Die Prozessbegleiter

Erstellt am: Freitag, 11. Oktober 2024 von Sabine

Die Prozessbegleiter

Klaus-Peter Zejewski und Holger Kuhrt engagieren sich ehrenamtlich beim WEISSEN RING. Bei einem Treffen in Berlin wird rasch klar: Sie haben viel zu erzählen.

Bauklötze als Hilfsmittel

Manchmal haben sie danach Fingernagel­abdrücke an ihren Händen. „Und Taschen­tücher und eine Flasche mit Wasser haben wir immer dabei“, sagen die beiden erfahrenen Herren, die an diesem Vormittag im Landesbüro des WEISSEN RINGS in Berlin sitzen. Früher war hier ein Möbelhaus drin, aber seit 13 Jahren sind die Räumlichkeiten in der Bartning­allee 24 im Hansaviertel die Berliner Zentrale der Hilfs­organisation. Das Amtsgericht Tiergarten ist nur 300 Meter vom Landesbüro entfernt. Dort sind Klaus­-Peter Zejewski und Holger Kuhrt öfter anzutreffen: als Begleitung für Opfer im Strafverfahren. Und dort halten sie manchmal die Hand des Opfers, die sich vor Anspannung an ihnen festkrallt.

Die beiden kennen sich seit über zehn Jahren durch den WEISSEN RING und sind mittlerweile „leicht befreundet“, wie sie scherzhaft sagen. Wie ernst das gemeint ist, lassen sie offen. Nach dem Termin wollen sie noch gemeinsam zum Italiener essen gehen. Doch erst einmal stehen in dem Besprechungsraum Kaffee, Wasser, Saft und Süßigkeiten bereit. Beide haben einen Hefter mit Unterlagen über ihre Gruppe „Begleitung im Strafverfahren“ mitgebracht.

Zu erzählen gibt es viel, denn Klaus­-Peter Zejewski ist seit 13 Jahren beim WEISSEN RING dabei, Holger Kuhrt seit 17 Jahren. Der Urberliner Zejewski ist außerdem stell­vertretender Außenstellenleiter Berlin Nord sowie der Koordinator der Gruppe Begleitung im Strafverfahren. Holger Kuhrt ist seit etwa fünf Jahren in der Gruppe, aber so genau weiß er das gar nicht, denn es sind schon so viele Jahre, die er beim Opferhilfeverein aktiv ist.

Dass Opfer von Straftaten eines besonderen Schutzes im Strafverfahren bedürfen, wusste Klaus­-Peter Zejewski schon vor seinem Ehrenamt. Als Polizeibeamter saß er oft im Gerichtssaal. Und beide wissen von den Sorgen und Unsicherheiten der Opfer bei einem Strafprozess. „Sie haben Angst vor der Begegnung mit dem Täter, sie waren vielleicht noch nie in einem Gerichtssaal und kennen die Abläufe nicht, oder sie haben Angst, in dieser schwierigen Situation allein zu sein“, sagen sie.

Deshalb bieten die derzeit zwölf Ehrenamtlichen der Berliner Gruppe, sechs Frauen und sechs Männer, den Opfern Hilfe bei der Prozessvorbereitung an. Wenn gewünscht, begleiten sie sie auch während des Prozesses. „Wir hören immer wieder, dass die Opfer dem Tag vor Gericht bestenfalls mit einem mulmigen Gefühl ent­gegensehen“, sagen sie. Die Mitarbeiter sehen sich als Vertrauenspersonen, die sich die Sorgen der Opferzeugen anhören und sie ihnen zu nehmen versuchen. Seit zehn Jahren gibt es beim WEISSEN RING das zusätzliche Angebot der Psychosozialen Prozessbegleitung. „Aber nicht in jedem Opferschutzfall ist die Beiordnung der Psychosozialen Prozessbegleitung möglich, und dann kann man unser Angebot nutzen“, sagt Holger Kuhrt.

Seit vielen Jahren für den WEISSEN RING aktiv: Holger Kuhrt (links) und Klaus-Peter Zejewski.

Der gebürtige Hamburger hat sein Leben lang mit Men­schen gearbeitet. Er war Inhaber und Geschäftsführer eines Headhunter­-Unternehmens, das für andere Unternehmen Führungskräfte rekrutierte. Seine Frau arbeitete in der Erwachsenenbildung in Berlin. „Wir hatten eine Pendel­ Ehe, und als ich mit dem Arbeiten aufgehört habe, bin ich zu ihr nach Berlin gezogen.“ Einen Monat nichts machen, das gönnte er sich. Dann war es seltsam, nicht mehr jeden Tag ins Büro zu gehen. Schnell fragte er sich, was er ab jetzt den ganzen Tag machen solle. Also bewarb er sich beim WEISSEN RING und saß zum ersten Mal beim Vor­stellungsgespräch auf der anderen Seite.

Zwölf Jahre arbeitet Holger Kuhrt nun schon ehrenamt­lich in der Opferbetreuung und ist zwischenzeitlich auch Außenstellenleiter. Eigentlich wollte er schon aufhören, denn während der Unterstützung von Betroffenen ging er durch „alle Höhen und Tiefen der menschlichen Seele“, sagt er. Dann jedoch erfuhr er von der Gruppe Begleitung im Strafverfahren und hatte Lust, noch einmal etwas Neues zu machen. Seit fünf Jahren ist der 80­-Jährige dort nun schon wieder dabei.

Es gibt viele Fälle, die beiden für immer im Gedächtnis bleiben werden. Bei Holger Kuhrt ist es zum Beispiel der Fall eines damals gerade 17-­jährigen Mädchens. Er wurde zu einer türkischen Familie in Moabit geschickt. „Sie hat ihr T­-Shirt hochgezogen, und da war ein genähter Schnitt vom Schambein bis fast unter den Hals“, erinnert er sich. Das Mädchen ist für ihr Leben lang gezeichnet, dachte sich Holger Kuhrt bei ihrem Anblick. Der Täter war ihr Freund, der nicht damit umgehen konnte, dass sie sich von ihm trennen wollte.

Für seine Opferzeugin war der Prozess besonders heraus­fordernd, aber auch für ihn selbst. „Sie wäre fast kolla­biert, und ich musste sie vor dem Täter und seiner Familie abschirmen“, erinnert er sich. Also greift Holger Kuhrt zu einer ungewöhnlichen Maßnahme, um sie sicher in den Gerichtssaal zu geleiten. Er leiht sich einen Rollstuhl aus der Sanitätsstation, legt ihr eine Wolldecke über den Kopf und schiebt sie in den Gerichtssaal.

Klaus-Peter Zejewski griff auch schon einmal spontan zu ungewöhnlichen Maßnahmen, um eine Opferzeugin zu schützen.

Sehr oft kommt es auf Grundlage der Opferaussagen zur Verurteilung des Täters. Deshalb sind sie vor Gericht wichtige Zeugen. Doch für viele Opfer ist die Aussage vor Gericht eine Ausnahmesituation und Belastung. Umso wichtiger ist die Arbeit der Strafprozessbegleiter. Sie sollen professionell auftreten und kompetente Ansprechpartner für die Opfer vor, während und nach dem Strafprozess sein. „Lebenserfahrung, innere Stabilität und Empathie sollte man mitbringen“, sagt Holger Kuhrt. Aber genauso staunt er über das neueste Mitglied der Gruppe, das erst 20 Jahre alt ist und die Arbeit trotzdem schon gut meistert.

Die Akademie des WEISSEN RINGS bietet ein kostenloses Seminar für die Außenstellenleitungen und die anderen Ehrenamtlichen an. Darin wird ein Querschnitt an Inhalten vermittelt, mit denen sie konfrontiert werden können. Zum Beispiel rechtliche Aspekte im Schutz von Opfer­ zeugen, kommunikative Ansätze zur Vorbereitung auf die Rolle der Opfer im Strafverfahren, Grundelemente der Psychotraumatologie oder Übungen zur Vorbereitung auf den Strafprozess. Das Seminar ist gefragt und in diesem Jahr schon ausgebucht.

Klaus-­Peter Zejewski kramt einen Stoffbeutel hervor und legt ihn auf den Tisch. Darin liegen bunte Bauklötzchen aus Holz. „Manche der Seminarteilnehmer kommen sich etwas veräppelt vor, wenn sie damit arbeiten sollen“, sagt er und lacht. „Kennen Sie das Beziehungsbrett aus der Psychotherapie?“, wollen die beiden wissen. In der Familientherapie wird es angewendet, um Zusammen­ hänge, Strukturen und Prozesse zu visualisieren und diese zu verändern. In der Vorbereitung auf das Strafverfahren dienen die Klötzchen zur ersten Orientierung im Gerichts­saal: Wo sitzt der Richter, der Angeklagte und sein Ver­teidiger, wo der Staatsanwalt und natürlich, wo sitzt man als Opferzeuge oder Opferzeugin?

Pro Jahr kümmert sich die Gruppe um etwa 35 Opfer, die vor Gericht aussagen müssen und dabei professionelle Hilfe brauchen. Die Menschen kommen aus ganz Berlin zu ihnen. Meist geht es um Gewaltdelikte wie häusliche Gewalt, Körperverletzung oder sexuellen Missbrauch. Deshalb ist die Geschlechtermischung in der Gruppe auch hilfreich, denn manche Frauen wollen oder können nach den traumatisierenden Erlebnissen auch nur mit Frauen sprechen.

Als er vor 13 Jahren in Rente ging, meldete sich der heute 75-­jährige Zejewski beim WEISSEN RING. Während seiner beruflichen Tätigkeit als Polizeibeamter hatte er immer wieder Kontakt mit dem Verein. Diese Erfahrungen wollte er nutzen, um den Opfern zu helfen. Der Fall, von dem Klaus­-Peter Zejewski nun erzählt, ist aber kein klassischer mit einem Opferzeugen. Das Opfer konnte nicht mehr aus­ sagen, denn es wurde bei der Tat getötet.

