmen ihm die Motivation weg. Trotzdem hat er nie aufgegeben und hat seine Ausbildung geschafft. Er hat nach dem Abschluss aber nicht gefeiert, weil für ihn die Schule ein Problem war, das er lösen musste.

Deswegen habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, antirassistische Bildungsarbeit zu machen. Ich will Ferhats Problem lösen. Nicht nur für Ferhat, sondern für alle Kinder, die mit solchen Problemen konfrontiert werden.

Was können wir alle von Ferhat lernen?

Ferhat war ein offener Mensch und seine Offenheit ist etwas, was ich mir für unsere Gesellschaft wünsche. Unvoreingenommen und vorurteilsfrei. Man konnte von ihm viel über Nächstenliebe und das Menschsein lernen. Und Ferhat hat nie aufgeben, egal wie schwer seine Situation war, er hat immer weitergekämpft. Ferhat war ein Kämpfer. Ich nehme meine Kraft von ihm. Ich kämpfe für ihn weiter, ich kämpfe seinen Kampf weiter. Für Ferhat, für Hanau und für eine bessere Zukunft für uns alle.

Am 19. Februar 2020 ermordete ein 42-jähriger Mann aus Hanau (Hessen) in seiner Heimatstadt neun Menschen mit Migrationshintergrund. Dies sind ihre Namen:

Ferhat Unvar
Gökhan Gültekin
Sedat Gürbüz
Said Nesar Hashemi
Mercedes Kierpacz
Hamza Kurtović
Vili Viorel Păun
Fatih Saraçoğlu
Kaloyan Velkov

Nach diesen Morden erschoss der Täter seine Mutter Gabriele R. und sich selbst. Der psychisch gestörte Mann hatte zuvor sein rassistisches, islamfeindliches, antisemitisches und von Verschwörungstheorien geprägtes Weltbild im Internet verbreitet.

Dieser Text ist ein Abdruck aus dem Buch „Menschen – Im Fadenkreuz des rechten Terrors“, das zu der gleichnamigen Ausstellung des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv erschienen ist. Der WEISSE RING unterstützt die Ausstellung.

Wie der WEISSE RING nach der Flut im Ahrtal hilft

Erstellt am: Mittwoch, 16. Februar 2022 von Sabine

Wie der WEISSE RING nach der Flut im Ahrtal hilft

Am 14. Juli rast die Flut durch das Ahrtal, mehr als hundert Menschen sterben, ganze Dörfer sind verwüstet. Auch Opferhelfer des WEISSEN RINGS wurden zu Betroffenen. Seitdem organisiert Außenstellenleiter Gerd Mainzer den Ausnahmezustand in seinem Heimatdorf. Wie gelingt ihm das?

Als die Flut kam, stand für Gerhard Mainzer fest: Er muss helfen, mit anpacken.

Als Betrüger wäre Gerd Mainzer eine große Nummer. Nach wenigen Minuten würde man ihm Passwörter, Autoschlüssel und die eigenen Kinder anvertrauen. Ein 66-Jähriger mit gepflegten grauen Haaren, der nüchtern und interessiert zugleich durch seine Brille, Typ Kassengestell, blickt. Zum Glück ist Gerd Mainzer kein Betrüger. Was er allerdings an diesem Tag gerade ist, das ist gar nicht so einfach zu sagen. Pensionierter Leiter einer Polizeiwache? Außenstellenleiter des WEISSEN RINGS? Stadtbeauftragter der Malteser Bonn? Gerd? Jedenfalls auch einer, der sich freut, dass der Apfelschnitz so „schön sauer“ schmeckt.

Fest steht schon mal, wo er an diesem Vormittag ist: Walporzheim, Rheinland-Pfalz. Ein Dorf mit nicht mal 700 Einwohnern, das zu Bad Neuenahr-Ahrweiler gehört. Es ist einer der guten Herbsttage, der Himmel ist blau, auf der einen Seite die Weinberge, auf der anderen die bewaldeten Hügel. Mainzer steht zwischen einem großen weißen Zelt und der Dorfkirche und plaudert mit einigen Bewohnern. Er ist angezogen wie für einen Katastropheneinsatz: Jacke mit viel Orange und reflektierenden Streifen, Cargo-Hose, schwere Schuhe, die Arbeitskleidung der Malteser. Nur der Rucksack verleiht ihm etwas Jugendliches. Ein Modell, das man auf eine leichte Wanderung mitnehmen würde. Er möchte aber bloß seine Runde durch den Ort machen. Noch ist er nicht aufgebrochen, da sagt schon einer über ihn: „Er war einer der Ersten mit Uniform hier.“

,,Alle haben sich irgendwo eingebracht."

Gerhard Mainzer

Lang her ist die Katastrophe noch nicht. Am 14. Juli erhält Mainzer gegen 22 Uhr einen Anruf seiner Schwester aus Walporzheim. Sie wohnt im Elternhaus, er knapp 50 Kilometer entfernt in Königswinter bei Bonn. Das Wasser stehe im Erdgeschoss, sagt die Schwester, der Hund wolle nicht hochkommen in die erste Etage und das Handy sei auch bald leer. Der Strom sei ausgefallen. Nachts schickt sie eine SMS. Vor dem Haus hänge eine Frau im Baum. Dann erreicht Mainzer seine Schwester nicht mehr. Hinfahren ist unmöglich. Wie denn auch? In den Nachrichten ist zu erfahren, dass keine Region so stark vom Regen betroffen ist wie der Landkreis Ahrweiler. 134 Menschen sterben durch das Hochwasser, eine tote Frau wird erst in Rotterdam aus dem Wasser gezogen. Wie hoch die Ahr am Ende stand, weiß niemand, weil die Messgeräte dafür nicht ausgelegt waren. Schätzungen gehen von mehr als sieben Metern aus, doppelt so viel wie der bisherige Höchststand von 2016. 17.000 Häuser sollen verlorengegangen sein oder erhebliche Schäden erlitten haben. Nach ein paar Tagen schafft es Mainzer mit dem Auto bis in seinen Heimatort, die Schwester lebt, aber überall ist Chaos. Es gibt Fotos von Walporzheim nach der Flut, die aussehen, als habe jemand am Computer einen Müllberg in die Straße hineinkopiert – allerdings einen Müllberg, in dem Autos stecken. Für Mainzer steht fest: Er muss helfen. Im Auftrag der Malteser baut er als Ehrenamtler die nächsten Wochen eine medizinische Versorgung auf. Die erste Zeit fährt er fast täglich ins Dorf, 760 Arbeitsstunden in drei Monaten, schätzt er. Gegenüber dem großen weißen Zelt, in dem Helfer und Bewohner kostenlos essen können, steht nun ein Container, der mit einem Sanitäter besetzt ist.

Vor Ort vermischen sich seine verschiedenen Ehrenämter beim WEISSEN RING und bei den Maltesern schon mal.

Wer mit Mainzer durchs Dorf geht, stellt schnell fest, dass die Flut zwar durch ist, das Thema Flut aber noch lange nicht, auch wenn sich die Öffentlichkeit mehr als drei Monate danach wieder anderen Themen zugewandt hat. So vieles ist noch immer nicht wie vorher. Züge fahren erst mal keine. Es gibt Häuser, die bereits von außen völlig zerstört aussehen, es gibt Lücken, in denen mal Häuser standen, Fassaden sind mit Schlamm bespritzt. Man wird in Walporzheim kein Erdgeschoss finden, das nicht betroffen ist. Die meisten stehen noch leer. Alle Weinlokale sind geschlossen.

Obwohl Mainzer die Flut nicht selbst gesehen hat, weist er beim Rundgang regelmäßig daraufhin, wie hoch das Wasser in diesem und jenem Haus gestanden hat – ein Zeichen dafür, wie sehr sich die vergangenen Monate bei ihm eingeprägt haben. Er läuft vorbei an einer provisorischen Tür, auf der steht „We Ahr Together“, unterschrieben von sehr vielen Menschen. Auch sein Name steht da irgendwo mit drauf. Er betritt das Gemeindehaus, das früher mal eine Grundschule war, seine Grundschule. Hier werden Sachspenden gesammelt und ausgegeben. Von Dosensuppe bis zu alten Schuhen gibt es hier alles. Kinderkleidung haben sie viel zu viel. Gebraucht werden gerade besonders Taschenlampen, Kaffeepulver und Spülmittel. Eine Frau fragt Mainzer nach Trocknern. Er kümmert sich, verspricht er. Ein paar Minuten später erreicht er den Platz, an dem gerade das winterfeste Versorgungszelt aufgebaut wird. Bald bekommt er hier sein eigenes Büro, einen Container, momentan organisiert er seine Projekte noch „vom Rucksack“ aus, wie er sagt. Der Container sollte längst da sein. Er ärgert sich.

Vor einem Haus fragt er ein altes Paar, ob sie ihr Geld schon bekommen haben. Ja, haben sie. „Es wird“, sagt die Frau zum Abschied. Das Geld, das ist die Soforthilfe von 2.500 Euro, die jedem vom Hochwasser betroffenen Haushalt auf Antrag bei diversen Hilfsorganisationen zusteht. Mainzer hat auch die besucht, die es nicht zur Info-Veranstaltung geschafft hatten. Da hilft es, wenn man die Leute kennt. Wenn er auf Bekannte trifft, verändert sich seine Sprache. Mit Fremden spricht er eher formell. Fragt man Mainzer nach den Toten und ob sie ertrunken oder von Bäumen oder Autos erschlagen wurden, sagt er: „Tot waren sie halt.“ Was soll die blöde Frage?, heißt das. Das ändert sich, wenn er mit den Leuten aus dem Dorf spricht. Dann wird er lockerer, weicher. „Na, wie isset?“ In Walporzheim ist er immer auch Walporzheimer.

,,Das, was die Leute berichten liegt ihnen am Herzen und belastet sie. Wenn ich helfen kann, tue ich das."

Gerhard Mainzer

Er erreicht nun die Ahr, das Ufer ist aufgerissen. Hier steht nicht nur ein großes Zelt, in dem ein für die Bewohner kostenloser Baumarkt untergebracht ist, sondern auch ein Containerdorf für Helfer. Verantwortlich dafür ist ein Gartenbauunternehmer aus Hessen. Und genau dem läuft Mainzer jetzt über den Weg. Mit einem weiteren Mann geht dieser gerade durch den Ort und verteilt Geld und Gutscheine, die sie in einem Korb tragen. Ob er noch Leute kenne, die Bedarf hätten? Mainzer will darüber nachdenken. Er lässt sich nicht anmerken, dass ihm der Mann nicht ganz geheuer ist. Er findet es eher ungeschickt, die Zuwendungen zu verteilen wie der Weihnachtsmann. Mainzer will da nicht falsch verstanden werden, die Helfer von außen waren wichtig für den Ort. Überall hängen Dankesplakate an Zäunen und Fenstern. Doch er findet, so allmählich müsse das Dorf wieder mehr für sich selbst sorgen. Der Gartenbauunternehmer ist ein ganz anderer Helfer-Typ als Mainzer. Herr Hartmann trägt einen Kapuzenpullover mit dem Aufdruck „Mach es wie die Hartmanns – sei ein HARTmann!“ Man hat ihm auch eine lebensgroße Holzfigur geschnitzt und eine provisorische Straße im Containerdorf nach ihm benannt. Mainzer, der ohnehin eher aussieht wie in Stein gehauen, hätte den Leuten vermutlich einen Vogel gezeigt. Später wird ein Schreiner Mainzer erzählen, bei ihm hätten die Helfer schon Unkraut pflücken wollen. Bei einem anderen hätten sie die Kieselsteine gereinigt.

