Drei Ersthelfende schenken Kind ein zweites Leben

Erstellt am: Donnerstag, 5. März 2026 von Al-Khanak

Großeinsatz von Rettungskräften und Polizei im Berliner Hauptbahnhof im Mai 2024: Ein Kind muss per Rettungshubschrauber in die Klinik gebracht werden. Foto: picture alliance/Geisler-Fotopress | Bernd Elmenthaler/Geisler-Fotopr

Datum: 05.03.2026

Drei Ersthelfende schenken Kind ein zweites Leben

Zwei Jahre nach einem schweren Unglück am Berliner Hauptbahnhof hat der WEISSE RING drei Ersthelfende für ihren Einsatz geehrt. Durch ihr schnelles und beherztes Handeln retteten sie einem heute sechsjährigen Kind das Leben – ein herausragendes Beispiel für Zivilcourage.

Es ist der 22. Mai 2024, ein Mittwoch. Am Berliner Hauptbahnhof herrscht der übliche Trubel. Doch dann wird gegen 18 Uhr von hier aus mehrfach der Notruf gewählt: Auf Gleis 13 sind eine Frau und ihr Kind von einem einfahrenden Zug erfasst worden. Wegen der Umstände des Unglücks gehen Ermittlungsbehörden von einem Suizid der Mutter aus. Doch weil drei Ersthelfende sofort reagieren, kann das Kind aus dem Gleisbett geborgen werden. Die Erstversorgung und die anschließende, sehr komplexe Operation retten dem Kind das Leben. Heute ist das Mädchen sechs Jahre alt.

Für ihren selbstlosen Einsatz hat das Landesbüro Berlin des WEISSEN RINGS die drei Rettenden, Lars Harms, Valerie Ostermann und Katharina Kentzler, Ende Februar mit dem Ersthelfer-Preis ausgezeichnet. Ihre Geschichte „ist ein inspirierendes Beispiel für den Wert von Zivilcourage und Solidarität. Wir sind stolz und dankbar, solche mutigen Menschen in unserer Gesellschaft zu haben, die bereit sind, ihr eigenes Wohlergehen für das Leben anderer einzusetzen. Ihnen gebührt unsere tiefste Anerkennung und Wertschätzung“, sagt Christine Burck, die stellvertretende Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Berlin.

Zivilcourage der Ersthelfenden hervorgehoben

Lars Harms sprang ins Gleisbett, um das schwerstverletzte Kind zu retten. Katharina Kentzler, die als Ärztin bei der Bundeswehr arbeitet, stieg ebenfalls ins Gleisbett und leistete die lebensrettende Erste Hilfe, bis der Notarzt vor Ort war. Unterstützt wurden sie von Valerie Ostermann, einer Soldatin im Sanitätsdienst. Sie beteiligte sich an der Ersten Hilfe und der Bergung des Kindes. Ihr „schnelles und professionelles“ Handeln, betont Burck, habe dazu beigetragen, das Kind zu retten.

Kentzler wollte gerade nach einem langen Arbeitstag mit der Bahn nach Hause fahren, als sie einen Mann im Gleisbett schreien hörte, erzählt sie dem WEISSER RING Magazin. Bei dem Helfer handelte es sich um Harms. In diesem Moment habe sie dort auch das Kind gesehen. „Ich habe gar nicht nachgedacht, bin ebenfalls auf die Gleise gesprungen und habe ebenfalls gerufen, dass wir Hilfe brauchen.“

Auch Ostermann war dienstlich in Berlin und gerade auf dem Heimweg, erzählt sie dem WEISSER RING Magazin. Als sie das Unglück wahrgenommen habe, sei ihr erster Gedanke gewesen, dass jede Hilfe zu spät komme. Die Erkenntnis, dass das Kind noch am Leben war, „hat bei mir sofort einen Schalter umgelegt“: Sie habe sich gemeinsam mit Kentzler um das Mädchen gekümmert, bis die Rettungskräfte eintrafen.

Große Hilfsbereitschaft am Bahngleis

Für Kentzler war es selbstverständlich, in der Situation zu helfen. „Das sollte jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten tun“, betont sie, „aber man darf dabei nicht den Eigenschutz vergessen.“ Positiv sei gewesen, dass alle Menschen auf dem Bahnsteig sich hätten einbringen und helfen wollen, niemand habe zum Beispiel voyeuristisch Videos gedreht oder gegafft.

Ostermann sieht das ähnlich. Natürlich bringe es ihr Beruf als Soldatin im Sanitätsdienst mit sich, in einer solchen Situation aus eigenem Antrieb heraus zu handeln. Sie habe Verständnis für Menschen, die in einer Lage wie dieser in eine Art Schockstarre verfallen. Ostermann betont aber auch, dass Unfälle oder medizinische Notfälle jeden Tag und an jedem Ort geschehen könnten. Deshalb sei es wichtig, in jedem Fall zumindest Hilfe zu holen.

Die stellvertretende Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS, Christine Burck, erzählt, das Kind lebe heute „ein beinahe sorgenfreies Leben“ in einer Pflegefamilie und blicke dank zahlreicher ärztlicher Behandlungen optimistisch in die Zukunft. „Dieses Happy End wäre ohne den beherzten Einsatz der drei Ersthelfer nicht möglich gewesen“, sagt sie. „Sie haben nicht nur Zivilcourage gezeigt, sondern ihr unermüdlicher Einsatz und ihre schnelle Reaktion haben buchstäblich Leben gerettet.“ Harms, Ostermann und Kentzler hätten dem Kind ein zweites Leben geschenkt.

Ehrung Ersthelfer Erste Hilfe Berlin Hauptbahnhof WEISSER RING

Geehrt wurden Harms, Ostermann und Kentzler von Burck, dem ehrenamtlichen Mitarbeiter des WEISSEN RINGS und ehemaligen Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, Rolf Schmachtenberg, sowie von Georg Heidelbacher, Koordinator für Großschadensereignisse im Landesbüro Berlin. Sie erhielten jeweils eine Urkunde und einen Präsentkorb. An der Veranstaltung nahmen zudem die beiden ermittelnden Kriminalbeamten der 8. Mordkommission, Uwe Isenberg und Holger Pienitz, teil.

Emotionales Wiedersehen beim WEISSEN RING

Ostermann erzählt, es sei ein besonderes, emotionales Treffen in den Räumen des WEISSEN RINGS in Berlin gewesen. Zwischen ihrer Familie und der des Mädchens ist inzwischen ein enger Kontakt entstanden; so ist sie zum Beispiel zur Einschulung des Kindes eingeladen. Für Kentzler war es wichtig, das Mädchen und die anderen Helfenden zwei Jahre nach dem Unglück wiederzusehen. „Das war überwältigend“, betont sie. Sie sei dankbar, dass der WEISSE RING und die Polizei die Helfenden, das Mädchen sowie seine Pflegefamilie erneut zusammengeführt haben. „So kann ich mit der Sache abschließen und sehen: Am Ende ist alles gut gegangen.“

 

Wenn Sie unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leiden, sollten Sie sich unverzüglich ärztliche und psychotherapeutische Hilfe holen. Bitte wenden Sie sich an die nächste psychiatrische Klinik oder rufen Sie in akuten Fällen den Notruf an unter 112. Eine weitere Kontaktmöglichkeit ist die Telefonseelsorge unter der Nummer 0800-1110111. Hilfsmöglichkeiten finden Sie außerdem unter www.deutsche-depressionshilfe.de.

Bundesgeschäftsführerin Bianca Biwer wechselt zum Festspielhaus Baden-Baden

Erstellt am: Dienstag, 20. Januar 2026 von Sabine

„Ich gehe mit vielen guten Erinnerungen und großer Dankbarkeit für über zwölf wundervolle Jahre mit vielen großartigen hauptamtlichen wie ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen“, sagt Bianca Biwer.

Datum: 20.01.2026

Bundesgeschäftsführerin Bianca Biwer wechselt zum Festspielhaus Baden-Baden

In der Bundesgeschäftsführung des WEISSEN RINGS, Deutschlands größter Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, kommt es zu Veränderungen.

Nach mehr als zwölf Jahren verlässt Bianca Biwer Ende Mai den Verein, um sich einer neuen Herausforderung als Geschäftsführerin des Festspielhauses Baden-Baden zu stellen.

“Die Arbeit für den WEISSEN RING war immer ausgesprochen erfüllend. Betroffenen von Straftaten zu helfen, ihnen eine Stimme zu geben und Druck auf die Politik zu machen, um Opferschutz zu verbessern – das ist heute ebenso wichtig wie vor 50 Jahren, als der Verein gegründet wurde“, sagt Bianca Biwer. „Die Entscheidung, den WEISSEN RING zu verlassen, ist mir daher nicht leichtgefallen. Ich gehe mit vielen guten Erinnerungen und großer Dankbarkeit für über zwölf wundervolle Jahre mit vielen großartigen hauptamtlichen wie ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen.“

"Bianca Biwer ist eine der treibenden Kräfte des WEISSEN RINGS."