Vor acht Jahren hat er eine junge Frau vor Gericht begleitet, die Zeugin dieses Mordes wurde. Sie kam nachts mit dem Auto nach Hause. Vor einem Lokal in Neukölln hatten sich einige Leute versammelt. Plötzlich zog ein Mann eine Waffe und erschoss vor ihren Augen einen anderen Mann. „Sie hat sich nicht getraut auszusteigen und blieb im Auto sitzen, bis die Polizei kam“, erinnert sich Klaus­-Peter Zejewski, „die Polizei hat sie dann verhört, denn sie war die einzige unabhängige Zeugin vor Ort.“

Sie hatte vor allem Angst vor dem Täter und seinem Umfeld und wollte ihm vor Gericht nicht begegnen. Bei diesem Fall war auch die Presse beim Gerichtstermin dabei. Die Zeugin wollte von beiden weit weg sein. Außerdem war die Vorbereitung auf die Verhandlung und vor allem auf die Befragung durch den Verteidiger wichtig. „Denn er hat sie natürlich zum Tatablauf, zur genauen Uhrzeit und Täterbeschreibung in die Mangel genommen“, so Zejewski.

Holger Kuhrt verbrachte einst mehrere Stunden mit einem Opfer in der Botschaft Kanadas.

Durch die Arbeit für den WEISSEN RING ist er eigentlich gar nicht im Ruhestand angekommen. „Das ist sehr befriedigend für mich, da ich immer noch voll am Leben teilnehme und dabei auch noch meine Hilfe einbringen kann“, sagt er. Als Ausgleich zu der manchmal auch belastenden Arbeit liest er täglich zwei Tageszeitungen. „Und wenn der Akku mal wieder leer sein sollte, fahre ich auf meine Lieblingsinsel Sylt.“ Auch seine Frau, mit der er zwei erwachsene Kinder hat und in einer Wohnung in Berlin lebt, ist als Fraktionsvorsitzende einer Partei und stellvertretende Gemeindevorsitzende politisch aktiv.

Wahrscheinlich könnten die beiden noch lange weitererzählen. Über die Jahre beim WEISSEN RING sind sie auf die unterschiedlichsten Menschen und Schicksale getroffen und haben viel erlebt. Einmal kam zu Klaus­-Peter Zejewski sogar eine bekannte Berliner Schauspielerin. Ihren Namen will er, obwohl das Jahre her ist, nicht verraten. Und Holger Kuhrt war einmal über Stunden mit einem Opfer in der Kanadischen Botschaft in Berlin eingesperrt. „Die Dame hatte keine Papiere dabei, und sie haben uns nicht rausgelassen“, erinnert er sich. Irgendwie haben sie es dann aber doch geschafft.

Trotz aller Opferrechtsbestrebungen sind Betroffene von Straftaten vor Gericht oft nur ein „Beweis­ mittel“. Menschen wie Klaus­-Peter Zejewski, Holger Kuhrt und die anderen ehrenamtlichen Mitarbeiter der Berliner Gruppe vom WEISSEN RING helfen ihnen dabei, entspannter zur Verhandlung gehen zu können. Denn sie wissen, sie sind nicht allein. Und dafür sind sie dankbar.

Die Umtriebigen

Erstellt am: Freitag, 11. Oktober 2024 von Sabine

Die Umtriebigen

Shatha Yassin­-Salomo und Elke Yassin-Radowsky machen beim WEISSEN RING gemeinsame Sache. Auch der Enkel interessiert sich für ihre ehrenamtliche Arbeit.

Elke Yassin-Radowsky (links) und ihre Tochter Shata Yassin-Salomo (rechts)

Ihr vierjähriger Enkel hat Shatha Yassin-­Salomo schon ein paarmal gefragt: „Oma, wie sehen die Bösis aus?“ Dass Oma und Uroma Menschen helfen, die „Bösis“ begegnet sind, denen also etwas Schlimmes passiert ist, so viel hat auch er schon ver­standen. Die Arbeit beim WEISSEN RING machen die beiden immerhin schon länger als er auf der Welt ist.

Eine Antwort darauf, wie Menschen aussehen, die anderen Böses wollen, haben Shatha Yassin­-Salomo und ihre Mutter Elke Yassin-­Radowsky aber auch nach vielen Jahren im Dienst für den WEISSEN RING nicht. „Man erkennt sie eben nicht“, sagt Shatha Yassin­-Salomo.

Elke Yassin-­Radowsky arbeitet schon seit fast 25 Jahren für den WEISSEN RING im Raum Erlangen. Seit 2008 leitet sie zudem die Außenstellen der Stadt Erlangen und des Kreises Erlangen­-Höchstadt, später kam die Außenstelle im Landkreis Fürth hinzu. Die Außenstellen für die Städte Fürth und Nürnberg leitet Shatha Yassin­-Salomo seit 2021, als Ehrenamtliche kam sie 2017 zum WEISSEN RING.

Das Ende ihres Berufslebens war für Elke Yassin-­Radowsky der Anlass, ein Ehrenamt zu übernehmen, und für ihre Tochter, mehr Verantwortung zu schultern. Beide sind sich einig: In der Rente nur noch zu Hause sitzen oder in den Urlaub fahren, das kam für sie nicht infrage. „Ich wollte etwas Sinnvolles machen“, sagt Elke Yassin-­Radowsky. „Etwas bewirken“, ergänzt Shatha Yassin-­Salomo. Etwas, das sie auch weiterhin herausfordert.

„Ich war nicht berufen, aber es ist zu meiner Berufung geworden“, sagt Elke Yassin-­Radowsky. Sie war direkt begeistert von der Arbeit des Opferhilfevereins. „Men­schen, die am Ende sind, zu helfen, weiterzumachen.“ Es sei immer eine Herausforderung, eine schlimme Situation in etwas halbwegs Positives zu verwandeln. Ihre Begeisterung konnte sie schon weitertragen: Ihre Schwester ist ebenfalls seit zehn Jahren im Einsatz – und eben ihre Tochter. „Eines meiner Enkelkinder werde ich auch noch überzeugen – die sind aber im Moment noch zu eingebunden im Beruf“, sagt Elke Yassin-­Radowsky mit Augenzwinkern.

Sie hat in ihrem Leben schon viel gesehen. Mit 18 zog es sie in die Welt hinaus. „Die Vorstellung, die Ehefrau eines Sie­mens-­Diplom-­Ingenieurs zu werden, war mir ein Graus“, sagt sie. Ehefrau eines Siemens­-Diplom-­Ingenieurs – das gilt im Raum Erlangen als Abziehbild für einen traditio­nellen, eher spießigen Lebensentwurf.

Stattdessen ging sie nach England zum Studieren, lernte dort ihren Mann kennen. Ihre Tochter kam in London zur Welt, später lebte die Familie im Irak, dem Heimat­land ihres Mannes. Dass er nachher, als sie zurück nach Erlangen zogen, eine Stelle als Siemens­-Diplom-­Ingenieur annahm, konnte Elke Yassin­-Radowsky nach den Jahren unterwegs mit vielen Eindrücken und Erlebnissen gut verkraften, erzählt sie und lächelt. Sie selbst hat lange Zeit in der Forschung an der Universität in Erlangen als medizinisch-­technische Assistentin gearbeitet. Es beein­flusse einen, wenn man nicht nur zu Hause sitzt, sondern in der Welt herumkommt, findet Elke Yassin-­Radowsky. Vor allem habe es Einfluss darauf, wie man auf Menschen zugeht.

Elke Yassin-Radowsky engagiert sich schon seit fast 25 Jahren für den WEISSEN RING, ihre Tochter ist seit 2017 dabei.

Obwohl der Anlass für ihr Ehrenamt für Mutter und Tochter der gleiche war, ist die Arbeit in den Außenstellen doch unterschiedlich. Für Shatha Yassin­-Salomo war zu Beginn ihres Einsatzes als Leiterin in Nürnberg und Fürth erst einmal Struktur schaffen angesagt. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt nur etwa zehn Ehrenamtliche im Team, dafür noch zwei weitere Außenstellen angegliedert. Eine davon, den Landkreis Fürth, hat sie an ihre Mutter abgegeben, das Nürnberger Land hat eine neue, eigene Außenstelle bekommen. Shatha Yassin-­Salomo hat zudem neue Ehrenamtliche für die Arbeit beim WEISSEN RING gewonnen und ein­gearbeitet – offenbar kann nicht nur ihre Mutter, sondern auch sie Menschen für dieses Ehrenamt begeistern

Aber auch in der alltäglichen Arbeit der Außenstelle hat sie für Struktur und Organisation gesorgt. Die Dienstpläne in den Büros in Nürnberg und Fürth sind so gefüllt, dass immer jemand im Einsatz und erreichbar ist. Für die Fälle, die Shatha Yassin­-Salomo am Telefon entgegennimmt, erstellt sie für jeden Tag eine ausführliche Übersicht mit dem, was ihre Mitarbeitenden im jeweiligen Termin erwartet: Um was für eine Straftat geht es? Was braucht die betroffene Person? Formulare schickt sie schon vorab an die Betroffenen, damit in der Beratung nicht zu viel Zeit für Schreibkram verloren geht.

„Dieses Strukturierte hat meine Tochter nicht von mir, das hat sie eher aus ihrem Berufsleben“, sagt Elke Yassin­-Radowsky. Shatha Yassin-­Salomo war Lehrerin für Latein und Französisch, hat aber auch Fortbildungen für Lehrkräfte gegeben und als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Schulreferat in Nürnberg gearbeitet. „Ich habe Bildung von allen Seiten kennengelernt.“

In ihrer Laufbahn war sie hoch engagiert, hat Leitungsaufgaben und Projekte an ihrer Schule übernommen. Sie ist eine, die anpackt und sich nicht zufriedengibt, bis es wirklich gut läuft. „Das ist meine Art. Wenn mich etwas interessiert, gehe ich über die Norm hinaus.“ Organisation und Koordination habe sie immer gemocht, vor allem, wenn sie zu einem guten Ergebnis führen. Eigenschaften, von denen sie auch in ihrem Ehrenamt profitiert.