Auch Mainzer erzählt gern von dem, was er leistet. Später auf der Rückfahrt hört man die Geschichten aus seiner Zeit als Polizist, Erster Hauptkommissar war er, mehr geht nicht im gehobenen Dienst. Wie er über den Zugriff bei einer Kindesentführung entscheiden musste. Wie er einen Kaiserschnitt anordnete, um Leben zu retten. Wie er einer Frau 50 Mark lieh, die gerade Pfandgeld gestohlen hatte, aber Essen für ihre Kinder brauchte. Der Kollege sagte, das Geld sehe er nie wieder. Er sah es wieder. Solche Dinge erzählt er aber eher weniger, um damit anzugeben, sondern um einen Punkt zu machen: Dass er schwierige Entscheidungen treffen kann. Dass er Vertrauen in Menschen hat.

Hört zu: Außenstellenleiter Gerd Mainzer.

Wenn Mainzer durch sein Heimatdorf geht, trägt er zwar die Uniform der Malteser, aber er ist auch immer Außenstellenleiter des WEISSEN RINGS Ahrweiler. Das Telefon hat er immer dabei. „Das ist ja ein Mobiltelefon“, sagt er trocken. 2018 übernahm er den Posten, ein Jahr nach seiner Pensionierung. Wie leitet man nun eine Beratungsstelle für Kriminalitätsopfer, wenn plötzlich ganz andere Opfer im Vordergrund stehen, die Betroffenen der Flut? Am Tag zuvor hat er eine Videokonferenz mit seinen Leuten gemacht, um zu schauen, wie die Lage bei ihnen ist. Nach dem Hochwasser dauerte es eine Weile, bis er alle 15 überhaupt erreicht hatte. Betroffen waren sie alle irgendwie. Am schlimmsten der Mitarbeiter, der sein Haus verlor. Wen es selbst nicht so stark erwischt hatte, kümmerte sich um Familienangehörige, half im eigenen Ort mit. „Alle haben sich irgendwo eingebracht“, sagt Mainzer. Zum Beispiel jene Mitarbeiter, die das Glück haben, auf einem Berg zu wohnen. Sie kochen nun für alle, die dazu gerade nicht in der Lage sind. Die Hilfe vor Ort hatte Vorrang vor der Arbeit für den WEISSEN RING. Mainzer versteht das. Wer sich ehrenamtlich engagiert, neigt dazu, sich auch dann zu kümmern, wenn es an anderer Stelle Probleme gibt.

Auch mehr als drei Monate später stehen Mainzer nur zwei bis drei Helfer wieder so zur Verfügung wie vor dem Hochwasser. Die Anrufe hatte ohnehin immer er entgegengenommen, dann die Fälle aber häufig weiterverteilt. Im Juli wurde klar, dass er sich bis auf weiteres allein um die Fälle kümmern musste. „Ich war ja eh hier.“ Auch wenn er mal nicht ans Telefon gehen kann, zurückgerufen hat er immer innerhalb von 24 Stunden, sagt er. Auch wenn die Not, die er selbst vor Augen hatte in Walporzheim, häufig größer war. Man müsse es halt bearbeiten – auch dann, wenn es „nur“ um Betrug geht. „Schlimmer geht immer. Aber das, was die Leute berichten, liegt ihnen am Herzen und belastet sie. Wenn ich helfen kann, tue ich das. Es gibt aber Fälle, die so lebensfremd sind, die lehne ich ab.“ In den vergangenen Monaten hat es aber auch schwere Fälle gegeben, ein Tötungsdelikt, 16 Messerstiche, das Opfer überlebte schwerverletzt. Eine Flut-Helferin wurde vergewaltigt.

Einige Straftaten wurden durch die Flut begünstigt. Einmal warnten Betrüger vor dem nächsten Hochwasser, damit die Leute die Häuser verließen und sie in Ruhe die Wertgegenstände rausräumen konnten. Es gibt auch Betrüger, die den Anschein erwecken, sie würden kostenlos bei Reparaturen helfen, und dann erhöhte Rechnungen ausstellen. Das Hochwasser bringt bei manchen auch verdrängte Traumata wieder hoch. Da kann es sein, dass Mainzer jemanden in seiner Funktion als Malteser besucht, und dann geht’s plötzlich nicht nur um die Soforthilfe. „Da brach alles über die Frau herein, und sie sagte: ‚Jetzt weiß ich gar nichts mehr.‘ Dann schalte ich auf WEISSER-RING-Modus um und dann ist das so.“

,,Ich bin nicht erstaunt, dass ich das geschafft habe. Ich traue mir das schon zu. Meine Aufgabe ist es zu organisieren."

Gerhard Mainzer

Mainzer hat Erfahrungen mit Katastrophen, „aber nicht mit so einer Katastrophe. Solche großen Katastrophen kennt niemand.“ Dennoch sagt er: „Ich bin nicht erstaunt, dass ich das geschafft habe. Ich traue mir das schon zu. Meine Aufgabe ist es zu organisieren.“ Situationen nicht zu sehr an sich heranzulassen, das gehört zu den wichtigsten Fähigkeiten eines Helfers – aber wie will man das machen, wenn die Heimat, wenn Freunde und Familie betroffen sind? Das war auch für Mainzer eine besondere Belastung. Er hat geweint, aber nicht hier vor Ort als Helfer, dafür ist er zu professionell. Seine Frau hat ihn schon mal gebeten, jetzt nicht wieder nach Walporzheim zu fahren. Nicht weil sie den Einsatz in Zweifel zieht, sondern bloß, weil es ihr zu viel erschien. Dann blieb er zu Hause.

Was er jetzt im Ort macht, dafür nutzt er zwar nicht die Mittel des WEISSEN RINGS, sondern der Malteser, aber es ist ganz im Sinne des WEISSEN RINGS: Prävention. Die Leute haben Schlimmes erlebt und überlebt. Das hinterlässt Spuren. Deshalb hat jetzt Bolle seinen Auftritt. Labrador Bolle ist ein sogenannter BBD-Hund, BBD steht für Besuchs- und Begleitdienst. Mainzers Idee ist, dass man in Anwesenheit eines Hundes leichter mit Menschen ins Gespräch kommt, die schwerer zu erreichen sind: alte Menschen, Kinder zum Beispiel. Zusammen mit Besitzerin Birgit Buchloh besuchen sie am Freitagnachmittag das Altenheim. Im Erdgeschoss wird noch renoviert, in der ersten Etage sitzt eine Frau auf dem Balkon und raucht. Wer sich fragt, was ein Hund denn ausrichten könne, sollte sich das unbedingt einmal anschauen. Der eben noch sehr stürmische Bolle wird ruhig. Nach wenigen Minuten überlässt Buchloh der Rentnerin die Leine, der Hund legt sich hin. Sie drückt der Frau noch ein paar Leckerli in die Hand. Ein zweiter Bewohner setzt sich dazu, nimmt auch mal den Hund, dasselbe Spiel. Viel geredet wird nicht, Mainzers Fragen werden mit höchstens einem Satz beantwortet. Aber da ist plötzlich so eine Art Frieden in einem Ort, der noch lange nicht zur Ruhe kommt. Für den nächsten Besuch vereinbaren sie einen Spaziergang mit Hund.

Mainzer macht sich Sorgen, weil jetzt der Winter kommt. Ausgerechnet in der Zeit, in der es kälter und dunkler ist, müssen die Überlebenden mit den psychischen Folgen umgehen. Viele haben noch keine neue Heizung, können das Erdgeschoss nicht nutzen, kämpfen um ihre Existenz. Manche sitzen allein zu Hause. Die Leute hätten sich schon gegenseitig geholfen, sagt Mainzer, aber er beobachte, dass nun auch die Konflikte losgehen. Warum hat mein Nachbar mehr als ich, woher hat er den Trockner? Belastungen, die zur Gefahr werden können. Häusliche Gewalt und Kindesmissbrauch hätten während der Pandemie zugenommen in der Region, sagt Mainzer. Was nach der Flut passiert ist, da fehlen ihm noch die Zahlen. Deshalb sind Projekte wie der Begleithund gut. Er, der vor seiner Zeit als Polizist Kindergärtner war, ist auch mit Kindern in die Reithalle gegangen. Treffpunkte wie die Kirche will er wieder beleben. Die Leute sollen nicht gezwungen sein, zu Hause zu hocken. Dafür nutzt er auch die Kontakte des WEISSEN RINGS. Wenn er zum Beispiel beim Jugendamt anruft, sagt er: Sie kennen mich vom WEISSEN RING, aber heute rufe ich als Malteser an.

Am späten Nachmittag kehrt Mainzer zurück auf den Zeltplatz. Schon ist wieder sein Typ gefragt. Eine Frau sucht eine neue Wohnung, die alte ist wegen des Hochwassers gerade nicht bewohnbar. Sie will unbedingt hier bleiben, damit die Tochter nicht die Schule wechseln muss. Sie klingt verzweifelt, beginnt zu weinen. Mainzer sagt gar nicht viel, aber er verspricht sich umzuhören. Die Frau schreibt ihren Namen und ihre Telefonnummer auf seinen Notizblock. Fragen kann er zum Beispiel die Ehrenamtlerin, die auch beim WEISSEN RING arbeitet und sich in der Gegend momentan um Wohnraum für Flutopfer kümmert. Den Antrag auf Soforthilfe hat die Frau auch noch nicht ausgefüllt. Kann sie gleich hier machen. Mainzer setzt sich mit ihr auf eine Bank. Zum Abschied umarmt sie ihn, und zum ersten Mal an diesem Tag wirkt Mainzer ein klein wenig unbeholfen.

Hilfe nach dem Horror

Erstellt am: Mittwoch, 8. Dezember 2021 von Sabine

Hilfe nach dem Horror

Ein Mann ermordet in Würzburg drei Frauen mit einem Messer. Die Tat bestürzt das ganze Land: Hätte sie verhindert werden können? In unserem Portrait stellen wir zwei Helfer vor, die viel für die Opfer und die Angehörigen getan haben.

Nach der Tat: Würzburg trauert. Foto: Nicolas Armer/dpa

Die Küchenmesser im Kaufhaus „Woolworth“ in der Würzburger Innenstadt liegen nicht mehr in der Auslage. Das ist zumindest eine beruhigende Veränderung. Denn an dieser Stelle hatte sich im Sommer 2021 ein wohl 24 Jahre alter Geflüchteter aus Somalia von der Verkäuferin die Ware zeigen lassen, um dann mit einem Messer mit langer Klinge wild um sich zu stechen. Drei Frauen kamen ums Leben, ein zwölfjähriges Mädchen und vier weitere Personen wurden schwer verletzt. Das beherzte Eingreifen von Passanten verhinderte, dass noch mehr Menschen zu Schaden kamen.

Der Amoklauf sorgte deutschlandweit für Bestürzung, die Anteilnahme für die Opfer war enorm: Die Spenden erreichten sechsstellige Summen. Alois Henn vom WEISSEN RING in Würzburg bekam die Nachricht von der Tat noch am Abend mitgeteilt, die folgenden drei Wochen verbrachte er am Schreibtisch. Es ging um schnelle Hilfe, um Koordination und Kooperation zwischen den beteiligten Stellen – zum Schutz der Opfer und Angehörigen. Es wurde eine Herkulesaufgabe, doch Henn und Außenstellenleiter Martin Koch sind seit Jahrzehnten an Ausnahmefälle gewöhnt.

Nicht über Pensionierung gefreut

Bei einem Treffen in diesem Herbst trägt Henn einen schwarzen Hut, Koch eine helle Cap und beide kariertes Hemd unter ihren Pullovern. Sie erzählen ausführlich und pointenreich von ihrem Leben – aber auch von den dunklen Tagen nach der Würzburger Tat. Wenn man die beiden agilen Ehrenamtler so beobachtet, kommt man gar nicht auf den Gedanken, in welch hohem Alter sie sich noch derart engagieren: Henn zählt 79 Jahre, Koch sogar 85.