Barbara Richstein

“Ich bedauere den Weggang von Bianca Biwer sehr“, sagt Barbara Richstein, Bundesvorsitzende des WEISSEN RINGS. „Bianca Biwer ist eine der treibenden Kräfte des WEISSEN RINGS. Ihr unermüdliches Engagement, gepaart mit enormem Sachverstand und menschlichem Einfühlungsvermögen, haben den Verein nachhaltig geprägt. Für ihren jahrelangen Einsatz danke ich ihr sehr und wünsche ihr für die Zukunft beruflich wie privat alles erdenklich Gute.“

In Biwers Zeit als Bundesgeschäftsführerin fallen viele Erfolge des WEISSEN RINGS, an denen sie maßgeblich mitgewirkt hatte:

Beispielsweise ist es auch dem ständigen Druck des Vereins zu verdanken, dass die Bundesregierung die elektronische Fußfessel gegen häusliche Gewalt auf den Weg gebracht hat. Für diesen wichtigen Schritt zum Schutz von Opfern haben sich der WEISSE RING und Biwer jahrelang eingesetzt.

Auch die Opferentschädigung wurde in dieser Zeit grundlegend reformiert, seit Januar 2024 ist sie im Sozialgesetzbuch XIV geregelt. Die Reform sieht unter anderem höhere Entschädigungssummen und ein „Fallmanagement“ vor, das Betroffene besser begleiten soll. Der WEISSE RING hatte sich für eine Gesetzesnovelle eingesetzt und daran maßgeblich mitgearbeitet. „Worauf der Verein auch weiterhin achten wird, ist allerdings die Umsetzung dieses eigentlich sehr guten Gesetzes. Bisher läuft diese nämlich mangelhaft“, sagt Biwer.

Die Ausarbeitung eines Leitfadens für Opferschützer nach Großereignissen fand ebenfalls unter Biwers Führung statt. Unter dem Eindruck des Terroranschlags am Berliner Breitscheidplatz 2016 entstand dieser Leitfaden, damit die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach solchen Gewalttaten schnell und unbürokratisch helfen können.

Auch hat der Verein in dieser Zeit seine Position gegenüber Extremisten gestärkt: Dass die Unvereinbarkeit von extremistischen Ansichten und der Arbeit für den WEISSEN RING in der Satzung der Organisation verankert wurde, ist ein starkes Signal für demokratische Werte. Auch im Kampf gegen Hass und Hetze wurde Biwer nicht müde, hielt unter anderem zahlreiche Vorträge dazu. „In einer freiheitlichen Gesellschaft können und dürfen wir nicht akzeptieren, dass Gewalt zum Alltag gehört“, sagt Biwer.

Die Nachfolge an der Spitze des WEISSEN RINGS steht noch nicht fest. „Wir befinden uns aber in einer guten Position, um bei der weiteren Planung mit der notwendigen Ruhe und Sorgfalt vorgehen zu können“, sagt Barbara Richstein. Für die Übergangsphase ist der Verein mit den Geschäftsleitern und langjährigen Führungskräften sehr gut aufgestellt.

Richard Oetker wird 75 Jahre alt – der WEISSE RING sagt Danke

Erstellt am: Montag, 29. Dezember 2025 von Selina
Richard Oetker wird 75 Jahre

75. Geburtstag von Richard Oetker am 4. Januar 2026. Foto: Dr. August Oetker KG

Datum: 29.12.2025

Richard Oetker wird 75 Jahre alt – der WEISSE RING sagt Danke

Richard Oetker, Urenkel des Firmengründers Dr. August Oetker, wird am 4. Januar 2026 75 Jahre alt. Der WEISSE RING wünscht Richard Oetker alles Gute und dankt ihm für sein großes Engagement.

Als Familienunternehmer ist Richard Oetker nicht nur für den Erfolg der Oetker-Gruppe mitverantwortlich, sondern unterstützt seit 2002 auch die Arbeit des WEISSEN RINGS. Seit Frühjahr 2025 befindet er sich im Ruhestand, ist für den WEISSEN RING aber dennoch als Mitglied des Bundesvorstands sowie als Vorstandsvorsitzender der WEISSER RING Stiftung da. „Der WEISSE RING versucht, den Blick der Politik und der Öffentlichkeit darauf zu lenken, dass dem Opferschutz mehr Aufmerksamkeit geschenkt und mehr Geld dafür bereitgestellt wird“, sagte Richard Oetker über den Verein.

Vor allem an der Gründung der Stiftung im Jahr 2012 war er maßgeblich beteiligt. Diese dient dazu, die Arbeit des WEISSEN RINGS nachhaltig zu fördern und zusätzliche Projekte, etwa in der Forschung, zu ermöglichen. Die Stiftung unterstützt beispielsweise finanziell und sensibilisiert die Gesellschaft für Opferhilfe sowie Kriminalprävention. „In der Geschichte des WEISSEN RINGS bedeutet die Gründung der Stiftung einen besonderen Meilenstein“, erklärte Oetker.

Mit eigener Geschichte anderen Mut machen

Richard Oetkers großer Einsatz für den Opferschutz in Deutschland hängt mit seiner eigenen Geschichte zusammen. Im Jahr 1976 wurde der damalige Student entführt. Der fast zwei Meter große Mann wurde in eine nur circa 1,50 Meter große Kiste gesperrt. Hände und Füße waren gefesselt und die Handschellen an Strom angeschlossen. „Es ist ganz interessant zu sehen, dass ein Körper Kräfte in sich trägt, von denen man vorher nichts weiß“, sagte Richard Oetker über die Tat und sein Überleben. Er sprach von schlummernden Kräften, die in einer Notsituation freikommen.

Nach 48 Stunden wurde er freigelassen, doch die Enge der Kiste und die Stromschläge verursachten schwere körperliche Schäden. Die Schmerzen konnten ihm seine Stärke und seinen Lebensmut aber nie nehmen.

Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS, sagt über Oetker:

„Er ist eine beeindruckende Persönlichkeit, die sich nicht hat brechen lassen. Er hat sich trotz allem ein selbstbestimmtes Leben zurückgeholt und macht mit dem öffentlichen Erzählen seiner Geschichte anderen Opfern Mut.“

Neben seiner Arbeit für die WEISSER RING Stiftung trat Oetker regelmäßig öffentlich auf, um in Vorträgen und Interviews über seine Erfahrungen zu sprechen. Ihm ist es wichtig, die Situation von Betroffenen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken und für mehr Unterstützung zu werben. „Wir danken ihm herzlich für seine wertvolle Arbeit und seinen öffentlichen Einsatz, der uns in großem Maße unterstützt“, sagt Bianca Biwer und wünscht Oetker alles Gute zum 75. Geburtstag.

Auszeichnungen für sein Engagement

Richard Oetker erhielt für sein besonderes Engagement mehrere Preise: Im Jahr 2008 wurde er mit dem Courage-Preis des Vereins Komitee Courage Bad Iburg e. V. ausgezeichnet, 2011 mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen und 2013 mit dem Ehrenpreis des Deutschen Nachhaltigkeitspreises. 2022 verlieh der Bundespräsident Oetker das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

“Wir sind wieder da!“

Erstellt am: Dienstag, 23. Dezember 2025 von Sabine

“Wir sind wieder da!“

Jahrelang gab es keine Außenstelle des WEISSEN RINGS im Kreis Ludwigsburg. Bis Sonja Beurer und Tanja Leonhard kamen. Sie bauten hier wieder ein starkes Team an Helfenden auf.

Sonja Breuer (links) und Tanja Leonhard leiten die neue Außenstelle des WEISSEN RINGS in Ludwigsburg bei Stuttgart.

„Wir haben uns nicht gesucht, aber wirklich gefunden“, sagt Tanja Leonhard und schaut mit einem warmen Lächeln zu Sonja Beurer hinüber. Diese sitzt am Besprechungstisch neben ihr und stimmt gleich zu: „Ich sage immer, wir sind wie eine kleine Familie. Es passt einfach menschlich unheimlich gut.“ Das sei auch wichtig,  wenn man so etwas zusammen mache, fügt sie hinzu, „denn das kann schon sehr intensiv sein.“

Beurer leitet seit Mai 2025 die Außenstelle des WEISSEN RINGS in Ludwigsburg, Leonhard ist ihre Stellvertreterin. Die Stadt liegt rund 15 Kilometer nördlich
von Stuttgart. Der von der Stelle betreute dazugehörige Landkreis zählt mehr als eine halbe Million Einwohnerinnen und Einwohner. Wer den beiden zuhört, wie sie von ihrer Opferarbeit berichten, kann sich kaum vorstellen, dass es hier über zwei Jahre lang keine eigene Außenstelle gab. „Im Schnitt kommen pro Woche drei Fälle bei uns an“, erklärt Beurer, „zu Stoßzeiten wie nach Weihnachten deutlich mehr.”