,,Ich war nicht berufen, aber es ist zu meiner Berufung geworden."

Elke Yassin-Radowsky

In der Außenstelle von Elke Yassin­-Radowsky hingegen wird mehr auf Zuruf gearbeitet. Die Leiterin nimmt Anrufe entgegen und gibt die Fälle dann an ihre acht Ehrenamtlichen weiter. Anders als in Nürnberg und Fürth gibt es in Erlangen, Erlangen­ Höchstadt und im Landkreis Fürth keine Büros – die Mitarbeitenden besuchen die Betroffenen dort, wo sie das Gespräch führen möchten. Das habe seine Vorteile, die Gespräche würden so oft als persön­licher und lockerer empfunden, sagt Elke Yassin­-Radowsky. Man sei auch weniger an einen Stunden­plan gebunden. In ihrer Außenstelle begleiten sie die Menschen oft von Anfang an: manchmal bevor sie Anzeige erstattet haben und bis zum Gerichts­prozess.

Dass beide so unterschiedlich arbeiten, liegt vor allem an der Größe der Außenstellen. „Erlangen ist statistisch die zweitfriedlichste Stadt in Bayern“, sagt Elke Yassin­-Radowsky. In Nürnberg und Fürth sei da schon mehr los. Den 100 bis 150 Fällen, die sie und ihr Team bearbeiten, stehen mehr als 300 in den beiden Städten ihrer Tochter gegenüber.

Aber auch neben der Beratung fallen in Nürnberg und Fürth Aufgaben an. Zumindest, wenn man die Arbeit beim WEISSEN RING so versteht wie Shatha Yassin­-Salomo. Sie hält in beiden Städten engen Kontakt zu verschiedenen Stellen und anderen Hilfsorganisationen – der Polizei und den Gleich­stellungsbeauftragten etwa oder dem Verein Wild­wasser, einer Fachberatungsstelle für Mädchen und Frauen gegen sexuellen Missbrauch und sexuali­sierte Gewalt. „Ich möchte, dass die wissen, wer ich bin“, sagt Shatha Yassin­-Salomo. Auch ihre Mutter pflegt zu den relevanten Stellen in Erlangen einen guten Kontakt. Es ist wichtig, präsent zu sein, wissen beide. Mit einer guten Vernetzung sei eine engere Zusammenarbeit möglich und auch ein Weiterleiten von Betroffenen an zusätzliche Hilfsangebote, die für sie sinn­voll sein könnten.

Sie halten auch Vorträge zu den Themen, die für den WEISSEN RING wichtig sind, aktuell sind etwa Betrug im Internet und am Telefon oder Cybermobbing besonders relevant. „Das war auch etwas, das ich erst lernen musste“, sagt Elke Yassin­-Radowsky, die mittlerweile wohl um die 100 Vorträge gehalten hat, „aber im Leben lernt man eben immer dazu.“

Und es gibt noch etwas, das sie mit der Zeit gelernt hat: eine gewisse Distanz zu wahren und die Leidensgeschichten der Opfer nicht zu nah an sich heranzulassen. „Es betrifft mich nicht mehr so wie früher.“ Auch wenn sie heute weniger selbst berät und begleitet, kenne sie die Fälle oft trotzdem, weil viele schon beim ersten Kontakt am Telefon ihre ganze Geschichte erzählen.

Immer wieder seien welche dabei, die sie erschüttern, doch sie wisse mittlerweile, wie sie sich abgrenzen könne. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr ein Fall, bei dem eine Frau auf dem Nachhauseweg von einem Dorffest ver­gewaltigt wurde. Nach der Gerichtsverhandlung habe sie zu Elke Yassin-­Radowsky gesagt, sie wolle sie nie wieder sehen. „Das hat mich zuerst schockiert“, erinnert sie sich. Hatte sich die Betroffene nicht gut betreut gefühlt? „Aber dann habe ich verstanden: Sie wollte einfach mit der Sache abschließen und sie hinter sich lassen.“

Eingespieltes Team: Mutter und Tochter.

In jüngster Zeit hatte sie mit zwei Frauen zu tun, die in ihrer Kindheit von den Eltern und deren Bekannten missbraucht wurden. So etwas macht sie auch heute noch fassungslos. Menschen, denen so etwas passiert, können das oft ihr ganzes Leben lang nicht verarbeiten. Trotzdem: „Ich denke nicht, dass sich durch die Arbeit meine Welt­sicht verändert hat. Ich war immer optimistisch“, sagt Elke Yassin­-Radowsky.

Bei ihrer Tochter ist das anders. Sie sagt, sie sei vor­ sichtiger geworden: „Ich weiß einfach zu viel.“ Fälle von Kindesmissbrauch gehen auch ihr besonders nahe. Vor allem, wenn den Müttern vom Jugendamt oder vor Gericht nicht geglaubt wird. Dann versuche sie, die Betroffenen mit erfahrenen Anwältinnen und Anwälten zu vernetzen und immer wieder auch mit Frauen, die Ähnliches erlebt haben.

Die Arbeit habe auch ihr Menschenbild beeinflusst, auch wenn sie nicht alle über einen Kamm scheren mag. Sie vertraue heute nicht mehr blind. „Ich habe ein großes Gerechtigkeitsempfinden“, sagt Shatha Yassin­-Salomo. Sie lese viel rund um Verfahren und Dinge, die bei Tren­nungen, Stalking und Missbrauch eine Rolle spielen, sehe sich Dokumentationen an, konsumiere alles an Informa­tionen auf der Suche nach Lösungsansätzen. „Wenn ich in ein Thema einsteige, dann richtig.“

Ihr sei es wichtig, Statistiken mit Leben zu füllen. Auch deshalb, damit Betroffene sich öfter trauen, um Hilfe zu bitten oder ihre Peiniger anzuzeigen. Gerade bei Gewalt in der Familie sei viel Scham im Spiel, Opfer fühlen sich mit­ schuldig oder haben Angst, mit einer Anzeige die Familie zu zerstören. Dieses Thema lasse sie nicht los.

Wie lange Elke Yassin-­Radowsky noch weitermachen kann, weiß sie noch nicht. Bald hat sie die 25 Jahre voll. Für ihr besonderes Engagement wurde sie 2022 vom bayerischen Ministerpräsidenten mit dem Ehrenabzeichen für besondere Verdienste im Ehrenamt ausgezeichnet. Sie hat sich gefreut und sieht die Auszeichnung doch ganz fränkisch-­nüchtern und pragmatisch. Die Ehrennadel liegt heute in der Schublade.

Barbara Richstein zur neuen Bundesvorsitzenden gewählt

Erstellt am: Samstag, 28. September 2024 von Sabine

Foto: Christian J. Ahlers

Datum: 28.09.2024

Barbara Richstein zur neuen Bundesvorsitzenden gewählt

Der WEISSE RING hat eine neue Bundesvorsitzende: Barbara Richstein. Ihr Vorgänger, Patrick Liesching, bleibt dem Verein erhalten.

Frankfurt – Der WEISSE RING hat eine neue Bundesvorsitzende: Barbara Richstein, Vorsitzende des Landesverbands Brandenburg, steht ab sofort an der Spitze von Deutschlands größter Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer. Einstimmig wählte die Bundesdelegiertenversammlung des Vereins die 59-Jährige am Samstag in Frankfurt am Main zur Nachfolgerin von Dr. Patrick Liesching. Der 52-Jährige bleibt dem WEISSEN RING als stellvertretender Bundesvorsitzender und Vorsitzender des Landesverbands Hessen erhalten.

Die Rechtsanwältin Barbara Richstein saß von 1999 bis 2024 für die CDU als Abgeordnete im Landtag von Brandenburg, ab 2019 als Vizepräsidentin. Von 2002 bis 2004 war sie Brandenburgische Ministerin der Justiz und für Europaangelegenheiten. Bei den zurückliegenden Landtagswahlen trat sie nicht mehr an. Daher kann sie sich jetzt ganz auf die Arbeit als oberste Opferschützerin konzentrieren: „Ich freue mich sehr auf diese neue Herausforderung und bin dankbar für das Vertrauen der Delegierten, die mich gewählt haben.“ Richstein dankte ausdrücklich auch ihrem Vorgänger: „Ohne die hervorragende Arbeit von Patrick Liesching stünde der WEISSE RING heute nicht da, wo er jetzt ist.“

Liesching: In zwei Jahren „viel erreicht“

Liesching stand zwei Jahre an der Spitze des WEISSEN RINGS. „Ich bin stolz auf das, was wir in den vergangenen zwei Jahren erreichen konnten“, sagt er. Beispielhaft verweist Liesching auf die aktuellen politischen Diskussionen um den Einsatz der elektronischen Fußfessel zum Schutz von Frauen bei häuslicher Gewalt. „Wir haben da viel in Bewegung gesetzt, und wir werden nicht lockerlassen – auch ich persönlich nicht“, so Liesching. Als stellvertretender Bundesvorsitzender tritt Liesching die Nachfolge von Gerhard Müllenbach an, der sich nicht mehr zur Wahl stellte.

Was wäre für Sie der GAU bei der BDV, Frau Richstein?

Einstimmig hat der Bundesvorstand des WEISSEN RINGS Barbara Richstein als Leiterin der Bundesdelegiertenversammlung (BDV) in Frankfurt am Main nominiert – wie auch schon vor zwei Jahren für die BDV im sächsischen Radebeul.

Barbara Richstein ist seit 2002 beim WEISSEN RING, seit 2022 ist sie Landesvorsitzende in Brandenburg. „Bereits bei meiner ersten konkreten Berührung mit dem WEISSEN RING auf einem Opferforum in Mainz Anfang der 2000er habe ich gemerkt: Das ist ein besonderer Verein. Der Ansatz, den Verletzten zu helfen, hat mich sehr angesprochen“, sagt Richstein.