Sie mussten lernen, die Perspektive zu wechseln: die ehemaligen Polizisten und heutigen Opferhelfer Martin Koch (links) und Alois Henn. Foto: Ron Ullrich

Neben dem augenscheinlichen Faible für Kopfbedeckungen eint sie noch die gemeinsame Biografie als ehemalige Polizisten: Koch war Leiter der Mordkommission in Würzburg. Er wurde mit 60 Jahren pensioniert und war einer der wenigen Arbeitnehmer in Deutschland, die sich über die Rente nicht gefreut haben. Er wollte weiter aktiv sein,  und so schloss er sich 1997 dem Team des WEISSEN RINGS an. Dabei wurde er auch zu einer Art Botschafter: Er allein soll 300 Personen als Mitglieder zum WEISSEN RING gebracht haben. Koch, der in diversen Klubs vom Radfahren bis zum Wandern unterwegs ist, leistete Überzeugungsarbeit. Sein Kollege Henn scherzt: „Wenn er mit einer Gruppe im Bus unterwegs war, ist er nie ohne neue Mitglieder zurückgekommen.“

Auch Alois Henn kam zum WEISSEN RING, weil ihn Koch nach dessen Pensionierung 2003 anwarb. Von 1962 an hatte er zuvor bei der Polizei gearbeitet, aus eigenem Antrieb sogar die Stationen gewechselt, um überall Neues zu entdecken: So war er bei der Einsatzleitung, der Autobahnpolizei, dem Unfallkommando, als „Operator“ im Einsatz und später im Rechnungswesen. „Ich habe alle Sparten kennengelernt.“ Heute, nach seiner offiziellen Dienstzeit, bekleidet Henn so viele Ehrenämter, dass er sie gar nicht alle aufzählen kann. So ist er unter anderem Ehrenvorsitzender des Polizeichors und des Sängerkreises Würzburg. Im September wurde er für sein Engagement mit dem Ehrenzeichen des Bayerischen Ministerpräsidenten ausgezeichnet.

Täter mit Opfer-Perspektive konfrontiert

Die beiden Mitarbeiter vom WEISSEN RING haben also jahrelange Erfahrung gesammelt, zeichnen sich durch ihr Engagement und ihre Begeisterungsfähigkeit aus – und wer an Astrologie interessiert ist, mag diesen Zufall als weitere Erklärung für ihre Gemeinsamkeiten anführen: Beide wurden am 9. Juni geboren – Koch im Jahr 1936, Henn 1942.

Beim WEISSEN RING mussten sie erst einmal lernen, die Perspektive zu wechseln. Die Polizei sieht Opfer zunächst einmal als Zeugen einer Straftat an, in ihrer heutigen Tätigkeit rückt die Opferperspektive in den Mittelpunkt. „Ich wäre zu meiner Zeit bei der Polizei froh gewesen, wenn ich vom WEISSEN RING gewusst hätte“, sagt Koch. Für Henn ist eine Wechselwirkung entscheidend: In den Gesprächen zeigt er Empathie, muss gleichzeitig die Sympathie seines Gegenübers erlangen, damit das Gespräch vertrauensvoll und tiefergehend ablaufen kann. „Ich stelle mir die Fragen: Was ist passiert? Wo liegt der Schaden? Und wie kann ich helfen?“ Nicht alles in diesem Lernprozess laufe autodidaktisch ab, neben den langjährigen Erfahrungen helfen den beiden die Aufbauseminare der WEISSER RING Akademie.

Außerdem hat Henn eine besondere Initiative gestartet: Er hält Vorträge vor der Bereitschaftspolizei – und in der JVA. Hier konfrontiert er Täter meistens zum ersten Mal mit der Perspektive ihrer Opfer. „Die Reaktionen sind frappierend“, so Henn. Einmal habe ein Sexualstraftäter den Raum verlassen, weil er es nicht mehr ausgehalten habe. Zehn Minuten später sei er zurückgekehrt. „In diesen Sitzungen wird Tacheles geredet, psychologisch lerne ich da unglaublich viel.“ Die Hälfte der Täter bitte nach den Vorträgen sogar noch um Einzelgespräche. Die Begegnungen sind wohl einmalig in Deutschland und könnten ein Vorbildprojekt werden, glauben die beiden. Die Rückfallquote liege bei den Tätern, die die Vorträge besuchten, bei nur fünf Prozent – während sie im Schnitt wohl um das Sechsfache höher ausfalle.

Der Horror von Würzburg

Für Henn geht es beim WEISSEN RING um zwei Ansätze: die organisatorische und die psychologische Hilfe. „Wichtig ist aber vor allem, dass man sich auf Augenhöhe begegnet. Und: Zuhören! Zuhören! Zuhören!“ Genau diese Tugenden waren gefragt nach dem 25. Juni 2021 – nach der Messerattacke von Würzburg.

Als Henn den Fall abends auf seinen Schreibtisch bekam, kabelte er gleich der Betreuungsstelle der Polizei durch: Wir stehen bereit, um zu helfen! „Wichtig ist, so einer Situation mit Bedacht zu begegnen und nicht überstürzt Entscheidungen zu treffen. Wir müssen intensiv mit der Polizei zusammenarbeiten.“ Der WEISSE RING habe die große Stärke, sofort und unbürokratisch zu helfen. Bei dem Attentat starb eine junge Mutter, ihre zwölfjährige Tochter überlebte. Der Lebenspartner und der Bruder des Mädchens waren da aber noch in Brasilien, also organisierte die Opferhilfe einen Flug der beiden, um die Familie in der Stunde dieser Trauer zusammenzubringen.

Die Anteilnahme in Würzburg ist groß. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Insgesamt sieben Opfer des Attentats meldeten sich beim WEISSEN RING, die finanziellen Hilfen beliefen sich auf rund 15.000 Euro. Eine 42 Jahre alte Frau war nach dem Angriff querschnittsgelähmt, ein 16-Jähriger hatte Messerstiche im Rücken erlitten. Eine andere Frau schlug den Angreifer mit der Einkaufstasche und konnte sich auf diese Weise retten – aber sie war daraufhin traumatisiert.

Die Spendenaktion „Würzburg zeigt Herz“ erbrachte insgesamt 200.000 Euro.  Henn zeichnete für einen Spendenaufruf übers Radio verantwortlich und gab in der Presse Interviews. „Ich saß drei Wochen lang ununterbrochen am Schreibtisch – die Informationen liefen kreuz und quer und mussten zusammengeführt werden.“

Immer wieder Messer-Attacken

Die Stadt, das ganze Land sprach über die Tat. Der Horror von Würzburg rief in ganz Deutschland Fragen auf: Wie konnte es zu dieser Tat kommen – und hätte sie verhindert werden können? Nur drei Tage später attackierte ein 32-Jähriger in Erfurt zwei Männer mit einem Messer. Auch im November 2021 schockieren Bluttaten das Land: Ein Geflüchteter aus Syrien stach in einem ICE in der Oberpfalz wahllos auf Passagiere ein, am gleichen Abend richtete ein Mann in einem Bekleidungsgeschäft in München das Messer gegen einen Jungen. Dem Täter im ICE attestierte ein Sachverständiger eine „paranoide Schizophrenie“. Der Angreifer von Würzburg wurde in diesem Jahr von einem Gericht als „nicht schuldfähig“ angesehen.

Zwei Messerangreifer, zwei Geflüchtete, zwei Mal mit psychischen Problemen – nur ein Zufall? Gegenüber der „Welt am Sonntag“ sagte Lukas Welz, der Geschäftsführer der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer: „Uns fehlen einfach die Mittel.“ 30 Prozent der Geflüchteten litten demnach unter einer psychischen Erkrankung, doch nur fünf Prozent würden betreut. Tatsächlich hat ein Großteil der Geflüchteten, die nach Deutschland gekommen sind, traumatische Erfahrungen wie Krieg, Folter oder Vertreibung in der Heimat machen müssen. Für die Aufarbeitung und medizinische Betreuung fehlten in Deutschland nicht nur die Mittel, sondern auch das Bewusstsein für diese besondere gesellschaftliche Herausforderung.

Jedoch wurden nicht alle Geflüchteten im Umkehrschluss zu potenziellen Gewalttätern. Einer der mutigen Passanten, die sich in Würzburg dem Täter entgegenstellten, war ein geflüchteter Kurde, der erst einige Monate zuvor nach Deutschland eingereist war. Mit seinem neu erworbenen Rucksack und lauten Schreien stellte er sich dem Täter entgegen, bis die Polizei eintraf. So konnte ein noch schlimmeres Blutbad verhindert werden.

Die Opfer: Frauen

Ob die Tat insgesamt hätte verhindert werden können, darüber stritt die Öffentlichkeit. Der Täter aus Somalia soll laut Zeugen „Allahu Akbar“ („Gott ist groß“) gerufen haben – seine Opfer waren Frauen. Diese Indizien führten zum Verdacht einer islamistischen Tat, doch eindeutige Beweise für diese Verbindung blieben aus. Der Terrorismusforscher Peter Neumann erklärte gegenüber der „Zeit“, dass islamistische Organisationen nun vermehrt den Einzeltätertypus bewerben. Gleichzeitig warnte er, dass sich der Fall in Würzburg gar nicht so leicht beurteilen lasse: „Ist das überhaupt noch Terrorismus, ist das was ganz anderes, hängt sich da jemand mit seiner psychischen Krankheit nur an solche Slogans ran?“ Was war zuerst da: die psychischen Probleme oder die extremistische Einstellung?

Ein Meer an Kerzen und Blumen in der Würzburger Innenstadt. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Aus Opfersicht ist aber wichtig, dass gerade hier eine Früherkennung und Präventionsarbeit stattfindet. Ein Gutachten zur psychischen Störung nach der Tat erzürnt die Opfer, weil der Täter formell keine Haftstrafe antreten muss, sondern womöglich in die Psychiatrie eingewiesen wird. Doch der Täter von Würzburg war bereits vor dem Amoklauf zwangsweise in psychiatrischer Behandlung gewesen. Einmal hatte er in Würzburg ein Auto angehalten, sich hineingesetzt und sich geweigert, den Wagen zu verlassen. Bewohner der Innenstadt erzählen, dass der Somalier stadtbekannt gewesen war, weil er immer barfuß durch die Straßen lief. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann wiegelte in Interviews in der Folge jedoch ab: Diese Aktionen hätten nicht ausgereicht, um den Mann einzusperren. Auch die Mitarbeiter des WEISSEN RINGS, Alois Henn und Martin Koch, teilen diese Ansicht. „Ich halte es auch für ausgeschlossen – du kannst jemanden nicht dafür wegsperren“, so Koch. Und Henn sagt: „Solche Dinge kann man nicht verhindern.“

Ein bisschen Normalität

Henn und Koch haben im Nachgang der Tat viel für die Opfer und die Angehörigen getan – mitunter sind es die kleinen Hilfen, die große Wirkung entfalten. Die Zwölfjährige, die in Würzburg ihre Mutter verlor, lebt nun mit Vater und Bruder zusammen, die erst durch die finanzielle Unterstützung aus Brasilien anreisen konnten. Sie wohnten nun bei ihr, erzählt Henn, und besuchten Deutschkurse. „Sie können sich schon sehr gut verständigen.“

Als eine private Spende in Höhe von 250 Euro für das Mädchen einging, stockte der WEISSE RING auf 400 Euro auf und kaufte ihr ein neues Kinderfahrrad. Es ist nicht viel, aber ein kleines Stück Normalität, nach all den dunklen Stunden.