Mehr als zwei Jahre ohne direkte Anlaufstelle

„Etwa 75 Prozent unserer Fälle sind häusliche oder partnerschaftliche Gewalt – körperlich, psychisch, sexuell oder auch finanziell“, fügt Leonhard hinzu. In letzter Zeit hätten sie es auch vermehrt mit Cyberkriminalität oder Anlagebetrug zu tun. „Da geht es teilweise um richtig hohe Summen. Ansonsten ist alles dabei – Körperverletzung, Stalking, Bedrohung … im Grunde das ganze Spektrum.“ Nachdem die Außenstelle einige Jahre nicht mehr besetzt war, hatte der Stuttgarter WEISSE RING die  Ludwigsburger Fälle mitbetreut. „Das haben die Stuttgarter Kollegen gut gemacht, allen voran Stefan Kulle als unser Mentor“, sagt Beurer. „Aber Stuttgart hat ja selbst
viele Fälle. So intensiv, wie wir das jetzt machen, konnten sie das nicht leisten.“

Leiterin Beurer ist 70 Jahre alt, wohnt selbst im Kreis Ludwigsburg und war fünfzig Jahre bei der Stadt Stuttgart in der Verwaltung beschäftigt. Sie stieß im Frühjahr 2024 zum WEISSEN RING. „Ich habe eigentlich mein ganzes Leben lang ehrenamtlich etwas gemacht“, erzählt sie. Sie engagierte sich in Vereinen, führte mit ihrem ersten Mann
eine Künstlerkneipe und half später im Hospiz. Mit ihrem zweiten Mann hatte sie vier Kinder – und nahm noch sieben Pflegekinder auf. „Als die Kinder aus dem Haus waren und die Rentenzeit kam, wollte ich wieder etwas tun.“

In der Zeitung las sie vom WEISSEN RING. „Ich habe mich beworben, und schon nach der ersten Hospitation dachte ich: Das ist meins“, erinnert sie sich. „Ich habe gemerkt, wie traumatisiert die Opfer sind, wie sehr sie Hilfe suchen, wie dankbar sie sind, dass man ihnen zuhört und glaubt.“

Sonja Breuer wohnt selbst im Kreis Ludwigsburg, arbeitete 50 Jahre bei der Stadtverwaltung und hat sich schon immer ehrenamtlich engagiert.

Zeitungsartikel weckt Interesse

Auch Tanja Leonhard ist seit dem Frühjahr 2024 beim WEISSEN RING aktiv. „Ich glaube, wir alle beim WEISSEN RING haben ein gepflegtes Helfersyndrom – im positiven Sinne“, sagt die 56-Jährige. Zuvor war sie 25 Jahre bei Mercedes-Benz im Marketing und auch ehrenamtlich aktiv – etwa, als 2015 in ihrem kleinen Wohnort über 200 Geflüchtete untergebracht wurden. Da habe sie dort den Sprachunterricht mit aufgebaut und selbst unterrichtet. Später half sie bei der Tafel – bis sie durch einen Zeitungsartikel zum WEISSEN RING fand.

Beide starteten zunächst in Stuttgart. Dort durchliefen sie Schulungen an der Akademie des WEISSEN RINGS und Hospitationen – also erste Einsätze an der Seite erfahrener Helfender, bei denen sie die Arbeit mit Betroffenen unmittelbar miterlebten. „Ich hatte gleich bei der ersten Hospitation so einen Hammerfall mit sieben Betroffenen nach einer Messerstecherei“, erinnert sich Beurer. „Aber das hat mich eher bestärkt, und ich wusste: Das ist mein Thema.“

Obwohl beide ungefähr zur selben Zeit beim WEISSEN RING anfingen, begegneten sie sich zunächst nicht. Erst im Herbst 2024 lernten sie sich kennen – nachdem sie ernannt worden waren, also nach abgeschlossenen Grundkursen und Hospitationen offiziell als ehrenamtliche Mitarbeiterinnen bestätigt wurden. Damals lud der Stuttgarter Mitarbeiter Stefan Kulle, der beide ausgebildet hatte, sie zu einem Treffen der Stuttgarter Außenstelle ein, bei dem man das dortige Polizeipräsidium und Polizeimuseum besuchte. „Da haben wir uns kennengelernt – dass es zwischen uns beiden so gut matcht, wurde aber erst später klar“, erinnert sich Leonhard. Schon kurz darauf stimmten sie sich immer häufiger ab, denn im Stuttgarter Team übernahmen beide nach und nach erste eigene Fälle im Kreis Ludwigsburg.

„Das ist genau das, was ich die nächsten zehn Jahre noch machen möchte.“

Sonja Beurer

Das Landesbüro hatte zuvor mehrfach erfolglos versucht, eine neue Leitung für die Außenstelle in Ludwigsburg zu finden. Ehrenamtliche vor Ort wollten zwar helfen, scheuten jedoch die administrative Verantwortung. So ging es auch Leonhard, als das Landesbüro sie nach ihrer Ernennung wegen ihres großen Engagements fragte, ob sie sich die Übernahme der brachliegenden Außenstelle vorstellen könne. „Ich habe das verneint, ich will Opferarbeit machen“, erzählt sie augenzwinkernd. Beurer  hingegen war für die Rolle offen. Als auch sie gefragt wurde, entschied sie sich, die Leitung zu übernehmen – hoffte jedoch auf Unterstützung. Schließlich fragte sie Leonhard, ob sie ihre Stellvertreterin werden wolle. Um die Büroarbeit müsse sie sich keine Sorgen machen: „Nach fünfzig Jahren beim Amt mache ich das mit links“, habe Beurer ihr gesagt. „Wenn das so ist, dachte ich, dann ja“, erzählt Leonhard. Damit war die Teamleitung komplett. Ab Mai 2025 ging es offiziell los.

Mitstreitende gewinnen, auf sich aufmerksam machen

„Ich habe es bis jetzt nicht bereut“, sagt Beurer über ihre Rolle als Leiterin. „Ich sage mal: Das ist genau das, was ich die nächsten zehn Jahre noch machen möchte.“ Leonhard ergänzt: „Ich fand’s beeindruckend, wie strukturiert Sonja das anging.“ Die beiden passten nicht nur menschlich hervorragend zusammen, sondern auch in ihrer Arbeitsteilung und Organisation. Unterstützung erhielten sie dabei fortlaufend von der Zentrale in Mainz und vom Landesbüro in Stuttgart, das sie eng dabei  begleitete, die Außenstelle neu aufzubauen. Von Beginn an ging es etwa darum, auf sich aufmerksam zu machen. „Wir haben uns gesagt: Wir müssen uns vernetzen – sonst wissen die relevanten Stellen gar nicht, dass es uns gibt“, erzählt Leonhard weiter. „Wir waren bei der Traumaambulanz, wohin wir oft Opfer schicken, beim Versorgungsamt, bei der Polizei, beim Jugendamt – und überall haben wir gesagt: ‚Wir sind wieder da!‘“ Sie hätten bei solchen Terminen schnell gemerkt, wie dankbar
man ist, dass es die Außenstelle wieder gibt. „Viele sagten: ‚Wir haben gar nicht gewusst, an wen wir uns wenden können‘“, berichtet Leonhard. Die Mühe zu Beginn hat sich gelohnt. „Inzwischen kommen auch Anfragen, ob wir Vorträge halten oder bei Präventionsveranstaltungen mitmachen – das zeigt, dass wir im Kreis angekommen sind“, sagt sie.

Auch Tanja Leonhard war ehrenamtliches Arbeiten immer wichtig. Bevor sie zum WEISSEN RING kam, war sie in der Flüchtlingshilfe und bei der Tafel aktiv.

So seien sie Schritt für Schritt in die Rolle der Außenstellenleiterinnen hineingewachsen. „Am Anfang war’s ein Sprung ins kalte Wasser, aber das hat uns zusammengeschweißt“, sagt Leonhard. „Ich weiß noch genau, wie es war, als das Telefon klingelte und die ersten richtigen Fälle kamen – da war klar: Der Bedarf ist groß“, erinnert sie sich. Das war in den ersten Wochen, kurz nachdem die offizielle neue Hilfenummer für den Landkreis freigeschaltet worden war. Den Telefondienst teilen sich beide im 14-Tage-Rhythmus.

Wie viele Ehrenamtliche mussten sie, wie sie erzählen, sich manchmal selbst bremsen. Gerade in der Anfangszeit seien sie schnell an ihre Grenzen gekommen. „Wir waren voller Elan und haben gemerkt, dass wir uns zu sehr hineinziehen lassen“, erzählt Leonhard. „Da mussten wir irgendwann die Reißleine ziehen“, sagt sie.

Mit dem Fundament wächst auch das Team

Auch Beurer hat in den ersten Wochen und Monaten manchmal mit sich, der Opferarbeit und der Verantwortung einer Außenstelle gehadert: „Am Anfang habe ich mir oft gedacht: Habe ich das jetzt richtig gemacht?“, erinnert sie sich. „Irgendwann habe ich mir gesagt: Wir machen nichts falsch. Wir machen es so, wie wir können – und das ist gut so. Wir sind keine Therapeuten, keine Juristen. Wir hören zu, wir begleiten, wir helfen, soweit es in unserer Möglichkeit liegt.“ Diese Einstellung vermittelt Beurer auch dem Team, das es mittlerweile in der Außenstelle gibt. Sie verteilt die anstehenden Fälle behutsam. Helfen soll die Ehrenamtlichen auf keinen Fall überfordern.