WEISSER RING „gut aufgestellt“

Jetzt steht sie an der Spitze des Vereins und hat sich für die nächsten Jahre einiges vorgenommen: „Wir müssen uns noch stärker auf neue Deliktsphänomene einstellen und insbesondere in den neuen Bundesländern noch bekannter werden. Davon abgesehen finde ich den WEISSEN RING in seiner jetzigen Form bereits gut aufgestellt. Mit der Zeit müssen wir uns natürlich verjüngen und breiter aufstellen.“ Wichtig ist ihr außerdem, dass das neue Opferentschädigungsrecht bekannt gemacht und vor allem gut umgesetzt wird. „Das behalten wir auf jeden Fall im Auge. In der Umsetzung des Opferentschädigungsrechts muss sich endlich etwas tun“, so Richstein.

Die Bundesdelegiertenversammlung ist das oberste Organ des WEISSEN RINGS. Die Delegierten entscheiden alle zwei Jahre über Neuerungen, politische Forderungen des Vereins und die Besetzung von Vorstandsposten.

Kein Platz für Extremisten und Rassisten

Erstellt am: Samstag, 28. September 2024 von Sabine

Mit dem Beschluss verankert der WEISSE RING das Bekenntnis zur Demokratie und die Ablehnung aller extremistischen Strömungen nun in der Vereinssatzung. Foto: Christian J. Ahlers

Datum: 28.09.2024

Kein Platz für Extremisten und Rassisten

Mit einer Unvereinbarkeitsklausel will sich der WEISSE RING künftig vor einer möglichen Unterwanderung durch extremistische Kräfte schützen.

Frankfurt – Mit einer Unvereinbarkeitsklausel will sich der WEISSE RING, Deutschlands größte Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, künftig vor einer möglichen Unterwanderung durch extremistische Kräfte schützen. Die mehr als 200 Vertreterinnen und Vertreter des Vereins haben mit überwältigender Mehrheit (99,5 Prozent der Stimmen) auf der Bundesdelegiertenversammlung in Frankfurt am Main eine entsprechende Satzungsänderung beschlossen. „Ich freue mich sehr über diese unmissverständliche Stellungnahme“, sagt Barbara Richstein, die frisch gewählte Bundesvorsitzende des WEISSEN RINGS. „Extremismus und Rassismus haben in einem Opferschutzverein keinen Platz.“

Neue Präambel in Satzung

In Paragraf 5 Absatz 7 der Satzung wird der erste Satz wie folgt neu gefasst: „Ein Mitglied kann aus wichtigem Grund aus dem Verein ausgeschlossen werden, insbesondere wenn es die Interessen oder Ziele des Vereins in grober Weise verletzt, durch sein persönliches Verhalten das Ansehen des Vereins schädigt oder gegen das in der Präambel dieser Satzung niedergelegte Leitbild verstößt.“

In der Präambel, die der Satzung ebenfalls neu vorangestellt wurde, heißt es wörtlich: „Grundlage der Vereinsarbeit ist das Bekenntnis zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und dessen Werteordnung. Damit unvereinbar sind Intoleranz, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Der Verein tritt radikalen oder extremistischen Bestrebungen sowie jeder Form von Gewalt entgegen.“

Bereits 2018 distanzierte sich der WEISSE RING von extremistischen Strömungen und Parteien. Der Bundesvorstand verurteilte damals Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit aufs Schärfste und beschloss einstimmig, dass sich der Verein nicht von extremistischen Parteien instrumentalisieren lässt und keine Spenden von der AfD annimmt. Auslöser war die missbräuchliche Verwendung des Logos des WEISSEN RINGS bei einer öffentlichen Spendensammlung durch einen Ortsverband der AfD in Nordrhein-Westfalen.

Bekenntnis zur Demokratie

Mit dem Beschluss vom Samstag verankert der WEISSE RING das Bekenntnis zur Demokratie und die Ablehnung aller extremistischen Strömungen nun in der Vereinssatzung. Eine Änderung kann nur die Bundesdelegiertenversammlung mit Zweidrittel-Mehrheit vornehmen. Die Bundesdelegiertenversammlung ist das oberste Organ des WEISSEN RINGS. Die Delegierten entscheiden alle zwei Jahre über Neuerungen, politische Forderungen des Vereins und die Besetzung von Vorstandsposten.

Im Wald seines Lebens

Erstellt am: Donnerstag, 5. September 2024 von Sabine

Im Wald seines Lebens

Die Liebe zum Wald ist Anton Müller wohl genetisch mitgegeben worden. Aber auch der Sinn für Gerechtigkeit, und so engagiert sich der frühere Forstwirt seit mehr als 30 Jahren für den WEISSEN RING in Kaiserslautern. Er schaffte es sogar, beides miteinander zu verbinden: den Wald und die Opferarbeit.

Der Wald ist Anton Müllers Zuhause.

Dunkle Wolken mit weißen Spitzen kriechen über die Hügel, hier irgendwo am nördlichen Zipfel des Pfälzerwalds. „Es ist DAS größte zusammenhängende Waldgebiet Deutschlands“, sagt Anton Müller, das ist ihm wichtig. Er sitzt auf dem Fahrersitz seines silbernen Skoda und manövriert den Kombi durch steile Kurven und enge Straßen. Müller ist an diesem nasskühlen Maitag auf dem Weg zu einem für ihn besonderen Ort.

„Ich komme aus einer uralten bayerisch-pfälzischen Forstfamilie, ich bin die zehnte Generation, deswegen ist die Liebe zum Wald wohl schon genetisch verankert“, sagt Müller, „die wird mir bleiben bis zum Lebensende.“ Es gebe da diesen Spruch aus dem Japanischen, aber von dem halte er eigentlich nicht so viel: im Wald baden. „Für mich bedeutet der Wald: Wenn ich mich hier aufhalte, geht es mir gut.“ Dass es tatsächlich esoterisch angehauchte Gruppenseminare zum Waldbaden gibt, Bäume umarmen inklusive, naja, davon sei er kein Fan. Er findet, jeder solle den Aufenthalt ganz individuell wahrnehmen, egal ob beim Joggen, Fahrradfahren oder Wandern. Egal wie, „alle sind durch den Aufenthalt im Wald erholt an Leib und Seele“, glaubt Müller, der hier jahrzehntelang als Forstamtsleiter für acht Förstereien verantwortlich war.

Seit 2011 ist er zwar in Ruhestand, doch der Wald lässt ihn nicht los.

Er hat zum Beispiel einen Lieblingsbaum, eine Eiche, um die 400 Jahre alt muss sie sein. Dort geht er zu jeder Jahreszeit hin und hat so „schon viele Probleme gut gelöst“, wie er sagt. Manchmal dachte er unter der mächtigen Baumkrone auch über die Menschen nach, die er in seinem Ehrenamt als Opferhelfer beim WEISSEN RING durch schwere Zeiten lotste.

Der frühere Forstwirt engagiert sich seit mehr als 30 Jahren für den WEISSEN RING in Kaiserslautern.

Denn nicht nur die Liebe zum Wald sei wohl genetisch veranlagt, sagt Müller, auch sein Gerechtigkeitssinn sei ihm mitgegeben worden. Schon in der Schulzeit spürte er Wut in sich hochkriechen, wenn jemand ungerecht behandelt wurde. 1978 – der WEISSE RING bestand erst zwei Jahre – wurde er Mitglied im Verein, „die Generation Eduard Zimmermann eben“, sagt Müller. Er bezieht sich auf den TV-Journalisten Zimmermann, Moderator der Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ und Initiator des WEISSEN RINGS. Zunächst war Müller passiver Unterstützer des Vereins, Familie und Job ließen ihm keine Zeit für mehr. Dennoch hatte er auf dem Anmeldebogen schon angekreuzt, er wolle sich später aktiv beteiligen.

Ende der 80er-Jahre meldete sich die Bundesgeschäftsstelle in Mainz bei ihm: In Kaiserslautern gebe es nur einen Mitarbeiter, im Landkreis gar keinen, und ob sein Angebot noch stehe? Es stand. „Wir waren damals ein weißer Fleck auf der Landkarte“, erinnert sich Müller. 1994 übernahm er die Außenstelle im Landkreis, fünf Jahre später kam die Stadt dazu, als beide Standorte zusammengelegt wurden.

„Hier“, sagt Müller und zeigt rechts aus dem Autofenster, an dem ein dreistöckiger Bau vorbeihuscht, der ein wenig so aussieht wie die Après-Ski-Hotels in den Tiroler Alpen. „Das ist der Barbarossahof, da trifft sich unsere Außenstelle immer zur Monatsbesprechung.“

Müller warb neue Mitstreiter und baute ein Netzwerk auf: Politik, Wirtschaft, Justiz und andere Hilfsorganisationen – alle sollten wissen, was der WEISSE RING macht. Eine Arbeit, von der der Verein bis heute profitiert. Es ist noch nicht allzu lange her, da bekam Müller ein Schreiben von der Bundesgeschäftsstelle: Dem Verein seien aus einem Wirtschaftsstrafprozess 250.000 Euro zugesprochen worden. „Ich dachte zuerst, das sei ein Druckfehler, und habe in Mainz angerufen“, sagt Müller und lacht dabei immer noch etwas ungläubig. Doch die Zahl stimmte, und das liegt an einer Besonderheit: Die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern ist die Zentralstelle für Wirtschaftsstrafsachen, zuständig für die Landgerichtsbezirke Bad Kreuznach, Mainz und Trier. Immer wieder leisten straffällig gewordene Unternehmen Zahlungen, um gerichtliche Verfahren zu vermeiden, oder werden zu Geldbußen verurteilt. Viele dieser Beträge gehen an gemeinnützige Organisationen. In der Regel liegen die Summen jedoch im unteren fünfstelligen Bereich, wenn überhaupt, und werden oft in Raten abgestottert. „Hier war das ganze Geld nach drei Tagen auf dem Konto“, erinnert sich Müller.