Vom Blick in den Abgrund

Erstellt am: Mittwoch, 1. Dezember 2021 von Sabine

Vom Blick in den Abgrund

Eine Ausbildung als Altenpflegerin bricht Waltraud Krämer mit 18 ab. Damals fühlt sie sich nicht bereit, um mit dem Tod umzugehen. 2002 landet sie dann beim WEISSEN RING – und entscheidet, die Abgründe in ihr Leben zu lassen.

„Es ist immer ein Kratzer auf der Seele“, sagt Waltraud Krämer über Opfer, die sie betreut.

Als Waltraud Krämer zum ersten Mal in den Abgrund sah, stellte sie fest, dass sie dafür noch nicht bereit war. Altenpflegerin wollte sie werden. Die Theorie war kein Problem, die Praxis schon. „Ich konnte damals nicht mit dem Tod umgehen“, sagt sie. Mit 18 brach sie die Ausbildung ab.

Nichts ist leichter, als mit den ersten Informationen ein falsches Bild von Waltraud Krämer, 58, zu zeichnen, Leiterin der Außenstelle Trier-Saarburg vom WEISSEN RING. Ein Mensch, dessen Herzlichkeit sich ihr Gegenüber nicht erst verdienen muss. Seit 40 Jahren verheiratet. Für den finanziellen Lebensunterhalt sorgte überwiegend ihr Mann, weil sie genug damit zu tun hatte, Hausfrau, Ehefrau und Mutter zu sein. Ihren Whatsapp-Status aktualisiert sie täglich mit aufmunternden Bildergrüßen. Dazu spricht sie ein wenig wie Hilde Becker, die menschgewordene Kittelschürze aus der im Saarland spielenden Comedyserie „Familie Heinz Becker“. Krämer ist an der Grenze zum Saarland aufgewachsen. So eine ist das also, denkt man kurz. Aber so eine ist sie eben nicht.

Krämer sucht – und findet den WEISSEN RING

Vielleicht hat sogar Krämer selbst sich lange unterschätzt – jedenfalls: Es war das Jahr 2002. Sohn Rüdiger ging nun bis nachmittags ins Gymnasium, was also tun mit der Zeit, die plötzlich da war? Einen Job wollte sie nicht, dann hätte sie ihren Mann, der häufig nachts arbeitete, kaum noch gesehen. Außerdem sollte es Erfüllung bringen. „Ich hab irgendwie was gesucht.“ Also ein Ehrenamt. Auf einer großen Verbrauchermesse in Trier kommt sie am Stand des WEISSEN RINGS vorbei. Die Außenstelle leitet damals Claus Bermes, ein ehemaliger Polizist. „Er ist mir so in die Füße gelaufen“, sagt Krämer. Sie führen ein langes Gespräch. Danach ist sie überzeugt: „Hier kann ich Wege aufzeigen, die ein Opfer nicht kennt.“ Noch am selben Tag hilft sie am Stand mit.

Wenn man so will, beschließt Krämer an diesem Tag, die Abgründe in ihr Leben zu lassen. Das ist nicht mehr die 18-Jährige, die ihre Ausbildung als Altenpflegerin abgebrochen hat. Auch in ihrer Familie sind Leute gestorben. Bermes führt sie langsam heran, nimmt sie mit zu seinen Fällen, Einbruch, Körperverletzung, nicht gleich mit den ganz harten Geschichten einsteigen. An ihre Gedanken beim ersten Opfer erinnert sie sich so: „Oh… aber passt.“ Nach ein paar Jahren sagt Bermes zu ihr, und Krämer zitiert es so, dass er es einfach so gesagt haben muss: „Mädchen, du bist so weit.“ Für eigene Fälle. 2009 wird sie seine Nachfolgerin. Kontakt zu Bermes, 83, hält sie bis heute.

„Wir sind alle auch ein bisschen Telefonseelsorger“

Seitdem nimmt sie die Anrufe entgegen, verteilt die Fälle oder übernimmt sie selbst. Da war der Rentner, der nach dem Einkauf noch mal zurückging, weil er was vergessen hatte, während seine Frau schon mal die Sachen ins Auto packte. Ein Mann setzte sich in den Wagen, um damit wegzufahren, und verletzte die Frau so schwer, dass sie kurz darauf im Krankenhaus starb. „Er kam in mein Büro. Er war ganz gefasst. Wir haben Tee getrunken. Er hat viel vom Urlaub erzählt. Wie sie es sich hätten schön machen können. Und das war halt vorbei. Er ist ein herzensguter Mensch. Warum musste es ausgerechnet ihm passieren?“ Sie haben bis heute Kontakt, telefonieren. „Hallo, wie geht’s? Mehr muss ja nicht“, sagt Krämer. 2015 wurde ein 16-jähriges Mädchen nach einer versuchten Vergewaltigung erstochen und verbrannt. Vater und Schwester der Toten kamen zu ihr. Die beiden Mädchen hatten im selben Zimmer geschlafen, das brachte die Schwester nun nicht mehr fertig. Krämer half mit Geld beim Umzug.

„Wir sind alle auch ein bisschen Telefonseelsorger“, sagt sie. „Bei dem einen geht’s schnell, der andere braucht zwei Stunden.“ Krämer hat ein Büro bei der Staatsanwaltschaft. Wenn sie merkt, ein Opfer könnte für sich oder sie zur Gefahr werden, lässt sie die Tür offen, ganz unauffällig. „Es ist ja so stickige Luft hier“, erklärt sie dann. Der Schreibtisch sorgt während des Gesprächs für Distanz. Das ist Krämer wichtig. „Es hilft nicht, wenn ich mit dem Opfer mitweine. Wir sind keine Freunde, sondern Helfer.“ Aber Frau Krämer wäre nicht Frau Krämer, wenn sie nicht auch für Nähe sorgte. Indem sie ein Taschentuch hinüberreicht oder Gummibärchen.

Wenn das Tagewerk vollbracht ist, schließt sie die Bürotür. „Dann ist die zu. Meine Burg zu Hause erhalte ich mir konsequent. Das ist wie bei Polizeibeamten. Wenn die ihre Arbeit mit nach Hause nehmen, können sie ihre Arbeit nicht lange machen.“ Sie hat Möglichkeiten, um die Mauern dieser Burg zu verstärken. Sie macht autogenes Training, etwas, das sie so erklärt: „Säße ich hier und mir wäre langweilig, würde ich mich wegbeamen. Das ist, als ob man schläft.“ Außerdem strickt sie. Dann liegt ihr Kater Whiskey neben ihr, dazu trinkt sie eine Tasse Tee. Sie kann auch mit ihrem Mann über die Arbeit reden. Der engagiert sich selbst für den WEISSEN RING. Sie war kaum dabei, da tat er es ihr gleich.

Nach der Amokfahrt in Trier macht ihr die Arbeit schwer zu schaffen

„Es ist immer ein Kratzer auf der Seele“, sagt Krämer über die Opfer, die sie betreut. Selbst wenn einem nur der Geldbeutel gestohlen wurde. „Warum passiert mir das?“ Wenn nicht alles täuscht, hat das, was sich am 1. Dezember 2020 in Trier zutrug, auch bei ihr einen Kratzer hinterlassen. An diesem Tag ruft ihr Sohn gegen 14 Uhr an und sagt, sie solle bloß nicht in die Stadt kommen. „Hier ist die Hölle los.“ Ein Mann hatte sich in seinen Land-Rover gesetzt und war damit vorsätzlich durch die Trierer Fußgängerzone gerast. Drei Frauen, ein Vater und sein Baby sterben, Dutzende Passanten werden verletzt. Seit August läuft der Prozess gegen den Fahrer wegen fünffachen Mordes und versuchten 18-fachen Mordes. Krämer kennt ihn vom Sehen, er kommt aus dem Nachbarort.

Die ersten Opfer, die ihre Hilfe wollten, waren Hinterbliebene. Vater und Schwester einer Getöteten. „Ganz ehrlich, wir haben erst mal alle drei geweint“, sagt Krämer. „Ein bildhübsches junges Mädchen, einfach nicht mehr da.“ Weitere Opfer folgten. Sie half mit Geld für die Trauerkleider aus, vermittelte Anwälte, machte auf die Trauma-Ambulanz aufmerksam oder das Opferentschädigungsgesetz. Ob sie das Gefühl hatte, allen weitergeholfen zu haben? „Das Gefühl habe ich nie. Ich habe das Gefühl, man müsste eigentlich noch mehr tun können.“ So hält sie das Opferentschädigungsgesetz für zu eng gesteckt. „Wenn die Pistole an den Kopf gesetzt wird, sind Sie anspruchsberechtigt. Wenn die Pistole einen Zentimeter weg ist, nicht mehr.“

Nun braucht auch sie Hilfe

Krämer brauchte einige Wochen, um wieder in die Fußgängerzone zu gehen. Die Tatorte hat sie sich zusammen mit ihrem Mann angeschaut. Eine Weile ging sie nicht in der Straßenmitte, sondern nur am Rand. An der Porta Nigra, dem berühmten Wahrzeichen der Stadt, stellte sie eine Kerze auf. „Für mich persönlich. Es hilft niemandem, wenn man ein Kerzchen anmacht, aber das Bedürfnis war da. Es war meine Stadt. Ich habe das sehr persönlich genommen.“ Aber auch dieser Blick in den Abgrund hat ihr Menschenbild nicht zum Schlechten verändert. „Weil kein Mensch böse geboren wird.“

Die Arbeit mit den Opfern der Amokfahrt hat ihr zu schaffen gemacht. Sie wird wohl bald eine Supervision in Anspruch nehmen. Die Gespräche mit einer Psychologin sollen sie wieder aufbauen. Sonst könne sie einfach keine weiteren Fälle übernehmen. „Man hat mit Leuten zu tun, die schwerstverletzt sind. Larifari pillepallemäßig kann man es nicht machen.“

Vom Loslassen

Erstellt am: Mittwoch, 29. September 2021 von Sabine

Das Ehepaar Jutta und Werner Käding helfen Betroffenen durch schwere Zeiten.

Vom Loslassen

Es gibt viele Gründe, warum sich Ehrenamtliche beim WEISSEN RING engagieren. Bei Jutta und Werner Käding aus Diepholz ist es ein sehr trauriger. Ihr Sohn wurde 1999 unweit ihres Hauses getötet. Heute hilft das Ehepaar mit seiner Erfahrung anderen Betroffenen durch schwere Zeiten.

Man solle sich nicht wundern, so hatte es Werner Käding am Telefon erklärt, wenn das Navi einen in die Wildnis lotst. Denn: „Wir wohnen in der Wildnis.“

Wer sich also aufmacht zu Jutta und Werner Käding, sieht zunächst mal Störche und Maisfelder. Bauernschaften und Sonnenblumen. Kleine Wassergräben und Feldwege ins vermeintliche Nichts, dunklen Ackerboden. Man fährt und hofft, dass das Netz auch hier draußen stabil ist. Und währenddessen kommt aufgrund der zahlreichen Landlust-Szenarien die Frage auf, was denn hier, zwischen Osnabrück und Bremen, eigentlich für Straftaten passieren können, abgesehen vom Kuh-Schubsen und Milchkannendiebstahl?

Dann sitzt man kurze Zeit später in einem Wohnzimmer, der Blick geht weit, wie hier überall eigentlich.  An einer Hecke vorbei, auf ein Feld, hinten am Horizont eine Baumreihe: „Da, sehen Sie die Bäume?“ Am Fuße dieser Bäume starb der Sohn der Kädings.

Im August 1999 war das, der junge Mann hatte gerade seine Kochausbildung bestanden, es sollte gefeiert werden. Bei der Feier auch ein Tellerwäscher aus dem Restaurant, in dem der junge Koch gelernt hatte. Er näherte sich dem Sohn sexuell, der verweigerte sich, da wurde er erwürgt und anschließend mit einer Stange auf den Körper eingedroschen. Nach fünf Tagen fanden sie ihn, es waren gewittrige Tage damals, und ein Polizist sagte zum Vater: „Werner, tu dir das nicht an, sieh dir das nicht an.“ Was sie dann auch nicht machten und was ein Fehler gewesen sein kann – denn „dass ich, dass wir uns nicht verabschieden konnten, darunter haben wir alle gelitten“.