Mit der Zeit wurden beide in ihrer Aufgabe sicherer und fanden ab einem bestimmten Punkt auch Zeit, sich um Öffentlichkeitsarbeit zu kümmern: „Wir gehen auf Gesundheitstage, Seniorennachmittage, Gemeindefeste und erzählen dort, was der WEISSE RING macht. Viele wissen das gar nicht“, sagt Beurer. Nach und nach seien so auch neue Interessierte dazugekommen, die bei der Außenstelle mitarbeiten wollten. Besonders nach einem Bericht über die beiden in der Lokalzeitung. Alle  Interessierten kommen erst mal zum Kennenlerngespräch, dann zu Hospitationen mit, um zu sehen, ob die Aufgabe auch passt, so Beurer. „Mittlerweile sind wir sechs
Aktive, zwei ,in Hospitation‘ und aktuell dazu noch drei weitere Interessierte. Das ist für eine neue Außenstelle richtig gut.“ Das Team sei vom Alter her bunt gemischt – von 19 bis 70. „Das ist total spannend“, schwärmt sie weiter, „wir haben alles dabei: Polizei, Therapeutin, Studentin, jemanden vom Jobcenter. Diese Mischung ist Gold wert.“

Das Team treffe sich regelmäßig – das ist den beiden wichtig. „Es geht nicht nur um Fallbesprechungen, sondern auch um Austausch, damit man nicht allein bleibt mit schwierigen Themen“, unterstreicht Leiterin Beurer. Sie organisiere die Treffen, die stets in einem Restaurant stattfinden, das einen Nebenraum hat, damit sie Vertrauliches besprechen können. „Da herrscht immer eine gute Stimmung, irgendwie passen wir alle wirklich gut zusammen“, betont auch Leonhard. Manchmal lade Beurer auch Gäste ein – vom Versorgungsamt oder von Frauenorganisationen etwa – „damit das Team auch fachlich etwas mitnimmt“.

„Wir haben alles dabei: Polizei, Therapeutin, Studentin, jemanden vom Jobcenter. Diese Mischung ist Gold wert.“

Tanja Leonhard

Auch wenn es an Fällen und engagierten Mitarbeitenden nicht mangelt, hat die Außenstelle noch mit ein paar Startschwierigkeiten zu kämpfen. Vor allem fehlt es an eigenen Räumen. Die früher genutzten Büros gibt es nicht mehr, derzeit dürfen sie für Gespräche und Treffen die Räume einer sozialen Einrichtung nutzen, die Menschen mit Behinderung beim Einstieg ins Arbeitsleben unterstützt. Wenn dort kein Platz frei ist, weichen sie aus. „Manchmal stellt uns die Stadt kurzfristig etwas zur Verfügung“, sagt Beurer. Flexibilität sei kein Problem, doch ein fester, neutraler Ort „wäre auf Dauer besser – vor allem für vertrauliche Gespräche“. Vielleicht klappe es mit einem Raum im Rathaus dauerhaft. Da seien sie gerade dran. Wer die beiden trifft, hat keinen Zweifel: Nach allem, was sie in nur wenigen Monaten in Ludwigsburg aufgebaut und wie viele Menschen sie schon zur Mitwirkung motiviert haben, werden sie auch das schaffen.

Die Kämpferin

Erstellt am: Dienstag, 23. Dezember 2025 von Sabine

Die Kämpferin

Lena Weilbacher ist seit 2024 stellvertretende Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Niedersachsen. Im Interview erzählt die 31-jährige Rechtsreferendarin, was für die Zukunft des Opferschutzes wichtig ist – und warum sie als Anwältin keine Strafverteidigung mehr machen könnte.

Die Nordhessin Lena Weilbacher hatte schon früh einen Gerechtigkeitssinn. Heute ist sie Rechtsreferendarin.

In Göttingen gibt der Herbst an diesem Oktobertag alles, gelbe Blätter rieseln im Wind von den Bäumen und rascheln bei jedem Schritt auf dem Weg ins Café Esprit. Lena Weilbacher reicht die Hand zur Begrüßung und bestellt sich einen starken Kaffee mit Milch. Göttingen ist ihre Wahlheimat. Hier hat sie Jura studiert, für ihre Doktorarbeit über den Einfluss des WEISSEN RINGS auf Opferrechte geforscht und im Dezember ihr Rechtsreferendariat begonnen.

Wollten Sie immer Anwältin werden?

Das hat sich schon früh in meiner Schulzeit abgezeichnet. Ich konnte Ungerechtigkeit noch nie ertragen. Als ein Mitschüler mit seiner Familie in den Kosovo abgeschoben werden sollte, bin ich zum Radio gerannt. Es gab Proteste gegen die Abschiebung. Es war sicher nicht allein mein Verdienst, aber am Ende durfte die Familie bleiben. In der Oberstufe wurde ich von einer Mädels-Clique gemobbt und kenne das Gefühl von absoluter Macht und Hilflosigkeit. Ich wollte mich immer wehren können und  anderen Menschen helfen. Es lohnt sich zu kämpfen. Als Anwältin tut man genau das, vor allem Strafverteidigung erschien mir früher sehr spannend und erstrebenswert  zu sein.

Sie sagen früher – jetzt nicht mehr?

Nein. Was ich gefühlt so spannend fand, hat sich mit den ersten Monaten beim WEISSEN RING erledigt. Ich könnte heute nicht mehr aus Überzeugung Strafverteidigerin sein. Ich finde es wichtig und richtig, dass es Kolleginnen und Kollegen gibt, die das aus Überzeugung machen. Aber ich selbst könnte es nicht mehr, weil ich so viele Einzelschicksale miterlebt habe. Weil ich weiß, wie es auf der anderen Seite aussieht und wie es den Betroffenen geht. Um ihnen eine starke Stimme vor Gericht zu geben, konzentriere ich mich vollständig auf die Nebenklage.

„Ich wollte mich immer wehren können und anderen Menschen helfen. Es lohnt sich zu kämpfen.“

Lena Weilbacher

Lena Weilbacher ist in Nordhessen aufgewachsen. Schon als Schülerin hat sie ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei gemacht. Beim Spaziergang durch die Stadt erzählt die 31-Jährige, dass sich ihr Blick auf ein paar unsichere Ecken in der Stadt durch die Arbeit beim WEISSEN RING verändert habe. Sie sei vorsichtiger geworden, ohne Angst zu haben.

Wie sind Sie 2017 auf den WEISSEN RING gekommen?

Durch einen Vortrag des Opferanwalts und heutigen Landesvorsitzenden des WEISSEN RINGS in Niedersachsen, Steffen Hörning. Ich habe damals ein Praktikum im Gericht gemacht und er hat dort erzählt, was der WEISSE RING macht. Mein erster Gedanke war: Das ist eine sinnstiftende Aufgabe, die mich durch das Jura-Studium tragen könnte. Später habe ich Steffen Hörning als Nebenkläger zu Prozessen begleitet. Ab da war klar, dass ich das auch machen wollte.

Sie sind 2020 Jugendbeauftragte geworden, haben die Jugendarbeit mit vorangetrieben. Der Spot #machdichstark kam gut an, läuft bundesweit in den Uni-Kinos.

Die Resonanz war einfach cool und der Spot funktioniert. Das war aber auch viel Arbeit: zwei Drehtage für 90 Sekunden Spot. Mich freut aber vor allen Dingen, dass wir  etwas bewirken. Wir tun das nicht, um ein Video zu machen. Viel wichtiger ist doch, dass der WEISSE RING zukunftssicher ist. Unsere QR-Codes, die auf  Toilettenwänden in Bars, bei Ärzten, in Fitnessstudios kleben, funktionieren auch. Das sehen wir an den Besucherzahlen auf unserer Internetseite. Den Dampf konnten wir reinbringen, weil man uns gelassen hat. Inzwischen wollen sehr viele junge Menschen bei uns mitarbeiten. Als ich anfing, war die einzige andere junge Person im  Team die damalige Jugendbeauftragte. Wir haben den WEISSEN RING in Uni-Vorlesungen vorgestellt, Kugelschreiber in die Ersti-Tüten gepackt, Plakate aufgehängt. Es freut mich, dass sich die Arbeit auszahlt, die wir da reinstecken. Da braucht es Leute, die Gas geben. Aber: Ohne die Erfahrung und Expertise der langjährigen Mitarbeitenden geht das nicht. Gemeinsam ist es leichter. Wir profitieren voneinander.

Am Schwarzen Brett auf dem Zentral-Campus der Uni Göttingen hängt ein Poster des WEISSEN RINGS. Lena Weilbacher geht zielstrebig in einen Hörsaal, greift ums Eck und knipst das Licht an. An der Wand hängt ein Schild: „BITTE NICHT RAUCHEN“. Hier hat sie als Dozentin Studierenden Grundlagen des Strafrechts vermittelt. Für  ihren Kurs erhielt sie im Wintersemester 2022/23 den Fakultätspreis für die beste Leiterin eines Begleitkollegs. Eine Studierende schrieb: „Einfach super, hat mir mega die Angst vor dem Fach genommen.“

Sie vertreten den WEISSEN RING auch öffentlich, bei Podiumsdiskussionen oder in Landtagsausschüssen. Fallen Ihnen solche Auftritte leicht?