Müller ist an seinem Ziel angekommen, den Wagen hat er am Rand eines Waldweges geparkt. Er geht tiefer in den Forst, es knarzt und knackt bei jedem Schritt.

Es war 2016 – der WEISSE RING feierte in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag –, da schrieb Müller wie in jeder Weihnachtszeit den Jahresbericht für seine Außenstelle und stellte etwas Bemerkenswertes fest: Seit Gründung der Außenstelle haben die Ehrenamtlichen in Kaiserslautern mehr als 1.000 Menschen geholfen.

Tausend Opfer, das sind tausend Schicksale.

Anton Müller half mehr als 30 Jahre Opfern durch schwere Zeiten.

„Da muss man was machen“, sagte sich Müller. Er erinnerte sich an seinen Lieblingsbaum im Wald – und an eine Parallele: „Bäume zeichnen sich aus durch Kraft, Langlebigkeit und Geduld. Viele dieser Eigenschaften benötigen auch Opfer, die infolge der Taten oft entwurzelt sind und viel Zeit benötigen“, sagt der 78-Jährige. Was lag da also näher, als für jedes der tausend Opfer einen Baum zu setzen?

So entstand der „Weg und Wald der Hoffnung“. Das Prinzip ist einfach: Forstarbeiter pflanzen Birken, Linden, Kastanien und Eichen in vier Waldgebieten. Bestehende Flächen werden auf diese Weise aufgeforstet, Lücken gefüllt und kranke Bäume ersetzt. Finanziert wird das Projekt, an dem auch das Forstamt Kaiserslautern beteiligt ist, durch Spenden: Für je 100 Euro wird ein Baum gepflanzt – ein Teil des Geldes fließt direkt in die Opferhilfe des WEISSEN RINGS, der andere Teil wird für die Pflanzung und Pflege des Baumes und zum Walderhalt in Deutschland verwendet.

Müller steht vor einer hölzernen Spendentafel am Wegesrand. Der Ort ist bewusst gewählt: Der Waldweg ist beliebt und führt zur alten Bergruine Beilstein, zahlreiche Menschen kommen hier täglich vorbei. Dutzende schwarze Plaketten mit Namen in weißer Schrift sind am Holz angebracht, es sind die Namen der bisherigen Spender, darunter ein Polizeipräsidium, ein Förderverein und zahlreiche Privatmenschen. „Einige von denen haben schon für vier oder fünf Bäume gespendet“, sagt Müller. Auch die Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Rheinland-Pfalz, Sabine Bätzing-Lichtenthäler, ist auf einer Plakette verewigt. Um die 500 Bäume seien bisher gepflanzt worden, erklärt Müller.

Als 2018 der 250. Baum gepflanzt wurde, kamen viele Politiker, Vorstandsmitglieder und die Medien – das Fernsehen und die lokale Zeitung berichteten groß. Mittlerweile ist es um das Projekt etwas ruhiger geworden. Um sein Werk in Erinnerung zu halten, hat Müller mit einem befreundeten Fotografen einen Kalender mit Aufnahmen des Waldes erstellt, der als Werbemittel an Unterstützer verschenkt wird.

Dass Müllers Engagement keineswegs vergessen ist, zeigte sich gerade erst wieder im April, als er für sein 30-jähriges Wirken als Opferhelfer bei der Landestagung in Mainz ausgezeichnet wurde. In ihrer Laudatio bezeichnete die Landesvorsitzende Bätzing-Lichtenthäler sein Lebenswerk als „einzigartig“, Müller selbst nannte sie eine „Institution des Vereins“.

Es ist nicht seine einzige Auszeichnung: 2018 erhielt Müller die Verdienstmedaille des Landes, doch der Diplom Forstwirt möchte das als Wertschätzung für sein ganzes Team in der Außenstelle verstehen. Opferarbeit sei ja schließlich „keine One-Man-Show“, sagt er.

Müller setzt sich wieder in den silbernen Skoda, er möchte noch andere Projekte zeigen, die er in der Region auf den Weg gebracht hat:

  • eine Hochzeitsallee, in der frisch Vermählte einen Baum pflanzen können. „Problematisch wird es dann, wenn die Paare sich scheiden lassen“, sagt der Forstwirt und lacht;
  • einen „Tisch der Gemeinschaft“ abseits des Waldes, zwölf Meter lang, aus einem einzigen Douglasien-Stamm geschnitzt. Bis zu 100 Menschen können daran während ihrer Wanderungen rasten.

Während der Fahrt blickt Müller zurück. Forstamtsleiter, das sei ein Beruf mit sehr viel Bürokratie gewesen: Für acht Förstereien war er zuständig, sorgte für die Einhaltung von Gesetzen, wirkte an Nutzungsplänen mit, schrieb Stellungnahmen. Aber es sei auch ein sehr vielfältiger Job gewesen, „wir haben uns selbst immer scherzhaft Universaldilettanten genannt“, sagt er und lacht. Die Flexibilität kam ihm als Opferhelfer oft zugute. Im März 2023 gab er zwar nach 29 Jahren das Amt des Außenstellenleiters ab und zog sich aus dem operativen Geschäft zurück, ganz loslassen kann und will er aber nicht: Zu den monatlichen Treffen der Außenstelle geht er weiterhin und gibt seine Erfahrung weiter. In mehr als 30 Jahren als Opferhelfer hat er schließlich viel erlebt. „Ohne Empathie geht es nicht, aber das ist ja die Kunst: sich nicht zu sehr in die Fälle hineinziehen zu lassen, Distanz bewahren“, sagt Müller. „Sonst ist man verloren.“

Ihm sei das all die Jahre eigentlich gut gelungen. Nur ein Fall, der lässt ihn bis heute nicht los.

In seinem Heimatort hatte ein Mann seine drei Kinder erst betäubt und dann umgebracht, der ganze Ort stand unter Schock. Auch Müller, der selbst zwei Töchter hat. Nach mehreren Monaten bat die Mutter ihn um seelischen Beistand. „Sie zeigte mir Bilder der Kinder, das war ganz schlimm.“ Aber nach einiger Zeit habe sie wieder zurück ins Leben gefunden, sagt Müller. Er klingt erleichtert.

Müller parkt sein Auto vor einem Café in Enkenbach. Er möchte sich kurz aufwärmen.

Ob er die Tausend noch schafft bei den Bäumen im „Weg und Wald der Hoffnung“? „Naja“, sagt Müller, „es ist noch ein weiter Weg. Aber sagen wir mal so: Ich werde nicht aufhören.“

Er steigt ins Auto und fährt zurück in den Wald. In silva salus.

Abschied von „Papa Müller“

Erstellt am: Montag, 19. August 2024 von Sabine

Abschied von „Papa Müller“

15 Jahre stand Gosbert Müller an der Spitze des Landesverbandes Baden-Württemberg, auch lange danach hielt der frühere Landeskriminaldirektor den Kontakt zum WEISSEN RING. Im Alter von 90 Jahren starb Anfang August der Mann, der im Verein den wertschätzenden Spitznamen „Papa Müller“ bekommen hatte.

Gosbert Müller wurde 90 Jahre alt und starb am 2. August 2024. Foto: WEISSER RING

Ein Schönschreiber war Gosbert Müller, jemand, der auch im digitalen Zeitalter noch handgeschriebene Postkarten verschickte, dem Geschriebenen Wert und dem Adressaten oder der Adressatin Wertschätzung beimaß. Mit dem Stift in der Hand hielt er den persönlichen Kontakt zum WEISSEN RING aufrecht, auch lange nach seiner Amtszeit als Vorsitzender des baden-württembergischen Landesverbandes.

Es ist leicht vorstellbar, wie Müller, Jahrgang 1934, schreibend am Tisch sitzt, jemand, der als unaufgeregt, besonnen und herzlich beschrieben wird. Es fügt sich ein Bild zusammen, in das seine altertümlich anmutende, aber „unnachahmlich schöne Schrift“ passt, wie es Hartmut Grasmück formuliert, der aktuelle Landesvorsitzende.

Der gebürtige Würzburger Müller – den unterfränkischen Spracheinschlag legte er nie ganz ab –  machte zunächst einen Abschluss als Diplom-Verwaltungswirt, 1952 ging er zur Polizei. Dort arbeitete er sich bis zum Landeskriminaldirektor hoch, brachte sich ein unter anderem in die Entwicklung der Landes-Nachhaltigkeitsstrategie und in der Fachkommission Zwangsheirat. Auf einem Trauerportal gibt es einen Kommentar, in dem Müller charakterisiert wird als jemand, „der immer ein offenes Ohr für seine Mitarbeiter hatte und auch half, wo immer es ihm möglich war.“ Diese familiäre Nahbarkeit und Hilfsbereitschaft im Beruf zeigte er ebenso im WEISSEN RING, wo sie ihm den wertschätzenden Spitznamen „Papa Müller“ einbrachten.

Nach seiner Pensionierung baute Müller die Kooperation zwischen Verein und Polizei aus. 15 Jahre lang, von 1994 bis 2009, stand er an der Spitze des Verbands in seinem Bundesland. Müller brachte aus dem Arbeitsleben Sachkompetenz und Opferempathie mit, investierte wohl etwa die Hälfte seiner Zeit in das Ehrenamt auf Landes- und Bundesebene, wo er sich an wichtigen Weichenstellungen beteiligte. Parallel war er 2001 Gründungsmitglied und bis 2010 stellvertretender Vorsitzender der Landesstiftung Opferschutz.