Andere Betroffene verstehen

Ein Kind, das vor seinen Eltern geht, ist die Urangst aller Eltern. Der Verlust des Großen und Ganzen, der Ordnung, ein Abriss der Zeit – für Jutta und Werner Käding eine erschütternde Erfahrung. Sie kennen die Phasen des Trauerns, die Ohnmacht – und den Zorn. Er brachte sie zum WEISSEN RING, was vielleicht nicht die beste Antriebsfeder für eine ehrenamtliche Tätigkeit ist. Aber ein ernst zu nehmender Grund. Und ein großes Pfund in ihrer Arbeit mit anderen Opfern. Sie verstehen, was es heißt, ein Opfer zu sein.

„Schuld und Sühne“ sagt Käding und betont die Sühne so, dass man die Anführungszeichen quasi mithört. Nichts gegen die Polizei. Käding war elf Jahre lang Leiter der Ausländerbehörde von Diepholz, da kennt man sich. Er wurde hier 1953 geboren, seine Frau Jutta zwei Jahre später im Nachbarkreis. Und dass er 19 Jahre lang der 1. Vorsitzende des hiesigen Fußballvereins war, macht ihn in der Gegend auch nicht gerade unbekannter.

Also, nichts gegen die Polizei, die hat ermittelt, was zu ermitteln war, hat sich gleich auf die Suche nach dem Jungen gemacht, obwohl sie das nicht gemusst hätte. Aber die juristische Aufarbeitung, das Verfahren vor Gericht, das hatten sich die Kädings dann doch anders vorgestellt. Man sehe dann erst, sagt Herr Käding, wenn man selber in einem Gericht dabei ist, dass alles gesucht wird, was für den Täter spricht. Ausschließlich um ihn sei es gegangen. Eine Frau von der evangelischen Gefangenenhilfe habe sich um den Mann gekümmert. Bei den Kädings habe sich drei Mal ein Geistlicher angekündigt, gekommen sei er dann aber nie. Was an sich keine Katastrophe war, das erste halbe Jahr nach der Tat seien sie von Freunden und Verwandten nicht einen Abend allein gelassen worden. Aber merken tut man sich so etwas doch.

Täterzentrierte Justiz

Die täterzentrierte Justiz ist ein Problem in Deutschland, vor allem das Strafmaß und dessen Ermittlung sind von Interesse, Opfer und Opferangehörige eher wenig. Der Täter bekam dann zehn Jahre, und Familie Käding hatte das Gefühl, im Prozess deplatziert gewesen zu sein. Dabei hatten sie doch lebenslänglich bekommen, sagt Herr Käding. Und das, sagt Frau Käding, hört tatsächlich nie auf.

Die Zeit nach dem Prozess – dafür finden sie und er wenige Worte, eher Bilder. Der Weihnachtsbaum zum Beispiel, der all die Jahre nicht groß und prächtig genug sein konnte, kam nicht mehr ins Haus. Zu Feiern gingen sie dann doch irgendwann schon mal wieder, nahmen sich aber das Recht heraus, jederzeit zu gehen, wenn es ihnen zu viel wurde. Und an Silvester, da fuhren sie dann immer weg, weil es nach zwei, drei Jahren vorsichtig hieß, „jetzt könnt ihr doch langsam mal wieder“. Konnten sie nicht, wollten sie nicht. Man muss es so machen, sagt sie heute, dass man da am besten durchkommt. Man muss, sagt er, egoistisch werden. In den Entscheidungen, nicht im Leben.

2002 gingen sie zum WEISSEN RING. Opferwerdung, Opferschutz, das alles war ihr Thema geworden und ließ sie nicht los. Also konnte man das doch auch nutzen: erst Stände aufgebaut, Arbeit im Hintergrund, dann wurde es langsam mehr, und irgendwann waren sie halt richtig dabei. Zuhören, Opfer beraten, auf das vorbereiten, was vor Gericht kommen kann, die Menschen stark machen, sich Zeit nehmen – was das eigene Schicksal sie gelehrt hat, das müssen sie nicht alles weitergeben. Aber dem Menschen, der da hilfesuchend sitzt, das Gefühl vermitteln, dass da gegenüber zwei Menschen sitzen, die wissen, was Opfer sein bedeutet – das kann ein Eisbrecher sein.

Schwerpunkt: Sexualdelikte

Gut 13 Jahre nach dem Tod des Sohnes brach zwar nicht das Eis der Kädings, aber ein zweiter Frühling kam in das alte Bahnwärterhaus im niedersächsischen Diepholz. Ihre Tochter brachte das erste Enkelkind zur Welt. Heute sind die Kädings dreifache Großeltern. „Die Kinder“, sagt Jutta Käding, „haben uns wieder ins Leben reingezogen.“ Sie hätten heute wieder mehr Lebensfreude, tolle Enkelkinder seien das, sie geraten ins Schwatzen über die Kinder, natürlich die besten der Welt, wie soll das anders sein? Glanz in den Augen beim Sprechen, begeistert, verliebt, vernarrt. Lebendig.

Jetzt also drei Enkelkinder und Außenstellenleiter beim WEISSEN RING in der Außenstelle Diepholz, was sich provinziell anhören mag, aber nur für Großstädter. Wer hier zu tun hat, lernt dann schnell, dass das Gebiet der Außenstelle so groß ist wie das Saarland. Hier, im Süden, an der Grenze zu NRW, sehr ländlich, im Norden einwohnerstarke Gemeinden bis an Bremen heran, da passiert natürlich auch mehr. Sexualdelikte machen einen großen Schwerpunkt ihrer gemeinsamen Arbeit der insgesamt 15 Kollegen der Außenstelle aus, Gewaltdelikte einen weiteren. Mal ist es ruhig, mal reihen sich die Fälle wie Perlen auf einer Kette, so richtig weiß man nie, was kommt.

„Jeduld und Jelassenheit“

Werner Käding, der ehemalige Beamte, steht inzwischen Behörden sehr kritisch gegenüber, wenn die mit Opfern zu tun haben. Mildtätigkeit, sagt er, kann dieser Staat einfach nicht. Genauso wenig wie Opferhilfe. Wenn sie heute zurückblicken, dann würden sie wieder zum WEISSEN RING gehen, vielleicht ein bisschen eher noch. Vielleicht auch nicht, denn man brauche, es folgt ein Konrad-Adenauer-Zitat: „Jeduld und Jelassenheit“. Geduld, da das Opfer das Tempo bestimmt. Immer. Und Gelassenheit, um sich nicht einfangen zu lassen von dem, was man hört, einen kühlen Kopf zu bewahren und sich nicht mitreißen zu lassen. Hinten am Horizont die Baumkronen, man kann sie sehen, wenn man sich anstrengt. Vorn, direkt vor dem Fenster, das Klettergerüst und das Trampolin für die vermutlich besten Enkelkinder der Welt.

„Man kann loslassen, das hat uns das eigene Schicksal gelehrt“, hat Jutta Käding irgendwann im Gespräch gesagt.

Man muss es vielleicht, um weiterzumachen. In diesem Jahr, am 9. August, war sie zum ersten Mal am Todestag des Sohnes auf dem Friedhof und hat dabei nicht geweint.

„Vor Corona hatten wir 200 Erstanfragen im Monat, nun sind wir bei 300“

Erstellt am: Montag, 16. August 2021 von Sabine

„Vor Corona hatten wir 200 Erstanfragen im Monat, nun sind wir bei 300“

Seit fünf Jahren bietet der WEISSE RING auch eine Onlineberatung an. Laura Cornish ist von Anfang an dabei. Im Interview erzählt die ehrenamtliche Helferin, wie das Angebot funktioniert – und mit welchen Anliegen sich die Ratsuchenden melden.

Seit fünf Jahren bietet der WEISSE RING auch eine Onlineberatung an. Foto: janeb13/Pixabay

Seit fünf Jahren gibt es die Onlineberatung des WEISSEN RINGS nun. Sie sind seit der ersten Stunde mit dabei. Wie läuft eine Onlineberatung typischerweise ab?

Bei der Onlineberatung haben die Ratsuchenden die Möglichkeit, uns ihre Anfragen komplett anonym zuzusenden. Wir versprechen eine Rückmeldung innerhalb von 72 Stunden. Üblicherweise sind wir allerdings deutlich schneller. Danach findet der Austausch dann im Rhythmus des jeweiligen Beraters oder der Beraterin statt, weil wir im Lauf der Woche zu persönlichen, festen Zeiten online sind, die wir den Ratsuchenden auch mitteilen. In der Regel bekommen diese also ein bis zwei Mal pro Woche eine Antwort von uns. Da wir keine lebensbegleitende Beratung anbieten, haben wir ein Limit von acht Nachrichten von beiden Seiten, das allerdings nicht starr ist und so gut wie nie erreicht wird.

Aber der Austausch läuft ausschließlich per Chat?

Per Nachrichtenaustausch, also wie E-Mail-Verkehr. Einen Live-Chat gibt es noch nicht bei uns.

Und Sie sagten, Sie bleiben deutlich unter den 72 Stunden, wo liegt da der Durchschnitt? Bis wann können Ratsuchende mit einer Antwort rechnen?

Aktuell antworten wir in unter 20 Stunden. Wir sind momentan auch gut aufgestellt.

Wie viele Berater sind Sie denn?

Wir sind 52 Beraterinnen und Berater.

Bekommen Sie seit Beginn der Corona-Pandemie mehr Anfragen?

Vor Corona hatten wir etwa 200 Erstanfragen im Monat, nun sind wir bei rund 300.

Mit welchen Problemen kommen die Ratsuchenden üblicherweise auf Sie zu? Und ist da seit der Corona-Pandemie eine Veränderung zu sehen?

Die Anzahl der Anfragen hat sich erhöht, die Straftaten, mit denen Ratsuchende sich an uns wenden, sind allerdings gleichgeblieben. Der Fokus liegt nach wie vor auf den Sexualdelikten und der häuslichen Gewalt. Außerdem kommen Körperverletzungen und Stalking oft vor.

Und für welchen Kriminalitätsbereich sind Sie zuständig?

Wir Beratenden ordnen uns nicht unterschiedlichen Bereichen zu. In unserer Ausbildung lernen wir alle alles. In der Regel nehmen wir die älteste Anfrage an, wenn wir online kommen.

Was hat Sie motiviert, Onlineberaterin für den WEISSEN RING zu werden?

Ehrenamtliche Arbeit war mir schon immer wichtig. Während des Studiums war ich beispielsweise Lesementorin und habe Deutschunterricht für Geflüchtete gegeben. Und danach war ich auf der Suche nach einer Tätigkeit, die ich mit meinem Vollzeitjob verbinden kann, und genau da bin ich über die Ausschreibung der Onlineberatung gestolpert.

Fünf Jahre sind jedenfalls eine lange Zeit. Die Arbeit scheint Sie zu erfüllen…

Ich bin Sozialpädagogin, fühle mich also vielleicht beruflich bedingt eher zur ehrenamtlichen Arbeit hingezogen. Immerhin hat man ja automatisch Berührungspunkte. Und die Aufgabe beim WEISSEN RING ist ein supertolles Ehrenamt. Der WEISSE RING als Verein spielt da überhaupt eine riesige Rolle, weil unsere Ausbildung so gut ist und auch kontinuierlich fortgeführt wird. Auch die Bindung unter uns Beratenden ist super! Zu wissen, dass wir helfen können, ist einfach schön. Und dass wir helfen können, sehen wir an unseren Zahlen.