Ich bin immer nervös. Aber es ist wichtig, dass wir in Kuratorien, Gremien und Ausschüssen sitzen, unbequem sind und auch mal Stunk machen. Ich saß mit der niedersächsischen Justizministerin zusammen auf einem Podium. Tenor: Es muss mehr Therapieplätze für Täter geben. Da habe ich gesagt, ja klar, das ist sehr wichtig  und Opferarbeit fängt auch beim Täter an. Aber erklären Sie doch mal einem Opfer, das Ihnen gegenübersitzt, warum der Täter jetzt einen Therapieplatz bekommt und  das Opfer ein Jahr warten muss. Wegen dieser Perspektive ist der WEISSE RING so wichtig.

Lena Weilbacher wird mit vielen Schicksalsschlägen konfrontiert. Ihr helfen Gespräche mit ihrem Partner dabei, sie zu verarbeiten.

Sie beraten auch Opfer. Gibt es Fälle, die besonders herausfordernd sind?

Ich bin 2017 nach dem Grundseminar direkt in die Opferarbeit eingestiegen. Besonders herausfordernd ist es, wenn junge Frauen betroffen sind, die einen ähnlichen  Werdegang oder ein ähnliches Alter haben. Ich habe da einen Fall im Kopf, da ist ein junger Mann in Göttingen getötet worden. Ich habe damals die Lebensgefährtin  begleitet. Oder der Fall des sechs Wochen alten Babys im Kinderwagen, das von einem betrunkenen Autofahrer, der auch noch vom Handy abgelenkt wurde, erfasst und  getötet wurde. Da sitzt eine Mama vor dir und ihr Baby ist tot. In solchen Fällen bin ich heilfroh, dass ich einen verständnisvollen Partner habe, mit dem ich mich  austauschen kann, weil er Berufsfeuerwehrmann ist und Rettungsdienst fährt. Wir haben da einen Safe Space für uns, wo wir solche Schicksale – natürlich anonymisiert – besprechen. Das hilft mir sehr.

„Jetzt bin ich hier und versuche, anderen Menschen Mut zu machen und zu helfen.“

Lena Weilbacher
Was macht die Arbeit des WEISSEN RINGS für Sie aus?

Wir füllen eine Lücke, die der Staat lässt. Für mich ist es eigentlich unverständlich, dass Opferhilfe privat organisiert werden muss – ehrenamtlich und spendenfinanziert. Von Menschen, die sagen: wie ungerecht, wir müssen etwas tun. Die ihre Zeit und Ressourcen dafür geben, diese Lücke zu füllen. Wir sind die, die den Opfern den ersten  Halt geben und sie aus dem Gefühl der absoluten Macht- und Hilflosigkeit herausnehmen und sagen: Hey, ich weiß, es fühlt sich so an – aber ganz allein bist du da nicht.  Im Zweifel begleiten wir diese Menschen über Jahre.

Wie hat sich Kriminalität verändert – und was bedeutet das für die Zukunft des Opferschutzes?

Ich bin vermutlich die letzte Generation, die erst mit 18 ein Smartphone bekommen hat. Wenn ich sehe, was in Klassenchats bei Grundschülern los ist, macht mir das  Sorgen. Stalking ist bei uns ein Dauerbrenner, massiv über Social Media. Mit KI-Geschichten wie Deepfakes kommen Dinge auf uns zu, darauf sind wir noch gar nicht  vorbereitet. Es ist wichtig, dass Opferberaterinnen und Opferberater zu digitaler Gewalt geschult sind. Da müssen wir am Ball bleiben, ohne die anderen Themen aus dem  Blick zu verlieren. Kriminalität verändert sich und wir müssen uns mitverändern, sonst gibt es uns irgendwann nicht mehr und die Opfer stehen allein da.

Auf der Wallpromenade, einem beliebten Spazierweg rund um die Innenstadt, erzählt Lena Weilbacher, dass sie gern Punkrock hört, Bands wie Blink-182, und dass sie  regelmäßig zum Krafttraining ins Fitnessstudio geht. Beides sei ein guter Ausgleich für die Opferarbeit. Sie liest gern Thriller, am liebsten die von Simon Beckett.  Vielleicht, ergänzt sie, entwickle man sich im Leben immer zu der Person, die man in schwierigen Momenten selbst gebraucht hätte: „Jetzt bin ich hier und versuche,  anderen Menschen Mut zu machen und zu helfen.“

Der Gestalter

Erstellt am: Mittwoch, 10. Dezember 2025 von Selina

Der Gestalter

Vorträge an Unis, Podcasts mit Influencern, der WEISSE RING auf Bierdeckeln: Marvin Brandes weiß, wie man junge Menschen für Opferschutz interessiert.

Marvin Brandes ist Jugendbeauftragter in Hamburg, aktiv bei den Jungen Mitarbeitenden auf Bundesebene und Host des neuen WR-Podcasts.

November in Hamburg, die Luft ist kalt, der Himmel grau. Kurz vor Beginn der Adventszeit scheint fast alle Farbe aus der Hansestadt gewichen zu sein, und wer an diesen Tagen an der Binnenalster spaziert, tut dies meist dick eingepackt, zum Schutz vor den Temperaturen des Herbstes im Norden. Doch die dunkle Tristesse hat auch gute  Seiten, sie lässt einige Inseln des Lichts besonders hell leuchten. Marvin Leon Brandes arbeitet auf einer dieser Inseln, am Rathausmarkt. Mit Blick auf den gerade im  Aufbau befindlichen Weihnachtsmarkt eröffnet sich eine Welt, in der der Herbstblues keine Chance hat: Lampen und Leuchten in allen Formen und Farben, manche klein und zurückhaltend, andere groß und extravagant wie moderne Skulpturen. Und in ihrer Mitte: ein junger Mann mit kurzen Haaren und strahlenden Augen. Licht ins Leben  anderer Menschen zu bringen, ist sein Beruf – und in gewisser Weise haben ihn die Lampen zum WEISSEN RING gebracht.

Eine Begegnung mit Folgen

Im Jahr 2015 ist Marvin Brandes gerade auf dem Weg zur Möbelfachschule in Köln, als er im Zug einen Mann aus Rheinland-Pfalz trifft. Es ist Dr. Steffen Schemmann,  ein zu diesem Zeitpunkt ehrenamtlicher Mitarbeiter des WEISSEN RINGS in Bad Kreuznach. Die beiden kommen ins Gespräch, Schemmann erzählt ihm von  Deutschlands größter Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer. Der Verein und seine professionelle Struktur wecken sofort Brandes‘ Interesse. „So bin ich zum WEISSEN  RING gekommen. Kaltakquise sozusagen“, erinnert er sich und lacht. Jetzt ist er schon mehr als zehn Jahre dabei und will sich unbedingt nochmal bei Schemmann „für dieses tolle Gespräch und diese Inspiration“ bedanken.

2017 ist Brandes nach Hamburg gezogen, dort kam er mit der Jungen Gruppe des Vereins in Kontakt. „Die Junge Gruppe hier in Hamburg ist so gut vernetzt und versteht  sich so gut, dass da auch Freundschaften daraus entstanden sind“, sagt Brandes.

Lea Gärtner / Foto: Selina Stiegler

Die Visionärin

Noch gehört Lea Gärtner mit ihren 34 Jahren zu den Jungen Mitarbeitenden des WEISSEN RINGS, ist aber schon seit mehr als zehn Jahren im Verein aktiv und mittlerweile stellvertretende Landesvorsitzende in Hessen. Gärtner hat in der Zeit viel bewegt.

Ein starkes Team

Seit 2021 ist er Jugendbeauftragter in der Hansestadt. „Ich mache das zusammen mit Inna Avdeeva und bin froh, dass wir das gemeinsam tun.“ Avdeeva und Brandes  verbindet nicht nur das Amt: „Wir wohnen im selben Stadtteil. Wir sind beide seit zehn Jahren beim WEISSEN RING. Wir haben beide am selben Tag Geburtstag. Wir  haben wirklich viele Überschneidungen und ich glaube, wir ergänzen uns ganz gut.“

Damit der Verein sichtbar ist, planen die Jungen Mitarbeitenden öffentlichkeitswirksame Aktionen. „Wir sind in Hamburg bekannt für unsere sportliche Aktivität und  nehmen mindestens an zwei, drei Läufen im Jahr teil. Wir sind an Universitäten, um den Verein vorzustellen, verteilen im Uni-Kino Goodie-Bags von uns und WEISSER-RING-Bierdeckel in Bars.“

Ein besonderer Podcast

Auf Bundesebene ist er ebenfalls bei den Jungen Mitarbeitenden aktiv. Ein Projekt der Gruppe ist der Podcast „LautStark. (K)ein True-Crime-Podcast“. Das Ziel ist klar:  „Wir wollen Betroffenen eine Stimme geben, deshalb auch der Name. Bei uns steht nicht die Tat im Mittelpunkt, sondern die betroffene Person und wie es danach für sie  weiterging“, so der Ehrenamtler.