Neben der Professionalität spielten stets Humor und Geselligkeit eine Rolle bei „Papa Müller“. Er war jemand, mit dem man, traf man ihn zufällig in Stuttgart, spontan in die Kneipe gehen wollte und konnte. Jemand, der nach Seminaren im Papiermacherzentrum in Gernsbach mit allen Ehrenamtlichen beim badischen Vesper im Billardzimmer saß, Witze machte und regelmäßig zu den Letzten am Tisch gehörte. Auch Fotos von netten langen gemeinsamen Abenden gibt es, so ist zu hören.

Gosbert Müller verstand es auch, die Zeichen der Zeit zu lesen. Ein Schönredner war er jedoch nicht. „Ab einem gewissen Alter muss man auch loslassen und das Erreichte in jüngere Hände geben können“, sagte er 75-jährig, als er sich vor 15 Jahren von der Landesspitze und den Abenden im Billardzimmer zurückzog.

Der Einsatz für Kriminalitätsopfer blieb indes nicht ungesehen: Bereits 1994 erhielt Müller das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2010 dann die höchste Auszeichnung für Bürger in Baden-Württemberg, den Verdienstorden. Der damalige Ministerpräsident Stefan Mappus würdigte Müllers Engagement mit den Worten, er sei vielen Menschen zum Vorbild geworden.

Ein Vorbild vielleicht auch für diejenigen, die heute geschwind mit ihren Fingerspitzen über Tastaturen fliegen und über Smartphones wischen. Man mag innehalten und sich fragen: Für wen möchte man den Stift in die Hand nehmen und sorgfältig überlegte Worte notieren? Wer benötigt gerade Aufmerksamkeit und Zuwendung? So, wie es der Schönschreiber Gosbert Müller getan hat.

Er wurde 90 Jahre alt und starb am 2. August 2024.

Der Akribische

Erstellt am: Dienstag, 6. August 2024 von Sabine

Der Akribische

Lorenz Haser ist seit 30 Jahren für den WEISSEN RING tätig. Seit seiner Pensionierung hat er sein zeitliches Engagement weiter gesteigert.

277 Tage Arbeit für den Verein, 89-mal Referent für die Grundseminare im Landesverband: Lorenz Haser

Genau 6.654 Stunden. Zusammen sind das 277 Tage, fast 40 Wochen, die Lorenz Haser seit 2006 für den WEISSEN RING gearbeitet hat. „Das ist jetzt aber nur die Verwaltung“, sagt er. Haser scrollt durch die Tabelle auf seinem Computer. Im weißen Hemd und mit Fliege – „Schließlich wird ein Foto gemacht“ – sitzt er im Arbeitszimmer in seinem Haus in Peißenberg im oberbayerischen Landkreis Weilheim-Schongau. Neben seiner Urkunde zum 25. Jubiläum beim WEISSEN RING hängen Familienfotos an der Wand. Auf dem Mauspad ist er mit seinem Enkel abgebildet.

Seit 30 Jahren arbeitet Lorenz Haser, 69, für den WEISSEN RING. Rund 30 Stunden im Monat, rechnet er aus, braucht er als Außenstellenleiter für die Verwaltung. Wie viele Fälle er in den Jahren betreut hat, kann er hingegen nicht sagen. „Manche Sachen sind mit einem Telefongespräch erledigt, weil ein Opfer nur eine Auskunft oder einen Kontakt braucht.“ Andere ziehen sich über Jahre. Seit der Gründung der Außenstelle 1987, das kann er wieder aus seiner Tabelle lesen, haben er und seine ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen 1.400 Opfer betreut.

Haser leitete die Außenstelle Weilheim-Schongau von 1994 bis 1999, nach einer beruflich bedingten Pause übernahm er von 2000 bis 2006 die Stellvertretung der Außenstellenleitung, bevor er wieder die Leitung übernahm. Seine akribische Art hat mit Hasers Beruf zu tun. 42 Jahre war er Polizist, davon 37 bei der Kriminalpolizei. Über seine Arbeit will er allerdings nicht mehr sprechen. „Jetzt bin ich schon seit 2015 im Ruhestand“, sagt er. Seit der Pension widmet er sich geschätzt rund 80 Stunden pro Monat der ehrenamtlichen Arbeit für den WEISSEN RING.

„Ich erfasse wirklich alles“, sagt Haser. Der Beamte in ihm scheint immer wieder durch, und Haser kommt doch noch einmal auf seinen Beruf zu sprechen. Über den fand er nämlich einst zum WEISSEN RING. „Als Polizist muss man neutral sein, aber die Opfer taten mir immer leid“, sagt er. „Die stehen oft alleine da.“ Bei Vernehmungen, erzählt er, kam er mit den Opfern von Raubdelikten und bei Tötungsdelikten mit Hinterbliebenen ins Gespräch. „Die sind fix und fertig und wissen oft nicht, wie es weitergehen soll, im Leben, aber auch finanziell.“ Als 1994 sein Chef bei der Morgenbesprechung verkündete, dass die Außenstelle wegen Personalmangels vor dem Aus stehe, antwortete Haser geradeheraus: „Schade.“ Sein Chef reagierte ebenso spontan: „Dann mach es halt du“, sagte er. Na gut, Haser zuckt beim Erzählen mit den Schultern, „dann habe ich es halt gemacht.“ So konnte er ehrenamtlich den Opfern helfen, deren Schicksale ihn im Job berührten.

„Da ist man schon stolz.“

Lorenz Haser

Haser und sieben Ehrenamtliche in der Außenstelle begleiten vor allem Opfer von Sexualdelikten, Körperverletzung, sogenannter „häuslicher Gewalt“ und Stalking. „Man erinnert sich ja hauptsächlich an die ‚spektakuläreren‘ Fälle“, sagt er und setzt Anführungszeichen in die Luft. Ihm fällt eine Frau ein, die er betreute und die später ein Buch über ihr Leben schrieb. Haser erinnert sich an die Vorstellung und Lesung. „Sie schrieb, dass sie sich das Leben genommen hätte, wenn der WEISSE RING nicht gewesen wäre“, sagt Haser. „Da ist man schon stolz.“

Mit den Opfern trifft sich Haser meistens an öffentlichen Orten, zum Beispiel im Café. „Das Problem auf dem Land ist, dass jeder jeden kennt. Wenn ich öfter mit jemandem gesehen werde, fragen die Leute gleich: Was will die oder der vom WEISSEN RING? Was ist denn da passiert?“ Seit dem Jahr 2000 war Haser – er zeigt wieder in seine Tabelle – insgesamt 89-mal als Referent oder Leiter für die verschiedene Seminarformate für die Ehrenamtlichen tätig.

2019 hat er in seiner Außenstelle zudem ein Team aufgestellt, dass sich nach Großereignissen, wie etwa Amokläufen oder Anschlägen, um die Betreuung von Opfern und Hinterbliebenen kümmert. „Bisher sind wir verschont geblieben“, sagt er. „Gott sei Dank.“

Seit 30 Jahren arbeitet Lorenz Haser, 69, für den WEISSEN RING.

Haser glaubt, dass es für Opfer das Entscheidende ist, „dass wir Zeit haben, mit ihnen reden, auf sie eingehen. Oft sagen die Opfer, ich sei der Erste, der ihnen richtig zuhört.“ Im Gespräch versucht er herauszufinden, was sein Gegenüber braucht. „Jedes Opfer ist anders – aber alle werden gleich behandelt“, sagt Haser. „Wir sind für die Opfer da, und wir glauben dem Opfer.“ Das ist auch seine Erfahrung vor Gericht. „Auch wenn die Strafe gering ausfällt – Hauptsache, das Opfer weiß: Die haben mir geglaubt.“

In diesem Jahr wird Haser 70. Vor vier Jahren wollte er eigentlich schon aufhören, dann verlieh ihm 2020 die Landrätin im Namen des Bundespräsidenten die Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland, die höchste Auszeichnung, die die Bundesrepublik als Anerkennung für Verdienste um die Allgemeinheit vergibt. Haser führt ins Wohnzimmer und holt die Schatulle mit der Medaille aus dem Wohnzimmerschrank. „Natürlich freue ich mich“, sagt Haser und fügt bescheiden an: „Aber hätten sie nicht auch andere verdient?“

Während der Pandemie wollte er die Außenstelle nicht im Stich lassen. Sein neuer Plan: Zwei Jahre will er sie mindestens noch leiten, vielleicht drei. Fünf sollen es aber nicht mehr werden. „Die Mitarbeiter sagen immer, ich darf nicht aufhören, aber ich will auch nicht am Sessel kleben“, sagt er. „Und wer weiß, wie lange ich noch fit bin?“ Er will sich rechtzeitig um eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger in der Außenstelle kümmern.

Hasers Freizeit besteht überwiegend aus seinem Ehrenamt. Ansonsten spielt er Schafkopf und Akkordeon – „beides gern, aber nicht besonders gut“, sagt er und lacht. Und da sind der Garten, ein Sportraum im Keller, vier Enkel. Seine Tochter ist seit 20 Jahren Mitarbeiterin beim WEISSEN RING, die Enkel meldete Haser direkt nach ihrer Geburt als Mitglieder an.

Auch am Wochenende ist Haser im Einsatz; früher, als er noch kein Handy hatte, war er über das Festnetz auch nachts erreichbar. Einmal rief ihn eine ältere Dame mitten in der Nacht an und wollte wissen, wie spät es sei. „Ich antwortete: Zwei Uhr, aber warum rufen Sie mitten in der Nacht bei mir an? Es stellte sich heraus, dass sie am nächsten Tag in der Früh für eine Kaffeefahrt abgeholt werden sollte und die Batterie vom Wecker leer war. Meine Nummer stand im Kreisboten – mit dem Zusatz ‚rund um die Uhr‘.“ Er erklärte ihr noch, wie sie die Batterie wechselt, dann war die Sache erledigt. Haser nimmt es mit Humor.