Inwiefern drücken die Zahlen das aus? Wie messen Sie das?

Allein dadurch, dass die Anfragen steigen, sieht man, dass sich die Onlineberatung etabliert hat. Anfangs hatten wir bei weitem nicht so viele Anfragen wie heute. Aber man sieht es auch daran, dass die Leute zurückschreiben und dass wir erreichen, dass sie sich an die jeweils zuständige Außenstelle wenden, wo sie noch umfangreichere Hilfe bekommen können.

Schön ist es jedenfalls immer, wenn Leute sich ernstgenommen und gehört fühlen und spüren, ja, der WEISSE RING ist die richtige Anlaufstelle für mich.

Onlineberaterin Laura Cornish
Gab es mal einen Fall, der Sie besonders mitgenommen hat oder einen Moment, in dem Sie ans Aufhören dachten?

Ans Aufhören habe ich höchstens mal gedacht, wenn es bei mir auf Arbeit sehr stressig wurde. Aber da habe ich auch mehr eine Pause erwogen. Pausen sind bei uns generell keine Seltenheit. Manchmal weil Berater eine berufliche Weiterbildung machen oder zum Beispiel weil jemand schwanger ist. Ein Fall aber hat mich nie dazu gebracht, ans Aufhören zu denken. Wir haben außerdem eine tolle Supervision und sprechen untereinander viel.

Und sind Ihnen auch Fälle in positiver Erinnerung geblieben, weil Sie helfen konnten und etwas bewirkt haben?

Ja! Es ist immer schön, wenn es klappt, dass sich die Leute an die zuständige Außenstelle wenden. Die meisten Leute wissen schon davon, wenn sie über die Webseite gekommen sind, und sehen ja, dass es auch Hilfe vor Ort gibt, nur trauen sie sich oft nicht. Die Außenstelle ist aber der Ort, wo sie zur Polizei begleitet werden können oder wo ein Erstberatungsscheck ausgestellt werden kann für eine anwaltliche Beratung oder für eine psychotraumatologische Beratung.

Wir haben mehr eine Lotsenfunktion, stellen viele Informationen zur Verfügung und klären beispielsweise über das Opferentschädigungsgesetz auf. Aber den Antrag dafür gemeinsam stellen – das macht man in der Außenstelle. Schön ist es jedenfalls immer, wenn Leute sich ernstgenommen und gehört fühlen und spüren, ja, der WEISSE RING ist die richtige Anlaufstelle für mich. Wenn sie sich dann obendrein trauen, sich auch im Außen die Hilfe zu holen – umso besser!

Wie feiern Sie den fünften Geburtstag?

Unser Jubiläum feiern wir am Samstag, 9. Oktober 2021. Was auf dem Programm steht, hat uns das Orga-Team allerdings noch nicht verraten.

Wenn wir dieses Gespräch in fünf Jahren wieder führen würden, was sollte sich Ihrer Meinung nach bis dahin verändert haben? Was würden Sie sich wünschen?

Die Entwicklung, die es in den letzten fünf Jahren gab, war groß. Ich würde mir wünschen, dass es so weitergeht. Wir haben ein sehr engagiertes Orga-Team. Da gab es in der Vergangenheit zwar schon Wechsel, doch alle sind stets mit Herzblut dabei. Es wäre spannend, wenn es irgendwann eine richtige Chatberatung mit Livekontakt gäbe. Und obwohl das Team mit 52 Personen zwar gerade ganz gut aufgestellt ist, freue ich mich schon wieder auf die nächste Auswahlrunde 2022. Ich glaube, es ist noch Luft nach oben. In fünf Jahren wird es sicher nicht genauso aussehen wie heute.

Zum Abschluss: Wie würden Sie in zwei oder drei Sätzen zusammenfassen, was für Sie das Schönste ist an der Onlineberatung?

Zu wissen, dass wir Menschen helfen können, die wir sonst wahrscheinlich nicht erreichen würden, ist für mich das Schönste an der Onlineberatung. Das war immer das ultimative Ziel: Einen super niedrigschwelligen Zugang zu bieten. In meiner Arbeit als Sozialpädagogin begegne ich den Leuten, die kein Vertrauen haben in offizielle Stellen, die nicht einfach mal den Hörer in die Hand nehmen und sagen: „Mir ist was passiert und bitte helft mir mal“. Das ist ja ohnehin schon schwer. Aber wenn man dann noch das Gefühl hat, man ist vielleicht nicht richtig oder denkt „mir wird sowieso nicht geholfen“, dann ist es wesentlich einfacher, sich nachts hinzusetzen, eine E-Mail rauszuschicken und mal zu sehen, wer da antwortet. Das ist für mich das Wichtigste und Schönste daran: Zu wissen, uns schreiben Menschen, die sonst vielleicht keine Hilfe bekommen hätten.

Die Unverwüstliche

Erstellt am: Sonntag, 18. Juli 2021 von Sabine

Die Unverwüstliche

Seit 14 Jahren ist Helen Bonert für Opfer ein Fels in der Brandung. Deren Geschichten beschäftigen die Leiterin der Außenstelle Rhein-Sieg zwar, belasten sie aber nicht. Das liegt auch an ihrer bewegten Zeit bei der Bundeswehr, als Helen noch Armin hieß.

Helen Bonert, Leiterin der Außenstelle Rhein-Sieg.

Wie stellt man sich jemanden vor, der täglich mit dem konfrontiert wird, was Menschen anderen Menschen antun? Müsste das nicht jemand sein, dem das Leid in Furchen ins Gesicht geschrieben steht? Mindestens aber müsste diese Person ausschließlich ernst auftreten, schon damit niemand an ihrer Ernsthaftigkeit zweifelt. Wie auch immer man sich einen solchen Menschen vorstellt, wie Helen Bonert jedenfalls nicht.

Die Leiterin der Außenstelle Rhein-Sieg sagt nicht nur „Rhein-Siech“ und „sacht“, was gleich für ordentlich Bodenständigkeit sorgt. Die 70-Jährige kann auch kichern wie ein Mädchen. Das aber irritiert nur im ersten Moment. Wer sich die bedrückenden Geschichten anderer anhört, muss selbst stabil sein. Humor ist da nicht nur eine Abwehrkraft, sondern so etwas wie der höchste Ausweis von Stabilität. Wer mit Bonert nur fünf Minuten spricht, begreift: Die ist unverwüstlich. Fels in der Brandung. Schon äußerlich. „Mit den Leuten heulen bringt gar nichts“, sagt sie. „Empathie ja, Mitleid nein.“

Seit 14 Jahren nimmt sie nun schon die Anrufe von Opfern in ihrer kleinen Mietwohnung am Stadtrand von Siegburg entgegen. „Wir sind die Ersten, die zuhören. Die kommen mit wahnsinnigen Problemen, wissen nicht genau, was sie erzählen sollen. Da will ich zeigen: Wir helfen dir weiter, wir sind für dich da.“ Dann überlegt sie, welche Mitarbeiterin sie schickt. In Corona-Zeiten fallen die sonst üblichen Hausbesuche allerdings flach. Mord übernimmt sie selbst. „Weil ein Riesenaufwand an Papierkram dranhängt. Das will ich den Mitarbeitern nicht zumuten.“

„Ein dummes Brot auf vier Füßen“

Da gab es zum Beispiel den erstochenen Taxifahrer, der nie viel verdient hatte. Die Witwe konnte sich nicht mal ein schwarzes Kleid für die Beerdigung leisten. Da sprang Bonert mit 300 Euro Soforthilfe ein. Sie half auch beim Antrag auf Bestattungsgeld, denn der Staat zahlt genau 1.710 Euro für die Beerdigung von Mordopfern. Weil aber eine Beerdigung „mit allem Pipapo, Kaffee und Kuchen, Trauerkarten, Sarg“ ungefähr 5.000 Euro kostete, sorgte Bonert dafür, dass der WEISSE RING den Rest übernahm.

Im vergangenen Jahr hatte sie einen Fall von sexuellem Missbrauch, eine Jugendliche war von einem Jungen vergewaltigt worden. Danach versuchte sie, sich das Leben zu nehmen. Die Mutter schenkte ihr noch während des Aufenthalts in der Psychiatrie einen Doggenwelpen. Nun wird der Hund auch dank Bonerts Hilfe zum PTBS-Hund ausgebildet. PTBS steht für posttraumatische Belastungsstörung. Nach der Ausbildung darf das Tier das Mädchen in die Schule begleiten. „Normalerweise ist eine Dogge kein Hund, der schlau ist“, sagt Bonert, „sondern ein dummes Brot auf vier Füßen.“ Das ist eine dieser Stellen, an denen Bonert kichert. „Dieser Hund aber ist soweit gut genug, dass man ihm die Ausbildung zutraut.“

Bonert kann aber auch bei Kleinigkeiten helfen. Einmal hat sie eigenhändig ein Schloss ausgetauscht für eine Frau, damit ihr Mann nicht mehr ins Haus kam.

„Ich habe viele böse Sachen gesehen, viele Tote, den Krieg in Jugoslawien.“

Helen Bonert über ihre Zeit bei der Bundeswehr

Seit 2006 engagiert sich Bonert für den WEISSEN RING. Ein Jahr später wurde sie Leiterin der Außenstelle. Kurz zuvor war sie mit 55 in Pension gegangen, nach Jahrzehnten bei der Bundeswehr. „Dann ist urplötzlich Urlaub und der wird immer länger und kein Schwein ruft dich an. Wenn noch dein Mann stirbt, und der war gut, und der war richtig gut, dann werden dir die Beine weggezogen. Da kommt der Punkt, an dem du dich fragst: Was machst du mit deinem Leben? Du musst was machen, sonst gehst du kaputt.“ Sie suchte im Internet. Sie wollte was für sich tun. Sie wollte was für andere tun. Sie wollte was zu tun haben. Sie wollte selbst Entscheidungen treffen können, wie sie es von ihrem Beruf gewohnt war. „Das kann ich nun alles, teilweise 40 Stunden die Woche.“ Dass die Geschichten der Opfer sie zwar beschäftigen, aber nicht belasten, hat auch mit ihrer Zeit bei der Bundeswehr zu tun. „Ich habe viele böse Sachen gesehen, viele Tote, den Krieg in Jugoslawien.“

Als sie zur Bundeswehr ging, dort Elektrotechnik studierte und dann bei der Luftwaffe Karriere machte, hieß sie allerdings noch nicht Helen, sondern Armin Bonert. Frauen durften damals nur in der medizinischen Abteilung arbeiten. Bonert aber war biologisch noch ein Mann. Ein Electronic Warfare Officer, elektronische Kampfführung also, unter anderem dafür zuständig, das Transportflugzeug Transall innerhalb von 21 Tagen so umzubauen, dass es auf keinem Radar auftauchte. Zum Beweis landeten sie in unter Beschuss in Sarajevo. Bis nach China kam Bonert, horchte dort die Russen aus, wie sie sagt. „Ich habe einen Spezialauftrag bekommen, den hatte nur ich.“

Ihre Kinder durften weiter Papa sagen

Bonert heiratete zweimal, wurde zweimal Vater. Doch sie habe sich immer schon komisch gefühlt, aber „ich wusste nicht, warum ich so bin, wie ich bin.“ Es war noch nicht die Zeit, in der man im Internet mal kurz nachschauen konnte, was mit einem los ist. Erst mit Mitte 40 erfuhr Bonert, dass es so etwas gibt: Transsexualität oder Transidentität. Geboren im falschen Körper. Nun musste etwas passieren. Sie vertraute sich ihrem Chef an, der sprach mit seinem Chef. Bonert war der erste bekannte Fall von Transidentität bei der Bundeswehr. Sie bekam ein Jahr Krankschreibung für die Behandlung, die Operationen, den Weg von Armin zu Helen. Helen war der Name, den ihre Mutter für den Fall vorgesehen hatte, dass sie ein Mädchen auf die Welt bringen würde. „Kim hätte nicht gepasst“, sagt Bonert.