Mit Lijana Kaggwa haben sie über das Thema Cybermobbing gesprochen. Die junge Frau war Finalistin bei „Germany’s Next Topmodel“, ist aus der Sendung ausgestiegen und wurde Opfer von Hass, Hetze und Morddrohungen. Außerdem dabei sind unter anderem Model Victoria Jancke, die vergewaltigt worden ist, sowie Philipp Pommer  und Lena Jensen. Die Content Creatoren haben eine große Reichweite auf Social Media und sprechen offen über das Thema Kindesmissbrauch. Beide wurden in ihrer  Jugend selbst Missbrauchsopfer. Mit Prominenten zu sprechen, sei zunächst aufregend gewesen. „Aber das legt sich eigentlich schnell, letztendlich ist das ein Mensch wie jeder andere auch“, so Brandes.

Um den Podcast zu realisieren, haben die jungen Ehrenamtlichen eine AG gegründet. Drei bis fünf Teammitglieder kümmern sich um die Recherche, stellen Anfragen und bereiten Fragenkataloge vor. „Inna und ich haben die Moderation übernommen, weil wir beide ganz gut harmonieren. Zu zweit fühlt man sich auch sicherer und kann sich die Bälle hin und her spielen.“ Auch gelegentliche Schmunzler baut Brandes ein, trotz – oder gerade wegen – des schweren Themas. Nach den jeweiligen Aufnahmen kümmern sich zwei Ehrenamtliche um den Schnitt, in Absprache mit Christian Ahlers, der den Podcast von hauptamtlicher Seite begleitet.

„Bei uns steht nicht die Tat im Mittelpunkt, sondern die betroffene Person und wie es danach weiterging“

Marvin Brandes

„Wir sind da aktuell sehr kosteneffizient unterwegs mit dem Podcast und dadurch, dass Inna und ich hier in Hamburg sind, haben wir keine Anfahrtskosten, können  vieles vor Ort regeln und nutzen unsere Kontakte, zum Beispiel für kostenfreie Studioaufnahmen.“ Als Nächstes soll der Podcast ein Logo und ein Cover bekommen. Für die  Webseite haben die Jungen Mitarbeitenden erste Ideen beim Dialogforum in Göttingen gesammelt. „Das ist ein richtiges Team-Projekt von den Jungen Mitarbeitenden mit Unterstützung aus dem Hauptamt“, freut sich Brandes.

Dahin gehen, wo die Jungen sind

Wer Brandes zuhört, merkt, dass er sich fürs Helfen begeistern kann und Freude am Gespräch mit Menschen mitbringt. Es ist ihm wichtig, seine Erfahrungen zu teilen  und Tipps zu geben, wie man die junge Zielgruppe erreichen kann: „Es ist nach wie vor das persönliche Vorstellen an Unis oder Schulen. Auch mehr mit Influencern  zusammenzuarbeiten, kann ich mir vorstellen.“ Und das, obwohl er selbst kaum soziale Medien nutze. Brandes ist sicher, dass das Engagement beim WEISSEN RING  besonders jungen Ehrenamtlichen etwas zurückgeben kann. „Die Hilfe, die wir geben, ist groß, auch wenn es vielleicht nicht immer materielle Hilfe ist. Das wird mir oft  von den Betroffenen gespiegelt. Das Zwischenmenschliche, das Zuhören, die Gespräche – einfach ein Gefühl der Sicherheit geben: ‚Du bist nicht allein, wir sind da.‘ Das  ist unsere größte Stärke, und das ist sicherlich auch für Neue attraktiv.“

Deutsches Rotes Kreuz übergibt Spendengeld an WEISSEN RING

Erstellt am: Mittwoch, 1. Oktober 2025 von Sabine

„Ich kann Betroffene nur ermutigen: Melden Sie sich bei der Außenstelle Magdeburg, wenn Sie Hilfe brauchen. Der WEISSE RING ist an ihrer Seite.“

Datum: 01.10.2025

Deutsches Rotes Kreuz übergibt Spendengeld an WEISSEN RING

Mit einer symbolischen Übergabe von rund 156.000 Euro an den WEISSEN RING Sachsen-Anhalt schließt das Deutsche Rote Kreuz (DRK) Sachsen-Anhalt offiziell die landesweite Spendenaktion für die Opfer des Anschlags auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt ab.

Die Spendenübergabe fand am 1. Oktober 2025 in der Landesgeschäftsstelle des DRK Sachsen-Anhalt in Magdeburg statt. Dr. Carlhans Uhle, Landesgeschäftsführer des DRK Sachsen-Anhalt, übergab dabei symbolisch die Spendengelder an Kerstin Godenrath, Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS in Sachsen-Anhalt.

„Für uns beim DRK war es Ausdruck unserer Haltung, in einer solchen Ausnahmesituation wie dem Anschlag sofort zu handeln – schnell, pragmatisch und dort, wo die Not am größten war. Das gilt nicht nur für den Einsatz unserer Rettungskräfte am Abend des Anschlags, sondern auch für die Verantwortung, die wir bei der Verwaltung und zügigen Auszahlung der Spendengelder an die direkt Betroffenen übernommen haben“, so Dr. Carlhans Uhle.

Nach der Bearbeitung aller eingegangenen Anträge und der Auszahlung der Spendengelder an die Betroffenen übergab das DRK Sachsen-Anhalt nun den verbleibenden Betrag in Höhe von etwa 156.000 Euro an den WEISSEN RING.

„Mit der heutigen Übergabe der verbleibenden Mittel an den WEISSEN RING setzen wir ein bewusstes Zeichen: Hilfe hört nicht mit dem letzten Spendeneingang auf. Nachhaltige Hilfe braucht einen langen Atem – und verlässliche Partner, die diesen Weg konsequent weitergehen“, ergänzt Dr. Uhle.

Die Spendengelder dienen der Kostendeckung bereits angefallener und vorfinanzierter Hilfsleistungen im Rahmen der Arbeit des WEISSEN RINGS.

Kerstin Godenrath, Landesvorsitzende des WEISSEN RINGS Sachsen-Anhalt, dankte dem DRK und unterstrich, wie wichtig die Unterstützung durch Spenden ist. „Für die Betroffenen des grausamen Anschlags konnte der WEISSE RING bislang eine Gesamtsumme an Opferhilfen in Höhe von mehr als 480.000 EUR leisten“, sagt Godenrath. Dazu zählen Soforthilfen und Beratungsschecks für anwaltliche oder psychotraumatologische Erstberatung. Außerdem hat der Verein tatbedingte Bedarfe wie erhöhte Fahrtkosten, Mehrausgaben für die Ausstattung bei Reha- und Krankenhausaufenthalten sowie Mehrausgaben zur Überbrückung bei Einkommensausfall unterstützt. „Wichtig ist hier zu sagen, dass wir über keinen starren Leistungskatalog verfügen, sondern bedarfsgerechte Hilfen im Einzelfall prüfen und so auf die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen eingehen können“, erklärte die Landesvorsitzende und betonte: „Das alles ist nur möglich, weil so viele Menschen bereit sind, unsere Arbeit für die Opfer finanziell zu unterstützen.“

Der WEISSE RING hat bislang 475 Opfer betreut. Dazu zählen auch anonyme Fälle, die den Verein über das Opfer-Telefon erreichten. „Viele Betroffene werden auch heute noch von uns betreut. Es gibt beispielsweise Menschen, die noch krankgeschrieben sind oder denen noch Operationen bevorstehen. Auch rund um den Prozessbeginn gegen den mutmaßlichen Täter und zum Jahrestag erwarten wir großen Zulauf. Und ich kann Betroffene nur ermutigen: Melden Sie sich bei der Außenstelle Magdeburg, wenn Sie Hilfe brauchen. Der WEISSE RING ist an ihrer Seite“, sagt Kerstin Godenrath.

Die Kontaktdaten der Außenstelle Magdeburg: Telefon 0175/6528447, E-Mail: magdeburg@mail.weisser-ring.de

Wer die Arbeit des WEISSEN RINGS unterstützen möchte, kann hier spenden: https://spenden.weisser-ring.de/

 

Hintergrund
Nach dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt am 20. Dezember 2024 wurde ein Spendenkonto zur Unterstützung für Betroffene und Angehörige unter Federführung des DRK Sachsen-Anhalt eingerichtet. Die Spendenaktion wurde direkt nach dem Anschlag ins Leben gerufen. Die Initiative dazu kam von der Landesregierung Sachsen-Anhalt.

Auf dem Spendenkonto gingen bis zum Ende der Spendenaktion am 31. Mai 2025 in insgesamt gut 14.400 Einzelspenden mehr als 1,5 Millionen Euro ein. Neben zahlreichen Einzelpersonen beteiligten sich Unternehmen, Vereine und zivilgesellschaftliche Initiativen aus ganz Deutschland. Die eingegangenen Mittel wurden unmittelbar den direkt Betroffenen sowie deren Angehörigen ausgezahlt.

Das gespendete Geld wurde nach einem transparenten Verfahren in enger Abstimmung mit der Landeshauptstadt Magdeburg verteilt. Insgesamt 1068 Auszahlungen an Betroffene wurden vorgenommen.

Der exakte Betrag der Spendensumme an den WEISSEN RING beträgt 156.406,25 Euro.