Sonst ist er regelmäßig mit schweren Schicksalen konfrontiert. Wie gewinnt er Abstand? „Das musste ich im Beruf schon“, sagt er. „Da gilt auch, dass man mit dem Opfer mitfühlt, aber nicht mitweint – denn wenn ich mich gehen lasse, kann ich nicht mehr logisch denken und für das Opfer da sein.“ Am erfüllendsten bei seinem Engagement für den WEISSEN RING sei, sagt Haser, „wenn ich glaube, dass es dem Opfer jetzt besser geht, und ich das Gefühl habe, dass ich da auch ein bissl mitverantwortlich bin.“

Motivation findet er aber auch, wenn er selbst gar nicht beteiligt ist. Haser erinnert sich an die Begegnung mit einem Ehepaar, das sich im Café an seinen Tisch setzte, als er auf ein Opfer wartete. Als er sein Ehrenamt erwähnte, erzählten sie, dass ihre Tochter ermordet worden sei, und dass ihnen der WEISSE RING in Nordrhein-Westfalen einen Erholungsurlaub ermöglicht habe. „Das tat ihnen offensichtlich gut“, sagt Haser. „Die Welt ist oft klein – solche Begegnungen nehme ich als Zeichen: weitermachen!“

Was wäre für Sie der GAU bei der BDV, Frau Richstein?

Erstellt am: Dienstag, 6. August 2024 von Sabine

Was wäre für Sie der GAU bei der BDV, Frau Richstein?

Einstimmig hat der Bundesvorstand des WEISSEN RINGS Barbara Richstein als Leiterin der Bundesdelegiertenversammlung (BDV) in Frankfurt am Main nominiert – wie auch schon vor zwei Jahren für die BDV im sächsischen Radebeul.

Alles im Blick: Versammlungsleiterin Barbara Richstein (Mitte) in Radebeul

Wir haben der Vorsitzenden des Landesverbands Brandenburg aus diesem Anlass einen (nicht immer ganz ernst gemeinten) Fragebogen geschickt.

Welche drei Eigenschaften sollte eine Versammlungsleiterin unbedingt haben?

Einen Sensor für die Stimmung im Saal, Durchsetzungsvermögen, Sitzfleisch.

Welche drei Eigenschaften sollte eine Versammlungsleiterin besser nicht haben?

Schwache Nerven, eine schwache Blase, Hunger.

Ist eine Politikerin eine bessere Versammlungsleiterin als eine Nichtpolitikerin?

Nein. Hier entscheidet nicht die Profession, sondern die Erfahrung.

Barbara Richstein ist seit 2022 Landesvorsitzende des WEISSEN RING in Brandenburg.

Was unterscheidet eine Bundesdelegiertenversammlung des WEISSEN RINGS von einer Sitzung des Brandenburgischen Landtags – und was leiten Sie lieber?

Sitzungen des Landtags sind viel formalisierter als die Sitzung der BDV. Es gibt eine abgestimmte Rednerreihenfolge und festgelegte Redezeiten. Wir tagen manchmal bis zu zwölf Stunden, mit nur einer kurzen Mittagspause. Da sind die Sitzungen der BDV kurzweiliger. Entscheiden, welche Sitzung ich lieber leite, kann ich gar nicht. Da ich jedoch nicht mehr als Abgeordnete für den Landtag Brandenburg antrete und gerade die letzten Plenarsitzungen für diese Legislaturperiode absolviert wurden, bleiben mir in Zukunft nur die Sitzungen des BDV, sofern der Bundesvorstand dies möchte.

Was wäre für Sie der GAU bei der BDV?

Der Gau wäre, wenn die Technik ausfiele und ich heiser bin.

Worauf freuen Sie sich bei der BDV am meisten?

Auf das Wiedersehen mit meinen lieben Kolleginnen und Kollegen, Landesvorsitzenden und vielen weiteren zugewandten Menschen. Es ist immer eine besondere Stimmung auf der BDV, weil sich hier empathische Menschen treffen.

Ist Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Brandenburg das schönste Ehrenamt der Welt?

Bestimmt! Dicht gefolgt von dem zweitschönsten Ehrenamt als Präsidentin des Leichtathletikverbandes Brandenburg.

Was macht so eine Landesvorsitzende eigentlich den ganzen Tag?

Zusammen mit meinen Stellvertretern und dem Landesbüro koordinieren wir die Arbeit der Außenstellen und der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir Landesvorsitzende initiieren und leiten die Landestagungen, Außenstellenleitertreffen und landesweite Fortbildungsveranstaltungen. Wir vernetzen und repräsentieren den Verein gegenüber der Politik und Gesellschaft; machen Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit im positiven Sinne.

Was hat Sie überzeugt, Mitglied des WEISSEN RINGS zu werden?

Bereits bei meiner ersten konkreten Berührung mit dem WEISSEN RING auf einem Opferforum in Mainz Anfang der 2000er habe ich gemerkt: Das ist ein besonderer Verein. Den musst Du unterstützen. Der Ansatz, den Verletzten zu helfen, hat mich sehr angesprochen.

Was muss sich am dringlichsten verbessern für Kriminalitätsopfer?

Der WEISSE RING hat sich bei der Erarbeitung des neuen Opferentschädigungsrechts stark eingebracht. Jetzt müssen die Neuerungen bekannt gemacht und angewandt werden.

Was kann der WEISSE RING dafür tun?

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bereits von der WEISSER RING Akademie in dem neuen Recht geschult worden, so dass sie die Betroffenen darauf hinweisen können. Wir müssen jedoch die Versorgungsämter weiterhin für die besondere Situation von Verbrechensopfern sensibilisieren.

Was gibt es im WEISSEN RING selbst zu tun in den nächsten Jahren? Wie muss sich der Verein aufstellen für die Zukunft?

Wir müssen uns noch stärker auf neue Deliktsphänomene einstellen und insbesondere in den neuen Bundesländern noch bekannter werden. Davon abgesehen finde ich den WEISSEN RING in seiner jetzigen Form bereits gut aufgestellt. Mit der Zeit müssen wir uns natürlich verjüngen und breiter aufstellen.

Transparenzhinweis:
Barbara Richstein sitzt seit 1999 für die CDU als Abgeordnete im Landtag Brandenburg und ist seit 2019 dort Vizepräsidentin. Beim WEISSEN RING ist die Politikerin seit Mai 2022 Landesvorsitzende in Brandenburg.

Deutlicher Anstieg bei Opferfällen

Erstellt am: Dienstag, 23. April 2024 von Sabine

Datum: 23.04.2024

Deutlicher Anstieg bei Opferfällen

Immer mehr Menschen wenden sich an den WEISSEN RING. 2023 waren es fast elf Prozent mehr als im Vorjahr.

Mainz – Der WEISSE RING verzeichnet deutlich mehr Anfragen von Kriminalitätsopfern. Die rund 2700 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben im vergangenen Jahr fast elf Prozent (10,9) mehr neue Opferfälle bearbeitet als im Vorjahr, die Zahl stieg von 18.402 auf 20.415. Noch größer fällt der Anstieg im Fünf-Jahres-Vergleich aus, seit 2018 wuchs die Nachfrage sogar um 19 Prozent.

Erst vor wenigen Tagen hatten Bundesinnenministerium und Bundeskriminalamt die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2023 veröffentlicht und den höchsten Stand an Straftaten seit 2016 gemeldet. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der polizeilich erfassten Kriminalfälle demnach um 5,5 Prozent. Eine hohe Zunahme registrierte die Polizei bei den Gewalttaten (plus 8,6 Prozent) und bei den Diebstählen (plus 10,7 Prozent). Gewachsen ist laut PKS auch der Anteil ausländischer Tatverdächtiger.

Anders als in der PKS lässt sich beim WEISSEN RING kein signifikanter Anstieg bei einzelnen Deliktformen erkennen. Die häufigsten erfassten Straftaten sind Körperverletzung (36,9 Prozent) inklusive häuslicher Gewalt (19,4 Prozent), Sexualstraftaten (27,2 Prozent) und Stalking (8,1 Prozent). Gut drei Viertel der Hilfesuchenden sind Frauen. Zur Nationalität von Opfern und Tätern kann der WEISSE RING keine Angaben machen.

Insgesamt mehr als 43.000 Fälle

Nicht eingerechnet in die ausgewerteten Opferfälle sind sogenannte Wiederholerfälle, bei denen Mitarbeitende die Betroffenen manchmal über Jahre betreuen. In der Statistik fehlen zudem die Fälle, die über das bundesweite Opfer-Telefon oder die Onlineberatung beim WEISSEN RING ankommen. Rechnet man diese beiden Stellen mit ein, gab es 2023 beim WEISSEN RING insgesamt 43.279 neu angelegte Opferfälle (2022: 40.379).

„Der Bedarf an kompetenter Hilfe für Kriminalitätsopfer ist da, und er nimmt immer weiter zu“, sagt Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS. „Wir sind froh, dass wir ein großes Netzwerk von engagierten Opferhelferinnen und Opferhelfern in rund 400 Außenstellen des Vereins haben. Aber die Zahlen zeigen auch, dass wir stetig um weitere ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werben müssen, um allen Hilfesuchenden die Unterstützung geben zu können, die sie brauchen.“

Kornelia Fröde will „Menschen wie meiner Mutti helfen“

Erstellt am: Freitag, 12. April 2024 von Sabine

Kornelia Fröde will „Menschen wie meiner Mutti helfen“

Beim Sport haben sich ­Kornelia Fröde und Thomas Karius ­kennengelernt, heute betreibt das Paar eine Kampfkunstschule und leitet seit Kurzem die Außenstelle im Burgenlandkreis.

Kornelia Fröde und Thomas Karius leiten die Außenstelle im Burgenlandkreis.