Ihre Kinder durften weiter Papa sagen, für alle anderen hieß sie fortan Helen. „Ich habe einen 70-Seiten-Essay geschrieben, wie ich in der Bundeswehr behandelt werden möchte“, sagt Bonert. Diskriminiert fühlte sie sich dort nie. Nur einmal sah sie ein Stabsoffizier doof an. „Den habe ich zu einem Gespräch eingeladen. Der kam mit seiner Meinung rein in mein Büro und mit meiner wieder raus.“ Bei der Luftwaffe konnte sie nach dem Abschluss der geschlechtsangleichenden Operationen 1999 nicht bleiben, nur der Sanitätsdienst war offen für Frauen. „Ich war froh, dass ich nicht gehen musste.“ Dort war sie für alle bildgebenden medizinischen Verfahren der Bundeswehr zuständig, Röntgengeräte, Mikroskope. „Den höchsten militärischen Orden habe ich als Frau bekommen, nicht als Mann.“

„Wir sind mildtätig und gemeinnützig, aber dumm sind wir nicht.“

Helen Bonert

Die Arbeit im Ehrenamt hat ihr dann eine neue Aufgabe gegeben. Manchmal wünscht sie sich allerdings ein wenig mehr Anerkennung. „Danke zu sagen, ist sehr oft schwierig. Viele Opfer sagen hinterher sogar, sie könnten nicht Danke sagen. Aber dann geht am Ende des Jahres die Schelle, und jemand steht da mit einem Blumenstrauß.“

Es gibt auch Menschen, die bei ihr anrufen und am Ende unzufrieden sind. „In vielen Fällen haben sie Geld erwartet und keines bekommen. Wenn Leute finanzielle Erwartungen äußern, bin ich knochenhart. Dann kriegen die nichts. Wir sind mildtätig und gemeinnützig, aber dumm sind wir nicht.“ Sie hat mal die Betreuung eines Opfers abgebrochen, als eine Mitarbeiterin von dem Mann sexuell angegangen wurde. „Es gibt aber auch einfach Leute, die kommen mit meiner Art nicht klar“, sagt sie.

Zwei Jahre will Bonert noch die Anrufe entgegennehmen, dann soll Schluss sein. „Ich erziehe gerade meine Stellvertreterin. Wenn sie laufen kann, höre ich auf.“

Die Unverwüstliche – Helen Bonert, ehrenamtliche Mitarbeiterin des WEISSEN RINGS.

„Wir haben ein Zerrbild von Kriminalität“

Erstellt am: Donnerstag, 1. Juli 2021 von Torben

„Wir haben ein Zerrbild von Kriminalität“

Wer Armut und vor allem Ungleichheit bekämpft, bekämpft auch die Kriminalität. Davon ist Professor Dr. Christoph Butterwegge überzeugt. Der Armuts- und Reichtumsforscher aus Köln sagt: Armut werde in Deutschland immer noch stigmatisiert und teilweise auch kriminalisiert.

Foto: Wolfgang Schmidt

Wenn Sie Ihrem Kind einen Verbrecher beschreiben sollten, wie sähe der wohl aus?

Ich weiß, dass es den „typischen“ Verbrecher gar nicht gibt. Aber ich habe einen fünfjährigen Sohn, der schon mal von Einbrechern spricht. Ihm schwebt dabei wahrscheinlich eine dunkle Gestalt vor, sicherlich nicht jemand, der mit Schlips und Kragen oder im Frack daherkommt. Speziell bei Verbrechen wie Einbruch, Diebstahl oder Raub, bei denen es um Geldwerte geht, scheint es ja erst einmal naheliegend, dass jemand zu kriminellen Methoden greift, der Geld braucht, weil er keins oder wenig hat.

Zu dem Bild von der dunklen, ärmlichen Gestalt als Verbrecher gehört zumeist auch der Wohlhabende als Opfer. Ist es in Wirklichkeit nicht so, dass arme Menschen viel häufiger Opfer von Kriminalität werden als reiche Menschen?

Täter und Opfer gehören meistens derselben Schicht an. Dabei kommt es auf die Deliktform an, von der wir sprechen. In den Köpfen der Menschen findet eine Täter-Opfer-Umkehr statt. Täter werden gemeinhin eher in der Unterschicht vermutet, das Opfer eher in der Mittel-oder Oberschicht. Das ist sicher oft umgekehrt. Arme werden häufiger ausgenutzt. Unterbezahlung, Dumpinglöhne, Unterschreitung des Mindestlohns bei ausgebeuteten Werksvertragsarbeitern etwa in der Fleischindustrie, denen für schlechte Unterkünfte auch noch viel Geld vom kargen Lohn abgezogen wird – das ist kriminell. Aber diese Form der „Weiße- Kragen-Kriminalität“ wird als solche ja kaum wahrgenommen.

Ich habe mich intensiv mit der Darstellung von Migranten in den Massenmedien beschäftigt und mir eine rheinische Boulevardzeitung angeschaut. Auf der Titelseite waren die „Klau-Kids“ vom Dom, also rumänische Kinder, die Passanten bestohlen hatten, ganz groß aufgemacht. Und auf einer Seite ganz hinten ging es um den deutschen Einzeltäter, der durch Betrug einen Schaden in mehrfacher Millionenhöhe angerichtet hatte. Der wurde nicht als besonders kriminell dargestellt. Arme oder Menschen anderer Herkunft und Hautfarbe stehen ganz anders im Fokus. Dadurch fühlen sich deutsche Mittelschichtangehörige eher von den Armen bedroht. Und nicht von denen, die den größten Schaden anrichten. Mit diesen Tätern haben sie auch wenig Berührungspunkte – aber der Mensch neigt dazu, die Erfahrungen aus seinem Nahbereich zu verabsolutieren. Die Klau-Kids kennen sie, sei es vom Dom oder aus der Zeitung. Denjenigen Reichen, der Lohndumping betreibt oder Steuerbetrug begeht, kennen sie nicht.

Haben Sie ein Beispiel aus Ihrem Nahbereich?

In der Straße meiner Mutter lebte eine ältere Frau, die Sozialhilfe bezog, aber früher mit einem reichen Mann liiert gewesen war. Aus jener Zeit besaß sie noch teuren Schmuck und Pelzmäntel, die sie beim Sozialamt nicht als Vermögenswerte angegeben hatte. Besser situierte Frauen aus der Nachbarschaft zerrissen sich darüber den Mund. Es hat sie aber nicht aufgeregt, dass sich der halbseidene Bauunternehmer Dietrich Garski zur selben Zeit 100 Millionen D-Mark vom Berliner Senat für ein Immobilienprojekt in Saudi-Arabien erschlichen hatte. Das war für die Nachbarinnen meiner Mutter viel zu weit weg, während die Sozialhilfeempfängerin im unmittelbaren Nahbereich lebte. Subventionsbetrug, Steuerhinterziehung, Lohndumping oder Schwarzarbeit war ihnen fremd, weil sie als Mittelschichtfrauen dieser Form der Kriminalität nicht ausgesetzt waren oder sogar davon profitierten. Als Mittelschichtsangehörige haben sie allenfalls Kontakt zu Ärmeren – und sei es, dass die für sie putzen.

Sie forschen schon lange zu Armut…

… ja, das hat 1995/96, also vor einem Vierteljahrhundert, angefangen. Damals war ich an der Fachhochschule in Potsdam und bildete Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagogen aus. Studierende wiesen mich auf die sich in den östlichen Bundesländern ausbreitende Kinderarmut hin und fragten, ob ich ein Projekt oder eine Veranstaltung dazu anbieten könne, und das habe ich dann getan. Daran haben sich Forschungsprojekte und Bücher zur Kinderarmut angeschlossen, weshalb mir bis heute das Etikett des „Armutsforschers“ anhaftet. Das finde ich unpassend, weil ich mich ja auch mit vielen anderen Themen beschäftige und auch mehr und mehr dazu gekommen bin, die Armut immer in den Zusammenhang mit Ungleichheit zu stellen. Wenn überhaupt, würde ich mich als Armuts- und Reichtumsforscher bezeichnen.

Aber Sie haben sich in diesen 25 Jahren eine große Expertise im Bereich Armut erworben.

Ja, besonders im Hinblick auf die gesellschaftlichen Ursachen. Denn Armut wird bei uns häufig nur als individuelles Problem angesehen – dabei handelt es sich um ein strukturelles Problem, das eng mit dem Reichtum zusammenhängt. Wie Bertolt Brecht es so schön ausgedrückt hat: „Armer Mann und reicher Mann standen da und sah’n sich an. Und der arme sagte bleich: Wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“ Auch für Verbrechen gilt, dass sie mit Armut und Reichtum zusammenhängen.

Wenn Armut als individuelles Problem gesehen wird, gegen das man mit Leistung etwas tun kann, das also letztlich selbst verschuldet ist – kommen wir da nicht schnell zu einem gesellschaftlichen Bild, das Arme nicht als Opfer, sondern als Täter zeichnet?

Das gilt besonders, wenn Arme, was in unserer Gesellschaft ja der Fall ist, als Drückeberger, Faulenzer und Sozialschmarotzer abgewertet werden. Wenn Sie an Hartz-IV-Bezieher denken, dann haftet denen ja dieser Makel an, dass sie selbst schuld sind und dass sie sich nicht genug angestrengt haben. Bei uns wird die Ungleichheit in der Gesellschaft gerechtfertigt mit dem meritokratischen Mythos, dass wer sich anstrengt und etwas leistet, mit Wohlstand und Reichtum bis ans Lebensende belohnt wird. Und dass wer auf der faulen Haut liegt und vielleicht auch kriminell ist, mit Armut bestraft wird.

Das ist der ideologische Hauptstrang, um Strukturen der Ungleichheit in unserer Gesellschaft zu rechtfertigen und aufrechtzuerhalten. Wenn gesagt wird, dass der, der arm ist, faul ist und sozial schmarotzt, dann ist der Schritt nicht weit, dass diese Person auch als kriminell betrachtet wird, weil sie „uns“ bewusst ausnutzt und auf der Tasche liegt.

Tun Arme das?

Der Sozialleistungsmissbrauch wird in diesem Sinne maßlos überschätzt. Alle Untersuchungen dazu ergeben, dass sich das im Promille- oder höchstens im niedrigen Prozentbereich bewegt.

Wird Armut indirekt kriminalisiert in Deutschland?

Ein Stück weit ist das der Fall. Zunächst wird Armut stigmatisiert. Derjenige, der arm ist, bekennt sich nicht dazu, sondern schämt und versteckt sich meistens. Das ist übrigens für mich ein Kennzeichen von relativer Armut, die in unserer reichen Gesellschaft überwiegt. Absolute Armut wird fälschlicherweise nur in den Ländern des globalen Südens verortet und ist dort nicht stigmatisiert. Wenn Sie in einem Slum in Nairobi aufwachsen, müssen Sie sich für Ihre Armut weder rechtfertigen noch werden sie scheel angesehen. Aber in einer reichen Gesellschaft gilt Armut eben als etwas Anstößiges, das selbst verschuldet und eher kriminell, weil selbst herbeigeführt ist.

Vor allem Kinder von Hartz-IV-Empfängern werden finanziell benachteiligt. Foto: Picture Alliance/ZB/Thomas Eisenhuth

Wo kommt dieses Zerrbild her?