Es braucht Vielfalt in der Opferhilfe

Erstellt am: Montag, 29. September 2025 von Sabine

Es braucht Vielfalt in der Opferhilfe

Paulina Haug unterstützt den WEISSEN RING seit 2022 als Opferberaterin in Konstanz

Paulina Haug

Paulina Haug engagiert sich seit 2022 ehrenamtlich beim WEISSEN RING. Sie begleitet Opfer zu Vernehmungen und Gerichtsterminen. Als Landesjugendbeauftragte organisiert sie Treffen und Projekte der Jungen Gruppe in Baden- Württemberg. Ein besonderer Schwerpunkt liegt hierbei auf den Bereichen Aufklärung und Prävention.

Wie bist Du zum WEISSEN RING gekommen?

Mein Interesse an der Arbeit des Vereins entstand mit dem Beginn meines Jurastudiums. Ich habe schnell festgestellt, dass es im Rahmen der Strafverfolgung hauptsächlich um den Täter geht. Das Opfer bleibt meistens sich selbst überlassen. Es ist nicht einfach, sich mit den ganzen Rechtsnormen und dem Ablauf eines Strafverfahrens zu beschäftigen. Aber genau das ist es, was von Opfern erwartet wird, wenn sie ihre Rechte geltend machen wollen. Ich empfand diesen Zustand als ungerecht und wollte etwas dagegen unternehmen. So bin ich auf den WEISSEN RING gestoßen. Seit Frühjahr 2022 unterstütze ich als Opferberaterin die Außenstelle Konstanz. Außerdem bin ich aktuell eine der Landesjugendbeauftragten in Baden-Württemberg.

Warum ist der Verein auch für junge Menschen interessant?

Er gibt ihnen die Chance, sich in einem etablierten, bundesweit vernetzten Hilfssystem zu engagieren. Man wird nicht nur als Opferhelferin gebraucht, sondern kann auch eigene Perspektiven in die Präventions- oder Öffentlichkeitsarbeit einbringen. Der Verein bietet eine strukturierte Ausbildung, professionelle Begleitung und echte Wertschätzung für das Engagement. Es ist wichtig, dass sich auch junge Menschen beteiligen, weil Vielfalt bei der Opferhilfe essenziell ist. Insbesondere jüngere Opfer fühlen sich eher verstanden, wenn sie auf junge Mitarbeitende treffen.

Gibt es Fälle, die Dich besonders beschäftigt haben?

Ja, meistens sind das Fälle, die eine gewisse Nähe zu meinem eigenen Leben haben, beispielsweise wenn ich Studentinnen berate.

Wie würdest Du Deine Arbeit beim WEISSEN RING in drei Worten beschreiben?

Erfüllend, herausfordernd, nah am Menschen.

Was würdest Du Dir für Kriminalitätsopfer wünschen? Was muss sich aus Deiner Sicht verbessern?

Ich wünsche mir für Kriminalitätsopfer vor allem, dass sie gesehen, gehört und ernst genommen werden, ohne Schuldgefühle und ohne Scham. Sie sollen wissen, dass sie Halt in der Gesellschaft erfahren, nicht allein sind. Ich sehe hier vor allem bei Gerichtsverfahren Verbesserungsbedarf. Sie müssen opfergerechter werden. Außerdem sehe ich im digitalen Raum Nachholbedarf. Cybermobbing, digitale sexualisierte Gewalt und Hasskriminalität betreffen besonders junge Menschen, doch es fehlen oft spezialisierte Anlaufstellen.

Der kühle Kopf

Erstellt am: Montag, 29. September 2025 von Sabine

Der kühle Kopf

Als Fachanwalt für Strafrecht ist Hagen Karisch Opferanwalt, aber er vertritt auch Mörder und Betrüger. Diese gegensätzlichen Perspektiven helfen ihm bei seiner Arbeit für den WEISSEN RING.

Hagen Karisch - Der kühle Kopf

Hagen Karisch in Grimma. Der Familienvater wechselt zwischen Strafverteidiger und Opferbetreuer hin und her.

Für das Interview ist Hagen Karisch schnell aus Leipzig nach Grimma gekommen. Die 40 Kilometer lange Strecke schafft er in 30 Minuten. Nach dem Interview fährt er nach Leipzig zurück, denn dort hat er seine Anwaltskanzlei, die im Zentrum unweit vom Landgericht und der Staatsanwaltschaft liegt. Aber auch in Grimma hatte er Verhandlungen am Amtsgericht. Seit einiger Zeit befindet sich hier eine weitere Niederlassung seiner Kanzlei. Außerdem ist er seit Juli der neue Außenstellenleiter des WEISSEN RINGS im Landkreis Leipzig mit Grimma als bevölkerungsreichster Stadt.

Die Altstadt von Grimma ist sehr schön, sagt Karisch. Auf seinem Weg ins Büro kommt er immer am Marktplatz vorbei. „Nur abends ist hier tote Hose.“ Das ist in Leipzig natürlich anders. Dort hat er viele spektakuläre Fälle verhandelt, über die sogar verschiedene Medien berichtet haben. Er selbst kann sich nicht mehr an alle Details erinnern. In den 32 Jahren als Anwalt hat er einfach zu viele Fälle betreut.

Einen kühlen Kopf bewahren

Einer dieser spektakulären Fälle war der Messerangriff von Chemnitz im August 2018, bei dem ein 35-Jähriger getötet und zwei Menschen schwer verletzt wurden. Karisch vertrat eines der Opfer, das lebensbedrohliche Stichwunden erlitt. Einer der Täter, ein Syrer, wurde zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Der andere mutmaßliche Täter aus dem Irak ist weiter auf freiem Fuß und wird mit Haftbefehl gesucht. Der Fall sorgte auch deshalb lange für Aufsehen, weil es gewalttätige Demonstrationen von rechten Gruppen in der Stadt gab.

Als Opferanwalt musste Karisch trotz der explosiven Stimmung einen kühlen Kopf bewahren. Ihm ging es um die Aufklärung eines Verbrechens und nicht um Politik. Das Opfer, sein Mandant, sollte nicht beeinflusst oder instrumentalisiert werden.

Aus seiner langjährigen Erfahrung weiß er, dass die Opfer zu wenig repräsentiert sind und oft zu kurz kommen – für ihn ein Grund, sich neben seiner Arbeit beim WEISSEN RING zu engagieren. Auch in dem Chemnitzer Fall wurden die Aussagen des Opfers vor Gericht angezweifelt, was dem Betroffenen psychisch schwer zu schaffen machte.

Den Wunsch, Jura zu studieren, hatte Hagen Karisch bereits mit 18 Jahren, nach einem Praktikum am Bautzener Gericht. Danach stand für ihn fest, dass er mit diesem Beruf Menschen helfen kann und will.

„Ich kenne alle Seiten, und das hilft mir bei meiner Arbeit für den WEISSEN RING ungemein.“

Hagen Karisch

Von 1986 bis 1990 studierte er Rechtswissenschaft in Jena. Direkt nach der Wende gehörte er zu den ersten Studenten der ehemaligen DDR, die nach Bamberg gingen, wo die Sächsische Justiz sie neu ausbilden ließ. Dort machte er sein zweites Staatsexamen und blieb. „Das war eine tolle Zeit“, erinnert er sich, „ich bin mit dem Flugzeug ständig deutschlandweit unterwegs gewesen und hatte spannende Fälle.“

Auf seiner Kanzlei-Website sieht man einen Geigenspieler in einem Orchester. Darauf angesprochen, ob er selbst das Instrument spielt, sagt er lächelnd: „Nein, aber ich spiele die erste Geige.“ Im Jahr 1995 wird er von einer Leipziger Kanzlei abgeworben. „In Leipzig gab es zu der Zeit nur eine Handvoll Anwälte, die sich im Strafrecht auskannten“, sagt er. Durch seine Arbeit als Anwalt im Strafrecht kennt er den WEISSEN RING schon lange. Seit 2012 ist der 60-Jährige als Einzelanwalt selbstständig. So hat er auch schon einen Frauenmörder oder einen älteren Mann verteidigt, der zur Beihilfe wegen Drogenhandels verurteilt wurde und den die Presse „Drogen-Opa“ nannte. „Ich kenne alle Seiten, und das hilft mir bei meiner Arbeit für den WEISSEN RING ungemein“, sagt Karisch. Denn die meisten Fragen der Opfer beziehen sich auf das Strafverfahren, die Ermittlungsarbeit und die Opferrechte.

Im Oktober 2023 kam er als ehrenamtlicher Mitarbeiter zum Opferschutzverein. Nicht einmal zwei Jahre später ist Karisch Außenstellenleiter. Neben der umfangreichen Betreuung der Opfer sieht er seine Hauptaufgabe auch darin, den WEISSEN RING im Landkreis bekannter zu machen. Und dafür braucht es mehr Ehrenamtliche, denn im Moment ist er allein. „Interessenten können sich gern bei mir über die Website vom WEISSEN RING melden“, sagt er.

Ideen und Pläne für die Zukunft hat er: zum Beispiel eine Sprechstunde im Rathaus zweimal im Monat, Präventionskurse an Schulen zu Gefahren wie K.-o.-Tropfen oder in Altenheimen zum Thema Schock-Anrufe.