In ihrer Kindheit war Gewalt keine Seltenheit, erinnert sich Kornelia Fröde. Nicht gegen sie selbst, aber sie habe sie beobachtet. Und das über viele Jahre. Die Gewalt sei von ­ihrem Vater ausgegangen, erzählt Fröde. Er habe ihre Mutter regelmäßig geschlagen. „Als Kind will man das nicht wahrhaben und versucht es wegzuschieben“, ­erinnert sie sich, „wir haben immer heile Familie ­gespielt.“

Die Familie lebte inmitten einer Wohngegend. Häuser links und rechts und gegenüber. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass niemand jemals etwas mitbekommen hat“, sagt Fröde heute. Schon damals merkte sie, dass Menschen oft keine Hilfe bekommen und viele lieber wegschauen. Und schon als Kind sagte sie zu sich selbst: „Dir passiert so etwas nie!“

Als Kornelia Fröde 15 Jahre alt war, schaffte ihre Mutter den Absprung: Sie verließ ihren Mann und flüchtete in ein Frauenhaus. Mehrere Monate lebten sie dort, bis sie eine eigene Wohnung bekamen.

Diese frühe Erfahrung ist ein Grund, weshalb Kornelia Fröde mit der Kampfkunst begonnen hat. Und auch die Arbeit als neue Außenstellenleiterin des WEISSEN RINGS im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt hat damit zu tun. „Das Frauenhaus unterstütze ich auch heute noch ­finanziell, aber ich wollte immer auch aktiv etwas für die Opfer von Gewalt tun“, sagt die 42-Jährige.

Kurz vor dem Gespräch sitzt sie gemeinsam mit ihrem Verlobten Thomas Karius auf den weichen Matten ­ihrer Kampfkunstschule in Lützen, beide trainieren hier den chinesischen Kung-Fu-Stil Wing Tsun. Am ­Tablet ­planen sie die Kurse für das neue Jahr. An der Wand ­hängen Schwarz-Weiß-Fotos von Kampfkunst­meistern. Auf Aushängen sind einige der Grund­bewegungen des Wing Tsun abgebildet. Eine Holzpuppe, Stöcke und Trittpolster zum Trainieren stehen und liegen bereit. Ein großflächiger Spiegel nimmt fast die ganze Wand ein. Vor ihm lernen vor allem Frauen das Schreien und sich dabei Anschauen. „Es ist eine Kampfkunst von Frauen für Frauen“, sagt Kornelia Fröde. Angeblich hat sie sich eine Chinesin angeeignet, um sich gegen einfallende Soldaten zur Wehr setzen zu können. Es geht vor allem um Selbstverteidigung und darum, einen potenziellen Angreifer auch mit wenig Kraft abwehren zu können. Schwer vorstellbar, aber je stärker der Gegner, desto besser für die angegriffene Person, sagt Fröde. Denn beim Wing Tsun arbeitet man mit der Kraft des anderen und setzt sie gegen ihn ein.

Vor acht Jahren haben sie sich beim Sport kenngelernt. „Konni hat meine Turnschuhe für mich getragen, weil ich so schwer beladen war“, sagt Thomas Karius und ­lächelt. Der gebürtige Stuttgarter kam 1999 nach ­Leipzig und macht seit 15 Jahren Kampfsport. Als Kind war er klein und schmächtig und wurde in der Schule oft auf­gezogen. Bis er zum Wing Tsun kommt, lernt er fünf Jahre Judo und zwei Jahre Karate. Bei einem ­Probetraining gibt ihm der Trainer drei Kettenfauststöße auf seine Brust. „Da wusste ich, das will ich lernen“, sagt der 52-Jährige.

Heute leben sie in einer Wohnung unweit der Kampfkunstschule. Der Sport nimmt viel Zeit in ihrem Leben ein und verbindet: Laufen, Kraftsport, Windsurfen, lange Spaziergänge mit den zwei Hunden und ihr neues Hobby Motorradfahren.

Zu den Kursen in der Kampfkunstschule kommen auch Frauen und Mädchen, die Opfer von Gewalttaten sind. Zum Beispiel zwei junge Mädchen, die vergewaltigt wurden. Eine war unsicher und schüchtern und trug immer sehr weite Sachen. „Sie hat ihre Weiblichkeit komplett versteckt“, sagt Kornelia Fröde. Zum Ende des Kurses traute sie sich, beim Sport wieder bauchfreie Tops zu tragen. Das andere Mädchen hatte Angst, allein Bus zu fahren. In Rollenspielen, in denen Thomas Karius den Angreifer spielte, lernte sie sich zur Wehr zu ­setzen. Am Ende des Kurses sogar im Bus mit anderen Fahrgästen.

,,Ich habe sofort gedacht, dass ich beim WEISSEN RING Menschen wie meiner Mutti helfen kann."

Kornelia Fröde

Die Frauen und Jugendlichen trainieren in der Kampfkunstschule nicht nur die Selbstverteidigung. Es gehe vor allem darum, ein selbstbewusstes Auftreten zu ­lernen und mögliche Täter abzuschrecken, sagen die beiden. So könne es zum Beispiel helfen, statt mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf aufrecht zu ­gehen und den Blick schweifen zu lassen. Die beiden wollen ihre Schüler und Schülerinnen stark machen.

Ihre Erfahrungen aus dem Training und den Gesprächen in der Kampfkunstschule helfen den beiden auch bei ­ihrer neuen Arbeit für die Außenstelle des WEISSEN RINGS im Burgenlandkreis. Auch hier treffen sie auf Menschen, die häusliche Gewalt, Mobbing oder ­Stalking erleben. Sie hatten aber auch schon mit Fällen von ­sexuellen Übergriffen und Missbrauchsfällen zu tun. „Am schlimmsten ist es natürlich, wenn Kinder und Jugendliche betroffen sind“, sagt Kornelia Fröde. Die Leitung der Außenstelle hat sie erst im November des vergangenen Jahres übernommen. Ihr Partner Thomas ist ihr Stellvertreter. Beide teilen sich die Arbeit, ­erledigen den Papier- und Organisationskram, führen aber nach wie vor auch Erstgespräche und beraten.

Mitglieder beim WEISSEN RING sind sie seit 2022. Ein befreundeter Kampfkunstmeister erzählte von seiner Arbeit im Verein und wie dieser Opfern von Gewalt hilft. Für Kornelia Fröde steht nach diesem Gespräch schnell fest, dass sie auch im WEISSEN RING aktiv werden will. „Ich habe sofort gedacht, dass ich dort Menschen wie meiner Mutti helfen kann.“ Denn viele Opfer stehen meist allein da. Sie erinnert sich an die Zeit mit ihrer Mutter im Frauenhaus. Als Jugendliche wusste sie nicht, dass es diese Einrichtungen überhaupt gibt. Und auch die Zeit danach war nicht einfach. Sie hatten eine Wohnung, aber sonst nichts. Kein Konto, keine Möbel. Die erste Zeit schliefen sie auf einer Matratze.

Beim Sport hat sich das Paar kennengelernt, heute betreiben sie gemeinsam eine Kampfkunstschule.

Dass sie die Leitung der Außenstelle gemeinsam so schnell übernehmen, hätten die beiden nicht gedacht. Sie sind zu dem Zeitpunkt noch nicht lange dabei, ­haben aber schon einige Hospitationen mitgemacht und gemeinsam mit den „alten Hasen“ Menschen betreut, die sich an die Außenstelle gewandt hatten. Schnell ­haben sie ­gemerkt, dass es vor allem erst einmal darum geht, da zu sein, zuzuhören und nicht zu urteilen.

Dann musste ihr Vorgänger aus familiären Gründen aufhören und suchte dringend jemanden, der über­nehmen konnte. Natürlich müssen sie sich noch ein­arbeiten, aber man ist beim WEISSEN RING nicht allein. „Es gibt immer jemanden, den man fragen kann und der unkompliziert hilft“, sagt Kornelia Fröde. Ein ­eigenes Büro haben sie nicht. Aber das Landratsamt und die ­Kirche stellen Räume zur Verfügung, wenn sie ­gebraucht werden, manchmal führen sie Erst- und Beratungs­gespräche auch im Raum der Kampfkunstschule. „Die Leute bleiben so anonym und wir haben hier genug Platz und Ruhe für die Beratung“, sagt Fröde.

Kornelia Fröde arbeitet hauptberuflich als stellver­tretende Niederlassungsleiterin bei einer Spedition, die Kampfkunstschule betreibt das Paar nebenberuflich. Die Anrufe von Betroffenen gehen meist bei Thomas Karius ein. Er ist Frührentner und arbeitet aushilfsweise in einem Baumarkt. So hat er mehr Zeit, sich die Anliegen der Anrufer anzuhören, und ist einfacher erreichbar. Insgesamt koordinieren sie acht ehrenamtlich Mit­arbeitende im Burgenlandkreis. Nach einem Anruf ist es die Aufgabe von Thomas Karius, schnell jemanden zu vermitteln, der in der Nähe wohnt. Manchmal reicht aber auch eine Hilfestellung am Telefon, wer in einer bestimmten Situation der richtige Ansprechpartner ist. Oft geht es auch um eine seelische Unterstützung oder Beistand. Zum Beispiel die Begleitung auf das Polizeirevier, wenn sich jemand nicht traut, zur Anzeigen­erstattung allein dorthin zu gehen.

Auch außerhalb der Kampfkunstschule und des Vereins gehen die beiden immer mit wachen ­Augen durch die Straßen. „Wir haben ein sensibles Radar und nehmen Sachen wahr, die andere gar nicht ­sehen“, sagt Kornelia Fröde. So zum Beispiel am Bahnhof in Hannover, wo ein betrunkenes Paar in heftigen Streit geriet. Kurz bevor der Mann mit einer Flasche auf die Frau losging, stellten sich beide dazwischen. Oder die Frau am Leipziger Hauptbahnhof, die zusammengekauert auf der Straße saß. Niemand hatte mitbekommen, dass sie nach einer Messerstecherei schwer verletzt war. Sie gingen zu ihr und kümmerten sich. Das sind ­Situationen, in denen sich Kornelia Fröde und Thomas Karius dann für andere stark machen.