Das hat einerseits sicher mit unserer reichen kapitalistischen Gesellschaft zu tun. Aber auch damit, dass Hartz-IV-Bezieher stärker stigmatisiert und kriminalisiert werden, als das zum Beispiel den Armen in den fünfziger Jahren widerfuhr. Heute gibt es mehr Arme. Außerdem ist der Einfluss des Neoliberalismus größer. Eine Gesellschaft, die stark auf Marktmechanismen hin orientiert ist und erwartet, dass jeder entsprechend der Verwertungslogik funktioniert, stigmatisiert Armut stärker. Der Neoliberalismus hat zur Jahrtausendwende an Einfluss gewonnen; Stichworte sind Gerhard Schröders „Agenda 2010“ und die Hartz-Gesetze. Heute ist das eher noch stärker ausgeprägt.

Und die Ungleichheit steigt?

Ja. Das ist ebenfalls ein Produkt dieser Entwicklung, denn Ungleichheit wird nicht mehr als etwas Negatives gesehen, sondern ganz im Gegenteil als willkommene Triebkraft für individuelle Hochleistungen. Es heißt, die Ungleichheit motiviere die Menschen, sich mehr anzustrengen. Damit hat Ungleichheit ihr negatives Image verloren, obwohl große Ungleichheit dazu führt, dass eine Gesellschaft auseinanderfällt, der soziale Zusammenhalt schwindet und sich Spannungen häufen.

Und zugleich steigt die Armut?

Rein statistisch betrachtet hat sie einen Rekordwert erreicht. Und das bereits vor der Pandemie. Nach dem Mikrozensus galten 13,2 Millionen Menschen oder 15,9 Prozent der Bevölkerung hierzulande 2019 nach EU-Kriterien als armutsgefährdet. Ihnen stehen, wenn sie alleinstehend sind, monatlich weniger als 1.074 Euro zur Verfügung. Das relativiert man teilweise mit dem Argument, dass auch Studierende darunter sind, die später viel mehr verdienen. Dabei geht es immer um Haushalte. Wer im Studentenheim, im Pflegeheim oder in einer Flüchtlingsunterkunft lebt, wird gar nicht mitgezählt. Ebenso wenig erfasst werden die Wohnungslosen, etwa 678.000 an der Zahl, sowie die Obdachlosen, rund 41.000 Menschen.

Erhöht steigende Armut oder steigende Ungleichheit sowohl die Zahl der Verbrechen als auch die Angst vor Verbrechen?

Das ist eine schwierige Frage, weil man hier schauen müsste, auf welche Art von Kriminalität wir uns beziehen. Tendenziell würde ich der These zustimmen, denn Ungleichheit macht die Gesellschaft inhumaner. Drogensucht, Gewaltkriminalität und Brutalität auf den Straßen nehmen in ungleichen Gesellschaften zu. Aber es spielen natürlich auch andere Faktoren eine Rolle, weshalb das nicht monokausal zu sehen ist.

Butterwegge: „Ein wohlhabender Angeklagter im Anzug wird anders behandelt als ein ungebildeter Täter aus der Unterschicht.“ Foto: Frank Schwarz

Am prägnantesten untersucht haben das zwei britische Forscher, Richard Wilkinson und Kate Pickett, in einem Buch, das auf Deutsch „Gleichheit ist Glück“ heißt. Sie haben herausgefunden, dass ungleiche Gesellschaften vollere Gefängnisse haben, mehr Suizide, eine höhere Säuglingssterblichkeit und eine niedrigere Lebenserwartung. Sie haben ziemlich schlüssig nachgewiesen, dass Ungleichheit auf allen Gebieten mehr Probleme schafft. Natürlich auch in der Kriminalität. Wenn Sie mir noch ein Wort zur Ungleichheit gestatten?

Aber bitte.

Als Mitglied im Wissenschaftlichen Gutachtergremium für den Sechsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung habe ich da sehr genau beobachtet, dass dieser dazu dient, die Ungleichheit zu vernebeln und die Armut zu verharmlosen. Getreu dem Motto: „Guckt mal, in Kalkutta verhungern die Menschen an der Straßenecke. In Köln geht’s Armen doch relativ gut, wenn sie in einem Hochhaus am Rande der Stadt leben. Mit Hartz IV geht’s ihnen besser als in Indien, also gibt’s auch bei uns eigentlich gar keine wirkliche Armut.“ Das so darzustellen, ist auch ein Medientrend. Selten werden Armut und Reichtum an unterschiedlichen Indikatoren gemessen. Ich würde Armut am Einkommen messen, aber Reichtum am Vermögen, das die Armen gar nicht haben.

Im Sechsten Armuts- und Reichtumsbericht wird zum Beispiel als einkommensreich derjenige angesehen, der mehr als das Doppelte des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Das sind knapp 3900 Euro. Die mehr als 150 Milliardäre in unserem Land würden sich totlachen, wenn sie wüssten, dass die Bundesregierung einen Studienrat wegen seines Gehalts für reich erklärt. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung liegen über 67 Prozent des Nettogesamtvermögens des Landes bei zehn Prozent der Bevölkerung. Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt noch mehr als 35 Prozent. Und das reichste Promille unserer Bevölkerung besitzt immer noch 20,4 Prozent des Nettogesamtvermögens. Daran können Sie sehen, dass das Vermögen sich sehr stark konzentriert.

Eine Zahl, die wir in Vorbereitung auf dieses Gespräch gefunden haben, lautet zwei Prozent. Der Anteil von Wirtschaftsdelikten in der Gesamtkriminalität liegt bei zwei Prozent. Der dadurch angerichtete Schaden bei 50 Prozent. Sind wir bei der Kriminalität auf dem reichen Auge blind?

Das kann man so sagen. Menschen, die in diesem Bereich unterwegs sind, haben Zugang zu Medien, haben die Möglichkeit, sich durch hochspezialisierte Anwälte sowohl vor Medienberichten als auch vor Verurteilungen zu schützen. Und sie haben die Möglichkeit, sich ein positives Image aufzubauen und sich entsprechend in der (Medien-)Öffentlichkeit zu präsentieren. Was wieder das Klischee vom armen Kriminellen bestärkt.

„Facebook ist besonders toxisch“

Dr. Daniel Nölleke erforscht das Thema Online-Hass im Leistungssport an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Er spricht im Interview über Hass bei den Olympischen Spielen in Paris, über Gruppendynamik in Fankurven und erklärt, warum er den Einsatz von künstlicher Intelligenz gegen Hassrede im Internet problematisch findet.

Sie sprachen gerade den Schutz durch hochspezialisierte und damit teure Anwälte an, beispielsweise um sich vor Verurteilungen zu schützen. Wenn das so ist: Haben wir eine Klassenjustiz?

Interessant wäre, welche Urteile gefällt würden, wenn Angeklagte ihren Verteidiger per Los zugewiesen bekämen. Das wäre eine Lösung, die vielleicht mehr Gerechtigkeit brächte, mit unserem marktwirtschaftlichen System aber brechen würde. Diesem ist immanent, dass der, der mehr Geld hat, besser behandelt wird. Sei es im Krankenhaus oder sei es vor Gericht.

Wäre so eine Verlosung von Anwälten nicht fairer?

Auf jeden Fall. Aber wir hätten immer noch das Problem, dass jeder Angeklagte vor Gericht ein Bild seiner sozialen Klasse abgibt. Und ein wohlhabender Angeklagter im Anzug wird anders behandelt als ein ungebildeter Täter aus der Unterschicht. Dessen Risiko, hart angefasst und verurteilt zu werden, bleibt größer. Ungleichheit spielt sich nicht bloß im Vermögens-, sondern auch im Bildungs-, Wohn- und Gesundheitsbereich ab, ja sie durchdringt alle Poren der Gesellschaft – auch Polizei und Justiz bleiben davon nicht unberührt.

Also haben wir als Gesellschaft ein falsches Bild von Kriminalität?

Wir haben ein Zerrbild von Kriminalität. Wie von Armut und Reichtum ja auch. Hierzulande glaubt man, wir hätten kaum Armut und auch keinen extremen Reichtum, seien vielmehr eine „nivellierte“ Mittelstandsgesellschaft. So hat der Soziologe Helmut Schelsky die Bundesrepublik 1953 genannt und damit bis heute ihr falsches Bild von sich selbst geprägt. Wenn Sie die Menschen fragen, wo die Ungleichheit besonders stark ausgeprägt ist, werden die USA, Brasilien und Kolumbien, vielleicht auch Großbritannien oder Südafrika genannt. Das ist zwar nicht falsch. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass Deutschland nach dem Gini-Koeffizienten, einem Ungleichheitsmaß, das 0 ist, wenn alle gleich viel besitzen, und 1, wenn einem alles gehört, beim Vermögen mit 0,83 direkt hinter den USA mit 0,85 bis 0,87 liegt.

Wir haben in den Köpfen also ein völlig falsches Bild, was die Ungleichheit angeht. Und auch ein falsches öffentliches Bild der Kriminalität, das von Massenmedien erzeugt wird. Die bereits genannten „Klau-Kids“ verkaufen sich medial offenbar besser als Weiße-Kragen-Kriminalität. Schauen Sie sich nur an, wie wenig über den Cum-Ex-Skandal berichtet wird, wo sich ein kriminelles Netzwerk von Kapitalanlegern, Bankern und hochspezialisierten Steueranwälten allein am deutschen Fiskus um 30 Milliarden Euro bereichert hat.

Dass über die Weiße-Kragen-Kriminalität nicht berichtet wird, stimmt doch nicht. In der „Zeit“, im „Spiegel“ oder der „Süddeutschen Zeitung“ gab es große Recherchen zum Cum-Ex-Skandal.

Sie dürfen nicht den „Spiegel“ oder die „Süddeutsche“ zum Maßstab machen, sondern sie müssen die vielen Regionalzeitungen und den Boulevard nehmen, die viel mehr gelesen werden und das Alltagsbewusstsein prägen. In denen wird über den örtlichen Kegelclub berichtet und vielleicht noch über den arabischen Clan, aber doch nicht über Cum-Ex oder Cum-Cum. Das sind Begriffe, die eigentlich nur Leute kennen, die mit Aktien umgehen. Das ist eine kleine Minderheit und eher besser ausgebildet und materiell bessergestellt.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Armut und Kriminalität?

Ich würde sagen, es gibt einen Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Kriminalität. Raub, Einbruch oder Diebstahl wären ja ausgeschlossen, wenn alle extrem arm wären. Doch das eigentliche Problem ist die Ungleichheit, sie scheint mir eine starke Triebkraft für Kriminalität zu sein. Sowohl bei Ärmeren als auch bei Reichen. Wenn ein Jugendlicher bei anderen Jugendlichen ein tolles Handy sieht, das er auch gerne hätte, sich wegen der Armut seiner Familie aber nicht leisten kann, beschafft er sich vielleicht Geld auf kriminellem Wege. Aber auch ein Multimillionär will vielleicht noch reicher werden, weil er nicht als Dollar-Milliardär auf der Forbes-Liste auftaucht. Warum stellt ein Fleischbaron mit einem Milliardenvermögen osteuropäische Werkvertragsarbeiter in seinem Schlachtkonzern ein, die den Mindestlohn nicht bekommen? Das ist doch nur damit erklärbar, dass er noch reicher werden möchte.

Also wäre für Sie der beste Kampf gegen Kriminalität der Kampf gegen Ungleichheit?

Ja, absolut. „Die beste Kriminalpolitik liegt in einer guten Sozialpolitik“, meinte der Marburger Strafrechtslehrer Franz von Liszt im 19. Jahrhundert. Damit meinte er die Kriminalprävention. Wer die Armut bekämpft und die Ungleichheit, tut auch etwas gegen die Kriminalität. Ich wünsche mir von der nächsten Bundesregierung, dass sie auf der einen Seite mit guter Sozialpolitik die Armut bekämpft und auf der anderen Seite mit Steuerpolitik dafür sorgt, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich nicht weiter vertieft, sondern wieder ein Stück weit schließt.