Bisher hat er etwa 20 Opferfälle betreut. Meist melden sich Frauen, die Opfer von Sexualstraftaten, Raub, Stalking oder Körperverletzung wurden. Manchmal geht es darum, Menschen wieder aufzurichten und ihnen Lebensmut zu geben, ein anderes Mal muss er mit Wut umgehen. „Ich glaube aber, dass ich das gut kann“, sagt Karisch, „ich mag es, Menschen zu führen und zu beraten.“

Aktuell betreut er ein vierjähriges Mädchen, das von seinem Vater sexuell missbraucht wurde. Die Mutter hatte sich Hilfe suchend im Landesbüro gemeldet und wurde an ihn vermittelt. „Ihre Tochter habe ihr erzählt, dass der Papa sie angefasst hätte“, erzählt Karisch. „Bei sexuellem Missbrauch geht es dann schnell darum, dass der Vater kein Umgangsrecht mehr hat, und schon sind wir im rechtlichen Bereich.“

Das vierjährige Mädchen, wurde von der Polizei vernommen. Es wurde eine Videovernehmung gemacht, damit das Kind nur einmal aussagen muss. Seine Arbeit geht jetzt über die für den WEISSEN RING hinaus, denn Karisch vertritt das Mädchen auch im Strafverfahren.

Er selbst hat eine 20-jährige Tochter, die Medizin in Magdeburg studiert. Seine Arbeit als Anwalt im Strafrecht hat ihn geprägt. „Ich weiß einfach, was alles passieren kann, und ich habe meiner Tochter zum Teil brutale Wahrheiten erzählt.“ Trotzdem kann ihn kein Opferfall so leicht aus der Ruhe bringen.

Die Visionärin

Erstellt am: Donnerstag, 25. September 2025 von Sabine

Die Visionärin

Noch gehört Lea Gärtner mit ihren 34 Jahren zu den Jungen Mitarbeitenden des WEISSEN RINGS, ist aber schon seit mehr als zehn Jahren im Verein aktiv und mittlerweile stellvertretende Landesvorsitzende in Hessen. Gärtner hat in der Zeit viel bewegt.

Lea Gärtner / Foto: Selina Stiegler

Lea Gärtner (34) in ihrem Haus in Offenbach. In ihrer Freizeit liest sie gerne, um mit den Gedanken in eine andere Welt zu tauchen.

Es ist einer dieser wechselhaften Sommertage. Noch scheint die Sonne durch die großen Fenster von Lea Gärtners Haus in Offenbach, bald werden jedoch dunkle Wolken aufziehen. Die Temperatur wird
drastisch fallen und literweise Wasser vom Himmel stürzen. Das strahlende Lächeln von Gärtner hingegen wird nicht verschwinden. Sie ist eine fröhliche Person.

Ihr erster Berufswunsch war Springreiterin. „Wie jedes Mädchen, das reitet“, sagt Lea Gärtner und lacht. Bei diesem Berufswunsch blieb es nicht, es kamen weitere hinzu: Ärztin, Anwältin … Heute hat die 34-Jährige einen Doktor in Politikwissenschaft und arbeitet im Bereich generative künstliche Intelligenz (KI). Dass sie einen eher wissenschaftlichen und technischen Weg einschlagen würde, war jedoch zunächst nicht zu erkennen.

„Als ich 14 Jahre alt war, fing ich an, in der Kanzlei meines Nachbarn zu jobben. Später, als es nicht mehr unseriös war, durfte ich sogar ans Telefon gehen“, sagt Gärtner. Lange ging sie diesen Weg weiter, wollte Anwältin werden, im ersten Jura-Semester kam dann aber die Erkenntnis: Es langweilte sie. Also studierte die Offenbacherin Politikwissenschaften.

Unergiebig war die Zeit in der Juristerei aber nicht, da sie dadurch zum WEISSEN RING kam. „Die Kanzlei war auf Familienrecht spezialisiert und da wird es schnell hässlich: Scheidung, Vorwürfe der häuslichen Gewalt und Sorgerechtsstreit. Rechtsanwälte können in ihrem Gebiet helfen, aber Betroffene haben viele Baustellen und da braucht es ebenfalls Leute, die helfen“, sagt Gärtner. Es gab nicht den einen Fall, dessentwegen sie beschloss, zum WEISSEN RING zu gehen. Es war die Masse an Fällen, bei denen sie sich dachte: „Es muss doch was passieren.“

Unvergessliche Fälle

Angefangen hat sie in der Opferbetreuung. Aus dieser Zeit sind ihr vor allem zwei Fälle in Erinnerung geblieben. „Es war zur Weihnachtszeit, wir waren knapp besetzt. Da kam eine Frau auf uns zu, die in der Vergangenheit sexualisierte Gewalt durch ihren Expartner erlebt hatte“, erzählt Gärtner. Nachdem Jahre vergangen waren, stand er wieder in ihrem Treppenhaus. Nicht weil er sie verfolgte, sondern weil er in die Wohnung über ihr zog. „Er konnte sich an die Tat nicht erinnern, es war wohl Alkohol im Spiel. Es gab kein Verfahren und wir hatten nichts gegen ihn in der Hand“, so Gärtner. Sie kontaktieren die Hausverwaltung. „Am Ende zog er nach einem Gespräch mit der Polizei freiwillig aus – das bestärkte mich darin, dass er wirklich nicht wusste, dass das, was er getan hat, sexualisierte
Gewalt war“, sagt Gärtner. Sie selbst habe es sehr ermutigt zu sehen, wie die Betroffene sich in der Zeit entwickelte, Erleichterung verspürte und ihr Leben weiterlebte.

Weniger glücklich denkt Gärtner an den zweiten Fall zurück. Es ging um sexualisierte Gewalt durch einen Zwölfjährigen an seiner fünfjährigen Schwester. Sie erlebte eine enorme Belastung zwischen dem Leid des Opfers, der Verzweiflung der Mutter und ihrer eigenen Hilflosigkeit. Die pragmatische Haltung des Kollegen half kurzfristig. „Ich konnte kurz durchatmen, und wir konnten auf der Sachebene helfen, aber nicht mehr tun. Da wird es niemals ein Happy End geben“, erinnert sich Gärtner, noch heute sichtlich berührt. Trotz Supervision und Gesprächen im Team betreute sie danach keine Fälle mehr, bei denen Kinder die Opfer waren.

„Für uns Junge Mitarbeitende ist das eine Herzensangelegenheit und ein superwichtiges Thema“

Lea Gärtner

Lea Gärtner ist nach mehr als zehn Jahren nicht mehr aus dem Verein wegzudenken. Sie engagiert sich in der Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit. Sie hält Vorträge an Schulen, gibt Medien Interviews und beteiligt sich auch an Social-Media-Formaten wie Instagram-Reels. Mittlerweile ist sie stellvertretende Landesvorsitzende in Hessen. In dieser Funktion bildet sie neue ehrenamtliche Mitarbeitende aus, außerdem ist sie Jugendbeauftragte und betreut die Jungen Mitarbeitenden.

Auch trifft man sie an Infoständen auf großen Veranstaltungen wie dem Christopher Street Day (CSD). Die jährlich stattfindende Demonstration kämpft für die Rechte von Homosexuellen, trans Personen
und queeren Menschen. „Für uns Junge Mitarbeitende ist das eine Herzensangelegenheit und ein superwichtiges Thema“, sagt Gärtner. Der WEISSE RING schreibe sich auf die Fahne, Opfern von Straftaten zu helfen, unabhängig von Religion, Hautfarbe, Geschlecht oder Orientierung. „Dadurch gehört für mich dazu, dass wir auf Menschen, die beispielsweise aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Opfer einer Straftat werden, anders eingehen“, sagt sie. Wird eine homosexuelle oder trans Person angegriffen, dann sei dies ein Angriff auf ihre Identität. „Der WEISSE RING sollte daher geschlechtergerechte Materialien anbieten, bei der Betreuung von Betroffenen auf die richtigen Pronomen achten, unabhängig von unserer persönlichen Meinung. Das ist unsere Aufgabe, und wer das nicht kann, sollte nicht helfen“, macht Lea Gärtner deutlich.

Ihre starken Meinungen und ihr damit einhergehendes Selbstbewusstsein kommen im Gespräch immer wieder durch. Sie muss nicht lange überlegen, um die richtigen Worte zu finden. Man merkt ihr an, wie viel Erfahrung sie im Opferschutz hat und wie lange sie den Werdegang des WEISSEN RINGS begleitet.

Kein Stehenbleiben

„Wir sollten uns als Verein weiterentwickeln, neue und junge Mitarbeitende gewinnen und dürfen nicht stehenbleiben“, fordert Gärtner. Sowohl auf politischer als auch auf technischer Ebene gelte es, eine Balance zu finden zwischen finanziellen Möglichkeiten und dem, was man Ehrenamtlichen an Veränderungen zumuten könne. „Das ist ein spannendes Feld, in dem sich viel bewegen wird“, sagt Gärtner. Ab 35 Jahren darf sie die Jungen Mitarbeitenden nicht mehr betreuen. „Was mich aber weiter im Verein halten wird, ist sowohl die inhaltliche Arbeit als auch die Möglichkeit, mich dort weiterzuentwickeln“, sagt Gärtner. So werde es nie langweilig. Sie blickt positiv in die Vereinszukunft, mit vielen neuen Mitarbeitern. Ihr Ziel: Neue Antworten auf alte Fragen zu finden, um Opfern weiterhin effektiv helfen zu können.